Archiv Live

Foals Köln Luxor

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Es ist eins dieser Konzerte bei denen Bier und Schweiß von der zu niedrigen Decke tropfen, weil zu viele Leute in einem zu engen Raum zu viel Bewegung machen, bei denen du irgendwann aufhörst mitzusingen, weil sich die Angst einschleicht, was eigentlich mit deiner Zunge passiert, wenn dir plötzlich ein Ellenbogen unters Kinn schlägt, bei dem die Besucher am Ende verschwitzt und müde und glücklich wirken wie nach einem Besuch im «Fight Club». Die Foals hätten in Köln offensichtlich auch eine deutlich größere Venue gefüllt und verwandeln das Luxor in einen Käfig, der zu einem Drittel nur noch aus Mosh Pit besteht.

Und verdientermaßen – die Band, die schon auf den Alben einen bisher unerreichten Sound abliefert, ist live noch um einiges präsenter. Härter, schneller, sehr viel lauter, mit einem Sound, den ich so im Luxor bisher nicht gehört habe und der gegen Ende des Konzerts auch sicher bis an die oberste Leistungsgrenze der PA geht, und der vor allem psychedelischer, experimenteller, freier wirkt als im Studio. Einerseits werden so die etwas sanfteren Songs von Total Life Forever deutlich näher an die Songs des Debutalbums herangerückt, zackiger, tanzbarer, tougher – andererseits wächst ein Liveklassiker wie Two Steps Twice so zu einem Wall-of-Sound-Monster heran, das gegen Ende genauso gut aus dem Frankensteinlabor von Mogwai hätte kommen können. Und so wird der Mix aus alten und neuen Songs zu einer überzeugenden Reise durch die massiven Upbeatgefühle von Hits wie Olympic Arirays oder French Open einerseits und der unfassbaren Euphorie, die Tracks wie Spanish Sahara beim Hören auslösen andererseits. Es ist beeindruckend, wie Jimmy Smith live den unglaublich dichten Gitarren- und Delayteppich der Studioaufnahmen scheinbar lückenlos nachbildet, und Drummer Jack Bevan wirkt auf der Bühne fast wie entfesselt, bringt die Stücke mit seiner Energie auf eine völlig neue Ebene, kleidet die bei allem Tempo eben doch stets leicht krautigen, trancigen, cannabisschwangeren Produktionen in neue, geradlinigere Rhythmusarchitekturen, denen der hallfreiere, direktere Sound tatsächlich gut steht. Eine Band, die schon im Studio so großartig ist wie die Foals und die ihre Livefähigkeiten in einer gnadenlosen Ochsentour durch Festivals und Clubs geschliffen hat, hätte mit dem zweiten Album eigentlich einen deutlich größeren Club als das Luxor verdient und angesichts des rammelvollen Ladens wohl auch relaxt etwa die Live Music Hall gefüllt. Auf der anderen Seite, nach zwei verpassten Konzerten in Köln und Amsterdam, für die ich zwar Tickets, aber keine Zeit hatte, ist es natürlich auch großartig, die Band endlich nah und direkt gesehen zu haben, in einer kleinen Venue die authentische, echte und intensive Konzerte garantiert, bei denen dir noch drei Tage später jeder Knochen im Leib wehtut.

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Lali Puna Live Gebäude 9

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Die musikalische Struktur von Lali Puna ist eigentlich so, dass ein Live-Konzert nicht nur selten ist, sondern auch unwahrscheinlich wirkt oder zumindest wenig vielversprechend. Die ruhige, kontemplative, vielschichtige Klangwelt von Valerie Trebeljahr, Markus Acher, Christian Heiß und Christoph Brandner sollte auf einer Bühne kaum funktionieren dürfen oder zumindest so hypersteril wirken wie die von Kraftwerk. Von steril kann keine Rede sein, die Bühne im Gebäude 9 wirkt eher wie ein Proberaum, mit improvisierten Tischen, zahllosen Mikrophonen und Synths, Kabeln und Amps – aber tatsächlich suchst du Showeinlagen hier natürlich vergebens, Trebeljahr wird seltsamerweise immer dann am lockersten, wenn etwas schiefgeht und ein Song falsch losgeht oder sich einer der Musiker verspielt, und während Mastermind Heiß und die deutsche Indie-Legende Acher sichtlich Spaß an ihrer Sache haben, sind sie halt meist mit ihren Instrumenten beschäftigt oder sorgen für den perfekten Sound. So wundert es fast nicht dass Brandners Schlagzeug vorne am Bühnenrand steht – die Musiker sind sozusagen entgegen dem typischen Bandaufbau alle gleich wichtig positioniert -, denn in Sachen Action dominiert er das Konzert… traditionelle Instrumente haben halt live doch ihre Vorteile. Gerade in einer recht kleinen Venue ist der Mix von synthetischen Sounds und echten Drums eine Herausforderung, an der viele Konzerte scheitern, aber Brandners geradezu stoisches, geradliniges, kontrolliertes und trotzdem druckvolles Spiel fügt sich größtenteils auf den Punkt in die Soundstrukturen ein, die Heiß vorgibt. Mehr noch: Nach einer Weile erinnern die Drums in ihrer straighten nüchternen Art massiv an Holger Czukay, den großen Can-Trommler, der wie kein zweiter mit elektronischer Musik verwobenes Akustikschlagzeug liefern konnte. Und so überrascht es vielleicht nicht, dass die besten Tracks die sind, bei denen Lali Puna sich aus möglichst weit aus dem Morr-Music-Flair ihrer Alben herauslehnen und eine Art Neo-Krautrock spielen, der in seinen besten Momenten hypnotisch und fesselnd ist, in immer gleichen Harmonieschleifen mit druckvollen Drums und immer neuen Klangschichten minutenlang einfach vorwärts läuft und bei dem man sich wünscht dass die Songs die gebührenden 30 Minuten dauern würden, anstatt einfach irgendwann aufzuhören. Gerade die letzte Zugabe, der Klassiker Fast Forward von dem 99er Album Tridecoder, entwickelt sich am Ende zum reinen Monstertrack. Live verlieren Lali Puna so die leicht sterile, zu cleane, zu perfekte Notwist-artige Überproduktion und Geschliffenheit und tauscht die sanft fließende Magie der Platten gegen eine rauhere, rohere Fassung, die durchaus mehr Energie hat und mehr Spaß macht und bei der man sich wünscht, dass die Studioalben mehr von dieser Direktheit haben würden.

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Schauspielhaus Bochum: Leonce und Lena

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Als vor einigen Jahren die große Debatte über Regietheater in Deutschland lief, wurde Elmar Goerdens Bochumer Haus als Hort eines «respektvollen» Umgangs mit Theaterstoffen und -vorlagen gefeiert. Dieses Lob der Biederkeit war damals schon nicht ganz zutreffend, aber es scheint, als wolle Goerden dieses ja eher schmerzhaft zweischneidige Lob in seiner letzten Saison endgültig widerlegen. Tatsächlich fühlt sich Leonce und Lena , inszeniert von der ebenso jungen wie weit gereisten und erfahrenen Regisseurin Anna Bergmann, an, als sei Weber bereits angekommen, es erinnert vielleicht nicht zufällig stark an David Böschs Woyzeck-Remix aus Essen. Wo Bösch allerdings Büchners Moritat in einen postapokalyptischen Horrorthriller zu verwandeln vorzog, zieht Bergmann ein anderes Register und verpflanzt Büchners gallende Satire über das kleinstaatlerisch-feudale Deutschland seiner Zeit in die Jetztzeit. Der beliebte, aber nicht immer gute Kunstgriff, den Bergmann auch nur halbherzig durchzieht, besteht darin, aus dem König Peter von Popo und seinem Sohn Leonce sowie aus der Prinzessin Lena von Pipi Marketing-Label, Modekunstfiguren zu machen, das ganze zumindest ansatzweise in die Welt des modernen Kapitalismus zu verschieben, auch wenn dieser im dritten Akt unverhofft trotzdem plötzlich als Hofstaat auftritt. So wie Büchner ein faules, nichtsnutziges und parasitäres Feudalsystem skizziert, das von innerer Leere, Langeweile und Dummheit ebenso geprägt ist wie von Sadismus untereinander und gegen die Bauernschaft und Angestellten, gelingt Bergmann in Streiflichtern der Entwurf einer ganz anderen Postapokalypse – der Stillstand der Zeit in einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft, die aus dem melancholischen Prinzen frappierend gelungen einen Kurt-Cobain-Emo macht, der selbstmitleidig in seiner Designerloft zur seiner Gitarre singt und sich nach der perfekt aussehenden, perfekt dummen Frau verzehrt. Im ersten Akt lassen Matthias Werners Bühnenbild und das wuchtige Sounddesign von Heiko Schnurpel eine dekadente Everybody-fucks-everybody-Dekadenz entstehen, die ebenso gut aus Brett Easton Ellis Less than Zero entsprungen sein könnten, nur bemüht, den eigenen Selbstekel und den Horror Vacuii zu betäuben.

Wie in der Vorlage entflieht Leonce (Ronny Miersch) gemeinsam mit dem Hallodri Valerio (Sebastian Kuschmann) der drohenden «Fusion» der beiden Marken Leonce und Lena qua Hochzeit, nur statt nach Italien verfrachtet Bergmann die beiden ins kalte Eis, wo sie nicht nur Lena (bis zur Unkenntlichkeit umgestylt: Sina Kießling) und ihre überaus maskuline Gouvernante (Michael Lippold) mit Schlittschuhen über das (echte) Eis schlittern und fallen, sondern auch ein großartig sinnfreier Eskimo einen Iglu baut, in dem es im weiteren Verlauf der Handlung noch etwas zur Sache geht und der – Natural Born Killers zitierend – schlagartig auch als Schamane funktioniert. Das die ganze Inszenierung durchziehende Transgender-Thema findet hier auch in einem fast wörtlichen Billy-Wilder-Zitat (Jerry und Osgood aus Manche mögen’s heiß) einen Niederschlag, das Bergmanns Methode der postmodernen Entleihung deutlich macht – aus Büchners Originaltext werden ebenso die Rosinen genommen wie aus Filmen, Popkultur, Magazinen, Pornographie, Popmusik, Architektur, Politik. Das Ergebnis ist ein mitunter alberner, mitunter wunderbarer Mix aus Elementen, die zwar nicht immer so auf der Höhe sind wie Büchners rasiermesserscharfe Wortspiele, die aber gemeinsam in der Juxtaposition ein neues Bild ergeben. Leonce und Lena wird hier von der derben Comédie Humaine zur hysterischen hypergrellen Farce, die umso besser funktioniert je sinnloser und bedrogter die Protagonisten erscheinen, weil hinter ihrer Abgebrühtheit, dem romantischen Selbstmitleid und der Sinnlosigkeit des Daseins ein seltsam erfolgreiches Update von Büchners kleinem Stück entsteht, das den Ideen des jungen Autors weitgehend gerecht wird, zugleich bricht und kommentiert und poliert – und somit seltsame Parallelen zeigt zwischen den Jahrhunderten. Bergmann seziert smart die philosophischen und historischen Bezüge, ohne das Stück dabei tumb zu machen, und bereichert es mit neuem Interpretationsfutter, und plötzlich sieht ein eher historisch zu deutender Text über kleinstversprengte absolutistische Hofstaaten hochmodern aus. Nicht nur, weil Bergmann die beim Autor bezeichnet blasse und nichtssagende Lena, die eigentlich nur Rezipient und Sichwortgeber für Leonces endlose Monologe zu sein scheint, deutlich ausbaut und selbstbewusster macht. Nicht nur, weil das Stück Büchners frivole Anspielungen großartig zu kaltem, gefühllosen Sex überspitzt. Nicht nur, weil die meisten modernen Gags zwar nicht an Büchners Text herankommen, diesen aber bestens erden und rahmen. Sondern vor allem, weil deutlich wird, wie grundlegend die Zivilisationskrankheit, die Georg Büchner beschäftigte ist, wie sie mit den Jahrhunderten bestenfalls endomorpher geworden ist.

Fett, im doppelten Wortsinne, ist auch die Bühnenpräsentation. Wo Goerden am Anfang seiner Spielzeit durch den Lagerbrand bedingt eher karge Bühnen präsentieren musste, ist Leonce und Lena für ein relativ kleines Schauspielhaus eine Wundertüte dessen, was auf der Bühne derzeit geht. Matthias Werner und die Kostümdesignerin Claudia González Espíndola erschaffen mit Bergmann und dem Ensemble eine Bilderflut, deren sarkastische wie romantische Note ein Film so direkt kaum erreichen kann. Es ist die Stärke von Theater, nicht real, sondern hyperreal zu sein – und so auch hier. Ob die kleine Drehbühne mit wenigen Handgriffen vom Versammlungsraum zur Yuppieluft mutiert, oder ob mit echtem Eis eine kreisförmige Schlittschuhfläche entsteht, ob silberne Vorhangstreifen wie gigantische Alupapier-Fetzen ein minimalistisches und zugleich doch gefährlich glitzerndes Bühnenbild ergeben, ob es minutenlang zu schneien scheint oder Ballons fliegen, ob die beiden Hauptdarsteller in riesigen Plastikbällen umeinander kreisen, ob es ohrenbetäubende Musik gibt oder einen ironischen Werbeclip für L&L – Leonce und Lena ist ein Sturm von großen Bildern, Tönen, Farben und Eindrücken, die in ihrer Leibhaftigkeit Theater so eindrucksvoll und einzigartig machen, weil der Zuschauer in der unperfekten, CGI-freien Theaterwelt die Arbeit der «Suspension of Disbelief» noch selbst leisten muss, was die Effekte und Kunstgriffe tatsächlich erst wirksam macht. Nur, was nicht perfekt ist, wird glaubhaft.

Dabei sind die Effekte nur selten als reine Aufmerksamkeitshascherei oder Spielerei zu entlarven – die Idee, die beiden nur schwer zueinander findenden Liebenden in Plastikbälle zu stecken, wo sie sich zwar sehen und hören, aber nie wirklich berühren können, gefangen in ihren eignen sozialen Cocoonings wie in riesigen rollenden Kondomen, schnatternd aber eben doch wortlos, ist so treffend wie visuell poetisch – und es spricht für das Fingerspitzengefühl aller Beteiligten, dass solche Szenen nicht ins Kitschige driften, ebenso wie der Slapstick nie bodenlos albern wird. Die einzelnen Teile, die so gar nicht passen wollen, kommen gut zusammen. Auch dass Bergmann und ihre Crew das Happy End in die Ästhetik von Parfüm- und Schmuckwerbung packen, mit der Musik und der Bildsprache des modernen Kitsches spielen, ist großartig: Bergmann gibt uns das glückliche Ende, das wir wollen, aber sie gibt es uns vergiftet, verlogen – und der Clip, von dem man sich als Zuschauer denkbar betrogen fühlt, weil er die Liebe von Leonce und Lena für Produktwerbung platt verzuckert, wird so nicht nur zum Seitenhieb gegen die glatte und insofern falsche Werbeästhetik, sondern auch zum Metakommentar zu Theater-versus-Film, zu Dreidimensionalität versus Plattheit im Wortsinne. Die Bochumer Fassung von Leonce und Lena schafft so den schwierigen Salto zwischen publikumswirksamer Inszenierung mit allen Mätzchen, die man im Stadttheater heute so braucht – und einer vor allem im ersten Akt kalten nihilistischen Analyse der übersatten, dekadenten, weichen Mischung aus Selbstzufriedenheit und Selbsthass, die nicht mehr den Feudalherrschern vorenthalten bleibt, sondern die uns alle langsam aber sicher umfasst, weil wir ja alle der grundlegenden Langeweile unserer Selbst gerade angesichts der vielseitigen Zerstreuungen nicht entkommen können.

Grandios ist, dass Bergmann das nicht als borniert verkopftes Smartass-Theater präsentiert, sondern vergleichsweise leichtfüßig und zugänglich. Ihre Inszenierung beweist, dass urbane Theater nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen (obwohl Büchner natürlich auch nicht gerade Avantgarde ist, im Gegenteil), und mit immer mehr Boulevard ankommen müssen, sondern eher versuchen können, komplexe Ideen und widersprüchliche Deutungsideen sexy zu verpacken. Das gelingt nicht immer, ist auch nur eine dünne Klinge, auf der man hier erfolgreich balancieren kann und schnell ist man zu clever oder zu plump – aber Bergmann gelingt der Hochseilakt zwischen Showtheater und Substanz verblüffend gut.

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Zeche Bochum Kaki King live

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Ganz ehrlich: Dieses Konzert hätte das zehnfache an Publikum verdient. Ich gebe zu, obwohl ich sogar einen Track von ihr auf einem Cure-Tributealbum hatte (der zwar schön ist, aber kaum zeigt, was sie tatsächlich kann) ich habe Kaki King bisher auch nicht gekannt, bei PlanB auf EinsLive entdeckt, ein Album gekauft und sofort den gesamten Back-Katalog. Katherine Elisabeth King ist nichts anderes als großartig, jedes Album ein spürbarer Evolutionsschritt. Und in der Zeche Bochum spielt sie vor gefühlten 100 Leuten. Auch kein Wunder, wenn der Gig nur übersparsam angekündigt wird, Das spricht für schlechtes Marketing der Plattenfirma, leider. Denn neben etwas fetterer Backline und besseren Sound wären hier einfach 900 Leute mehr perfekt gewesen. Denn musikalisch bieten King und ihre zwei Mitstreiter, Jordan Perlson am Schlagzeug und Dan Brantigan an EVI und Trompete, allerfeinste Qualität. Jeder der drei Musiker ist alleine einen Konzertbesuch wert, und da Perlson und Brantigan genügend Raum bekommen, um zu zeigen, was sie können, verlieren sie sich nie im Schatten der Über-Gitarristin King. Programmatisch fällt beim Konzert die Entwicklung vom Akustikgitarren-Wunderkind zur Indie-Songwriterin live durch einen harten Bruch auf, bei dem die Band von der Bühne verschwindet und King absolut surreale Dinge mit ihren Saiten veranstaltet, die den wahrscheinlich im Publikum anwesenden Gitarrenfreaks die Tränen in die Augen treiben dürften, etwa bei Playing Pink With Noise mit einem unglaublichen Mix aus Obertönen, perkussiven Sounds, und einer Zupfarbeit die beim Hören auf einem Album schon beängstigend ist, live gesehen aber einfach atemberaubend wirkt, ebenso wie ihre Arbeit an der Steelguitar. Bei der einzigen Zugabe zeigt King dann auch nochmal zusammen mit einem Loop-Sampler, dass sie eigentlich auch gut alleine 120 Minuten unterhaltsam sein könnte, springt mittendrin, während die Loops noch laufen, von der Bühne, hüpft durchs spärliche aber dafür ehrlich begeisterte Publikum und konstruiert Schicht um Schicht einen ganzen Song. Umso feiner, dass die Band mit ihrer Fingerfertigkeit mithalten kann und gerade den Songs von den letzten Alben den perfekten Schliff gibt. Es fehlt im Fundament etwas an Bass, obwohl Brantigan berauschend zeigt, wie gut sich ein Saiteninstrument mit einem digitalen Blasinstrument ersetzen lässt, obwohl der Drummer sogar bei einem Song via Pads den Bass mitspielt – aber irgendwie merkt man ab und zu, dass es in den tiefen Frequenzen an Energie fehlt, zumal ein Basser Brantigan mehr Raum geben würde, frei in den hohen Lagen zu spielen, wo er absolut brilliert, wenn er die Chance bekommt, seine Synth-Solos zeigen den erfahrenen Jazzer als gleichauf mit der Gitarrengöttin King, und wenn er zur realen Trompete greift, geht die Sonne auf. Perlson spielt ein hochdramatisches Schlagzeug, das trotz der relativ schlechten Raumakustik des recht leeren Saales begeistern kann – von leisesten Zwischentönen bis zum ganz großen Kino liefert er dynamische Bandbreite, rhythmische Eleganz und bewahrt bei aller Energie, die er an dem Silver-Sparkle-artigen Yamaha-Kit entfaltet stets eine nerdige Ruhe und Eleganz, die er nicht einmal verliert, wenn er sich in dubbigen, an Stewart Copeland erinnernden Reggae-Grooves oder psychedelischen Monstersoli verliert. Mitunter spielen die Drums ein wenig zu wirsch für die Songs, so dass die ohnehin fragile Bandkonstruktion noch dünner wirkt, aber alles in allem hält Perlson mit solider Fußarbeit die musikalischen Netze, die Brantigan und King in die Luft wirbeln, phantastisch geerdet.

Wie auf dem Junior-Album wirkt der Gesang etwas zu verhallt, zu weit weg, aber das passt vielleicht ideal zu einer Person, die auf der Bühne davon erzählt, dass sie sich nicht traut, auf eine eMail von Melissa auf der Maur zu antworten und die auch ansonsten so wirkt, als würden sie die üblichen Popstar-Klischees eher langweilen… auch wenn der pinke WahWah auf der Bühne ein phantastischer Hello-Kitty-Moment ist, wenn King in einer Art und Weise auf ihrem Effektgeräten herumstampft, dass es mich im besten Sinne an Ute Rettler (unsere alte Gitarristin bei These Foolish Things) erinnert. Gerade die Junior-Tracks zeigen das Potential von King nicht nur als Instrumentalistin der Extraklasse, sondern auch als Songwriterin und Sängerin, die hier ganz wunderbar irgendwo zwischen Lush und Shoegaze-Sounds luftwandelt und schnelle, aber perfekt entspannte Songs präsentiert. Man kann nur hoffen, dass King und ihre Band in anderen Locations ihrer recht umfassenden Tour entweder kleinere Bühnen oder deutlich mehr Publikum haben – idealerweise letzteres, verdient wäre es allemal.

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Schauspielhaus Bochum: Superstars

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Don’t fall in love with a marketing man…
Manchmal ist es gut, unvorbereitet in ein Theaterstück zu gehen – denn wie so oft hätte ich «Superstars» im Schauspielhaus Bochum allein aufgrund der Beschreibung im Spielplan wahrscheinlich tatsächlich eher gemieden – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass einem die Bochum-Homepage den Kartenkauf nun wirklich nicht gerade einfach macht, wenn man etwa bis zu einer Stunde warten muss, bis das miserabel laufende Java-System von Eventim ein einfaches Passwort mailt. Umso schöner, trotzdem in den Kammerspielen Frank Abts aktuelles Stück gesehen zu haben.

Nach der Vorankündigung hätte ich eine Parodie auf die Casting-Gesellschaft, ein kurzzeitiges, bissiges Parodiestück erwartet, und um die Wahrheit zu sagen, ist Coldplay nicht wirklich das, was mich in einen Theatersaal zieht. Wie so oft auch hier das Phänomen, dass Dramaturgen intern ihre Stücke unglaublich gut kommunizieren können, in der Außendarstellung aber die tatsächliche Kraft des Stücks in den Worten, im Marketing, untergeht. Rückblickend also gut, dass ich im Grunde die Vorankündigung kaum gelesen habe…

Alles, nur nicht Musical
Und tatsächlich beginnt Abts Inszenierung mit einem Flair von TV-Superstar-Casting-Shows, wenn die Hauptdarsteller Jele Brückner, Stephanie Schadeweg, Marco Massafra, Cornelius Schwalm und Torsten Kindermann im weißen Bühnenbild auf großen TFT-Displays in die Videokamera blinzeln, scheinbar unbeholfen, und über ihre Gefühle vor den Proben zu diesem Stück zu berichten scheinen. Was so unbeholfen und naiv wirkt wie, tatsächlich sogar ehrlicher und purer als ein Casting bei DSDS und Co, schafft aber zugleich subkutan den Rahmen des Stücks, wenn die Darsteller über ihre letzte Saison am Bochumer Haus berichten – Jele Brückner geht nach einer Dekade unter Hartmann und Goerden – und Hoffnungen, große Ziele und ein bisschen Versagensangst offenlegen. Wer angesichts der aufgebauten Instrumente auf der kahlen aber wunderbar mibil bespielbaren Bühne, die zugleich die «Backstage» in das Stück einbezieht, einen Musikabend erwartet, wie ihn all zu viele Theater immer öfter im Repertoire haben, darf sich getäuscht fühlen. Im Gegenteil: Dies ist keine Musiknummer mit etwas Schauspiel, kein Musical, sondern umgekehrt, ein waschechtes Schauspiel, dass die Musik als Stilmittel einbezieht und mit der Handlung verzahnt. Tatsächlich findet erstaunlich wenig Musik auf der Bühne statt, und wenn, dann mit Effet.

Musiktherapie
Denn Superstars fühlt sich weniger wie eine Casting-Parodie an, sondern mehr wie eine Musik-Therapiegruppe für gescheiterte Existenzen. In einem grandiosen Bluff betritt zunächst Thorsten Kindermann die Bühne, bei dessen persönlichen Background man zunächst glauben mag, er berichte authentisch aus seinem Leben, und dessen Monolog tatsächlich noch die Castingthematik aufgreift. Schnell und hart nimmt Abt die Träume dieser Figur auseinander, die von den hochfliegenden Castingträumen beim Gesangsunterricht für Schulkinder angekommen ist, und die jede Niederlage noch zum Sieg umzumünzen versucht, sich vergeblich an die rutschige Stange klammert, an der sie herabsaust in die Bedeutungslosigkeit. Kindermanns Figur setzt dabei den Standard für die weiteren Protagonisten, für Brückners zweifelnde Schauspielerin in der frühen Midlife-Karriereknick-Krise (die sich immer noch semi-authentisch anfühlt und von Brückner beängstigend dreidimensional gespielt ist), für Cornelius Schwalms grandios überzeichneten, aber niemals klischeehaften Ruhrgebiets-Taubenzüchter, der in seinem bizarren Mikrokosmos immer mehr Erfolg will und am Ende nur noch Mittelmaß hat, für Marco Massafras Versicherungs-Vorständler, der in die Kasse des eigenen Konzerns greift, um seinen Lifestyle und seine teure Frau finanziert, und hinter Gitter landet wo er berechenbarerweise zu Gott findet und der so von der einen Illusion in die andere wandert, und für Stephanie Schadeweg, die ihre Figur zunächst bizarr in einem Schwimmbad beginnt und ihren Monolog dann so tieftraurig und ergreifend enden lässt, dass sie nicht ohne Grund am Ende des Stücks gesetzt ist mit ihrer umwerfenden Performance.

Wir sind alle Verlierer
Denn mehr noch als alle anderen Figuren macht Schadewegs Doppelrolle als Demenzärztin, die fast nahtlos übergeht in die Frau eines Demenzkranken, dessen letzter Sieg im Alltag der Weg zum Briefkasten ist, klar, wie hoffnungslos das Stück am Ende ist. Wir mögen lachen über die Loser-Parade von mehr oder minder charmanten Figuren, die zu hoch hinauswollen und sich die Flügel verbrennen, die leeren Träumen wie Schmetterlingen hinterher jagen und sich dabei im Dschungel verirren… aber mit Schadewegs Figur(en) macht Abt klar, dass man im Spiel des Lebens mit steigender Wahrscheinlichkeit am Ende immer der Verlierer ist, dass Verlust ein Grundpattern des Lebens ist, auswegslos, rätselhaft, unkontrollierbar. Ruhig und endgültig hämmert Schadeweg herzergreifend den Verlust von Liebe, das Verschwinden eines ganzen Menschen auf die Bühne, mit einem schlichten Understatement, das ein gekonnter und wohltuender Kontrast zu Schwalms phantastischem Hamming ist. Dass die Monologe von Abt auf echten Interviews des Journalisten Dirk Schneider basieren, eine bittere Montage von Selbstbetrug und Trauer darstellen, macht sie um so ergreifender zu Minikosmen, zu einem Panoptikum gescheiterter Existenzen, in denen wir alle uns nur zu gut widerspiegeln können, und in die Abt geschickt die Ängste und Unsicherheiten einer Darstellermannschaft vorm Intendanzwechsel einwebt und so die Idee nahelegt, dass sich in jeder Biographie die jeweils eigene reflektiert, dass die Darsteller sich in in ihren Figuren wieder entdecken und die Zuschauer in den Darstellern, in einer Art kaleidoskopischer Wirklichkeitsmaschine.

Lights will guide you home
Mag es bittere Ironie sein oder ein Ausdruck menschlichen «Trotz-allem», Abt setzt die Musik im Stück grandios ein, um eine fein dosierte Mischung aus Pathos einzuweben. Es ist ein gelungener Kunstgriff, dass die «Band» das Ergebnis ihrer Proben in der Mitte des Stücks setzt – eine durchaus überraschend gute Version von Coldplays Fix You. Nachdem vorher bereits durch eine deutsche Übersetzung der Texte klar ist, dass dieses Stück das metakontextuelle Gegengewicht ist, die eben immer auch etwas alberne Hoffnung, die zuletzt stirbt, bringen die Darsteller die Nummer effektvoll auf die Bühne, und auf einmal hat der an sich stets etwas herzlose Coldplay-U2-Stadionpathos durch die Unperfektheit der Nummer und durch sicher sitzende Brüche etwas glaubhaftes im Kontext des Stückes, wird zum rettenden Floß für die Figuren auf der Bühne, die zuerst unsicher und dann immer kraftvoller den Song performen, um danach diesen Erfolg, Rückschlag zu den Big-Brother-Shows dieser Welt, selbst vor der Kamera zu kommentieren – wieder auf den Videowänden, endgültig alle Grenzen zwischen Darstellern und ihren Figuren verwischend. Wer spricht da jetzt, der Schauspieler, der sich über eine gelungene Probe vor der Premiere freut, oder der Protagonist, der das gerade gehörte Stück kommentiert? Als es im Stück weitergeht, mit einem kurzen, endgültig alle Regeln brechenden Auftritt der gealterten Jeanne Moreau, wächst die Angst, dass das Highlight des Stückes dann eine zweite Performance auf der Bühne ist, dass Abt uns ein abgeschmacktes Ende gibt – wie ja überhaupt die ganze Zeit die Kunst des Stückes ist, permanent am Rande des Peinlichen zu navigieren und die Fettnäpfchen permanent eleganz zu umtanzen, niemals «zu viel» zu sein. Wie schnell hast du das mit einem beschissenen Ende ruiniert. Und gottseidank – Abt beweist das Fingerspitzengefühl, nicht so offensichtlich zu sein, sondern noch eins drauflegen zu können, das offensichtliche zu umgehen, um zu überraschen und anzurühren. Am Ende tritt die Band, ohne Schlagzeugerin auf, aber auf einer Bühne jenseits der Bühne, während Schadewegs zweitem großen Monolog, bei dem wir durch die geöffnete Bühne und mit den Videowänden die üblichen Vor-dem-Auftritt-Riten beobachten können: Zickigkeiten, Nervosität, dann die große Umarmung vor, schließlich das Sichselbstfeiern nach dem Konzert.

Wortlos, fast beiläufig setzt Abt so Triumph in seiner ganzen Kurzzeitigkeit und Verlust am Lebensende nebeneinander, und anstatt die Band noch einmal Fix You spielen zu lassen, schließt er am Ende den Kreis zum Anfang… die Figuren sitzen auf der Bühne und betrachten ihre Darsteller auf den Displays, die unter Kopfhörern getrennt voneinander zu Fix You mitsingen, schief, pathetisch, nur sparsam begleitet von Kindermann am Klavier. Nach und nach blendet ein Display nach dem anderen ein, aus den einzelnen unsicheren und gebrochenen Stimmen wird unmöglicherweise ein Chor, ein ganzes gemeinsames Lied, das sich durch die reine Überlagerung ergibt. Bis beim Refrain die Bühne abdunkelt und in einer großen Projektion die weißen Wände des Bühnenbilds wieder zur Leinwand umgenutzt werden, auf denen sich langsam Mitarbeiter des Hauses versammeln und wie zum Abschied den Refrain mitsingen, das Stück von dem gebrochenen Headphone-Gesang eines einzelnen Schauspielers zu einem beeindruckenden Choral erheben. Du musst ein Herz aus Stein haben, wenn Abt dich nicht hier spätestens mit einem Kloß im Hals und geröteten Augen erwischt. Der ganze grässliche Pathos von ausgerechnet Coldplay ist hier für wenige Sekunden zum Guten gewandelt und funktioniert, das kalte Plastikgefühl der Band, der plumpe Optimismus bekommt im Kontext von Abts Stück eine Aufwertung, die im Wortsinne ergreifend, pathetisch ist. Dann gehen die Chorleute in ihrer Projektion etwas unsicher in verschiedenen Richtungen von der Bühne, die Darsteller gehen ab, die Bildschirme blenden aus. Abt wirft uns zurück aus seiner montierten Schwindelwirklichkeit in die «echte» echte Welt, die sich nach seinem Stück ein wenig anders anfühlt, anders schmeckt. Mehr kann ein Theaterstück kaum liefern wollen.

Photo: Birgit Hupfeld

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HELDENBAR: KANNIBALEN

Anselm Weber, keine Frage, macht in Essen so vieles goldrichtig, dass es nur konsequent scheint, ihn nach Bochum zu holen (auch wenn ich persönlich Weber in Essen gehalten und Oberender in Bochum gesehen hätte – zwei gute Leute so nah beieinander, das wäre ideal, fast Berliner Verhältnisse :-D). Wie viele andere Intendanten mixt er gekonnt Etabliertes und Experiment, Feuilleton und Bestseller, Klassiker und Progress, Politisches und Pretiöses, produziert – wie eben Hartmann Anfang 2000 in Bochum oder Khuon in Hamburg – Pop-Theater im allerbesten Sinne, mutiert das Theater zum breitgefächerten Angebot für die verschiedensten Zielgruppen, zu einer Art Senderfamilie von Klassik bis Alternative.

Zu solchen Konzepten, und den Freiraum des subventionierten Theaters nutzend, gehören natürlich Experimente – wie beispielsweise Elmar Goerdens schöne neue Nutzung des Theater Unter Tage als Kristo Sagors Wohn- und Spiellabor Neue Heimat, aber eben auch wie Webers Hoffnungsträger, in dem die Regieassistenten des Grillo in der Heldenbar, wo sonst Lesungen und Parties stattfinden, kleine Stücke inszenieren dürfen.

Vor eher familiären Kreis also präsentiert Christina Pfrötschner drei Männer in einem Boot – allerdings nicht Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff und Walter Giller, sondern Matthias Eberle, Fritz Fenne und Roland Riebeling, verstärkt von Nicola Mastoberadino. In dem kurzen Stück finden sich die drei Herren auf einer Art Floß wieder, ohne Proviant, und diskutieren bereits in situ ohne lange Umschweife, dass einer der drei sich wohl wird freiwillig den anderen zum Fraß wird vorwerfen müssen. Was sonst tatsächlich im Assessment-Center für angehende Führungskräfte in etwas milderer Form ein Psychotest ist – wer opfert sich, wer setzt sich durch -, gerät zum Duell zwischen Riebeling und Fenne, druck- und humorvoll und angemessen grotesk überzeichnet. Die nicht wirklich theatralische Umgebung und das Minimal-Bühnenbild sowie der schnelle, unverklärte und überzeichnete Handlungsaufbau bedingen, dass die Darsteller sich schlecht verstecken können, unmittelbar vor dem Publikum funktionieren müssen. Schnell entpuppt sich Riebeling als treibende Kraft von Sławomir Mrożeks Farce «Auf hoher See», wenn er nicht nur festlegt, dass einer der Schiffbrüchigen gegessen werden muss, sondern sich auch schnell auf einen Kandidaten festlegt, der vor allem eins nicht: Nicht er selbst. Es geht weniger um die ethischen und moralischen Fragen, als vielmehr um die rhetorischen Kniffe, mit denen die Oberschicht – Riebelings Figur «Der Dicke» entpuppt sich bald als Fürst, entgegen seinen Behauptungen, ein armer Waise zu sein – mit dreisten Lügen und Finessen die Unterschichte «auffrisst», zumal die Demokratie schon bald als untauglich entsorgt wird, nachdem es dem Fürsten selbst an den Kragen gehen könnte. Der Einakter, dem man mitunter die noch nicht post-ideologische Ernsthaftigkeit der Sechziger Jahre anmerkt, auch wenn die Regisseurin den Text spürbar gestrafft hat, überspitzt die Märtyrer-Demagogik dabei so drastisch, dass am Ende nicht nur Fennes Figur, ausgerechnet der Schmächtigste der drei, förmlich froh ist, sich für die Kameraden in den Kochtopf zu werfen, sondern auch das Publikum trotz der etwas schwerfälligen Ideologie des Textes gut unterhalten ist.

«Auf hoher See» ist ein Stück, das man meist an Amateurbühnen zu sehen bekommt, eine vielleicht bewusst bescheidene Materialwahl von Pfrötschner, die hier auf viele Tricks verzichtet, auf die junge Regisseure gerne hereinfallen. Keinerlei Effekte, keine Mätzchen, keine Schwurbeleien – das Stück wird klar und schnell, im besten Sinne klassisch, aufgezogen und die Regie konzentriert sich darauf, den Text zu gliedern, die besten Darsteller zu versammeln und diese ins ideale Licht zu rücken. Keine Spur von Sturm-und-Drang-Allürenoder dramaturgischen Extremen, mit denen andere Neo-Regisseure (und nicht nur die) sich profilieren wollen oder von anderen eventuellen Schwächen abzulenken versuchen, statt dessen der Mut, sehr nacktes und klares Theater – der Location angemessen – machen zu wollen und dem Stück an sich und seinen Absichten gerecht zu werden. Das ist, zumal für ein Nachwuchstalent, inzwischen ungewöhnlicher als man es sich eigentlich wünschen möchte und zeigt die kühle, fast filmerische Handschrift, die keine mehr sein will, die eher dokumentarisch und klar wirkt. Was andere Regisseure erst nach einer ganzen Weile können – ein Stück einfach sauber umsetzen und für sich wirken lassen – gelingt hier ad hoc so gut, dass man sich fast fragt, warum Pfrötschner hier unter dem Artenschutz des Hoffnungsträger-Banners und nicht längst auf einer größeren Bühne präsent ist… und umgekehrt vielleicht, ob sie den kleinen Rahmen der Heldenbar nicht eben doch für mehr Experiment hätte nutzen können. Vielleicht ist der Weg bei der neuen Generation von Regisseuren, erst verlässlich zu zeigen, was man handwerklich kann und sich dann zu entdecken, wenn man etabliert ist :-D.

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INFADELS KÖLN LUXOR

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Keine Photos diesmal, wir hatten weder Kamera noch Handy dabei. Wozu hat man Technik, wenn man sie nicht benutzt :-D? Das Photo hier stammt also von Popmonitor.

Das ist das dritte Infadels-Konzert, dass ich sehe, und vielleicht ist man deshalb weniger enthusiastisch dabei als die wenigen versammelten Leute im Lxor, dass nicht ganz leer ist, aber auch nicht annähernd so voll wie bei den Klaxons oder sogar bei den Rakes. Die Stimmung der Fans vorne vor der Bühne, wo es reichlich leer ist, ist trotzdem gut, was aber vielleicht auch am Alkohol liegt, eine Gruppe wirkt etwas arg angetrunken und macht – ganz auf japanischen Tourismus gebügelt – permanent Photos von den einzelnen Leuten vor der Bühne mit der Band im Bildhintergrund.  MySpace olé – die Mutti photographiert sich vor dem Eiffelturm, der Sohnemann eben vor Bnann Watts.

Die Band selbst wirkte angesichts der kleinen Venue und des überschaubaren Publikums etwas gedämpft in Vergleich zu anderen Auftritten, auch wenn Bnann immer wieder «Cologneeee» rief und uns versicherte, dass die Stadt rockt – da fragt man sich spontan, wie leer es in anderen Städten so vor der Bühne ist. Die Infadels spielen einen lockeren Mix aus den beiden Alben, wobei leider die neuen Songs etwas überwiegen, die allerdings live größtenteils deutlich besser wirken als in der überproduzierten Sterilität des Albums – etwas Dreck tut den Songs gut, mit Ausnahme von Free Things for Poor People, das einfach so oder so nicht zu retten ist. In den Händen der Smiths wäre das vielleicht eine passable B-Seite aus der müden Endphase der Band gewesen, aber bei den Infadels schleppt sich der Song live wirklich nur gruselig durch. An diesem Abend fällt auch extrem auf, dass der sonst brauchbare Drummer Alex Bruford (übrigens der Sohn von Legende Bill Bruford) an diesem Abend ein Schwachpunkt der Band ist, die in grimmigem Joker-Make-Up und -Outfit über die Bühne rast. Die Songs wirken – obwohl oft von Richie Vernons Sequenzern getrieben – seltsam schleppend und kommen selten wirklich nach vorne, was auch am Sound liegt, der einfach extrem schwach ist – das Schlagzeug kann sich kaum durchsetzen in der Klangsuppe.  Das Circus of the Mad-Motiv rundet ein grandioser Superheld im Wrestler-Outfit ab, der zwischen zwei Songs die Bühne betritt und das Publikum anheizt. Passt perfekt zu dem Mädchen im Publikum, dass im Glücksbärchen-Kostüm herumtanzt (gab’s freien Eintritt mit Kostüm?) und sauber Spaß an dem Gig hat, vor allem als die Infadels bei Can’t get enough, der einen Zugabe, die Leute auf die Bühne holen. Stagecrowding gehört im Luxor irgendwie dazu, oder?

Die Infadels touren derzeit im Tages-Ochsentour-Takt durch Europa – und Gigs vor kleinen Crowds sind da kein Highlight, die Bühnenarbeit mutiert zu einem Mix aus echter Arbeit und gedämpften Drogenexzess.Das alles ist aber echt keine Entschuldigung, von allen Liedern auf der Erde nun ausgerechnet Sweet Dreams von den Eurythmics zu covern – eine gruselige Ü30-Nummer, von der man einfach die Hände lässt, es sei denn, um sie zu demontieren. Bei nicht selbst komponierten Songs fällt oft auf, ob eine Band wirklich virtuos ist oder nicht, und die Frage beantworten die Infadels leider mit einem überzeugenden Nein und schrammeln sich durch Dave Stewarts Song, kaum besser als eine miese Schul-Partykapelle beim Abiball. Dass dafür andere Songs vom ersten Album unters Messer kommen ist etwas bizarr. Vielleicht passend, denn Dave ist ja selbst auf diesem Niveau angekommen und verwurstet seine eigenen alten Songs noch einmal auf dem Songbook-Album:-D.

Mit dreimal so viel Publikum, mehr Alkohol, vernünftiger PA und einer deutlich besser gelaunten Band wäre der Gig natürlich großartig gewesen – wenn die Infadels gut drauf sind und laut und es heiß und eng ist, herrscht Party. So ist das hier nicht der Circus of the Mad, sondern eine leere Tanzfläche mit semibetrunkenen Leuten, die sich etwas traurig anpogen, vor einer Band, die angestrengt versucht, den Abend zu überstehen.  Eigentlich schade, denn die Infadels können definitiv ein Publikum und eine Show wirklich nach oben treiben – aber so wie das neue Album eher schlechter als das erste ist, wirkt auch die Liveshow einerseits geplanter und gewollter, aber eben alles in allem weniger ausgelassen, weniger energetisch, weniger echt, weniger Rock’n'Roll.

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AND ALSO THE TREES CHRISTUSKIRCHE BOCHUM

hd schellnack

And also the Trees gehören zu den etwas unbekannteren, aber um so besseren Bands der achtziger Jahre, in der Gitarrenecke etwa das Gegenstück zu Trisomie 21 in der Elektronik… ein wenig schräger, ein wenig verschrobener, ein wenig mehr Offbeat. Und so wurden Simple Minds oder The Cure zu relativ traurigen Stadionrockern, während die Trees eher eine obskure Band blieben, die mit längeren Pausen (jüngst vor einem Jahr) immer mal wieder ein Album veröffentlichten, sich im großen und ganzen nur marginalst weiterentwickelte, vielleicht, weil der Sound im Grunde bereits ab Virus Meadow kaum noch besser und geschliffener vorstellbar schien, zum anderen sicher auch weil der melodramatische Sprechgesang von Simon Huw Jones nicht allzu viel Variation zulässt. Bis heute präsentieren die Trees einen hochemotionalen musikalischen Soundtrack, der an endlose Landschaften und Einsamkeit erinnert, mit verlorenen, fast mandolinenartigen, fein ziselierten Gitarrenlicks, ruhig pulsierenden Bässen und einem oft grandios vertrackten Schlagzeug – eine Mischung, die entfernt an Dif Juz erinnert und den perfekten Teppich für Jones’ schwermütige und tiefgründige Lyrics ausbreiten.

Für diese Art von Musik ist eine Kirche der perfekte Veranstaltungsort. Die Kälte des Raums, das Echo, die Akustik, das Wissen um die an sich geweihte Natur des Ortes (der insofern natürlich perfekt als Veranstaltungsort des Matrix für Bochums Goth-Szene geeignet ist) – all das ist schon perfekter Background für die filigranen Klangkonstruktionen von AATT, die hier ja bereits 2005 gastierten. Die Band hat das Konzert sauber in zwei Hälften zerlegt – der erste Part besteht fast ausschließlich aus neuen Tracks von The Rag and Bone Man, dichte melodische Stücke, an denen die Zeit seit dem ersten Album von 1984 beinahe spurlos vorangezogen zu sein scheint. Besser produziert, geschliffener komponiert sicher, nicht dichtere Saitenkonstruktionen von Justin Jones und Ian Jenkins phantastische Arbeit am Kontrabass ist atemberaubend, aber im Kern ist die Musik diamantenklar in sich geblieben.

Das wird nach einer kurzen Pause deutlich, nach der die Band nur noch alte Tracks spielt, größtenteils von Virus Meadow, dem für mich vielleicht wichtigsten Werk der Band – ein stellares, überirdisches Album, dessen Aktualität und Druck live besonders klar wird. Drummer Paul Hill verleiht den Tracks auf der Bühne eine frische Dynamik, und treibt die introspektiven Stücke nach vorne, ohne jemals in dem diffizilen Klangambiente der Kirche überdominant oder zu störend zu wirken. Das Publikum ist im zweiten Teil von den Bänken aufgestanden und steht – wenn auch nur in kleiner Zahl – dicht an der Bühne im Altarbereich, tanzt, singt mit. Es ist unweigerlich ein bisschen «Feier deine Jugend» und ein bisschen traurig, wenn fast 40jährige Jungs im Publikum Slow Pulse Boy Zeile für Zeile mitsingen können, aber ich muss zugeben, das hier ist weit weit weg von diesen Melancholie-Konzerten, weit weg von New-Wave-Oldie-Hitparade und Ü30-Party – das hier ist zeitlose Musik, die ganz offenbar mit dem ersten und zweiten Part mühelos zwei Dekaden überspannt und die heute ebenso in den Kopf schießt wie damals. Die für die an sich bescheidene Location exzellente Lichtshow und der sichtbare Spaß der Musiker am Konzert inspirieren, es gibt vier herausragende Zugaben und tatsächlich hat man am Ende das Gefühl, this could go on forever. Die Musik, in der es einzelne Tracks kaum zu geben scheint, in der sich eine Perle nahtlos an die andere reiht, ein einziger Song in immer neuer Variation, in verschiedenen Facetten – man kann greifen, dass AATT nach dem perfekten Lied suchen und nur noch an feinsten Parametern drehen, reduzieren, iterieren, reines Klanggefühl suchen.  Was für Außenstehende vielleicht monoton wirkt, vrdichtet sich am Bühnenrand zu einer klaren Woge, zu einem konzentrierten Strahl von Musik, dessen hypnotischer Wirkung es zu verdanken ist, dass man sich nach weit über zwei Stunden Konzert einerseits hungrig nach mehr Trees, andererseits fast benommen von solch intensiver Musik wieder in die normale Welt zurückbegibt. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Bands aus den frühen Achtzigern zu traurigen Schatten ihrer Selbst geworden sind, sell outs oder has-beens, ist verblüffend, wie intensiv und akut die Band aus Worcestershire geblieben ist- vielleicht weil sie immer schon weit jenseits des Mainstreams operierte.

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SIGUR ROS: PALLADIUM KÖLN

hd schellnack

Was soll man über Sigur Ros noch sagen, was man nicht schon bei anderen Konzerten geschrieben hat? Das Epische, fast Religiöse der Musik, der stets etwas gleiche hypnotische Crescendo-Aufbau von Harmonien und Arrangement, der die monotone Emotionalität der Wiederholung eines Gorecki in die Pop-Rock-Welt hinüberrettet, gebrochen durch die vertrauten frickeligen Uhrspiel-Melodien, die ihre Fugen in das monumentale Gerüst der Musik ziehen.

In Köln überraschen Sigur damit, dass sie extrem wenig Material des neuen Albums präsentieren. Ich hätte gedacht, eine CD die so sehr nach Neu-Definition klingt, nacht Re-Orientierung, hätte auch ein deutlich anderes Konzert bedeutet. Aber keineswegs, Sigur präsentieren vielmehr das vertraute Best-of-Set (Svefn-g-englar, Glosoli, Sé Lest usw), dass man mit leichten Abwandlungen schon von vorherigen Konzerten kennt. Es gibt viele Höhepunkte an diesem Abend, eine simple, aber geschmackvolle Lichtshow, die nicht von der Musik ablenkt, ein minimalistisches Bühnenbild, und kleine wunderbare Gimmicks – wie die bei Sé Lest erstmals auftauchende Bläserkapelle (wie bei der letzten Tour), oder den nicht enden wollenden Konfettiregen, der so simpel ist und doch für einen Moment fast magische Stimmung schafft.

Die Band spielt unprätentiös, wie gewohnt, ohne große Ansagen, ohne großen Pathos (der steckt ja reichlich in der Musik), multiinstrumental, sehr live und mit viel Spaß. Es macht Freude zuzusehen, wie Keyboarder Kjartan Sveinsson den Beat der Stücke massiv mittrampelt, wie Drummer Orri Dyrason den Abend mit einer aufblasbaren Plastikkrone herumläuft und alle sichtloich Spaß haben – und das obwohl die Halle beileibe nicht ausverkauft ist und das Publikum zwar sehr intensiv klatscht, bei den Songs an sich aber kaum mitgeht… was bei der Musik von Sigur sicherlich auch nicht immer möglich ist. Die Zugabe, Popplagið,  ist wie immer ein Epos, ein Gewaltakt, und setzt dem schon phantastischen Gobbledigook, das den egentlichen Konzertteil beendete und von zig Trommeln und dem klatschenden Publikum getragen wurde, noch einmal die Krone auf. Wunderbar brachial sprengt der achte Track des () Albums alle Grenzen des live machbaren und vielleicht erwartet man nach dieser Monumental-Rock-Zugabe einfach, dass die Band Ende macht – Ende machen muss. Hiernach geht nichts mehr. Weswegen eine Menge Leute bereits den Saal verlassen haben, als Jón Þór mit den Bläsern, Bassist Georg Hólm, Keyboard und Bläser noch einmal die Bühne betreten. Ohne sein David-Bowie-esques Bühnenoutfit, seltsam nackt und verletztlich, mit riesig wirkenden Händen an dünnen Armen, die die Noten zu kneten und formen scheinen, singt Jón den Track All Allright, den kontemplativen Schlußtitel des neuen Albums. Und siehe da, nach der Wucht von Popplagið geht eben doch noch etwas – ruhige Einkehr nach dem Wall of Sound. Nach fast zwei Stunden ist dann Schluss und alles ist tatsächlich gut.

Nach dem Break ein paar Pix von Steff…

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THE POLICE: LTU ARENA, DÜSSELDORF

Wenn ein Veranstalter darauf hinweist, früh zu kommen, wenn man in den Innenbereich will, sollte ich das in Zukunft beherzigen. Als ich etwa 30 Minuten vor Konzertbeginn in der mit 50.000 Besuchern nicht wirklich ausverkauften, aber subjektiv schon zu vollen LTU-Arena ankam, war etwa in der Mitte des Innenraums eine Barriere aufgezogen und Zutritt jenseits des Blocks gabs nur mit den legendären Armbändchen. Nicht das erstemal, dass bei Großkonzerten diese Taktik gefahren wird – und ich hasse es jedesmal. Im vorderen Bereich der Halle war es dadurch deutlich zu leer und die Leute in den ersten Reihen nicht die besten Fans, sondern notorische Zufrühkommer. Insofern kein Konzert zum Mitfeiern, sondern eins, wo man nominell im Rahmen des Möglichen in der ersten Reihe steht (es sei denn, man will sich an drei Security-Leuten vorbeifighten), aber trotzdem gefühlte drei Kilometer weg vom Bühnengeschehen ist. Ganz zu schweigen vom Sound. Warum Leute diese Großkonzerte besuchen, wrd mir ewig ein Rätsel bleiben, geschweige denn, warum Bands sich einen Sound antun, bei dem bereits in der Mitte der Halle nur noch ein verhallter Brei überbleibt, aus dem ab und zu eine Bassdrum und eine Hihat herausragt, die Gitarre fast untergeht, der Bass erahnbar ist und einzig die völlig verhallte Stimme von Sting klar heraussticht. Ich kenn miese Bootlegs mit besserem Sound. Nichts dagegen, dass solche Stadion-Gigs für die Band eine Kapitalmaximierung sind – ein Konzert mit 50.000 Besuchern mal ca. 100 Euro sind besser als 10 Gigs mit 3000 Leuten für 50 Euro. Aber als Besucher hat die Sache mit Live-Erlebnis wenig zu tun, vor allem, wenn man Police bisher in kleineren Venues erlebt hat (Gruga, Dortmunder Westfalenhalle).

Generell ist es so, dass die drei Mann von Police in der gigantischen Halle etwas verloren wirken – da rettet auch die bei solchen Großkonzerten übliche LED-Technologie, Lichtorgie und Videowand nichts. Die Musiker gehen in der gigantischen und etwas beliebig wirkenden Lichtorgel unter, und können sich, um von den Kameras auch bloß gut aufgenommen zu werden, auch nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Während rüher bei Police ein permanentes Jogging und Springen angesagt war, wurde dieser Gig mehr stur an einer Stelle stehend heruntergespielt – was natürlich auch mit dem Alter der Protagonisten zu tun haben kann. Zudem kommen der Sound von Police und Stadion etwa so gut zusammen wie Autokino und Achterbahn – das filigrane Gefrickel von Andy Summers und Stewart Copeland verliert sich in der Hallsuppe des Raumes und die Band reagiert darauf, indem sie scheinbar bratiger und geradliniger spielt – Copeland brettert teilweise einfach nur noch auf den Becken herum und spielt deutlich reduzierter, um sich nicht im Soundbrei ganz zu verlieren.

Das Publikum macht mir etwas Angst. Mag sein, dass ich auf zu viele kleine Konzerte gehen, wo ich der Old Man bin, aber es ist … weird, neben Leuten zu stehen, die sich BEGEISTERT vom letzten Fury in the Slaughterhouse oder Reamon-Konzert erzählen. Ich meine, wer geht denn da bitte hin??? Wenn du das fünftmal solche Kommentare von Leuten neben dir hörst, bekommst du die ersten Zweifel am Publikum. Police, das war mal DubNewWavePunk, aber hier knutschen die Pärchen bei den unvermeidlichen Hits herum und neben dir (in der 60. Reihe wohlgemerkt) flippen Leute am Crowdbreaker aus, die rein optisch ansonsten in irgendeiner Steuerbehörde Formulare ausfüllen. Das ist, kurz gesat, gruselig, aber das Publikum ist mit der Band gealtert, arriviert, bürgerlich, pummelig. Das sind die Leute, die auf Ü30 und Ü40-Parties gehen und immer wieder gern With or without you von U2 hören wollen, oder eben (seufz) Every Breath you Take.  Leute, die 90 Euro über haben, um ihre Jugend nochmal aufflackern zu sehen. Leute wie ich also, nur, dass ich hier hochgradig fehl am Platze bin. Das Publikum feiert natürlich (berechenbarerweise) die genau falschen Songs. Bei Demolition Man oder Hole in my Life gibts verwirrte Blicke, bei Roxanne und So Lonely wird natürlich ausgeflippt, da lassen Uschi und Horst die Sau raus. Vielleicht haben Police es verdient, als ihre eigene Coverband auftreten zu müssen und vor diesen Leuten spielen zu müssen, aber wenn du genau hinsiehst und -hörst, merkst du, wie sehr es der Band an den Nerven spielt, im Rentenalter immer noch die gleichen Sachen spielen zu müssen. Da werden die großen Hits gerade am Ende des Konzertes geliefert, aber eben wirklich geliefert. Die Band versucht teilweise dekonstruktiv an die Sachen heranzugehen und verliert sich zu meiner großen Freude ausgerechnet bei meiner persönlichen Hassnummer Roxanne in einer großartigen Jamsession, die nichts mehr mit dem Track an sich zu tun hat, um dann – und da merkst du, es geht vom Fun zurück zur Arbeit – noch einmal den Refrain rauszuklotzen, damit die Leute mitgröhlen können.

Was schade ist, denn die freieren Teile, in denen die Band etwas vor sich hin frickeln kann, sind grandios. Police zeigen streckenweise, wie sehr sich die musiker mit dem Alter gewandelt haben. Es ist die gleichen Musik wie Mitte der 80er, als die Band sich auf dem Zenith des internationalen Erfolgs auflöste, aber gespielt nach einer persönlichen Evolution, die vor allem bei Sting und Andy spürbar ist. Andy hat nach zwei Dekaden als eher esoterischer Jazz-Gitarrist ein Können erreicht, das dem seiner Police-Zeit weit voraus ist. Live bekommt er weiten Raum für Soli und entwirft Klangwelten, die hypnotische Eleganz haben. Als der Älteste der Band macht er rein optisch keine gute Figur, aber spielerisch hört man zwanzig Jahre Übung, Training, Entwicklung in jeder Note, auch wenn er sich mal verspielt. Experimenteller und spiritueller denn je ist der ohnehin immer schon markante Gitarrensound von Police und das ist eine unfassbare Bereicherung. Sting selbst hat ebenfalls eine Karriere hinter sich, die ihn einen weiten Weg vom nasal klingenden Shouter von Outlandos D’Amour gebracht hat, hin zu einem eher im kratzig.tiefen Bereich brillierenden Vokalisten, der zwar nur noch kommerziellen Mist produziert, aber dennoch eine der markantesten Stimmen der Branche besitzt. Und so klingt dieses Konzert ungewöhnlich, weil Sting nahezu jeden Track relaxter, bluesiger singt als früher, anders phrasiert, andere Betonungen setzt, Strophen schleift und Refrains reduziert. Sein Gesang erinnert eher an die Police-Coverversionen, die er bei MTV Unplugged gesungen hat, es ist Police 1980 gesungen von Sting 2008. Und das bringt die Musik in einen komplett neuen Kontext. Zusammen mit der scheinbaren Rücksichtnahme auf Stewart Copeland, der gegen Ende des Gigs zunehmend greifbare Probleme hat, seinen jugendlichen Drive an den Drums aufrechtzuerhalten (der aber trotzdem eine stellare Performance hinlegt, unfassbar, wie gut Stewart immer noch ist), sind die Tracks insgesamt etwas langsamer geworden, ruhiger. Obwohl die Band auch ordentlich auf die Pauke haut, sind die besten Momente immer jene, in denen sie die Tracks weitgehend verändern, filtern, remixen. Du merkst manchmal, wie das Publikum einen Track am Anfang kaum erkennt (Voices Inside My Head/When the World ist running down – grandios gemacht) und auch in den Songs selbst liefern Police immer wieder großartige Breakdowns, in denen sie fast frei improvisieren und zeigen, wie gut diese Band sein kann, wenn sie sich für einen aus dem Korsett der Greates-Hits-Machine befreit. Gerade am Anfang des Gigs leisten sich The Police den Luxus, auch mal Semi-Hits zu spielen (Driven to tears, Invisible Sun, wo übrigens ein unsagbar kitschiger Video lief mit bettelnden Kinderaugen, surreal schlecht) und diese Freiheit tut dem Konzert gut, es sind ausnahmslos die Offbeat-Songs, die wunderbar reinterpretiert und ausgebaut sind, während die Crowdpleaser relativ rausgerotzt wirken. Wenn die band aber aufspielt und sich in der Musik verliert, entstehen unsagbar gute Momente, deren psychedelische musikalische Energiezeitlos und beachtenswert ist. The Police sind live immer noch eine Größe für sich.

Trotz oder gerade wegen des fortgeschrittenen Alters liefern Police hier wirklich ein Konzert ab, das einen Neuigkeitswert hat. Wo andere Bands, die nochmal aus der Rente kommen, um sich den Ruhestand mit einer letzten Welttournee zu finanzieren eher musikalisch mieser wirken als zuvor, zeigen Police einen tatsächliche Fortentwicklung des vertrauten Materials, die ich so nicht erwartet habe und die das Konzert trotz der vielen Stadion-Rock-Probleme absolut erlebenswert machen. Es ist ein bisschen morbide, eine abgehalfterte Band, die durch ein solches Comeback immer Gefahr läuft, den eigenen Mythos zu zerstören, zu sehen – aber Police reißen das Steuer wirklich herum und liefern einen Gig, der zugleich nahtlos an die Glory Years anschließt und dochklar die Entwicklung der Bandmitglieder in der Zwischenzeit – vor allem eben Stings geändertes gesangliches Spektrum – respektiert.

Einen surrealen Moment gibt es dann allerdings am Ende, als die Band bei Next to You eine Art Collage von Photos und Videoschnipseln vergangener Zeiten zeigt. Vor der Folie dieser Bilder von jungen Typen um die 20/30, die noch nicht wussten, dass sie am Anfang einer der größten Karrieren der Popgeschichte und einem unweigerlich dazugehörenden Trip in die Entfremdung von sich selbst standen, haben die drei Männer auf der Bühne etwas rührend vergängliches, etwas trauriges. Wenn das Publikum nach dem Konzert auf dem Weg nach draußen sanft sagt :«Alt sind ’se geworden», dann meint es im Grunde sich selbst. The Police stehen gegen den Zahn der Zeit auf der Bühne, spielen gegen die eigene Unwichtigkeit an, wollen sich wie alte Cowboys noch einmal beweisen. Sting, graubärtig und sonnengegerbt sieht nicht umsonst aus wie ein altgewordener Seemann, der noch einmal auf Walfang gehen will, und stellt nicht umsonst im engen Netzshirt seinen unverändert großartigen Body aus, dokumentiert seine Vitalität, schreit mit reibeiserner Stimme gegen das absehbare Karriere-Ende an. Hier fackelt eine Band das letzte Feuerwerk ab, feiert eine letzte Auferstehung, und man fragt sich vor allem, wie es für Stewart und Andy, die neben The Police eigentlich nie viel in ihrem Leben gepackt gekriegt haben (während Sting den Ruhm zumindest in eine achtbare, wenn auch künstlerisch zunehmend insignifikante Solokarriere ummünzen konnte), sein muss, wenn das einzige große Ding in deinem Leben diese sechs Jahre Police sind – bis hin zum hohen Alter, wenn du einen Schatten dieses Ruhms nochmal mühsam reanimierst – wenn man also 80% seines Lebens als Has-been verbringt und von der glimmenden Restwärme eines kurzen Novamomentes existiert. Wie schon Copelands Everyone stares-Film bleibt ein seltsamer Nachgeschmack, bei dem das Leben als Popstar eines der traurigsten ist, dass man sich denken kann – vor allem, wenn es vorbei ist.

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Jennifer Rostock: Hundertmeister, Rostock

Es gibt auf  den ersten Blick eigentlich reichlich Gründe, Jennifer Rostock nicht zu mögen. Dass die Band schon ab dem ersten Album Major-Deal-Act ist und sich entsprechend vermarktet, entsprechend ein wenig zusammengecastet wirkt – die übliche Frontfrau mit den üblichen, in diesen Fall dezent wie Ramones-Lookalikes rumlaufenden Jungs an den Instrumenten. Der permanente Vergleich mit Ideal. Und so weiter. Was man eben an den ganzen neuen deutschen Acts, die mit reichlich Geld hochgepusht werden sollen, alles nicht mögen kann.

Auf der Bühne zeigen Jennifer Rostock dann aber, das mehr an Ihnen dran ist als bloß Germany’s Next Chartwonder zu sein. Wo Bands wie Juli und Silbermond eher konsenstauglich auftreten, pushen JR ihr all zu glatt produziertes erstes Album an die Grenze zum Punk.  Jennifer Weist geht in ihrer Rolle als Nina Hagens Wiedergängerin spürbar auf, kiekst, kreischt, punkt das Publikum an und stellt erst mal klar, das ihre Mumu manchmal aus dem Schlüpfer zu gucken versucht, also Vorsicht in der ersten Reihe. Die Band mischt die 90er-Kitsch-Keyboard-Rolandsounds und die analogen Sequencerklänge von Joe, die im Hundermeister soundtechnisch irgendwie untergehende Gitarre von Alex, der rein optisch sympathischerweise noch am wenigsten in das ansonsten derb Hauptstadt-Szene-Myspace-Konzept der Band passt, die geraden Rockbasslines von Christoph zu einem soliden Block, den vor allem das bemerkenswert auf den Punkt kommende, brachiale, groovende und druckvolle Schlagzeug von Baku zusammenhält – das Ergebnis ist erstaunlich ordentlich hörbare Mucke. Die 45 Minuten Set kommen WHAMWHAMWHAM rausgeschossen und man merkt, dass die Band alles tut, um bloß nicht zu kantenlos rüberzukommen und fast wütend gegen die eigenen Juli/Silbermond/Mia-Schublade anzockt. Dass vor der professionell in die Zugabe gepackten Single «Kopf oder Zahl» erst mal aufs Derbste Devo’s Mongoloid rausgerotzt wird zeigt, ebenso wie Joe’s 90s-Trashpop-Keyboardeinlagen, dass die Band eigentlich mehr sein will und mehr sein kann als nur ein Act, den Warner bei Stefan Raab platziert. Versoffener, dreckiger, punkiger, sexier und insofern richtig gut. Gut denkbar, dass aus dem Warner-brauchen-eine-deutsche-Band-im-Portfolio-Act im nachhinein noch eine echte, eine richtig gute Band wird, die mehr will als nur in die Charts. Auf der Bühne kommt das jedenfalls so rüber, und das obwohl die Band offensichtlich an dem nicht so ganz derbe mitgehenden Publikum in Duisburg leidet und obwohl eben das Publikum etwas strange ist – zum einen die zu erwarteten Myspace-Kids mit ihren Emo-Outfits, zum anderen aber auch Typen, bei denen man echt Angst hat, die sind echt nur wegen Jennifers Mumu gekommen und zählen schon die Tage, bis die Dame sich im Playboy auszieht. Aber keine BAnd kann was für ihre Fans, oder? Und bei dem Druck in der Musik und der gnadenlosen Rampensau-Schiene von Jenny sollte die Combo bei den Festivals diesen Sommer den etablierten Acts ordentlich das Wasser abgraben, mein Lieber.

Hier ein paar super Live-Photos von Carsten Deckert:


Testspielen für Bands-vs-Fans, wobei Whiskey eindeutig die Nase vorn hat.









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GET WELL SOON LIVE FZW DORTMUND


Es ist die Krux des kleinen Saales und des großen Klangs – Konstantin Groppers Get Well Soon zelebrieren auf ihrem Debutalbum einen dichten Wall of Sound, den man sich ohnehin nur schwer 1:1 auf der Bühne vorstellen kann, geschweige denn auf einer so kleinen wie der des absolut vollgepackten FZW. Wo Rock und Punk durchaus erdig und pur wirken, ist die schwerelose melancholische Musik der jungen Band einfach zu sehr geerdet, aus dem Orbit von Hall und Überproduktion auf die kalte Erde herabgezogen. Der Sound ist sehr schwierig, Teile der Instrumente dominieren die Halle schon von Bühne aus  – allem vorweg die Drums und die Bläser – während andere Instrumente sich kaum durchsetzen können, wie etwa die Keyboards oder der Bass. Das Soundgerüst ist eher das einer schlechten Schülerband – und das entzaubert gewaltig. Aus elegischen, sphärischen Soundkonstruktionen werden so sich etwas bleiern hinschleppende Songs, die nie wirklich nach vorn kommen, aber auch nie wirklich erhebend, hypnotisch wirken. Die Band gibt sich redlich Mühe, die meisten Musiker spielen relativ brav aber engagiert ihre Parts herunter, einzig der Drummer versucht sich an mutigen Fills und Breaks – die mal wunderbar gelingen, mal aber auch einfach nur die Songs zerstören und mitunter etwas aufgesetzt, einfach overplayed wirken.

Get Well Soon spielen die Tracks des Albums relativ 1:1, sogar in der Reihenfolge der Platte, herunter, ohne großen Freiraum für Improvisation oder Spiel, was angesichts der kompositorischen Dichte der Stücke verständlich ist, aber auch schade wirkt – ein mittlerer Block von unbekannten Stücken, von denen Gropper sagt, sie kämen aus seiner Mottenkiste, wirkt druckvoller und mehr für Live ausgesucht als die Stücke von Rest now Weary Head… , die nun nicht unbedingt zum Tanzen einladen, sondern eher zum hinhören. Entsprechend ruhig ist das Publikum, das eher versonnen hin und herswingt und sich der Musik hingibt, die im Verlauf der Konzertes an Souveränität und Kraft gewinnt und sich zwischendurch zu wunderbaren Höhen aufschwingt, die in ihrer Breite an Sigur Ros erinnern.

Irgendwie bleibt es ein Konzert, das nie richtig abhebt und stellar wird, das aber auch nie mies ist – die Musiker wirken, als hätten sie auch auf der Bühne mit Soundproblemen und schlechtem Monitoring zu kämpfen und ackern sich insofern etwas unentspannt durch die Tracklist. Insgesamt die Sorte Konzert, bei der man sich wünscht, dass die Combo etwas mehr Erfahrung miteinander sammelt und somit souveräner im Spiel wird – und vor allem ganz einfach den Sound und das Licht, den die Musik verdient. Und ich denke, dann können Konzerte von Get Well Soon aber mal so ganz, ganz großartig werden. Und dann kann man sagen, wie geil es war, die schon gehört haben,. als sie noch in kleinen Clubs gespielt haben und wie sehr man sich diese Zeiten zurückwünscht :-D.


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NIELS FREVERT: GEBÄUDE 9 KÖLN

«Na, denkt ihr schon darüber nach, was ihr gleich im Internet schreiben wollt?», fragt Frevert mitten im Konzert das Publikum und überlegt, dass wahrscheinlich alle darüber schreiben, wie oft er seine Gitarre stimmt im Laufe des Konzerts. Live 2.0, wo du als Künstler schon immer das im Internet geronnene Feedback deines Publikums vorwegfürchten oder besser einfach ignorieren musst, die endlos hochgereckten Mobiltelephone und die Besucher, die zu Kritikern mutiert sind.

Und das sind nicht wenige, in der Konzerthalle vom Gebäude 9 ist es angenehm voll, obwohl man eigentlich vermuten sollte, dass kein Mensch Niels Frevert noch kennt, der sechs Jahre nach seinem letzten Album – und über zehn Jahre nach Nationalgalerie – wieder nicht nur mit einer Gitarre, sondern mit einer ganzen Band. Und obwohl die mit Stefan Will am Piano, Stephan Gade am Bass, und Tim Lorenz an den Drumseingespielte kurze CD eher besinnlich daherkommt, ist das Konzert nur teilweise ruhig. Vor allem gegen Ende wird es kraftvoller, energetischer – mit Dopppelgänger sogar kurz richtig rockig. Im Großen und Ganzen geht es, wie bei der Paul Dimmer Band, die den Abend einleitet und deren Track Pausen Nils fürs Tapete Label ja vor einem jahr erst gecovert hat, irgendwie moderat zu…ein gemütlicher Mitsingabend für Menschen, die ein wenig zu verdächtig nach abgeschlossenem Pädagogikstudium aussehen und die schon die Songs vom neuen Album auswendig können. Es ist ein bisschen Wohnküchenflair, und das klingt vielleicht böser, als es gemeint ist. Aber es ist befremdlich, dass Freverst Publikum so eine freundliche Gemütlichkeit ausstrahlt, fast so als wäre man bei einem Element of Crime Konzert, ein Vergleich zu dem die Musik teilweise inzwischen einlädt, wo dich seine Texte viel zu sperrig fürs kuschelfeeling sind, nicht mitgesungen, sondern gehört werden wollen. Aber vielleicht geht es darum live nicht – also schwingen die Pärchen im oft jazzig verwaschenen Groove des Abends und auf der Bühne steht dieser Mann, nach 20 Jahren immer noch so seltsam am Anfang seiner Karriere zu stehen scheint, in kleinen Clubs, mit einer Musik und  Kapelle, die nicht sooo anders klingt als Nationalgalerie, mit dem gleichen – gealterten – studentischen Wuschelflair, der gleichen Unsicherheit als Frontmann, die andere nach der langen Erfahrung längst abgelegt haben müssten und die im Laufe des Abends gottseidank etwas aufweicht, bis so etwas wie Kommunikation zwischen Sänger und Publikum und Sänger und Band stattfindet. Vielleicht tatsächlich bedingt durch die langen Stimmpausen, die von Niels und dem hervorragend smoothen Basser Stephan Gade ausführlich selbst zum Running Gag gemacht werden – früher war alles anders, da gabs nur eine Gitarre. Aber selbst wenn Frevert heute mehr Gitarren hat als 1995, so würde man ihm doch auch einen Roadie gönnen, der die Gitarre stimmt, und eine größere Bühne, und mehr Publikum, und mehr Ruhm und Ehre und all that shit. Aber wahrscheinlich funktioniert das so einfach nicht, wahrscheinlich kann man dankbar sein, dass Frevert nach all der Zeit immer noch da ist und nicht Websites programmiert oder sowas. Insofern schaut man irgendwie einem gealterten Boxer zu, der sich durch ein Best-of der letzten drei Soloalben maneuvriert, oft zu großer Form aufläuft, mitunter nah am Schlager vorbeischrammt – aber gut, «Du musst zu Hause sein» war auch 1997 schon ein Song, den ich nicht verstehen konnte. Muss an mir liegen. Auf der anderen Seite gibts Polyacryl, Einbahnstraßen, Einwegfeuerzeugstichflamme und andere Songs, mit denen ich nicht unbedingt gerechnet habe und um so besser, dass die kommen. Wenn ich mich nicht irre, gibt es nichts von der Galerie und das ist seltsam, aber wirklich gut – Evelyn hätte mir vielleicht den Abend verdorben. Die Band verleiht den alten Tracks ein neues Flair, ohne sie entstellen oder zu Coverversionen zu mutieren, bettet aber auch die lauteren Songs sanft in den relaxten Grundtonus des Konzertes ein. Vor diesem nivellierenden Grundsound wird klar, wie bündig Freverts Werk eigentlich ist – das durch die sehr unterschiedlichen Produktionen der Alben sehr unterschiedlich wirkt, wobei ich Seltsam öffne mich als das gelungenste unter drei exzellenten Alben betrachte – wie logisch die Entwicklung von dem noch sehr krachenden Nationalgalerie-Sound (der ja auch zunehmend introspektiver wurde) zu den Miniaturen von heute.

Frevert und die Band werden von dem kleinen aber feinen Publikum der Seltenheit solcher Auftritte und der Bedeutung von Frevert entsprechend gebührend und ausgiebig abgefeiert, zu Recht, bevor nach drei Zugaben Schluss ist, damit die Leute noch die letzte U-Bahn nach Hause kriegen und darüer nachdenken können, was sie in ihr Blog schreiben und die ersten Vdeos zu YouTube laden…

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KAIZERS ORCHESTRA E-WERK KÖLN

So leer habe ich das E-Werk selten gesehen – die Herren Kaizer haben offenbar treue, aber leider nicht wirklich so überragend viele Fans in der Region. Nachdem der großartige Warm-Up Geoff Berner nach einem furioswitzigen Set von der Bühne tritt, kommen die sechs Herren in schwarzen Anzügen und weißen Hemden auf die Bühne und spielen sich sauber durch ein fast nahtloses Set von neuen Maskineri-Tracks und Classics, fast schon zu routiniert. Die wenigen Pausen füllt Janove Ottensen mit etwas Small Talk mit dem Publikum, der teilweise auch klingt wie eine Marketing-Umfage (Woher kennt ihr uns? Radio, TV oder Freunde?). Insgesamt unterscheidet sich dieser Gig gegenüber dem vor zwei Jahren in Bochum durch eine gewisse Blutarmut. Die Band ist super, das Publikum gegen Ende völlig aus dem Häuschen, ich hab selten eine 3/4 volle Halle so abgehen sehen (und zu Recht), aber die Show wirkt irgendwie einen Hauch professioneller, geschliffener, weniger überdreht. Die Sache ist ingesamt nüchtener, etwas inszenierter und kalkulierter – vielleicht eine logische Folge, wenn man eine Band mehrfach sieht. Du achtest enfach auf andere Dinge. Auf Øyvind Storesund beispielsweise, der am Kontrabass wunderbare Arbeit leistet. Die Musik ist der übliche MarchingGypsySwampSouthRockEastFolkPunk-Mix – nicht ohne Grund läuft Beirut beim Rausgehen – wobei die Band die neuen Songs fast nahtlos in das bestehende Material zu integrieren versteht… und live dabei sehr viel mehr überzeugt als auf dem tatsächlichen Album.

Auf Wunsch einer einzelnen Dame, die 320 Photos gemacht hat, kommen nach dem Break… ein paaaaar Photos…  die sich hauptsächlich auf ein Bandmitglied konzentrieren. Lalala…

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POLARKREIS 18 KONZERTHAUS DORTMUND

Benedikt Stampas Konzept, die heiligen Hallen eines klassischen Konzertsaals auch für (Unplugged-)Popkonzerte zu öffnen und interessante deutsche Acts nach Dortmund zu holen, ist oft durchwachsen, im Idealfall aber hochspannend. Bei einer Band wie den Dresdener Indie-Quintett Polarkreis 18, deren Sound generell nicht ganz so weit weg ist von Sigur Ros oder Radiohead, wenn auch lange nicht so vertrackt/verkopft, funktioniert es bestens. Die Combo um Felix Räuber tritt mit obskuren Instrumenten bewaffnet – darunter eine batteriebetriebene E-Gitarre, eine Bohrmaschine, Xylophone, Kinderpiano, aber auch Flügel, Ziehharmonika und ein grandioses Ludwig Silver Sparkle Drumkit – in den gigantischen Hallraum des großen Saales und macht sich die hallige Akustik zu eigen. Wo andere Bands in der Weite des allzu ruhigen, allzu hohen Raums scheitern, kommt die helle Kopfstimme des Sängers erst richtig zur Geltung. Präzise und mit Spielfreude haut die Band ihre sphärischen Songs in reduzierterer Version in den Saal, und Christian Grochaus dynamisches, feinfühliges und bei aller Ruhe stets großartig, mal leicht jazzig angehauchtes, mal wuchtigrockiges Schlagzeugspiel sorgt tatsächlich dafür, dass die Sache nicht vor die Wand fährt. Das Kit klingt schon von der Bühne perfekt, mit einer wunderbar kickenden Bassdrum, kristallklaren Becken und einer wunderbar schleppenden Snare – very oldschool. Räuber beginnt das Konzert bereits fast mit einem Höhepunkt, allein am Klavier, und ab diesen Moment gibt es keinen einzigen Durchhänger, bis zum Ende der zwei Zugaben und (zu kurzen) 90 Minuten Konzert. Mit viel Spaß, brillianten Einlagen, smarten Ansagen und einer bescheidenen, aber smarten Lichtkonzeption fightet sich Polarkreis durch den Raum, der – ehrlich gesagt – einfach keine Partystimmung aufkommen lassen will, egal wie sehr die Band auf der Bühne tanzt. Trotzdem ist der Applaus begeistert, Standing Ovations, und mehr als verdient.

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