Das Buch an sich ist vielleicht weniger der Rede wert… Charlie Hustons erster Teil der Hank-Thompson-Trilogie ist ein energetischer, kurzatmiger Thriller um einen versoffenen Ex-Baseballspieler, der Hals über Kopf zwischen die Fronten zweier ziemlich entschlossener Diebesbanden gerät. Thompson, eine Art Extremfall des amerikanischen Down-on-his-Luck-Antihelden-Modells, wird von Huston glänzend-ekelig inszeniert, das erste Kapitel ist fast meisterhaft voller literarischer Blue Notes und auch wenn das Buch diesen fast an Bukowski erinnernden Härtegrad leider nicht näherungsweise durchhält, gelingt Huston ein Buch, das im besten Sinne an einen Guy-Ritchie-Film erinnert: Dreckig, biestig, extrem witzig, mit viel Blues und Jazz und Rock in der Seele und mehr als reichlich Blut an den Händen. Die schiere Tour de Force ist hochspannend geschrieben und hat über den reinen üblichen Paperback-Thriller-Kick hinausgehend einige schriftstellerische «Quirks», wie etwa Hustons Methode, durch rasante Zwischenschnitte Verwirrung und Unsicherheit in seinen Text zu bringen und den Leser so ins Geschehen und in den Kopf seines Protagonisten zu rücken, die über die übliche Bahnhofs-Massenware hinausreichen. Caught Stealing ist adrenalin- und testosteronschwangerer Pulp, und das mit vollem Genuß, und wie der Autor seinen Protagonisten langsam vom Loser zum Killer wandelt, ist bemerkenswert in diesem insgesamt oft steinkalten und gnadenlosem Buch, in dem nichts und niemand sicher ist und man am Ende sogar um die Katze bangt, weil man Huston gegen Ende jede Grenzüberschreitung zutraut.Bemerkenswerter ist aber die Package: Caught Stealing (sowie die beiden anderen Bände der Trilogie und einige andere Bücher) gehören zu den von Random House für den iPhone-Reader Stanza gratis zur Verfügung gestellten Büchern des Verlages, und nach etlichen Kurzgeschichten und Novellen ist der Roman das erste «echte» Buch, das ich auf dem iPhone lese. Einem Gerät, das technologisch etwas subideal ist als Reader, weil es ein aktives Display hat, das man vor allem in dunklen Räumen gar nicht dunkel genug drehen kann und trotzdem noch Blendeffekte hat (selbst schwarzer Background mit weißem Text hilft kaum), während tagsüber die spiegelnde Glasoberfläche nervt. Die Seiten sind zu klein, Schrift entweder zu klein oder die Zeilenlänge falsch, und das iphone selbst ist einen Hauch zu unhandlich, um gefühlt als «Buch» durchzugehen. Ganz zu schweigen von der sehr realen Angst, wenn man spätabends in der Badewanne liegt und schmökert, was eigentlich passiert, wenn man einnickt und nicht ein Buch, sondern ein teures Elektrogerät ins Wasser fällt. Ähnlich wie Kindle, Sony und Co wird einem schnell klar, dass das «echte» Buch immer noch das beste und robusteste Interface hat, wenn man einfach nur lesen will. Tatsächlich geht das Lesen im Dunkeln, egal was man macht, nach einiger Zeit sogar so extrem auf die Augen, dass man einen Ghosting-Effekt hat, der bleibt, nachdem das Gerät abgeschaltet ist und die Augen aktiv etwas wehtun. Wenn Apple es mit dem «MacTablet» wirklich ernst meint als Reader, muss hier noch einiges passieren.Aber: Ironischerweise liest man mehr. Die Stärke des iphones ist ja nicht, dass es irgendetwas besonders gut kann – nahezu jede einzelne Funktion des Gerätes oder irgendwelcher Apps lassen sich besser durch andere Lösungen realisieren – sondern dass es ein Universaldilettant ist und vor allem immer dabei. Was bedeutet, das man nicht nur immer eine Kamera oder das Internet oder ein Spiel oder sein Social Network dabei hat, sondern auch immer seine Comics oder Bücher oder Hörbücher. Immer. Was tatsächlich zu Konflikten führen kann – hört man nun Musil Remixed (großartiger Podcast von Bayern 3) weiter, liest man das Fahrenheit 451-Comic oder doch Hustons Buch? Ganz abgesehen von der analogen «Konkurrenz», Blogs, eMails. Die mediale Überflutung ist in Form des iPhones, durch die Reduzierung auf ein einziges Endgerät, irgendwie greifbarer geworden und wird über kurz oder lang einen Gegentrend anfordern, der wieder Ruhezonen schafft (Dinge wie der Ommwriter sind da eine Vorstufe). Dennoch: Die permanente Verfügbarkeit eines Buches, zumal eines Thrillers, erhöht die Lesefrequenz ungemein. Im Wald, bei terminlichen Wartesituationen, am Ende sogar während des Spazierengehens mit dem Hund, spätnachts im Bett (ohne Licht anhaben zu müssen – das ist gar nicht so schlecht, wenn der Partner schlafen will), im Extremfall an der Supermarktkasse. Das iphone macht alle ubiquitär, ergo auch das Buch. Ich bin nicht sicher, ob das Medium technologisch auch für schwierige oder komplexe Texte geeignet wäre, weil der Ablenkungsgrad höher und der Lesekomfort bedeutend niedriger ist – aber für einen schnell wegzulesenden Straßenfeger wie Caught Stealing, bei dem große Teile der Handlung und Dialoge vorhersehbar sind, reicht es allemal.Tatsächlich muss ich sagen: Wenn die technologische Lösung erst einmal etwas ausgereifter ist und sich augenfreundlicher gibt, fände ich einen Sprung weg vom Papier für mich gar nicht so unattraktiv. Mit zunehmenden Alter ärgern mich die sich ansammelnden Berge von Zeug, die CDs, die Bücherkisten, die Longboxen voller Comics, der ganze Kram, den man durchaus braucht und liebt (die Inhalte zumindest), aber der so bleiern und sinnlos ist (die sperrigen Trägermedien).Nachdem ich mit allen dazugehörigen Phantomschmerzen und einer guten Portion «Wieso gibt es hier kein Booklet mehr?»-Frustration den ziemlich umfassenden Sprung zur komplett digitalen Musiksammlung hinter mir habe, ist es eigentlich nach einer Weile angenehm, wie unkörperlich die Sache ist. Genau das, was Vinylpuristen bemängeln – da IST ja gar nichts mehr – erweist sich als Vorteil, Musik wird leicht und mobil. Bei Comics zeichnet sich das fast drastischer ab. Was auf Papier vier Longboxes füllt – etwa die gesammelten Fantastic Four – nimmt auf der Festplatte nur ein paar GB weg, ist stets verfügbar, riecht nicht nach Keller und ist immer richtig sortiert. Das ist noch in den Kinderschuhen, weil es eigentlich keinen sinnvollen Reader für Comics und Bücher gibt, aber selbst in dieser frühen Phase fallen die Vorteile (und Nachteile, denn virtuelle Comics haben natürlich keinerlei Sammelwert und sind auch irgendwie deutlich herzloser) deutlich auf. Unverständlich ist mir allerdings, warum eBooks so teuer sind – Preisbindung hin oder her, das ist logisch nicht erklärbar und zeigt eher eine (absolut verständliche) Bockigkeit der Verlage beim Wechseln der Medien… was zumindest der Buchhandel auch begrüßen dürfte, denn ein sich breit durchsetzendes eBook dürfte den Mittelsmann im Sortiment ganz schön beuteln (hierbei wahrscheinlich die großen Filialisten mehr als den Vor-Ort-Buchhändler, dessen beratende und selegierende Funktion viel viel ausgeprägter ist und der auch ein anderes Publikum hat).Rückblickend ist es bemerkenswert, wie der iPod (und die ihn umgebenden Technologien) unsere Hörgewohnheiten verändert hat. Ich habe wenig Zweifel, das iPhone, Tablet & Co das gleiche mit unseren Lesegewohnheiten (ganz zu schweigen von Film und Web und Spielen und Musik….) gelingen wird. Chip Kidd bemängelte letzthin, wie sehr Amazon das Cover-Design beeinflussen würde – weil ein Buchumschlag heute auf 240 x 240 Pixeln lesbar funktionieren muss. Spannend wird vor diesem Hintergrund, wie der kulturelle paradigm shift, der sich durch eReading anbahnt, seinen (und unseren) Job weiter verändern wird.
3. Dezember 2009 08:56 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag Crime. 3 Antworten.
schöner Beitrag :–)
Fahrenheit 438? Lass mich nicht doof sterben :-) Schöner Beitrag!
Aiiii… oh Jesus. Und das ich als Bradbury-Fan. Sorry, das übliche Schreiben-ohne-es-danach-zu-Lesen-nach-mir-die-Sintflut-Phänomen.
Tausend Dank für den Hinweis!