CHIP KIDD: THE LEARNERS




The Learners
schließt unmittelbar an Kidds Debut The Cheese Monkeys an, mit dem frisch gebackenen Grafik Designer Happy, der nach New Haven reist, um in der Werbeagentur, in der sein früherer Lehrer Winter Sorbeck  seine Karriere begann, in dessen Fußstapfen zu treten. Dabei stellt sich Spear, Rakoff & Ware allerdings als ziemliche Klitsche heraus, in der einige arg gebrochene Figuren ihre Tage verbringen. Wie der Zufall es so will wird auch Himilsy Dodd, Happys hyperkreative, wunderbar durchgeknallte Studienkollegin, auch wieder in sein Leben gespült, nur um kurz darauf allerdings recht endgültig zu verschwinden. Happy nimmt an einem Pitch und an einem Experiment teil und ist am Ende des Buches nicht mehr der gleiche wie zu Beginn…

Bereits The Cheese Monkeys lies wenig Zweifel daran, dass Chip Kidd nicht nur ein wegweisender Designer ist, sondern unverschämter- und naheliegenderweiser auch noch ein grandioser Autor. The Learners unterstreicht diesen Anspruch. Das Buch kombiniert einen fast vergessenen Screwball-Humor mit Elementen, die an Fitzgerald erinnern, und durchtränkt das ganze mit einer modernen Verspieltheit, die gerade bei einer Handlung, die in den Sechzigern spielt, wunderbar metatextuell funktioniert. Wenn Kidd etwa den «Content» in seinen verschiedensten Formen – Ironie, Metapher, Witz, Ehrlichkeit – zu Wort kommen lässt und so den eigenen Text kommentiert, wenn am Ende des Buches der mit Schlaftabletten vollgepumpte Happy nicht mehr in der Lage ist, normale Worte zu formulieren und der Text orthographisch zusammenbricht, wenn Kidd den Spears-Angestellten Tip geradezu bahnbrechend die Zukunft des Marketing erahnen lässt – Psychologie, Markt-Befragung – und das ganze immer wieder in die Hose geht, dann gelingt der Mix aus moderner Sensibilität des Autors und der historischen Naivität des Settings nahezu perfekt. Learners ist ein hochintensives, sehr ernsthaftes Buch, das trotzdem vor Humor trieft, mal leise, mal derbster Natur. Dass Kidd selbst Designer ist, merkt man nur der präzisen Konstruktion des Buches an, und der Tatsache, daß er Typographie – Happys Steckenpferd und zufällig auch das des Autors – gezielt als als Erzählmittel einsetzt, wenn etwa Text einer Achtelseite-Anzeige, die Happy für Stanley Milgram entwickelt hat, in den Fluß der Geschichte platzt, oder wenn Happy beim Anblick der auf ein Shirt genähten Inititalen einer Pserson sofort überlegt, ob das nun wohl 36 oder 40 Punkt Schriftgröße seien.

Das Kidd Milgrams legendäres Elektroschock-Experiment von 1961 zentral in die Handlung des Buches einflechtet, ist faszinierend – einer der besten Aspekte des PSychologie-Studiums waren immer Experimente wie diese, oder auch die von Zimbardo oder Skinner (wer solche Experimente mag, ein wunderbares Buch darüber ist Lauren Slaters Openening Skinners Box…). Kidd zeigt sehr unmittelbar, welche Auswirkungen die Teilnahme an dem Experiment auf den Protagonisten hat, wie sehr die Erkenntnis, dass man selbst im Dritten Reich zu denen gehört hätte, die brav Befehle befolgt haben, die Selbstwahrnehmung unterminiert. Das düstere und zugleich absurd komische Ende des Buches lässt hoffen, dass Happy den zweiten Band überlebt und wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen – es wäre schon spannend zu sehen, welche abstrusen Abenteuer Happy in der amerikanischen Flowerpowerzeit und vor dem Bakcground des Vietnamkrieges erlebt…

The Learners ist ein schnelles, witziges, charmantes, im besten Sinne unterhaltsames Buch, das dabei keine Sekunde zu einfach oder zu dumm ist, sondern hier und da fast zu clever sein will. Ob es wirklich den Content-as…-Wink mit dem Zaunpfahl gebraucht hätte, sei dahingestellt, aber selbst diese Passagen lesen sich flott und amüsant weg und wirken nicht allzu smart-assed. Die Charaktere, die oft prototypisch an echte Figuren angelehnt zu sein scheinen und zugleich aus alten 60s-Filmen entlehnt wirken, sind wunderbar und liebenswert in ihrer Kaputtheit, und Kidd erweist sich insgesamt als Autor von einem Kaliber, dass man sich nur wünschen kann, dass er in Zukunft mehr schreibt – auch wenn das bedeutet, dass wir eventuell weniger Coverartwork von ihm sehen würden.