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Charly Und Die Schokoladenfabrik

Man merkt Tim Burtons Filmen immer wieder an, daß er sich standhaft weigert, erwachsen zu werden. Filme wie Big Fish oder Ed Wood, wiewohl oberflächlich erwachsener, sind Loblieder auf das Kind im Manne, auf die unerstickbare Phantasie, mit der man albern wirkt, mit der man der Umwelt auf den Geist geht oder verlacht wird… die aber im Endeffekt bei Burton immer wahre innere Größe und Schönheit begründet. Wenn Burton über die beiden Eds (Wood und Bloom) erzählt, so berichtet er eigentlich aus der Befindlichkeit seiner eigenen Welt. Tim Burton ist dabei einer der wenigen Regisseure in Hollywood, die als Künstler fungieren, kein Zweifel. Ob Kinder- oder Erwachsenenfilm, Zeichentrick oder Realfilm, spekulativ oder eher realitätsnah, durch sein gesamtes Werk, begonnen mit Pee-wee’s Big Adventure, zieht sich ein roter Faden, narrativ wie visuell. Während die meisten anderen Regisseure eher dienstleisterisch an einen Stoff herangehen und einen Studiofilm machen, gelingt es Burton die verschiedensten Jobs so zu formen, daß sie seiner Vision gerecht werden. In den engen Parametern seiner Suche nach dem perfekten Film arbeitet Burton überraschend oft mit den gleichen Partnern vor und hinter der Kamera und generiert so – bewußt oder unbewußt – eine Serie, eine Perlenkette von Filmen, die mehr und mehr wie die Bilder in einer Schaffensphase eines Künstlers zu einem gesamten Werk verschmelzen. Das ist weniger Selbstzitat, auch nicht bloße/blasse Kopie älterer Werke, sondern spürbar eine sich zart vorwärts tastende Suche nach dem perfekten Burton-Film. Dabei werden mit den Jahren seine Einflüsse, seine Faszinationen und seine Vorlieben immer besser greifbar, immer ehrlicher. Nach dem reiferen Big Fish kehrt er scheinbar zu seinen Anfängen zurück, eben zu Pee-wee, und macht einen Kinderfilm mit Charly und die Schokoladenfabrik. Bereits Crew und Casting der Roald-Dahl-Verfilmung machen aber klar, daß dies kein Burtonscher Kompromiß-Film sein wird, wie etwa Planet of the Apes – Depp, Burtons Ehefrau Bonham-Carter, die hier absolut wunderbar ungewohnt nett wirkt, und natürlich der unverzichtbare Danny Elfmann, der Burton seit über 20 Jahren begleitet, bilden das Herz des Films. Daß Depp und Bonham-Carter auch The Corpse Bride als Voice Actors dabei waren, ist kein Zufall, sondern System der Burton-Fabrik. Auch der Oompa-Loopa-Mann Deep Roy ist bereits seit Planet of the Apes ein festes Mitglied von Burtons Crew, Christopher Lee seit Sleepy Hollow und so weiter.


Bei der Geschichte des armen Jungen, der im Schatten einer titanischen Schokoladenfabrik wohnt und mit vier anderen Kindern in Willy Wonkas Fabrik eingeladen wird, bleibt Burton nah an Roald Dahls Original, das er nur um die Backgroundgeschichte von Willy Wonka und seinem Vater ergänzt. Drehbuchautor John August ironisiert hier fast seine eigene Vater/Sohn-Geschichte aus Big Fish, und verleiht der an sich doch recht eindimensionalen Geschichte Dahls etwas mehr Konsistenz. Wobei Burton visuell aus der einfachen Geschichte ohnehin alles herausholt, was man herausholen kann. Hier vermengen sich – von der ersten Sekunde an – Burton-typische Elemente wie die irren Maschinen aus Big Adventure mit den Bauten für Batman, der riesigen Gummiente des Penguins aus Batman Returns, Einstellungen aus Edward Scissorhands und und und … mit Filmzitaten von 2001 (brillianter Lacher) und Metropolis über Esther Williams, Monthy Pythons, deutschem 20er-Jahre-Film, Björk-Videos (Human Nature) und zahllosen anderen Quellen zu einer Melange, die fast schon zuviel des guten ist… wie man das halt bei Schokolade und Süßigkeiten immer so hat. Selbst die Besetzung des Charly mit Freddie Highmore, die Inspiration für Peter Pan in Finding Neverland, wird so zum Filmzitat. Die Bauten, die digital duplizierten Oompa-Loompas, die surrealen Kostüme, die zumeist ausgezeichneten CGIs… jede Einstellung bietet einen Wow-Effekt. Die Special-Effects-Liste im Abspann ist nicht ohne Grund surreal lang. Wenn man den Burton von Scissorhands mag, den grellen Surrealisten, den energetischen bunten Bildermaler, nicht zuletzt den romantischen Comedian, ist man hier bestens bedient. In vielerlei Hinsicht kehrt Burton hier gereifter zu Themen von Scissorhands zurück. Nicht nur optisch erinnert insofern Christopher Lee an Vincent Price als The Inventor in dem Scherenhände-Film. In mancher Hinsicht ist dieser Film gegenüber Big Fish also eine Rückkehr zu «Burton Classic», nachdem Big Fish zeigte, daß auch die Fusion einer erwachseneren Erzählstruktur mit Burtons wilder Phantasie erfolgreich funktionieren kann – aber das hier ist natürlich tatsächlich ein Kinderfilm, der narrativen Strukturen wie sie in Fish verwendet werden, einfach nicht erlaubt. Das Maß, in dem die Linearität hier gebrochen wird, ist sicher schon das in diesem Kontext maximal machbare. Burton dreht die Not zur Tugend und setzt anstelle von inhaltlicher Tiefe auf visuelle Wucht – auf Film-as-Trip.


Und tatsächlich ist nahezu jede Szene ein Drogenerlebnis. Die Eichhörnchen, das Schlaraffenland, die völlig Kubricksche Szene in dem Teleportationsraum (bei der ich peinlicherweise im Kino schon anfing zu lachen, als das erstemal die Affen auf dem TV-Bildschirm erscheinen). Die wunderbaren Aufnahmen der bösen Kinder, die mit der geglätteten Haut, den grellen Farben, der Kleidung und den steifen Posen mit ihren Eltern wie wunderbar moderne Photographien wirken. Die genialen, opulenten, riesigen Sets, wie man sie in Zeiten von CGI immer seltener sieht. Jedes Detail, jede Einstellung ist so überreich an Eindrücken, daß man den Film nicht nur unbedingt im Kino sehen sollte (muß), sondern idealerweise auch gleich mehrfach. Es passiert so viel gleichzeitig an so vielen Stellen, daß man es beim ersten Sehen kaum erfassen kann. Neben burton ist nur noch sein geistiger Bruder Jean-Pierre Jeunet in der Lage, solche dichten Texturen in einen Film zu weben.


Während die meisten solcher Effekt-Filme aber eben reinen Overkill-Manierismus bieten, fängt Burton in seiner Orgie der Bilder und Zitate tatsächlich mehr ein als nur bloße Oberfläche. Wer will, darf Tangenten und Ideen finden, die sich unaufdringlich, fast beiläufig anbieten. Wenn Willy Wonka, der grünlich-blaßhäutig, dürre, mit Make-Up und digitalem Weichzeichner zum androgynen Twen mutierte Johnny Depp , die schwarze Sonnenbrille aufsetzt, umgeben von Kindern… wer denkt da nicht an Michael Jackson, bei der surreal wilden Welt der Schoko-Fabrik an Neverland? Die vollautomatisiert laufende Fabrik, in der keine Menschen arbeiten, weil Wonka Angst vor Spionen hat, während die ehemaligen Angestellten in Armut leben – werden da nicht, wenn auch platt, Thematiken der Rationalisierung aufgearbeitet? Und so zieht sich das durch – der Film liefert genügend lineares buntes Treiben, um als Kinderfilm bestens zu funktionieren und mehr als genug Zitate, Anspielungen, Boshaftigkeiten, Ambivalenzen, um für Erwachsene ein Fest zu sein. Seit der Musik von Múm habe ich einen solchen eleganten Brückenschlag nicht mehr erlebt. Das ist nicht zuletzt Depp zu verdanken, optisch zwischen Steven Tyler und Audrey Hepburn verortet, dessen surreales divaesques Minenspiel (das teilweise wie rückwärts gefilmt wirkt und vom digital nachbearbeiteten Gesicht zusätzlich unterstrichen wird) der Figur des Willy Wonka eine seltsame Multivalenz gibt, die sie bis zum (vorhersehbaren) Happy End des Films fremd und unverständlich, amoralisch entrückt, macht. Gegenüber den anderen, kunstvoll zum Klischee verkürzten Figuren, entsteht hier eine grandios schalkhafte Tiefe, die lange Zeit völlig offenläßt, was es mit dem Crazy Chocolatier nun auf sich hat.

Natürlich ist der Film zunächst und vor allem ein visuelles Erlebnis, die konsequente Entfaltung des Kinos als Bombastmedium. Und das ist – zumal in den Händen von Tim Burton – nichts schlechtes, sondern die konsequente Einlösung des Versprechens des postrealen Kinos. Hier verschmilzt wie sonst selten die irrlichternde Phantasie eines Künstlers mit dem Potential des computergenerierten Bildes. Wo andere CGI-lastige Filme bleiern und steril-langweilig wirken, weil selbst die perfektesten Bilder nur die begrenzte Phantasie von Autoren und Regisseuren widerspiegeln und lediglich multiplizieren, entfaltet das Duo Dahl und Burton mit den Chancen der neuen Technologien ein wunderbares, quirliges Pop-Musical, einen überwältigen nervösen Mix aus kulturellen Fragmenten, mentalen Sprüngen, visueller Leidenschaft. Es ist der Triumph des Bildes und der reinen Phantasiekraft über die «Geschichte» und das rationale, lineare Verstehen. Was bei anderen Filmen als Kritik zu deuten ist – post-narrativ, post-historistisch, postmodern und so weiter –, ist hier reinstes Lob, denn die schiere Irrwitzigkeit jeder einzelnen Szene wird Dahls abstrusen Einfällen ausnahmslos gerecht und macht dies zu einem der wahrsten und wahrhaft entfesselten Kinderfilme, ohne Moral, ohne Über-Ich, ohne Pädagogik: anarchisch, böse, niedlich, schrill, poppig. Candy eben. Seien wir also dankbar, daß Tim Burton sich weigert, erwachsen zu werden.

14. August 2005 12:55 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.

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