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Cloverfield

Für die Leute, die nur die erste Zeile lesen:
Ansehen. Im Kino. In der ersten Reihe. Und den Kinobetreiber bitten, die Lautstärke maximal aufzudrehen.
Nicht auf DVD sehen.

Für den Rest, die mehr lesen:
Leider haben wir die ersten Minuten des Films verpasst, weil das Mülheimer Cinemaxx es auch nach Jahren nicht schafft, auf akute Kundenschlangen mit einer spontannen Kassenöffnung zu reagieren. Ich möchte nicht wissen, wieviele Leute durch die extremen Schlangen entweder ganz das Kino verlassen oder zumindest auf Popcorn und Getränke verzichten, immerhin die Geldbringer jedes Kinos. Ich werde aus der Logik nicht schlau. Jedenfalls fehlt der Teil, der lapidar erklärt das folgende Material sei auf einem Videoband gefunden worden, dass man an dem früher als «Central Park» bezeichneten Ort gefunden habe. Danach geht es in Handheld-Wackelkamera-Optik weiter, zuerst durch einige rätselhafte Bilder eines frischverliebten Paares, das nach Coney Island fährt. Dann überschreibt jemand anscheinend das Band, um eine Abschiedsparty für Rob Hawkins zu drehen, der als stellvertretender Leiter für irgendeine Firma nach Japan wechselt. Sein bester Kumpel Hud versucht, mit der Kamera Statements von Freunden einzufangen und versucht zugleich, unbeholfen mit Marlena zu flirten. Beth, die Frau vom Anfang des Bandes, der einen Monat zuvor gedreht ist, taucht mit ihrem neuen Freund auf der Party auf und Rob wird etwas emo, weil er nicht nur in Beth verknallt ist, aber eben nach Japan geht und ihr deshalb seine Liebe nicht gestehen kann/will, sondern weil sich auch noch herausstellt, das Hud gerade fleissig das einzige Memento von Beth überspielt. So weit, so soap… bis plötzlich alle Lichter ausgehen und der Kopf der Freiheitsstatue wquer durch Manhattan geschleudert wird und auf der Straße vor Robs Wohnung landet. Danach ist schlagartig Ende mit Seifenoper und einer der besten Horrorfilme seit langem beginnt.

Der Clou hinter Cloverfield ist simpel: Regisseur Matt Reeves, Autor Drew Goddard und Producer JJ Abrams (die sich alle dank Alias, Lost und Mission Impossible III solide mit dem Adrenalin-Genre auskennen) nehmen den Plot eines klassischen 50s-Horror/SF-Films (die ganz nebenbei im Hintergrund auf TV-Schirmen laufen, passenderweise zum Beispiel The Beast from 20.000 Fathoms), ganz à  la Godzilla – Riesenmonster attackiert Großstadt, Militär greift ein, Endkampf – und verlagern dabei einzig und allein die Perspektive von der eines neutralen Betrachters zu einer viel beklemmenderen Position – der des betroffenen Opfers. Wo andere SF-Movies in perfekten Bildern schwelgen, immer von oben oder aus der Totale, wirkt Cloverfield durch schlechte, verwackelte, defekte Shots, die eine ungemeine Wucht und Paranoia auslösen. Der kleine Kunstgriff erweist sich als überraschend überzeugend. Nicht nur, weil wir durch ein cleveres Drehbuch sehr schnell und effektiv mit der Videocam unsere Protagonisten kennen- und liebenlernen, sondern vor allem, weil man wirklich ANGST bekommt. Die Illusion der Eyewitness-Kamera gelingt größtenteils perfekt und versetzt dich als Betrachter mitten ins Geschehen. Wir erfahren nur Bruchstücke der Story, aber diese Fragmentation wirkt nur umso bedrohlicher. Das Militär wirkt mindestens genauso beängstigend wie die Monster, wenn die Panzer durch die Menge rollen und Losschießen, wenn ohrenbetäubende Bombenteppiche über Manhatten niedergehen, fühlt man sich mitten im Kriegsgebiet gefangen.

Der Effekt ist erstaunlich: Über weite Strecken des Films hab ich in den Sessel gedrückt zugeschaut, bei Schockmomenten wirklich mitgefiebert oder zusammengezuckt. Ich bin in Sachen Horrorfilm nicht einfach zu kriegen, aber Reeves kriegt dich als Zuschauer mit einem grandiosen Mix aus cinematographischem Ansatz, ganz dichten Zugang zu den Charakteren und dem ohrenbetäubenden Sound des Films -der ansonsten abgesehen von Musikfragmenten auf der Party oder in Läden keinen Soundtrack bis zum Abspann hat (aber dann zeigt Michael Giacchino zusammen mit dem Bratislava Orchestra, was er kann. Roar!, der Abspannsoundtrack, klingt, als würde ein ganzer herkömmlicher Horrorfilm in 4 Minuten durchlaufen, atemberaubend.) Man fiebert absolut mit und hat nach dem nur 85 Minuten kurzen Film das Gefühl, eine doppelt so lange Achterbahnfahrt überstanden zu haben. Selbst die Atempausen in dem Film wirken furios.

Ganz klar ist: Cloverfield KANN auf DVD nicht wirken. Die Wackelkamera und der für die klaustrophobe Wirkung unendlich wichtige Sound brauchen die Größe und die Dunkelheit des Kinos, sonst wird man nicht eingesogen. Der Gag ist, dass Cloverfield TV-Optik ins Megalomanische überzeichnet. Das geht auf einem TV-Bildschirm verloren, das braucht die 20-Meter-Leinwand. Um die volle magenumdrehende Wirkung der Kamera zu spüren, sollte man so weit wie möglich vorne sitzen, eintauchen in das Bild und die großartige körperliche Erfahrung der Schütteloptik. Reality TV from Hell.
Dabei hat Cloverfield natürlich Fehler. es ist ein ganz normaler Actionfilm und der Plot ist entsprechend. Nicht nur die Basis – eine Art düsteres Unterseemonster vernichtet NYC, samt riesiger lausartiger Parasiten, die wie Aliens blutrünstig über die Menschen herfallen und deren Biss tödlich wirkt – ist eher (und ganz bewusst) dejá vu (Abrams hat keinen großen Hehl daraus gemacht, dass Godzilla Inspiration für den Film sei), sondern auch die Handlung an sich hat ihre logischen Mängel. Robs irgendwie ohne überzeugendes Motiv stattfindende Suche nach Beth und das etwas platt Heldenepos-artige Verhalten von Leuten, die nur einige Stunden zuvor noch flache Yupie-Partypeople waren, wirkt gerade im Kontext des Pseudo-Reality-Looks hoch unglaubwürdig. Echt gefilmte Leute sollten sich echter verhalten, möchte man meinen. Dass das Militär so schnell so präsent ist, gibt Rätsel auf (obwohl der Zeitablauf im Film nicht ganz klar ist, da es immer wieder Schnitte gibt). Dass Huds Kamera ein kleines Wunderwerk sein muss, vor allem akkutechnisch, da darf man nicht drüber nachdenken. Das Hud am Ende sozusagen persönlich dem Monster begegnet, bricht den Realitätsanspruch des Films über alle Maßen, wie auch die Tatsache, dass ausgerechnet die Kamera den Angriff überlebt. Hier wurde eher der Publikumswunsch, das Monster dann doch mal «richtig» sehen zu dürfen, berücksichtigt. Legitim, und auch verflucht angsteinjagend, aber irgendwie hätte ich auch drauf verzichten können. Wirklich ärgerlich ist das Ende, das wie ein Kompromiss mit dem Studio wirkt und eine Art Happy-End in der Apocalypse versucht und dabei etwas unlogisch und süßlich wird. Hier wäre eine Spur mehr Härte, ein Ende des Bandes vielleicht drei vier Minuten vor dem tatsächlichen Ende (bei der Szene direkt nach dem Helicopterabsturz) schöner gewesen. Das finale Ende, dass Beth und Rob nur einen Monat zuvor auf Coney Island zeigt (und als winziges Detail den Satelliten, der ins Wasser fällt und wahrscheinlich das Monster «aufweckt») ist dann aber wieder großartig. Nervig, wenn wir dabei sind, ist die Tatsache, dass selbst dieser Film verdächtiges Productplacement aufweist – es ist ein bisschen dicke mit Nokia-Werbung und auch ein Mountain-Dew Schriftzug ist einfach ZU perfekt im Bild ;-D.

Aber solche Details sind völlig egal angesichts der furiose Gewalt, mit der Reeves den ästhetischen Ansatz von Blair Witch und großes Weltuntergangskino fusioniert. Wo Blair Witch real Low-Budget war, ist Cloverfield ein Film mit sauberen Trickeffekten und CGI, der ganz offensichtlich nicht billig gemacht ist, sondern die Handycam-Ästhetik bewusst als Stilmittel nutzt, als Angstfaktor. The Apocalypse will be televised.

Dabei spielen Abrams und sein Team natürlich mit dem Look von Reality-TV, aber eben auch mit einer latenten Post-9/11-Angst. An einer Stelle des Films fragt eine Frau «Werden wir schon wieder von Terroristen angegriffen?» und genauso füht sich Cloverfield an: 9/11 hoch zehn. Die zusammenkrachenden Gebäude, die Staubwolken, die wild umherrennenden Menschen, die atemberaubend zusammenbrechende Brooklyn Bridge – all das erinnert frappierend an die Fernsehbilder vom 11. September 2001, die Grobkörnigkeit, die unprofessionellen verwackelten Bilder des Tages, an dem Amerika seine Unverletzlichkeit verlor. Wie jeder guter Horrorfilm spielt auch Cloverfield mit den sozialen Ängsten seiner Zeit. Bei den SF-Movies aus den Fünfzigern ist es das nukleare Armageddon von Nagasaaki und Hiroshima, die Angst vor dem Atom, die die guten alten B-Movies aufgriffen. Die meisten der Monster dieser Filme kamen durch nukleare Unfälle zustande. Cloverfield spielt mit der Angst vor dem Zusammenbrechen der Zivilisation. Nicht nur durch die Attacke selbst, sondern auch durch die Reaktion darauf. Die Reaktion des Militärs auf das Tiefsee-Monster wirkt ebenso bedrohlich, fast überzogen, mindestens ebenso zerstörerisch wie die ursprüngliche Attacke selbst. Das Kranken-Militärcamp im Kaufhaus hat eine bedrohliche, klaustrophobische Atmosphäre und man ist fast froh, als unsere Helden diesen Ort wieder verlassen.

Insofern ist Cloverfield ohne jedes Tamtam ein Old-Fashioned Monster-Movie, aber mit einem phantastischen stilistischen Dreh – der Youtube-Ästhetik- , der der ansonsten komplett ausgelutschten Grundidee einen neuen, dunklen, subversiven, harten Touch verleiht geht, die den Film unglaublich effektiv macht. In ungewöhnlicher Kürze und Brutalität drischt der Film auf das Publikum ein, ein unverschämt straighter, wirkungsvoller Actionreisser, der eben kein Popcorn isst. Weil du so schnell so tief in dem Film steckst, dass du es einfach vergisst.  Cloverfield ist kein Kunstkino, aber als Genrefilm unübertroffen wirksam und bei aller Blandness der Darsteller zugleich nicht wirklich dumm oder eindimensional, sondern ganz im Gegenteil subtil auch ein Statement zur Zeit. Einer der besten Oldschool-Horrorfilme seit Jahren und zugleich eine cineastische Innovation.

1. Februar 2008 17:43 Uhr. Kategorie Film. 14 Antworten.

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