
Es ist tatsächlich etwas seltsam, das Konzert zu bloggen, bevor ich das Album- das seit Wochen hier rumliegt – besprochen zu haben, aaaaber sei’s drum. Das Album schiebe ich dann nach :-D.
Die Intro hat im Gebäude 9 drei Bands versammelt, die verschiedener kaum sein könnten. Khaela Maricich von The Blow lieferte ihre knapp 45 Minuten Gig solo, ohne Partnerin Jona Bechthold, erzählte kleine Stories zu den Songs, wippelte in Socken über die Bühne und sang zum Playback, was trotz der guten Songs natürlich wenig mitreißt. Die Tracks weichen keinen Millimeter von der Albumversion ab und bei allem Respekt davor, sich einfach so vor ein Publikum zu stellen und allein auf einer großen Bühne loszuperformen…«live» stell ich mir eben mit etwas mehr Leben vor.
Kissogramm, die mit If I had known this before ja keine Unbekannten mehr sind, und deren Debut Meisterfinger Gonzales produziert hat, legen live einen seltsam enttäuschenden Gig hin. Irgendwie sehr deutsch, sehr steif, sehr gewollt. Die beiden Jungs – Jonas Poppe und Sebastian Dassé – machen halt so charmanten Homerecording-Pop, der irgendwie nicht laptoptronica genug ist, nicht unperfekt genug, nicht perfekt genug, irgendwo zu sehr in der Mitte. Jeder musikalische Stil wird mal angerissen, Shuffle, Walzer, 80s-Wave, Pop… und in dieser Melange bleibt leider alles eigenständige und einzigartige irgendwie verschwunden, trotz teilweise wunderbarer kleiner Synth-Soli. «Geht mal aus euch raus» ruft jemand aus dem Publikum und so völlig verkehrt ist der Tipp nicht. Mehr Dreck, mehr live, mehr Energie und das ganze würde 300% mehr Spaß gemacht haben.
Den Unterschied zwischen deutscher Steifheit und Stageparty machen dann !!! deutlich. Während bei den beiden ersten Bands das Gebäude 9 nur zu etwa 40% gefüllt war, ist die Halle schlagartig berstend voll, und während The Blow und Kissogramm auf Elektronik setzen, kommt bei !!! erst einmal Drummer Jerry auf die Bühne und fängt an einen stumpfen, treibenden Beat in sein Drumkit zu prügeln, bei dem die gesamte Halle anfängt den Hintern zu bewegen. Und damit haben wir die nächsten rund 90 Minuten ganz gut zusammengefasst. Es gibt keine ruhige Nummer, keine Pause, keinen Stillstand bei !!!, die Band rockt durch alle Stilarten zwischen Indie, 70sDisco, Dub, Acid, Funk und Frontmann Nic geht bis an die Grenzen des körperlich machbaren, um die Menge anzuheizen. Der Mann ist permanent in Bewegung, ultimative Rampensau, glorreiches Partyanimal und ich habe selten ein gräßlicheres Bühnenoutfit gesehen als seinen Camping-Macker-Look aus Muscleshirt und Satin-Boxershorts. Respekt.
Die Tracks des aktuellen Albums Myth Takes, schon auf CD absolut großartig, werden hier bis an die Grenze ausgelotet, lauter, härter, schneller, psychedelischer. Die Platte wirkt danach verhältnismäßig brav. Live bauen !!! einen derart babylonischen Tower of Power, getrieben von Drums und Percussion, Justins treibenden Funkbasslines, und umringt von Bläsersätzen, TB303-Sounds, und zwei so nahtlos ineinandergreifenden Gitarren, das es in toto schlichtweg atemberaubend ist. Die Songs gehen derart ekstatisch in die Höhe, dass man irgendwann einfach Schreien muss, um den inneren Druck loszuwerden. Gitarrist Tyler verbingt den halben Gig am Boden vor seiner Effektgerät-Sammlung und sorgt für umwerfend psychedelische Echo-Sounds und Delaywände. Das Publikum geht nicht ganz so ab wie bei den Klaxons (und damn, habe ich mir gewünscht, das wir die Bühne stürmen würden, das wäre das perfekte Ende gewesen), aber die Party ist trotzdem im Saal, es wird geschrien, geklatscht, gesungen, getanzt, gesprungen und gemosht, was das Zeug hält. Das Klischee von «Der Saal kocht» trifft es echt echt noch am besten. Die Audience ist völlig frenetisch und die Band so gegen halb eins auch völlig am Ende. Das letzte Lied wird gegen den Protest des Drummers gespielt, der sichtlich völlig ausgelaugt ist. Nic zieht gegen Ende sein Shirt aus und wringt es über sich aus, und das Teil ist so durchnässt, dass er im eigenen Schweiß duscht. Frenetisch wird das Level des machbaren mit jedem Track nach oben gepusht, Gorman und Allan wechseln rasend zwischen Percussion und Bläsersätzen oder ackern gemeinsam am Keyboard. Ich habe selten eine Band so hart, so intensiv arbeiten gesehen, so voll am Limit. Oben auf der Bühne stehen am Ende acht völlig ausgepowerte Männer und eine Frau, unten ein Publikum, das kaum weniger fertig ist. Meine Klamotten waren total durchnässt, Steffi ausgepowert, Chris hat als erstes sein Shirt ausgezogen und saß nackt im Wagen und freute sich auf eine Polizeikontrolle.
Bonus des Abends war, daß wir so gegen 1 noch in einer Pizzaria, die eigentlich schon geschlossen hatte, noch Wein, Calzone und Grappa bekamen und eine solide Stunde unter lauem Nachthimmel quasseln konnten. Jesus, und in Essen bist du froh, wenn du um 23.00 noch irgendwo überhaupt etwas zu essen bekommst :-D. Tausend Dank.
Definitiv bisher das beste Konzert des Jahres, da hat Chris recht.
Nach dem Break Bilder von Steffi. Die sind nicht verwackelt, der Sänger stand nur nie still… und das Publikum eben auch nicht. :-D

The Blow





Kissogram









































26. April 2007 22:31 Uhr. Kategorie Live. 5 Antworten.
“geht mal mehr aus euch raus!!!”? war es nicht “das war scheiße!!!”? ;D
super abend, ich freu mich schon auf robocop kraus beim nächsten mal!
der abend war der megaklanner, und das publikum, zumindest vorne, hat sich doch ebenfalls totgetanzt. schweißmäßig ging gar nichts mehr und es war einfach nur überste party und sich einen megadicken ast freuen.
schöner bericht und fotos! das lässt die erinnerungen erwecken.
ekstatischer in sich selbst hinein und wieder rausgetanzt…schon lange nicht mehr, wie bei !!!. Absolut geiler flow der wummert das der Körper bebt. Absolut gutes Konzert…wäre nur gern bis zum Schluß geblieben.
[...] Und diesem Flair wird der Sound – im besten Sinne allerdings – auch wahrhaft gerecht. Die Chemical Brothers rollen mit einer simplen aber umwerfenden Lichtidee an, die zwar dreist bei Massive Attack geklaut ist, aber immer wieder schön. Hinter der Bühne steht ein gigantisches vierfarbiges Display, auf dem überlebensgroße Animationen und Videos laufen. Die Wand an sich reicht fast als gesamte Lightshow, abgerundet von Laser, weiteren LED-Strahlern und einigen wenigen normalen Varilights. So bombastisch wie die Optik ist auch der Sound: Ich habe selten bei all den Konzerten der letzten Zeit einen derart extremen Bass gehört, die Bassdrum und vor allem tiefe Subbass-Sounds drohen jederzeit, die Eingeweide zu zerquetschen. Überhaupt drehen die Brothers während des Konzerts mehr und mehr an der Lautstärke, bis eine fast ohrenbetäubende Druckwelle aus den Boxen kommt, die dem Live-Maximal-House der beiden den richtigen Rahmen gibt. Die Musik der Chemical Brothers lebt von endlos langstreckten Teaser-Beats, nervmarternd lang hingezogenen Crescendi, die immer und immer wieder in noch größere Drumorgien führen. Live halten sich die beiden unscheinbar wirkenden Briten, die hinter ihren Mischpulten, Synths und Expanders fast unsichtbar werden, nicht lange mit dem etwas weichgespülten Sound der letzten Alben auf und treten eine zweistündige Dj-Session an, die die eigenen Songs dekonstruiert, neu zusammensetzt und in ein hartes, modernes Techno-Feuerwerk verwandelt. Es gibt grandiose Breakdowns, in denen nur noch zwitschernde Sequencer und firpende Analogsounds zu hören sind, aber im großen und ganzen dominiert der Beat, ein von gnadenlosen, atemberaubenden Übergängen geprägtes perfektes Soundgefüge, das dich binnen weniger Minuten auch in der wenig vollen Halle schweissgebadet dastehen lässt. Die surreal unruhige Bildershow, die an Härte kaum zu toppenden Bässe, die unermüdliche Drummachine, die immer wieder sanfte Beats anbietet, um rasch wieder bei gnadenlosen 4/4 anzukommen… das ist richtig altmodischer Dancefloor irgendwo zwischen Techno und House. Und es ist eine großartige, fast in Trance hineinreichende Klangerfahrung, die die beiden im Laufe des Konzertes wie Meisterpianisten steuern, von Buildup zu Breakdown, von Climax zu Anticlimax, durch die verschiedensten Stilrichtungen des Dancefloors, um am Ende mit furiosen bösartigen Analog-Knöpfchendreh-Sounds zu enden. Ein fast verstörend brutaler, wunderbar tanzbarer, hypnotischer Auftritt, der in Sachen Ekstase nicht ganz an ChkChkChk herankommt, aber in einer kleineren, volleren, heißeren Halle sicherlich bei vielen zum Kreislaufkollaps geführt hätte. Exzellent. [...]
[...] Auch so eine Platte, die seit Februar aufs bloggen wartet. Postpunkfunkacidravemarchingband70spsychedelicphillydiscosweatboxerbeat ist die noch beste Kategorisierung, die sich für ChkChkChk anbietet. Und vor dem Live-Gig hätte ich die Platte sich noch besser gefunden, aber gegen die surreale Wucht der Band auf der Bühne stinkt die Studioversion stets etwas ab. Dennoch ist das dritte Album der US-East/Westcoast-Band ein Meisterwerk. Polyrhythmisch, unfassbar dicht gewoben, dabei immer tanzbar, etwas so verwirrend und komplex wie das Coverartwork, mit mehr Einflüssen als man aufzählen kann und dennoch absolut straight ins Blut gehende Live-Tanzmusik. [...]