
Ohne große Gäste und mit bescheidenerer Geste sollte dieses Album ausfallen, mehr Dust Brothers-Feeling, weniger das Cinemascope-Soundfeeling, das man auf den letzten Alben von Tom Rowlands und Ed Simons kannte, dafür aber mit einem künstlerischen Gesamtkonzept durch die beiden Videoartists Adam Smith und Marcus Lyall ausgestattet. Nun, das Videomaterial hilft einem nicht durch das Hören des Albums, also muss die Musik für sich bestehen, und das tut sie nur mit etwas Widerwillen. Es mag sein, dass die hypnotisch wirkenden Loops, mit denen die Brothers hier arbeiten, perfekt zu den Bildwelten von Smith und Lyall passen, als reines Audioalbum entfaltet sich mitunter einfach auch mal etwas Langeweile. In den guten Momenten ist «Further» ein atemberaubendes Album, das ein durchgehendes musikalisches Konzept verfolgt und geschlossener wirkt als vieles, was die beiden in den letzten Jahren hervorgebracht haben, klarer, reduzierter. Jenseits üblicher Genredefinitionen entwickeln die Chemical Brothers hier ihren typischen Sound aus, schaffen ein elektronisches Crescendo nach dem nächsten, lassen die Tracks zusammenbrechen und liefern mit «Escape Velocity» sicher einen ihrer besten Tracks ab, eine wunderbare Klangarchitektur, die Klaus Schulze und Tangerine Dream schreiend und kreischend ins 21. Jahrhundert zerrt. Wie immer bei den Brothers kann auch mal gepflegte Langeweile aufkommen, wenn die Pattern einen Hauch zu lange vor sich herschwurbeln oder die Beats zu bombastisch sind, das Tempo aber zu lahm ausfällt, die Sounds zu glatt ausfallen, das Duo zu sehr durch verschiedene Klangwelten hopst. Alles in allem aber ist «Further» der Fortschritt in der Rückkehr, eine Rückbesinnung nach vorn. Anstatt auf große Namen zu setzen, singt Rowlands die meisten Tracks selbst, der Sound klingt hingegen fast wie eine Retrospektive durch das eigene Gesamtwerk, eine rund 50-minütige Reise durch das eigene Oevre, ein geschlossenes Set, das keinen klassischen Hit mehr produziert, sondern wie eine makellose DJing-Session daherkommt, wie eine Miniatur-Disco-Oper. Eingängig ist dabei im Grunde kein Track mehr, fast sperrig wehrt sich das Album gegen die Einvernahme durch den Hörer, der sich auf die technopsychedelischen Cyberstrukturen der Musik einzulassen hat, in denen Rowlands und Simons immer wieder mit endlos langgezogenen Steigerungen die Geduld strapazieren. Das Statement scheint klar: Weg mit der Orientierung an den Charts und am Pop, raus aus dem System, zurück in die Nacht. Das gelingt nicht immer so maßlos überzeugend wie bei «Escape Velocity», aber durchgehend genug, um «Further» zu einem flächendeckend magischen Album zu machen.
29. Dezember 2010 18:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. 4 Antworten.
Ich mag deine Plattenkritiken hier sehr. Bisher haben sie immer ziemlich ins Schwarze getroffen, was meine eigene Wahrnehmung anging, nur in ein weit schöneres Wortgewandt gekleidet, als ich das je könnte.
Dass wir nun ausgerechnet bei meiner persönlichen Platte des Jahres so weit auseinander gehen überrascht mich. Fragmente wie “… ist «Further» ein atemberaubendes Album, das ein durchgehendes musikalisches Konzept verfolgt und geschlossener wirkt als vieles, was die beiden in den letzten Jahren hervorgebracht haben, klarer, reduzierter. Jenseits üblicher Genredefinitionen entwickeln die Chemical Brothers hier ihren typischen Sound aus, schaffen ein elektronisches Crescendo nach dem nächsten, lassen die Tracks zusammenbrechen ….” oder “…ist «Further» der Fortschritt in der Rückkehr, eine Rückbesinnung nach vorn. Anstatt auf große Namen zu setzen, singt Rowlands die meisten Tracks selbst, der Sound klingt hingegen fast wie eine Retrospektive durch das eigene Gesamtwerk, eine rund 50-minütige Reise durch das eigene Oevre, ein geschlossenes Set, das keinen klassischen Hit mehr produziert, sondern wie eine makellose DJing-Session daherkommt, wie eine Miniatur-Disco-Oper.” würde ich mir gerne ausleihen, um sie in meine eigene Plattenkritik zu packen.
Aber dann kommen so Sachen wie “Eingängig ist dabei im Grunde kein Track mehr, fast sperrig wehrt sich das Album gegen die Einvernahme durch den Hörer” und ich möchte nur schreien: “HAST DU DAS ALBUM ÜBERHAUPT GEHÖRT???” ;) Der Track “Dissolve” ist mir wochenlang nicht aus dem Ohr gegangen, deswegen muss ich hier protestieren.
In einer anderen Kritik wurde das Album ziemlich runtergemacht, es hieß dort in etwa so: “Hier kann nur das schlimmste Kritikerurteil gefällt werden: Was für Fans.” Offensichtlich bin ich Fan genug, um das als Lob zu verstehen.
Hm, ich hab ja sozusagen durch die EXTREME Verzögerung (Derzeit etwa 60 CDs Rückstand zu «Jetzt-Zeit», argh) die Platte mehrfach hören können – und außer dem etwas nervigen Horse-Power-Effekt (Horse…Power…Horse…Power..) hab ich mir da nicht viel merken können. Es ist eine exzellente Einspielung (und am Fight-Club-Soundtrack könnte ich mir auch nicht einen Song merken), aber es ist eben kein klassischer Hit dabei, kein Ohrwurm, kein HeyBoysHeyGirls-Sample. Was gar keine große Kritik sein muss, so sind die Dinge nun mal. Mein Album des Jahres ist es eher nicht, aber es ist definitiv eine für die Grenzen des Projektes sehr herausragende Platte, die Live sicher unfassbar Spaß machen dürfte als geschlossenes Set.
Ich glaub, das mit der Verzögerung ist eher ein Vorteil. Wenn ich heute zurückschaue und überlege, welche Platten mich im letzten Jahr wirklich beeindruckt haben, dann weicht das doch vom Ersteindruck mächtig ab.
Das mit dem fehlenden Hit muss ich anerkennen. Für mich als Fanboy ist das aber auch irgendwie eine Message, a la: Chartshörer draußenbleiben! (polemisch formuliert) Das Album klingt, als wäre es jenseits aller Marketingstrategien von Fans dieses Sounds für Fans dieses Sounds gemacht. Die reine Chemical-Brothers-Essenz. Irgendwie so.
Und mein Ersteindruck von Further deckt sich ziemlich genau mit meiner Meinung nach gefühlten 10.000 Durchläufen.
Ich schätze, du bist da einfach objektiver ;)
muss mich hier toba anschließen. further ist ein super album und horse power ist mein steam maschine 2010 — alles andere als nervig ;)