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CHUCK PALAHNIUK: RANT

Gerade mal Januar und das Buch des Jahres ist – bisher – schon gelesen. Chuck Palahniuk, schon mit seinem Debut Fight Club zum Kultautoren avanciert (nicht zuletzt dank David Finchers Verfilmung) ist ein Mann, der spätestens seit seinem vielleicht kommerziellsten Versuch, Lullaby, Buch um Buch die Grenzen des Machbaren neu auslotet. Bereits sein letztes Werk Haunted war ein literarisches Experiment, ein poetisch-halluzinogener Versuch über die Casting-TV-Gesellschaft, ein postmoderner flimmernder multifacettierter Horror. Rant setzt diesen Trend zu immer extremer außerhalb des Mainstreams operierenden Büchern in jeder Hinsicht fort. Bereits die narrative Form ist ein Experiment. Rant hat das Finish einer dokumentarischen «oralen Historie», einer vor allem im Film real existierenden Form der Erzählung, hier von Angehörigen und Bekannten über einen Verstorbenen, der allerdings in diesem Fall fiktional ist. Palahniuk lässt über 30 verschiedene Charaktere im dichten Wechselspiel zu Wort kommen, die die Geschichte des namensgebenden Buster «Rant» Casey erzählen. Bereits der Vorname des Protagonisten lässt vage erahnen, dass Rant auch als eine bizarre Komödie gesehen werden kann und darf, und dass Palahniuk mit jedem Kapitel den Leser in neue, surrealere Situationen (ver)führt. Die Genialität, mit der Rant zunehmend zu einem kaleidoskopischen Irrwirbel aus haarsträubenden, zugleich aber absolut überzeugendem Irrwitz mutiert, hat etwas von P.K. Dick oder Burroughs an sich, wirkt aber im Vergleich düsterer, bedrohlicher und zugleich, so widersprüchlich das klingen mag, witziger.

Rant ist im höchsten Maße nonlinear. Wenn eine der Erzählerstimmen, der Autoverkäufer und Daytimer Wallace Boyer, eingangs erklärt, er habe Rant erst nach dessen Tod kennengelernt, so ist dies wörtlich zu verstehen. Denn Rant erweist sich als meisterhaft konstruiertes Spiel mit Zeitparadoxen, als Zeitreiseroman auf höchstem Niveau, als großartiges Kabuki-Theater. Wann immer man in diesem Buch laut What the fuck…? rufen möchte – am Ende macht alles absolut Sinn. Palahniuk entspinnt eine hochgradig absurd anmutende Story. Aber von Busters Angewohnheit, Popel an seine Wand zu schmieren, über die Zahnfee, deren antikes Gold die Kinder seines Heimatdorfes zu dem wirtschaftlichen Hauptfakor der Stadt macht, über die Angewohnheit von Rants Mutter, tödlche Kleinigkeiten ins Essen einzubringen, etwa Reisszwecken in Kuchen, damit man konzentrierter ist – jedes Detail hat am Ende eine Funktion. Und das Buch steckt voller Details, so viele und so genial verpackt, dass man es kaum fassen kann. Rant ist ein Buch, das wie Folter den Härtegrad des Surrealen immer weiter dreht, ohne dabei jemals Tritt zu verlieren. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt Palahniuk die Leser von einer Stufe zur nächsten – Wenn du das geglaubt hast, kann ich ja hiermit kommen – bis man am Ende von Zäunen, in denen sich beim Sturm die Kondome und Binden verfangen zu einer Welt gekommen ist, die aus praktischen Gründen in eine Tag und eine Nachtwelt getrennt ist, um die Infrastruktur besser zu nutzen, in der du also entweder tagsüber oder nur nachts lebst, in der Buster Casey zum größten Verbreiter von Tollwut in der Geschichte der Menschheit wird, in der sich sogenannte Partycrasher als absurde Folge einer soziologischen Verkehrsforschung  in mit Weihnachtsbäumen oder Hochzeitsausstattung verkleideten Fahrzeugen durch bewusst herbeigeführte Auffahrunfälle amüsieren, und in der einige davon durch den Crash zu Zeitreisenden werden, um ihre eigenen Eltern umzubringen oder sich selbst zu zeugen. So dass Rant Casey am Ende sein eigener Vater ist -  aber eben doch nicht, sondern eigentlich das Ergebnis davon, dass sein größter Gegenspieler seine Urgroßmutter, seine Großmutter und seine Mutter vergewaltigt hat. Wodurch Casey eben selbst sein größter Gegenspieler ist. Was in Fight Club noch eine Schizophrenie des Hauptdarstellers war, ist in Rant auf eine ganz neue Ebene gehievt. Realität ist am Ende des Buches nur noch eine weiche, wandelbare Masse. Die Zukunft ist morgen nicht mehr das, was sie gestern vielleicht war, weil ständig jemand daran herumspielt.

Shot Dunyan, ein Co-Partycrasher von Buster, sagt an einer Stelle: «How weird is that? Instead of  biography, this story will become fiction. A factual historical artifact documenting a past that never happened. Like Santa Claus and the Easter Bunny, another obsolete truth.»

Der wunderbare zyklische Verlauf der Geschichte, die haarsträubende Auflösung, der relaxte aber lasergenaue Umgang mit Zeitparadoxen, führt am Ende tatsächlich zu dieser Metafiktionalität des Buches. Am Ende ist die Realität des Buches eine Fiktion, weil sie sich selbst aushebelt, weil Rant zu einer lebenden Zeitschleife wird, in einer Welt aus lebenden Zeitschleifen. Die Möglichkeit, dass die Welt, wie wir sie erleben, nur das Ergebnis einer weiteren Zeitmanipulation ist  – eine Welt ohne den I-SEE-U-Act und ohne die Trennung in Daytimers und Nighttimers, ohne Matrix-artige Stöpsel im Nacken, «one colossal traffic jam, the way the world used to be» – wird dabei deutlich angedeutet und das Buch so zum fiktionalen Zeugnis einer untergegangenen Alternativkultur.

Meisterhaft, vielschichtig, pervers geht Palahniuk in die ausgehöhlt scheinenden Minen der Science-Fiction-Kultur (wobei dies überhaupt erst im letzten Drittes des Buches klar wird) und belebt das Genre zu einem belletristischen Parforce-Ritt der höchsten Güte. Narrativ, strukturell, inhaltlich bricht dieses Buch über alle Grenzen hinweg, ist experimentell bis an die Grenzen und dabei doch stets lesbar und fesselnd, ist hochkomplex und vielschichtig, aber niemals smartassed. Selbst Details wie der NLP-predigende Autohändler oder die Anthropologen und ihre Thesen über die Seuchenausbreitung werden wichtig und sind nahtlos in den Fluss der sich wunderbar fraktal entfaltenden Geschichte eingebettet, die man idealerweise zweimal lesen muss. Palahniuk erreicht die erzählerische Dichte von Everything is Illuminated auf PCP, ohne dabei den emotionalen Tiefgang der Charaktere oder die Tragik hinter der Farce außer Acht zu lassen. Obwohl auf Deutsch wahrscheinlich unlesbar (wie jedes Buch von Palahniuk, man kriegt seinen minimalistischen, geschliffenen Stil einfach nicht übersetzt), ist Rant im Original ein absolutes Meisterwerk.

16. Februar 2008 10:48 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.

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