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CHUCK KLOSTERMAN: SEX DRUGS AND COCOA PUFFS

Daß ich in letzter Zeit Chuck Klosterman gelesen habe, hat der ein oder andere ja vielleicht bereits bemerkt. Das Buch des amerikanischen Journalisten und Kolumnisten, der mit Killing Yourself to live ja gerade Furore macht, ist ein Potpourri von allerlei Gedanken zur aktuellen Pop-, TV-, und Sportkultur, die ohne tieferen Sinn und ohne Kontext, wie einzelne Artikelfragmente, auf dich zukommen. Ein zunächst zutiefst unwichtiges und kurzlebiges Buch, denn es dürfte mehr als fraglich sein, dass jemand in 20 Jahren noch Klostermanns Betrachtungen zur MTV-Serie The Real World auch nur ansatzweise nachvollziehen wird können. Und auch so ist die Frage: Muss man der Welt mitteilen, dass man alle Staffeln, alle Folgen dieser Serie gesehen hat? Und alle Teilnehmer nahezu auswendig kennt? Muss man über seine Liebe zum uncoolen Billy Joel schreiben? Muss man über Country-Musik vs. Moby schreiben? Und die Antwort ist nahezu ausnahmslos. Muss nicht, aber man kann ja mal. Unter Titeln wie «The Awe-Inspiring Beauty of Tom Cruise’s Shattered, Troll-Like Face» flanieren wir durch Klostermans Welt und Kopf, durch einen von Popkultur durchsetzen Trashkosmos, in dem Klosterman mit der Geduld eines Goldgräbers auf versunkene Schätze hinweist. Das ist mal oberflächlich, auch mal langweilig – wenn einen das Thema so gar nicht berührt, wie etwa American Football bei mir –, und immer wieder auch tiefgründig. Klosterman findet in den sumpfigen Day-Glo-grellen Gossen der kommerziellen Popwelt immer wieder Fragmente grundlegender Wahrheiten über das menschliche Leben in einer medialisierten Welt.

Als roter Faden emergiert die These, dass mediale Vorbilder das reale Leben überschreiben, dass wir unsere Handlungen, unsere Lebensziele, unsere Ansichten auf Kinofilme, Fernsehserien, Bücher, Songs formatieren, und so zu Von Art imitates Life zu Life imitates Art kommen, wir werden zu Simulationen der Simulation.

Dieser Ansatz wird etwa deutlich, wenn Klosterman darüber schreibt, dass seit etwa den 60er Jahren zunehmend die Suche nach Liebe von künstlichen medialen Idealbildern dominiert wird.
This is why I will never be completely satisfied by a woman, and this is why the kind of woman I find attractive will never be satisfied by me. We will both measure our relationship against the prospect of fake love. … They think everything will work out perfectly in the end… … The main problem with mass media is that it makes it impossible to fall in love with any acumen of normalcy. There is no «normal» because everybody is twisted by the same sources simultaneously. ,, Real people are actively trying to live like fake people, so real people are no less fake.

Über The Sims:
What seemed so new about Seinfeld was that it didn’t need a story to have a plot: Nothing was still something. The Sims forces that aesthetic even further. Nothing is everything.

Über The Real World:
By 1997, the opposite was startng to happen: I kept meeting new people who were like old Real World characters…. If nothing else, The Real World has provided avenues for world views that are both specialised and universal.

Über Tribute-Bands:
These are bands mired in obscurity and engaged in a bizarrely postmodern zero-sum game: If a tribute band were to completely suceed, its members would no longer have personalities.

Über Pamela Anderson:
Pam is the embodiment of modern female sexuality and that embodiment is a Barbie Doll. … She’s never been a person, and I’m glad. Pam doesn’t just have sex with guys, Pam fucks reality. … That’s the weird irony that makes Pam Anderson so essential to our times: She’s not a real person, but she’s still more real than any sexual icon we’ve ever had. Pam Anderson is a mainstream, nonsubversive porn star…

Über Amateur-Online-Pornographie:
We want imperfection and we want heightened reality.

Über Frühstücksflocken:
An inordinate number of cereal commercials are based on the the premise that a given cereal is so delicious that a fictional character would want to steal it. … They’re the first step in the indoctrinations of future hipsters: Cereal commercials teach us that anything desirable is supposed to be exclusionary. … We pursue that which retreats from us. … The desire to be cool is – ultimatively – the desire to be rescued. It’s the desire to be pulled from the unwashed masses of society. … If we can just find that one cool thing that nobody else has… we can be better than ourselves.

Über Star Wars:
The Empire Strikes Back was the seminal foundation for what became «Generation X».

Es macht nur Sinn, wenn Klosterman im weiteren Verlauf auch über die Frage nach Realität anhand von Filmen wie Matrix, Vanilla Sky oder Memento fragt oder die Unmöglichkeit von Authentizität in Zeitungsartikeln, über Journalisten, die völlig in ihrem Musik-Expertentum aufgehen und jeden Realitätsbezug verlieren, in ihrem Pop-Minikosmos verloren trudeln. Womit sich irgendwie ein Kreis schließt, denn Klosterman selbst ist so ein Universal-Experte, der mit einem erschreckenden Schatz an Querverweisen, Deutungshoheiten und Ideen durch die Musikgeschichte und die aktuelle Popkultur wandert und bei dem man schnell merkt, daß ihn diese schillernde Plastikwelt im Kern mehr interessiert als die echte. Chuck spielt mit seinem The-Sims-Chuck, weil er im Grunde ein virtuelles Leben führen möchte, ein reineres, klareres Dasein als reines poppig buntes Pixelbergchen führen will.

Dieser greifbare Wunsch, sich im Low-Culture-Universum aufzulösen wie ein Zuckerwürfelchen hält Klosterman nicht davon ab, smart und witzig und einsichtig über das Leben im berühmten 21. zu schreiben, wie ein Kugelblitz von einem Medium zum nächsten, von einem Genre zum anderen, mit einem gigantischen Cachet an unwichtigsten Fachwissen, einem Lexikon moderner Nichtigkeiten. Es macht Spaß dabei zuzusehen, wie schnell Klosterman von Trivialen ins Fundamentale wechseln kann und den Status Quo des urbanen, durchmedialisierten Lebens verortet. Das er dabei sehr amerikanisch und sehr aus der Sicht der nordwestlichen Kristallpalastbewohner schreibt, versteht sich von selbst… aber eben aus dieser Perspektive heraus ergibt sich eben derzeit die globale kommunikationspolitische Erschließung der Welt und aus dieser Perspektive heraus ist unsere westliche Gesellschaft insofern auch zu deuten. Pamela Anderson mag in einem südafrikanischen Dorf eben nicht der Nabel der Welt sein, aber in Los Angeles – und der westlichen Welt, die an dieser medialen Nabelschnur hängt, ist sie das (gewesen, wie gesagt, solche Texte altern schnell)… und insofern sind solche Betrachtungen aus dem Epizentrum der Mediengenesis wichtig für unsere eigene, stets mit auf den den Schockwellen amerikanischer Kultur reisende Gesellschaft. Und die Transfiguration realen Daseins in eine neue, durch medien figurierte Form von Imitationsleben, die ist hier seit langem auch spürbar als einer der wichtigsten sozialen Trends seit den 80er Jahren und ebenso spannend wie beängstigend. Wir sind sind Sims. Wir wollenm aussehen wie Pam und Britney, wie Brad und Colin. Wir wollen keine echten menschen lieben, sondern fiktionale Perfektion, fake love. Und deshalb scheitern immer mehr Menschen an ihren eigenen, Simulacra-Sehnsüchten. Chuck Klosterman belegt diesen Trend mit klugen Anekdoten und anstatt in das sich hier anbietenden Untergang-des-Abendlandes-Gejammer einzustimmen, krault er uns lieber wohligen, fast behaglichen Schauer aus dem kollektiven Rücken.

Klosterman schreibt schnell und witzig… und dürfte schrecklich für alle sein, die nicht einen kleinen Nerd in sich haben, der zu viel Wissen über unwichtige Filme und schlechte Bands lebenslang mitnotiert und gemerkert hat… aber ansonsten ist das Buch eben von einem von uns für uns geschrieben.

29. Dezember 2006 16:08 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.

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