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Chris Gall Trio feat ENIK: Hello Stranger

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Der Ausnahmepianist Chris Gall beweist mit seinem Trio, dass Jazz zur Fusion mit jedem Genre in der Lage ist. Der erste Songs «Eins plus Eins» verschmilzt die Harmonielogik und den Druck von Independent Music mit jazziger Intelligenz und Rhythmik, das Ergebnis ist eine mitreissende, tanzbare Aufeinanderschichtung von Elementen, die dreidimensional im Raum stehen, wo eine einfache Hookline zu einem improvisierten rechtshändig hingerotztem, fast bluesigem Solo ausufert, wo Schlagzeuger Peter Gall alles andere als die jazzige Zurückhaltung übt, sondern den Song druckvoll nach vorne bringt. Der Opener setzt den Standard für das ganze Album, das leichtfüßig zwischen Triojazz, Pop und Alternativeattitude tanzt, wenn etwa Sarah eine Strophe mit klassischer Jazztaktung hat, im Refrain aber plötzlich in schnelle 4/4 wechselt und losrockt. Man hört Gall an, dass der in zahlreichen Projekten aktive Musiker sich in seiner eigenen Gruppe einfach auch einmal austoben will, verschiedene persönliche Einflüsse mit all ihren Brüchen gegenüberstellt. Insofern ist «Hello Stranger» sicher nichts für Jazzpuristen, nichts für Freunde eines verkopften Jazz, den man wie einen Berg erklettern muss – vielmehr hat das Album die Attitude eines sehr guten Popalbums, im Mix der Stücke, im Mix zwischen Gesang und Instrumental, in der ganzen Emotionalität. Chris Gall scheint den Frack des ausgebildeten klassischen Pianisten mühelos abzustreifen und sich in die Röhrenjeans zu werfen, ohne sich dabei unter Wert zu verkaufen. Im Gegenteil, das Experiment eines tanzbaren Jazz funktioniert gerade, weil die Virtuosität aller Beteiligten zu jedem Moment absolut greifbar ist, nichts heruntergeschraubt wird, nichts reduziert. Diese Idee von Fusion wird an der Stimme des Münchener Sängers Dominik Schäfer alias Enik greifbar, die einen Bruch zur Musik zu erzeugen scheint, eine Schwebung – Enik ist weit entfernt von den smooth-kantenlosen Gesangsphrasierungen der meisten Jazzsängerinnen und -sänger. Irgendwo zwischem weißen Soul, Electropop und klassischem Alternative tobt er sich über der Musik aus, scheinbar in einer eigenen Atmosphäre schwebend, nur mit dünnen Nylonfäden an die Songs gebunden, klingt mal nach Bowie, mal unverortbar, oft so, als würde er intuitiv, improvisiert über die Musik singen, als würde er seine Stimme frei und offen in das Lied einbringen, wie ein Instrumentalist das eben auch tun würde, Das Multitalent kann seine Vorliebe für das genrefreie Experiment hier schön ausleben, Pop und Jazz von den jeweiligen Sockeln kippen und etwas neues aus den Scherben zusammenkleben, etwa beim Titeltrack «Hello Stranger», der vielleicht nicht ganz zufällig massiv an die Beatles erinnert – wenn die Beatles Herbie Hancock als Mitglied gehabt hätten. «You fit perfect to me» beginnt mit einem frickeligen Bela-Lugosi-Beat, liefert fast so etwas wie Rap-Gesang, steigert sich sich zu einer nahtlosen Vermischung aus Rock und Jazz, die so makellos ist wie das Cover des Albums, das in seiner rotschwarzweißen Ästhetik und dem Photo von Dean Bennici der beiden Protagonisten im Popstar-Look irgendwo zwischen Schweizer Minimalismus und den White Stripes angesiedelt ist. Wer also hier die Platte nach dem Cover kauft, wird auf keinen Fall enttäuscht sein – «Hello Stranger» ist ein herausragendes, energiegeladenes, gefühliges, ruppiges, kämpferisches und umwerfend lebendiges Album, das man unbedingt haben sollte.

6. November 2010 13:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

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