
Im Gegensatz zu Palahniuks letztem Buch, Rant und auch gemessen an Haunted, ist Snuff ein denkbar geradliniges Buch. Die Geschichte liest sich eher wie eine Art ausgedehnter Short Story, mit einer vergleichsweise simplen Idee und einem recht vorhersehbaren Plot, inklusive einer finalen Plot-Twist-Wendung, die sich fast zur Mitte des Buches schon per Telegramm vorankündigt. Insofern ist nuff eine Art interessanter Gaumenreiniger nach Rant, eine Rückkehr zu dem fast vergessenen linearen Erzählstrukturen von Chuck Palahniuk, enger dran an Survivor oder auch Fight Club. Es st nicht so manisch.grandios wie Rant, aber immer noch eine lesenswerte Novella.
Snuff dreht sich um einen Riesen-Gang-Bang, mit dem die in die Jahre gekommene Pornqueen Cassie Wright ihrer Karriere die Krone aufsetzen will. Sie will Anabel Chong und Sabrina Johnson übertreffen und mit 600 Männern vögeln, wobei sie durchaus in Kauf nimmt, dass sie bei der ganzen Sache sterben könnte. Denn nur so könnte sie dem unehelichen Kind, dass sie ganz zu Beginn ihrer Karriere mit dem Pornodarsteller Branch Bacardi im Drogenkoma gezeugt hatte, einen ordentlichen Batzen Geld vererben – vom Verkauf der Filme, ihrer Sextoys und nicht zuletzt der zig auf sie abgeschlossenen Versicherungen (die Tod durch Beischlaf mit 600 Typen nicht als Selbstmord definieren… jedenfalls noch nicht). Erzähler der Story sind Mr. 72, Mr. 600 und Mr. 137 sowie die Produktionsassistentin Sheila, die die 600 Männer, die nackt im Keller des Filmstudios darauf warten, die Pornolegende besteigen zu dürfen, jongliert. Im Verlauf des Buches stellt sich heraus, dass Mr. 137, Dan Banyan, ein abgehalfteter TV-Darsteller ist, der hier seine Homosexualität öffentlich ablegen will, dass Mr. 600 besagter Branch Bacardi ist, der inzwischen zu einer Selbstkarikatur gealtert ist und eine Zyankali-Kapsel bei sich trägt, während Mr 72 überzeugt ist, der verlorene Sohn von Cassie zu sein, der ihr seine Liebe gestehen will. Gespickt mit Viagra, bösen Seitenhiben auf die Pornbranche und auf das Filmbusiness und dessen Schönheitswahn generell, erzählt Palahniuk eine überraschend tighte Geschichte, die schell wie ein D-Zug an dir vorbeirast, die knapp 200 Seiten Story sind fast zu schnell vorbei. Palahniuk macht sich nicht die Mühe, bestimmte Wendungen lange aufzubauschen, er haut dir eine Überraschung nach der nächsten um die Ohren und wenn das Buch endlich zum Höhepunkt kommt, ist er so absurd und bizarr, wie man es von diesem Autor halt gewöhnt ist. Snuff liest sich überraschend wie ein Drehbuch – wie Palahniuk lite – mit all den Bells&Whistles, die man von Chuck gewohnt ist (wie etwa der exzessiven Verwendung von «true facts»), so als hätte Palahniuk einen alten Stoff aus der Schublade gerettet.
Und in der Tat gerettet, denn Snuff ist ein großartig respektloses Buch, das einen luziden Blick auf die Absurditäten und Zusammenhänge von Porno, Schönheitswahn und Unsterblichkeit wirft. Hinter dem scheinbar flüssigen Erzählstil und der effektheischenden Story nutzt sich Snuff die Welt der Pornographie als überzeichneten Zerrspiegel für tatsächliche Gesellschaftstrends, für den Wunsch nach ewiger Jugend, die Surrealität dieses potemkinschen Dorfes namens Schönheit. Snuff ist eine neongrelle Soap Opera, nur halt mit Viagra, Dildos und Aufblaspuppen als Requisiten. Und so wie Cassies Möctegern-Sohn eines Tages von seiner Adoptivmutter mit der Aufblaspuppe seiner «echten» Mutter erwischt wird, der leider durch die Bisse, die der Vorbesitzer in der gebraucht gekauften Gummipuppe hinterlassen hat, mit jedem Stoß weiter in sich zusammenfällt, so geht es auch im ganzen Buch um geplatzte Träume, in sich zusammenfallende Hoffnungen.
Dass Palahniuk es nicht schafft, seinen Charakteren eigene, einzigartige Stimmen zu geben – sie klingen alle mehr oder minder wie der Autor nun mal schreibt -, und dass bestimmte Running Gags (wie die frei erfundenen Filmtitel oder Sheilas permanente Synonyme für «Onanierer» irgendwann einfach eher schal und nervig wirken, ändert nichts daran, dass Snuff eine schöne, schnelle, bizarre Farce ist, ein hochgradig witziges Buch. Auch wenn das «Schockthema» Porn nun beileibe nicht mehr sonderlich schockend wirkt heutzutage, gelingt Chuck doch, aus der Mischung von Sex und Tod eine seiner typischen Stream-of-Consciousness-Fabelgeschichten zu drehen, hinter deren überschminkter karikaturenhaft überzeichneter Kulisse die harte Wirklichkeit seiner desillusionierten Charaktere am Ende ihrer jeweiligen Laufbahnen erschreckt – eben genau wie in der Pornobranche auch.
9. Juni 2008 15:23 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
Wer einen pornographischen Roman erwartet hat, wird von Chuck Palahniuks Titel “Snuff” sicherlich enttäuscht sein. Doch allen, die einmal einen Blick hinter die Fassade einer Pornoproduktion werfen möchten, kann ich dieses Buch nur empfehlen. Wobei man die ungewöhnliche Strukturierung des Romans nur als genial bezeichnen kann.