
Gestern live im Fernsehen, heute in zwei Teilen bei arte: Das Interview mit dem deutschen Top-Architekten Christoph Ingenhoven, für den wir seit über zehn Jahren on und off arbeiten, 2008 sogar recht intensiv (auch wenn sein neues CD und die Site von KMS stammen). Christoph ist nicht nur einer der Architekten, die sich Sustainability und denkende Architektur schon auf die Flagge schrieben, als es noch nicht Mode war, sondern in Wettbewerben und Premium-Projekten immer wieder jemand, der es mit seinen Architekten schafft, ikonographische, spannende Architektur nicht aus gestaltertischer Eitelkeit, sondern als Notwenigkeit, als Lösung zu erfinden. Ingenhovens Denken über Architektur, sein Arbeitsfieber, sein Perfektionismus und sein Drive sind uns über die Jahre immer wieder eine Inspiraton gewesen. Wir freuen uns wirklich immer, in die Projekte seines über Jahre gewachsenen, hervorragenden Team in Düsseldorf einzutauchen.
Ich hätte mir den Arte-Beitrag vielleicht ein wenig mehr als «echtes» komplettes Feature über das gesamte Büro und den Output von Ingenhoven Architekten gewünscht, aber ein Einblick in Christophs Denken ist so oder so immer sehenswert.
Danke an Ben für den Tipp.
18. Januar 2009 14:35 Uhr. Kategorie Online. Tag Architektur. 3 Antworten.
»es gibt ein zuviel an unangemessenheit, bzw. ein zuwenig an angemessenheit«.
sag ich doch. und wer moppert? ;-)
kann man aber alles so unterschreiben. die großen archtiekten machen es sich in der tat etwas einfach, wenn sie sagen, wir helfen dem land, der regierung sich DURCH das gebäude anders zu sehen. ich denke, das funktioniert hier nicht, weil die ideologien ÜBER der architektur stehen und diese nur mittel zum zweck ist, aber wann bekommt man schonmal die gelegenheit ein stadion für eine olympiade zu bauen. da kann man sich schonmal verbiegen. :-)
Ich habe gemoppert. Und zwar weil Angemessenheit hier Bescheidenheit, Passung bedeutet. Ich habe bei der Entstehung der Entürfe des La-Defense-Towers live miterleben können, wie Christoph Ingenhoven argumentiert – und das ist immer aus dem Kontext der Situation, der Stadt, der Lösung heraus. Zwar gibt es so etwas wie einen Büro-Stil – technikorientiert, nachhaltig, transparent, leicht, ehrlich, ein eigenwilliger Mix aus kühlem Hightech und lebendiger Ökologie -, aber dieser Stil wird einem Projekt nicht bedingungslos aufgepropft. Das Ergebnis ist oft, das Ingenhoven und seine Architekten eine Form finden, die technologische Probleme löst und dennoch ästhetisch auf der Höhe der Zeit ist. Wie bei RWE oder Lufthansa, aber auch bei nicht realisierten Ideen wie den Airbus Hallen mit ihrem reflektierend-fraktalen Dach. Einer der Gründe, warum ich gern auch noch last second und vor Ort an Wettbewerben gestaltend mitwirke ist, dass diese Denkprozesse, die in ein Projekt eingehend, immer und ausnahmslos inspirierend sind. Und ich persönlich den Deadline-Druck auch mag.
Das ist etwas GANZ anderes als à priori kundenhörig zu sein oder brav nur das zu tun, was in einer bestimmten Situation erwartbar wäre. Angemessenheit bedeutet also nicht Nicht-Überraschen oder Angepasstheit, sondern Nachdenken, Verstehen. Viele Details von Ingenhovens Bauten – auch wenn es nach 20 Jahren sicher einen gewissen Flavour, gewisse Sebstähnlichkeiten gibt, auch Sachen, die man gezielt vermeidet (etwa den derzeit allüberall kopierten HdM-Look) – sind auch heute noch innovativ und überraschend, um die Ecke gedacht, mutig. Und eben immer passend.
Ob man als Architekt für Diktaturen arbeitet oder nicht, muss jeder für sich entscheiden. GMP verteidigen dies als einen den Wandel fördernden Prozess und werden die entsprechenden Erfahrungen gemacht haben, andere wollen Diktaturen nicht auch noch helfen, ihre Prachtbauten zu realisieren (was dann unweigerlich natürlich wer anders macht). Diesen feinen Grad zwischen persönlicher Integrität, Verantwortung dem Geschäft gegenüber und der Frage, welcher Weg (Annäherung oder Ablehnung, oder wie HdM betonen, auch subtiler Kommentar im Falls des «Nests») der richtige sein mag, muss jeder Mensch für sich selbst beantworten. Dass Architektur und Macht unmittelbar verzahnt sind, ist seit dem alten Rom so – und Ingenhoven steht hier, wie in vielen Dingen, überraschend nah bei dem stets verlässlichen Otl Aicher und seiner Haltung zu Machtarchitektur.
Ein sehr interessantes Interview vor allem in Zeiten, in denen man bei der Architensuche eher einen Baubetreuer als einen Menschen mit Ambitionen findet.