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The Readers

You hear all this whining going on, “Where are our great writers?” The thing I might feel doleful about is: Where are the readers?

R.I.P. Gore Vidal, »What I’ve learned«, Esquire

Don’t be rotten

When we kill our desires we stink like any corpse
Harold Norse

Change

Things as fragile as a thought, a dream, a legend, they can go on and on… You can change the way people live their lives. That’s the only lasting thing you can create
Chuck Palahniuk

Burn fast

You don’t burn out from going too fast. You burn out from going too slow and getting bored.
Cliff Burton

The loaded gun

Giving me a new idea is like handing a cretin a loaded gun, but I do thank you anyhow, bang, bang
Philip K. Dick, 1978

Future Past

The future for me is already a thing of the past
Bob Dylan

Geschmacksache

Architektur ist Geschmackssache. Und ich meine damit den Geschmack als eine Form sozialer Intelligenz. Immanuel Kant sprach von einem »sensus communis«, von einem Gespür für das, was viele Menschen verbindet. Nur ein Architekt mit einem solchen Sensus wird ermessen können, wie seine Gebäude ankommen, welche Rücksichten sie nehmen, welche Konventionen sie negieren sollen.

Hanno Rauterberg: »Und davon soll ich träumen?«, Zeit 28/2012

Sehr schöner Artikel, aber in diesem Part gefällt mir, wie nahtlos man »Architekt« durch Designer, aber auch durch zahlreiche andere Berufsbezeichnungen ersetzen kann.

Scream your life

I wish I could find people who just would fight me and break through to me and hold me down and scream their life into my face…

Angelina Jolie

Propelled

The truth is that our finest moments are most likely to occur when we are feeling deeply uncomfortable, unhappy, or unfulfilled. For it is only in such moments, propelled by our discomfort, that we are likely to step out of our ruts and start searching for different ways or truer answers.

Morgan Scott Peck

Yes

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The life without color

The life where nothing was ever unexpected. Or inconvenient. Or unusual. The life without color, pain or past.

Lois Lowry, The Giver

The right way

If you don’t do it the right way now, it’ll never be what it should be – and it’s there forever

Robert DeNiro «What I’ve learned» Esquire 01/11

Something inspired you…

Everybody says: «I created that». Well, what do you mean you created that? Something inspired you, something led you down that path, something pushed you forward and you discovered it. You realized it, you put it together, but did you really create it?

Awareness, inspiration, interpretation, evolution.

Thomas Keller, GQ Magazine (US)
Juni/Juli 2011

3D2D

Liebe Kinobetreiber,
Ist es wirklich – wirklich – wirklich eine gute Idee für die neue dreidimensional aufgebügelte Zweitverwertung von «Titanic» in einem stinknormalen 2D-Trailer zu werben? Weil… So richtig anders sah das jetzt nicht aus.

Verwirrte Zahnbürste

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von Kirsten, merci :-D.

Great Spamifications

GrьЯe,

Ich bin Herr Peter WT glьcklich Saun mit Kindern und einer der Leiter der Hang Seng Bank Limited hier in Hong-Kong verheiratet, ich habe ein Geschдft Vorschlag von US $ 25.500.000 Million fьr Sie, mit mir von meiner Bank zu behandeln.

Sollten Sie interessiert sein, senden Sie mir die Informationen der

1.Full Namen
2.Age
3.Occupation,
4.Private Telefonnummer,
5.Current Wohnadresse.

Ьber diese E-Mail-Adresse: –––

Ihre frьheste Reaktion auf dieses Schreiben wird sehr geschдtzt werden.

Reim dich oder ich fress dich

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Mnemotechnisch einfach viel besser als richtig geschrieben. Vor allem, wenn man es sich mit etwas Chico-Marx-Akzent gesprochen denkt.

Faxart

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Das kam gestern tatsächlich so aus dem Fax hier und gefiel mir bestens… Instant Carson.

Visual Narration

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Auf der Suche nach Bildern von Lucien Clergue bin ich auf einem russischen Liveblog über dieses Photo gestoßen, dass wohl von Helmut Newton stammt. Obwohl ich Newton technisch und in seiner Faszination für seine eigenen Fetische hinreissend finde, bin ich oft irritiert von seinem Frauenbild (wiewohl er das ja auch oft genug ironisch bricht und man sich fragen muss, ob seine Models nun voyeuristische Objekte sind oder Prototypen eines neuen «starken» Frauentypus, den Newton weit vorweg genommen hat und früh mit den üblichen Frauenbildern brach) und der gar-nicht-so-subkutan-faschistoiden Tonalität seiner Bilde, ist dieses Photo ein makelloses Beispiel von photographischer Erzählung. Die Farben, das Licht – perfekt. Das fast monochrom-herbstgrünliche Umfeld, so trist und urban-isoliert, zugleich zu leer und zu voll. Der Dreck auf dem Balkongesims. Der umgekippte wunderbare Stuhl. Der Aschenbecher, die Eiswürfel. Das rote Handtuch, das dein Auge unweigerlich ins Bild zu saugen scheint. Die Körperlage, der Kopf, die wunderbaren Haare, der steif angewinkelte Arm, die Balance zwischen Anspannung und Schlaffheit – es ist nicht einfach, so perfekt Beiläufigkeit zu inszenieren. Aber hier gelingt es, uns so erzählt das Bild jedem Betrachter eine andere Story, von tragischen Unfällen oder von Suizid, es stellt unlösbare Fragen… warum bei diesem Wetter nackt auf den Balkon gehen? Warum mit so perfekt gemachten Haaren? Wie konnte sie so fallen, dass der Stuhl auch umkippt, hat sie sich festzuhalten versucht? Unweigerlich, wie immer bei Photographien, springt der Geschichtenerzählter im Kopf an, der aus wenigen Details und Hinweisen – je weniger, desto besser – eine plausible Geschichte zu erfinden versucht, weil das Gehirn anscheinend mit dem Rätselhaften von reinen Standbildern nicht koexistieren kann, das Vakuum füllen muss. Selten ist diese Eigenart so wunderbar ausgenutzt wie hier – ich muss dabei eigentlich auch sofort an Grace Coddington denken, die mit den verschiedensten Photographen ja auch immer wieder ähnliche Tableaux Vivants über die Jahre produziert hat.

Motivationsmusik

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Läuft ab jetzt nonstop im Büro, wenn jemand gute Arbeit gemacht hat (also natürlich immer): Markus Reyhanis «Das hast du gut gemacht» aus Rubys Wintergarten. Gibt’s hier.

Altes Paar

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Im Wald vor mir geht dieses alte Paar. In diesen seltsamen, eigentlich wunderbaren, monochromen und formlosen Kleidern, die alte Leute noch tragen, zweckmäßig, gemütlich, geerdet. Sie schwanken und wackeln etwas beim Gehen, hin und her, immer zu einander, weil sie im gleichen Takt gehen, seine Schulter berührt kurz ihre dabei, wie ein Spieluhrenpaar, hin und her, in einem schon fast hypnotisch langsamen Rhythmus, der traurig ist und süß und rührend. Von hinten ist schwer zu raten, wie alt sie sind, vielleicht 70, vielleicht 90. Und sie halten Händchen, schunkeln hin und her, und halten Händchen und sind bald um die Ecke verschwunden. Genau so muss man alt werden, denke ich. Hin und her, aufeinander zu schwankend. Und Händchen haltend.

Mehr als 1000

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Die stets kluge Bildredaktion des Spiegel beweist erneut, dass Photos oft mehr sagen – oder andere Dinge sagen – als Worte und lässt zwei Bilder quasi gegen ein recht unverfängliches Interview mit Linke-Chef Gregor Gysi laufen, die allein durch ihre Körpersprache mehr sagen als der gesamte Text drumherum, über Beziehungen, über Führungskämpfe, über Kommunikationsprobleme. Keine Frage – solche Photos können täuschen und sollen natürlich auch einen bestimmten Zustand suggerieren und gefrorene Momente geben nie wirklich kommunikative Zustände wieder – aber im Hinblick auf Text-Bild-Schere hat der Spiegel hier großartig mit den Bildern aus dem WAZ Pool und von Michael Gottschalk operiert.

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Colour your Apocalypse

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Es ist einfach nur phantastisch, dass sie in den 70ern aus dem Untergang der menschlichen Zivilisation ein fröhliches Kinder-Bildermalbuch gemacht haben, in dem die Kids sich eine Welt, in der die letzten verbleibenden Menschen wie Tiere gejagt und getötet werden, schön bunt ausmalen können. Wo bleiben da heute die The-Walking-Dead-Malbücher?

The Shape of Speed

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Quasi als Memo für mich selbst, aber auch ansonsten spannend: Carmen Infantinos Methode, die Geschwindigkeit des «Roten Blitzes» Flash beim Laufen darzustellen, als quasi-stroboskopische Ansammlung von Nachbildern, die uns wissen lassen, dass Flash zu schnell für das menschliche Auge läuft, als fleischgewordener Film ein Nachfllickern, eine Vibrationsspur hinterlässt. Physikalisch, wie so vieles bei Silver-Age-uperhelden der reine Unsinn, wobei die ganze Idee hinter einem Mann, der offenbar frei von Reibungshitze und Luftdruck mit Überschallgeschwindigkeit laufen kann, ohne dabei zu ersticken, erdrückt zu werden oder doch mindestens ein Heer von Fliegen zwischen den Zähnen hängen zu haben, ist der Flash trotzdem eine Metapher für das Zeitalter seiner Erschaffung, für Tempo und den unbändigen amerikanischen Vorwärtsdrang der 50er/60er Jahre, für Weltraumträume und die Ästhetik der Sixties, die aus jedem Auto gleich eine erektile Pseudorakete machte. Eins der besten Kostümdesigns, das jemals ein Superheld trug, in dieser schlichten, design-affinen Art, in der DC die neuen Helden der 60er schuf (Infantino den Flash, Gil Kane Green Lantern), schlank, fluide, ohne jedes unnötige Extra – was für Superman das Cape und Batman die Maske ist für den Flash der visuelle Slipstream, die Speedlines, die fester Teil seiner visuellen Identität und somit seines Kostüms sind. Bis heute inspirierend und bei aller Kopie unerreicht in Eleganz und Langlebigkeit – ein Superheld, als sei er von Hans Gugelot entworfen worden.

Lemurade

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»Wenn das Leben dir Lemure gibt, mach Lemurade daraus.»

Everything’s gone green

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In den großen Städten sollte man die Häuser so bauen, dass man Samen in die Wände drücken kann. Aus dem Betonhumus sprießen neue hängende Gärten und während wir durch die Straßen gehen, können wir die Hände im Gras kühlen und Früchte stehlen. Die Kaninchen Klammern sich verzweifelt ins Vertikale, in den Fenstern in den oberen Stockwerken sieht man die Hausfrauen hervor gebeugt bei der Ernte. Braun und kahl im Herbst wirken die Häuserzeilen wie zu einem Prozess angetreten, dessen Richter zu lange auf sich warten lässt – aber welche Erleichterung nach dem Freispruch im Frühjahr, in diesen grünen Städten.

Mistral

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Wir hatten ja heute eine kleine Diskussion im Büro, bei der ich meinte, im Zuge des Revivals nahezu jeder schlimmen 90s-Schrift müsste man doch auch wieder die frühen Bitstream-CorelDraw-Unsagbarkeiten aus der Kiste holen, etwa die Mistral. Die überraschenderweise kaum jemand hier kannte und als ich sie online zeigte, hab es betretenes Schweigen. tatsächlich habe ich an die Mistral warme Erinnerungen – sie ist eine dieser Plakatschriften deren Name allein schon französische Urlaubsgefühle aufkommen lässt… und tatsächlich gehört sie ja in die Riege der Excoffon-Antifonts, die derzeit wieder en vogue sind, wie auch die Choc. Es ist die Signatur einer untergegangenen Werbeepoche – und für mich seltsamerweise auch der achtziger Jahre – und weil es keine schlechten Schriften gibt, habe ich sie wieder herausgekramt. Zwei Minuten Arbeit, Photo ein Work-Screenshot von Phillp Ottendörfer…, alles durchaus ironiefrei zusammengebaut… und ich finde, die Mistral geht irgendwie tatsächlich auf diesem fiktiven Buchcover. (Das Design geht natürlich nicht, ist aber nur fix zusammengebaut). Ich muss mal wieder die alten Corel-CDs herauskramen :-D. Und mehr Buchcover machen, anscheinend – eigentlich sehr nett, mal in fünf Minuten etwas zusammenzubauen anstatt an langen Projekten zu sitzen. Designer-Quickie, so ein Buch. Tatsächlich vergessen wir aber oft angesichts der ernsten und funktionalen und reduzierten Schriften, mit denen wir alltäglich alle arbeiten, wieviel Spaß die wenn auch etwas wirsche Schriftenvielfalt am Anfang des digitalen Zeitalters gemacht hat – als die Fonts noch mies waren und uralte Zeitgeist-Displayschriften massenweise auf den Markt kamen bzw in den neunzigern diese grandios schlechten Techno-Schriften aufkamen. All das macht auch einen Teil des Spaßes an der Arbeit mit Schrift aus.

(Und sorry für die zwei Wochen Sendepause, so much to do)

Dummy Image

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Werbedisplay im Einkaufszentrum – place your ad here.

Strg C Strg V

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Trotz medialer Überflutung zum Doktorarbeits-Thema und keiner Zeit, wirklich was zu schreiben, schnell ein paar flüchtige Gedanken als Spiegelstriche, ums notiert zu haben:

Kann man etwas mit großer Geste zurückgeben, auf etwas verzichten, was einem gar nicht gehört bzw. zusteht?

Reicht das als «Sühne»? Heißt das ergo, dass ich in Zukunft als beim Diebstahl erwischter Bankräuber einfach die Geldsumme zurückgebe («ich verzichte auf das Geld») und damit hat es sich? Oder müsste da nicht eigentlich noch mehr passieren.

In der Musikbranche nennt man das Sampling. Und Hits, die zu 75% aus anderen Songs bestehen, sind da gar keine Ausnahme. Nur: Es fließen heutezutage eben Lizenzgelder.

Man darf gar nicht darüber nachdenken, dass Jürgen W. Möllemann – seinerzeit eines der Vorzeigeexemplare von Karrierepolitiker, die vor Verquickung von Amt und Business keine Angst hatten und durchaus am Sessel zu kleben gedachten – wegen einer Schleichwerbung für die Firma seines Vetters auf dem Briefbogen des Wirtschaftsministeriums zurücktreten musste. Wegen eines Einkaufschips, also. Aus heutiger Sicht wirkt Möllemann, der aufgrund des hohen medialen Drucks auf das Wirtschaftsministerium und die Vizekanzlerschaft verzichtete, damit förmlich hochanständig.

Ablenkung ist die Basis aller Magie. Jeder redet von dem Laien zumindest doch vergleichsweise lässlich erscheinenden Plagiat, keiner redet mehr über die Gorch Fock oder Afghanistan oder Soldaten, die sich warum auch immer gegenseitig abschießen. Die Thematik der Doktorarbeit ist insofern auch ein phantastisches Nebelmanöver – das Thema ist nachvollziehbarer und massentauglicher als komplexe militärische Prozesse, zugleich das Skandalpotential geringer. Vor allem erlaubt der Themenschwenk es dem durchschnittlichen Bild-Leser, sich mit dem Verteidigungsminister zu solidarisieren – «jeder hat doch schon mal abgeschrieben». Schon George Bush wußte, wie wertvoll ein «Aw shucks, IÄm just one of y’all folks» sein kann. Abkupfern lässt sich aus Bürgersicht als Kavaliersdelikt abtun, obwohl genau das freilich eben hier keines ist – und von tatsächlich wichtigeren Themen redet kein Mensch mehr, auch die Medien nicht.

Es geht natürlich nicht ums «Abschreiben». Es geht um das recht durchschnittliche Maß unserer Politiker heute: Mehr Schein als Sein, etwas «Besseres» sein wollen ohne die Substanz dazu, Titelhuberei und vor allem: Nie mehr zugeben als sowieso schon absolut zweihundertprozentig bewiesen ist. Was sich als Ausnahme von diesem Betriebszustand generieren wollte, entpuppt sich nun als der scheinbare Prototyp des Berufspolitikers – und das haben die vielen Leute, die in diesem Beruf mit Herz und Seele dabei sind und sich einsetzen irgendwie nicht verdient.

Muss man seine eigene Doktorarbeit noch einmal «lesen», um zu wissen, wo man ganz eindeutig plump abgeschrieben hat? Also nicht, wo man sich vielleicht hat zu einem eigenen Text inspirieren lassen oder eine Art Idee aufgegriffen hat, sondern wo man 1:1 kopiert und minimal umformuliert hat? Das weiß man doch selbst nach Jahren noch, das ist nämlich keine Unachtsamkeit, sonst würde man sich ja nicht die Mühe machen, den O-Ton durch ein zwei minimale Eingriffe zu «tarnen». Verdienen jetzt denn schon wirklich die Ghostwriter so wenig, dass selbst die schon plagiieren müssen? Und kann man sich den Titel nicht im Zweifelsfall irgendwo in Südamerika billiger besorgen? Ich jedenfalls krieg das permanent nachts per Fax angeboten ;-).

Haben Doktorväter denn wirklich kein Google?

Zugleich enthüllt sich ein Apparat, der auf die Titel wert legt, aber deren «sauberes» Erlangen durch individuelle Überforderung nahezu unmöglich macht. Wenn ein System auf immer jüngere Karrieristen geeicht wird, darf es sich nicht wundern, wenn diese schludern und schummeln müssen. Wenn Karriere das einzige Ziel einer Doktorarbeit ist – also es im den sozialen, nicht intellektuellen Wert des Titels als solchen geht -, dann schlummert hier seit langem ein tieferliegendes Problem, das Bildung und Schule und Universitäten und Abschlüssen per se völlig falsch bewertet. Die schleichende Entwertung von Bildung als Selbstzweck und Wert-an-sich findet in diesem Fall einfach nur eine besonders populäre Galionsfigur.

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Reduziert sieht ALLES besser aus.

Sucking Blood

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Gerade wenn man denkt, Edgar Lipkis Masche durchschaut zu haben, wechselt er sie einfach. Während seine grandiosen Hörspiele meist sonst einer Art Pattern folgen, einander bei allen Unterschieden so ähnlich sind, als wären sie Elemente eines größeren, übergreifenderen Werks, ist «Sucking Blood» in fast jeder Hinsicht zunächst völlig anders. Die hypnotische, tranceartige Ruhe von Lipkis Arbeiten weicht hier einem hektischen Beat, einem zuckend nervösen Stakkato von Eindrücken, die auch nach dem inzwischen sechsten Hören kaum zu durchdringen sind, auf dich einprasseln wie Alis Fäuste am Ende in Zaire auf den armen, müde geboxten Foreman, wie Fäuste auf rohes Fleisch. In manischen Bahnen, an der Grenze dessen, was du nachvollziehen kannst, spinnt Lipki Fäden zwischen Kapitalismus und Vampirismus, zwischen Roadmovie und Blues, Pop, Faschismus und Kino. Die vielstimmige Kakophonie erinnert dabei seltsam oft an Schlingensief und Kamerun, an die Lipki sonst so gar nicht erinnert, an die schnell vorbeizuckenden Flimmerschnipsel von deren neongrellen Grotesken – das Verblüffende ist, das LIpki im Zitat die Vorbilder überrundet, besser montiert, freier schneidet, härter mischt, lyrischer schreibt. Im Stroboskopengewitter seiner Worte bist du als Zuhörer seltsam allein und überfordert, so als würdest du zu 280 bpm tanzen sollen, und so löst sich im Rausch der Verwandlung von Worten zu Fetzen der Kontext Hörspiel in etwas ganz Anderes auf… was selten gelingt, wenn ein Hörspiel bewusst durch Musik und Text versucht, dich zu verwirren und mesmerisieren versucht. Meist wird das peinlich – und Lipki schrammt mit seinem Flieger oft verdammt dicht an den Baumwipfeln des zu gewollten, mein Lieber – aber hier kriegt der Autor in seinem halsbrecherischem Tempo immer und immer wieder die Kurve, wenn du denkst, es schmeißt ihn endgültig aus der Achterbahn. Wenn er Kraftwörter benutzt, die im Deutschen seltsam peinlich nach Wollschläger und Wondratschek klingen, nach falsch übersetzem Hollywood, wenn er seinen Roadmovie nach Kamen und Unna bringt, wenn er Schygulla und Vogel und Transvision Vamp (!) auf die Bühne wirft und mit Textzitaten kreuzt, wenn im Blender seiner Hörspiel alles und jedes gnadenlos zerschreddert und vermixt wird, dann müsste das eigentlich am Ende eine ziemlich gequirlte Scheiße sein – und doch ist es das nie. Lipki führt selbst Regie, wie immer kompetent musikalisch begleitet von Joker Nies und Ernst Gaida-Hartmann, und so ist es am Ende eben doch ein Lipki-Stück, nur unter anderen Vorzeichen. Seine Themen sind alle da, die Manie, der Faschismus, die Deutsche Geschichte, Amerika, Media, Simulacra, der kulturkritische Rundumschlag aber diesmal ist das Ergebnis ein manisches Musical. Ein Tanz der Vampire, das überreizte Thema endgültig bis zum Bersten überdehenend, so wortreich, so O-Ton-reich wie Lipki selten war, als sei er von den fast homerecordinghaften Schnipseln seiner ersten Hörspiele nun bei dem großen Gestus angekommen. Die Andeutungen, die Zitate, die wunderbar grinsende coole Klugscheißerei, die Selbstironie und irgendwo tief darunter eben auch die Ernsthaftigkeit – das ist großartig.

Und langfristig? Ehrlich gesagt, hab ich keine Ahnung, ob ich das am Ende so ganz nahtlos/bruchfrei nur gut finden kann. Nicht das Hörspiel an sich, das phantastisch ist, die Richtung… Wo vorher eine unbedingte, unverwechselbare Handschrift, eine Einzigartigkeit da war, klingt es jetzt eben nach anderen Autoren, bis an die Grenze, dass man bei der Jürgen-Vogel-Szene von Herbert Fritsch schon überlegt, wo verdammt noch mal man genau die Stimme fast genau so schon einmal gehört hat. Als Bruch, als Wandel ist «Sucking Blood» grandios, die Art, wie Lipki fast als Handpuppen den Stil zig anderer deutscher Hörspiele auf die Bühne scheucht und jedes Stilmittel der letzten Dekade kurz einmal steppen lässt. Das ist atemberaubend, fast wie eine Reinigung, wie ein Selbstversuch, als wolle der Autor selbst sehen, ob er das kann, ob er’s drauf hat, nicht wie einige, sondern am besten gleich wie ALLE anderen zu sein, gleichzeitig. Und er kann – «Sucking Blood» bedient sich, selbst ein Vampir, am Blut anderer Hörspiele, saugt wie Nosferatu mal hier einen ästhetischen Kniff, mal dort eine Idee, und Gott, wenn das nicht zum Thema passt, was sonst. Auch als Ausbruch aus einer vielleicht zu eng geworden Film, als Rebellion gegen sich selbst, überzeugt das 100%, der Bruch im Oeuvre, der Phasen abschließt und neue Dinge ermöglicht. Kein anderes Hörspiel von Lipki ist so körperlich erschöpfend und zugleich so vieldeutig-eindeutig, so wenig offen für eigene Assoziationen, so brutal und LED-hell. Es wird spannend sein zu sehen, ob Lipki bei diesem neuen Stil bleibt, ob er im Zitatenwald noch ein paar Bäume schlagen will, oder ob die Reise zu seinem «eigenen» Sound zurückführt oder ob das Schiff zu einem ganz anderen Ufer ablegt. Keinen Zweifel aber lässt «Sucking Blood» daran, dass Lipki ein stilistisches Wunderkind ist, mit Texten so dicht, dass man sie sich gedruckt wünschen würde, mit einem Talent, bei dem man sich fragt, warum kein Theater den Mann verpflichtet – ich jedenfalls würde zur Premiere einfliegen.

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All Tomorrow’s Parties

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Ich war am vorletzten Samstag auf einer Hochzeit. Nicht als Gast, als Zaungast. Die geschlossene Gesellschaft war keineswegs geschlossen, von der Balustrade der Bar konnte man herabblicken auf die überschaubare Hochzeitsgesellschaft, die zu Best-of-the-80s-Musik tanzt. Fast hypnotisierend ist dabei die Beamer-Diashow, die überlebensgroß Photos aus dem Leben des Brautpaars aus eine Wand wirft. Nach 15 Minuten kennst du die beiden, ohne sie zu kennen. Sie lieben Hunde, wandern mit robusten Rucksäcken und wetterfester Kleidung, machen Inselurlaub, haben ein Kind, photographieren gern und zumindest semi-professionell, ihre Haare waren früher länger und braun, heute ist es ein pragmatischer blondierter Kurzhaarschnitt, er trägt zur Nickelbrille einen Look, der an einen gereifteren Peter Lustig mit mehr Haaren erinnert, die Haare werden auf den Bildern länger und grauer, ein niedlicher Hund erscheint in immer mehr Bildern und macht Kunststücke, Freunde, Erlebnisse, Urlaube und intime Momente huschen in meist sehenswerten Photos an uns vorbei. Nach einer Weile wiederholen sich die Bilder zufallsbasiert – nicht ohne den bei solchen Dingen wahrscheinlich absolut unverzichtbaren Ausfall, der die Diasoftware hinter dem Ganzen kurz sichtbar macht, bevor jemand den Fehler bemerkt und die Bilder wieder weiterlaufen.

Nach einer Weile fängt man gemeinsam an, über das fremde Leben zu diskutieren, das man da sieht. Man schaut herab in die Etage darunter, sucht unter den Gästen den Jetzt-Zustand von Braut und Gatte als Abgleich zu den Bildern, welches der Kinder ist den das eigene, ah, da ist ja tatsächlich der Hund von den Photos. Ist er wirklich älter als sie oder wirkt das nur – welchen Beruf haben die beiden wohl? Wie haben sie sich kennengelernt. Ist er Pädagoge oder fällt man da nur auf einen Look hinein? Nur mühsam kann man sich davon abhalten, Google zu bemühen – es bringt ja bei den meisten Leuten doch nichts, nach Ihnen zu suchen. Trotz oder gerade wegen der mangelnden Information hat man nach der dritten vierten Runde Photos langsam das Gefühl, die beiden seit Jahren zu kennen, sympathisch zu finden und es wird immer schwerer, sich nicht mal eben die Treppe abwärts zu begeben und beiden zur Heirat zu gratulieren. Die Photos inszenieren die beiden als reise- und lebensfreudiges Paar, selbstbewusst und lustig, tierlieb, gute Eltern – niemand würde bei einer Hochzeit ja auch die bösen Photos aus dem Archiv zaubern.

Die Diashow wird zur Affirmation der Beziehung zu zugleich zu einer Art Erzählung, deren logische Konsequenz die Heirat zu sein scheint. Die Aufeinanderfolge glücklicher, privater Momente suggeriert, dass ja nichts anderes als «happily ever after» denkbar ist. Streit und Unglück verschwinden im folgerichtigem Zwang von Hunden, Kindern, Urlauben, Schnappschüssen. Ganz banal greifbar für einen Moment der Wunsch, die eigene Autobiographie rückwirkend zu verbiegen, zu verklären, Sinn privater Photogaphie ist nicht die Dokumentation des eigenen Lebens, sondern die Rechtfertigung, die Verschleierung. Wir photographieren uns nicht, wenn wir weinend am Küchentisch sitzen, die ungewaschene Wäsche und das ungespülte Geschirr landen nicht im Photoalbum, erst recht nicht auf einer Hochzeit. Photos zeigen kein Leben, sondern die ZDF-Vorweihnachten-Vierteiler-Version eines Lebens. Photographie ist nicht ein ehrliches Memento, sondern eine Orwellsche Geschichtsklitterungs-Maschine, ein kruder Cargo Cult, in dem wir ein glückliches Leben zusammenstückeln und dabei den Regeln folgen, die uns Filme vorgeben – unsere ganze Idee davon, wie ein glückliches Leben aussieht, welche Momente Glück definieren, sind nur durch Bilder aus Filmen, Fernsehen, mit etwas Glück Büchern geprägt. Vielleicht haben wir keine Vorstellung mehr von Bildern, die sich nicht innerhalb solcher präfabrizierten Angebote bewegen.

Es ist, als würde man durch eine Facebookpräsenz in dreidimensionaler Realität gehen. Die öffentliche Party, die öffentliche Zurschaustellung von Musikgeschmack, die iPhoto-Imagestream glücklicher Momente, gelungener Bilder, erfolgreicher Inszenierungen. Auf die eine oder andere Art machen wir das alle, zumindest so lange wir so seltsam sind, unser Leben online festzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, auf Facebook jemals Photos von einsamen Nerds, die vor ihren Rechnern nachts um 3.00 versumpfen, gesehen zu haben. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für genau dieses Bild (plus minus eine Stunde) doch verdammt hoch wäre. Statt dessen suggeriert Facebook eine Welt als Erfolgssequenz, funktioniert als Marketingmaschine für Jedermann. Oft genug funktioniert gerade Facebook – jedenfalls sehr viel mehr als Blogs oder selbst Twitter – dabei nicht mehr als Reflexion, sondern nur noch als Ankündigung. Es wird nicht berichtet, wie ein Film oder eine Platte oder ein Buch oder eine Party ist… es wird nur noch die reine Existenz verkündet. YouTube-Videos dokumentieren den eigenen Geschmack, Photos und Posts machen den nächsten Urlaub oder die Wochenendplanung öffentlich. Während Blogs meist rückblickend operieren und einen fast Wochenzeitungs-Charakter haben und während Twitter in seiner Sontaneität auch mal Raum für Frustrationen und Gaga-Inhalte hat, wirkt Facebook zunehmend anders – es die leibhaftge Party, die ewige Genussmaschinerie, Wie unser Hochzeitspaar wird hier das Leben zum Inszenierungsmaterial, das dramaturgisch gefeilt sein kann, darf und muss. Was in etwa so langweilig ist, wie es sich anhört.

Auf seltsame Weise wird das Web so zu einem Zerrspiegel des echten Lebens. Wie bei einem cleveren Modehaus, dessen Spiegel dich einen Tick besser aussehen lassen, versuchen (wir) alle, uns öffentlich zu vermarkten, bewusst oder unbewusst zu branden, bewusst oder unbewusst in einem Wettbewerb um das spannendste Leben mit den meisten Zuschauern. Jeder ist sein eigener TV-Sender, jeder sein eigener Programmchef. In Facebook, wie bei unserer Hochzeit von der wir als Follower von der Balustrade herab zusehen, geht es um eine Parallelwirklichkeit, in deren grellen LED-Licht Schatten weich und diffus werden. Würde sich ein Außerirdischer sein Bild der Menschheit anhand von FB-Profilen machen, er würde eine Brave New World erleben, deren Bewohner hochkreativen und erfüllenden Berufen nachgehen, deren Photos wie ein permanenter Kindergeburtstag wirken. Unser Außerirdischer müsste die Foren an den Rändern besuchen, wo die Namen plötzlich verklausulierte Chiffren sind, die modernen Speakeasy-Bars, wo wie in einer Spiegelwelt auf einmal wieder alle depressiv und an der Welt erkrankt sind, Leben und Job nicht in den Griff kriegen, sich gegenseitig nicht «liken», sondern bedauern, in eine Art Gegenstück zum GB-Wettbewerb um den effizientesten Hedonismus stehen, nur, dass es hier eben darum geht, wer am berechtigtsten am Ende ist. Hier gibt es kaum Photos, interessanterweise. Niemand scheint interessiert, sein Unglück in Bilder zu formen – vielleicht kennen wir auch nur weniger photogerechte Metaphern für die Misere, vielleicht kommen unsere medialen Vorbilder dafür nicht aus Filmen, sondern aus Büchern. Wie photographiert man Depressionen?

Ein bisschen Musikgeschmack, ein paar Photos – unser ganzes Leben wird zu einer solchen offenen Hochzeit. Wenn du dich im Web umschaust, findest du überall solche Affirmationen des eigenen Lebens – der letzte Urlaub, die Weihnachtsphotos, das gewonnene Handballspiel mit der Mannschaft, die Party bei Anna und so weiter. Obwohl es noch relativ schwer ist, eigene Schulkollegen meiner Generation in dieser Form online zu finden, dürfte es den Teens von heute in einigen Jahren leicht fallen, ihr ganzes Leben im Web abgebildet zu haben. Facebook, Flickr und deren Nachfolger, die Allgegenwart von digitalen Kameras und die zunehmende Möglichkeit, Photos sofort online zu teilen, werden dafür sorgen, dass Photos nicht mehr im heimischen Photoalbum oder auf der Festplatte landen, sondern online geteilt werden. Das eigene Leben zu dokumentieren wird trotz allen Debatten um Datenschutz und Privatsphäre immer normaler, weil die Software es enorm einfach macht und weil der Suchtfaktor natürlich enorm ist.

Und darin steckt ja auch Potential, die phantastische Vorstellung in einer Gesellschaft zu leben, in der zwar jeder immer noch ein Recht auf seine Geheimnisse und Intimsphäre hat (und haben muss), wo aber mehr und mehr Menschen die Gardinen von den Fenstern nehmen und freiwillig öffentlich(er) werden. Das ist ein seltsamer Gegentrend zum realen Leben – vielleicht sogar eine Reaktion darauf -, wo öffentliches Zusammentreffen schwieriger wird, weil der öffentliche Raum zunehmend funktionalisiert wird, aus der Agora wird ein Shopping Zentrum, aus dem Dorfplatz wird Junkspace. Während öffentlich informelle Zusammenkünfte von Fremden kompliziert geworden ist (wer sich jemals an einen Restauranttisch zu Fremden setzen wollte, kann dies wahrscheinlich bestätigen), nimmt die virtuelle Teilhabe am Leben Fremder fast reziprok zu, vielleicht, weil sie weitestgehend antiseptisch zugeht, man sich nicht wirklich auseinandersetzen muss – sondern nur ausstellt bzw. durch die Galerie des ausgestellten Lebens klickt.

Und diese Sterilität wird in Zukunft ein kritischer Punkt des virtuellen Lebens werden. Der Trend vieler Menschen, zum Showmaster des eigenen Lebens zu werden und nach den Regeln modernen viralen (eben nicht virilen) Marketings das eigene Dasein zu hypen, ist in der Zusammenschau deprimierend. Da entsteht eine Leistungsgesellschaft der guten Laune, in der Urlaub und Freizeit zu Elementen der Selbstvermarktung mutieren. Es geht nicht mehr darum, Urlaub zu machen, es geht darum, einen aufregenden Urlaub zu haben und den zu dokumentieren. Und möglichst viel Leute, wie früher Onkel Otto, in die Diashow zu bringen. Dass das ebenso spießig ist wie eben jene nachbarlichen Diaabende, in der der Wohlstandsbürger der Fünfziger seinen ersten Auslandsurlaub mit der Straße und den Angehörigen teilt, ist dabei evident. Auf Facebook wird nicht gedacht, nicht geteilt, es wird ausgestellt. Es ist ein profaner Dorf-Marktplatz des Lebens, im Wortsinne voller Stände und Fressbuden, keine Agora. Darüber, ob dieser sanfte Druck das Leben zu erleben, zu genießen und diesen Genuss zu propagieren, nicht im Umkehrschluss auch zu Stress führen kann, zu dem Gefühl, das eigene Leben sei angesichts der flickernden Leistungsshow online langweilig und grau, weil man nicht jeden Tag aus einem anderen Lokal oder Land postet oder sich in den jeweils coolen Bars seiner Stadt eincheckt, darf langfristig spekuliert werden. Gibt es da draußen schon die ersten Leute, die ihren Samstag verplanen, damit sie bloß in ihrem sozialen Netzwerk etwas zu posten haben? Wenn FB und Co eine Art Coolnesstransmissionsriemen sind, was ist mit denen, die zwischen die Zahnräder gelangen?

Wichtiger aber ist die Frage, ob es in der Hochzeitsgesellschaft langfristig nur Alkohol und Tanzen gibt, oder ob da irgendwo auch Tische stehen, an denen man reden wird. Facebook ist im Grunde – wie jede große Feier – eine anti-intellektuelle Veranstaltung, die wechselseitigen Monologe auf dem Niveau dessen, was man hinkriegt, wenn man sich vor dröhnender Musik aus Bassboxen ins Ohr brüllt und am nächsten Tag heiser nicht mehr weiß, was man da geredet hat, wichtig kann es nicht gewesen sein. Wichtiger als die Inhalte ist, sich gegenseitig auf den Rücken geklopft zu haben. Facebook ist diese Hochzeit, nur ohne Musik, ohne Alkohol, sie ist der Geist einer Party, die fleischlose Abstraktion und insofern wie eine Online-Fortschreibung der Funktion von Sitcom-Serien nur die Simulation von Leben und Freundeskreis. FB ist der Laugh Track deines Lebens.

So grandios es ist, in einer offeneren, stalkenderen Gesellschaft zu leben, in der du Leute nicht mehr aus den Augen verlierst, sondern sie statt dessen zu Radiosendern werden, die dich mit Bildern und Tönen, Wortfetzen und Stimmungen immer wieder etwas mysteriös über den Status Quo ihres Lebens aufklären, und so eine Art Rest-Teilhabe ermöglichen, so wenig ist das doch.

Ich lese gerade Raddatz Tagebücher, die letztes Jahr bei Rowohlt erschienen. Und in der Lektüre dieser oft eitlen und selbstverletzten Notizen ist es ein seltsamer Gegensatz zu der Lebensdokumentation, die ich tagtäglich online erlebe. Nicht nur, dass Twitter und FB längst in den Händen professioneller (Selbst)vermarkter ist, die ihr Produkt oder ihre Einrichtung monoton hypen und nach und nach zu einer Art Spam mutieren, vor allem aber wird deutlich, wie sehr Raddatz ein Selbstgespräch führt, das lang und oft verhangen ist, immer wieder zu den gleichen Themen kommend, wie egal im Grunde äußere Umstände sind, wie es nicht darum geht, dass er in Paris ist, sondern darum, wie es ihm dort geht. Seine Tagebücher sind Orte von Zweifel an der Welt, Zweifel an anderen, Bitterkeit, verletzter Eitelkeit, kindischen Gefühlen – und bei aller Kritik im Detail, ist der Mut, solche Texte, die keineswegs immer klug und umwerfend, sondern oft engstirnig und egozentrisch sind, zu veröffentlichen, bewundernswert. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, wenn man Leute im realen Leben trifft, die man länger nicht gesehen hat und deren «Leben» man nur via FB/Twitter/usw kennt, wie weit dieses virtuelle Bild und die Realität dahinter divergieren. Du denkst, du bist einigermaßen up to date und was gewissen Fakten angeht bist du das sogar so sehr, dass es Gespräche eindämmt, weil man bestimmte Vorgänge bereits kennt, aber die zu den Vorgängen gehörenden Gefühle, Ängste, Hoffnungen, sind nie bis in die angeblich so sozialen Medien gekommen, vielleicht weil man die eben doch nicht in die Arena der Kommentare und Like-Buttons stellen will, vielleicht aber, viel profaner, weil es ja auch sonst niemand tut. FB ist ein Angeber-Medium, in der jeder sein Leben zur Leistungsschau tuned, zur eigenen Pressekonferenz, wer will da mit Zweifeln kommen? Ich frage mich, wenn morgen jemand zum Berserker wird und 20 Schüler umbringt oder nur sich selbst aus dem Leben hievt, wie viele Freunde und Angehörige sagen: «Aber bei Facebook war er doch immer gut drauf…» FB ist längst ein an sich durchaus spannender, aber eben verfälschender Teil eines zunehmend unehrlichen Umgangs mit der eigenen Biographie geworden, die ganz effizient-kapitalistisch eben nicht aus Fehlschlägen, sondern nur aus Siegermomenten, richtigen Entscheidungen, einem tollen Job und einem erfüllten Leben zu bestehen hat. Wenn du nacheinander drei vier Leute getroffen hast, deren innere Gefühlswelt deutlich grauschleieriger bis schwärzer ist als die «öffentliche» Variante, dann fragst du dich, wie viele Leute diesen Maskenball mitspielen. So wie ein Verlag verkaufe Bestseller und gewonnene Awards herausstellt, aber die schlechten Umsatzzahlen von Buch XY und andere Existenzprobleme mal lieber schön weglässt, so wie Museen ihre Veranstaltungen hochjazzen, aber die eigene Finanzkrise oder Streitereien mit Künstlern nicht so gern kommunizieren, so gehen wir inzwischen auch privat mit unserem gesamten Leben um. Es ist eine Art dauerhafte, in Echtzeit durchgeführte kosmetische Operation. Wie ein Photograph im Krieg permanent nach Motiven sucht, suchen wir nach «Lebensmomenten», die es festzuhalten, zu dokumentieren gilt, Ich war dabei. Ich war dabei.

Das kann nicht ewig gutgehen. Die Verleugnung oder Verdrängung von Problemen, das weiß jeder psychologische Laie, sorgt nur dafür, dass die weggedrückten Affekte sich auf anderer Ebene, meist unbewusst, ihre Bahn suchen. So verblüfft doch schon, dass wir einerseits inzwischen nahezu penetrant von Burn-Out und Depressionsartikeln und Büchern beschossen werden (Burn-Out ist ja das neue AIDS) – und andererseits hat jeder ein Leben aus Glücksmomenten? Facebook ist eine Art Regression, es erinnert an Huxleys Soma-Parties, es weht ein Hauch von Freizeit-Taylorismus durch die virtuellen Flure. Auf Dauer wird das nicht genug sein. So wie im echten Leben der beste Moment jeder Party die Gespräche am Morgen danach sind, so wie jede echte Beziehung diese Kaffeehaus-Momente braucht, wo man sich gegenseitig wirklich austauscht, so braucht das virtuelle öffentliche Leben mehr als Millionen von kleinen Fernsehsendern, die rund um die Uhr Superhappiness propagieren.

Der große Sprung in den Social Media also wird sein, zu lernen, darüber öffentlich zu reden, worüber man schwer sprechen kann, worüber man schweigen möchte. Während in den Medien der Geist der geschützten Privatsphäre umher weht, geht es in Wirklichkeit darum, einen entscheidenden, mutigen Schritt der Öffnung zu machen. Auf Facebook rechtfertigt sich das eigene Leben als das «richtige» Leben, indem es glücklich ist, einer Art unausgesprochenem Drehbuch von Konsumteilhabe folgend – in Wirklichkeit ist hier nur ein gesellschaftsweites Potemkinsches Dorf in Aufbau, das wir alle Bild um Bild, Like um Like errichten. Die große Chance von Social Media aber ist, Freud und Leid zu teilen – die Trauer aus den Darkrooms der Depriforen herauszuholen, das Leid nicht auf Radio-Call-In-Shows zu domestizieren. Was hätte ich bei dieser Hochzeit darum gegeben, wenn es nur ein Bild gegeben hätte im Bilderstrom des Glücks, das diesen Eindruck trübt oder in Frage stellt, die eigene Inszenierung kurz aushebelt und durchschaut. Es wäre ein Durchblitzen von Intelligenz und Reflexion gewesen, wenn hier zumindest die eigene Lüge als selbst-bewusste Tat gestanden hätte. Wenn nur für einen Moment die Heuchlerei nicht wie Mehltau über der ganzen Veranstaltung liegen würde. Nicht weil ich denke, dass die beiden, die hier geheiratet haben, nicht wirklich so glücklich und «richtig füreinander» seien wie die Photos suggerieren sollen – sondern im Gegenteil, weil die Suggestion eine Beleidigung ist. Das echte Leben und eine echte Beziehung hat mehr Dimensionen als Urlaub, Hunde und Nachwuchs. Das Auszublenden ist nicht nur Verleugnung, sondern vor allem auch die Weigerung anzuerkennen, dass die schlechten Momente integraler Teil der guten Momente sind. Dass es nicht Sinn einer Beziehung oder gar des Lebens ist, immer gut drauf zu sein. Dass es nicht Sinn des Lebens ist, für andere gut drauf zu sein. Es ist bedenklich, wenn wir in der Freizeit, wenn auch auf andere Art, ähnlich anfangen zu funktionieren wie im Beruf, wenn Menschen gezwungen sind, Schwäche Furcht und Unsicherheit, immer weiter ins Innere zu tragen. Wirkt es konstruiert, wenn ich befürchte, dass die Leute, die bei FB am erfülltesten wirken, am ehesten ihre Frustrationen und Probleme bei einem Therapeuten abladen werden müssen, weil ihr Freundeskreis zunehmend nicht mehr versteht, dass diese Leute überhaupt ein Problem haben könnten?

Wenn Social Media wirklich sozial sein will – und hier ist eine Chance für eine Welt nach Facebook – muss es mehr geben als eine Art Plattform der Guten Laune, einen permanenten Musikantenstadl effizient genutzter Freizeitmaximierung. Politik muss mehr bieten als «Tritt unserer Gruppe bei», Teilhabe am (virtuellen) Leben von Bekannten und Freunden darf dreidimensionaler sein als es jetzt ist, durchaus auch mal verstörender und damit ehrlicher. Bei der Wahl, ob unser Leben online eine Art Verschleierungsstrategie wird oder in einer Form von Selbstreflektion und Austausch mündet, in einem System, in dem die Beteiligten nicht mehr nur Links und «Yay!»s austauschen, sondern auch Hilfe und Strategien, wird entscheidend sein, wie lange wir uns als Gesellschaft selbst belügen wollen, wie hart und wie lange wir den Bruch zwischen oberflächlicher «Happiness» und den komplexeren Gefühlen hinter verschlossenen Türen durchhalten wollen. Wir haben gelernt, die Party mit der Welt zu teilen – die nächste Frage ist also, ob wir auch die Kraft haben, den Kater gemeinsam zu meistern.

Geduld

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Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.

Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.

Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.

In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.

Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.

Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.

Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.

Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.

Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.

Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.

Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?

Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.

Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.

Immer dieser Sarrazin


Thema des Jahres: Kopftuchmädchen.

Der Vogel ist tot…

rpl.tif

Unsere Ex-Praktikantin Nina Hubinger macht sich nach langer Erfahrung als Art Directorin für Ogilvy und als freie Designerin jetzt nebenberuflich mit zwei Partnern selbständig und gestaltet T-Shirts. Unter dem irgendwie eher nach einem lokalen Chapter der Bandidos klingenden Namen «Ruhrpottlocals» hat sie aus dem charming Logo des Labels zahlreiche Motive gebaut, die man sich sich schon gern auf die Brust knallen kann und die natürlich auch mal gerne perfekt zu Weihnachten passen. Der auf dem Rücken liegende Vogel ist übrigens der Kanarienvogel, mit dem früher im Bergbau Gaslecks getestet wurden – einerseits also sicher ein wenig freundliches Tierexperiment, andererseits ein echter Lebensretter. Wer immer noch nicht weiß, was er OpaOmaTanteOnkelSchwesterBruderNichteCousineLebenspartner unter den Weihnachtsbaum legen soll, kriegt mit den Shirts von Nina vielleicht seinen ganz eigenen Lebensretter unter den Weihnachtsbaum, auch ohne Gasgeruch. Bei allen Bestellungen vor Weihnachten gibt es 20% Rabatt und Versand ohne Extrakosten.

Mehr Infos gibt es hier: http://www.ruhrpottlocals.de/

Wider die Masse

hd schellnack

Ob Stuttgart 21 oder GAP – es scheint, als lebten wir in Zeiten glorreicher direkter Demokratie. Da gehen Bürger auf die Straße, um einen teuren Umbau ihrer Stadt zu verhindern und da greifen Konsumenten in die Tastatur, um einer Bekleidungsfirma das neue, so schrecklich moderne Logo auszutreiben.

Ist Protest Dialog?
Wer das als tatsächliche Demokratie, als Dialog zwischen Einrichtungen und Bürgern empfindet, der irrt nur leider. Was sich auf den ersten Blick geeignet hervortut, um Manager oder Politiker aus dem Elfenbeinturm herauszulocken und mit der Außenwahrnehmung zu konfrontieren, entpuppt sich als Fata Morgana. Ebenso wenig wie 100 Kritiken auf Amazon ein Buch nun besser oder schlechter machen, so wenig wie 1000 Affen jemals jenseits der Statistik wirklich einen guten Roman schreiben würden, so wenig wie 100 Laien gemeinsam den einen Experten ersetzen (oder wer würde den Chirurgen beiseite schieben, um sich von 10 Krankenschwestern die Herz-OP machen zu lassen, die sich das gern auch zutrauen würden?)… ebenso wenig ersetzt Schwarmintelligenz und der medial geballte Ausdruck von Meinungen tatsächlichen Diskurs und Dialog, Abstimmungsprozesse und tatsächliche Entscheidungen.

Dabei geht es gar nicht um die Frage von Richtig oder Falsch, also darum, ob Stuttgart nun einen Kopf- oder Durchgangsbahnhof braucht oder ob nun das neue Gap-Logo besser war als das alte (beide sind ja nun einmal gruselig) und es geht nicht einmal wirklich um Argumente, die es auf beiden Seiten bei all solchen Anlässen in solch großer Zahl gibt, das man schon Experte sein muss, um in der Flut der Argumente noch den Boden zu sehen. Es geht vielmehr um die Frage, ob es wirklich so ist, dass die Vielen unbedingt Recht haben.

Und ich würde sagen: Nein.

Ist die Mehrheit die Mehrheit?
Das fängt bereits damit an, das insbesondere online die Frage berechtigt ist, was «viel» ist. Es ist erwiesen, dass sich via Twitter, auf Blogs, auf Foren, per Mail etc. eher eine kleine Online-Minorität lautstark (und gern multipel) hervortut, die keineswegs für eine reale Mehrheit sprechen kann. Da wird dann eine Fernsehserie gelobt, die aber mangels Einschaltquote eingestellt werden muss, oder aber ein Buch in Grund und Boden verdammt, das sich aber atemberaubend gut verkauft. Das gleiche Phänomen gibt es auch jenseits der virtuellen Beteiligung, wenn etwa bei dem bayrischen Volksentscheid zum Rauchverbot bereinigt eine erschreckend kleine Anzahl von Bürgern überhaupt teilgenommen hat und das prozentuale Ergebnis in Wirklichkeit so ist, dass man sich fragen muss, welche Legitimität ein solcher Entscheid mit 13,9% eigentlich haben kann, denn Mehrheiten sehen anders aus. Auch in Stuttgart nehmen – gemessen an der Anzahl der Betroffenen in Stadt und Land – prozentual so wenig Bürger an dem Protest statt (zumal gemessen an den Bürgern, die die Regierungen gewählt haben, die dieses Projekt seit zwölf Jahren ja nun alles andere als clandestin durch alle Institutionen vorantreiben). Nur weil es vor den Kameras nach «vielen» Menschen aussieht oder nur weil auf einer Site hunderte von Kommentaren eingehen, drückt sich hier in Wahrheit oft nur eine Minderheit aus, die nur suggeriert, ihre Meinung habe ein Mehrheitsrecht. Natürlich geht es in der Demokratie nicht um die «Mehrheit», sondern es geht (aus meiner Sicht) auch ganz ausgeprägt um den Schutz von Minoritäten, um die Abwägung und Aushandlung widersprüchlicher Interessen – aber es kann nicht um den Schutz einer Minderheit gehen, die in dem Selbstverständnis agiert, sie sei die Mehrheit und habe das Recht sozusagen qua Masse eingebaut.

Hat die Mehrheit Recht?
Dazu kommt, dass ich der Masse zutiefst misstraue. Die Masse kauft nämlich Musik in die Charts, die ich furchtbar finde, sieht Filme, die ich nicht mag, liest Bücher, die ich für Schundliteratur halte (wenn sie überhaupt liest). Wer einen Blick auf das Fernsehen wirft, das Medium des kleinsten geringsten Nenners, das schlimmste aller Massenmedien, kann keinen Zweifel am kollektiven IQ der Menschen haben – er ist gerade hoch genug für Supernannys und Soaps, die schwierigeren Angebote müssen in das Arte- und 3Sat-Ghetto verbannt werden. Die Masse, Pardon, hat keine Kultur. Das soll nicht arrogant klingen, so weitab vom Mainstream bin ich ja nun auch nicht und es geht nicht um die Frage, ob mein Geschmack nun besser ist. Aber wenn Lady Gaga zur größten globalen Künstlerin wird und Stephanie Meyers aseptische Vampire die Buchcharts anführen, dann kommen mir Zweifel am Verstand der «Masse». Die Masse, das ist der Mob beim Fussball, der nur noch in Sieg oder Niederlage unterscheidet. Die Masse, das sind die Leute, die in München dabeistanden, als 1938 die Hauptsynagoge abgerissen wurde und die dabei noch gejubelt haben. Ich habe ein Problem mit der Masse, die bei der kleinsten Gelegenheit mit Fackeln und Heugabeln vorm Schloss steht und will, dass das Monster verbrannt wird. Wenn es nach der Masse ginge, mit Verlaub, würden wir heute noch die Guillotine als Form der öffentlichen Unterhaltung haben und die Sklaverei wäre nicht abgeschafft. Die Geschichte würde stillstehen. Wer sich mit Organisationspsychologie und Massensoziologie befasst, weiß, das «Respekt vor der Masse» fast ausnahmslos als Angst gemeint ist. Die Loveparade hat tragisch und drastisch gezeigt, in welchen Pattern und Wogen sich Massen bewegen und wie rücksichtslos, wie wenig altruistisch oder am Gesamten, sondern wie kumuliert-egoistisch sie teilweise – durchaus auch ohne dies individuell zu wollen oder wahrzunehmen – agieren.

Woher hat die Mehrheit ihre Meinung?
Edward Bernays hat die Verführbarkeit der Mehrheit bereits in den zwanziger Jahren auf den Punkt gebracht: «Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben.» Was Bernays damals noch etwas unbefangen von den Machtstrategien seines späteren Bewunders Goebbels «Propaganda» nennen durfte, heißt heute anders, die Mechanismen allerdings haben sich kaum verändert, bestenfalls verfeinert. Wer heute sagt, dass Unternehmen und Einrichtungen auf die Mehrheit zu hören hätten, muss sich die Frage gefallen lassen, wie diese Mehrheit eigentlich ihre Meinung/en bildet und wie haltbar und belastbar dieser Boden ist, wie «richtig» die Meinung der Mehrheit ist, wie anfällig der Mob für Verführer und Demagogen ist. Hat Theo Sarrazin mit seinen absonderlichen biologistisch-gestrigen Thesen zum IQ schon Recht, nur weil sein Buch sich gut verkauft – oder haben die weniger selbstgewissen Kritiker recht, die auf die Löcher im fauligbraunen Käse seines Buches hinweisen? Stimmen Fakten, nur weil sie die Bild als auflagenstarkes Blatt druckt? Tatsache ist doch vielmehr, dass die Mehrheit der Menschen auf einfach(st)e Antworten, auf reduktionistische Ideen, auf Schwarzweißmalerei fliegt wie die Wespe auf den Sonntagskuchen – das uninformierte, dumpfe «Gefühl» ist der Aggregatzustand der Menge, das Erahnte, Faktenfreie, das Klischee. Es ist erwiesen, das den Menschen das langfristige Planen und Denken nicht liegt, sie agieren kurzfristig, nehmen spätere Nachteile in Kauf, um sich «jetzt» auszuleben – da ist es verständlich, wenn die akkumulierte Masse von Menschen dies besonders betreibt, und ohne Konsequenzen, Bedingungen, Vernetzungen und Unabwägbarkeiten zu argumentieren versucht, zurückgreift auf die einfachsten und damit falschen Argumente, die seltsam oft auf ein «Wir gegen Euch» hinauslaufen. Politiker sind korrupt, Beamte sind faul, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, Frauen gehören an den Herd, der Islam ist böse und und und… die Liste rassistischer und reaktionärer «Meinungen» des Mob ist so lang wie armselig. Es ist keineswegs so – so sehr man sich das wünschen würde – das in der Menge die Menschen zu einer abgewogenen und richtigen Entscheidung kommen (auch wenn «Wer wird Millionär» das suggeriert), sondern im Gegenteil: Nur das simpelste, primitivste Meme kann sich durchsetzen, der resistenteste und renitenteste Virus verbreitet sich am besten, je stumpfer desto besser. Es ist kein Zufall, dass ein Ex-Sponti und Grüner wie Joschka Fischer, kaum an die Macht gekommen, absolut gegen direkte Demokratie war – was auf den ersten Blick nach Wendehalsmanöver aussieht ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Menge einfach nicht das Richtige will und jedes ambitionierte Projekt ausbremst.

Wohin geht die Mehrheit?
Nirgendwohin. Der Mob kann sich nur für 0 oder 1 entscheiden. Komplexe Sachverhalte überfordern ihn. Stuttgart zeigt sehr schön wie verschiedenste Partikularinteressen gebündelt ein großes «Nein» als einzige Option ergeben, von Protestlern, die den Bahnhof an sich okay finden, aber mehr Trassen und Finanzierungssicherheit fordern hin zu Komplettverweigerern ist jede Couleur dabei. Wer da als Politiker mit den Prostestierenden verhandeln will, dürfte angesichts des Kaleidoskops von Meinungen Freude haben. Am Ende bleibt von den Einzelstimmungen nur ein großes Verhindern über, ein Beharren auf den JETZT-Zustand. Am Ende ist dies das Einzige, worauf die Masse sich einigen kann – selbst wenn «Jetzt» auch alles als ideal sein mag, scheint es doch ausnahmslos besser als die Unsicherheit dessen, was kommen könnte. Jede Abweichung von der Normalität wird abgelehnt und wenn die Masse eins gelernt hat, dann, dass jede Veränderung ihr schaden könnte. Der Mob kann nur zwei Dinge: Nach Blutopfern rufen und den Stillstand bewahren. Es ist die Multiplikation des Sankt-Florians-Prinzip: Überall, bloß nicht bei mir. Die Leute wollen eine schnelle, effiziente Bahn – aber bitte keine Bauarbeiten in ihrer Innenstadt. Die Leute wollen grünen Strom – aber bitte keine Windkrafträder oder Hochleistungsstromleitungen in Ihrer Nähe. Die Leute wollen einen leistungsstarken Staat – aber niedrige Steuern. Jeder will ein König sein, keiner regieren. Und so kann die Masse ein neues Erscheinungsbild zwar schlechtreden, aber keinen schlüssigen Gegenentwurf formulieren, auf den sie sich einigen könnte. Die Masse, insofern, ist das ultimative Konsensdesign, das ultimative Gremiendesign, das sich selbst so zerredet, bis es nicht mehr stattfindet und man nur noch in der Geste des perpetualen Stillstands gefriert. A lot goes on, but nothing happens. Jeder Autor von Serienliteratur – ob Buch, TV oder Comic – kennt das Phänomen seines Publikums: Es beschwert sich, wenn nicht genug Wandel stattfindet, aber sobald sich dann tatsächlich etwas verändert, steht der Mob an den Toren und hämmert mit den Fäusten heulend aufs Holz. Das Ergebnis ist die sogenannte «Illusion of Change», die Illusion des Wandels, das Prinzip «Wasch mich, aber mach mich nicht nass». Jeder Designer, der mit Gremienentscheidungen zu tun hat, weiß nur zu gut, was das bedeutet: Wir brauchen ein neues Logo, aber kann es so aussehen wie das alte?

Gestaltet die Mehrheit Zukunft?
Nein, so leid es mit tut. Die Zukunft ist fast ausnahmslos gegen den Mob entstanden. Die Sklaverei, die der gute Cicero noch völlig okay fand, ist in Amerika nicht abgeschafft worden, weil die Masse schlagartig fand, dass diese Einrichtung barbarisch ist, sondern sie geht auf eine Handvoll Menschen zurück, die schließlich in Abraham Lincoln einen Fürsprecher fanden, der den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung nach mehreren Anläufen und nach dem Sezessionskrieg durchsetzte. Norbert Bolz hat einmal festgehalten, dass die Masse der Menschen nicht weiß, was sie sich (im Hinblick auf Produkte) an Innovationen wünscht – die Konsumenten selbst hätten niemals den Walkman erfunden, wahrscheinlich auch keine Mobiltelefone oder Computer. Jede politische und technologische Innovation geht von Individuen aus und hat sich erst mit der Zeit als «vernünftig», als neuer Status Quo, etablieren können. Bei fast jeder technischen Neuerung sagt der Mob: «Wozu brauch ich DAS denn?» Ein Telefon ohne Kabel, eine Kamera am Handy, ein Computer ohne Maus und Tastatur? Kunstdünger? Automobile? Genforschung? Alles neue, alles «fremde» wird abgelehnt und muss sich erst beweisen. Was an sich nicht schlimm ist – aber wer von der konservativen Masse, die alles allochtone prinzipiell ablehnt, tatsächlich Impulse, die nach vorne deuten erwartet, der kann aber lange warten. Und vergebens. Zukunft geht nicht vom Aggregat aus, sondern vom Individuum, vom Querdenker, vom Mutigen, vom Typus des Entdeckers. Von diesen wahnwitzigen Menschen, die neue Kontinente entdecken oder unter atemberaubenden Kosten und hohen Opfern Menschen zum Mond emporschießen. Die Bücher schreiben, die erst einmal keiner versteht und die sich nicht verkaufen, die Bilder malen, an denen keiner zeitlebens etwas verdient, die Theaterstücke schreiben, bei denen das Publikum empört den Saal verlässt, die sich ihre Instrumente selbst zusammenbauen und seltsam heulende Geräusche aus ihren Gitarren frickeln oder elektronisch-ungewohnte Klänge generieren, die mit einem Hüftschwung ganz Amerika empören, die mit einem Kleiderschnitt eine ganz Ära von weiblichen Rollenklischees beenden. Es sind die, die die Masse stets für «Spinner» hält, als Außenseiter deklariert, oft sogar massiv sanktioniert, die Kultur und Wissenschaft voranbringen, weil sie die Grenzen austasten und verschieben. Es sind kurzum Individuen, mit all ihren Fehlern und Träumen, die die Zukunft schmieden, nicht die amorphe Masse. Die Masse kann seine Impulse geben, sie kann sich auf keine Ziele einigen, sie kann nicht langfristig denken, sie kann nur stumpf reagieren und verneinen. Sie kann in Previews dafür sorgen, dass Filme zu einem Happy End umgeschnitten werden müssen, aber sie kann keine Filme machen. «Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär’s, dass nichts entstünde» – so mephistophelisch ist die Mehrheit, die in toto nicht versteht, dass Stillstand aber unweigerlich Entropie bedeutet. Wer dem Mob die Zügel in die Hand gibt, bewegt sich dem Mittelalter entgegen. Die Menge der Deutschen wollte keine Rechtschreibreform (inhaltlich ganz zu Recht, wie ich fand und finde) – aber einige Jahre später zeigt sich, dass man damit ja doch ganz gut leben kann. Der Leidensdruck, ist die Veränderung einmal durchgeführt, sinkt ja doch immer wieder schneller, als gedacht. Wird in Stuttgart der Bahnhof gebaut (vielleicht sogar durch die Proteste etwas durchdachter, etwas weniger sparsam, etwas langfristiger geplant), so wird er in 10 bis 30 Jahren der neue Standard sein, die neue Normalität darstellen. Und wenn er in 100 Jahren durch einen neuen ersetzt wird, werden wahrscheinlich wieder die Bürger protestieren gegen diesen Umbau.

Ist die Mehrheit demokratisch?
Es ist ein Irrglaube, dass direkte Demokratie «demokratisch» ist. So falsch es auch ist, demokratische Teilhabe aus ein Kreuzchen alle vier fünf Jahre zu beschränken – und sich selbst dieser Teilhabe zu entziehen -, so falsch der Mangel an Möglichkeiten für den Einzelnen ist, sich in die Politik einzubringen und diese als Interessant zu erfahren, so unrichtig ist eben auch die Vorstellung, dass Volksentscheide und Protestaktionen etwas mit Politik zu tun haben. Einer gewählten Regierung eine demokratisch erarbeitete Entscheidung abpressen zu wollen, einem Unternehmen die Markenidentität endogen aufzudrücken – das ist nicht «Demokratie» und schon gar nicht Marketing oder Branding. In der Politik gilt, dass es eine gerade in Deutschland fein tarierte Machtstruktur der Instanzen gibt – Gerichte, Parteien, Land, Bund und so weiter – die in oft langwierigen Prozessen konsensuale Entscheidungen herbeizuführen versucht. Diese Prozesse versuchen bereits, Mehrheiten abzubilden und sind genau deshalb oft so melassig-langsam und schaffen keine wirklichen Reformen. Demokratie ist aber genau diese Ausverhandlung und Entscheidungsfindung, Checks and Balances, die am Ende ein immerhin halbwegs tragbares Ergebnis rechtfertigen und Peunalen für Fehlentscheidungen implementiert haben – per Abwahl oder Rücktritt. Aber dieser komplexe und schwierige Prozess ist von Mengen nicht zu leisten – welche Meinung hat denn eine Mehrheit zur Frage, ab welchem Alter Kinder in den Kindergarten sollen (und ist diese Meinung von Experten geteilt?) oder zur Energieversorgung unseres Landes in 50 Jahren (und ist diese Meinung technisch und finanziell realisierbar?) So mangelhaft die repräsentative Demokratie ist – die Alternative wäre ein Alptraum, das Regime des kleinsten gemeinsamen Nenners, des Gartenzaunanstreichers, des Nachbarns, der durch die Gardinen späht und überprüft, ob du deinen Müll auch säuberlich trennst. So traurig die gegenwärtige Politik ohne Visionäre, der Sachverwalter und Realisten, sein mag – eine Alternative, in der eine stumpfe Mehrheit über Theatersubventionen und Kunstprojekte, Bildungskanon und Sozialhilfe entschiede, wäre ein Grund, das Land zu verlassen.Denn die Diktatur der Vielen wäre keine Spur erträglicher als die Diktatur eines Einzelnen.

Machen Massen Marken?
Man könnte sich zu der Annahme verführen lassen, dass doch aber in der Welt des Massenkonsums die Massen sinnvoll die Zügel halten könnten. Die Abertausenden von Menschen, die bei IKEA kaufen, müssten doch am besten wissen, wie die Marke aussehen soll, oder? Es macht doch nur Sinn, wenn GAP jetzt zusammenklappt und binnen kürzester Zeit unter öffentlichem Druck ein Logo vom Tisch nimmt. Ehrlich gesagt, macht es ebenso viel Sinn wie auf die Forderungen von Erpressern einzugehen – man hofft auf ein kurzfristiges gutes Ende und etwas Ruhe, weiß aber, dass man sich langfristig ein großes Problem eingehandelt hat, weil man ab jetzt immer und jederzeit erpressbar ist. Natürlich ist es richtig – goldrichtig sogar – wenn du als Marke auf deine Marktpartner hörst und sensibel ihre Wünsche wahrnimmst. Darauf unweigerlich zu hören, ist aber schlicht und ergreifend Feigheit vor dem Freund. Ein Musiker, der ein mutiges, seinen bisherigen Sound verlassendes Album herausbringt, sollte nicht unbedingt zurück in alte Gewässer, nur weil die Umsätze zurückgehen, sondern weiter daran arbeiten, sich ein neues Publikum zu erarbeiten, das seine Experimente zu würdigen weiß. Ein Autor, der dem Publikum gibt, was es will – frei von Überraschungen -, wird es nicht lange glücklich machen, weil er langweilt. Die Kraft einer Marke ist ihre Autorität – und diese Autorität bedeutet, Entscheidungen aus einer inneren Überzeugung heraus zu treffen und zu diesen Entscheidungen dann zu stehen. Im Einzelnen Zugeständnisse, in der Sache auf Kurs. So wie von Guttenberg sich inzwischen zweimal mit dieser Methode Respekt verschaffte – Opel und neuerdings die überraschend einfach wirkende Abschaffung der Wehrpflicht -, so schafft sich auch ein Unternehmen dadurch Respekt, dass es auf Linie bleibt. Wer sein Logo nicht aus kurzfristigen Gründen ändert, sondern einer klaren inhaltlichen Linie für die Zukunft folgt, ist gut beraten, diese Linie auch durchzusetzen. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Masse eine starke Marke macht – tatsächlich zieht umgekehrt eine starke Marke die Masse an. Ein beliebter Politiker ist nicht der, der dem Volk nach dem Mund redet, sondern jemand, der einigermaßen glaubhaft seinem inneren Kompass folgt – und analog gewinnt eine Marke dadurch an Magnetismus, dass sie souverän und «cool» ist, autonom reagiert und den Weg führt. Unter diesem Aspekt ist es sehr richtig, dass Apple stets gründlich abwägt, wann sie dem Gegreine der Masse nachgibt (und etwa Bumper gratis verteilt) und wann sie die Marke gegen den Mob auf Spur halten. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass Marken, die ihren Zielgruppen in den Hintern kriechen, erfolgreicher wären als solche, die dies nicht tun. Im Gegenteil. Stark sind Marken, die den Weg vorgeben und sich souverän darauf verlassen, dass die Herde größtenteils mitgehen wird und die Nörgler verstummen. Eine Marke, die «der Allgemeinheit» nachläuft, wird unweigerlich zu amorphem Mittelmaß degenerieren. Umgekehrt wird eine starke, individuelle Marke, vielleicht paradoxerweise gerade weil sie Ecken und Kanten hat, eine Gefolgschaft anziehen. Nicht zuletzt, weil sich jeder in der Masse ja nach «seiner» Individualität sehnt, nach einer Identität in der Konformität (siehe etwa NIKEID).

GAP erweist sich also im Zweifelsfall einen Bärendienst und wird es – nachdem es einmal ein Logo zurückgezogen hat – fast unmöglich schwer finden, einen Entwurf zu finden, mit dem die «Masse» dann auch zufrieden sein kann. Den einen wird jede Änderung des Bestehenden zu viel sein, den anderen wird das dann noch bestehende Quentchen Wandel nicht ausreichend sein – und letzten Endes auch den Relaunch nicht rechtfertigen. Es ist ein Zeichen schlechten Managements, nicht nur ein Logo herauszubringen, an das man offenbar selbst nicht glaubt und das intern nicht mehrheitlich getragen wird (und das, am Rande, auch einfach gut ist), sondern dieses auch noch beim erstbesten Gegenwind wieder einzukassieren. Es gibt grandiose und phantastische Wege, die Konsumenten und Partner in Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzubinden und ein soziales Geflecht in die Außenwelt zu etablieren – und ich bin der erste, der solche Prozesse der Verankerung in der Wirklichkeit goldrichtig findet -, aber wer sich von Neinsagern seine Markenidentität und das Design diktieren lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und nichts wäre für eine Marke wichtiger als die eigene Unanfechtbarkeit, Deutungshoheit, Wahrheitskompetenz. Deshalb müssen Marken den Dialog mit Individuen suchen – und fördern -, aber nicht zum Subjekt von Mehrheiten werden. Denn Marken sind Leuchttürme, keine Nichtschwimmer.

Vulgär

«Vulgär ist eine Nachrichtensendung, die alle Probleme, auch solche, die strukturelle oder systemische Ursachen haben, personalisiert. Ein Sachproblem darf nicht Sachproblem bleiben, sondern muss Personalproblem werden: Das ist vulgär.»

Jens Jessen in der Zeit 31

Such beautiful spam…

hd schellnack

Gerade kam eine phantastische Spam, die mich zu einer Phishing-Site locken soll. Normalerweise unerwähnenswert, hätten die Leute nicht für das deutsche Unternehmen Postbank ein so wunderbar schlechtes Englisch gewählt, das man fast an Everything Is Illuminated denken muss :-D. Dass die Mail nicht nach Postbank aussieht, keine Umlaute liefert und ganz offensichtlich eine Massen-Rundmail ist, all das ist da fast nur noch ein Detail. Fällt eigentlich jemand wirklich auf solche Sachen rein?

Überprüfen Sie diese E-Mail-Adresse. Ihr Konto wurde deaktiviert und aus unserer Registrierungsdatenbank gel?scht werden Datenbank von ca. 90 Tagen. Diese Verz?gerung ist notwendig, um den Benutzern aus entmutigen Beteiligung an betr?gerische Aktivit?ten. Zur Erf?llung Bedingungen vereinbart, bei der Postbank, pers?nlichen Informationen f?r die Nutzer registrieren, um Postbank-Konto wird von der Postbank Konto werden bei gehalten mindestens 3 Jahre nach dem Anmeldedatum. Wenn Sie nicht angefordert haben, diese Aktion bitte www.Postbank.de und Ihr Konto aktivieren. Vielen Dank f?r die Rettung mit der Postbank. ———————————————————————————– ——————————————- Learn more Postbank ьber andere Angebote heute das Beste aus Ihrem Geld zu machen. Erfahren Sie mehr ьber Postbank-Konten, die Beziehung helfen Ihnen dabei, den Willen Sie wollen das Leben.

Sympathieträger

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So schön kann selbstgemachte Werbung sein.

Max fragt 07

Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?

Max Frisch, Fragebogen.

Licht!

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Leider sieht man es auf dem Photo nicht so gut, ich hatte nur das iPhone dabei – aber auf dem Post-it, der da am Armaturenbrett klebt steht «Licht!». Und da frag ich mich sofort, was das bedeutet, welche Geschichte dahinter steckt. Vielleicht auch nur, weil es so schön an die kleinen Alzheimer-Zettelchen in Sunshine Cleaning erinnert… und weil die Vorstellung eines Demenzkranken am Steuer eines Fahrzeugs so surreal wäre. Aber die Ausstattung des Wagens sieht zu jung aus – und niemand würde seine demenzerkrankte Oma ja wirklich Auto fahren lassen und ihr nur entspannt einen «Licht anmachen!» Zettel ans Dashboard kleben. Aber was bedeutet es dann?

Tod und Spektakel

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Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:

Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.

Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.

Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.

Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.

Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.

Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.

Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?

— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.

— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.

The Beauty of Crashing Displays

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Auf dem Weg vom gedruckten Plakat zum lebendigen Display in der Öffentlichkeit, ist es immer wieder herzergreifend zu sehen, dass Print einfach nicht abstürzen kann, während uns die digitale Welt immer wieder Displays beschert, die einen Absturz erleben und uns die Systeme hinter der Werbefassade zeigen – in diesem Fall Windows.

Drive by Shooting auf der A40

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Was passt besser zur A40-Still-Leben-Aktion als im Vorbeigehen, also «Drive-by» aus der Hüfte, Photos zu machen? Nachdem ich gesehen habe, wieviele der Besucher dort relativ aufwendig und ernsthaft photographierten, fand ich es besser, einfach die Kamera am Arm baumeln zu lassen, ab und zu ungezielt zu drücken und zu sehen, was passiert. Insgesamt ist es verblüffend, wie begeistert die Menschen die Begehbarmachung einer Autobahn aufgenommen haben – gerade so, als sei ein Ausnahmezustand über einen ansonsten unpassierbaren Todesstreifen, eine Art Niemandsland, für wenige Stunden aufgehoben, bevor er sich wieder in eine Tabuzone zurückverwandelt. sicherlich eine logistische Ausnahmeleistung.

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(weiterlesen …)

Auf einen Blick…

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Wenn bei Warnhinweisen eins wichtig ist, dann Übersichtlichkeit ;-)

Amazon und die Lebensmittel…

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So ein bisschen üben müssen wir da aber noch, hm?

Zehnelf

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Fehlgeschlagenes Experiment, dass ich beim Aufräumen gefunden habe…

Ist TV-Land abgebrannt?

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Es wirkt in den letzten Monat etwas verzweifelt, wie die TV-Sender ihre Shows canceln und neue Konzepte herankarren und wieder absetzen – eins der neuesten Opfer bei ABC ist beispielsweise David Goyers Flashforward. Die zum Teil aufwendig produzierte offensichtlich langfristiger angelegte Serie, die Lost beerben sollte, endet nicht nach den geplanten drei oder vier Staffeln, sondern inmitten offener Handlungsstränge. Andere Opfer der letzten Zeit gibt es reichlich, die Liste umfasst 35 Sendungen. Darunter zahlreiche Shows, die einige mehr oder minder erfolgreiche Seasons hinter sich haben. Woran liegt dieser Einbruch?

Er zeugt nicht nur von wirtschaftlichen Problemen – Instantshows und Trash-TV sind einfach billiger, selbst American Idol dürfte weniger kosten als ein Pilot einer guten Serie -, sondern auch vom Ende eines TV-Zeitalters (oder zumindest einem sehr gravierenden Umbruch). Während Sendungen wie American Idol (und all die anderen Casting Shows) noch vom Live-Faktor leben, ähnlich wie Sport-Events, vom Mit-Abstimmen oder von dem Informiertsein / Mitredenkönnen am nächsten Tag, funktionieren die relativ komplexen Serien, die auf dem Season-Konzept aufbauen, wie es Twin Peaks (eigentlich die erste Revolution im TV), X-Files oder auch Buffy etabliert haben und das Lost oder Breaking Bad perfektioniert haben, durchaus auch dann gut wenn nicht sogar am besten, wenn man sie in einem Rutsch schaut – also am Ende einer Staffel. Ein Echtzeit-Sehen ist also nicht notwendig. Während einerseits TV-Serien sich in den letzten Jahren als extrem gutes Erzählformat bewiesen haben, gerade weil sie längeres Format haben und differenzierte Charaktere und langfristige Handlungsbögen erlauben (gegenüber der 3-Stunden-Grenze im Kino, das einfach mehr verdichten muss), verlieren diese anspruchsvolleren Formate den «casual viewer», der einfach nur mal ohne große Vorbereitung 45 Minuten etwas Entertainment will. Für diese Gruppe von Zuschauern reicht die Krimifall-der-Woche-Serie, die relativ statische Charaktere durch immer wieder andere, aber selbstähnliche Konstellationen jagt, eine Serie mit der Dichte von Twin Peaks oder Lost dürfte hier eher abschreckend sein und spricht eher eine spezifische Fan-Audience an. Die aber ist zum einen global, meist eher vorm Rechner als vorm Fernseher anzutreffen und zum anderen von der Jetztzeitigkeit des Webs auf «Ungeduld» programmiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zielgruppe, bei der Hunderttausende von Teilnehmern bei Lost etwa an einem Alternate-Reality-Game online teilnahmen, die finale Staffel überhaupt noch zur Sendezeit im TV schaut, ist mehr als gering. Die Einschaltquoten von Lost liegen hinter American Idol, und dennoch ist es die meist heruntergeladene Serie weltweit im Moment. Nur hilft das ABC wenig.

Solange die Sender solche «Mythos»-Serien aber weiter nach Einschaltquoten und Nielsen-Ratings beurteilen, werden diese Fanbase-orientierten Serien scheitern, da die TV-Entscheider einen zentralen Paradigmenwechsel der Konsumgewohnheiten ihrer früheren Zuschauer verpassen. Ein Blick auf die Websites nahezu aller US-Sender verrät, wie hilflos der amerikanische Fernsehmarkt mit dem Fernsehen umgeht. Während im Schatten der Serie Lost eine verwobene und verwirrende Wiki rund um die Serie von Fans betrieben wird, bleibt es bei ABC bei Rückblicken und etwas Flash-Gedöhns. Dabei ist Lost, mit ARG-Ansätzen und J.R. Abrams genereller Tendenz zu multimedialer Verwebung seiner diversen Projekte noch durchaus Leitstern, während andere Serien noch stiefmütterlicher behandelt werden. Für FOX, CBS, ABC und Co ist der Zuschauer immer noch das Pantoffeltier vor dem Fernsehbildschirm – das spiegelt ganz wunderbar akut wieder, wie ungelenk viele andere Branchen mit dem medialen Wechsel der letzten Dekade umgehen. Tatsache ist: von der wahrscheinlich großen globalen (und illegalen) Zuschauerschaft hat eine Serie wie Flashforward oder Dollhouse beim jeweiligen Sender gar nichts – und zwar, weil der Sender diesen Zuschauern keine Chance gibt, gezählt zu werden.

Kurzfristig ist der erste Schritt, auf der eigenen Homepage aktiver zu werden und das Web als Kanal zu begreifen. Ob Werbefinanziert oder gegen (moderate) Bezahlung – die Sender sollten den Download aktueller Folgen und alter ganzer Staffeln anbieten. Warum das ganze Geld nur iTunes geben? Staffelpässe mit Extras, eine solide Betreuung der Serie und der Fanbase, eigene Blogs und Wikis, sind erste Möglichkeiten, sich auf das Web einzustellen. Denn wenn erst Technologien wie WiMax/LTE mobiles Internet auf VDSL-Tempo bringen, sollte man vorbereitet sein – ab diesem Zeitpunkt wird es kein Fernsehen, wie wir es in den letzten Jahrzehnten kannten, mehr geben.

Zugleich birgt dieser Umbruch enormes Potential für die Sender, das sie derzeit verschleudern. Wenn «Mythos»-Serien, zudem weltweit, Fans binden, ergeben sich hier Wertschöpfungsketten, die bisher weitestgehend brach liegen, weil es im engen Fernsehraum zwei Probleme gibt: Sendezeit und Produktionskosten. Ersteres ist im Web non-existent, da jeder Zuschauer sich seine Sachen selbst zusammenstellt. Letzteres ist eine Entwicklungsfrage – es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Produktion von Film in den nächsten Jahren unglaublich billiger wird. Noch ist es eine bemerkenswerte Ausnahme, wenn die 5DII für den Dreh eines Staffelfinales eingesetzt wird – aber der Einsatz von preiswerteren digitalen Kameras sowie der Preisverfall bei computergenerierten Effekten dürften die Produktionskosten von Serien deutlich senken. Zumal inzwischen eine Zuschauergeneration heranwächst, der Stars weitestgehend egal sind bzw. die ihre Stars selbst generiert.

Warum also nicht in Zukunft – analog zu Direct-to-DVD – in einem direkt für das Web produzierten Format arbeiten? Warum hier nicht weg von dem System, Serien so lange laufen zu lassen, wie es eben geht… was entweder zu abrupten Absetzungen führt oder – schlimmer noch – im Erfolgsfall zu endlos in die Länge gezogenen Formaten, die längst über ihren eigentlichen Spannungsbogen hinweg künstlich am Leben erhalten werden? Warum das Internet nicht als eigenständiges Medium begreifen und entsprechend arbeiten? Warum, kurz, also nicht Geld mit der globalen Fangemeinschaft von Figuren und Serien verdienen anstatt sich an ein anonymes TV-Publikum mit dem kleinsten geringen Nenner zu verheizen und in endlosen Zugeständnissen an die Marketingleute von Großsendern das Herz der ursprünglichen Geschichte zu verkaufen? Vielleicht hätten wir dann auch wieder mehr als nur Cop- und FBI-Shows (plus Mystery-Element bitte) mit möglichst vielen Explosionen und mehr grandioses Format wie eben Breaking Bad, das in der Tat vergleichsweise preiswert zu produzieren wäre.

Online ergibt sich die Chance, auch mit kleinen, feinen Formaten und einer relativ überschaubaren Zielgruppe langfristig stabile Formate zu etablieren, die unabhängig von Quotendruck trotzdem Geld verdienen – zudem eventuell ohne Druck durch die Werbeindustrie. So ließe sich – was bei Lost ja erstaunlich gut funktioniert hat – ein Vorgehen denken, bei dem die Länge eines Stoffes von vornherein grob festgelegt ist und eine Geschichte in dieser längeren Narrationsform vollendet werden kann, um dann als Gesamtwerk abgeschlossen zu sein. Anfang, Mitte, Ende. Zugleich wären auch Mini-Serien denkbar – wie dereinst von Wild Palms vorgemacht. Der Stoff, die Story bestimmt den Umfang, nicht umgekehrt. Was HBO noch im TV weitgehend erfolgreich vormacht, wird im Web deutlich einfacher und zugleich umfassender realisierbar – nicht nur für die großen Sender, sondern vor allem auch für Kreative selbst. Dave Sim hat vor einigen Dekaden begonnen, das creator-owned-publishing von Comics vorzuleben, das Web und die modernen Produktionstechnologien ermöglicht es jetzt den Autoren, Regisseuren und Machern selbst, mit eigenen Produktionsfirmen als Start-Up zu eigenen Online-Sendern zu mutieren, sei es über Deals mit iTunes oder direkt über die eigene Site. Hier ist die Chance, sich auch im Langformat einer Serie vom Moloch TV zu lösen und – wie im Film – zu einer Trennung von «großen» Produktionsfirmen und «Indies» zu kommen, die die besseren, mutigeren Stoffe mit weniger Budget aber mehr Freiheit realisieren… und wie im Filmbereich dürfte auch hier ein reger Crossover zwischen beiden Bereichen herrschen. Schaut man sich an, dass viele Cash-Cows der Filmindustrie bereits heute ihr Handwerk in TV-Serien erlernt haben, wird einem schnell klar, wie lebhaft sich Film und Indie-Web-Serien gegenseitig befruchten dürften.

Das Seriensterben in den USA bringt eine der wenigen halbwegs nativen Kulturleistungen der USA ins Wanken – die Langzeitnarration in Form von Comics und TV-Serien. Aber tatsächlich ist es kein Aufbruchssignal, über bestehende Kommunikationsstrukturen nachzudenken, bevor die Symptome noch ernsthafter werden. Endlose Casting- und Trash-Shows sind kein Ausweg. Ein Ausweg wäre aber, wenn die Leute, die eine Geschichte zu erzählen haben, sich neuer Wege bemächtigen, diese zu vermitteln. Man stelle sich vor, ein Bryan Fuller, ein JJ Abrams oder ein Joss Whedon würden mit einer guten Crew online loslegen (erste Ansätze gibt es ja inzwischen), ordentlich vorfinanziert, als Crossoverprojekt aus (Web)-Serie, Comic, Merchandise, Film, Buch und und und… um ganz ohne Kompromisse der eigenen Vision folgend im großen Stil Geschichten erzählen zu können. Es wäre die nächste Evolutionstufe – und zugleich die Vorbedingung für den nächsten Schritt, ein vollwertiges, interaktives, dynamisches Erzählmedium, das kollektive Gruppennarration, Einwirken in die Erzählung, also Teilhabe zulässt, eine neue und offene Struktur von Storytelling, die mehrere Enden und Bifurkationen zulässt. Bei Lost ist diese Teilhabe – in Form eines komplexen Dialogs zwischen Autoren und Zuschauern und einer wahren Deutungsorgie von Hinweisen in der Serie – bereits in Gang, die tatsächliche Leistung der Serie ist, dass sie primär nicht mehr an sich unterhält, sondern selbst Anlass zur Unterhaltung schafft, anregt statt abstumpft, kaleidoskopisch statt eindimensional ist – im Grunde ist Lost bereits längst mehr ein Onlinephänomen als eine herkömmliche TV-Serie. Die Frage ist nur, wie man den Enthusiasmus der Fans in Geld umwandeln kann, eine Transformation, die aber nicht mehr über herkömmliche TV-Kanäle funktionieren kann, sondern (auf ganz unterschiedlichen Wegen) perfekt über das Internet (oder als jeweilige Kanal-App fürs iPad usw bzw über einen eigenen Sender-Bereich bei iTunes). Mittelfristig, keine Frage, lassen sich hier Summen verdienen, an die jetzige TV-Serien werbefinanziert nicht heranreichen. Und zugleich lassen sich preiswert kleine Konzepte entwickeln, als «Playground» für den kreativen Talente-Nachwuchs.

Gute Aussichten also, wenn nur jemand endlich den ersten wirklich erfolgreichen Schritt auf den neuen Kontinent machen würde.

Vielleicht sollte David Lynch sich eben doch noch mal an Twin Peaks setzen und ein zweites Mal eine Revolution stiften.

Stop Eating Animals

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So einfach kann Guerilla sein…

Should I stay or Should I Go…

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… oder auch «Come In and Find Out.». Gemein, ich weiß – aber das ist schon arg pragmatische Stadtplanung, oder?

Schlechte Nachrichten…

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Schlechte Nachrichten für die Bekleidungsindustrie!

Lost in Translation?

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Ich werde nie verstehen, wie deutsche Buchtitel entstehen… Ratespiele im Dunkeln? Würfeln? Im Spiegel sagte die die Grande Dame der Übersetzung, Swetlana Geier, eine gute Übersetzung zeichne sich neben dem Spaß am Lesen vor allem durch «richtige Begriffe» aus. Nun heißt das Original von Steve Toltz wildem Debüt aber nun einmal A Fraction of the Whole, also «Ein Teil des Ganzen», ruhig auch volksnah «Ein Teil vom Ganzen», wenn man es bodenständiger haben will. Der Titel ist mehr als gut gewählt für das Buch, passt exzellent zum Inhalt und zum Subtext des Ganzen. Und vor allem: Er stupst den Lesern nicht stupide darauf, hier ein hohoho-lustiges Buch zu erwarten. Fraction ist durchaus irre lustig, aber eben nicht «hohoho». Anscheinend glaubt der deutsche Verlag aber, ein seriöser Titel macht nicht deutlich genug, dass man ein lustiges Buch verkaufen will und deshalb muss ein völlig frei erfundener Titel her. Wirklich, ich verstehe es nicht. Abgesehen davon ist das Cover so nah dran an Jonathan Safran Foer (und damit an gray318), das ich mich frage, warum man nicht einfach auch hier das doch sehr schöne Original-Cover verwendet hat, zumal ich die Krone gerade überhaupt nicht verstehe, die das deutsche Cover ziert – sehr wohl aber die Mischung aus Suburban Tristesse und manischer Lochererei des Originals…
Die erste Regel des Übersetzens: Do no harm. Wieso ist das so schwer?

Max fragt 06

Was bewundern Sie an Frauen?

Max Frisch, Fragebogen.

Nobody Move

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Sehr schöne Zeile – und bisher ein recht exzellentes Buch, nebenbei, sehr Elmore-Leonard-meets-Coen-Bros, mit wunderbaren kleinen Blackouts in der Handlung.

Schon niedlich

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Heute kamen über den von design3000 betreuten Koziol-Shop unsere neuen Aroma-Tassen. Und in der Lieferung dann dieser Zettel. Das ist dann ja schon echt sympathisch.

TickTock

Beste Küchenuhr ever.

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