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Typoversity 2

Auch im zweiten Band bleibt Typoversity eine Ausnahmepublikation. Anders als die Magazine der Hochschulen selbst ist der Fokus auf Schrift und Gestaltung mit Schrift, aber auch der Rundum-Blick über die FH-Szene spannend, nicht nur, um die Ansätze der verschiedenen Bildungsträger zu vergleichen, sondern auch um junge Talente zu finden. Aber auch, um zu sehen, wie experimentell – oder oft auch bestehenden Trends nacheilend – die Designtrends in den Studiengängen sind. Liebevoll aufgemacht, lesens- und anschauenswert, ist der zweite Band hoffentlich ein Baustein zu einer festen Serie, die nicht zuletzt auch angehenden Studenten helfen kann, zu entdecken, welche Hochschule die meisten Potentiale aufweist.

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McChair

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So schön kann Alltagsdesign sein, wo man gar nicht damit rechnen würde: Bei McDonalds überrascht ein ansonsten sehr schön umspektakulärer Stapelstuhl durch ein durchdachtes Designdetail: Eine Aussparung für die Handtasche.

Schrift und Identität

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Auch wenn es noch nicht erschienen ist, gehört dieses Buch auf die Merkliste:

Andreas Uebele versteht es als Dozent anscheinend – ganz im Sinne eines Willy Fleckhaus – seine Kurse auf einen harten Kern engagierter Studenten zu komprimieren. Anders kann ich mir nicht erklären, dass an diesem studentischen Projekt am Ende nur noch vier Herausgeber übrig sind, Christian Fischer, Johannes Henseler, Ilona Pfeifer, Philipp Schäfer, die betreut von dem Stuttgarter Designer an der Düsseldorfer FH das Thema Internationale Verkehrsbeschilderung in Buchform gebracht haben. Das bei Niggli erscheinende Werk ist bemerkenswert, weil es weder ein Lehrbuch ist (obgleich geradezu manische Detektivarbeit darin steckt), aber auch kein rein studentischer Showcase-Band (obwohl absolut sehenswerte grafische Abenteuern zwischen den Buchdeckeln aus der Abstraktion und Spielerei mit der Signaletik stattfinden). Mit eröffnenden Texten von Typo-Größen wie Erik Spiekermann, Indra Kupferschmid, Florian Adler, Albert-Jan Pool und Sven Neumann ist «Schrift und Identität» einerseits hochgradig lesenswert, auf der anderen Seite ist fesselnd, wie die Studierenden aus dem vermeintlich eher trockenen Thema der Straßenbeschilderung in verschiedenen Staaten magische, wunderschöne und witzige Momentaufnahmen abgewinnen. Die 300 minimaoistisch-trocken durchgestalteten Seiten sind eine fesselnde Reise durch die nur scheinbar selbstverständlichen Orientierungsmodi anderer Länder, ein typographischer Tourismus erster Güte – und nicht zuletzt ein wahnsinnig und zugleich großartig anmutendes Studentenprojekt, das kommerziell so tiefgründig und gaga zugleich gar nicht denkbar wäre. Und hoffentlich, wenn es auf den Markt kommt, entsprechend viele Leser finden wird.

Update: Das Buch ist ab Ende August jetzt auch in Deutschland erhältlich.

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Some Magazine: Identity

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Identität und die Demontage dieser Gewissheiten ist das Thema der inzwischen fünften Ausgabe der Some Magazine. Das Heft ist, wie mit jeder Ausgabe, ein atemberaubender Mix aus souveränem Editorial, sparsam, sauber, fesselnd, und sanfter Experimentierlaune, die mit einer schönen Hinterlist immer wieder die Balance des Heftes zerstört, es vor allzu viel Ordnung bewahrt. Für eine studentische Publikation, man muss es auch beim fünften Heft wiederholen, wirkt hier nichts nach Sturm&Drang und Experiment, alles ist gekonnt und lässig, unfassbar selbstbewusst und absolut richtig – es gibt wenig Magazine, bei denen ich mit jeder Doppelseite so mitnicke und mich beim Umblättern freue an dem Flow, der virtuos die Kapitel von einander abgrenzt, der überrascht, ohne dich aus dem Rhythmus des Gesamtkonzeptes zu werfen. Some Magazine ist in jeder Hinsicht ein großer Wurf und ich freue mich jedes Mal, wenn die Redaktion es mir ungefragt zusendet, es ist ein echtes Geschenk, auf das sich im Büro alle stürzen. Nicht zuletzt, weil das SomeMag auch inhaltlich einfach immer gekonnte Redaktionsarbeit zeigt, dramaturgisch smart zusammengebaut ist, das eigene Thema erörtert und zugleich unernst in Frage stellen kann, den roten Faden hat, aber auch mit Freude verknoten kann. Wenn es so etwas wie eine «Brand Eins» für Design gibt, dann ist es sicher dieses Magazin, das Anzuschauen Lust macht und das aber – viel wichtiger – zu Lesen ungeheuer Spaß macht. Das Some Magazine ist – fast leider – kein theoretischer Blatt, kein Ort für Designdiskurs, aber die Art und Weise, wie es die jeweiligen Themen durch die Augen von Designern filtert und bricht – sozusagen die Textauswahl selbst Element des Designs ist (selten genug haben Designer Einfluss auf die inhaltliche Redaktion). Allein Robert Pfallers Text ist den Kauf des gesamten Magazines wert – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich kann mich mit jeder neuen Ausgabe, die erscheint, nur wiederholt in Richtung Burg Giebichenstein und in Richtung von Sven Voelker verbeugen (und natürlich vor den mitwirkenden Studenten, Künstlern und Schreibern), die seit der ersten Ausgabe stur ein im Kern unverändertes, aber spürbar wachsendes und dabei nie ermüdendes Design-Konzept beibehalten, und zeigen, dass Strenge und Überraschung, Rigidität und Abenteuerspielplatz kein Gegensatz sein müssen. Some Magazine lässt dich mit dem Wunsch zurück, das mehr (kommerzielle) Magazine, die nicht nominell «Design» auf der Fahne stehen haben, diesen Mix so phantastisch hinzaubern könnten.

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Slanted: Cuba

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Die 21. Ausgabe der Slanted dokumentiert die Unruhe dieses Magazins, das wieder einmal sein Format ändert (allerdings überraschend wenig am Design dreht, das in dem kleineren, eher buchartigen Format überraschend gut funktioniert) und auch inhaltlich den Fokus ändert. Denn es geht diesmal nicht um spezifische Schrifteigenschaften oder typographische Ordnungen, sondern im Mittelpunkt steht ein Land – Cuba, weswegen weite Teile des Heftes auch auf spanisch sind. Design, Leben, natürlich auch Typographie von Castros Zeitkapsel-Insel sind zu entdecken, ebenso wie urbane Aspekte von Havanna reflektiert sind und sich die Slanted über viele Texte auf verschiedenste Weise der Kultur des Landes nähert. Zum Vorschein kommt vor allem bei der Poster-Kunst eine seltsam zeitlos wirkende Gestaltung, die modern wirkt, aber doch aus vergangenen Dekaden zu wehen scheint, die brutaler und direkter, oft auch politischer wirkt. Als typographischer Reiseführer in die Fremde funktioniert die Slanted überraschend gut, und zugleich entkommt das Team um die Slanted-Veteranen Lars Harmsen und Julia Kahl der Sackgasse, in die das Magazin zu schlittern drohte – indem der Nutzeffekt des Magazins nahezu konsequent aus dem Heft, in eine Beilage, verbannt wird. So wird die Slanted nicht nur gestalterisch, sondern auch inhaltlich zunehmend zu einem Abenteuerspielplatz für die Macher – und das tut dem Magazin ausgesprochen gut, es macht nach wie vor Spaß, der Evolution dieses Anti-Magazins zuzusehen, das gedruckt unruhiger und lebendiger wirkt als so manche Onlinemedien.

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Out of Focus

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Peter Olpes bei Niggli erschienenes Buch «Out of Focus. Lochkamerafotografie und Lochkameras» mutet wie ein Manifest wider die digitale Bilderflut an. Der 1949 geborene Grafiker und Fotograf ist selbst begeisterter Entwickler und Nutzer von Lochkameras und hat in diesem Buch die Arbeit von fast 40 namhaften Bilderbüchern versammelt, die mit Olpes teilweise individuell gefertigten Kamera-Konstruktionen eine Vielzahl von überraschend unterschiedlichen und vielseitigen Bildern erstellten, die den Ruf der Lochkamera als Lo-Fi-Gerät oder reines Gimmick Lüge strafen. In zeigen überscharfer Megapixel-Photographie hat, eben im Gegenteil, die spezielle Optik der simplen und hochehrlichen Pinhole-Kameras, die nahezu direkt das Licht auf den Film bannen, eine spezielle Magie, die Olpe in einem wunderbar sparsam und gekonnt gestalteten Bildband unter Beweis stellt.

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Slanted 20 Slab

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Ohne lange Worte: Photos von der neuen Slanted:

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Dunhill

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Absolut gekonnte Anzeigenserie des britischen Herrenausstatters Alfred Dunhill, die an Reduktion und Klarheit kaum zu überbieten sind – phantastische Testimonials, herausragend ausgewählte Markengesichter, gute Photographie, zeitlose Typographie. Und das ganze dann ganz modern mit kleinen Video-Botschaften im Netz weitergeführt. Wunderbare Arbeit.

This Rolex is 195 $

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Ein paar Dinge, die mir zu diesem schönen Beispiel von Vintage-Werbung aus 1964 für eine Submariner 5513 von Rolex einfielen:

A) Understatement. Mag sein, dass die ein oder andere moderne Rolex wie manche andere Uhr des gehobenen mittleren Segments irgendwie einen maskulinen Geltungsdrang bespielt und ins zu gewollte und große kippt. Aber davon ist hier keine Spur. Alles an dieser Anzeige ist souverän, sachlich, aufs wichtige reduziert – und damit ein Paradebeispiel dafür, wie Design und Werbung die Qualitäten eines Produktes visuell manifestieren. Kein Machismo, keine Hard-Sell-Anstrengung, das Produkt verschwindend bescheiden und genau dadurch im Fokus.

B) Design. Hier kannst du nichts mehr wegnehmen – der Mut zum schwarzen Weißraum, der reine Verzicht auf alles Dekorative sagt mehr als jede Headline oder Illustration es je kann. Anzeigenülatz ist teuer und subkutan realisiert jeder Leser, dass ein Hersteller, der es sich erlaubt, 50% dieser Bruttofläche einfach ungenutzt zu lassen, ernstzunehmen ist. »Weniger, aber besser« ist selten so formvollendet zu Papier gebracht. Und was da ist, ist eben keineswegs mehr Dekoration – das Design leitet sich nahezu zwangsläufig aus den Maximen der Uhr selbst ab, die selbst anderen Klassikern ihrer Zeit gegenüber ein ungewöhnlich aufgeräumtes Ziffernblatt hat (man vergleiche Speedmaster oder Navitimer aus den Sechzigern). Sogar verglichen mit der 5512 ist das aufgeräumtere Dial der Submariner ja eine dezente Reduktion, es gibt von dieser Marke faktisch kaum eine Uhr, die weniger vom Betrachter will. Die Eleganz der Anzeige ist also keine aufgesetzte Designwillkür, sondern folgt der Produktlogik und extrapoliert diese lediglich. Das die Taucheruhr zugleich auch im Layout sozusagen am Seeboden »liegt« und uns visuell klar wird, dass irgendeine Tauchuhr für 40 $ eben nicht so tiefentauglich ist wie die teurere Rolex, wird dabei fast unterschwellig mitkommuniziert, indem der obere Teil der Headline eine Art imaginärer Wasseroberfläche bildet und die Rolex dagegen quasi zur Bathysphäre wird,die in die Tiefe der Seite eintaucht. So schlicht und dabei so treffsicher gemacht – Respekt.

C) Copy. Und viel davon. Großartige, wunderbare Textmengen, perfekt abgestimmt auf die Argumentation, ein Mini-Essay, nicht zu kurz, nicht zu lang, jedes Wort gewählt und mit Bedacht gesetzt, auf Spalten- und Zeilenmaß passend geschrieben… und dabei doch so beiläufig klingend, eine beneidenswerte Mischung, die natürlich gerade im Englischen so überzeugend gelingen kann, dank der schönen Diffusität von »You«, und um die man im Deutschen viel härter kämpfen muss. Wunderbar noch mit scheinbar sinnlosen, aber mythos-generierenden Fakten unterfüttert, schafft der Text eine Preis-Rechtfertigung, die sich deutlich von heutigen Strategien unterscheidet. Heute ist die Marke im Luxussegment zuhause und der Preis sozusagen bereits per se ein Abgrenzungsmerkmal für die Käuferschaft, losgelöst von der tatsächlichen Qualität des Produktes. Die Uhr ist teuer, weil es ihr Sinn ist, teuer zu sein und insofern Kaufkraft zu kommunizieren. 1964 war die Uhr aber »nur« ein Arbeitswerkzeug, der höhere Preis ist also nutzen-orientiert abgeleitet, qualitativ plausibel argumentiert. Die Uhr präsentiert sich über den Bluff der anscheinenden Entschuldigung für den auf den ersten Blick so hohen Preis rhetorisch geschliffen als hochwertiges Produkt. Welcher namenlose Madison-Avenue-Texter hier auch dahinter stecken mag, es ist ein Artefakt aus einer Zeit, in der Copy-Autoren spürbar davon träumten, ernsthafte Schriftsteller zu sein und etwas unzynischer als heute handwerklich meisterhaft mit ihrem Werkzeug Text eine »Stimme« für die jeweilige Marke erarbeiteten, bis diese ihren ganz ureigenen, markanten Sound hatte – weit von der sonst oft anbiedernden Art naiverer 60s-Werbung entfernt ist. Bereits vier Jahre später hat sich Role von diesem produktorientierten Ansatz abgewendet, um zeitgeistiger und »cooler« zu werben, auf den Abenteuer-Aspekt zu setzen, der bis heute Chronometer-Werbung dominiert (wie akut wieder die Zenith-Werbung mit Baumgartner zeigt). Leider. Gegen dieses fünfzig Jahre alte Stück Gebrauchsgrafik sieht ausnahmslos sämtliche Uhrenwerbung von heute zu aufdringlich und zugleich zu unentschieden aus, es fehlt gegenüber dem Beispiel oben an Klasse, Zurückhaltung und Charisma. Die Uhrenreklame heute setzt (bei einem oft greifbaren Mangel an Gespür für Design) auf prominente Gesichter und (mehr oder minder frei erfundene) Angriffsflächen für die Zielgruppenidentifikation – anstatt kühl und klar, aber charmant auf die Magie des Produktes selbst aufzusetzen. Und die geht in dem Getöse zunehmend verloren. Wenn Omega mit einem denkbar zugeknöpften James Bond für die Skyfall-Speedmaster-Chrono wirbt, der einfach nur (sogar mit verdeckter Uhr) im Mantel herumsteht und so gar nichts aufregendes macht… was sagt das über die Uhr und ihre Hersteller?

D) Preis. Keine 200 $ für eine Rolex? Warum hat man eigentlich keine Zeitmaschine zur Hand, um ganz à la Biff Tannen ein paar Uhren zu diesem Preis in die Gegenwart zu holen, sich (immerhin haben wir 1964) ein paar frühe Spider-Man von Dito und Lee signieren zu lassen, gleich ein paar Aktien mitzunehmen und auf ein paar Baseball-Endspielergebnisse zu setzen?

Some Magazine: Music

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Eine meiner absoluten Lieblingspublikationen aus dem studentischen Bereich, und zurecht mehrfach preisgekrönt, ist Some Magazine von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, das von Prof. Sven Völker seinen Studenten gestaltet wird. Jede Ausgabe geht spielerisch, aber niemals eitel mit einem bestimmten Thema um, das Design ist gekonnt, aber nicht selbstverliebt, das Ergebnis ist ein Designmagazin zum Lesen, nicht nur zum Anschauen. «Music» ist von ast-Chefredakteur Hendrik Lakeberg und dem Team um Vanessa Gundermann, Sarah Trieschmann, Julia Franke und Margret Wolf entwickelt und fällt zu keinem Moment in die Falle, nur ein einfaches Musikmagazin zu sein, sondern bleibt dem Geist der vorangegangenen Ausgaben treu. Ganz phantastische Editorial-Arbeit, inhaltlich wie gestalterisch, und ich freue mich jedesmal, wenn ich eine Ausgabe im Briefkasten habe, vielleicht weil mich Some Magazine im besten Sinne an das Colours-Magazin unter der Führung von Adam Broomberg and Oliver Chanarin erinnert.

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Vintage and the soul

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Bei einem schönen Vor-Ort-Job bei einem Architekten gestern ist mir bei der Durchsicht der Materialmuster etwas verblüffendes aufgefallen: Inmitten der vielen glatten, perfekten Oberflächen, der Photos internationaler Designmöbel und erlesener Stoffe gab es vor allem eins, was mich wirklich anzog, sogar dazu brachte, es in die Hand zu nehmen. Holz. Ein stinknormaler, langweiliger Holzscheit. Nichts besonderes, nur dröges Kaminholz. Es mag ein Symptom überzüchteter Designernerven sein, dass mich inzwischen solche Dinge – Treibholz, alte Holzkisten, Äste – so interessieren. Es mag die Beausage sein, die Holz innewohnt, der archaische Mangel an Verlogenheit des Materials, dem nur noch Leder in Sachen schöner Alterung gleichkommt. Es mag hier ganz konkret auch nur das ungeschliffene in der Ansammlung glattkühlen Designstuffs sein. In der Architektur, zumal in der Innenarchitektur gibt es ja nicht ohne Grund schon seit einiger Zeit einen Trend zu «Vintage», zum Verrockten und Verspackten, als Reaktion fast gleichlaufend, sinusartig um die kalte Geometrie der Postmoderne geschlängelt, als reaktionäre Geste irgendwo zwischen Nostalgie und einer wirklichen Sehnsucht nach «Ehrlichkeit», die wir uns selbst kaum zu erklären mögen. Ein Holzscheit, soviel ist sicher, ist nicht Made in China, nicht von einem Marketingteam A/B-getestet, ist in dieser reinen Form in einer Materialsammlung auch noch keine berechnende geplant-architektonische Geste, die einen Affekt triggern soll, kein smarter Kontrapunkt in einer nahtlosen Inszenierung. Als Designer und Architekt ist man dieser Selbstverständlichkeit von Natur und von vielen selbstverständlichen, meist alten Dingen fast ratlos – was willst du verbessern daran, wie verbindet man das Selbstverständnis eines Berufes, dessen Ziel eine artifizielle Aufladung von Realität ist mit der unwillkürlichen Aura von einem verdammten einfachen Stück getrockneten Treibholz. Das Holz in der Architektur inzwischen wieder auch massiv als Baustoff Verwendung findet und Bauholz-Tische inzwischen ja schon fast so etwas wie overused sind, ändert nichts daran, dass es gerade im Rohzustand – unbearbeitet – und im Bruch zum Umfeld seine Wirkung entfaltet. Der Holzfindling wirkt beruhigend, zeitlos, kontextfrei, seine Struktur und Oberfläche will nichts von dir und kann deshalb umso mehr einfach berührt werden, um die ungeplante, unbearbeitete Rinde zu erforschen. Wie der «Wilde» John in Huxley’s Brave New World wird das Holz so (unfreiwillig) zu einem Kommentar seiner allzu glatten Umwelt, der bescheiden hält. Ebenso wie es gut sein kann, einen groben Stein auf seinem Schreibtisch zu haben, ihn ab und zu in die Hand zu nehmen und zu verstehen, dass das beste Design nicht von uns kommt, sondern durch Zeit, Natur und Zufall entsteht – und somit (zumindest scheinbar) ganz von selbst, ohne menschliches Zutun. Das in den eigenen Händen immer mal wieder zu begreifen, ist ganz gut für die Seele.

Quality

Open the glove-box door. Feel how it shuts. Feel how the latch engages. These are the things that convey quality.

Sam Cabiglio, «What I’ve learned», Esquire 09/12

Leipziger Typotage 2012

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Thema der Leipziger Typotage 2012 am 13. Oktober ist »Echt oder falsch? Geld zwischen Gestaltung, Herstellung und Fälschung«. Obwohl ich mir bisher selten die Frage gestellt habe, ob mein Geld in der Hand echt oder fake ist – Hauptsache der nächste in der Kette nimmt es an -, und obwohl ich sicher bin, dass papierlose Bezahlverfahren nach und nach die Fälschungsfrage auf die digitale Ebene hieven und die endgültige Virtualisierung von Tauschakten vollziehen, ist die Geldfälscherei natürlich ein ausgesprochen spannendes Thema für ausgerechnet Typographen.

Das Wissen über Gestaltung und Herstellung von Banknoten und der Reiz des Geldes jenseits vom Barwert stehen im Mittelpunkt der 18. Leipziger Typotage. Experten aus Geldherstellung und Banknotendesign, aber auch Falschgeldsachverständige und Sammler führen die Besucher in die Untiefen der Welt von dirty sexy money. Passend dazu bezahlen Nichtmitglieder 100 €, Mitglieder 70 €, Studenten 50 €.

Referenten sind:
RA Dr. Stefan Haupt, Sammlung Haupt
Dr. Franziska Jungmann-Stadler, HVB Stiftung Geldscheinsammlung
Bernd Merbitz, Landespolizeipräsident
Marc Mittelstaedt, Design Department Giesecke & Devrient
Martin Weber, Deutsche Bundesbank

Dr. Walter Schlebusch, ebenfalls vom auf Dokumentensicherheit spezialisierten Unternehmens Giesecke & Devrient, moderiert die Veranstaltung.

Typoversity 2

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Den ersten Band von Typoversity habe ich ja bereits ausreichend gefeiert – jetzt entsteht ein zweiter. Patric Marc Sommer und Andrea Schmidt suchen für Typoversity 2 wieder typographisch orientierte Arbeiten aus dem studentischen Umfeld, die die Interviews und Features des Buches abrunden und den aktuellen Stand des schriftaffinen Designs an deuten Hochschulen zeigen. Das Beste: Anders als bei anderen Lookbooks ist das dabeisein völlig kostenlos (es gibt sogar noch ein Gratis-Belegexemplar), einfach eine PDF bis 5 MB an mail@typoversity.com senden und eigene Daten (Name, Adresse, Telefonnummer, Email) sowie die Daten zum Projekt (Datum der eingereichten Arbeit, betreuender Professor/Lehrender, Semester, Hochschule) angeben. Die Arbeiten – die ab Januar 2010 «gültig» sind – werden von einer 1A-Jury begutachtet, die für Qualität sorgt: Neben Patric und Andrea sind dabei: Christoph Dunst, Verena Gerlach, Heike Grebin, Christoph Koeberlin, Dan Reynolds und Birgit Tümmers.

Slanted 17: Cartoon / Comic

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Wie ich bereits mehrfach schrieb, ist das eigentlich spannende an der Slanted nicht mehr (nur) so sehr der Inhalt, als vielmehr die Evolution des Blattes als solches, als visuelles Experiment. Innerhalb des groben Rahmens eines typographischen Magazines hat das Magazin so viele fröhliche Änderungen durchlaufen wie kaum eine andere Publikation – vom reinen Blog zum schwarzweiß-Magazin im aufgebohrten Copyprint, zum richtig gedruckten und «echt» vertriebenen Magazin – und mit der 17. Ausgabe haben sich Format und Layout wieder geändert. Größer ist es geworden, wahrscheinlich, um in der Flut nahezu gleicher A4-Formate herauszuragen, dicker ist es geworden und das Layout hat sich auch geändert, wirkt gestraffter. Geblieben ist die Vorstellung zahlreicher Fonts eingebettet in ein Layoutabenteuer, die klare Trennung von Bildspielplatz und lesbaren (und stets lesenswerten) Texten, die aus meiner Sicht ja der eigentliche Schatz des Magazins sind. Von deutschen Handlettering über Manga-Fonts und ein Interview mit dem Schrift/Comicgrenzgänger Alesso Leonardo bis hin zu der bei diesem Thema wahrscheinlich nicht fehlen dürfenden, aber irgendwie nicht sonderlich erwähnenswerten Comic Sans. Es gibt auch ein paar aus der Reihe tanzende Texte, wie etwa Julia Kahls Interview mit Matthew Carter, die das Monothema-Heft etwas auflockern, dafür fehlt mir als US-Comic-Fan dieser nicht unwichtige Teil der Comicgeschichte absolut, auch wenn ein paar Marvel-Ikonen im Bildteil zitiert werden und einige Soundwords genutzt werden, um die Fonts vorzustellen… wobei eben gerade diese Reduzierung von Comic auf «Peng! Bumm! Klatsch!» immer etwas schmerzhaft ist. Bei Typographie und Comic wären einige US-Handletterer wie Chris Eliopoulus, Künstler wie Eisner und Steranko, aber sicher auch ein Interview mit Rian Hughes spannend gewesen. So wie eigentlich (vielleicht verständlicherweise) jede kulturhistorische Betrachtung von Comics als Medium etwas fehlt – aber vielleicht ist das auch nicht der richtige Ort dafür. Dennoch schade – auch wenn er im Sterben liegt und ich eigentlich gut finde, europäische und asiatische Comics gegenüber dem US-Spandex-Genre zu betonen, gerade in Sachen Typographie gibt der Markt der US-Comics einiges her.

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Das ist aber tatsächlich schon alles, was mir einfällt angesichts eines Heftes, das sich wieder einmal erfolgreich neu erfunden hat, das zum Entdecken und Spielen einlädt und auch in der 17. Ausgabe die Balance zwischen Spaß und Seriosität immer wieder wunderbar kippelig hält – die Stärke des Heftes ist einfach, dass es keinerlei Botschaft, keine Inhalte, keine Funktion hat, sondern einfach nur ist. Auf dieser Basis, die sich so spürbar von den meisten anderen Zeitschriften mit mehr Sendungsbewußtsein abhebt, oder die eine Zielgruppe bearbeiten wollen/müssen, oder die «journalistisch» sein wollen/müssen, entsteht eine bunte Mischung aus High-End-Schülerzeitung und Fanmagazine, die mich vom Spaßfaktor an Clownfisch und andere Portfolio- oder Uni-Magazine erinnert, aber zugleich fokussierter ist. Abgesehen davon, dass es eine phantastische Mischung aus Spielwiese, Aquise- und Netzwerktool für Magma ist, ist es unterm Strich einfach eine der lesenswertesten Publikationen im Typobereich, paradoxerweise eben, weil die Slanted so ein bisschen wunderbar ziellos ist und du sie weniger wie eine ernsthafte Zeitschrift liest, sondern mehr wie ein Videogame durchwanderst, Dinge entdeckst, Geheimnisse dekodierst, Aufgaben löst und auch mal einfach Sachen überspringst. Man darf nicht drüber nachdenken, wenn andere Bereiche so wunderbar explorativ über sich selbst berichten würden und das nahezu filterlose Tumblr-Scrapbook zum journalistischen Werkzeug erheben würden.

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Bücher machen

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Besser spät als nie drauf hinweisen:
Morgen startet die 1. Tagung des Instituts für Buchgestaltung zum Thema «Bücher machen» an der FH Bielefeld einladen. Von 10 bis 19 Uhr geht es dann am Fachbereich Gestaltung in der Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld um folgendes Programm:

10:00 Jenna Gesse Leerzeichen für Applaus
11:00 Achim Böhmer, Sara Hausmann Looking back to the future
12:00 Jost Hochuli Von A wie Anmerkung und B wie Blödsinn bis Z wie Zeiger

13:45 Jost Hochuli Systematische Buchgestaltung
14:45 Judith Schalansky Gebrochene Schriften, abgelegene Inseln […] oder wie ich Bücher mache
15:45 Peter Graf

17:00 Sven Ehmann Datenvisualisierung und Visual Storytelling
18:00 Prof. Ulrike Stoltz KREUZ & QUER/HIN & HER […] nicht-lineares Lesen im Buch.

Bei dem Programm – allein Hochuli wäre die Reise wert, Schalansky ist auf dem Weg zur Bestsellerautorin ersten Ranges und die anderen Sprecher sind kaum weniger prominent – ist verständlich, wenn Dirk Fütterer vom Institut um eine Anmeldung bittet: unter mail@institut-buchgestaltung.de.

Der Besuch der Tagung ist kostenlos. Zur Kostendämpfung bittet das Institut die Besucher um eine kleine Spende von 5€ oder mehr, was angesichts des Programms und der Preise anderer Konferenzen mehr als fair ist. Ich habe morgen Termine und kann nicht ins schöne Bielefeld, aber ich kann jeden Leser nur ermutigen, kurzentschlossen in den Zug zu springen und sich diese Tagung zu gönnen, es kann sich nur lohnen, zumal Dirk Fütterer an der FH und mit dem Institut wirklich ausgezeichnete Arbeiten produziert, die man gesehen haben sollte. Hin Hin…

How News are made…

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In den stets lesenswerten Blog von Newspaper-Designpapst Mario Garcia (den man hierzulande u.a. für seine seinerzeit umstrittenes Zeit-Redesign kennt) findet sich ein Link zu einem Text der (Online-) Journalistin und Designerin Lauren Rabaino von der Seattle Times. Der Text befasst sich mit Twitter als News-Quelle, der enormen Redundanz von timeline-artigen Berichten und versucht einige Antworten auf die Probleme zu geben, die diese Art von Nachrichtenerzeugung mit sich bringt, die am Ende in der Idee einer Art News-Wiki mündet und einem Crossover aus verschiedenen Formen von Online- und Offline-Berichterstattung.

Garcia bring es auf den Punkt: «We have said repeatedly that the printed newspaper has lost the time advantage to the digital media.» Wann immer ich in letzter Zeit lokale Tageszeitungen gesehen habe, war ich überrascht, wie «alt» mir die meisten überregionalen und globalen Nachrichten erschienen. Ich kannte sie meist schon aus Tweeds, RSS und Online-Nachrichtenportalen. Gegen diese Medien ist selbst das Fernsehen, der alte Gegner der Printmedien, träge. Die Stärke von Print liegt aber, wenig überraschend, nach wie vor in den regionalen Nachrichten, die online nicht richtig stattfinden und in der Reflektion – dem Essay, dem Interview, der Langzeitberichterstattung und so weiter. Also in Dingen, die die Wochenzeitungen vorleben und die der Echtzeitigkeit enthoben sind, eher allgemein bekanntes noch einmal aufarbeiten, einordnen, differenzieren. Was mir die Hoffnung gibt, dass mehr Zeitungen aus reinem Überlebenswillen wieder zu essayistischen, feuilletonistischen Formen zurückfinden und die Grenzen zwischen «Literatur» und «Journalismus» wieder aufweichen und sich dadurch tatsächlich entschleunigen als Reaktion auf die High-Speed-Online-Medien.

Slanted # 16 Bold-Light

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Mit diesem Heft hat die Slanted-Redaktion bei mir leicht gewonnen. Zum einen liebe ich helle und dunkle Schriften im Kontrast, das taucht immer und immer wieder bei mir auf, zum anderen ist Muhammad Ali via Bildern aus dem Corbis-Archiv photographisch heftigste in dem Heft präsentiert, der als Kindheitsidol durchgeht und bis heute vieles was an den 60ern gut und vieles, was verdammt schlecht war verkörpert und der zwar wie ein Schmetterling zu schweben verstand, aber stets eher schwer als «light» war und das in jeder Hinsicht. Davon abgesehen ist das Heft wieder Spielwiese für die Magma-Designer, die hier natürlich experimenteller abgehen können als im Alltagsgeschäft… auch wenn ich zugeben muss, dass ich genau diesen Look, so sehr ich den an sich mag, langsam aber sicher nicht mehr sehen kann, weil es zu viele Magazine und Bücher, zu viele Büros in einer bestimmten Sparte von Design und viel zu viele Studenten gibt, die mal besser mal schlechter diesen etwas hingenöhlten Design-Look fahren, so wie vor 15 Jahren alles nach Carson aussah. Wenn dieser Look aber langsam in den Theater-Spielzeitheften und Massenpublikationen ankommt (wo man sich fragen muss, ob er da überhaupt hingehört) kann und darf die Slanted eigentlich eine andere Richtung einschlagen, wie immer die auch aussehen mag. Den aktuellen Trend zu in-allen-vier-ecken-soll-typo-stecken… hey, vielleicht mag ich den einfach persönlich nicht, weil ich die 80er selbst live erlebt habe :-D.

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Dennoch ist dieses Heft bereits anders als die drei Vorgänger, wieder einen Hauch cleaner bei aller Liebe zum Chaos – und es steht so einem Heft, das keinen tighten roten Faden verfolgt, vielleicht ja auch ganz gut, wenn es etwas Notizblock-haftes hat, zusammengerockt wirkt, den Geruch von Überstunden, Koffein und Abreagieren hat, man den Seiten den Spaß und die therapeutische Wirkung briefingfreien Arbeitens ansehen kann. Schwerer zu lesen ist die Slanted dieses Mal, weil fast durchsichtig dünne Schriftschnitte oder sehr kompresse und fette Sachen wie die Ambrosia Françoise Bold schon auch auf die Augen gehen – andererseits, wer vor 15 Jahren durch dekonstruktiven Kram kam, überlebt das auch und ein bisschen soll es ja eben auch Abenteuerspielplatz für den Leser sein, denke ich. Wie auch die Produktion mit Papierwechseln, Verdelungen, Sonderfarben zeigt, wie weit das Magazin von seinen Kopierwerk-Anfängen gekommen ist. Bei all dem dürfen die Texte nicht zu kurz kommen – obwohl sie das in dem stream of conciousness der Slanted mitunter durchaus tun -, die Interviews (u.a. mit Jost Huchuli) oder die Essays (u.a. von Yves Porchez) – die die Slanted immer wieder zu einem wunderbar nerdigen Faszien für Schriftfreaks machen und ihr einen festen Platz sicher nicht nur in meinem Herzen sichern, weil kein anderes Magazin so unilateral auf Schrift als Medium festgenagelt ist in Deutschland und zugleich so grandios irrlichtern kann und das Thema so unlangweilig präsentiert – obwohl es ja durchaus langweilig sein könnte. Also, wenn ihr noch kein Weihnachtsgeschenk für den freundlichen Type-Geek in eurer Agentur oder in der Wohnung nebenan habt, wist ihr ja jetzt, wie man ihm oder ihr eine Freude machen kann: Mit einem Abo für die Slanted – für 40 € doch perfekt für den Weihnachtsbaum.

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Soleil

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Typetogether stelt gerade die neue Schrift des Österreichers Wolfgang Homola vor, die Soleil, eine gut ausgebaute geometrische Schriftfamilie, die aber weniger steif und unterkühlt wirkt als viele andere Schriftfamilien aus dieser Ecke (obwohl, lieben wir Futura, Nobel & Co nicht gerade wegen ihrer seltsamen und wunderbaren Frackhaftigkeit?). Osteuropäischer Zeichensatz, Türkisch, Pfeile, zahlreiche Dingbats, OSFs, handgebaute Kursive und viele andere hochliebevolle Details zeichnen die Soleil aus, die durch die deutliche x-Höhe und klare, dennoch warme Formen eine Art Lücke zwischen Frutiger/Myriad und Futura/Neutra zu schließen scheint. Die humanistischen Einflüsse machen die Soleil zu einer Art freundlichen Variante der herkömmlichen Geometrischen und lassen sie vor allem auch für Fließtext einsetzbar erscheinen, ohne dass der Leser gleich ein Augenleiden bekommt, während die Versalien ganz wunderbar schlicht und zeitlos im Bahnhof-Look gehalten sind. Exzellenter erster (offizieller) Wurf für Homola und ein weiterer wunderschöner Release von Veronika Burian and José Scaglione.

Dimensions of Stadt

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Wer in der Vorweihnachtszeit sonst nichts vorhat und wer sich für die Schnittstelle von Design und Architektur interessiert, den kann es am 15.12. vielleicht nach Dessau ziehen, wo in der Bauhausaule der Fachbereich Design der Hochschule Anhalt die Konferenz «Dimensions of Stadt – Designer erobern den urbanen Raum» startet. Moderiert von Sandra Giegler geht es vor allem um die Verzahnung von verschiedenen Kreativdisziplinen – Design, Architektur,Stadt- und Landschaftsplanung und Stadtplanern, Kulturwissenschaft usw. – zu einem Gesamtkontext, der eben auch beruflich für den Designnachwuchs hochspannend sein kann, der mit seinem prozess- und lösungsorientieren Denken ideal für die Arbeit an urbanen Eingriffen und Planungsaufgaben qualifiziert ist. Davon ausgehend, wie sehr Designer inzwischen in Kultur und auch Innenarchitektur mitmischen, ist es tatsächlich nur logisch, unsere Art, gestalterisch und kommunikationspsychologisch zu Denken auch in den größeren stadtplanerischen Kontext einzuweben – außerdem ist wahrscheinlich alles gut, was die Flut von Designer, die nach wie vor auf den Arbeitsmarkt drängt, auch in neue Felder und Bereiche zu kanalisieren ;-).

Sprecher sind u.a. Jakob Wolf, Anja Wolf, Steffen Schuhmann, Susann Baldermann, Jan Weber-Ebnet, Cordelia Polinna, Detlef Weitz und Julian Petrin.

Um 9.30 geht es am 15.12. in Dessau los, weitere Infos gibt es hier.

Montserrat

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«The Montserrat Typeface» ist ein Kickstarter-Projekt von Julieta Ulanovsky, die mit einem Set von bis zu 9 Schriften die Alltagstypographie ihres Stadtteils Monserrat in Buenos Aires retten will, mit allen formalen Fehlern und trotzdem digital – und vor allem als Open Source Font. Was man bisher sehen kann, ist sehr vielversprechend und mehr als sympathisch ist die Idee ohnehin – kein Wunder also, dass Julieta längst deutlich über dem zu erzielenden Mindestbudget von 5000 $ ist. Was ja nicht heißt, dass ihr trotzdem nicht ein paar Euro beisteuern könnt ;-).

Licht = gut

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Absolut richtiges Statement von Axel Meise, Geschäftsführer von Occhio in der neuen Ausgabe des CI-Magazins.

Andreas Fuhrimann

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Apropos Tycho; Aus Hansens ISO50-Blog kommt dieser Link zu einer atemberaubenden Sammlung von Photos alten 60er- und 70er-Jahre-Produktdesigns von Andreas Fuhrimann, einem hervorragendem Schweizer Architekten. Nicht neu, aber immer noch atemberaubend… Es ist nach wie vor spannend, wie sehr der ja doch sehr verlogene Werkstoff Plastik in seinen Jugendtagen mutiger und schöner war als heute, wo er fast die Welt an sich gerissen hat. In den frühen Plastik-Designs steckt der Geschmack von Aufbruch, von Auflehnung gegen eine Welt aus Holz, Glas, Leder und Metall (nach der wir uns heute zu Recht zurücksehnen) und ein Optimismus und Farbenfreude, die an die frühe Moog-Zeit erinnert und insofern bei aller Eleganz und allem Pop immer auch eine Spur Punkigkeit aufweist, ein Verbrennen alter Brücken und ein Aufbruchsgeist. Daraus kann unendlicher Kitsch werden, oder – in den richtigen Händen – Klassiker, die sich über ihren billigen Werkstoff erheben und auch in Jahrzehnten, jenseits aller Moden und Retrowellen, gut aussehen werden.

My dingbats is bigger than your dingbats

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Johannes Erler, frisch gekürt zum Art Director des Sterns (und damit aus meiner Sicht vielleicht die letzte Hoffnung eines etwas darbenden Blattes), zeigt sich großzügig und schenkt der globalen Designergemeinschaft ein flottes Remake der Zapf Dingbats, die er etwas selbstironisch Erler Dingbats nennt. Aufgeräumt und klar, deutlich angelehnt an die FF Dingbats, die auch aus dem Hause Factor Design stammte (als Erler noch dort war), und sicher auch ein kleines bisschen als Freemium-Maßnahme gedacht, um den Leuten Geschmack auf die (ja nun mal wirklich exzellente) FF-Dingbats 2.0 zu machen, ist der Font ein 1:1 Make-Over des Klassikers der Zapf Dingbats aus den Siebzigern mit einer Ästhetik, die – da an die FFDingbats angelehnt – zumindest in mir wiederum eine schöne cleane Spät80er/Früh90er-Assoziation erweckt. Wer die FF Dingbats schon hat, wird die Erler nicht unbedingt brauchen, aber die Idee, diesen etwas in die Jahre gekommenen Zeichensatz komplett zu ersetzen (zumal die Erler als Freefont ja eventuell auch webtauglich ist), ist mehr als sympathisch und zugleich eine sehr charmante und bescheidene Verbeugung vor einem der ganz großen Schriftenmacher, was man in der Musik wohl «A Tribute to…» nennen würde. Was die Frage aufwirft, wie wohl die ZapfDingbats aus den Händen anderer Schriftdesigner interpretiert aussähe? Vor allem ist es auch schön, nicht immer nur Revivals von Helvetica oder Futura zu sehen, sondern hier einmal einen ganz anderen Schriftklassiker neu aufgelegt und poliert zu bekommen.

Auch wenn ich zugeben muss: Der Charme der Zapf Dingbats ist ja nicht, dass man ein Herz oder einen Pfeil zur Hand hat (die baut man sich zur Not rasch selbst), sondern eben der bauchige, weiche Look von Hermann Zapfs Klassiker, der im entsprechenden Umfeld sofort «Vernacular» oder «Retro» wirkt und den man ja ohnehin meist nur ironisch gebrochen einsetzt, weil die Schrift aus heutiger Sicht einen vielleicht zu weichen und blumigen Duktus hat. Dieser Effekt geht natürlich mit der Erneuerung verloren, so wie der New Beetle eben auch kein Käfer ist (aber eben auch schneller fährt). Die sachliche Handschrift des Remakes überzeugt aber absolut und wer weiß, wieviel Arbeit in so einem Dingbats-Fontsatz steckt, wird zu schätzen wissen, dass Johannes Erler und Fontshop die Sache gratis verteilen. Dank an Johannes und Hennig Skibbe!

Blickfang

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Etwas spät komme ich endlich einmal dazu, die Bücher, die sich seit Jahresmitte hier stapeln, durchzugehen.

Für uns Kreativ- und Artdirektoren, auch wenn es bei Photographie einen ungebrochenen Trend zur Inhouse-Produktion gibt, sind gute Illustratoren und Photographen das Salz in der Suppe. Selbst wenn man akut keinen Etat hat, für den man einen Photographen braucht, ist man doch ständig auf der Suche nach visuellen Trends und Trendsettern, mit denen man für den «richtigen Job» zusammenarbeiten könnte. Bei einem kleinen Büro wie nodesign, wo es keinen dedizierten Art Buyer gibt, gehört ein offenes Auge beim Magazin-Lesen, Portfolio-Surfen, Messen wie Bild.Sprachen und so weiter oft zum Alltag. Einen schönen Überblick bietet Blickfang – Deutschlands beste Photographen, quasi das Gegenstück zu den gewohnten Agentur-Annuals, und wie immer ist man etwas neidisch, wie einfach Photographen es haben, ihre Arbeit zu kommunizieren. Da ist ein Bild – und das Bild funktioniert, ob allein oder im Kontrastumfeld einer Serie, basta. Kein Konzept, keine auf einem Photo schwer kommunizierbare typographische Detailarbeit, keine Auftraggeberwünsche, die hier oder dort ein Logo oder einen Störer bedingen – einfach nur ein starkes Bild. Blickfang bietet 726 Seiten davon, komplett mit Interviews und Texten aus der Branche – von der anderen Seite des Marktes also auch ein schöner Blick in die Realität von Photographen. Auch wenn ich mehr und mehr dazu neige, solche Kompendien nicht mehr wirklich im Regal stehen zu haben – wo ich sie meist nicht mehr wiederfinde, sondern digital haben zu wollen, ist dieses edel aufgemachte Buch für 50 Euro allemal einen Kauf wert. Bestellen kann man es hier.

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Skin

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Großartige Arbeit der New Yorker Künstlerin Adriana Page-Russel, die sich intensiv mit Haut, Bodystyling und Design auseinandersetzt – und dabei zu ziemlich verstörenden Bildern kommt.

Photo: Ariana Page Russell

The Shape of Speed

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Quasi als Memo für mich selbst, aber auch ansonsten spannend: Carmen Infantinos Methode, die Geschwindigkeit des «Roten Blitzes» Flash beim Laufen darzustellen, als quasi-stroboskopische Ansammlung von Nachbildern, die uns wissen lassen, dass Flash zu schnell für das menschliche Auge läuft, als fleischgewordener Film ein Nachfllickern, eine Vibrationsspur hinterlässt. Physikalisch, wie so vieles bei Silver-Age-uperhelden der reine Unsinn, wobei die ganze Idee hinter einem Mann, der offenbar frei von Reibungshitze und Luftdruck mit Überschallgeschwindigkeit laufen kann, ohne dabei zu ersticken, erdrückt zu werden oder doch mindestens ein Heer von Fliegen zwischen den Zähnen hängen zu haben, ist der Flash trotzdem eine Metapher für das Zeitalter seiner Erschaffung, für Tempo und den unbändigen amerikanischen Vorwärtsdrang der 50er/60er Jahre, für Weltraumträume und die Ästhetik der Sixties, die aus jedem Auto gleich eine erektile Pseudorakete machte. Eins der besten Kostümdesigns, das jemals ein Superheld trug, in dieser schlichten, design-affinen Art, in der DC die neuen Helden der 60er schuf (Infantino den Flash, Gil Kane Green Lantern), schlank, fluide, ohne jedes unnötige Extra – was für Superman das Cape und Batman die Maske ist für den Flash der visuelle Slipstream, die Speedlines, die fester Teil seiner visuellen Identität und somit seines Kostüms sind. Bis heute inspirierend und bei aller Kopie unerreicht in Eleganz und Langlebigkeit – ein Superheld, als sei er von Hans Gugelot entworfen worden.

Alex Leu fragt 27: Letzte Worte

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Welchen abschliessenden Rat würden Sie unseren Nachwuchs auf dem Weg geben?
Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Der erste Rat ist sicher, dass man schauen sollte, ob man das wirklich machen will, was man macht. Du verdienst als Designer nicht wirklich so atemberaubend und der Job ist anstrengend, weil man sozusagen lebenslang Prüfungen meistern muss, gewogen wird, bewertet wird, sich immer wieder beweisen und auch selbst hinterfragen muss bei zugleich verhältnismäßig geringer sozialer Anerkennung. Also erst einmal überlegen: Warum will ich Designer werden? Und sich dazu informieren, wie der Alltag aussieht, der sich ja deutlich von «Gute Zeiten Schlechte Zeiten» oder «Mad Men» unterscheidet (leider in letzterem Fall).

Und wenn man es dann studiert, sollte man es so brennend studieren, wie man kann, weil es eben nicht Sozialpädagogik oder Maschinenbau ist. Es kann nicht darum gehen, irgendwie durchs Studium und in den Beruf zu kommen, sondern das Studium ist nur eine Art Ausrede, sich zu entdecken und entfalten. Man sollte seine Dozenten völlig in Anspruch nehmen, neben der Uni arbeiten und vier fünf Jahre nur Design leben und atmen, möglichst viele Praktika machen, möglichst viel nebenbei tun, an jedem Projekt teilnehmen. Design ist nicht BWL, es ist kein Beruf, sondern eine Lebensart, eine sehr ganzheitliche und grundlegende Sicht auf Welt und vielleicht auch auf dein eigenes Leben, es ist ein Paradigma an sich – und es gilt, im Studium in diese Lebensart einzutauchen. Ich kriege zugegeben zuviel, wenn Studenten im Diplom stehen und Vignelli oder Gugelot nicht kennen. Gesine Grotrian-Steinweg hat bei einer Podiumsdiskussion einmal Studenten gefragt, ob sie KesselsKramer kennen, eins von den drei wirklich wichtigen niederländischen Büros, eine Legende. Und keiner im Publikum hat es gekannt.

Auf der anderen Seite kann ich jederzeit bei Thierry Blancpain anfragen, der in der Schweiz Design studiert, wenn ich zu einem bestimmten Thema etwas wissen will, und der donnert mir nicht nur fünf grandiose Vertreter einer bestimmten Richtung als Link um die Ohren, sondern hat auch gleich eine dezidierte Meinung zu dem Thema. Da brauchst du nicht zu überlegen, ob der Mann mal ein guter Designer sein wird, es ist einfach klar. Der brennt für seine Sache, kennt sich aus, macht wahnsinnig gute Arbeit. Solche Leute hast du übrigens an fast jeder FH, immer so 3% bis 10% der Studentenschaft. Die machen Projekte, organisieren Veranstaltungen, produzieren Bücher und Magazine, sind immer wieder atemberaubende und spannende Leute, deren Namen man dann nicht ohne Grund immer und immer wieder irgendwo liest und auch in den kommenden Jahren lesen wird, weil sie die nächste Generation guten Designs darstellen. Solche Leute sind ein Geschenk, kann man nicht anders sagen… und als Student sollte man eigentlich alles daran setzen, so zu sein, so zu werden.

Es gibt sicher Jobs in Agenturen, die man auch kriegt, wenn man sich nicht für Design und Typographie und Kultur interessiert und nur InDesign halbwegs solide bedienen kann und tut, was gesagt wird. Keine Frage. Die sind im Zweifelsfall sogar besser bezahlt, weil die Jobs, die solche Läden machen, mehr Geld einbringen. Mittelmaß setzt sich durch.

Aber wer mehr will, muss Design atmen. Und natürlich gerade im Studium – diesem großen Freiraum, dieser beneidenswerten Chance (die der Bachelor leider sehr kleinrationalisiert hat) Zeit und Ressourcen für freie Projekte zu haben – einfach mal einen Kongress starten, einen Bücherstand für die Frankfurter Buchmesse stemmen, ein Buch produzieren. Solche Sachen, die dann dein ganzes weiteres Leben formen können. Christian Hampe und Beate Blaschczok haben an der Ruhrakademie mit «Clownfisch» angefangen und das ist inzwischen eine recht große Nummer geworden, längst eine Art kultursoziales Experiment und viel mehr als «nur» ein Magazin. Mutabor ist einst als Studentenprojekt gestartet, die haben noch in der Studienzeit für BMW gearbeitet und die ersten TDC-Awards eingeheimst und herausragende Arbeit gemacht. Du kannst an der Uni – Bachelor hin oder her – angstfrei deine eigenen Stärken finden und musst diese Chance auch immer wieder einfordern, deine Dozenten um Freiheiten und konkrete Hilfestellung angehen, die ein guter Student auch immer kriegen wird. Machen, lernen, entdecken und dann als schon relativ guter Designer von der FH kommen – mit einem sauberen Portfolio und einer umwerfenden Diplomarbeit, mit den ersten guten Kontakten, weil du vielleicht mal bei der «Typo» aktiv gewesen bist oder auf der Buchmesse in Frankfurt oder bei Strichpunkt oder Magma oder KolleRebbe ein Praktikum hattest, ein Projekt von dir bei Slanted, fontblog, in der Form oder Novum präsent war. Der Tip wäre also wahrscheinlich: Mach es nicht oder mach es ganz.

Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Das kann ich einerseits kaum beantworten – ich nage selbst seit ewig an der Frage und bewundere die Art Selbstdarsteller, die das so scheinbar mit Leichtigkeit macht, sich immer in den Mittelpunkt stellt, völlig gnadenlos selbst verkauft und anscheinend frei von Zweifeln ist. Zugleich mag ich solche Leute oft nicht, ich habe um mich eben meist doch eher Leute mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten, nicht diese Self-Hype-Leute. Ich bewundere diese Fähigkeit abstrakt, aber wenn ich damit konfrontiert bin, macht sie mir Angst oder die Leute sind unsympathisch oder so. Gibt einige Ausnahmen, die die Regel bestätigen, natürlich. Aber generell sind mir Leute sehr viel lieber, die an sich selbst zweifeln und gar nicht realisieren, wie toll sie eigentlich sind und die nicht so selbstzufrieden sind und weiter an sich arbeiten.
Ansonsten ist es so, dass bei uns beispielsweise Praktikanten immer wieder auch mal Aufgaben kriegen, die sie eigentlich überfordern. (Oder vielleicht nicht überfordern sollten nach einem Studium, es aber oft de facto tun). Und mit der Zeit kristallisiert sich dann deutlich heraus, wer etwas an den Tisch bringt und wer nicht. Wer Arbeitsethos hat, wer schöne Ideen und visuelles Denken hat, bei wem ich auch kein schlechtes Feeling habe, wenn es mal Routineaufgaben zu tun gibt bzw. wer auch diese erfüllt und über-erfüllt. Ich kann nur für uns selbst sprechen, aber ich glaube nicht, dass man sich bei nodesign nervös «verkaufen» muss, die Qualität zeigt sich von ganz allein im Tun.

Was ist die Voraussetzung um angstfrei zu sein? Zu wissen, was man will? Weil man sich mit seiner Arbeit identifizieren kann?

Völlig angstfrei zu sein, ehrlich gesagt, fände ich nicht gut. Angst ist ja auch ein herausragender Motivation und gesunder Teil unserer Gesamtpsyche. In gesunder Dosis ist Angst sinnvoll. Wobei ich nicht diese paralysierende und pathologische Angst meine, sondern in diesem Fall vielleicht eine grundsätzlichere Angst vor der Leere, dem Vakuum im Leben, der Sinnlosigkeit. Diese Art von Angst hat sicher schon manche Leute zu unfassbaren Leistungen bewegt. Zu wissen, was man will – aber dabei flexibel zu bleiben – hilft immer, auch wenn man das meist eher schubweise im Leben entdeckt und nicht mit 20 weiß. Die Identifikation mit der Arbeit… das ist so ein Ding. Wenn es nicht die Eitelkeit und sozusagen narzisstische Identifikation ist, sondern ein Eintauchen, eine Leidenschaft, dann unbedingt. Wichtig ist nur, es nicht zu ernst zu nehmen. Du bist nicht deine Arbeit, musst kritikfähig, flexibel, offen bleiben. Ich glaube fest, dass jeder seine ganz einzigartigen Fähigkeiten und Funktionen hat – und diese nur entdecken oder entfalten und trainieren muss, was aber meist nur mit einer Mischung aus Ehrlichkeit und Demut erreichbar ist. Und Humor – wenn du nicht mehr über dich selbst lachen kannst, hast du verloren.


Alex Leu fragt 26: Alter

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Spielt das Alter bei Designern eine Rolle?
Das Alter spielt immer eine Rolle, egal, was du machst, oder? Spielt das Alter bei Musikern, Schauspielern oder Autoren, Architekten oder Handwerkern eine Rolle? Sicher.

Es mag etwas platt sein, aber das Klischee stimmt – in jungen Jahren sind die meisten Kreativen eher «Sturm und Drang», wollen alles anders machen, brennen heiß und lodernd. Mit den Jahren wird daraus mit Glück eine Glut, die nicht mehr verbrennt, sondern Wärme spendet. Mit 18 darfst du denken, auf alles die erste Antwort zu haben und besser als alle anderen zu sein, du darfst (oder musst vielleicht sogar) in diesem Nietzsche-Größenwahn-Modus operieren. Mit 40 hast du genug gesehen, um bescheidener sein zu dürfen/müssen, denn es geht nicht um dich, sondern um alles andere. Deine Ideen sind nicht neu und weltverändernd, sondern sie stehen in einer evolutionären Tradition und sie müssen sich in dieser Tradition bewähren und funktionieren.

Du wirst raffinierter, im Wortsinne, sozusagen destillierter. Deine Interessen sind andere. Man verliert etwas von dieser flammenden, welterneuernden (und etwas klugscheißerischen) Kreativität und wird dafür erfahrener, tiefer. Das ist ein fairer Tausch – aber auch bei jedem anders. Natürlich gibt es viele Künstler, Musiker, Autoren und eben auch Designer, die nur in ihren ersten Jahren wirklich großartige Sachen machen und den Rest ihrer Karriere herum eiern, aber es gibt immer auch diese alten Kerle, die einfach umwerfende Meisterwerke produzieren. Insofern spielt Alter sicher eine Rolle, aber nicht generell so, dass man sagen kann, ob du nun «jung» besser oder «alt» besser bist. Jeder ist da anders. Ich glaube, wenn man neugierig und hungrig bleibt, kann man auch nach dreißig Jahren als Designer noch phantastische Arbeit machen, vielleicht wenn man die Balance zwischen Abgeklärtheit und einem immer noch vorhandenem Enthusiasmus, einer immer noch vorhandenen Portion Sturm und Drang, findet.

Alex Leu fragt 25: Haltung

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Wie hilfreich ist hierbei eine eigene Haltung?
Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?
Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Eigene Haltung hat man ja nicht, die entwickelt man. So wie Musikgeschmack oder Kunstinteresse. Es ist Arbeit. Je älter du wirst, umso länger weht der Umhang deiner Interessen, du akkumulierst Musikstile, Bücher, Erfahrungen, Gespräche und aus all diesen Eindrücken und Reflektionen entsteht so etwas ähnliches wie eine eigene Position zur Welt, die an sich aber auch (hoffentlich) immer nur als ein fluider Zustand zu denken ist.

Eine Haltung sollte keine Trutzburg sein, aus der heraus du auf die Welt schaust, sondern mehr wie ein U-Boot, klein und wendig, so ein Ein-Mann-Dinghy, mit dem du durch die Welt flitzt, dir die Dinge ansiehst und weitersaust und nicht altersstarrsinnig an deinen «Meinungen» klebst. Denn Haltungen und Meinungen sind ja Meme, sind ja immer gesellschaftlich, also künstlich geformte Modelle, und mit den Jahren versteht man das klarer: Es gibt keine Wahrheit, es gibt keine absoluten Zustände. Was du als ewige Werte sahst, ist eigentlich mehr als relativ, die Welt und ihre Geschichte hat mehr Schichten als du mit 20 gedacht hast. Insofern ist «Haltung», wenn sie rigide wird, gerinnt, eine absolut tödliche Falle für das Denken, für die Offenheit und Toleranz, für die Neugier.

Die Haltung eines Designers sollte vielleicht eher ein bisschen naiv und offen sein, fließend und antidogmatisch, unpuristisch. Entgegen der landläufigen Meinung sollte Design an sich vor allem unpuristisch und auch unpuritanisch sein. Wir sollten ruhig wie Kinder durch den Spielzeugladen gehen und alles spannend finden. Und andererseits müssen wir knallharte Türsteher des guten Geschmacks sein und für unsere Ideen fighten. Ich habe selbst keine Ahnung, wie das zusammengeht, Offenheit zu bewahren und dann doch an die eine richtige Sache glauben und dafür auf die Barrikaden gehen, aber was auf dem Papier unvereinbar klingt, geht ja im Alltag ganz gut. Designer mit einer rigiden Haltung verstehe ich nicht, kenne ich aber ehrlich gesagt auch kaum. Die Welt ist zu komplex dafür und eine vorgefasste Denkschablone hält dich nur davon ab, zu lernen. Natürlich hat man eigene Positionen und seine persönlichen Orientierungslichter im Nebel, aber es ist immer gut zu verstehen, wie trügerisch und relativ diese Lichter eigentlich sind. Du musst also gerade deine eigenen Positionen (aber auch alle anderen) immer dem Säurebad unterwerfen, in Diskussionen mit Andersdenkenden, mit Fakten, oder indem du empathisch versuchst, dir die Gegenposition zu eigen zu machen, für und wider zu verstehen. Das ist natürlich eine sehr postmodern-wurstige Haltung, aber ich kann’s nicht ändern, mir erscheinen Menschen mit wirklich festen Meinungen irgendwie etwas seltsam – ich bewundere das einerseits, diese Gewissheit ist ja auch berauschend… aber es ist nichts für mich.

Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?

Ich glaube eher, das Problem wäre, die Rolle «im Design» gefunden zu haben. Wenn du das getan hast, bist du Grafik-Beamter, aber kein Designer mehr. Definition eines guten Designers ist doch gerade, seine Rolle zeitlebens nicht zu finden, ein Suchender zu bleiben, staunend zu bleiben. Ich möchte nicht wissen – und ich mache das alles ja nun wirklich seit fast 20 Jahren – wie viele Klienten mich naiv finden, wenn ich wie ein Kind beim Geburtstag durch ihre Firma oder Einrichtung gehe und ALLES spannend finde und bestaune. Bloß nie abgeklärt und cool werden. Mag aber nur für mich individuell zutreffen – aber ich liebe an diesem Job, dass ich immer wieder hinter einen Vorhang schauen darf und zugleich doch die Distanz eines Besuchers wahren kann.

Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Völlig unwichtig, siehe oben. Wichtig ist, die Position und Haltung anderer einnehmen zu können, tanzen zu können. Die Position des Auftraggebers – und wichtiger noch, die Position der Menschen, die er erreichen will. Die Denkmuster der Menschen, die du mit deiner Arbeit begeistern willst oder bewegen willst. So wie ein Autor sich in seine Figuren und in die Leser zugleich hineinführt, ein Regisseur seinen Film aus zig verschiedenen Blickwinkeln sehen kann (und sollte). Die Aufgabe der eigenen Position und dann die Eroberung einer fluiden Position der angemessenen Richtigkeit jenseits deiner persönlichen Vorlieben und Muster, das ist der Kick an der Sache. Lebenslanges Lernen, kurz gesagt.

Alex Leu fragt 24: Trendjäger

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Was sagen Sie dazu, wenn sich Studenten oder Berufsanfänger vor einer konzeptionellen oder gestalterischen Wiederholung in deren Arbeiten fürchten? Einem Trend hinterherzujagen (aktuell Lombardo, Meire, Borsche Style etc.)
Wie kann man seinen eigenen Stil entwickeln, ohne einem Trend hinterherzujagen?

David Carson hat mal gesagt, dass man als Designer ein Drittel seiner Karriere lang andere Stile kopiert. Ich selbst glaube, man tut es unbewusst vielleicht sehr viel länger, nur raffinierter, subkutaner. Es ist aber natürlich schon übel – so wie die Carson-Grunge-Nachbauten vor zehn Jahren unerträglich waren (und ich habe letztens sogar noch welche in einer Bewerbung gesehen) – wenn heute so viel Design so gleich aussieht.

Wenn ein Praktikant 60% der Zeit im Büro Design-Blogs durchsurft, darf man nicht überrascht sein, wenn seine Vorschläge für Projekte dann verdammt nach dem aussehen, was er sich da den ganzen Tag lang angesehen hat. Auf der anderen Seite wäre ich heuchlerisch, wenn ich nicht zugebe, selbst natürlich auch Einflüsse und Inspirationen zu haben, sogar sehr viele und mich bei denen auch gerne zu bedienen, wie ja vorhin schon besprochen.

Ich hoffe bei Designern immer auf das, was ich den Beatles- (zeitgemäßer vielleicht den Radiohead-) Effekt nenne. Beide Bands haben nicht sonderlich innovativ angefangen, sich dann aber im Laufe der Karriere aber massiv freigeschwommen. In der Regel werden viele Künstler, Autoren oder Musiker mit der Zeit kommerzieller, chartsorientierter – und vielen Design-Büros geht das auch so. Die Kunden werden größer, und große Kunden scheuen das Experiment… in der Wahl ihrer Partner, aber auch in der tatsächlichen Arbeit. Wenn ein Studio also 20 oder 40 Mitarbeiter hat, wird es im Schnitt durch den größeren Output durchaus auch wegweisende Projekte geben, aber eben auch sehr viel Mainstream. Radiohead, die Beatles und ein paar andere Bands zeigen, dass es aber auch anders geht, das langfristiger Erfolg auch dadurch erfolgreicher wird, immer kompromissloser seinen eigenen Weg zu gehen. Aber das schaffen eben auch nur sehr wenige.

Dennoch macht man sich als Designer natürlich mit der Zeit freier von erkennbaren Einflüssen, freier von Unsicherheiten. Ich denke, dieses Freischwimmen, das ein langsamer und tastender Prozess mit Fehlern und Irrwegen sein muss, ist die Methode, die dann – wahrscheinlich erkennt man das selbst aber nie, weil man ja nicht auf das eigene Werk zurückblickt – zu einer Eigenständigkeit führt. Der Mut zum Fehlschlag gehört dazu. Man probiert viele Anzüge an, sieht auch mal schlecht angezogen aus, findet aber nur so seinen eigenen Look. Und irgendwann ist man so oder so außerhalb von Trends, weil man sich nicht mehr so damit befasst, was gerade angesagt ist, sondern eigenen Antworten hinterherjagt.

Alex Leu fragt 23: Oberflächendesign

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Ambitionierte Studenten befürchten in der Praxis die Beliebigkeit und „Oberflächendesign“. Was sagen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung dazu?
Beispiele: unrelevante Arbeit, für die Tonne zu arbeiten, zum Dekorateur zu verkommen, kommerziell pragmatische Projekte, geringe Wertschätzung: Gehört das in der Praxis auch einfach dazu?
Gibt es einen Weg wie man damit positiv umgeht?

Zunächst ist kommerziell und oberflächlich absolut gar nicht gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil geben dir gut bezahlte Aufträge eher die Ressourcen, in die Tiefe einer Idee einzutauchen, weil du mehr Zeit investieren darfst oder Geld hast, um mit Partnern, die dich selbst interessieren, zu kooperieren. Und es gibt andererseits eben auch ganz entsetzliche pro-bono-Projekte bei denen dich der Auftraggeber (der irgendwie vergisst, dass er eigentlich in diesem Fall ja gar keiner ist) völlig beschneidet oder frustriert und am Ende hast du ein Ergebnis, das schlecht ist und schlecht bezahlt wurde, schlimmer geht es gar nicht. Been there, done that, it sucks. Kommerziell mit «brav» gleichzusetzen ist, sorry, einfach eine Ausrede für Faulheit. Wir haben beispielsweise bei einem kommerziellen Kunden aus der Bankenwelt deutlich bösartigere Konzepte realisiert bekommen als an einem Theater, viel konfrontativeres Material produziert. Nonkommerziell ist nicht immer «besser». Es gibt keine schlechten Briefings. Ich habe bei pro-bono-Aufträgen unfassbare Kompromisse machen müssen («Mein Mann hat sich da auch mal etwas ausgedacht…») und andererseits bei hochkommerziellen Aufträgen wunderbare Erlebnisse und Ergebnisse gehabt. Also bloß nicht auf diese Klischees reinfallen, sie stimmen nicht.

Insofern gibt es keinen Job, der per se «oberflächlich» ist oder von uns so angegangen wird. Natürlich hast du immer wieder Klienten, die am Ende die scheinbar sicheren Varianten bevorzugen, die du nicht oder eben nur langsam ermutigen kannst, sich zu Strecken, gegen den Strich ihrer Branche zu bürsten. Manchmal braucht es etwas Zeit und gewonnenes Vertrauen, bis du ans Eingemachte darfst – ich kann das auch gut verstehen. Auch wenn es immer wieder schwer ist, bei Null anzufangen, diese Geduld mitzubringen – weil man ja weiß, dass der Klient selbst wichtige Zeit verliert und weil es natürlich auch manchmal anstrengt, bei neuen Auftraggebern immer wieder durch diese Phase durchzumüssen, zu überreden, zu überzeugen, sich zurückzunehmen, Kompromisse auszuhandeln. Aber mit dieser Erfahrung sind wir ja nicht allein. Das geht auch einem Chip Kidd oder Sagmeister so, also warum nicht nodesign :-D?

Wir haben 2009 solche Prozesse gehabt, bei einem spezifischen Auftraggeber und uns teilweise für die Endergebnisse etwas geschämt. Aber dann siehst du mit etwas Abstand die sonstigen Materialien, die andere Büros für diesen Klienten umgesetzt haben… und realisierst, dass du ihn eigentlich schon ganz schön weit gedehnt hast und deine Verbündeten im Inneren der Maschine wahrscheinlich gar nicht mehr herauspokern konnten. Relativ zur Norm war das Ergebnis zwar nicht dass, was du vielleicht für den Auftraggeber wolltest, aber dennoch das noch deutlich vorzeigbarste Ergebnis in seinem Medienportfolio. Insofern haben sich die Kompromisse irgendwie eben doch gelohnt, und unsere Hartleibigkeit in der Arbeit.

Es ist wichtig sich das immer wieder vor Augen zu halten, Geduld zu haben. Zumal es ja spannender ist, nicht ad hoc für «coole» Klienten zu arbeiten, wo das gute Design fast vorprogrammiert ist, sondern für Auftraggeber, die schwieriger sind und vor allem deutlich mehr Hilfe brauchen. Da habe ich einen Missionarsansatz, ich drehe lieber eine Betonfirma komplett um als bei einem Lifestyleanbieter die dann ja wieder übliche androgyn-glatte oder pseudo-provokante Optik zu fahren. Letzteren würden wir wahrscheinlich eher dann eben in eine für ihn auch wieder ungewohnte Richtung schieben wollen.

Oberflächlich sind für mich vor allem Ergebnisse, die einfach nur «gut» aussehen, aber sonst aber nichts wollen, denen du keinen Hintergrund anmerkst. Um Peter Hein zu zitieren: «Es mag sich zwar reimen, aber warum?» Stuff, der sehr zeitgeistig daherkommt, aber der mit den Inhalten wenig zu tun hat, der keinen Subtext hat, den du nicht deuten kannst, der nur kosmetisch ist. Das sind ja gerade oft die Arbeiten, die du als «wild» bezeichnest, die durch viel Styling von ihrem faktischen Mangel an Substanz ablenken, die nur formale Experimente sind, akut toll aussehen und dann langweilen. Das sind die Dekorationsarbeiten, das ist das visuelle Feigenblatt des horror vacui. Und was die Geringschätzung angeht – man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen, wir sind keine Unfallchirurgen, sondern Gestalter. Dennoch machen wir wichtige Arbeit – und wer die gut und souverän macht, wird auch nicht gering geschätzt werden, weil er einen sehr greifbaren Beitrag zum Erfolg einer Sache leistet, einen Mehrwert schafft.

Man muss da vorsichtig sein – manche der so aussehenden Arbeiten haben ein phantastisches Fundament, sind Styling und Substanz, haben eine Aussage und sind absolut umwerfend. Andere eben nicht. Spannend am Design finde ich selbst nicht die Gestaltung. Die ist und bleibt Mittel zum Zweck und ist, ehrlich gesagt, mitunter etwas langweilig. Man darf Design an sich nicht zu ernst nehmen. Das Spannende ist der Zweck. Mich reizt an Design nach wie vor die Wirkung, also die Vorstellung, damit eine Reaktion kurz- oder langfristig hervorzurufen, als «Agent of Change» sehr direkt aktiv sein zu können. Wandel (mit) zu gestalten, so platt das klingen mag. Als Designer bist du oft sehr pragmatisch an Umbruchprozessen, Relaunches oder an Neugründungen beteiligt und damit, wenn der Klient dies zulässt, ganz aktiv an Change-Management-Prozessen. Wie Mitarbeiter und Kunden ein Unternehmen sehen, wie eine Einrichtung sich sozial definiert, liegt dann zumindest teilweise mit in deiner Hand. Nicht oberflächlich ist insofern für mich ein journalistisches, neugieriges, lernendes Design, das versucht, den Auftraggeber und sein Umfeld zu erkunden, wie ein Helikopter zu umkreisen, unter die Lupe zu nehmen, das in die Tiefe geht, sozusagen auf leichte Art organisationspsychologisch ist. Und mittelfristig versucht, den Status Quo zu verändern, zu optimieren, indem es positive Impulse und Vorbilder schafft.

Das positive Umgehen ist insofern, sich den Beruf zu eigen zu machen. Es gibt viele Nischen im Design, vom flashigen Trendzeug bis ursolider Werbung und dazwischen auch Raum für Büros wie unseres, das irgendwie weder noch ist. Design ist wie Musik – es gibt zig Stile und Nuancen, du kannst eher der Jazzer oder eher der Raggamuffin sein… wichtig ist vor allem, dass du dein Ding möglichst ehrlich und gut machst.

Alex Leu fragt 22: Avantgarde und Innovation

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Im Design herrscht dieser avantgardistische Gedanke. Drang nach Innovation. Muss man denn immer innovativ sein?
Warum wollen wir Designer alle etwas besonderes sein oder leisten?

Ha, das habe ich ja fast schon vorweg beantwortet. Nein, man muss nicht immer innovativ sein – und ich glaube auch nicht, dass im Design ein «avantgardistischer Gedanke» herrscht, der wäre auch nicht herbei leitbar, den hat die Kunst wenn überhaupt für sich gepachtet, Avantgarde wäre ehrlich gesagt aus meiner Sicht das pure Gegenteil von dem was Design sein sollte – nämlich anwenderorientiert. Wo kommt diese Behauptung her – ich kenne ehrlich gesagt nicht einen Designer, der sich selbst als «Avantgarde» bezeichnet hätte. Dafür sind die meisten auch zu bescheiden – oder zu sehr von der Realität gebeutelt. Design ist eigentlich kein Beruf, der allzu große Starallüren hergibt.

Innovation ist so ein seltsam technologisches Paradigma – ich glaube nicht, das Geisteswissenschaften wirklich um «Innovationen» kreisen, sondern um Theorien, Entwicklungen, Thesen und Antithesen. Ich glaube, dass Design sich auch eher so dialektisch entwickelt und nicht in Innovationssprüngen. Bei uns kommt nichts aus dem «Nichts», das kreative Genie ist ein reiner Mythos.

Und auch bei den Ingenieuren sind Neuerungen ja keineswegs sprunghaft, sondern ein stetiges, evolutionäres Forschen und Weiterentwickeln, gegenseitiger Austausch. Der Begriff des Reverse Engineering kommt ja aus dieser Ecke – etwas bestehendes auseinandernehmen, sehen, wie das gemacht wurde, neu und anders zusammensetzen, verbessern. Fortschritt ist Optimierung, immer und immer wieder die gleiche Sache in die Hand nehmen und schleifen, bis es perfekt ist. Insofern ist auch Design ein Kaizen-Prozess. Natürlich sieht es manchmal so aus, als sei dann sprunghaft etwas nach vorn gegangen, aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinsieht, war alles im Ansatz auch schon vorher da, es ist nur eine Art Markierungspunkt in einer ansonsten sehr stetigen Kurve. Das gleiche lässt sich übrigens auch in der Kunst festmachen, wo eigentlich auch nahezu nichts aus der leeren Luft kommt, sondern Autoren, Komponisten, Maler und und und sich gegenseitig über die Generationen inspirieren und man etwa in der Klassik fast so etwas wie Gespräche über Jahrhunderte hinweg nachverfolgen kann.

Innovation ist ein Wandlungs-Prozess, schon vom Wortstamm her, kein plötzlicher Deux Ex Machina. Innovation ist übrigens im Design schon gar nicht wildes Anti-Design, ebenso wenig wie die Dekonstruktion in der Architektur der neunziger wirklich «innovativ» war. Wichtig, spannend, fesselnd? Sure. Aber hat es wirklich etwas Neues gebracht? Nein, du kannst ganz ähnliche Entwürfe wie die von Morphosis schon in den zwanziger und sechziger Jahren finden, Thom Mayne kam insofern nicht aus dem Nichts, ebensowenig wie David Carson. Innovativ sind eher neue Technologien und fast unscheinbar wirkende Dinge, die irgendwann geballt einen Tipping Point erreichen und dann geballt zu einem überraschenden Gesamteffekt werden. In der Architektur also Dinge wie Klimatisierung, Lebensräume, Infrastrukturen, Gebäude, die hinterfragen, wofür sie eigentlich gedacht sind und sozusagen mit der Tabula Rasa anfangen und deshalb vielleicht zu am Ende sogar bescheideneren, aber besseren Ergebnissen kommen – Architektur also, die von der Lösung, nicht vom Look her gedacht ist. Im Alltag Elektrogeräte oder Softwares, die auf Feature-Bloat verzichten und genau deshalb umso besser funktioneren. Ganz nach Dieter Rams: Weniger, aber besser. Das ist Innovation – ganz im engsten Definitionssinne eine Entwicklung, die umfassend das Wohlbefinden und die Effizienz der Gesellschaft verbessert. Der Airbag ist – obwohl unsichtbar – in diesem Sinne mehr Design-Innovation als eine schicke Karosserie. Innovation ist nicht der (schon gar nicht der schrille) Look, sondern die bessere Nutzung,die ideale Passform, die bessere Lösung, die nachhaltigere, ökonomischere Systematik. Nicht laut – sondern unsichtbar. Gutes Design siehst du gar nicht, gute Systeme sind unsichtbar bis sie eventuell fehlschlagen und in diesem Prozess ihre Struktur erkennbar wird, weil sie nicht mehr reibungslos funktioniert, der Fehlschlag zu einer neuen Design/Innovations/Optimierungs-Runde führen muss, um das System wieder subkutan zu machen.

In diesem Sinne sollte Design sicher immer innovativ sein wollen, nicht aber im Sinne einer aufgeregten Jagd nach dem oberflächlich vermeintlich Neuem, sondern im Sinne einer evolutionären, generationenübergreifenden, bewussten dialogischen Verbessung des Bestehenden. Innovation ist also nicht das kurzatmig-neue, sondern ganz im Gegenteil eine liebevolle, behutsame und stetige Überarbeitung, ein sozusagen skulpturaler Prozess, der auch nie abgeschlossen ist.

Alex Leu fragt 21: Ideen und Kopien

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Wie stehen Sie dazu, wenn ein anderer die gleiche Idee hatte, wie Sie?
Beeinflusst Sie der Eigentumskonflikt von Ideen in Ihrem Gestaltungsprozess? (zb. durch visuellen Input etwas zu machen, was andere bereits taten)
Wie gehen Sie mit diesen Konflikten um?
Was bedeutet für Sie „Idee“?

Das passiert. Selbst wenn ich denke, ich hätte eine eigene Idee gehabt, entdecke ich Jahre später, dass irgendein Photograph in den USA die gleiche Sache schon vor zehn Jahren gemacht hat. Als ich jünger war, hing ich noch unheimlich an der «Originalität» von Ideen… bis ich verstanden habe, dass in der Musik alles von 12 Noten abhängt, in der Literatur viellicht sieben grundsätzliche Plots möglich sind, beim Kochen unendliche Vielfalt aus der gleichen Handvoll Zutaten erwachsen kann. Es geht in der Musik also nicht darum, mit einem Song das Rad des Jazz oder Blues oder Pop komplett neu zu erfinden, sondern zu unterhalten oder etwas zum Ausdruck zu bringen. Es geht um die Frage, «wie gut», nicht um «wie neu».

Auch hier ist Menge wieder ein Stichwort – es gibt inzwischen so viel Designer, das unique längst zu ubiquitous geworden ist. Wo in den sechziger Jahren vielleicht 500 Firmen ein Branding hatten, hat heute jedes Kleinstunternehmen eine Art Erscheinungsbild. Wenn jeder Bäcker und Florist aber ein «Corporate Design» will, gibt es irgendwann einfach keine wirklich «eigenen» Ideen mehr für Logos, nur noch Remix. Ich meine, wie viele Zahnärzte haben einen Zahn als Logo? Und ebenso: wieviel Trend-Magazine arbeiten mit fast gleichen Schriften oder Bildern, sehen nahezu austauschbar aus? Es ist wie im Supermarkt: Es gibt zu viel und zu viel gleiches. Design wird langsam aber sicher ein Substitutionsgut – was ja auch den Preiskampf in der Branche erklärt.

Diese Tatsache ist durchaus nicht nur bad news, sondern auch inspirierend, weil man zum einen versuchen kann, dennoch etwas anders zu machen, zum anderen immer klarer wird, wie wichtig in dieser Flut der Verzicht im Design wird, wie essentiell auch die kleinen Details sind. Es geht nicht nur um die Idee an sich, sondern um die darumliegenden Schichten von Handwerk, Medien, Semantik, Story, dann irgendwann an der Oberfläche sicher auch, aber eben final, versiegelnd sozusagen, Styling. Das ist schwer zu erklären, aber im Büro lehne ich oft Entwürfe von Mitarbeitern mit den Worten ab, es sehe zu sehr nach «Design» aus. Weißt du, dieses mittelständische Design, das zu viel will, so gewollt wirkt, nicht selbstverständlich sitzt. Es ist viel schwieriger etwas zu finden, was unaufdringlich passt – und eben nicht die eigene «Idee» in den Vordergrund spielt, sondern einfach da ist, funktioniert und sich richtig anfühlt. Ich will ja auch keine Möbel oder Anzüge, die sich in den Vordergrund spielen.

Heißt: Muss man als Schneider wirklich immer den NEUEN – sprich den komplett anderen, völlig unredundanten – Anzug machen, als Möbeldesigner Stühle, die nie da gewesen sind? Doch eher nicht, es geht nur darum, gute Anzüge und gute Stühle zu machen, die dem Nutzer angemessen sind («gut sitzen» im doppelten Sinne) und die zu machen dir selbst als Schneider oder Entwickler Freude machen, weil sie gute Arbeit sind (und weil die Details schön sind).

Ideen sind so ein Ding – natürlich gehört zu Design eine Idee, ein Gedankenansatz, ein Konzept, eine mentale Landkarte… und ich habe Tage, da beneide ich Bäcker, die jeden Tag das gleiche Produkt machen können und trotzdem meckert keiner. Wie Künstler ja mitunter auch, die unter dem Deckmantel von «Phasen» hundertfach die gleiche Idee variieren dürfen. Mach das mal als Designer, das gibt sofort Ärger, wenn Website B aussieht wie A, nur mit leicht anderen Farben. Es gibt diese Erwartung, Designer müssten immer das «Neue» entwickeln – und das kann auch gefährlich sein, denn «Neu» ist nicht immer besser. Manchmal gibt es Standards und erarbeitete Strukturen, die man auch wiederholen kann und sollte. Innovation ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus dem, was konkret zu lösen ist. Die Innovation folgt der Notwendigkeit, dem Auftrag. Es geht also nicht darum, «neu» zu ein, oder «pfiffig», sondern darum, die im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (und des Briefings) beste Lösung zu finden. Die beste Lösung ist dann manchmal eben auch etwas, was noch niemand vorher gemacht hat – aber es kann nicht von Anfang an darum gehen, für sich selbst etwas Neues zu machen, die Innovation folgt einfach aus dem Projekt und seinen Bedürfnissen.

Insofern sind mit Ideenkonflikte denkbar egal. Von uns ist schon so unfassbar dreist gestohlen worden – da regt man sich schon manchmal etwas auf, aber vielleicht ist es auch Zufall «thinking along the same lines», wer weiß. Und zugleich kann ich mich doch auch nicht freisprechen, von Trends und visuellen Einflüssen angeregt zu sein und mitunter entwickele ich etwas und stelle fest, unbewusst ein Design, das ich vor Jahren gesehen und anscheinend mental abgelegt habe, zitiert habe. Passiert und oft genug kann man es noch auffangen, manchmal passiert dir aber eine Arbeit, die verdammt nach jemand anderem aussieht.

Ideen entstehen im Design also nicht im Vakuum – sie ergeben sich aus einem Mix aus dem, was dich selbst gerade umtreibt (also eben auch externen Inspirationen) und dem, was konkret zu tun ist, was strukturell die richtige Lösung ist. Am Ende entstehen dann wie bei Lego aus gleichen Elementen extrem unterschiedliche Lösungen, weil du unendlich kombinieren kannst, im Design gibt es sicherlich tausende von Faktoren, die ein Gesamtbild ergeben und wenn du virtuos an allen Reglern drehst, ist am Ende etwas eigenes da. Ich finde es längst gut, synästhetisch zu arbeiten – also etwa die Inspiration für ein Logo aus der Musik herzuleiten oder ein Editorial Design mit Rauschenberg zu begründen oder von einem bestimmten Schreibstil eines Buches zu einer Designlösung zu kommen – wie etwa der grandiose Stil bei Miranda Julys wunderbaren No One Belongs Here More Than You oder die unfassbare Verkürzung und Knappheit der Kurzgeschichten von Amy Hempel. Das ist völlig okayer kreativer Diebstahl, finde ich. Wenn man etwas visuelles direkt zitiert oder remontiert oder weiterentwickelt, dann nenne ich gerne auch die Quelle, wie einen Sample oder wie ein Remake. Auch das finde ich total okay. Wenn ich morgen auf die Idee komme, einen bestimmten Photographen in meinen Photos zu zitieren, ist das okay, wenn die Verbeugung erkennbar ist und wenn man vielleicht noch einen Dank an… in den Credits unterbringt. Insgesamt kommst du um den Ideenklau ja gar nicht herum, du stehst in einem Museum, siehst da einen Feuerlöscher an der riesigen weißen Wand und hast eine Idee für eine typographische Lösung, du siehst ein Kinderbuch aus den Fünfzigern und hast eine Lösung für eine Broschüre im Kopf. Beim Schauspielhaus Bochum hat mir Matthias Hartman mal erklärt, wie er sich sein Saisonheft vorstellt – anhand der Art und Weise, wie auf dem Homogenic-Album von Björk Elektronik und Klassik nahtlos verschmelzen und eben doch nie wirklich zusammenkommen – diese Nicht-Symbiose, nur eben mit Theater und Realität, wäre sein Ding. Über solche «synästhetischen» (nicht wirklich, ich nenne es nur so) Abspreizungen kommst du zu einer Form Kulturcrossover, die ich mehr als okay finde.

Alex Leu fragt 20: SInd Designer feige?

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Ich sehe viele Designer die wie kleine Mäuse denken und gestalten obwohl sie mehr aus sich herauskommen wollen.

Ich finde gar nicht, dass Designer wie «kleine Mäuse» denken. Es gibt viele, die sehr reflektiert und ernsthaft ihren Job tun, in der ganzen Bandbreite vom Dienstleister bis zum «Auteur», und ich kenne auch einige, die sich eher zu wichtig nehmen (mich selbst möglicherweise eingeschlossen ;-D) – und auch ganz viele, die tatsächlich wichtig sind, aber sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen, sondern überraschend sehr entspannte Menschen sind.

Aber ich weiß, was du meinst – auch wenn ich es etwas anders formulieren würde. Ich sehe derzeit sehr viele Designer, die «Zeitgeist» gestalten. Ich habe nach der Buchmesse vier Bücher auf dem Schreibtisch, davon haben drei ein Coverdesign, das fast identisch ist – und eins dieser drei ist sogar aus einem ganz anderen Verlag. In einem der Bücher merkt man, wenn man nicht aufpasst, kaum, wann der jeweils vorgestellte Gestalter beim Umblättern wechselt, weil die Arbeiten oft extrem homogen, also vielleicht auch sehr austauschbar sind. Nicht im Sinne von «gut» oder «schlecht» (die meisten Sachen sind schon sehr gut) – und die Arbeiten sind durchaus gar nicht anbiedernd – aber sie sind sich untereinander alle sehr ähnlich, das ist ein wenig erschreckend, das so wenig sui generis ist. Es gibt mehr Designer denn je und dann hast du ein Buch mit aktuellen Arbeiten aus ganz Europa in den Händen-… and they all look the same.

Und an diesem Punkt – und das sag ich nicht von der Kanzel herunter, sondern vielleicht, weil man ja auch selbst von diesen Trends mit erfasst ist und dem Ansatz erliegt, auch in diesem jeweils gerade angesagten Look zu arbeiten– müsste jeder Designer sich überlegen, wie er individuell aus der Bildermaschine herauskommt und seine eigenen Ideen umsetzt anstatt die im Web, auf Portfolio-Sites, in Lookbooks usw. kursierenden Ansätze nur weiter zu re-iterieren. Design ist natürlich gar keine Branche der originär «neuen» Idee – dieses Privileg bleibt der Kunst vorbehalten und der Wissenschaft. Im Gegenteil: Wir Designer sind immer schon Zitatemeister und Zweitverwerter gewesen, aber derzeit finde ich es, durch die Masse und durch die Wahrnehmbarkeit und Multiplikation im Web, etwas auffällig, wie einförmig mit etwas Distanz betrachtet viele Ergebnisse aussehen – und wie egal dabei der Inhalt ist bzw. vielmehr, wie gleich auch der Inhalt ist, all diese Sachen scheinen nur noch für Kulturmagazine und Museen und und und zu entstehen. Es ist in anderen Bereichen – Architektur, Mode, Musik, Film, Theater – nicht viel anders (wie viele Häuser sehen heute nach Foster oder HdM aus…?), dieses Schwarmhafte, wenn plötzlich alle das gleiche machen und zigfach enorm ähnliche Phänomene hervorbringen. Durch die Multiplikationsmaschine Internet werden heute aber subkulturelle Trends viel schneller zum Mainstream gemacht, in der Mode, der Architektur und im Design, weil die Akteure sich leichter und fast in Echtzeit über emergierende Richtungen informieren können. Dieses Coolhunting sorgt unterm Strich aber dafür, dass vom Studenten bis zum etablierten Büro plötzlich alle den neuen heißen Scheiß machen wollen – und so wird aus dem, was vor drei Stunden noch «Anti-Design» war, ruckzuck der neue Standard. Es ist heute fast unmöglich, noch «anti» zu arbeiten, weil die Bildermaschine es binnen kürzester Zeit zu «cool» umstrickt und multipliziert und somit zum affinen, bejahenden, verkaufenden Design wird. Die Designbranche ist so zu einer gewaltigen Echobox geworden.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass es um «wilde» (du hast das ja nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt) Gestaltung geht, sondern um eine ansatzweise «eigene», was heutzutage tatsächlich unendlich viel schwieriger geworden ist. Wobei dies ein Reifeprozess ist… man findet sich ja im Lauf des Lebens, verortet sich. Aber ein wichtiger Schlüssel zu individuellerem – und damit insgesamt auch wieder vielseitigerem – Design, das nicht mehr in einer Perpetuum Mobile der Selbstkopie steckt, ist intellektuelle Neugier und Suche. Solange Studenten und Designer nur an der Oberfläche arbeiten – Styling betreiben, Farben, Formen, Flächen, Schriften, Bilder etc. – und es um «Wow, sieht das geil aus» geht, entstehen immer unweigerlich relativ gleiche Arbeiten, weil viel kopiert wird. Ich komme auch zu solchen Lösungen, wenn der Auftraggeber Zeitdruck macht und man binnen von ein zwei Tagen etwas entwickeln muss – daraus entsteht bei mir unweigerlich ein Rückgriff auf vertraute Ansätze oder ein (ja auch mal ganz schönes) Spielen mit den Ansätzen anderer. Ich muss auch zugeben, dass ich den Originalitätsbegriff im Design für völlig überbewertet halte – Design ist eine soziokulturelle Leistung, bei der es nicht um das total neue geht, sondern um die evolutionäre Entwicklung, die Neusynthese, die Abduktion, das Science-Fiction-Element, das «Was-wäre-wenn-ich…»-Angehen einer Frage.

Wenn Design aber tiefer geht, unter die Oberfläche geht, wenn es klug reflektiert, nachdenkt, provoziert oder streichelt und dabei die eigenen Stilmilltel souverän anwendet und zugleich immer wieder in Frage stellt, dann können die Ergebnisse sehr sehr spannend werden, weil es um mehr als reine Formfragen geht, und plötzlich die alte Angemessenheit von Problem und Lösung im neuem Gewande im Raum steht. Und diese Spannung ist intrinsisch Motivation und Freiheit genug.

Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit man die Scheu vor unbefangenen und „wilden“ Ideen/Gestaltungsansätzen ablegt und auch die Motivation mitbringt, diese umzusetzen?

Voraussetzung dafür, denke ich, ist Wissen. Wie gesagt, es geht nicht um «wild» – das ist ohnehin ein Begriff, der heutzutage nahezu wertlos ist. Was ist heute wild, was ist Punk, was ist Rebellion – heute ist in irgendeiner Form nahezu alles Mainstream, die Umarmung der Postmoderne ist unentrinnbar. Wissen… Neugier, Hunger. Viel Lesen, viel hören, viel schauen. Hinschauen lernen, nachdenken lernen. Designer sollten sich viel mit Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pop und und und befassen, mit den Inhalten, mit Politik und mit Theater, Film und Kunst – mit allem. Neugierig bleiben und die Welt entdecken wollen. Und dabei das naive Spielen nie verlernen, Sandburgen bauen und diese schmerzfrei auch wieder einstampfen können. Und am Ende all dies sinnvoll – wie eine Waffe – in einen Kontext stellen können und anwendbar machen, nachvollziehbar machen, bündeln. Tatsächlich begründet gerade dieser breite Background, den man in eine Arbeit fokussiert, oft auch die Sprachlosigkeit von Gestaltern gegenüber dem Auftraggeber, der sich an einer Oberflächlichkeit stört… es ist nahezu unmöglich, die hunderte und tausende von intuitiven und rationalen Entscheidungen, die in sehr kurzer Zeit von Idee zu einem konkreten Ansatz führen, erläutern zu können, weil die Elemente wie an Fäden zusammenhängen und ein kohärentes Ganzes ergeben – eben eine «Gestalt». Und es ist zugegeben auch nach Jahren immer noch atemberaubend schwierig, mitunter unmöglich, dieses Mobile aus Erfahrung, Ideen und einem hochspezialisiertem Wissen um Kommunikationschancen, das kein Auftraggeber jemals haben kann, erklären und herunterbrechen zu können, ohne es völlig zu verstümmeln. Design soll und muss begründbar sein – und ich mag es sehr, wenn ich die Chance habe, Klienten den Weg zu Entscheidungen aufzuzeigen -, aber eine der Grundvoraussetzungen für effektive und erfolgreiche Kommunikationsdesign-Ansätze ist im Grunde das Vertrauen der anderen Seite, dass der Gestalter ja ein fast überzüchtetes Gespür für seinen Beruf hat und ergo auch das richtige tut, gerade weil er hartleibig gegen Änderungswünsche bleibt und an die Richtigkeit seiner Idee glaubt. Wann immer mir solche Menschen passieren – und es gibt in allen Branchen mehr Jasager als ich gut fände – vertraue ich deren Instinkt sofort, erkläre, was ich grundsätzlich will und weiß, dass der andere aus seiner intrinsischen Motivation und reichen Erfahrung heraus einen guten Job machen wird, der besser ist als das, was ich diktieren könnte.

Alex Leu fragt 19: Mut II

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In wiefern ist Mut im Rahmen einer Markenführung relevant?

Das hängt von der Marke ab. Ich glaube, dass es jenseits von Qualität, Preis und Service heute emotionale Qualitäten gibt, die eine Marke definieren. Für manche ist das eine progressive, mutige Note, andere zeichnen sich aber vielleicht auch durch sanfte, eher konservative Werte aus. Es ist ja immer gerade die Aufgabe, das herauszufinden. Mutig sollte eine Markenführung immer in dem Sinne sein, niemals stillzustehen, sich nie auszuruhen, und vor allem immer gegen den eigenen Strich zu arbeiten. Wer in seiner Markenführung keine Widersprüche und Brüche zulässt, ist hermetisch geschlossen und stagniert.

Vielleicht ist also gar nicht «Mut» das richtige Wort, sondern Neugier, Entdeckerdrang. Die Lust, etwas zu auf die Beine zu stellen, etwas zu bewegen, flexibel und spielfreudig zu sein. Ist das Mut? Oder ist das eigentlich eine Eigenschaft, die für Unternehmer ganz selbstverständlich sein sollte und nur vielleicht etwas in Vergessenheit geraten ist?

Alex Leu fragt 18: Mut

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Was bedeutet für Sie Mut im Design oder als Designer?
Worin drückt sich das aus?

Mutig ist eigentlich ohnehin jeder, der sich als Selbständiger in diesem Metier ausprobiert und auf den sicheren Job verzichten…. Auf der anderen Seite sind Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenschwestern sicherlich mutiger, denn eigentlich riskiert man am Schreibtisch ja nicht viel und die meisten Medien, die wir so machen, sind kurzlebig, da darfst du auch mal Mist bauen. Den «Mut» einer Arbeit kann man auch nicht immer auf den ersten Blick einschätzen, denn der steckt im Prozess, nicht im Ergebnis. Wenn du eine besonders wild gestaltete Arbeit siehst, ist die ja nicht unbedingt automatisch «mutig», vielleicht im Selbstauftrag entstanden oder für einen Kunden, der es genau so wollte – auf der anderen Seite können relativ brav wirkende Kampagnen für die Agentur oder ihren Auftraggeber durchaus mutig sein, weil die Klienten relativ zur eigenen Position viel wagen. Mutig, finde ich, sollte immer der Auftraggeber sein – der Designer sollte ihn ermutigen. Design an sich ist aber nun echt keine Mutprobe.

Alex Leu fragt 17: Gut und schlecht

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Wie schafft man es, sich selbst gut einzuschätzen?
Wann bin ich gut/schlecht?
Was unterscheidet einen guten von einem sehr guten Designer?
Was unterscheidet gute von sehr guten Arbeiten?
Was tut man gegen hohen Erwartungsdruck vom Vorgesetzten?

Wie man das immer schafft – indem man auf andere hört und sich selbst beobachtet. Es gibt aber auch Projekte, bei denen du am Ende wirklich nicht mehr weißt, ob das, was du hier gerade gemacht hast, nun gut oder schlecht geworden ist. Weil es durch zu viele Entscheidungen, Änderungen durchgegangen ist, immer hin und her und zu viele Nachtschichten. Da kann man erst mit etwas Abstand wieder drauf sehen und es neutraler beurteilen. Meist mag ich eigene Arbeiten gar nicht, muss ich sagen. Mit einigen Jahren Abstand findest du oft Details, die dich an etwas erinnern oder die dir gefallen, die gut waren oder die die Jahre gut überstanden haben… aber meist mag ich meine eigenen Sachen nicht sonderlich. Insofern kann ich wenig darüber sagen. Es geht vielleicht auch nicht um das subjektive «gefallen», sondern darum, ob die Ergebnisse in dem Moment funktionieren und Wirkung entfalten.

Alex Leu fragt 16: Mappen und Studium

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Was für Projekte in der Mappe, erwarten Sie von einem frisch gebackenem Absolventen, der sich bei Ihnen bewirbt?

Wie gesagt, ich erwarte erst einmal gar nichts, sondern schaue und lasse mich überraschen. Manche Mappen sind sehr schlecht, andere so gut, dass man sich fragt, wieso er oder sie überhaupt noch einen Job suchen muss und sich ärgert, nicht 10 oder 20 solch exzellenter Leute hier beschäftigen zu können. Es gibt so unfassbar viel Talent da draußen. Toll ist natürlich in einer Mappe, wenn sie an sich schön gemacht ist, inzwischen also ja eigentlich die PDF gut aussieht, die Arbeiten erklärt sind, nicht nur gezeigt, wenn es also auch mal etwas Texte gibt – so schwer es fällt über die eigenen Sachen zu schreiben. Aber über die Texte kannst du sehen, ob er oder sie zu eitel und zu selbstgewiss ist, oder souverän und sicher die eigenen Arbeiten herleiten und begründen kann, selbstkritisch ist.

Ich freue mich über eine Vielfalt an Arbeiten, vor allem, wenn sie dann alle gut sind ;-). Wenn jemand Plakate, Editorial, Corporate und vielleicht sogar noch andere Sachen zeigt und die sind auch noch toll – wow. Ich freue mich, wenn er oder sie ein Faible für Typographie hat, gute Schriftauswahl, ein Händchen für Satz, vielleicht liebevolle Detailtypographie. Ich freue mich über ein Auge für den Umgang mit Bildern, über Arbeiten, die eine Art «Handschrift» haben, die aber nicht dogmatisch sind, sondern offen und neugierig. Ich freue mich über Arbeiten, die nicht verkopft sind, sondern ein bisschen realistisch bleiben, weil wir halt angewandtes Design machen und kein «Design for Designers». Ich freue mich also über die gleichen Sachen, die mich auch in Designbüchern und in Portfolios von Kollegen oder Künstlern freuen. Handwerk, Ideen, Virtuosität, Demut vor der Thematik, Selbstvertrauen in der Umsetzung, eine Prise Rock’n'Roll. Blood Sweat and Tears.

Die Eigenheit eines Studiums sollte doch sein, die Freiheit zu nehmen auch mal zu scheitern. Wie sollte man damit umgehen wenn ständig der Gedanke dahintersteht, dass die Arbeit auch bei Agenturen ankommt, die sich eher für erfolgreiche und praxisorientiere Projekte interessieren.

Nicht nur des Studiums – auch des Berufsalltags. Fallibilität ist das A und O guten Designs – Erfolg geht nur durch wiederholtes Scheitern.

Das Studium steckt ja in einer komischen Zwittersituation zwischen Selbstfindung und Berufsvorbereitung, wobei der Bachelor – siehe oben – das leider sehr in Richtung einer glorifizierten Mediengestalterausbildung verschiebt. Das kann man sicher nicht verallgemeinern – ein guter Designer wird auch seinen Bachelor so biegen, dass er seinen Freiraum für gute Arbeiten kriegt. Jeder Student muss dadurch heute sehr früh – am besten schon mit der Wahl der Hochschule, also vielleicht auch zu früh für den Einzelnen – entscheiden, ob er einen Job will oder Künstler werden will, bzw. wozu er tendiert. Ich glaube, es gibt im Design Bereiche, wo du mit einer quasi-künstlerischen Handschrift sehr gut durchkommen kannst, andere, wo es mehr um Handwerk und Ideen usw. geht. Jeder kann sich in diese Berufsfeld also quasi eine Art persönlicher Matrix der Lebenswünsche skizzieren, und in der Bandbreite der möglichen Ausformungen dieses Jobs seinen persönlichen Weg finden.

Und die FHs sollten – durch Spezialisierung, durch Dozenten, durch die Fächerangebote – diese Bandbreite dann auch insgesamt abbilden. Am Ende, ganz banal, brauchen wir Leute, die tolle Ideen haben und die diese auch phantastisch umsetzen können. Aber ob das nun für das CD eines Museums oder für Zahnpasta-Werbung ist, bleibt eine andere Frage. Ob Werber oder Künstler, du musst du einen guten Kopf haben und die passenden guten Hände dazu. Beides kann man im Studium lernen – und mal ehrlich, gemessen an anderen Fächern ist Design doch traumhaft einfach. Ich finde, man könnte in Sachen kultureller Bandbreite aber auch handwerklichem Können ruhig die Schrauben anziehen und weniger «lieb» sein. Ich habe BWL studiert und da ging es so rasiermesserscharf bösartig zur Sache, Durchfallquoten bei 90%, ein Bekannter hat Bauingenieur studiert, da sind im Hauptstudium auch nur noch verdammt wenige übrig – aber eben hoffentlich gute Leute – und die kriegen dann auch einen Job. Studium ist in diesen klassischen Berufen immer auch eine Art Selektionsprozess und schafft zugleich einen zum Berufsbild gehörenden Habitus.

Im Design wie in vielen anderen kreativen und sozialen Studiengängen ist das oft etwas sanfter. Ich habe als Dozent Kollegen gehabt, bei denen eine 3- wirklich die härteste aller Noten war, Studenten konnten Abschlussarbeiten zigmal nachreichen, bis es halt zum Bestehen reichte, an einer Schule ist in meiner ganzen Zeit dort nicht ein einziges Diplom durchgefallen, egal wie schlecht es war. Das gibt es nicht einmal in der Fahrschule. Übertrage diese nicht stattfindende Selektion einmal fiktional auf das Medizinstudium – wo würdest du dich wohler fühlen, bei einem Arzt, der sein Diplom fast geschenkt bekommt, oder bei einem, der durch einen rigorosen Auswahlprozess musste? Die Schulen dürften also ruhig auch mal ehrlich sagen: Du kannst das nicht, sorry, schau dich nach etwas anderem um, das hier ist einfach nicht dein Ding. Denn so viel Geld verdient man als Designer ja nun nicht, dass man es unbedingt machen muss, man kann auch in anderen Berufen glücklich werden. Ich glaube, es ist eine Funkion von Bildungseinrichtungen, den Menschen dabei zu helfen, herauszufinden, was sie wirklich gut können, wass ein Leben lang ein erfüllender Beruf sein kann. Es hilft ja niemandem, wenn die Studenten erst nach dem Studium selbst herausfinden, ob sie schwimmen können oder untergehen. Die Schulen schieben hier eine Verantwortung zum Markt, der dann den Schwarzen Peter kriegt – aber wie in anderen Bereichen ist es etwas unsinnig, Leute auszubilden in Bereichen, die die Masse an Bewerbern kaum unterbringen. Die Herausforderung eines guten Studiums ist also einerseits die Freiheit zu bieten, sich kreativ zu entwickeln und zu finden, andererseits auch so real die Wirklichkeit des Berufs abzubilden, dass jeder für sich selbst früh genug kann, ob er hier glücklich wird oder vielleicht doch noch rechtzeitig wechselt. Denn nach dem Studium zu entdecken, dass man vielleicht doch etwas ganz anderes hätte studieren sollen, ist einfach sehr spät – je eher man eventuell wechseln kann, umso besser. Ich denke, wenn man mit Herzblut Designer werden will, wird man immer einen Job kriegen – und kann dann auch rechtzeitig entscheiden, ob man eher in die künstlerische oder die angewandte Ecke tendiert.

Alex Leu fragt 15: Zweifel

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Gab es interessante, radikale oder ungewöhnliche Lösungsansätze bei denen Sie Zweifel gehabt haben, ob das ankommt?

Zweifel habe ich immer. Als derjenige, der etwas entwickelt, hast du ja immer dieses «What if…» im Kopf, die Alternativen, die Varianten, den nicht gewählten Weg, den Remix deiner Ideen. Du hast ja meist nicht nur einen Ansatz, sondern mehrere und oft magst du auch mehrere gleich. Insofern gehört der Zweifel an der eigenen Arbeit für mich dazu, ist auch ein Antrieb. Wenn ich total zufrieden mit meinem eigenen Zeug wäre, müsste ich aufhören, die Unzufriedenheit ist ja auch eine Triebfeder.

Welche Bedenken hatten Sie? Beispiel: Regeln zu brechen, die man nicht kennt.
Die Bedenken sind ein zentraler Bestandteil des Nachdenkens über ein Projekt. Zur Forschung gehört für uns, die Regeln im Segment des Auftraggebers kennenzulernen (sie nicht zu kennen wäre ein Fehler) und zu überlegen, welche man davon sinnvoll brechen darf und sollte. Natürlich beleuchtest du also im Vorfeld ein Projekt von verschiedenen Seiten. Wenn du einen gewagten Entwurf machst – Schrift unleserlich, respektloser Umgang mit Photos, Plakat mit winziger Schrift, was weiß ich – hast du natürlich immer im Kopf, dass du die Rezipienten und damit die Kunden deines Auftraggebers aus ihrer Komfortzone herauszwingst. Das sorgt auf der einen Seite für einen Aufmerksamkeits-Stimulus, diesen «What the fuck…»-Moment beim Rezipienten, andererseits auch für Ablehnungseffekte, von bösen Briefen bis zum einfachen Text-nicht-lesen-weil-zu-anstrengend. Am Ende geht es um die Frage: Was ist angemessen? Du willst ja einen Kommunikationsprozess, und der ist ein Spiel, eine Verführung, ein Tanz. Da gehört durchaus dazu, zu überraschen, zu verblüffen, herauszustechen. Ist in der Mode ja auch so. Wir versuchen, einen Punkt zu finden, an dem der Klient seine eigenen Angsthürden überspringen kann. Der Punkt sitzt bei jedem ja an einer anderen Stelle… dieser Moment, wo sie etwas Angst haben, aber genügend Mut, es fliegen zu lassen und zu schauen, ob es funktioniert. Dazu gehört Vertrauen und es wird leichter, wenn man das Glück hat, wenn es zu Anfang bei einem mutigen Projekt auch schnell einen Erfolg gibt, ein positives Feedback. Da wir unsere Ansätze meist recht gut begründen können und selten rein visuell arbeiten, gelingt es uns aber schon recht oft, die Kunden ein Stück mitzunehmen, Ergebnisse zu produzieren, die zumindest gemessen an bisherigen Publikationen etwas weiter gehen, etwas mehr wollen.

Wie sind Sie in diesem Fall, damit umgegangen?
Dabei hilft vielleicht, dass wir nicht versuchen, rein oberflächlich «krass» zu sein – mich interessieren Trends im Design immer weniger. Die Andersartigkeit suchen wir oft eher im Ansatz, in der Idee, in einer Bildsprache o.ä., weniger in wilder Typographie oder Faux-Bauhaus-Looks. In dem Kontext ist interessant, dass wir mehr und mehr über Inhalte und Texte diskutieren, über Kommunikation eben, und weniger über den Look. Bei einer Homepage fragen wir uns nicht, wie die Buttons aussehen sollen, sondern welche Ressourcen der Klient hat, selbst aktiv eine spannende, lebendige Site zu gestalten, die verändert, spannend ist, sozial ist. Ich kenne zig Website-Redesigns, die Inhalte 1:1 übernehmen, und nur den «Look» ändern. Und nichts könnte verkehrter sein. Es geht doch vielmehr darum, Inhalte webgerecht zu machen, Besucher gekonnt zu führen und verführen und vor allem zu atmen, die Site nicht als Zusatzarbeit zu betrachten, sondern als Nabe der eigenen Prozesse und Aktionen, nicht als reine Informations- oder schlimmer Werbeplattform, sondern als nahtlosen Teil des eigenen Tuns, als einzigartige Kommunikationschance. Und hier, an dieser Stelle sitzt die Radikalität für mich, nicht im Look, sondern darin, die Auftraggeber zu einem anderen Denken über sich selbst zu verführen. Und dabei bricht man seltsamerweise genau so viel Regeln wie im Design an sich. Ein Zweifels-Punkt ist insofern also auch immer: Überfordern wir unseren Partner, ist das schaffbar?

Hatten Sie das dem Kunden präsentiert?
Bei dir geht es natürlich um die Frage, ob man einen Entwurf hat, den man selbst so radikal findet, dass man ihm den Auftraggeber nicht zeigt. Sowas kommt natürlich mal vor, ist aber eher die Ausnahme – Ziel von Design ist ein möglichst angemessenes Lösungssystem zu entwickeln, nicht möglichst krasses Portfolio-Zeug. Wenn wir also zu visuell radikalen Lösungen kommen, dann deshalb, weil wir denken, dass diese am besten eine bestimmte Attitude des Auftraggebers kommunizieren und ein Ziel erreichen. Wenn wir etwa beim ikf° in der Finanzkrise mit Bildern abgestürzter Vögel oder reichlich blutigen Bildern einer Hand-OP arbeiten, dann, um über solche visuellen Schocks bei einer mit Publikationen völlig zugeschütteten Zielgruppe eine Neugierde und Reaktion zu wecken.«Radikalität» – auch wenn ich das selbst nicht so nennen würde – ist also strategisches Werkzeug, wir überlassen das nicht dem Zufall.

Bei allen Zweifeln über die richtige Strategie beim Erreichen solcher Ziele gilt, dass wir sie offen und ehrlich kommunizieren und gemeinsam mit dem Klienten abklopfen, bis beide Seiten glauben, das richtige zu tun. Ganz sicher weiß man das nie, weil die beste Strategie natürlich immer erst in der Realität und nach einiger Zeit zeigt, ob sie richtig greift. Aber wichtig ist, dass wir unsere Zweifel nicht hinter verschlossenen Türen haben, sondern mit unseren Auftraggebern besprechen, um ihnen eine Chance zu geben, darauf zu reagieren. Wir «verkaufen» also nicht eine Blendadent-Fassade und haben insgeheim Zweifel, sondern kommunizieren unsere Ideen ehrlich mit Pro und Contra und beziehen den Klienten so wenn möglich in unseren Gestaltungsprozess mit ein.

Alex Leu fragt 14: Auftraggeber

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Wie bewältigen Sie die Waagschale zwischen Ihrem Ideal, Anspruch oder Selbstverwirklichung in Verbindung mit einer möglichen Rationalisierung Ihrer Lösung vom Kunden?

Jeden Tag anders, ehrlich gesagt. Es gibt Tage, da verzweifele ich natürlich etwas daran, dass manche Ideen unverstanden bleiben oder Kunden uns im Prozess nicht genug vertrauen, dass wir nicht genug zu Ihnen durchdringen, uns vielleicht nicht gut genug erklären. Es gibt aber auch Tage, da kann ich pragmatisch und entspannt damit umgehen, wenn ein Entwurf nicht so realisiert wird wie von uns geplant. Von gutem oder schlechten Design geht ja nun auch nicht die Welt unter. Und es gibt Tage irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Man darf auch nicht vergessen, manche Entwürfe gehen mit relativ geringen Veränderungen durch und manchmal sind die Änderungswünsche vom Auftraggeber auch Dinge, die uns herausfordern und das Endprodukt besser machen.

Es hängt bei mir persönlich auch immer vom Absender ab – bei einem Theater will ich mehr, bin anspruchsvoller in der Art wie man deren eigenen Zielgruppe gegen den Strich bürstet als bei einem Kunden, der vielleicht nicht aus dem Kulturbereich kommt und ein ganz handfestes Produkt verkauft, der Anspruch und die Ziele sind einfach anders. Beim Beispiel Theater sollten die Medien zum Ansatz dessen passen, was der Auftraggeber selbst auf der Bühne macht, sollten so neugierig und spannend, kritisch und begeisternd sein wie das Haus und seine Dramaturgie selbst. Insofern bin ich immer verblüfft, wie viele sehr brav gemachte Saisonprogramme es von durchaus mutigen Stadttheatern gibt, die vielleicht einfach nicht die Chance sehen, Print und online auch als eine Art öffentliche Bühne, als Raum für Experimente und Statements, Inszenierungen und Themen, zu sehen. In gleicher Art bin ich etwas hartleibiger, wenn das gesamte CD von uns kommt und vielleicht auch seit langem gepflegt wird, da weiß man natürlich sehr präzise, was geht und man eher versucht, zu verhindern… bei der Arbeit in bereits bestehenden Corporate Designs, die nicht von uns stammen, geht es eher darum, dem System mit einer Mischung aus Respekt vor dem Entwurf und Lösungskreativität zu begegnen, da sind Änderungswünsche nicht so schmerzhaft, sondern oft eine Chance, ein theoretisches Konstrukt im Alltag zu optimieren.

Die Spannung zwischen dem, was du selbst für richtig hältst und den Bedürfnissen von Auftraggebern ist tatsächlich Projekt für Projekt, Tag für Tag neu auszuhandeln, schwankt sogar beim gleichen Auftraggeber und innerhalb eines Projektes oft, je nach Tagesform, auf beiden Seiten. Klar ist, dass wir inzwischen bei unterhonorierten Good-Will-Arbeiten etwas weniger bereit sind, wenn wir uns verbiegen sollen und die Arbeit dabei faktisch schlecht wird. Dabei geht es weniger um «Selbstverwirklichung» als vielmehr um «Qualität» und wenn du schon wenig Geld bekommst, möchtest du natürlich saubere Arbeit machen – und etwas Spaß dabei haben. Unsere Pro-Bono-Jobs sind keineswegs auf Awards getrimmt und oft genau so marktorientiert wie unsere gut bezahlten Jobs – denn oft geht es ja gerade für die Jobs im Sozialen Bereich darum, dass du Wirkung erzielst und dein Partner mit relativ geringen Mitteln trotzdem professionell rüberkommt. Am anderen Ende der Skala weiß man, wenn man für eine große Firma oder Einrichtung arbeitet, dass im Räderwerk der Kompromisse keine große Chance existiert, etwas wirklich Mutiges oder «Anderes» durchzukriegen und geht dementsprechend an die Sache heran – versucht selbstverständlich, die Sache als Ganzes voran zu bewegen, ist aber auch nicht zerknirscht, wenn die Zeit eben noch nicht reif dafür ist, und versucht es weiter, mit dem langfristigen Ziel im Auge, den Klienten zu Mehr zu ermutigen.

Auf beiden Seiten ist dabei natürlich Geduld wichtig. Ich bin immer sehr froh, sehr dankbar, wenn der Klient Geduld mit unseren Einwänden und Versuchen, die Sache zu verbessern hat und die Vorteile dieses Vorgehens sieht. Uns ist sehr klar, dass der Auftraggeber manchmal einfach nur fertig werden will und wir freuen uns, wenn er unsere Angebote (die oft gar nicht direkt das Design betreffen, sondern auch Strategien, Budgets, Medienwahl oder Textentscheidungen) annimmt. Ich habe mit manchen Kunden, für die wir seit Jahren arbeiten, einen Art Knackpunkt gehabt, wo man sich vielleicht eben auch einmal ernsthaft streitet, an dem sich zeigt, ob die uns «nur» als austauschbaren Dienstleister sehen, den man bei Gegenwind abschießen kann – oder als eine Art Partner, der sich bei engen Deadlines die Nächte um die Ohren schlägt und deshalb auch ansonsten ernst genommen wird, weil er engagierter Teil des Erfolges ist. Es ist so, dass Klienten die in dieser Form positiv über die Zusammenarbeit mit uns denken, sehr oft auch die richtigen Ansichten im Hinblick auf die eigenen Mitarbeiter, Ziele und Kunden haben – und mit solchen Menschen kann man dann auch sehr gut zusammenarbeiten und schöne Erfolge produzieren. Wer seine Designer hingegen schlecht behandelt, wird wahrscheinlich auch ansonsten im Geschäftsgebahren keine guten Manieren haben und ich glaube, dass von einem «guten Karma» im Umgang mit Menschen auch der wirtschaftliche Erfolg abhängt (auch wenn ich das wahrscheinlich gegen zig reale Beispiele anglaube, in denen furchtbare Unsympathen wirtschaftlichen extrem erfolgreich sind).

Kann man Kunden Geduld beibringen?Ich glaube nicht daran, dass man Auftraggeber «erziehen» muss. Hinter dieser Vorstellung steckt eine gewisse Arroganz von Designern – als wären Klienten «unerzogen». Und das ist ja nun wirklich nicht der Fall. Was passiert – auf beiden Seiten – ist, dass man zueinander findet, neugierig aufeinander ist, voneinander etwas lernt. Ich glaube, meist lerne ich mehr von den Auftraggebern. Und ich respektiere auch ihren Mangel an «Geduld» – wir leben in einer Instant-Gesellschaft wo du alles direkt downloaden, streamen oder in 24 Stunden geliefert bekommen kannst. Es ist schwer, zu kommunizieren, dass Ideen dennoch nicht immer auf Knopfdruck produzierbar sind und reifen müssen – und dass auch sauberes Handwerk etwas Zeit braucht, trotz aller digitalen Werkzeuge. Dazu kommt dass «der Kunde» ja auch nie eine Person ist, sondern ein Kollektiv. Mir ist immer sehr bewusst, dass ein Entscheider, dem ich ein Design mache, dieses vor vielen anderen Vorgesetzten und Partnern vertreten muss, eventuell vor Mitarbeitern und Presse usw. Das lädt nicht immer dazu ein, so leichtfertig wie wir Gestalter zu entscheiden, da ist mehr Abwägung im Spiel, auch mehr Politik und entsprechend auch eine Prise mehr Angst als wir sie haben. Während es uns also «nur» um gutes Design geht, haben viele Entscheider weitere und andere Parameter im Kopf, die ebenso wichtig oder wichtiger sind. Man sollte also nicht dem Auftraggeber Geduld beibringen, sondern in erster Linie selbst Geduld entwickeln. Was nicht immer leicht fällt, wenn man das, was man so tut, mit Herzblut macht und persönlich als essentiell für den Erfolg des Partners sieht. Insofern ist es auch völlig okay, wenn beiden Seiten in einem Prozess mal der Geduldsfaden reisst – Hauptsache, man findet wieder zueinander. -Aber die Vorstellung, dass man sich Klienten erst «erziehen» müsste, finde ich seltsam. Dahinter steckt diese Idee vom «bösen Kunden», der die tollen Designs zerschießt und die armen Designer quält. Sicher gibt es solche «clients from hell» teilweise wirklich (die kann man aber garantiert nicht umerziehen). Aber generell gilt es, immer bei sich selbst anzufangen. Ich muss geduldiger werden, nicht der Auftraggeber. Wir Designer müssen uns besser erklären – und professioneller agieren. Wir Designer hängen schließlich auch oft in unserem ganz eigenen Elfenbeinturm aus Ästhetik und Spezialwissen fest, und können uns dem Laien kaum richtig erklären. Wer also «geduldige» Kunden will, muss wahrscheinlich auch vorher supergeduldig seine Ansätze und Inhalte und Prozesse erklären und als Mehrwert nachvollziehbar machen.

Alex Leu fragt 13: Kritik

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In Designblogs herrscht eine Dominanz an Kritikern die Arbeiten stark kritisieren. Das verunsichert viele Studenten die sich dann fragen ob das was man tut den richtig sei oder nicht. Man fängt an in Regeln zu denken und das bremst die Kreativität. Was sagen Sie dazu und welchen Rat würden Sie den Studenten dazu geben?

«Richtig» oder «Falsch» sind seltsame Denkebenen im Design. Ich glaube, man kann sehr sehr gut auf der rein mechanischen Ebene kritisieren –schlecht gemachte Typographie, schlechte Photos, hastige Layouts, keine sauberen Grids und so weiter -, aber inhaltlich ist es schon schwieriger. Ich finde durchaus, dass man ein gutes Design, welches eine schöne Idee handwerklich sauber umsetzt, unterscheiden kann von durchschnittlichem oder sogar schlechtem Design. Das ist einfach so – und versierte Designer können das intuitiv, blitzschnell und vernichtend… wir müssen das können, denn das ist alltäglich unser Job, auf eine Arbeit sehen und sie «röntgen» und Schwachstellen entdecken und einen Mitarbeiter anweisen, was verbessert werden muss.

Wer diese Kritik nicht aushalten kann, sollte kein (zumindest kein bezahlter) Designer werden, denn in dem Job stehst du im angewandten Kommunikationsbereich immer vor einer Art Jury. Pitches, Korrekturen durch den Klienten, Designwettbewerbe, Peer Reviews im Büro – irgendeiner weiß es immer besser als du, irgendeiner stellt dich immer auf die Waage und irgendeiner schießt immer Löcher in deine Arbeit. Dieses permanente Säurebad ist nicht unbedingt schlecht, es hält dich wach und verhindert Bequemlichkeit. Am meisten hilft dabei, selbst der eigene schärfste Kritiker zu sein. Ich bin immer eher überrascht, wenn unsere Arbeit gelobt wird, weil ich eher auf das, was noch verbessert werden könnte, fokussiere als auf das, was bereits gut geworden ist.

Was die Kritik angeht – Ich sehe es so, wie ich selbst ja auch eine Band oder einen Autor kritisiere, wenn das dritte Album oder fünfte Buch irgendwie nicht so gut geworden ist wie die Vorgänger – man kann das als Attacke deuten (und wenn es zu oberflächlich bleibt, ist es das ja vielleicht auch), oder aber als eine Form von Auseinandersetzung einer Person, die sich für das, was du tust interessiert und an dessen Qualität interessiert ist, mit deiner Arbeit. Diese letztere Art von Kritik ist durchweg ohne Abstriche eine gute Sache. Vor allem, wenn ich handwerkliche Kritik oder eine Anregung kriege, wie etwas besser funktionieren kann. In diesem Sinne kann selbst destruktive Kritik hilfreich sein, solange sie ehrlich ist und im Detail begründbar.

Es ist eher schade, dass es für Design-Kritik kein sauberes Werkzeug, keine objektiven Kriterien gibt, selbst erfahrene Designer (und ich packe mich da an die eigene Nase) fallen immer wieder auf geschmäcklerische Argumente oder auf die «Hätte ich anders gemacht»-Schiene zurück, wenn sie andere Arbeiten beurteilen. Aber beides ist natürlich falsch. Man muss ein Werk aus sich selbst heraus auseinandernehmen, betrachten und sehen, ob es qualitativ gut ist. Und da fehlen uns Werkzeuge, die anderen Bereiche der Hermeneutik und Kritik längst entwickelt haben. Andererseits darf ich gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn die Parameter einer Designkritik aus den Elfenbeintürmen der Universitäten kämen, wenn wir Designer also den gleichen Was-will-der-Autor-sagen-Bullshit ertragen müssten wie die Künstler oder Schriftsteller es teilweise müssen. Jeder, der einmal in einem Museum bei einer Führung gehört hat, was da in die Photos oder Gemälde hineinmystifiziert wird, weiß, was ich meine. Ich weiß nicht – phantastisch wäre, wenn es eine Review-Kultur im Design gäbe, wie sie für Musik, Bücher, Filme und selbst Architektur längst selbstverständlich ist, die fest in den Alltag eingegangen ist, von der Rezeption der jeweiligen Erzeugnisse ja fast nicht mehr wegzudenken ist, egal ob die Künstler das nun immer mögen oder nicht. Vielleicht kommt das auch irgendwann, Design ist zunehmend Teil der Popkultur und wenn wir schon Modeblogs und Stylereviews haben, warum sollte dann nicht eben doch irgendwann ein neues Corporate Design auch in der «Zeit» verissen werden oder im Medienteil des Spiegel gelobt? Ich denke, da wird sich noch einiges entwickeln.

Beeinflusst Sie der Gedanke, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?
Ja sicher. :-D

Alex Leu fragt 12: Vorauseilender Gehorsam

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Wie gehen Sie mit dem Problem des vorauseilenden Gehorsams um? (Gedanken wie: Treffe ich den Geschmack anderer? Des Kunden? Der Öffentlichkeit? Markterfolg? Und der vll. damit verbundenen Rationalisierung während des Designprozesses.)

«Vorauseilender Gehorsam» klingt vorab so furchtbar negativ. Ich glaube, eine strategische Empathie -– also ein Einfühlen in die Ziele und Wahrnehmungen des Klienten und in die Wünsche seiner Kommunikationspartner/Kunden/usw., ist eine ganz ganz ganz entscheidende Säule unserer Arbeit. Es geht ja nicht um MICH. Als Designer bist du wie ein Psychologe zu allererst doch ein Problemknacker – und an dieses Problem kommst du nur heran durch eine Art Spiegelung. Du lernst den Klienten kennen, versetzt sich in seine Lage, seine Innenperspektive und gehst dann wieder zurück in die Außenperspektive und suchst Lösungen, Strategien, die funktionieren könnten. Stell dir vor ein Freund kommt zu dir, der sich in ein Mädchen verliebt hat und von dir Rat will, was er tun kann. Ist es dann vorauseilender Gehorsam, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen – und natürlich in die des Mädchens, um das es geht – und gemeinsam mit ihm zu überlegen, was er ganz konkret tun kann, um seine große Liebe von sich zu überzeugen? Als Designer tun wir nicht viel anderes. Insofern, jajaja, ich bin im Voraus unbedingt gehorsam. Ich versuche Briefings zu verstehen und gern auch besser zu verstehen als der, der sie verfasst hat, ich spreche bei Corporate Designs – sofern irgendwie möglich – mit so vielen Beteiligten wie ich nur kann, ich rede mit Entscheidern und Mitarbeitern, Mitgliedern und Kunden. Ich frage den Leuten Löcher in den Bauch. Ich will, dass die Dinge, die wir dann machen, funktionieren. Ansonsten produziert man bestenfalls leeren Zeitgeist, schlimmstenfalls Müll. Wenn du eine Website machst, willst du, dass sie auch bedienbar ist, der Besucher sich im Interface zurecht findet, sich nicht langweilt, dass aber auch die Texter und Redakteure der Site sie möglichst leicht pflegen können und gerne mit dem Interface arbeiten. Das ist nicht vorauseilender Gehorsam, das ist einfach der Job. In deinen Fragen schimmert immer der Designer durch, der eigentlich Artist ist und sich sozusagen knechten muss, um gutes Design zu machen. Ich sehe das gar nicht so – der Job des Designers ist, das die Dinge wirken, verständlich sind, einfach und angemessen funktionieren. So wie es der Job eines Architekten ist, ein Gebäude eben auch zu klimatisieren und den Aufzug funktionstauglich zu machen oder für ausreichend Licht zu sorgen – die Aufgabe ist nicht ein ikonographisches Dach, das ist die Kirsche auf der Sahne. Dass die Site nicht langweilig ist, das Gebäude gut aussieht, ist die Kür – und idealerweise sind Pflicht und Kür so eng verzahnt, so eins, dass am Ende eben eine «Gestalt» entsteht, die Einheit von Ästhetik und Funktion. Kriegt man nicht immer hin, aber das ist doch die Blaue Blume, der man als Designer ja immer nachjagt.

Dieser Gehorsam ist übrigens das größte Konfliktpotential mit dem Auftraggeber. Es gibt unweigerlich den Punkt, wo du zumindest meinst (man irrt hier ja auch mal), es besser zu wissen als er selbst, oder wo du über strukturelle Hindernisse frustrierst bist, weil du weißt, A und B und C müssen passieren, damit alles rund läuft… aber der Klient sieht es einfach anders und hat durchaus auch seine guten Gründe dafür. Du willst in seinem Sinne handeln, aber schlägst dabei andere Wege und interne Veränderungen vor, auch ganz jenseits der eigentlichen Gestaltung, die er vielleicht scheut. Anders gesagt: Du gibst dem Kunden nicht, was er will (oder zu wollen meint), sondern was er braucht (oder wovon du meinst, er brauche es). Das ist ein echter Knackpunkt. Kunden, die verstehen, dass Diskurse hier wichtig und produktiv sind, die deine guten Absichten schätzen, können nur gewinnen, weil genau an dieser Stelle durch produktiven Austausch ein unfassbarer Mehrwert aus einer einfachen Designaufgabe wachsen kann. Weil das abduktive Denken von Designern unglaublich gut darin ist, komplexe Probleme systematisch zu lösen und so Erfolgschancen zu generieren. Wir finden einfach ganz andere Lösungen und Antworten als etwa Betriebswirtschaftler oder Ingenieure, weil wir sprunghafter, intuitiver denken – im «Was-wäre-wenn»-Modus eben.

Uns ist mit den Jahren sehr klar geworden, dass es eine wertvolle Leistung ist, dem Klienten ein produktives «Nein» anbieten zu können, bestimmte Werte des Klienten zu bewahren, selbst wenn er das akut selbst kurzfristig vielleicht nicht gut findet ein «Nein, aber…» zu hören, sozusagen sein «Torhüter des Guten Geschmacks» zu sein. Wir haben mit diesem Ansatz sehr gute und natürlich auch ein zwei eher schlechte Erfahrungen gemacht – und wenn es so etwas wie Haltung oder Anspruch bei uns gibt, dann ist das immer die Hoffnung, als Partner auf Augenhöhe am Tisch zu sitzen, mit unserer Kritik verdient ernst genommen zu werden – einfach, weil wir uns viel Gedanken über unsere Klienten machen und beste Absichten haben – also nicht vorauseilend «gehorchen», aber absolut vorauseilend mitdenken.

Wann holen Sie, diese Gedanken ein?
So früh wie es eben möglich ist. Am Anfang von Design steht Strategie und Forschung – und da ist jeder Input von Klientenseite Gold wert.

Tun Sie die Dinge, weil Sie das so wollten, weil Sie glauben, dass es andere so «sehen» wollen, oder greifen Sie lediglich auf Ihr Repertoire zurück?
Weder noch. In dieser Frage gibt es keine positive Antwort – ich kann nur tun, was andere wollen oder auf ein irgendwie geartetes Standardrepertoire zurückgreifen? Wir tun die Dinge möglichst so, dass ein Dialog entsteht und aus einer Mischung aus Erfahrung in unserem Metier und Neugier auf neue Prozesse etwas entsteht, was dem Auftraggeber weiterhilft, ihm neue Wege und Lösungen aufzeigt und zu einem ganz greifbaren Erfolg führt. Nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch im sozialen Kontext.

Haben Sie schonmal Ergebnisse präsentierst, hinter denen Sie nicht stehen?
Am Anfang eines Projektes nie. Ich bin schon aus Pitches ausgestiegen, weil einfach nichts Gutes vorhanden war und ich nicht mit schlechten Lösungen in einen Pitch gehen möchte. Am Ende eines Prozesses kommt es durchaus vor, dass der Auftraggeber so viele Kompromisse durchgeboxt hat, dass aus einer schönen Idee ein doch eher schlechtes Ergebnis geworden ist – wer kennt das nicht? Da kann man dann um Ablösung bitten und den Auftrag aufgeben oder es so gut es geht beenden. Manchmal gibt es auch Projekte, die wir «verloren» glauben und der Klient denkt um, kommt uns wieder entgegen. Manchmal finden wir mit etwas Abstand ein «schlimmes» Endergebnis eigentlich auch ganz okay. Und so weiter. Wie gesagt, so richtig zufrieden bin ich mit Endergebnissen ohnehin nie – es geht immer eher um den Prozess an sich. Ich lebe nicht, um sonderlich schicke Plakate oder Flyer oder Bücher zu machen, sondern ich mache den Beruf, um mit Leuten gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen, die für beide Seiten ein Erfolg sind. Das ist ein Unterschied.

Wie kann man mit dem vorauseilendem Gehorsam, positiver umgehen?
Ich kann an vorauseilendem Gehorsam erst einmal nichts negatives finden, wenn man ihn richtig versteht. Siehe oben. Zwischen einem egoistischen Diva-Gehabe und völlig meinungslosem Dienstleistertum ist ein großer Bereich, in dem jeder den subjektiv passenden Arbeitsstil und Erfolgsweg finden muss. Wir gelten mitunter als «schwierig», obwohl wir in Designdingen gar nicht Diva sind – du wirst bei uns nie hören, dass wir etwas machen nur weil es «besser aussieht». Wir können alles und jedes jederzeit begründen – bis auf vielleicht die letzten 10% Intuition, die man nicht erklären kann und die einfach Vertrauen brauchen. Wenn man ALLES erklären kann, ist die Magie weg. Aber wir machen fast nichts nur als Selbstzweck.

Wann und in welcher Dosis, macht der vorauseilende Gehorsam Sinn?
Immer – Vorausdenken, Kritik antizipieren (und dann auch mal trotzdem mutig sein), eigene Entwürfe konsequent durch ein Säurebad zu ziehen, bis sie funktionieren, ist ganz entscheidend. Selbstverliebtheit und Design passen nicht gut zusammen. Gut ist es dann, wenn es durch eine permanente beidseitige Revision gegangen ist – und wenn keine Seite meint, sich unbedingt durchsetzen zu müssen. Die berühmten Klienten aus der Hölle sind ja nur deshalb schlimm, weil sie unbedingt ihren Willen durchboxen wollen, ansonsten ist es immer okay, wenn andere Meinungen und Ziele, Absichten und Wege vom Auftraggeber kommen. Da kann man nur durch bereichert werden. Schlimm wird es nur, wenn aus dem Dialog ein Monolog wird und du zum bloßen «Umsetzer» degradiert wirst. Ich denke zB, wenn Kunden dir einen «eigenen» Entwurf schicken, wollen sie dich vielleicht gar nicht dirigieren, sondern nur – mit deinen Mitteln, wenn auch einfacher – eine Lösung kommunzieren, ohne lange Worte. Ich weiß aber, dass jeder – jeder! – Designer beim Anblick einer eMail mit Entwürfen, die der Auftraggeber «mal selbstgemacht» hat nicht weiß, ob er weinen oder wüten soll. Ausnahmslos ist das so. Ich glaube, der Klient will hier helfen und merkt gar nicht, wie schlecht das auf der anderen Seite ankommt. Hilfreich ist dann, wenn er sich nicht an den eigenen Entwurf klammert und für Dialog offen bleibt und andererseits der Designer aber offen und smart genug ist, das Problem (und die Lösung) zu sehen, um dass es hier im Kern geht. Das ist ein Prozess, der natürlich immer auch etwas Grundvertrauen braucht – deshalb läuft so viel Design nach Pitches nicht ideal, weil der Pitch ja sozusagen vom Start weg das ausgesprochene Mißtrauensvotum gegen die Designer ist, die quasi erst durch eine Casting-Hölle geschickt werden, bevor man überhaupt wirklich ins Gespräch kommt. Wenn man sich aber vertraut, ist dieses Ping-Pong von Ideen, Vorschlägen und Einwänden, Für und Wider, ein unfassbar befriedigender Weg zu gutem Design. Als Designer muss man sich von der 100%-Mein-Look-Kontrollfreak-Schiene doch sowieso lösen. Ansonsten kommst du spätestens bei Websites, die Klienten via CMS selbst pflegen, aus dem Weinen nicht mehr heraus. Aber eben hier wird deutlich, wie wichtig der Designer jenseits allem blöden «Branding-Hypes» als ganzheitlicher Berater geworden ist. Ein CMS macht aus einem Auftraggeber keinen «Webdesigner» oder Redakteur und PhotoshopExpress und eine Digikamera noch keinen Designer – aber eigentlich ist es doch cool, den Auftraggebern diese Werkzeuge nahezubringen und sie darin souveräner zu machen.

Slanted 13 & 14 – Sans Serif

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Was kann ich über das Slanted-Magazin sagen, was ich nicht schon gesagt habe? Die Krux aller Magazine ist, dass sie als Serienpublikationen ihren Charakter nicht so ändern, dass man mehr als ein «Out Now» liefern kann. Dass das Slanted Mag sich an der Grenze dessen bewegt, was man Magazin nennen mag, steht außer Frage. Julia Kahl und ihr Team sowie das Netzwerk der beteiligten Designer bringen mit der Doppelausgabe zu serifenlosen Schriften – die 13 eher humanistisch, die 14 eher statisch – ein Editorial-Design dass sich am modernen Trend zur Auflösung abarbeitet, wenn auch nicht mehr so konsequent wie in der 11. Ausgabe. Bild und Schrift finden eher assoziativ zusammen und Typographie ist eher Spielzeug und eine Art Meta-Thema als noch ernsthaft im Mittelpunkt wie in früheren Slanted-Ausgaben. Du liest dieses Magazin nicht mehr, um dich über Schriften zu informieren und die Schriftmuster wirken inzwischen fast deplaciert, sondern als Besuch auf einer sehr individuellen Spielwiese, die mal gelungen begärtnert ist, mal im Dekorativen hängenbleibt und scheitert, die aber immer einen Besuch wert ist.

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Man wird das Gefühl nie ganz los, dass Slanted ein «Austob»-Projekt ist, die Sorte Arbeit, die in einer Agentur nach Feierabend entsteht, impulsiv, befreit von Kundenwünschen, ein Umgang mit Bilderinputs und Schrift jenseits von Branding-Vorgaben und Projektpartnern, ein Eintauchen in die Möglichkeiten, zugleich ein Abarbeiten der besuchten Portfolio-Sites der letzten Wochen, der eigenen Liebe zu Design – auch zu dem von anderen Designern, die in ausgiebigen Interviews zu Wort kommen. Slanted ist im besten Sinne das, was man als Fanmag bezeichnen könnte – eine etwas wirsche, oft fast schülerzeitungshaft-überschwengliche Form gewordene Begeisterung für Design, ein Destillat aus Portfolios und Surfeindrücken, eine Papier gewordene Safari-Timeline, unterbrochen von Interviews, die fast ebensogut eigene IM-Textketten sein könnten, Gespräche, die sich wenig wie «echte» Interviews anfühlen, sondern ähnlich alinear und tastend wirken wir das Design des Magazins.

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Das Seltsame ist, das Slanted sich anfühlt wie an einem Gravitationspunkt – irgendwie ist es noch ein Magazin, das mit Design zu tun hat, wenn auch deutlich weniger als die dazu gehörige Site/Blog-Plattform, irgendwie fühlt es sich auch an wie eine Art Plattform des Magma-Netzwerkes und dürfte sich sicherlich auch in Zukunft mir Lars Harmsens Interessen als Dozent befassen, als eine Art autopoietisches System. Zugleich wird bei mir während des Lesens zunehmend der Wunsch greifbar, sich von Typographie und Design zu lösen und sich zu öffnen. Design ist heute mehr als schicke Photos und ein paar Schriftschnitte, mehr als Szene-Interviews und Texte – und Slanted spürt das sehr wohl. Die Lust an einem sozialen Statement, an einer Auseinandersetzung mit der Welt ist zu spüren, in der künstlerischen Leitung des Magazins, die mehr und mehr zur Kuration tendiert und sich in der Juxtaposition von Bildern und Typo-Schriftmustern spürbar ein wenig beengt zu fühlen scheint. Die Slanted, so mag ich es mir vielleicht einbilden, tastet sich an etwas heran, und ist in einer Art Jugendlichen-Phase, wütend und punky, irgendwie zwischen «Neo-Carsonesque» und «Berlin», aber zugleich schmeckt man, dass da mehr sein will und kann. Die erwachsene Slanted, vielleicht jedenfalls, wird feststellen, dass Typographie Mittel ist und nicht Zweck und sich anderen Fragen zuwenden. Sie wird nicht mehr nebenbei entstehen (was sie de facto natürlich jetzt auch schon nicht mehr tut, dafür steckt zu viel Zeit drin) und vielleicht nicht mehr ein «Design»-Magazin im engeren Sinne sein. Sie wird sich vielleicht von jeder Form festen Editorials verabschieden und eine Art BrandEins der Designwelt werden, nur lebendiger und pulsierender, neugierig und weniger «Magazin» als mehr ein «Flow of Information». Sie wird, kurzum, werden, was immer Julia, Boris,, Lars und all die anderen Slanted/Magma-Coworker spannend finden. Das spannende an dem Magazin ist also längst nicht mehr das Heft an sich – das ich leider gerade aufgrund der sehr alinearen Form immer weniger real lese, sondern mehr überfliege und durch den Impuls-Overkill oft aus den Interviews wieder «herausgleite»… da ist die konservative Blattform der Form etwa viel geeigneter, mich als Leser einzuladen und zu halten – sondern die Evolution eines Blattes, das keine realen Grenzen hat und sich erfindet, während es ja schon existiert. Es ist diese Papier gewordene Neugier und Entwicklung, die Slanted spannend und als Ganzes zur Erfahrung macht.

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Alex Leu fragt 11: Gewollt und nicht gekonnt

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Sollte radikale/ungewöhnliche/mutige Gestaltung nur denen vorbehalten sein, die sowas auch können?
Wie stehen Sie zu dem Konfliktfeld «Sieht aus wie Gewollt und nicht gekonnt»?
Gibt es für Sie ein Richtig und Falsch, wie man mit Gestaltung umgeht?
Was macht den Unterschied aus, dass die einen es können und andere nicht?

Ich bin ja selbst sozusagen «Laie», also ein Quereinsteiger, der von der Kommunikationstheorie in die Praxis rüber gemacht hat. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt sehr klar, dass oft sogar gerade extravagante Gestaltungsansätze von Autodidakten stammen, mit David Carson als dem klassischen Vorzeige-Savant. In fast jedem kreativen Bereich hast du Talente, die nicht klassisch ausgebildet wurden. Man kann Design zwar sicher lernen, aber Kreativität, Ideenfindung und Talent lassen sich nicht in einem Lehrplan heranziehen, und das reine Handwerk kann man dann durchaus auch autodidaktisch im Handeln erlernen, meist durch fröhliches Scheitern. Auf der anderen Seite kann ein Talent natürlich unbedingt von einer Ausbildung, sofern es nicht verbogen (oder schlimmer: begradigt) wird, profitieren, von Input, Beratung, Inspiration, Zeit zum Experiment, einem Fundament, das die Intuition festigt und an dem man sich im weiteren Lebenslauf orientieren kann. Vor allem wenn man Design als Beruf ergreift ist Talent allein meist nicht genug. Wie beim Gesang oder bei der Schauspielerei ist eine gute Ausbildung für das lange Durchhalten-Können und für Professionalität wichtig, aber für «Kreativität» oder – wie du es nennst – radikale Gestaltung ist die FH oder Uni nun wirklich kein Garant.

Am Ende ist entscheidend, was auf dem Spielfeld passiert. Egal ob Quereinsteiger oder ausgebildeter Gestalter, wichtig ist die Idee/Strategie und eine in sich überzeugende Umsetzung. Um beim oben schon angeführten Carson zu bleiben – er hat sich in seinen frühen Arbeiten eine Rohheit und Dreistigkeit erarbeitet, in der Idee und Form kongruent gehen. Der frühe Carson, das ist ein umwerfend dreister, malerischer Umgang mit Typographie, ein phantastisches Gespür für Rhythmus, für Luftigkeit und Dichte. Und jede Menge Punk. Vieles davon wirkt heute ungelenk oder überzogen, aber für die damalige Zeit hat er – ebenso wie eben auch viele studierte Designer, die dekonstruktiv vorgingen – den Nerv getroffen. Hätte er ein klassisches Design versucht, wäre er handwerklich wahrscheinlich gescheitert, aber so passte es eben ideal zusammen, er hat sich sozusagen unangreifbar gemacht, indem er konsequent nach seinen eigenen Regeln spielte und am Ende dabei wundersamerweise eben nicht beschissen, sondern innovativ und energiegeladen aussah. Sein Stil ist seitdem von tausenden von Studenten kopiert – und meist kriegen sie es nicht wirklich hin. Anders gesagt: Wer weiß, ob Jimi Hendrix ein wirklich guter Gitarrist war? Hätte er auf Zuruf Jazz oder klassische Gitarre beherrscht, perfekt Flamenco gespielt – wäre er eine professionelle Studio-Kraft gewesen? Wahrscheinlich nicht. Aber Jimi Hendrix war nun mal der beste Jimi Hendrix, mit aller Konsequenz. Er war sein eigenes Original, sein eigenes Genre, völlig unangreifbar. Auf der anderen Seite gibt es natürlich studierte Studiogitarristen, die auf Knopfdruck nach Gilmore oder eben Hendrix klingen können und auch die klassische Zwölfsaitige problemlos vom Blatt meistern – die aber vielleicht nie ihre eigene Legende und Liga etablieren können. Im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Genie ist ja durchaus Raum für diese beiden Pole (und die vielen Mischformen dazwischen).

«Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt» bedeutet dann daraus folgend oft, dass jemand etwas will, was er nicht kann, sich nicht auskennt, falsche Entscheidungen trifft, sich im Ton vergreift. Man muss immer das machen, was man machen kann, wo man selbst gerade ist. Ich mag zum Beispiel die Arbeiten anderer Designer, aber wenn ich versuchen würde, ihren Look 1:1 zu übernehmen, wäre das ein Desaster, es sähe schrecklich aus, weil ich diesen Stil ja gar nicht drauf habe, nicht von innen her kenne. Es würde ein peinlicher Cargo-Kult-Nachbau. Ganz generell ist es so, dass die Idee zur Umsetzung passen muss – und zu dem, was man selbst umsetzen kann. Hier gibt es eine Brücke zu der von dir beschriebenen inneren Haltung oder dem eigenen Stil… es ist immer gut, herauszufinden, was man gut kann und was man lieber sein lassen sollte. Was freilich immer nur durch Fehlschläge und Irrtümer machbar ist. Aber das, was man gut kann und gerne macht und dann auch schön macht… das ist wahrscheinlich die Schnittstelle von Wollen und Können, Handschrift und Haltung, Denken und Tun.

Für Studenten, aber auch für Quereinsteiger und langjährige Profis bedeutet das auch, die Lust am Spiel nicht zu verlieren und den Mut zum Fehlschlag zu bewahren. Der Job treibt dir diesen Mut ja aus – Deadlines, klare Briefings, rationale Arbeitsstrukturen, ergebnisorientiertes Arbeiten. Aber nur durch die Bauchlandung lernst du, wie du richtig fliegst. Ich habe das Studium immer als Chance für die Designstudenten gesehen, genau solche Fehlschläge zu produzieren, ohne sich zu blamieren und habe als Dozent viel Wert darauf gelegt, diese Fehlschläge auch mal ganz gezielt herbeizuführen. Wer nicht scheitert, hat seine Grenzen noch nicht erreicht und erkannt – wer scheitert und wieder aufsteht und was gelernt hat, ist aber doch auf dem richtigen Weg, oder? In der Fahrschule wäre so eine Taktik ein Desaster, klar, aber Design ist eben nicht so einfach wie Kuppeln-Schalten-Gasgeben. Das ist meine große Kritik am Bachelorstudium: Nicht genug Zeit und Raum für Fehlschläge, Irrflüge, Bauchlandungen auf einsamen Inseln. Unseren Praktikanten versuche ich immer zu sagen, dass sie bei uns sind, um zu scheitern, dass das Praktikum als Schleuse zwischen Studium und Beruf dazu da ist, im kontrollierten Umfeld zwar durchaus erfolgreich zu arbeiten, aber eben auch der Freiraum da sein muss, Mist zu bauen, tagelang ein einfaches Plakat nicht in den Griff zu kriegen und so seine Fähigkeiten zu schulen. Ich glaube, eine erfolgreiche lange Karriere ist die, wo man immer wieder und wieder und wieder das eigene Scheitern überwinden darf. Insofern sollte man keine Angst vor dem Fehlschlag haben, sondern ihn als Freund umarmen und mit ihm um die Häuser ziehen – am Ende der Angst kommen dabei meist überraschend hervorragende Ergebnisse heraus.

Alex Leu fragt 10: Blockaden und Flow

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Was halten Sie von meiner These, dass Blockaden im Designprozess u.a. deshalb entstehen, wenn Die Aufgabenstellung oder der Weg den man darin gegangen ist, nicht mit deiner Haltung übereinstimmt und somit zu Blockaden und inneren Konflikten führen könnten?
Ist die Art und Weise, wie jemand ein Projekt instinktiv angeht (konzeptionell und visuell), in seiner Persönlichkeit begründet?

Ich kann dieser These zustimmen – und auch wieder nicht. Design ist ein ganz normaler Beruf und wir sollten in der Lage sein, nicht in jedem Prozess dieses Berufes ein Glücksversprechen, eine Selbstbefriedigung oder einen «Flow» zu erwarten. Wer mit dieser Haltung an den Beruf geht, wird auf Dauer einfach nicht glücklich damit. Es ist eine im höchsten Maße soziale Tätigkeit, in der du zwischen den verschiedensten Parametern abstimmen musst, oft mit mehreren sehr verschiedenen Partnern zusammenarbeitest und wie in der Politik ständig deine Ideen rechtfertigst, aushandelst, Kompromisse machst und auf ein bestmögliches (aber eben nicht immer ideales) Ergebnis hoffst. Ich bin selbst Perfektionist und nicht immer glücklich, wenn in meine Ideen oder Entwürfe eingegriffen wird, aber es ist nun einmal der Alltag. Nicht, weil der Kunde zahlt und Recht hat, sondern eben weil der Klient ja durchaus auch erfahren und in seinem Bereich bewandert ist und gute Gründe für seine Wünsche hat, die es zu respektieren gilt – und so hangelt man sich im Idealfall zu einem guten Ergebnis für beide, aber ein Solotanz ist es eben eher selten oder nie. Wer Designer sein will, wie man Sologitarrist oder Poet wird, wird an diesen Abstimmungsprozessen sehr sehr leiden. Wer Spaß daran hat, seine eigenen Perspektiven zu erweitern und andere an sich heranzulassen, wer offen für Spiel ist – der wird wahrscheinlich nicht leiden, im Gegenteil. Design unter den Aspekten der Spieltheorie zu betrachten ist gar nicht so verkehrt.

Auf der anderen Seite ist Design auch eines des wenigen Felder, in dem es genug Bandbreite und Vielfalt gibt, sich zu «finden» und einen eigenen Arbeitsethos zu haben. Man kann hier sicherlich sehr viel mehr von der eigenen Haltung einbringen als in vielen anderen Berufen, muss es oft auch – denn letzten Endes verkaufen wir mit unserer Kreativität auch unseren Enthusiasmus, unsere Begeisterung, und die entsteht aus der Kongruenz von Denken und Handeln, die muss glaubhaft da sein. Insofern ist es natürlich immer gut, wenn du dich für deine Arbeit inhaltlich begeistern kannst, weil die Lösung sich aus den Spurenelementen und Erinnerungen, Inspirationen und Quellen füttert, die dich auch als Menschen insgesamt prägen und ausmachen. Die Musik, die Filme, die Bücher, die Menschen, die Kunst, die Theaterstücke und Photographien – all das wird deine Arbeit formen, weil du deine kulturellen Inputs und Faszinationen darin zu etwas anderem transformierst. Insofern ist auf jeden Fall Konzeption und Gestaltung in der Persönlichkeit verankert, in dem Sinne, dass das, was dich als Subjekt formt auch deine Arbeit beeinflusst, du gehst ja an die gleiche Quelle zurück. Designer ist in dieser Hinsicht einer der genialsten Berufe der Welt, die Mischung aus subjektiven Einflüssen und objektiver Wirkung kannst du ansonsten nur in wenigen anderen Feldern so verzahnen.

Für mich persönlich mündet das darin, dass ich bestimmte Dinge tatsächlich nicht KANN. Wir sind beispielsweise irgendwie nicht das richtige Büro für Schweinebauchwerbung, weil ich dieses enge Gewusel à la Aldi-Flyer nicht hinbekomme, es sieht immer mies aus, wenn ich mich daran versuche. Und man wäre ja auch wirtschaftlich schlecht beraten, Dinge zu tun, die man schlecht oder nur sehr langsam hinbekommt, weil man sie nicht wirklich kann, oder? Und die zu können vielleicht ja auch nicht so erstrebenswert ist. Insofern macht es schon ökonomisch Sinn, wenn das Projekt zum Büro passt, einfach, weil man dann schneller (und für den Klienten somit preiswerter) arbeitet. Man tut, was man gut kann, und aus dieser Harmonie erwachsen dann effektiv und effizient die richtigen Dinge.

Ansonsten und ganz allgemein – siehe oben – fände ich es langweilig eine Kongruenz zwischen einer «Haltung» und Aufgaben zu suchen. Da macht man irgendwann nur noch das gleiche, Das ist so, als läse man nur Zeitungen, deren Meinung eh nur die eigene widerspiegelt, oder hört nur noch eine Richtung Musik. Es gibt kein besseres Rezept für die Stagnation. Umgekehrt ist es spannender – wenn man anhand eines Projektes die eigenen Haltungen und Ansichten überprüfen und erweitern kann.

Vorsicht Glas 06: Buy Low Sell High

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Mit Erscheinen der DMIG7 kommt natürlich meine Kolumne aus der 6. Ausgabe in der unredigierten Version (ich hab nur diese Fassung) hier ins Archiv, das Thema war «Hochwertig». Passt so gut zu den Fragen von Alex Leu in letzter Zeit, weil es in der gleichen Zeit entstand und den gleichen damaligen Gedankenstand widerspiegelt.

Der Chemiekasten Design
Im Gespräch mit Kollegen wird mir immer wieder klar, wie wunderbar breit gefächert unser Berufsfeld als Designer eigentlich ist. Ich kenne kaum ein Handwerk, das unter einer scheinbar klaren Bezeichnung so viele unfassbar verschiedene Ausprägungen einer Tätigkeit unterbringt. So definieren sich beispielsweise Designer, die aus dem Illustrativen zum Design kommen immer oft eher als eine Art Künstler, in der klassischen Werbung oder auch bei größeren Corporate-Design-Anbietern fließt hingegen gern ein strategischer oder betriebswirtschaftlicher Aspekt mit ein, manche Kollegen arbeiten fast nur auftragsbezogen, andere seit Jahren mehr oder minder frei, sind sich selbst der beste Auftraggeber. Was viele Designer aus den jeweiligen unterschiedlichen Bereichen dabei selbst oft als scharfe Gegensätze betrachten, die es auszufechten gilt, als gelte es, einen einheitlichen, nämlich ihrer eigenen Sicht entsprechenden und insofern «richtigen» Design-Begriff durchzusetzen, sehe ich eher als dynamische Morphologie einer Tätigkeit, die durch ihre Natur ganz einfach unterschiedlichsten Formen annehmen kann und vielleicht im Sinne der eigenen Weiterentwicklung auch muss. Unter dem Deckmantel «Design» gibt es eine Vielzahl von Subspezies, in denen sich jeder seine eigene Lebens-Nische schaffen kann, was insgesamt eine große Stärke dieser noch durch recht wenig Regeln standardisierten Branche ist. Ich selbst interpretiere meinen Beruf entsprechend natürlich auch meinen eigenen Interessen folgend – als eine Mischung aus Unternehmensberater, Sozialpsychologe, Architekt und Dramaturg. Und nicht zuletzt vielleicht auch als Chemiker… oder besser gesagt als Kind, das mit einem Chemiebaukasten experimentiert und dabei mal ein BUMM mit einer wunderbar dicken schwarzen Rauchwolke erzeugt, mal aber auch nur ein pfffff mit seltsam riechender Brühe als Ergebnis.

Niemand will hässlich sein
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir alle, egal wie wir uns unseren Beruf selbst zurecht definieren, nach «hochwertigen» Arbeitsergebnissen streben. Niemand wird wirklich absichtlich schlechte Arbeit machen wollen – selbst der aggressivste Antidesigner versucht noch, auf möglichst ästhetische Art hässlich zu wirken, selbst Punk hat seine eigenen Regeln von miss- und gelungenen szene-eigenen Ästhetiken, die das Genre von Außenseitern schützen. Hochwertigkeit ist insofern kein neutraler, absoluter Begriff, sondern eine individuelle Definition, wie ja auch die vielen Diskussionen, die Gestalter mit Auftraggebern immer wieder haben zeigen – die persönlichen Definitionen von «erfolgreichem Design» sind einfach oft nicht kongruent. Während man über Geschmack eigentlich kaum streiten kann, sind individuelle Vorstellungen von Hochwertigkeit oft gut begründbar sehr unterschiedlich. Deshalb hilft die Auseinandersetzung dem Designer auch, zu verstehen, was der Auftraggeber unter einem Design versteht, das BUMM macht, und kann manchmal zu einem wichtigen Teil des Gestaltungsprozesses werden – form follows discourse. Denn während der Designer vielleicht nur eine möglichst ästhetische Lösung anstrebt, und für ihn ein Design hochwertig ist, dass einfach möglichst «gut» aussieht, kann der Auftraggeber verständlicherweise ganz andere Parameter für «hochwertig» haben – etwa ganz banal ein Design, dass den Umsatz ankurbelt. Ich glaube nicht an den immer wieder herbei zitierten Unterschied zwischen «Ästhetik» und «Umsatz», an den manche Kollegen, vor allem aber leider viele Klienten glauben – Design ist dann hochwertig, wenn es gut aussieht und wirkt. Und es ist eben nicht so, dass Holzhammer-Gestaltung besser verkauft (auch wenn viele Klienten das denken). Ein Blick auf die meisten Anzeigen zeigt, dass keine große Marke wirklich noch glaubt, mehr Umsatz zu generieren, indem Sie potentielle Kunden anbrüllt. Gute Gestaltung hebt den Umsatz, indem sie souverän wirkt. Die Frage ist: Wie kriegt man im Chemiebaukasten eine Mixtur hin, die nicht nur eine tolle Färbung hat, sondern auch noch ordentlich knallt?

Scheiße und Gold
Als Designer sind wir alle in der Lage, Scheiße zu Gold zu verwandeln, wir sind Meister des Lackierens und Kaschierens. Wie versierte Präparatoren können wir noch die schlimmste Leiche sexy aus dem Sarg winken lassen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in unserem Studioalltag kommt es immer wieder vor, dass wir in der letzten Sekunde, wenn ohnehin alles brennt, aus mauen Texten und schlechtem Bildmaterial irgend etwas noch halbwegs überzeugendes zusammenmixen – Headlines umschreiben, Photos aufhübschen; aus zu niedrigen Budgets etwas melken, was nicht so ganz peinlich wirkt, wie es in der Preisklasse eigentlich sein müsste; ex post eine Strategie herbeizaubern, wo nie eine vorhanden war. Das ist so, das war immer so, das wird immer so sein, und ich fasse diesen Veredelungsprozess inzwischen auch als zentralen Teil der Arbeit auf – ein guter Koch muss immer auch mit armseligen Zutaten ein einigermaßen überzeugendes Gericht kochen können, ein Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug noch passable Arbeit abliefern.

Tatsächlich ist diese Verwandlung im Chemiebaukasten des Designs ein Prozess der Mehrwertschaffung. Längst übernehmen Designer die strategische Planung, positionieren Unternehmen durch konzeptionelle Ideen und klare visuelle Sprache, retten miserable Ansätze und werten fast en passant im Layout dann noch lese-feindliche Texte auf. Ein Designer, der sein Geld halbwegs wert ist, wird immer mittel- oder langfristig durch eine Mischung aus Enthusiasmus und Können einen spürbaren Mehrwert für eine Marke oder ein Produkt schöpfen, der nicht aus dem Unternehmen selbst kommt, sondern erst im nachgelagerten Veredelungsprozess entsteht. Das ist der banalste Kern angewandten Designs: Der Auftraggeber liefert Zinn und wir produzieren zwar natürlich kein Gold, aber zumindest doch soliden Stahl oder mit etwas Glück sogar Silber. Wenn man uns denn lässt.

Jeder von uns tut das. Wir Designer versuchen stets, den Klienten davon zu überzeugen, seine EIGENE Sache besser zu machen als er es eigentlich tut. Ich kenne keinen Designer, der stundenlang mit einem Auftraggeber über ein Logo debattiert, weil er das nun persönlich gerade zu seinem Glück braucht – wir alle tun das, weil wir wissen, dass der Kunde im Endeffekt von der durchdachteren Lösung profitieren wird, selbst wenn er das akut vielleicht noch nicht so sieht. Die Aufgabe des Designers ist ja schließlich, die Zukunft zu schmecken.

Was wir in diesem Prozess machen ist im Grunde Aktien niedrig kaufen und sie zu einem deutlich höheren Wert wieder verkaufen, wie Sanierer in ein marodes Unternehmen gehen, die Sache wieder ins Rollen bringen und mit Gewinn weiterverkaufen. Mit dem Unterschied, dass es nicht unser Gewinn ist, sondern der des Auftraggebers. Wir verwandeln Zinn in Silber und behalten das Silber nicht für uns, sondern bringen es brav zu demjenigen zurück, der uns das Zinn geliefert hat (gegen ein gemessen an der tatsächlichen Mehrwertschaffung meist eher moderates Honorar).

Ob bei der großen Markenbildung oder nur einem kleinen Internetauftritt – mit Wissen und Leidenschaft (Leiden und Wissenschaft) mischt der Designer Qualität aus den profansten Stoffen. Und oft fast beiläufig – ich erinnere mich an einen Fall, wo wir für ein großes Unternehmen einen Webauftritt machen sollten und in diesem Prozess heraus fanden, dass die Firma keinerlei Ordnung in ihrer Produktlinie hatte, was vielleicht erst auffällt, wenn man die Produkte in das navigierbar logische Gerüst einer Site strukturieren will und feststellt, dass es keine sinnvollen Produktgruppen gibt, Produkte teilweise doppelt existieren, andere wichtige Marktkategorien aber gar keine Produkte haben. Ergebnis des Prozesses war eine Bereinigung der Produktpalette, eine erfolgreiche Straffung von Marketingstrategien und mehrere komplett neue Produkte, die klaffende Lücken füllten und deshalb binnen kurzer Zeit erfolgreich liefen. Und ich bin sicher, ihr alle kennt solche Prozesse von «Abfallprodukten» des Designprozesses, die oft wertvoller für ein Unternehmen sind als die ursprüngliche Aufgabe, für die man engagiert wurde. Wir alle zaubern Teflon in unserem Chemiebaukasten. Hat der Auftraggeber offene Ohren und Interesse an Erfolg, mündet Design in Effekten, die weit über das Gestalten eines Geschäftsberichtes oder einer Website hinausgehen. Design ist angewandte Unternehmensberatung.

Die kommunikative Wasseraderfindung und Aufwertung, die gutes, engagiertes Design für ein Unternehmen oder eine Einrichtung bedeutet, ist so signifikant für deren Erfolg, dass Design (und eben nicht nur die Produktdesign) längst neben Preis, Qualität und Service der zentrale Faktor in der Wertkette von Produktion zu Verkauf ist. Design ist überraschend oft mehr als ein Deckmäntelchen, sondern offenbart eine Haltung der Unternehmen, die auf gutes Design setzen, die tiefer geht und die einen Respekt vor den Kunden sowie Liebe zum eigenen Produkt zum Ausdruck bringt.

Everything counts…
Aber das Chemiebaukasten-Kind in mir weiß, dass unsere Mixturen besser werden, wenn die Rohstoffe reiner sind. Insofern ist für mich die Frage nach wirklicher Hochwertigkeit immer eine Frage, die zu den Zutaten führt – Qualität entsteht immer am besten aus Qualität. So spannend es sein mag, aus Fast-Food-Zutaten ein gutes Gericht zu zaubern, so sehr weiß doch jeder Koch, dass erst frische Zutaten, eine einwandfreie Qualität von Gemüse oder Fleisch, kleinste stimmige Details in den Aromen, zu einem wirklich phantastischen Gericht führen. Detail ist alles, alles ist Detail. Auf unsere Arbeit übertragen sind es zunächst ganz offenbar lesenswerte, mit Liebe geschriebene und involvierende Texte und gute, ästhetisch sowie technisch einwandfreie Photos. Das klingt genauso einfach wie es ist, aber im Alltag ist unfassbar, wie viel Energie man in genau diese Banalität stecken muss. Wie oft habt ihr im Kleinen oder Großen schon versucht – immer mit der Angst im Nacken, den Auftraggeber mit eurem Interesse an den Details auch noch zu vergraulen – , Material nachbessern zu lassen oder selbst zu überarbeiten, selbst wenn es mit eurer ureigentlichen Arbeit nicht direkt verbunden ist, weil ihr einfach glaubt, dass diese Zutaten für ein überzeugendes Endergebnis essentiell sind? Ich würde wetten, jeder von euch tut das permanent und fragt sich in schwachen Stunden, warum man sich eigentlich so beherzt um Dinge kümmert, die dem Klienten scheinbar egal sind, anstatt den Shit einfach zusammenzuklotzen und stumpf das Geld zu kassieren. Aber macht euch nichts vor – gerade die Tatsache, dass ihr auf Qualität besteht, den Auftraggeber zu überzeugen versucht und motiviert, dass ihr Entwürfe ändert, nachbessert, Texte umschreibt, Bilder neu anfragt, Logos in Vektorqualität auftreibt und immer wieder und wieder an den Details schmirgelt und feilt… gerade diese Tatsache macht euch erst zu guten Designern. Es mag wie aufreibender Alltagskleinkram wirken, aber es ist die Essenz unserer Arbeit – Dinge besser machen. Nicht mit den Schultern zucken, nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Kompromisse machen (und suchen), aber immer wieder jeden Morgen neu an den Schreibtisch zu gehen und um das Beste zu kämpfen. Die Qualitätssicherung im Kopf, der Versuch, immer das Bestmögliche herauszuholen und das Schlimmstdenkbare zu vermeiden. Designer wollen die Nutzbarkeit und die Wirkung dessen verbessern, was sie entwickeln – und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen.

Das große Ganze
Es ist insofern eine oft logische Konsequenz guten Designs, dass es langfristig auch ganze Prozesse beim Auftraggeber optimieren kann. Die Wertschöpfung am Ende hat das Potential, zurückstrahlen in die Produktion und Planung, wenn der Klient in der Lage ist, die Anregungen des Designers intelligent aufzugreifen und umzusetzen. Der Design-Chemiker schließlich nimmt ja das Produkt in seinem Labor unter die Lupe, zentrifugiert es, findet die Essenz, aber auch die Schwachpunkte und kann aktiv helfen, die Markenkommunikation drastisch aufzuwerten. Tatsache ist, dass Design erst dann messbar wirken kann, wenn es als Planungsparadigma gedacht wird und nicht nur als «Hoppla, wir müssen ja auch noch Werbung machen»-Notlösung am Schluss stattfindet. Eine solide Zielgruppen- oder Marktanalyse, eine saubere Strategie mit stets evaluierbaren Zielen, ein diesen Zielen und dem Unternehmensvolumen angemessenes Budget, aber auch ein ehrlich gutes Produkt, ein motivierter Verkauf und guter Service – all diese Zutaten sind für erfolgreiches Design entscheidend, sie sind Aspekte des ganzheitlichen Designs und sollten aus der Perspektive des Designs kritisch betrachtet werden. Je solider das Fundament, umso wirksamer kann Design wirken. Natürlich kann man mit einer schicken Package auch furchtbaren Müll verkaufen – aber langfristig funktioniert das nicht, in Zeiten von Online-Foren zur Bewertung von tatsächlicher Nutzererfahrung mit einem Angebot weniger denn je. Echte Substanz entscheidet, die Einheit von inhaltlicher Qualität und im Marketing gegebenen Versprechen. Ziel eines guten, integrierten Designs ist also eben nicht, Zinn in Stahl zu verwandeln, sondern dafür zu sorgen, dass da von Anfang an gutes Erz gefördert wird, das Ziel ist Ehrlichkeit. Ein guter Designer wird sich also für jedes kleine Detail dessen interessieren, was er am Ende «verpacken» soll – und ein guter Auftraggeber weiß, wie wertvoll der Input eines engagierten Designstudios für sein Unternehmen ist. Auch wenn der Begriff des «Design Thinking» inzwischen ziemlich abgenutzt ist – in der Praxis ist es so simpel wie nahe liegend, und auch keineswegs neu, von Anfang an und in jedem Lebensprozess einer Einrichtung darüber nachzudenken, welche Ziele man hat und wie man sie evolutionär und langfristig erreicht. Will Gestaltung am Ende erfolgreich sein und begründbar funktionieren, tut der Auftraggeber sich immer selbst den größten Gefallen, wenn es von Anfang an eine Philosophie des runden Tisches gibt, in der er und sein Designer im Diskurs die beste Lösung erarbeiten, sich an die Essenz der gemeinsamen Hochwertigkeit heranarbeiten. Egal, was man tut, ob Schrotthandel oder Theater, Autobau oder Architektur – es gibt immer mehrere passende Weg, in seinem Feld die bestmögliche Arbeit zu tun. Design ist die Landkarte, mit der man diese Wege findet, denn die Manifestation von Intelligenz in der Konzeption, Produktion und im Marketing ist nun einmal ein Designprozess. Was liegt näher, als Designer, deren ureigenstes Interesse es ist, Prozesse so reibungslos und funktional wie nur eben möglich zu gestalten, und die ja schon am Ende der Kette einen spürbaren Mehrwert schaffen, von Anfang an einzubinden? Design, von Anfang an richtig gemacht, erzeugt Hochwertigkeit als Folge von Aussiebungsprozessen, von Optimierungen, von kritischem Denken und Besser-Machen-Wollen. Designer sind die Wissenschaftler des Alltags, die von dem Trieb beherrscht sind, die Dinge optimieren zu wollen. Das Richtige ist dabei dann das Funktionierende ist das Schöne ist das Erfolgreiche – es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen «verkauft sich» und «sieht gut aus»

Auf dem Maskenball der Verpackungskünstler
Derzeit geht es bei Design sehr viel um die Oberfläche, den Style. Das mag daran liegen, das primär auf Schaueffekte setzendes Design, das keine Auseinandersetzung fordert, sich in reizüberfluteten Pitches, in rasant durchgeklickten Online-Portfolios und bei hektischen Jury-Entscheidungen einfach besser durchsetzen kann. Die Folge ist, dass heute ganze Design-Lookbooks wie aus einer Hand aussehen, obwohl sie eine ganze Schar verschiedener europäischer Designer aus unterschiedlichen Ländern präsentieren… die halt nur mehr oder minder auffällig identisch gestalten, Echos von Echos in der Echokammer des größten Lookbooks von allem – dem Internet. Es mag auch daran liegen, dass die erfolgreichen Designer weniger und weniger Zeit (und Budget) haben, sich wirklich intensiv und lange mit einem Re-Design einer Marke o.ä. zu befassen und oberflächliche, eben vor allem visuell funktionierende, aber kaum mehr begründbare Lösungen entwickeln. Es mag auch sein, dass genau diese Lösungen in Pitches am einfachsten funktionieren, wenn selbst die Auftraggeber über individuelle Farbvorlieben sprechen und nicht mehr über konkrete Kommunikationsziele, wenn alles im Nebel persönlichen Geschmacks zerstäubt wird. Diese Ästhetisierung von Design, von der sich niemand ganz freisprechen kann, produziert natürlich wunderschön anzusehende Arbeiten von herausragenden Designern/Illustratoren. In diesem Segment von Design als eher visueller Leistung lässt sich Hochwertigkeit sicher an subjektiven oder modischen Parametern festmachen. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Methoden entwickeln werden, um in Form einer aktiven Designkritik über diese ästhetische Dimension von Design urteilen zu können, wie wir heute Film- oder Plattenkritiken schreiben. Grafik-Design wird sich wie Kunst, Photographie oder Architektur als visueller Kulturfaktur etablieren und sich noch mehr als bisher einen Weg in Magazine, Galerien und Museen bahnen. Ich mag diesen Aspekt von Design per se, aber manchmal beschleicht mich die Angst, dass diese Spezies von Design sich ungesund vervielfältigt und allzu dominant wird, es nur noch um modische Launen, um den Gestalter-als-Künstler geht, nicht mehr um die «Sache», die es zu verbessern gilt, nur um subjektive (und damit unangreifbare) und weniger um objektive Vorstellungen von «Hochwertig». Es ist eine resignierte Haltung, die ich hinter manchen Arbeiten vermuten, die nur noch kommentieren oder schlicht sperrig-«anti» sind (wohlgemerkt alle auf recht gleiche Art), oder die auf der anderen Seite nur noch Nichtigkeiten schön verpacken wollen – so als könne man nicht mehr die Kraft aufbringen, das große Ganze besser zu machen. Man kommentiert die Misere, aber als Beobachter, passiv, cool, eben rein ästhetisch. Was sich in den 90er Jahren noch wie ein Befreiungsschlag anfühlte – raus aus dem Korsett des Sachzwangs, rein in den Posthistorismus -, führt heute in ein oft seltsam unterkühltes Spiegelkabinett, in dem narzisstische Verkleidungskünstlern sich einander gleichgültig smarte Insider-Zitate zuflüstern. Es ist eine seltsamer Fin-de-siècle-Maskenball und nach fast zwei Dekaden hat kaum noch jemand die Kraft, wirklich zu tanzen und im Halbdunkeln sehen alle Gäste verdammt ähnlich aus.

Design als Mission
Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn es im Design einen großen Bereich visueller Arbeiten gibt, die frei und abenteuerlich sind, die ohne Leine spazieren gehen. Ich bin vielleicht nicht ganz sicher, ob dieser Bereich derzeit so mutig und frei ist, wie er sein müsste – aber Design-als-Kunst ist ein wichtiges Feld, keine Frage. Aber wenn es um «Hochwertigkeit» geht, komme ich immer wieder zurück zu einem anderen, etwas älteren Designbegriff, dem ich eine Renaissance wünsche. Während Dieter Rams (und leider im nur geringeren Maße der großartige Hans Gugelot) gerade wieder en vogue ist, weil Jonathan Ive den reinen Look des Braun-Designs bei Apple aufgreift, sind es tatsächlich die Thesen hinter dem Design von Rams, die man ähnlich auch bei Bill oder Aicher wiederfinden kann, diese Ideen des Designs der sechziger Jahre, eines soziopolitischen Ansatzes, der aus meiner Sicht einen verblüffend Weg zu einem anderen Begriff von «Hochwertigkeit» zeigt.

«Hochwertig» ist hier nicht das, was modern ist, oder gefällt, was einer ästhetisch-künstlerischen Vorstellung des Designers entspricht sondern das, was evolutionär funktioniert, sich durchsetzt, was also bleibt. Dieses Designer fungiert als permanenter Innovations- und Verbesserungszyklus, als Schumpeterscher Prozess von Selbstkritik, Hinterfragung, Erneuerung. Es ist nur zwangsläufig, dass ein derart an der Nützlichkeit orientiertes Design einen Hunger hat, sich in betriebliche Aspekte einmischen will, die auf den ersten Blick nichts mit «Grafik» zu tun haben. Dieses Design hat stets den Beigeschmack des Missionarischen, weil es ganzheitlich denkt und Nutzungsaspekte eines Produktes ebenso ernst nimmt wie die Usability einer Homepage. Es ist einfach die logische Fortführung jenes Denkens, dass uns als Designer im Detail um Verbesserungen kämpfen lässt. Es ist der Kampf der Chemiebaukasten-Kindes um die besten, pursten Zutaten für das größtmögliche BUMM, eine Art Askese des Guten. Um Rams noch einmal zu zitieren: «Weniger, aber besser.» Unterm Strich ist dieses Design der anstrengende und oft ohne Frage auch frustrierende Versuch, im eigenen Arbeitsethos, in Gesprächen, im Umfeld immer wieder nach Vernunft und Angemessenheit zu suchen, die Prinzipien des eigenen Entwerfens auf das Umfeld auszuweiten. Die Vorstellung von «hochwertig» endet hier nicht bei Schriftwahl und Druckveredelung. Keine Frage, dass die Design-Missionare sich hierbei nicht selten aufreiben, frustriert sind, ausbrennen, in die Lehre flüchten oder nach und nach zu den schlimmsten «Wer zahlt hat Recht»-Zynikern mutieren. Weil die Welt sich in ihrer Komplexität nicht rigide entwerfen und steuern lässt ist der Ingenieurs-Ansatz eines Otl Aicher im Grunde zum Scheitern verurteilt, zu statisch, zu steif, wo der Ansatz der reinen Ästheten zu schlaff, zu hedonistisch, zu pseudo ist. Weil Design immer ein sozialer Prozess ist und eben nicht wie Wissenschaft in einem durchgehend kontrollierbaren oder wie Kunst in einem zutiefst individuellem (ergo auch kontrollierbaren) Umfeld stattfindet, sondern in einem Spannungsfeld von widersprüchlichen und oft fehlerhaften Kommunikationen, Wünschen, Zielen ist ein hartes Streben nach «Exzellenz» eine perfekte Strategie zum Unglücklichsein. Ein Designer wird niemals die Resonanz und Tiefe der Arbeit eines «echten» Künstlers erreichen, ohne sozusagen unbemerkt das Feld zu wechseln – andererseits wird niemals ein Designer auch nur eine ganze Firma re-organisieren und verbessern können, von der Gesellschaft als solche ganz zu schweigen. Aichers Designer als Weltentwerfer und flammender Erzieher würde heute an der eigenen Rigidität und Freudlosigkeit ersticken.

Come together
Die Zerteilung des Designs in Ästheten und Moralisten, Stylisten und Ingenieure, Realos und Fundis, ist nun schon so alt wie die Entdeckung des Selbstbewusstsein des Designs im Jugendstil oder Dada oder Bauhaus, das dürfte sicher ein 100 Jahre altes Thema sein – und es wäre überfällig, diesen Gegensatz als Reichtum zu verstehen. Ja, wir haben derzeit sicherlich zu viele reine Stylisten, syntaktische Meister ohne Inhalte, aber die Austauschbarkeit der meisten Arbeiten ist auch für die Protagonisten der Szene greifbar. Auf der anderen Seite wird auch der strengste selbsternannte «Informationsarchitekt» erkennen müssen, dass Kommunikation eben kein Haus ist, keine Architektur hat, sondern arationalen Aspekten folgt, die man spielerisch und explorativ integrieren kann. Auch Freude an der Nutzung sind eben «objektive» Funktionsfaktoren. So ist zu hoffen, dass die Ästheten auf der Flucht aus dem ermüdenden Nihilismus ihrer Arbeit weiter nach tieferen Inhalten suchen und die Moralisten ihrerseits die Magie des Spaßes und die Leichtigkeit des intuitiven Spiels entdecken. Was seit Jahren wie zwei unvereinbare Lager scheint, kann in der Fusion eine dynamische, lebendige Idee von angewandtem Kommunikationsdesign ergeben, eine Art Dritten Weg als Ausweg aus der Sackgasse, in der die Branche steckt. Design als Kreuzzug funktioniert ebenso wenig wie Design als Cocooning in die Heile Ich-Kuschelwelt. Ein dritter Weg zwischen missionarischem Eifer und nonchalanter Oberflächlichkeit ist eine Chance, sich in aller Bescheidenheit wieder im Sinne Aichers als Weltverbesserer zu verstehen, ohne dabei wie Wile E. Coyote ohne jeden Lerneffekt immer wieder an der Unmöglichkeit dieser Aufgabe zu scheitern. Eine Chance, aus dem nihilistischen Anti-Design herauszukommen, das nichts erschafft, nur cool sein will, sondern die Energie und die Leidenschaft und auch die Wut der Gestalter wieder in positive, die Zukunft suchende Entwürfe zu leiten. Anstatt die Gegenwart müde zu dekonstruieren würden wir so wieder die Zukunft (mit-)gestalten.

Und unsere Suche nach Hochwertigkeit könnte dabei ganz neue Dimensionen erreichen…

DMIG 7 Farben ist da

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Kinder, wie die Zeit vergeht – die siebte Ausgabe von Design Made in Germany ist draußen. Diesmal wieder als wunderbare HTML-Fassung von Martin Rack und als PDF von Saskia Friedrich. Wie immer mit zahlreichen spannenden Artikeln, Interviews, jeder Menge Know-How und der üblichen Kolumne von mir, diesmal über «Schwarz». Neben dem Slanted-Mag ist DMIG eines dieser neuen Design-Magazine, dass sich mit jeder Ausgabe ein Stückchen verbessert und seine ganz eigene Nische gestaltet. Ein tolles Beispiel für die Möglichkeiten, heute mit etwas Herz und Connections «einfach» ein Magazin zu launchen und eine Publikation, die ich von A bis Z lese, wenn sie herauskommt. And so should you, my dear…

Alex Leu fragt 09: Angst und Mut

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Wann empfinden Sie etwas als Angst und wann als Herausforderung?
Wann und wo stellt sich für Sie der Punkt ein, an dem der Mut überwiegt?
Wie verhält es sich, wenn Ihnen ein Projekt besonders wichtig ist?
Angst vorm scheitern: Wie gehen Sie damit um?
Wie sollte man mit hohen Ansprüchen positiv umgehen?

Das ist immer beides gleichzeitig da, Angst und Mut gehören zusammen. Da wir immer wieder gerne Sachen machen, die wir vorher nicht gemacht haben, oder Dinge produzieren, die etwas experimentell sein, hat man natürlich immer wieder die Sorge, ob es auch gut geht. Wenn der Drucker Angstschweiß hat, wird man irgendwann auch selbst natürlich etwas nervös. Diese Angst würde man sicher los, wenn man nur noch die gleichen Dinge tut, insofern ist diese Angst eben auch eine gute Sache. Manchmal werden Projekte eben erst gut, wenn die Gefahr besteht, dass man auch daran scheitern könnte. Wobei ich finde, dass im Design diese Gefahr recht gering ist – ein misslungenes Experiment bedeutet ja keine einstürzenden Neubauten mit einigen Toten, sondern nur eine schlappe Broschüre oder ein verdrucktes Plakat. Davon geht die Welt nicht unter, weswegen man gerade in der etwas schnelllebigeren Designwelt auch den Mut zum Fehlschlag ruhig haben kann.

Geschäftlich hat man, befürchte ich, immer Angst. Ich denke immer, die ist nur da akut, wo ich jeweils gerade bin, aber das ist natürlich Quatsch. Derzeit sind wir zu groß, um studentische Preisstrukturen zu haben, die Kosten sind höher als bei Kollegen, die allein im Homeoffice arbeiten – auf der anderen Seite schätzen uns kapitalstarke Klienten immer noch als zu «klein» ein und gehen lieber zu Großagenturen, selbst wenn diese offensichtlich zu groß und teuer für diese Auftraggeber sind. Und dieser Spagat macht einem natürlich schon mal Sorgen. Man glaubt dann, wenn man erst einmal 8 oder 10 Leute im Team hat und mehrere sechsstellige oder sogar siebenstellige Etats fährt, verschwindet die Angst vielleicht. Aber das ist natürlich nicht wahr – das Rad wird nur größer, der Druck nimmt zu, mit den Möglichkeiten wächst auch die Fallhöhe. Wenn du 100 Mitarbeiter hast, kämpfst du genauso um Etats und hast genauso die Sorge, Mitarbeiter gehen lassen zu müssen, wenn Aufträge ausbleiben. Same same, aber auf einem anderem Niveau. Tatsache ist, dass sich an dieser Art von existentiellem Stress seit den Anfangstagen nichts geändert hat, ausser in der Höhe der Beträge, um die es geht. Wenn man nicht angestellt ist, gehört das irgendwie wohl dazu – und als Angestellter hat man ja im Grunde die gleiche Sorge, im Gewand der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ruhig schlafen können in dieser Hinsicht nur noch Beamte.

Als Designer hat man – je nachdem wie man tickt – neben dieser existenziellen Angst sicher noch die Ebene einer Scheiternsangst im gestalterischen Sinne. Wie jeder Kreative fragt man sich, wie relevant das eigene Tun ist. Ich bin da mit den Jahren entspannter geworden. Wir produzieren keine Kunst, sondern bedrucktes Papier, da sollte man bescheiden sein. Die Relevanz liegt in der eigenen Zufriedenheit und im Erfolg für den Kunden, in dem Gefühl, mit guten Leuten an guten Dingen zu arbeiten und im Kleinen ein paar Parameter in die richtige Richtung zu schieben, ohne gleich die Welt dabei retten zu wollen oder das Design des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren. Wer das von sich selbst erwartet, hat ohnehin ganz andere Probleme :-).

Kann man mit hohen Ansprüchen auch negativ umgehen? Ich habe kein Problem mit meinen Ansprüchen. Ich habe mit den Jahren gelernt, mich nicht völlig zu zerfressen, man kann nicht alles kontrollieren, muss auch mal loslassen können – zumal bei den meisten Projekten immer viele Menschen mitentscheiden und man deren Meinung auch respektieren sollte. 100% Perfektion geht nicht in Kollaborationen. Ich merke immer noch, wenn sehr viel von mir persönlich in einem Projekt steckt, dass ich dann ganz schön gereizt reagieren kann, wenn man mir am Ende des Wegs die letzten 10% oder 20% versalzt und ich meinen «Willen» nicht durchsetzen kann. Das Ding ist nur, dass das gar nicht gesund und gut ist – richtig ist, sich einzubringen und zu engagieren, aber auch loslassen zu können und die Meinung anderer zu respektieren. Ich glaube inzwischen an eine Politik des doppelten Vetos – eine Arbeitsbeziehung ist dann gut, wenn wir dem Klienten nichts aufzwingen und er jederzeit «Nein» sagen und steuern kann, und wenn wir aber bitte eben auch jederzeit «Nein» sagen dürfen und man uns nichts aufprügelt. Aus dieser Kombination entsteht zwar mehr Arbeit, bis man eine für beide Partner sinnvolle Lösung gefunden hat – aber wenn beide Seiten sich die Mühe machen, sind am Ende auch wirklich alle meist zufrieden und es ist eben dennoch kein Kompromiss-Design, sondern eins, das man gemeinsam im Dialog entwickelt hat. Leider gibt es immer noch Auftraggeber, die es fast als Sport sehen, den Designer etwas vorschreiben zu müssen, ihn «brechen» zu können. Ich finde das immer schade, wenn wir unser Veto-Recht nicht wirklich kriegen, da es ja sozusagen per Definition nicht um unser subjektives ästhetisches Empfinden geht, sondern um saubere, erfolgreiche Arbeit im Sinne des Auftraggebers… und um die Tatsache, dass wir ja dafür bezahlt werden, uns intensiver mit visuellen Auftritten und Details zu beschäftigen und mehr Know-How zu haben. Wer da Beratung ablehnt, aus welchen guten Gründen auch immer, tut sich eigentlich selbst keinen Gefallen, ebenso wie wir immer gut damit fahren, auf die Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, zu hören.

Alex Leu fragt 08: Motivation

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Wann treibt Sie ein Projekt besonders an?
Würden Sie sagen, dass viele Ängste eliminiert werden, wenn man sich mit etwas beschäftigt oder auf eine Weise löst, was man ziemlich gut kann, mit dem man sich voll identifizieren kann und Spass macht?
Sollte man sich vorwiegend mit Projekten beschäftigen, mit denen man sich identifizieren kann? (übereinstimmung mit Selbstkonzept, Haltung, Interesse etc.)

Wir sind immer erst mal hochmotiviert. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ich in A- oder B-Projekte unterscheide. Schneller kannst du Sachen angehen, bei denen vieles bereits vorliegt oder geklärt ist, wo die Vorarbeit erledigt ist, aber das hat nichts mit der reinen Motivation zu tun. Du verlierst diese intrinsische Motivation nur dann, wenn du merkst, dass der Auftraggeber, in dessen Sinne du ja arbeitest, aus eigenen Gründen nicht mitzieht. Das passiert, wenn etwa interne Politik entscheidender wird als das faktische, langfristige Ergebnis. Oder wenn du merkst, dass jemand seinen frühen Feierabend wichtiger findet als ein überzeugendes Resultat, wenn Leute in eine Angestelltenmentalität wegducken und keine Leidenschaft entwickeln. Das passiert und manchmal ist das sogar gerade ein Grund, noch motivierter zu sein – aber zugegeben, manchmal drückt das auch auf die eigene Motivation, klar.

Umgekehrt freuen wir uns immer umso mehr, wenn wir unsere Partner wachküssen, mitreißen und man am Ende etwas geschaffen hat, was für diese Firma oder Organisation wirklich anders, brennender, intensiver ist – wenn da auf einmal Aufbruchsstimmung kommt und sich dann idealerweise auch noch Erfolg einstellt. Du merkst, es kommen bei mir immer wieder unternehmensberaterische und psychologische Faktoren hinein – Motivierung, Hierarchiefreiheit, die richtigen Dinge auf die richtige Art tun, Spaß und harte Arbeit kongruent kriegen und so weiter. Das macht unfassbar Spaß, wenn du über die Jahre zum Berater wirst, zum echten Partner, zum Vertrauten, zum «Freund» und deutlich mehr leistest als nur den gestalterischen Verpackungsprozess ganz am Ende einer Leistungskette.

Persönlich bin ich außerdem jemand, der es mag, gerade im kulturellen Sektor, wenn etwas gegen den Strich gebürstet wird. Ich mag es selbst als Konsument, wenn mich etwas herausfordert und freue mich also, wenn Theater, Museen usw. mit uns Projekte anschieben, die nicht allzu affirmativ und glatt sind, sondern die Ecken haben, widerborstig sind, die nicht so einfach wegkonsumierbar sind, die mehr wollen als nur Tickets verkaufen, die irgendwie verwirren oder verärgern oder mehr Zeit fordern als ihnen zusteht, die also das leisten, was Theater und Kunst und Kultur auch generell machen – zur Auseinandersetzung einladen.

Insofern interessieren uns auch nicht nur Projekte, mit denen wir uns ohnehin identifizieren. Zwar gibt es gewisse moralische Faktoren, die passen müssen – als Büro versuchst du natürlich für Kunden zu arbeiten, die Dinge tun, die sozial und moralisch integer sind, die die Gesellschaft insgesamt voranbringen -, aber wir haben keine Angst davor (im Gegenteil), Projekte zu starten, die uns völlig fremd sind, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen. Es ist also nicht so bei uns, dass wir weniger «Ängste» haben, wenn wir in vertrauten Gewässern schwimmen – sondern wir fühlen uns auch im tiefen Wasser ganz wohl, solange der Kunde uns das Vertrauen und die Zeit leiht, hier schwimmen zu können.

Wichtiger Teil ist da eben auch die Neugier auf das Neue. Und die befriedigst du nicht, wenn du immer in den gleichen Gewässern schwimmst. Es ist schwer, Auftraggeber zu überzeugen, wenn du in ihrem Segment eigentlich keinerlei Erfahrung hast, aber gerade dieses fremdelnde, ganz frische, suchende Element des Designs macht dann besonders Spaß – neue Zielgruppen, neue Regeln, die man beachten und brechen kann, neue Abenteuer. Und daraus erwachsen Ergebnisse, die dann für die Branche meist relativ wegweisend sind. Die Erfahrung ist nicht selten, dass das, was wir dann sozusagen «neu» erfinden, weil wir uns frisch mit einem Marktsegment und seinen Problemen befassen, binnen kurzer Zeit von anderen Firmen in diesem Bereich übernommen wird.

Mit der «Identifikation» ist das so eine Sache. Wir haben bestimmte, fast unausgesprochene, aber klare, ethische Regeln. Wir wollen für Projekte und Produkte arbeiten, die ein positives Vorzeichen haben. Die der Gesellschaft etwas geben. Aber das ist nicht so platt, wie es klingt – und darf es auch nicht sein. Identifikation darf nicht heißen, den eigenen Vorurteilen oder Paradigmen zu folgen, sonst lernt man nichts mehr dazu und stagniert. Man muss offen bleiben, die Meinungen ändern dürfen. Wir haben etwa für die von uns im Vorfeld ja nicht unkritisch gesehene Chemiebranche gearbeitet, weil die Jugendstiftung eines großen Branchenunternehmens rundum und ohne jeden Zweifel eine phantastische Sache war – und der Partner auf der anderen Seite in jeder Hinsicht genau die Sorte Person, mit der du einfach gern arbeiten willst, war. Identifikation ist wichtig, darf aber nicht zur Beengung des Sichtfeldes oder der Neugier auf neues führen. Sonst verkümmert man. Je verschiedener die Aufträge sind, umso spannender ist das Arbeiten – eine der ganz großen Sachen an diesem Job ist doch, hinter die Kulissen verschiedenster Branchen und Bereiche schauen zu dürfen und sich etwas einarbeiten zu müssen. Wir wissen natürlich nie so viel von Schauspiel wie ein Intendant oder vom Banking wie ein Professor, aber sich mit diesen Bereichen befassen zu dürfen, berufsbedingt in diesen Feldern forschen zu dürfen, ist ein großes Geschenk, das man als Designer nun mal hat. Man lernt einfach lebenslang sehr viel.

Alex Leu fragt 07: Autorenschaft

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Inwiefern ist Autorenschaft im Design relevant?
Welche Rolle nimmt die Kommunikation, „eigener“ Arbeiten (Autorenschaft im Design), in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils ein?
Für wie wichtig halten Sie, dass Designer, eigene Botschaften und Inhalte kommunizieren und neben der Arbeit für Kunden, als Designautor in Erscheinung treten?

Das muss wirklich jeder für sich entscheiden. Die Branche hat genug Spielraum vom dumpfsten Dienstleisterdenken bis hin zur Selbstwahrnehmung als unantastbarer Künstler, dem keiner reinzureden hat.

Lustigerweise unterstellen mir manche Auftraggeber gern diesen Künstlerhabitus, wenn ich bei Änderungswünschen mal etwas bockig reagiere. Nichts könnte weiter weg von der Wahrheit sein. Ich habe mich nie als Künstler verstanden und der Kick als Designer ist für mich nicht, mich «selbst zu verwirklichen», sondern ganz konkrete Probleme zu lösen – und das heißt manchmal auch, dem Partner gegenüber in seinem eigenen Interesse eine Meinung zu vertreten.

Ich denke eher wie ein Ingenieur oder Architekt oder Wissenschaftler. Ich komme von der Studienzeit her aus der Kommunikationswissenschaft, der BWL und der Unternehmensberatung und sehe Design insofern nicht als graphische Spielerei, sondern als soziales, psychologisches und wirtschaftliches Kommunikationswerkzeug. Innerhalb dieses Rahmens lege ich aber durchaus viel Wert auf eine Art Co-Autorenschaft, auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, auf Argumente und Austausch. Wir finden schon sehr wichtig, beraten zu können und zu dürfen und das bedingt eine Co-Autoren-artige Zusammenarbeit. Hat man nicht immer, aber es bringt ohne Zweifel die besten Ergebnisse.

Ich bin immer getroffen, wenn Klienten uns als reine Grafik-Hansel betrachten, denen man Inhalte und sogar gestalterische Details vorgeben kann, vor allem, wenn dies ohne strategisches Nachdenken geschieht, also ohne Herleitung in Abstimmung mit den Zielen. Insofern suchen wir immer den Dialog und kümmern und intensiv um an sich grafik-ferne Themen… andere Marketingbereiche, Produktqualität, Service, Innenarchitektur, Corporate Language, Struktur, Inhalte und Tonalität von Texten. Da kann es passieren, dass ich einem Vorstandsvorsitzenden sagen muss, dass es eigentlich egal ist, wie liebevoll wir die Verkaufsmedien gestalten, solange der Innendienst sich unfreundlich am Telefon meldet oder selbst bei großen Anfragen nicht serviceorientiert reagiert. Das Ergebnis ist dann vielleicht eine Schulung – und das Geld ist besser investiert als eine Printmaßnahme, die nur dazu führt, dass mehr Leute unwirsch am Telefon begrüßt werden :-D. Und es ist natürlich für uns immer wieder eine schöne Erfahrung, wenn solche Ratschläge wirklich angenommen werden – und dann auch oft greifen und ein besseres Ergebnis bringen. Design ist für uns eben nicht nur «Grafik», sondern Optimierung von Prozessen zu einem gewollten Erfolg hin.

Es ist ein Ansatz von Design als Organisationspsychologie an der Schnittstelle zwischen unserem Auftraggeber und seinen Kunden, also wirklich keine Kunst. Es geht für uns immer sehr intensiv um die Sache an sich, um eine gewisse Ehrlichkeit im Auftritt einer Marke, und damit um Erfolg für unsere Klienten… nicht so sehr um die visuelle Selbstbefriedigung, auch wenn natürlich bei manchen Projekten ein grandioser Look ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, weil es Aufmerksamkeit bringt und damit die Response-Chancen.erhöht. Klar soll es also am Ende gut aussehen, aber das ist dann ein Ergebnis von richtigen Entscheidungen und guten Prozessen, das Optische ist sozusagen für uns der Ankunfts- nicht der Ausgangspunkt der Reise.

«Autorenschaft» sehe ich also nicht als das rein visuelle. Kunstbücher sehen automatisch besser aus als Flyer für eine Partei – aber was ist wirklich wichtiger? Sollte man nur Plattencover machen und hippe Magazine, weil es dann automatisch sexy-modern wird… oder ist es nicht doch eben spannender, da zu arbeiten, wo gutes Design viel schwieriger und weniger selbstverständlich zu erreichen ist?

Es gibt viele Kollegen, die neben den Auftragsarbeiten auch «eigene» Arbeiten machen – Magazine, Bücher, Plakate – und ich finde das großartig und die Ergebnisse sind toll, aber mit ganz wenigen Ausnahmen kommen wir nicht dazu. Ich würde dann auch eher schreiben als «Layouten». Ich muss auch zugeben, ich finde das ein wenig wie die Sache mit «Arbeit» und «Urlaub». Ich mache wenig Urlaub, weil ich meine Arbeit nicht wirklich als belastende «Arbeit» empfinde. Was ich mache, macht mir Spaß und meist sind selbst Urlaube ein Anlass, sich Inspirationen zu holen. Ich brauche keine «Flucht» vom Beruf. Insofern brauche ich auch eigentlich kein Projekt, um mich selbst zu verwirklichen, weil ich das in meiner Arbeit tue und eigentlich auch immer im ausreichenden Maße darf und kann oder sogar soll. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich gut wäre in einer Arbeit, in der mich kein Spielpartner zu Kompromissen oder Umdenken oder Problemlösungen anregt, sondern wo ich nur mit selbst gerecht werden müsste, ich fände das vielleicht sogar langweilig. Das, was mir persönlich an der Arbeit Spaß macht, kann ich eben am besten im Dialog mit einem Auftraggeber machen, wo auch ein Ziel des Spiels in Sicht ist. Kompromisse und «botched jobs» tun dann natürlich weh, aber den «Urlaub» von der Realität im Design brauche ich eigentlich nicht, ich mag die realen Jobs so wie sie sind und habe kein Zwei-Klassen-Denken. Denn dazu führt das doch vielleicht irgendwann, oder? Zweitklassig gemachte Auftragsarbeit for the money und dann volle Energie für erstklassige «Eigen»-Aufträge – keine Ahnung, wie man das kommunizieren will, auch im Team intern. Mein Ansatz ist eher: Jeder Auftrag eines Kunden IST ein eigener Auftrag und ist A-Liga, egal wie groß oder klein. Ich habe da diese Karate-Kid-Mentalität: Es gibt keine sinnlosen Tätigkeiten, man kann selbst Aufträge, die sich auf den ersten Blick unspannend anhören, spannend machen. Und genau das ist doch die Definition von Design – Dinge besser machen als sie akut sind.

Es braucht auch diese Spannung, finde ich. Ich fand David Carson absolut großartig, als er «Ray Gun» gemacht hat. Da gab es Inhalte, eine Redaktion (wenn auch keine sehr mächtige), da gab es spürbar eine Reibung und eine Aggressivität, man hatte das Gefühl, der Mann testet die Grenzen dessen aus, was er machen darf, wie weit er gehen kann, der spielt mit den Möglichkeiten des «Briefings». Ohne diese Grenzen, in totaler Freiheit, wirkt Carson auf mich heute vergleichsweise weniger spannend – als würde ihm etwas fehlen, woran er sich abarbeiten kann – die Oberfläche ist gleich geblieben, aber es fehlt eben etwas, wogegen er rebellieren kann – die Normen eines «normalen» Musikmagazins. Du solltest als Designer also nie denken, dass Grenzen dich einengen – sie zünden die Kreativität, weil sie sich zwingen, um diese Grenzen herumzudenken. Das mag paradox klingen – aber ich glaube, dass die Auftraggeber von diesem Ansatz, sich auch mal gegen das Briefing zu stellen und darüber hinaus gehen zu wollen, enorm profitieren. Ich mag das bei Ingenhoven immer sehr: Der kriegt in einem Wettbewerb ein sehr konkretes Briefing für ein Bauwerk, recherchiert und entdeckt vielleicht eine bessere Lösung – und geht dann damit in den Wettbewerb. Da werden aus einem Hochhaus zwei … oder aus vier Blockgebäuden eine lebendige Gesamtstruktur, oder sie finden eine bessere städtebauliche Lösung als ursprünglich vorgesehen. Das deckt sich enorm mit meinem Denken, im Sinne des Auftraggebers anders zu denken und andere Lösungen anzubieten, auch auf die Gefahr hin, dass man diese etwas mehr erklären muss und es ein komplexerer «Pitch» wird als wenn man nur brav die Vorgaben abarbeitet.

Anders gesagt – ich habe in den letzten Jahren viele Theatersaisonhefte gesehen, die exakt gleich aufgebaut sind und sich nur oberflächlich-ästhetisch unterscheiden. Photos der Darsteller, Stücktexte, Serviceinfos und drumrum halt etwas Grafik Design. Wenig eigene Botschaft und das Design etwa so wie man es auch bei einer normalen Broschüre in der Industrie hätte. Das ist der Standard und das ist eine einfache Sache. Ich mag das aber nicht. Ich finde zum einen Theater ist ein Ort von und für kreative Haltungen und Botschaften, die darf und soll ein Jahresheft zeigen, und zum anderen sehe ich die Rolle eines Designers am Theater nicht passiv, sondern aktiver, mutiger – da hat mich das Schauspielhaus Bochum ziemlich verzogen, zugegeben. Insofern mag ich beispielsweise enorm, was Anselm Weber in Essen gemacht hat, von A bis Z, da hat alles gestimmt, Ansatz, Design, Denken, Projekte, einfach großartig. Ob in Bochum oder jetzt in Bielefeld – wir genießen da ein wenig Vertrauen und können deshalb in den Medien eigene Ideen, Ansätze, Themen, sogar Texte einbauen. Man «shanghait» sozusagen die Medien und macht sie sich – völlig im Interesse des Auftraggebers – zu eigen. Da muss ich dann natürlich immer damit leben, dass das Marketing, die Dramaturgie oder Intendanz als Redaktion und Absender auch mal «Nein» sagen oder andere Richtungen gehen wollen, aber das ist doch auch sehr okay dafür, an dieser Stelle als Mit-Autor tätig werden zu dürfen, in dem Kontext und ein ansonsten etwas blutarmes Medium spannender zu machen. Das ist ein spannender gemeinsamer Prozess, ein Herantasten, und natürlich gibt es auch in Bielefeld noch Darstellerbilder und Stückinfos, aber etwa im letzten Saisonheft eben auch deutlich mehr. Und dieser Prozess macht mir mehr Spaß als zwanzig eigene Magazine zu machen – ich finde es spannender, Wandel zu gestalten, Partner zu überzeugen, Fort- und Rückschritte zu erleben als die totale Freiheit zu haben… ganz ehrlich, ich befürchte, die würde mich etwas langweilen.

Alex Leu fragt 06: Haltung & Struktur

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Wie kann ein Designer innerhalb einer Agenturstruktur seine eigene Haltung folgen?
In dem er sich die Agentur aussucht, mit dem er sich am ehesten identifizieren kann?

Wie gesagt, ich glaube, dass man als Designer keine Haltung vorweg haben, sondern in der Arbeit entwickeln sollte. Am besten sogar gemeinsam. Und entwickeln kann man eine Haltung nur durch Fehler, durch Widerspruch, durch Erfolge und durch Feedback.

Es gibt bei uns für einen Designer insofern grundsätzlich zwei «Hürden». Die eine bin ich – beziehungsweise ist das gesamte Team, weil wir in der Entwurfsphase nur Sachen herausgeben möchten, an die wir auch selbst glauben. Die andere Hürde ist in der Zusammenarbeit der Auftraggeber mit seinen ganz eigenen berechtigten und auch mal vielleicht schwierigen Wünschen. Beides ist für Studenten, die an der FH oft vielleicht eher milde Kritik und viel Freiraum für ihre eigene Kreativität bekommen haben, sehr ungewohnt. Für mich ist es das eigentliche Salz der Arbeit, ich bin, auch wenn es mal punktuell schwierig wird, sehr «client-centric» orientiert und kein Künstlertyp. Aber wenn man es anders gelernt hat, bekommen viele Designer bei uns eine Art kognitive Dissonanz. Auf einmal müssen sie ihr Talent funktional einsetzen, gezielt, strategisch und nicht egozentrisch für eigene Interessen und Ansätze, aus dem Spiel ist Ernst geworden. Sie wählen nicht mehr selbst die Ziele und Mittel, sondern kriegen diese per Briefing oder neutralem Sachzwang einer Design-Mission vorgegeben. Sie setzen nicht selbst individuell Parameter, sondern müssen diese durch Forschung und Analyse ermitteln und dabei möglichst neutral, ehrlich, evaluierbar bleiben, sie müssen schon intern alles und jedes immer wieder begründen und nach Schwachstellen durchleuchten lassen. Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig dieser Gangwechsel sein kann und ich weiß auch, dass manche Studenten das gar nicht packen und deshalb einen eigenen Weg finden müssen, der sie vielleicht eher in Richtung Kunst und Selbstverwirklichung führt. Ich finde es super, dass es inzwischen Künstler/Designer gibt, einige davon sind gute Freunde und ich finde diese Grenzgänger unfassbar wichtig – aber mir geht es nicht um Design für uns oder für mich, sondern um soziales Design mit einer Wirkung. Wir haben sicher eine Haltung und wir wollen sicher auch gute Gestaltung – aber die Haltung ist die, dass es nicht selbstverliebt sein darf, sondern dem Auftraggeber helfen muss und die gute Gestaltung ist dabei einfach nur das beste Mittel zu diesem Zweck. Ich bin beileibe kein Jasager, der alles macht, was der Geldgeber fordert – fast eher im Gegenteil, viele Kunden empfinden uns vielleicht sogar eher als kritischen Partner -, aber wir sind nicht kritisch, weil wir für uns was «Schönes» wollen, sondern wir sind kritisch – auch uns selbst gegenüber -, weil nur dadurch ein am Ende hoffentlich gutes Ergebnis entsteht.

Intern gilt, dass ich mehr als offen für Ansätze und Haltungen, Inputs und Konzepte bin, ich will einfach nur, dass es gut ist und auch gut gemacht. Da ich selbst relativ wenig auf einen bestimmten Stil festgelegt bin, kriegt man mich auch begeistert, wenn man gut argumentiert, fundiert begründet und gute Arbeit gemacht hat, ich bin immer mehr als froh, wenn Mitarbeiter ihr eigenes Ding machen, nicht Dienst nach Vorschrift, nicht versuchen, es «mir» recht zu machen, es geht nicht um mich. Die meisten Ergebnisse bei uns sind inzwischen hochgradig gemeinsam erarbeitet, jeder schaut auf alles drauf, jeder gibt Input, jede Meinung wird ernst genommen, egal ob Praktikant oder Inhaber, wir sind weitestgehend hierarchiefrei in dieser Hinsicht. Am runden Tisch muss sich halt das beste Argument, der beste Entwurf durchsetzen – nicht als «Wettbewerb» gedacht, sondern als Diskussion, als gemeinschaftliches Arbeiten. Am Ende ist es dann nie hundertprozentig «dein» Produkt, sondern eine in der Peer-Kritik gereifte und geänderte, hoffentlich dabei besser gewordene Fassung. Es ist wie bei einer Band, im Idealfall wie bei einer guten Band, in der die Summe mehr ist als die Teile. Das betrifft auch meine Entwürfe, ich habe schon Logos oder Editorial-Sachen, an die ich sehr glaubte, weggeworfen, weil die anderen sie mies fanden und die besseren Argumente hatten. Das gewährleistet, das «But I like it…!» nie wirklich ein Argument sein kann, es geht nie um persönliche Eitelkeiten.

Ich glaube, durch diese Art Innenrevision kannst du mit der Zeit als Mitarbeiter sehr sehr gut auf Augenhöhe mit den Klienten diskutieren, weil du ja die Arbeiten mit geschaffen hast, aber auch, weil du intern immer wieder üben musst, deine eigenen Ideen argumentativ zu untermauern. Du kriegst nach und nach diese Idee in den Kopf, dass du eben kein «Autor» bist, der von bösen Kunden an der freien Entfaltung gehindert wird, aber eben auch kein reiner «Dienstleister», der immer ja sagen muss. Alles ist Prozess, alles ist nach Möglichkeit Diskurs – das ist mitunter anstrengender als Dienstleistung total oder 100% Künstler-Attitude, aber wenn es funktioniert, ist es grandios, und es funktioniert sehr oft. Gibt immer auch mal einen Punkt, wo man sich mit Kunden dann auch stark reibt, aber wie Karin Schmidt-Friderichs mal sagte: Wo Reibung ist entsteht Glanz. Und nahezu ausnahmslos ist nach einem Konflikt-Punkt auch wieder Harmonie da.

Das unseren Designern natürlich alles nichts, wenn der Klient wirklich völlig beratungsresistent ist und schlechte Ergebnisse unilateral erzwingt, aber es macht dich als Designer realitätsbewusster und weniger eitel, sicherer und selbstbewusster. Die Haltung des Büros (die eben auch ganz anders sein kann als meine ganz individuelle) entspringt insofern auch immer wieder aus diesen Gesprächen, und wird zu einer Art «ausgehandelter» Gruppenhaltung. Wir sind klein genug, um solche Prozesse erfolgreich leisten zu können. Ab zehn Leuten ist das organisatorisch schwierig und selbst in Sub-Units orientierte größere Designbüros sind schon zu bürokratisch aufgestellt, haben echte «Angestellte», keine Familie mehr, weil dort der einzelne immer ersetzbar sein muss, das ist Teil des Systems, people come&go. Bei uns nicht. Bei mir ist keiner ersetzbar, wenn jemand geht, klafft eine Lücke, aber andererseits weiß hier hoffentlich eben umgekehrt auch jeder, dass er Teil des Ganzen ist, wichtig ist. Und seine Haltung, wie immer die auch sein mag, eben einbringen und entwickeln kann (und soll).

Alex Leu fragt 05: Portfolios

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Inwieweit erwarten Sie von Bewerbern, eine erkennbare Haltung?
Inwieweit sollte sich ein Bewerber in eurer Haltung und Stil ähneln?

Ich erwarte von Bewerbern und Portfolios erst einmal vorab gar nichts, sondern gehe offen an jede neue Bewerbung. Der einzige Weg, eine Haltung beim Erstkontakt zu beurteilen ist ja das Portfolio und vielleicht das Anschreiben. Wenn die Zeit ist, sehe mir die Portfolios konzentriert allein und in einem zweiten Schritt noch einmal mit dem Team durch und wir reden gemeinsam darüber – immer ein schöner Anlass, generell über aktuelle Tendenzen im Design zu reden.

Beim Portfolio geht es für uns um ganz verschiedene Aspekte – hat er oder sie kreative Ideen, ist die Typographie in den Details liebevoll gemacht oder schluderig, stimmt das Handwerk, ist da eine Vielfalt in den Medien und Richtungen zu entdecken, kommt er oder sie nett rüber und so weiter, ist die Mappe und das Anschreiben glaubhaft und ehrlich? Formbriefe, bürokratische Lebensläufe, ominöse Zeugnisse und künstlich aufgeplusterte Portfolios mögen wir meist nicht – je persönlicher und ehrlicher, mit allen Schwächen und Stärken, umso schöner. Einfach so sein, wie man ist, dann klappt es am besten. Ich selbst mag es sehr, wenn Arbeiten nicht nur gezeigt, sondern auch etwas erklärt werden, wenn möglich ohne das, was ich «Diplom-Sprech» nenne, also Texte, die alles künstlerisch aufblasen und eher wirken wie Eigen-Interpretation. Aber ganz sachliche Case Studies, Hintergründe, Motivationen und so etwas – super.

Einen allzu festen Stil oder eine visuelle Attitude bei jemanden Mitte 20 fände ich fast eher seltsam. In dem Alter schon dogmatisch zu sein, wäre ja ziemlich schade. Obwohl man natürlich vielleicht auch gerade mit 20 viel enger und strenger ist / denkt als später im Leben. Mit 20 bist du viel brutaler in deiner Ablehnung von Musikrichtungen und Kleidungsstilen, steckst mehr in Schubladen und Peerdenken. Das lockert sich erst mit den Jahren und Begegnungen und Entdeckungen, wenn man sich als Person dehnt. Idealerweise bringt Alter ja Toleranz und Neugier. Mit 25 denkst du, alle Antworten zu haben, mit 40 oder 50 genießt du eher die Tatsache, eigentlich noch nicht mal ein paar Fragen zu kennen und immer wieder neue zu entdecken. Insofern finde ich Neugierde besser als Haltung – oder Neugierde gut ALS Haltung.

Ich habe auch gelernt, dass ein Portfolio im Zweifelsfall sehr sehr wenig über einen Bewerber aussagt, außer bei den ganz schlimmen Fällen. Nicht nur, weil ab und zu auch mal etwas Arbeit dazugeschummelt wird, sondern auch, weil du nie beurteilen kannst, was wie betreut wurde an der FH, wie viel Zeitdruck war (bzw nicht war), bei Arbeiten in Agenturen, wer da wirklich was gemacht hat… und so weiter. Ähnlich wie bei Photographen, die auf ihrer Site aus 1000en Bildern die 20 besten zeigen, die nur leider keinen Rückschluss auf die Praxistauglichkeit zulassen, so zeigen Designer-Portfolios oft kaum, wie gut jemand vor Ort im Büro mitarbeiten kann.

Wichtiger als eine visuelle Sprache, wichtiger als eine «Haltung» ist mir also eher der spürbare generelle Spaß an der Sache und die Ernsthaftigkeit in der Umsetzung, die Frage ob jemand ins Team passt, mit mir klarkommt, sich als Designer im Kontext gut einbringt und entwickelt. Auf keinen Fall interessiert mich, ob die Einstellungen und Haltungen meine eigenen widerspiegeln, im Gegenteil. Ich brauche keine Mini-Mes, sondern im Gegenteil Leute, die andere Fähigkeiten und Sichtweisen an den Tisch bringen und mich ergänzen – denn mich gibt’s ja schon. Die menschliche Chemie muss grundsätzlich sicher stimmen – nicht nur bei mir, bei allen im Team -, aber meist finde ich es spannend, wenn ein Praktikant oder Mitarbeiter eben neue Dinge einbringt, unseren Horizont ein bisschen erweitert, etwas anders tickt. Wir sind alle recht verschieden gemischt hier – und das macht den Reiz der Arbeit aus und bringt mehr Vielseitigkeit in den Ergebnissen. Denn am Ende möchte ich natürlich, dass jeder Designer zum einen das tut, was der Auftraggeber braucht und zum anderen «seine» Lösungen findet. Vielleicht gibt es deshalb auch kaum einen House-Style bei uns, weil ich sehr dran hänge, dass die Designer – die sehr eng mit «ihren» Klienten zusammenarbeiten, auch ihr eigenes Ding machen und stolz darauf sein wollen.

Alex Leu fragt 04: Awards

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Wie wichtig sind Awards?
Sind Wettbewerbe das Maß aller Dinge? Oder ist das auch mal zu hinterfragen?

Schwer zu sagen. Da ich Design nie studiert habe und insofern immer etwas mit meiner «Berufung» hadere, freue ich mich wahnsinnig, wenn eine kompetente Jury eine unserer Arbeiten lobt. Nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern weil man ja selbst stets etwas «schwimmt» mit den Ergebnissen (man kennt ja selbst immer die Alternativen und Kompromisse auf dem Weg sehr gut und kann Endergebnisse kaum noch neutral betrachten), so dass es schon gut tut, wenn es jemand anderes mag – ganz egal ob Jury oder jemand auf der Strasse, der dein letztes Saisonheft lobt.

Auf der anderen Seite sind die grossen Awards natürlich finanzielle Unternehmungen. Da fragst du dich automatisch, wenn du gewinnst, was das noch bedeutet – und wenn du nicht gewinnst fragst du dich das erst recht. Insofern hat Bruce Mau generell schon recht, dass Wettbewerbe ungesund sind. Da geht halt eine Jury durch einen Raum mit 1000 tollen Arbeiten, natürlich ist da nicht möglich, sich mit den Zielen und Methoden jeder Arbeit zu befassen, solche Preise sind also ganz unweigerlich etwas oberflächlich, ich war oft genug selbst in einer Jury, um das zu verstehen. Ich mag Awards also, aber ich nehme sie nicht zu ernst. Wir haben ein Jahresbudget für solche Sachen und damit hat es sich, wir nehmen da beileibe nicht alles mit und reichen nicht um jeden Preis alles ein. Zumal uns Awards keine Klienten bringen, bisher nicht einen einzigen. Ich hab keine Ahnung ob andere Büros über die Award-Quote Auftraggeber kriegen, bei uns ist das kein Faktor. Manchmal befürchte ich fast, es schreckt Leute ab, weil sie denken, wir wären teuer – dabei sind wir ja ein recht preiswertes Büro für den Umfang und unser Know-How.

Was uns sehr freut ist allerdings, wenn man den Klienten zu einer relativ mutigen Sache anstiftet und diese dann auch wirklich ausgezeichnet wird. Einfach, weil der Mut dann noch einmal von außen gelobt wird. Oft ist das nicht nötig, weil mutige Ansätze mittelfristig direkt ihre eigenen Erfolge bringen – gute Presse, Imageaufwertung, Besucherzahlen, Umsatz, was auch immer – , aber kurzfristig finde ich, hat der Klient diesen Schulterschlag einer Jury einfach verdient. Ich freue mich insofern meist mehr für den Auftraggeber als für uns selbst, denn ohne gute Klienten gäbe es keine Awards, insofern sind wir sehr dankbar dafür… jeder gewonnene Preis ist eine Arbeit, die unterm Strich ja nur aufgrund des Klienten gut werden konnte.

Alex Leu fragt 03: Selbstvermarktung

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Wie kann sich eine Agentur oder ein Designer vermarkten bzw. nach außen kommunizieren, um ein bevorzugtes Kundenprofil zu schaffen?
Hat die Kommunikation der eigenen Haltung in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils, eine Rolle gespielt?

Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Während es ein leichtes ist, Auftraggeber zu beraten, habe ich persönlich natürlich Probleme mit dem Selbst-Marketing und mit dem Erfolg von nodesign, dem Wachsen von der Ein-Mann-Show zum Büro, ist das ein wichtiges, immer wiederkehrendes Thema. Wie wächst man, wohin will man, wie kriegt man die passenden Klienten? Wir machen keinerlei Akquise-Marketing, haben über eine Dekade keine Form von Homepage gehabt (und die jetzige ist auch nicht besonders gut), wir machen keine Pressearbeit, versenden keinen Newsletter, machen kein eigenes Magazin oder profilieren uns über ein Buch bei einem namhaften Verlag. Selbst der Büroname ist irgendwie latent «anti». Und es läuft ja trotzdem gut, so dass man langsam aber solide wächst – so, dass man es selbst fast nicht merkt, bis man mal zurückdenkt, was in den letzten sechs Jahren eigentlich wirklich alles passiert ist. Und natürlich willst du immer auch «mehr». Ich fände ein größeres, noch kommunikativeres Team schön – wir sind jetzt bei fünf Leuten, ich fände acht optimal) und auch entsprechend neue Kunden, wir alle hätten Lust auf einen Verlag oder ein Museum, weil das in den letzten Jahren zu wenig bei uns war. Wir finden vor allem ja auch die ganz handfesten Unternehmen gut, Werkzeugmacher oder so etwas, bodenständiger Mittelstand, eine gute, ehrliche Firma, die ein positives Produkt, das man ehrlich und überzeugt bewerben kann. Während viele Büros ein Traum-Kundenprofil haben, bin ich so neugierig, dass ich mich eigentlich nicht nur auf Kultur – auch wenn das sicher unsere Stärke ist – verengen würde. Ich glaube, wir sind nicht so sehr auf eine konkrete Tätigkeit oder einen Designbereich spezialisiert als vielmehr auf einen Typus von Kooperationsansatz oder ein Denken – die meisten unserer Auftraggeber bisher wollten Erfolg, wollten Wandel, hatten Leidenschaft und, egal ob Unternehmen oder Institution, hatten etwas zu geben. Ob Theater oder Uhrenmanufaktur, Partei oder Architekturbüro – wenn da eine Idee, ein Tun oder ein Produkt ist, das wirklich ein positives Vorzeichen hat für die Gesellschaft, und wenn die Macher selbst daran glauben und intensiv daran arbeiten, ist es stets ein Traum, hier als Designer seinen Teil beizusteuern.

Insofern stehen wir fast genau so wie Studenten oder Berufsanfänger immer wieder vor der Frage, wer wir sind, was uns besonders macht in einer heillos überlaufenen Branche und wie man sich selbst kommuniziert. Was zudem schwierig ist, weil man sich selbst ja eher kritisch betrachtet, bei jedem Job im Nachhinein im Team Fehler analysiert, die man in Zukunft vermeiden sollte – und sich auch ehrlich gesagt insofern selbst anpreisen kann. Die Frage trifft mich insofern ins Mark, weil dieser Prozess für uns ansteht, wenn wir weiter wachsen wollen, weil ich die Vermarktung der meisten anderen Büros nicht 1:1 für uns passend finde und noch nicht so genau weiß, wie wir das anpacken sollten – das ist ein gerade laufender Prozess bei nodesign, der auch hochspannend ist und die gesamte Struktur des Büros umfasst. Der beste Weg ist hier wahrscheinlich, einfach ehrlich zu sein und nicht zu verkrampft drüber nachzudenken, sondern einfach zu machen.

Alex Leu fragt 02: Spezialisierung

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Teil 2 der Fragen von Alexander Leu an mich:

Wie sollte der Designnachwuchs in der heutigen Zeit, die Waagschale zwischen der Interdisziplinarität und der Spezialisierung umgehen?
Inwieweit muss der Designnachwuchs „alles“ können, um der Interdisziplinarität in Zukunft gerecht zu werden?
Sollte man sich im Studium und Job spezialisieren um so zu besseren Ergebnissen zu kommen? (Statt zuviel und dann doch nichts richtig zu können)
Inwieweit sollte man seinen Interessen/Herzen folgen, auch wenn diese gegen einen Trend und Anforderung der Zukunft spricht?

Ich finde ja, man darf nie ganz Spezialist sein. Ideal, als Menschentypus, ist ja irgendwie, um meinen alten Professor Dieter Krallmann zu zitieren, der «Allround-Dilettant». Klar, du brauchst irgendwann den perfekten Programmierer, den grandiosen Photographen und so weiter… – und um in einem bestimmten Feld wirklich großartig zu sein, muss man sich darauf spezialisieren –, aber in den meisten Fällen wird sich herausstellen, dass der Photograph auch noch nebenbei ein begabter Musiker ist oder der Programmierer sich für Mathematik begeistert, und so weiter. Solche Querinteressen hat jeder und man sollte sie auch pflegen, denn sie bereichern die Arbeit. Reines Spezialistentum brennt aus, weil man immer das gleiche macht und am Ende geht es dann nur noch darum, wo man mit diesem Immergleichen das meiste Geld abgreifen kann.

Bei meinen Studenten oder Bewerbern hier fand ich immer toll, wenn sie sich sich möglichst breit umschauen. Manchmal ist es wichtiger für einen Studenten, sich mit Film oder Musik auseinanderzusetzen, aus der eigenen Enge herauszukommen, als nur der CSS-Crack zu werden. Wichtig ist gelernt zu haben, wie man lernt, wie man sich weiterentwickelt, wie man sich selbst immer wieder herausfordert.

Auf der anderen Seite mag ich natürlich aber auch Studenten, die das klein bisschen Werkzeug, dass der Beruf nun mal mit sich bringt, auch beherrschen. Einfach, damit das Werkzeug die Arbeit unterstützt und nicht die Arbeit nur so gut oder schlecht wird, wie die dann eben entsprechend gute oder schlechte Beherrschung eines Tools es eben zulässt. Wer schlecht Gitarre spielt, wird keine guten Songs damit schreiben können – aber wer keine Songs im Kopf hat eben auch nicht, egal wie virtuos er theoretisch Saiten zupfen kann. Beides muss vorhanden sein. Analog muss im Design Forschung, Marketingdenken, Strategie und eben Kreativität plus die Fähigkeit, all das zu einem visuell überzeugenden Ergebnis zu bringen, zusammenkommen. Ich komme ja von der Kommunikationsforschung zum Design – und vielleicht war für mich das «Grafische« als solches nie allein wichtig, ich habe das stets als grandioses Werkzeug empfunden, Change Management in Einrichtungen zu betreiben oder eben Verhalten zu verändern im sozialen Kontext. Ich habe Design nie als Selbstzweck verstehen können, weil ich nicht vom Formellen dahin komme, nicht vom Zeichnen, Malen, Setzen. Mich interessiert die Bottom Line. Es ist für uns meist eher etwas schade, dass wir von Auftraggebern oft «nur» als Designer angeheuert werden und zu selten ein dezidiertes Strategie- und Forschungsbudget da ist… «Research» macht uns allen enorm Spaß und führt zu Design, das am Ende kraftvoller und funktionaler ist. Ich sehe zwischen Beratung und Kreation keinerlei Grenze, man sollte das nicht trennen, ganz im Gegenteil – Design nur als «Umsetzung» zu verstehen vergeudet Chancen, auch für kleine Unternehmen und Einrichtungen. Ein guter Designer mit Strategie-Know-How ist so etwas wie ein Mini-McKinsey für seine Auftraggeber und kann zudem nicht nur Probleme analysieren, sondern auch kreative Lösungen anbieten.

Für Designer ist wichtig, Lösungen zu entwickeln, zu denken. Ob du die dann in Indesign oder in HTML umsetzt, ist zunächst unwichtig, wobei es natürlich extrem hilft, mit diesen Instrumenten umgehen zu können, um die Parameter, innerhalb derer die Ideen umgesetzt werden, sozusagen die «Physik», die Gesetze und Möglichkeiten, zu verstehen. Interdisziplinär muss dabei also zu aller erst das Denken sein, die Interessen, die Sicht.

Im Beruf folgt man natürlich seinen Interessen und wird sich unweigerlich etwas spezialisieren, weil man bestimmte Dinge oft und gut macht. Man kriegt ja – im besten Sinne – so etwas wie Routine, und die bringt Effizienz. Was grossartig ist, solange man in dieser Routine nicht versackt.

Insofern bin ich stets etwas irritiert, wenn ein Diplomand hier anfängt (mit einem ausgezeichneten Diplom) und nicht die wirklichen Basics von Indesign kennt. Oder schlecht vorbereitet ist auf das Tempo und die eigentlich recht geringe Chance für «Egozentrik» im Designalltags, wo man eben nicht sechs Monate an selbstgewählten Themen sitzt, sondern unter Zeitdruck lösungsorientiert und positiv in das Denken von Auftraggebern und deren Kunden kommen muss. Interdisziplinärität, die ich mir insofern wünsche, wäre eine Balance aus ganz handfesten Fähigkeiten mit den geistigen und greifbaren Werkzeugen der Arbeit, die ja nun so kompliziert nicht sind im Vergleich mit anderen Branchen – und die Souveränität, die diese Beherrschung mit sich bringt, gepaart mit Neugier, Interesse an … eigentlich allem. Designer ist einer der wenigen Jobs, der dich immer wieder dazu zwingt, Forscher oder Reporter zu sein, dich in andere Belange und Welten einzudenken, Lösungsstrategien zu entwickeln für dich an sich fremde Bereiche, und diese Fremdheit sozusagen auch für andere zu übersetzen, also den eigenen Lernprozess universal zu kommunizieren, eine Art Interface zu finden zwischen der Innenperspektive eines Klienten und der Aussenperspektive seiner Zielgruppe und Umwelt. «Interdisziplinär» ist für mich kulturelle Neugier, Grenzenlosigkeit, Hunger, die Bereitschaft, sich zu vergessen und neu einzutauchen, alte Antworten zu vergessen und erst einmal neue Fragen an Land zu ziehen, gepaart mit der Fähigkeit, die in diesem Prozess dann entstehenden neuen Antworten kompetent umzusetzen.

Alex Leu fragt 01: Stil

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Vor knapp einem Jahr hat Alexander Leu bei uns angefragt, ob ich ihm für sein Diplom einige Frage beantworten kann, die er in dieser Form auch anderen Designern geschickt hatte. Da mir schreiben über Design meist nicht schwerfällt, sind da einige ausufernde Antworten bei herumgekommen, die ich in den letzten Tagen gefunden habe. Damit solche Sachen nicht ganz verloren gehen, stelle ich die Fragen und Antworten nach und nach leicht gekürzt ins Blog, da sie in dem Umfang ohnehin niemals im vollen Umfang publiziert werden können – und so habe ich in zehn Jahren etwas, worüber ich lachen oder den Kopf schütteln kann. Die Antworten sind relativ zügig – um das Flair eines «echten» Interviews trotz Fragebogens für mich selbst zu simulieren – auf dem iPad heruntergeschrieben, werden also eventuell Tippfehler oder logische Fehler haben, sorry. In der Tradition von dem hier und dem hier also rund 25 Fragen zum Thema Design zum Mit-Beantworten…

Wie relevant ist eine eigene visuelle Sprache/Stil? (Designer und Agentur)
Ist das für einen Designer in eurer Agentur/in der Praxis von Bedeutung?
Sollte das Projekt- und Kundenabhängig sein?

Ich fühle mich mit dem Wort «Stil» immer etwas unwohl. Stil ist aus meiner Sicht in einem Designprozess die vielleicht unwichtigste, oberflächlichste Komponente. Den eigenen Stil zu ernst zu nehmen, bedeutet oft, dogmatisch zu werden und die eigene Sichtweise auf die Bedürfnisse des Kunden zu projizieren oder diese sogar mit der eigenen Handschrift zu überschreiben. Das klappt vielleicht, wenn man für einen spezifischen Stil gebucht wird oder nur für Klienten arbeitet, die ohnehin den gleichen Geschmack haben wie man selbst, aber anderenfalls ist es ein wenig arrogant und auch langweilig, alles von vornherein besser zu wissen. Wichtiger finde ich Dinge wie Idee, Struktur, Strategie, Arrangement, Diskurs. Wie etwas aussieht, folgt weniger «meinem» persönlichen Stil, sondern muss eine Antwort auf die Ziele und Anliegen des Auftraggebers sein, muss zu ihm passen, nicht zu mir. Eine fixierte Handschrift zu haben, wenn man in einen neuen Auftrag geht, ist eigentlich eher ein Horror für mich, man hat die Antworten dann schon, bevor überhaupt die Fragen auf dem Tisch sind und für Überraschungen und Entdeckungen ist kein Raum mehr. Es ist gefährlich, wenn deine Entwürfe für ein alternatives Musikmagazin ziemlich genau so aussehen wie deine Entwürfe für eine Bank – wie es bei Carson der Fall war, als er nur noch ein «Stil» war. Seine frühen Arbeiten bis zur Mitte der Raygun-Phase sind ja großartig, suchend, wütend, frech und vor allem unfassbar entschlossen, alle Regeln zu brechen. Später ist da ein bestimmter «Look», der sich wie Mehltau über alles legt, diese Vernacular Typography, die selbst die Regel geworden ist. Stil kann also auch eine Falle, ein Stillstand sein.

Was natürlich nicht heißt, dass man nicht unweigerlich mit den Jahren Vorlieben und Muster entwickelt, die die eigene Arbeit einfärben, weil sich ja deine eigenen Interessen darin niederschlagen. Wenn ich das bei mir entdecke, bin ich meist etwas erschrocken und versuche, jemand anderes im Büro noch einmal über die Sache nachdenken zu lassen, weil ich vielleicht zu sehr im Autopilot-Modus geflogen bin. Ich bin immer froh, wenn etwas am Ende nicht zu sehr nach «mir» aussieht, sondern nach einer Art Idealform, einer Zukunftsprojektion, des Auftraggebers. So wie der Klient ehrlich ist – aber positiv in die Zukunft gedacht, Form gewordener Wandel. Ich bin ein großer Fan von Bill Cahan, dessen Arbeit man durchaus schon wiederkennt, der sich aber fast chamäleonartig und klug in den Dienst seines Auftraggebers stellt und diesen meist unfassbar gut aussehen lässt – wie ein Schneider, dem es weniger um die eigene Eitelkeit geht und vielmehr darum, das Kleid so zu couturieren, dass die Dame darin möglichst umwerfend ankommt. Mein Designdenken ist insofern wahrscheinlich näher am Handwerklichen als an der Kunst, ich brauche das Briefing, den Konflikt, die Probleme und Kanten eines realen Auftrages, um dann zu einer Lösung zu kommen, die das alles halbwegs sinnvoll und kreativ löst. Ich mag auch bei Architekten diese Bauten nicht, die eine Art Manifest des künstlerischen Genies des Architekten sein wollen, und die dann nebeneinander gebaut oft nur noch albern wirken, wie etwa im La-Defense-Stadtteil von Paris. Wichtiger sind doch Häuser, in denen die Menschen gerne wohnen oder arbeiten, die von INNEN gut sind, nicht von außen, die sich einfügen, die auch in ein paar Jahrzehnten noch gut aussehen, weil sie angemessen und sinnvoll sind, uneitel eben. Das ist für mich der Inbegriff eines modernen Designs, das angemessen und nutzerorientiert ist. Dogmatischer «Stil» stört da nur, richtig ist doch eher, was gut funktioniert. Dieses Design entwickelt dann auch oft nicht mehr ein einzelner «Autor», es entsteht idealerweise kooperativ, spielerisch zwischen mehreren Parteien, ist nicht autokratisch, sondern demokratisch. Dieser Weg zum Konsens ist manchmal anstrengender (auch für den Klienten, der sich ja mehr engagieren und erklären muss), als einen fertigen «Style» auf die Dinge zu bügeln, aber die Ergebnisse halten viel länger und lassen sich meist besser implementieren.

Was keineswegs zu verwechseln ist mit «Der Kunde hat immer recht». Meine Vorstellung ist, dass am Runden Tisch keine Hierarchie stattfinden kann, alle gleichberechtigt sind und das beste Argument gilt, die Recherche, das Nachdenken, die beste Lösung. Wer sich darauf einlässt – und der Prozess ist keineswegs so anstrengend oder unspassig, wie es hier vielleicht klingt, es ist eher ein kreatives Spielen, eher Voneinander-Lernen und Neugierde – wird am Ende Designergebnisse haben, die wirkliche Antworten geben und die in die Tiefe hinein tatsächlich funktionieren. Alles andere ist ein bisschen oberflächlicher, so eine Art Designshopping – wie beim Kaugummiautomaten: Oben Geld rein, unten Logo raus. Manchmal geht das nicht anders, etwa weil ein Klient diesem gründlicherem Dialog-Prozess leider keine Chance gibt, dann muss man versuchen, den Prozess selbst bürointern in Gesprächen zu simulieren, und die eigene Arbeit selbst immer wieder zu hinterfragen und durch ein Säurebad zu ziehen – aber aus meiner Erfahrung ist nichts mehr wert als langjähriges gemeinsames Suchen nach überzeugenden Antworten.

Die Tendenz zu einer rigiden eigenen Handschrift zu umgehen, sich selbst weiter herauszufordern und nicht mit der immer gleichen Schrift oder der immer gleichen Ästhetik zufrieden zu sein, bedeutet auch, sich in anderen Feldern umzuschauen. Was machen Künstler, Architekten, Musiker, Autoren, was erweitert und inspiriert dich? Und es heißt auch, in den Kleiderschrank zu greifen und immer mal wieder andere Anzüge auszuprobieren. Sprich, munter zu klauen und zu sehen, ob man Elemente selbst aufgreifen und weiterentwickeln kann oder sich vielleicht schön an ihnen reibt. Ich finde nicht doof, irgendwann zu sagen, dass man hier mal versuchen kann, von Vignelli oder Aicher, dort mal von Brodovitch oder El Lissitzki oder dem frühen Brody oder Saville zu lernen (der ja seinerseits der größte und genialste Klauer vor dem Herrn war), weniger im Sinne einer 1:1-Übernahme ihres Stils, sondern indem man an ihr Denken heranzukommen versucht, an den Drive dahinter, eben an die Idee der Sache, die man dann in den eigenen Kontext integriert… ein bisschen wie eine Coverversion eines Liedes, das man durchdringt, versteht, dekonstruiert und anders wieder zusammenfügt. Am Ende hat man vielleicht etwas vom Songwriting des Orginals verstanden, etwas gelernt. Wie gesagt, das betrifft bei mir inzwischen andere Designer als vielmehr Ideen aus ganz anderen Bereichen – Architektur, Kunst, Theater, usw

Bei mir ist es so, dass wenn Kunden sagen, dieses oder jenes sähe ja typisch nach «mir» aus, ich mir Sorgen mache und mich sofort hinterfrage. Andererseits ist das nach fast 20 Jahren vielleicht unvermeidbar, bestimmte Muster zu haben. Das beste Mittel dagegen ist eine Art Unruhe, eine eingebaute Tendenz, die Dinge weiterzuentwickeln. Das geht vor allem bei Kunden, mit denen man lange und gut zusammenarbeitet prima – wir haben in solchen Partnerschaften fast immer eine Art Evolutionsbauplan eingebaut, ein sich veränderndes Design, das sanft, flexibel und stetig die Morphologie ändert und so spannend bleibt. Nur so verhindert man, dass man sich selbst langweilt und nur noch Routine abliefert.

Metric

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Die Metric von Kris Sowersby ist gerade bei Village neu erschienen und setzt den derzeitigen Siegeszug der geometrischen Schriften fort – nach der jahrelangen Herrschaft der Helvetica-Wiedergänger leben jetzt die Futura-Epigonen auf. Als jemand der die Futura stets liebte, selbst als sie derbst out war (ich bin ja nach wie vor ganz vernarrt in Luc(as) de Groots VW-Variante) freut mich, dass es inzwischen in diesem Bereich mehr und mehr Auswahl gibt, selbst wenn ich in diesem Bereich meist eher die Versalien schätze und einsetze und die Minuskeln oft seltsam unmodern finde. Leider habe ich bei der Metric keine volle Character-Maß gefunden, aber in der PDF sieht es so aus, als würden einige moderne Features wie Minuskelziffern oder Small Caps fehlen – und bei einer Schrift dieser Art wünsche ich mir persönlich ja immer Display-Umlaute, die einen fast durchschußfreien Satz erlauben. Dennoch hängt die Metric – deutlich mehr als ihre Schwesterschrift Calibre – schön sauber zwischen Strenge und Ironie und dürfte sich so vor allem in dem wachsenden Bereich neosachlich-dekonstruktiver Designs anbieten, vor allem, weil sie im Detail wunderbare Idiosynkrasien aufweist, die im Spiel mit der Schrift viel Spaß machen dürften.

Track Me

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TRACK ME ist ein Diplomprojekt von Carolin Lintl, die ich bereits 2008 im Rahmen der Veranstaltung Spektakel an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste kennen gelernt habe, und die mir später bei der Recherche zu einem Form-Artikel über Peter Brugger Typo-Workshop «Rasterfahndung» mit ihrem Faedel-Font wieder als sehr spannende Design-Studentin über den Weg lief. Jetzt arbeitet Caro an ihrer Abschlussarbeit – und die wirkt ebenfalls alles andere als alltäglich.

Über ihr Projekt schreibt sie selbst:



Wann und wo immer in den öffentlichen Debatten von der Informationsgesellschaft die Rede ist, geht es um Vernetzung, Wissensspeicherung und um den Einfluss neuer Technologien auf das Privatleben jedes Einzelnen.

Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Handys werden zu kleinen digitalen Alleskönnern und machen uns überall und jederzeit erreichbar, vernetzen uns mit
dem Rest der Welt und dokumentieren nebenbei unseren Alltag. Jeder kann selbst Videos, Fotos und Texte produzieren und anderen zugänglich machen, was die Fülle
an täglichen auf uns einprasselnder Informationen noch anwachsen lässt. In einer Menge aus kommentierenden, produzierenden und konsumierenden Nutzern
einer größer werdenden Netzgemeinschaft wird Aufmerksamkeit die neue Währung und zum kostbarsten Gut.
 Auch wenn ein reger und nützlicher Informations- und Gedankenaustausch stattfinden kann, ist es eine Herausforderung über das bloße Senden, Empfangen und Archivieren hinaus,in der Masse aus Nachrichten die einzelnen Botschaften wirklich zu Verstehen und sich damit ausreichend aufmerksam auseinanderzusetzen. Viele befürchten deshalb einen zunehmenden Verlust von inhaltlicher Qualität zu Gunsten einer Quantität, eine Reduzierung auf Oberflächlichkeiten und den Verlust realer, zwischenmenschlicher Kommunikationskompetenz.

In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger machen, sondern es müssen vielmehr Wege gefunden werden, angemessen auf diese Entwicklungen und ihre Folgen zu reagieren. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Kommunikationsverhalten und ein bewussterer Umgang mit den dazugehörigen neuen Technologien.

Dazu entsteht im Rahmen meiner Abschlussarbeit eine experimenteller Internetblog.

Eine Eigenart dieses Weblogs besteht darin, dass alle Beiträge, meist gestaltete Beiträge und Texte bekannter Medientheoretiker und Kommunikationswissenschaftler, einem Verfallsdatum unterliegen. Die Laufzeit bemisst sich am Interesse der Leser, d.h Beiträge, die über längere Zeit keine Aufmerksamkeit in Form von Klicks erhalten haben, verschwinden nach und nach. 
Wird so aus einer Masse an Informationen scheinbar relevantes Material, von der Mehrheit der Besucher aussortiert oder konserviert?

Die ständige Veränderungen und die Flexibilität der Oberfläche spiegelt das Wesen des Internets wieder aber fordert den Besucher sich den Inhalt zu erarbeiten, bzw. bewusst damit zu befassen Er kann die Seite nach und nach entdecken und sich aktiv in Form von Kommentaren, Leselinks oder durch Weiterempfehlen durch «selbstgebastelten» digitalen Postkarten mit der Seite auseinandersetzten. Er nimmt aber auch durch passives Beobachten am Prozess des Erhaltens oder der Selektion Teil.

Der Verlauf des Projekts wird, nach einer ersten Beobachtungsphase, in der versucht wird die Aufmerksamkeit der Netzuser auf das Projekt zu lenken, in einem zweitem Teil des Blogs online dokumentiert und damit ist auch nach dem völligem Verlust der Inhalte das Ergebnis Projekts für wiederkehrende Besucher nachvollziehbar.

Die Site zur Abschlussarbeit präsentiert sich ein wenig verstrahlt als charmant-ungelenke Multimedia-Site, die mit pixeligen Bildern, winzigen Scrollfenstern und dem grandiosen Flair eines 80er-Jahre-Betriebssystems auf harten Partydrogen. Das Design ist angenehm retro, etwas antidesign-sperrig, erinnert irgendwie auch auch an Telespiel-Ästhetik und ist dennoch strikt und streng gehalten – man hat stets das Gefühl, das hinter dem wuseligen Feeling der Site eine gestalterische Absicht steckt.

Auf dem iPad funktioniert das Ganze leider nicht – iOS kommt mit den integrierten Scroll-Fenstern und einigen Script-Details nicht klar, aber am Rechner ist die Site einen Besuch und einige Zeit wert, um die Texte und Inhalte und Links zu entdecken, mit denen Carolin Lintl aufwartet – und die Überraschungen zu erleben, etwa wenn man irgendwo klickt und auf einmal blau blinkender GIF-Horror den halben Bildschirm erobert. «Track Me» macht Spaß und zieht das, was im Print seit einigen Jahren an «sperrigem» Design passiert (wie etwa die aktuelle Spex-Optik) recht konsequent ins Netz – und zwar nicht als Zitat der Print-Ästhetik, sondern in das andere Medium übersetzt, mit schönen Referenzen an die Untiefen schlechten Webdesigns, die hier Teil eines sehr gelungenen Ansatzes werden. Das Ergebnis ist eine spielerische Website, die zum explorativen Spiel einlädt, die sich nicht dem derzeitigen Trend zum einfachen Info-Häppchen beugt und die zur Auseinandersetzung mit Komplexität auffordert, also auch etwas Entdeckergeist braucht. Unter dem phantastisch kruden BTX-Q*bert-Design hat das Konzept Ecken und Kanten, Fehler und Macken – und erinnert genau deshalb wohltuend an die Arbeiten von Metahaven, in dem Sinne, dass die Site ihr eigenes Medium Internett mit den Mitteln eben dieses Mediums selbst in Frage zu stellen versucht und an dessen Grenzen treiben will.

Also los – TrackMe besuchen, ansehen, herumstöbern, lesen, kommentieren und ab und zu reinsehen, wie sich die Sache entwickelt. Ich jedenfalls bin gespannt drauf.

Sagmeister: Another Book about Promotion …

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Schon in seinem ersten Buch – dem phantastischen «Made You Look» – bezeichnete sich Stefan Sagmeister weniger als «Designer» und in den Credits meist als «Art Director», der konkrete Design-Credit ging eher an Mitarbeiter oder Praktikanten. Was man in den begrifflichen Unklarheiten unserer Branche und den sehr klar designorientierten Arbeiten in diesem Buch noch unterschätzen konnte, ist in den letzten Jahren sehr greifbar geworden – Sagmeister hat heute längst den Bereich alltäglichen pragmatischen Designs verlassen und ist ein «künstlerischer Leiter». Auch wenn er in aller Bescheidenheit sich selbst gern weiterhin als jemand sieht, der in Form von Auftragsarbeiten tätig ist und diese ganz einfach nur kreativ erfüllt, ist in vielen seiner offeneren Projekte greifbar, wie wenig diese noch mit dem Designalltag von 95% der Branche zu tun haben und wie sehr Stefan sich «freigeschwommen» hat, im Grunde nahezu künstlerisch arbeitet. Seine Typo-Interventionen, seine obsessiven Montagen, der Umstand, dass er stets selbst Thema seiner Arbeiten ist und in diesen immer wieder auch erscheint, die Art, wie er mit Partnern zusammenarbeitet, die Tatsache, dass es oft nicht mehr um die «Botschaft» des Auftraggebers geht, sondern um innere Fragen oder Überzeugungen von Sagmeister – die Grenze ist mehr als schwimmend. Sagmeister ist auch von seinem persönlichen Habitus und seinen Botschaften her eher jemand, dessen Haltung und Freiheit ich eher mit einem «Artist» verbinde als mit einem Designer oder Studioinhaber. Stefan gehört zu den 5% aus unserer Branche, die es geschafft haben, für das, was sie ohnehin tun in der Art in der sie es tun möchten, ausreichend gut bezahlt zu werden, sich die Kunden aussuchen zu können und mit relativ kleiner Infrastruktur durchaus sehr große Projekte zu stemmen – und ist in dieser Position sicher mehr als zu Recht Vorbild für eine neue Generation von Gestaltern, so wie vielleicht in den 90ern Carson es war. Inwieweit die anderen 95% eben talentiert oder glücklich oder konsequent genug sind, seinen Status zu erreichen, sei einmal dahin gestellt, aber das ändert wenig an der Tatsache, dass Stefan längst an dem Punk ist, wo «selling» für ihn kein Thema mehr ist – sei es ein Produkt oder sei es, im herkömmlichen Sinne, seine Arbeit. Insofern darf man den Titel seines neuen Buches zugleich als ironisch sehen als auch eine programmatische Note darin entdecken – denn hier handelt es sich nur um Auftragsarbeiten, in Abgrenzung zu «Things I have learned…» und fast scheint es, als brauche Stefan eine ironische Note, um sich diesen Arbeiten zu nähern.

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Und so lässt er sich sein neues Buch – das zugleich Katalog zu gerade geendeten Ausstellung in Lausanne ist – von Martin Woodtli als eine Art Bibel gestalten. Im Gegensatz zu dem nahbaren, humorig-warmen, fast Tagebuch-ähnlichen «Made you Look» wirkt «Another Book» sehr ernst, fast streng. Das guillochierte Cover, all in black, auf dem ein an Geoff Darrows hyperpräzisen Stil erinnerndes Baby als «Vitruv»-Allegorie Unschuld, Neugier und auch ein bisschen verwirrendes Alien-Flair ausstrahlt, wirkt alles andere als «promotional», ebenso wenig Woodtlis Nippel-Baby-Zeichnung auf dem Schmutztitel, aber zugleich sind Layout und Typographie fast neo-klassisch, deutlich angelehnt an Gesangsbüchern und Bibeln, todernst. Die Leichtigkeit und durchaus auch die Offenheit des ersten Buches – dem vielleicht einzigen Designbuch, das auch Arbeiten zeigt, mit denen der Absender eher unzufrieden ist und fast gnadenlos die oft uncharmante Zeit/Geld-Relation der meisten Jobs dokumentiert – ist Texten gewichen, die aus namhaften Mund den Designer/Künstler Sagmeister interpretieren und verorten, die Beschreibungen der Arbeiten wirken in der Tat wie aus einem Kunstkatalog entliehen, mit präzisen Angaben der Mitwirkenden und der Größen usw. Es ist, freilich, Stefans selbstironische Art, mit seinem gewandelten Status umzugehen, eine feine Distanzierung von dem Status als Stardesigner, dessen Arbeiten von einer Ausstellung zur nächsten fliegen und der selbst mit kommerzieller Arbeit ins Museum kommt. Es ist ein Augenzwinkern und anders kann man vielleicht gar nicht mit diesem enormen Ruf als «visonary, performer, architect and artist» und der damit einhergehenden Erwartungshaltung umzugehen. Sagmeister, ein Profi in der Selbst-Inszenierung, überlässt den Look eines Buches nicht dem Zufall, sondern sendet hiermit auch eine Botschaft, die in ihren unsympathischen Momenten und Brüchen sympathisch wirkt und dort irritiert, wo sie spürbar sympathisch sein will, wo Sagmeister spürbar auch als Popstar noch als nice guy rüberkommen will, etwa in den Reise-Momentaufnahmen, die die Bilder der Arbeiten begleiten. Stefan ist ein Meister diese Inszenierung von Nahbarkeit – auch, weil er wahrscheinlich wirklich ein nice guy ist -, die nur dann doppelbödig und verwirrend wird, wenn Studenten, die begeistert einen Vortrag von ihm sahen, diesen zum zweiten Mal erleben und feststellen, dass Sagmeister keineswegs frei redet, sondern perfekt vorbereitet, einstudiert arbeitet, in seinem individuellen Auftritt so wenig zufällig ist wie seine Arbeiten eben auch «meticulous» wirken.

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Was «Another Book…» also zeigt, ist dieser wunderbar schwebende Zustand eines Stars, der gar nicht mehr kommerziell arbeiten müsste, aber kommerziell arbeitet, vielleicht, weil er es eben doch muss. Die Arbeiten sind gebunden und haben eine Funktion und erfüllen diese meist makellos, und zugleich sind sie von einer Individuellen Stimme und Suche nach eigenen Antworten, die stets an der Schwelle zu einem eigenen künstlerischen Gestus stehen. Immer noch sind die Ergebnisse von Sagmeisters Freude am Spiel, am Experiment, am Baukasten, am Effekt geprägt, sie fordern zum Anfassen und Interagieren auf und sind durchgehend – wenn auch seine Arbeiten insgesamt weniger wirsch durch die Stilschubladen springen wie noch vor einigen Jahren – wunderbar ohne einen «House Style». Mal folgen sie einer simplen One-Idee-Philosophie, wie bei Zumtobel, mal bringen Sie Sagmeisters typographische Experimente in die Corporate-Welt, wie bei Adobe oder Standard Chartered, mal tastet er sich an den «alten» Sagmeister heran, mal ist er kaum wiederzuerkennen. Aber seltenst erzeugt seine Arbeit nur ein Schulterzucken – man mag es je nach Ansicht beschissen finden oder grandios, aber egal sind die Dinge, die aus Stefans Hand kommen, meist nicht. Mehr kann man als Gestalter wohl kaum wünschen.

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«Another Book…» ist insofern natürlich eine Fata Morgana, es zeigt uns den Traum des Designers, der völlig frei sein kann, dem die Kunden nachlaufen und der sich die Projekte aussucht, von dem wir (wider besseren Wissens) träumen dürfen, er müsse keine Kompromisse mehr machen. «Another Book…» ist mehr noch als «Made You Look» der Traum von Design, das eigentlich Rockmusik sein darf. Unter dieser Oberfläche der «coolen» Ergebnisse zeigt es aber einen smarten, intelligenten, hungrigen Geist, der sich selbst hinterfragt, der nichts als gegeben hinnimmt, der einen faustdicken Humor hat, der genießen kann und sich vor allem anscheinend nicht langweilen will. Es zeigt Design, das sich zu keinem Zeitpunkt in Fragen nach Schrift und Farbe, Mode und «Look» verirrt, nie darüber nachdenkt, was gerade angesagt ist, sondern immer vor allem eine Geschichte erzählen will. In Sagmeister schlummert ein Kind, das verliebt ist in Geheimcodes, Chemiebaukästen, Codes, Natur, Autos, Pop-Up-Bücher, Menschen, verborgene Botschaften, Puzzles und diese ganze Magie der Welt. Dieses Kind nicht verloren zu haben, nie so richtig erwachsen worden zu sein, so platt das klingen mag – das ist die eigentliche Leistung von Sagmeister… und darin, mehr als in seinen konkreten Arbeiten, können wir von ihm lernen. «Made you Look» ist aus diesem Grunde eines meiner absoluten Lieblingsbücher – eben nicht so sehr für das gezeigte Design, sondern für die Haltung dahinter – und bis heute vielleicht das einzige Designer-Buch, das mich dazu gebracht hat, dem Autor spontan zu schreiben… «Another Book» zeigt Sagmeister distanzierter, vorsichtiger, weniger verpeilt, professioneller… und ist aus diesem Grund ebenso sehr zu mögen: Es ist ein Buch, das gewollt oder ungewollt Sagmeisters Reise und Evolution während der letzten Dekade dokumentiert und aufzeigt, wie ein Star mit seinem Ruhm leben kann… indem er nicht vergisst, über sich selbst lachen zu können.

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Langsame Revolution

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Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

Typoversity – mit Giveaway

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Typoversity ist ein Buch mit dem Herz am rechten Fleck. Es gehört mit 240 Seiten und mit einem Preis von 25 € in die Kategorie von Designbüchern, die sich jeder leisten kann, es ist liebevoll gestaltet und nähert sich seinem Thema so vielseitig und gekonnt, dass es eine Freude ist.

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Die beiden Design-Made-In-Germany-Macher Nadine Roßa und Patrick Marc Sommer sind mit Andrea Schmidt, die auch mit Patric für die Gestaltung zuständig war, als Herausgeber von Typoversity noch nahe genug dran an der universitären Erfahrung, um zu spüren, wie wenig Licht auf die Leistungen von Studenten fällt – geschweige denn im typographischen Bereich. Sicher, einige Professoren – allen voran Fons Hickmann und Klaus Hesse – schieben aus eigener Kraft die Projekte ihrer Studenten in Wettbewerbe und beweisen dort, wie gut studentisches Design sein kann, aber oft genug haben die Studenten selbst oder auch die Fachhochschulen nicht das Budget, an größeren Designwettbewerben mitzumachen, zumal es hier oft zu Verzerrungen kommt – die freieren Uni-Arbeiten wirken mitunter, je nach Wettbewerb, seltsam zwischen den markt-orientierteren «realen» Werken. «Sushi» ist eine willkommene Ausnahme – ebenso wie die TDC und ADC Nachwuchsprogramme – aber eine Publikation, die sich exklusiv auf Studenten-Output in Sachen Schriftdesign, -experiment und -layout konzentriert, ist dennoch eine Ausnahme, und in diesem Fall eine ausgesprochen schöne dazu.

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Denn das kompakte Buch kommt nicht nur im edlen Les-Naturals-Karton mit Letterpress von Bölling daher, sondern besticht auch im Inneren mit einer liebevollen Gestaltung auf Werkdruckpapier, die ein wenig an alte Hermann-Schmidt-Publikationen erinnern, die Art von humanistisch zweifarbigem Textsatz auf Naturpapier, die Thematik, man wundert sich impulsiv fast, dass dieses Buch eben nicht bei Bertram und Karin Schmidt-Friderichs erschienen ist, sondern bei Norman Beckmann – aber der Look steht ja tatsächlich für eine gewisse Haltung zur Typographie und ist vielen Studenten wahrscheinlich aus «Lehrbüchern» von Schmidt vertraut und passt insofern ideal. Es zeigt auch, das der Hermann-Schmidt-Verlag fast eine Art Genre etabliert hat, in dem auch andere Publikationen und neue Verlage erfolgreich funktionieren, das eine Mischung aus Showcase und Fachbuch ist. Denn wo viele andere Designbücher es beim reinen Arbeitenzeigen belassen, weil es einfacher ist, nur Bilder zu reproduzieren, macht sich Typoversity die Arbeit, textlich in die Tiefe zu gehen. Die Studenten stellen ihre Projekte teilweise ausführlich vor bzw. zitieren ihre Projektstrategien, Interviews mit den Studenten – etwa mit Jenna Gesse über ihr Buch «Leerzeichen für Applaus» – vertiefen die Ansätze und Ideen, so dass die nur anhand von Bildern oft zu abstrakt wirkenden Projekte greifbar und nachvollziehbar werden und man als Leser einen soliden Einblick in das bekommt, was sich in den Projekten an den Fachhochschulen und Universitäten tut. In einem gelb abgehobenen Textteil kommen zudem die Professoren zu Wort – mit einer mehr als feinen Auswahl, darunter so bekannte Protagonisten wie Nora Gummert-Hauser, Jürgen Huber und Christian Hanke, Indra Kupferschmid, Jay Rutherford oder Dan Reynolds, um nur einige wenige zu nennen. Das Buch, als Projekt, als Package, als Endergebnis, ist so überzeugend, dass man es eigentlich auch als Designer im Schrank haben sollte, wenn man sich nur wenig für den typographischen Nachwuchs interessiert – und jede Designschule sollte es in großer Menge an Erstsemester verteilen.

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Zugleich ist es eine Meditation über die Bedeutung typographischer Lehre im Design. Nicht nur in den Interviews, aus denen eine wahrscheinlich zum Bachelor-Umbruch und zu leeren Staatskassen passende Mischung aus Aufbruchstimmung und persönlichem Engagement versus einer gewissen institutionellen Frustration mit mangelnden Möglichkeiten spricht, sondern auch in Form der Arbeiten selbst. Die ganze Bandbreite von Schriftschaffen, von relativ soliden Fontentwicklungen bis zu mal mehr, mal weniger gelungenen pragmatischen und experimentellen Print-Arbeiten zeigt wie unterschiedlich und vielfältig die Lehransätze sind (und wie wichtig es eigentlich für Studenten wäre, sich vorab über diese Unterschiede zu informieren bzw. informieren zu können). Die Tendenzen der Branche – von der Rückkehr zum zum Handmade-Look bis zu neo-sachlichen oder post-dekonstruktiven Designansätzen – kommen über die Studenten prototypisch zurück und spiegeln auf seltsame Art wider, wie Studenten und Lehrende auf Trends im Design reagieren und diese somit hinterfragen oder auch festigen. Manche Ergebnisse wirken dabei etwas altbacken, wenn etwa Raum-Fläche-Verteilungen zu Designs führen, die etwas an Plakatgestaltung aus den 70s erinnert, manches wirkt so brav, als wäre es schon in einem Bewerbungs-Portfolio, manches erinnert frappant an die aktuellen Vorbilder der Studenten, wieder anderes hat eine ernsthafte Unschuld und zeigt die Zeit und den Mut zur Suche nach eigenen Lösungen, das es eine Freude ist, sich die Arbeiten anzusehen. Von Design-als-Dienstleistung bis zu Design-als-Rebellion, Typoversity versammelt einen extrem spannenden Querschnitt durch die Ansätze der Hochschulen und dürfte deshalb nicht zuletzt auch Studenten-in-Spe helfen, sich für eine Schule zu entscheiden, die ihren Vorlieben entspricht.

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Nun bin ich als Designer ja eigentlich ausgesprochener Freund des angewandten, «funktionierenden» Designs. So sehr mich Arbeiten von vier5 oder metahaven begeistern, am Ende bin ich ein Kind von Leuten wie Aicher, Weidemann und Spiekermann und will Design, das wirkt, das sozial ist und nicht «künstlerisch» orientiert. Kunst ist Mittel, nicht Ziel, das ist für mich nach wie vor eine sinnvolle Kommunikation. Dessen ungeachtet finde ich, dass gerade an den Hochschulen das Entdecken, das Spielen, das Experiment und damit unweigerlich auch ein Design, das mit beiden Füßen, einem Ellbogen und dem halben Gesicht in der «Kunst» steht, ungemein wichtig. Freies Experiment ist die Brutkammer für all die Fehler und Fehlschläge, die am Ende zu der Erfahrung führen, die für «funktionierendes» Design wichtig ist. Studenten brauchen, so seltsam das klingt, idealerweise einen Mix aus pragmatischen, handwerklich orientierten Dozenten und solchen, die ihre Köpfe in Brand stecken, Horizonte verschieben und sie seltsame Dinge tun lassen. Unter diesem Aspekt ist fast verwunderlich, wie wenig wirklich avantgardistisches in Typoversity steckt – verwunderlich und erschreckend. Enorm viele Arbeiten sind fast Portfoliotauglich, hier eine Webpage, dort in liebevoll gemachtes Buch, Plakate, Schriften – alles enorm markttauglich, viele Arbeiten so gut gemacht, das man die Leute vom Fleck weg engagieren möchte. Was etwas fehlt, ist der, um Gregor Eisenmann zu zitieren, «kranke Shit». Da gibt es ein wenig Buch-Entstellung, da gibt es Experimente, die aber an Holzer, Underware, Sagmeister erinnern, also auf verlässlichen Pfaden wandeln, da gibt es Schriftentwürfe, die sich à la 90s gegen die Lesbarkeit aufwenden – aber es gibt nach zweifachem Lesen kein Projekt, wo mir der Kopf weggeflogen ist. Das ist keine Kritik – weder am Buch, noch an den Studenten und erst gar nicht an den Lehrenden – sondern eher Verwunderung. Ich hab selbst acht Jahre den Dozenten gegeben und weiß, wie unfassbar schwer es ist, als Lehrender aber auch für die Studenten selbst, im Rahmen von ein zwei Semestern komplett wirsche Sachen zu provozieren und produzieren… und sich dennoch nicht permanent vorzuwerfen, dass man bei einem solchen Trip den «Stoff» und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt total vernachlässigt. Was auch richtig ist – im Grunde ist die Aufgabe, vor allem beim Bachelor (seufz), eine Art Ausbildung zu liefern. Und ich bin wahrscheinlich nicht der einzige Arbeitgeber, der sich fragt, ob diese Ausbildung nicht sogar noch sachlicher und fachlicher sein müsste, mehr Know-How in Sachen Marketing, Werbung und und und vermitteln müsste, mehr Praxiserfahrung. Das Studium ist also ohnehin überfrachtet – von den verschiedensten Seiten. Dennoch ist es schade, dass insgesamt doch recht wenig Punk, recht wenig Böses in den Seiten von Typoversity passiert, denn es spricht für eine gewisse Bravheit der Studenten – und Design braucht eigentlich, um sich als Branche aber eben auch als Kommunikationsmedium per se weiterzuentwickeln – immer wieder Nachwuchs, der alles in Frage stellt, die Tempelsäulen einreißt und konzeptionell wie gestalterisch neue Ufer entdeckt. Insofern ist es natürlich eine Freude, so viele anwendungsorientierte Arbeiten zu sehen, die oft so sauber und gelungen gemacht sind – aber irgend etwas in mir wünscht sich zumindest ein zwei Brandstifter, die ihre Energie nicht in etwas zu kopflastigen Experimenten verpuffen, sondern die eine viskerale, brutale Energie haben, die mich als Betrachter zugleich abstoßen und anziehen, irritieren, provozieren und mitreissen. Es ist wahrscheinlich den Reformen an den Hochschulen zu danken, dass die Chance, die Universität als Labor für Sturm und Drang zu sehen, so lange Unsinn zu produzieren, bis Sinn emergiert, ein wenig vorbei ist. Die Frage ist aber, ob wir wirklich jedes Jahr hunderte von «funktionierenden» Design-Absolventen brauchen, für die es z.T. gar keinen Arbeitsmarkt gibt und die ein wenig seltsam zwischen Kunst und Werbung hängen… oder ob es nicht auch sinnvoll ist, Design als Studium einer Haltung gegenüber Gesellschaft und Welt zu sehen, in der – und das wäre die große Ausnahme in den Universitäten – das permanente Hinterfragen des Status Quo, das Experiment, die Rebellion und damit der starke Wunsch nach Veränderung wichtiger ist als Anpassung an Arbeitswelt. Dann nämlich würden die «etablierten» Designer aus dem Ideenpool der Studenten Anregungen und Inspirationen suchen – sozusagen die «wilden» Ideen zivilisieren und filtrieren… und nicht mehr umgekehrt die Universitäten zu Orten, an denen bestehendes Design ein Stück weit emuliert und aufgearbeitet wird.

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Für die Designbranche als Ganzes – denn ich kenne ja genug Studenten, die genau diese Energie zum Experiment in sich tragen – würde das unterm Strich vielleicht sogar mehr bringen, denn mit den Jahren würde nicht nur unser «Genre» visuell und inhaltlich deutlich voran geschoben werden, vielleicht sogar jenseits der endlosen stilistischen Rückgriffe, die heute in sind, und eine eigene neue, evolutionäre Form finden, vor allem würde eine Generation selbstbewussterer Gestalter entstehen, die das Experiment als Lebensform begriffen haben und ihr Leben – und damit wahrscheinlich unser aller Leben – langfristig durch eben solche Experimente, Startversuche, grandiose Fehlschläge und ebensolche Erfolge, bereichern würden. Aber das geht natürlich weit jenseits der individuellen Studenten und Dozenten – die ja alle absolut mehr als ihr bestes geben -, hier geht es fast um ein kulturelles Wollen des Staates und eine Haltung zu Design (und Architektur) als «Geisteswissenschaft» und um die Frage, was Universitäten sein sollen – Ausbildungsmaschinen oder Orte, an denen Menschen und Gesellschaften sich neu erfinden. (Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte). ich weiß nicht, ob die Hochschulen – durch Schwerpunktsetzungen, Dozentenauswahl, Involvierung von Studenten, Branding usw. – hier selbst etwas tun können oder ob tatsächlich nicht ein Umdenken auf Landes- und Bundesebene gefragt wäre. Wenn in England schon die erste private «geisteswissenschaftliche» Hochschule eröffnet wird, weil sich die eher neoliberal tickenden Briten darum staatlich kaum noch kümmern, dürfte man sich in Deutschland erinnern, dass neben den Ingenieursfähigkeiten eben doch auch das Denken und Philosophieren ein deutsches «Alleinstellungsmerkmal» ist – und eine Qualität, die man nicht mirnixdirnix aufgeben sollte.

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Typoversity zeigt insofern die Hochschulen im Querschnitt als Momentaufnahme – moderner als noch vor einigen Jahren, von einer neuen Generation Lehrender angefeuert, mit einer ganz anderen Art von Studenten, aber zum Teil auch überfordert, unterfinanziert und ein wenig orientierungslos im Strom der Anforderungen zwischen Kommerz und Kunst, getragen von hochmotivierten und designaffinen Lehrpersonal und Studenten mit Herzen und Seelen von Kämpfern, die sich gegen den Apparat und das systemische Trägheitsmoment wehren. Es zeigt – wie so viele Portfolio-Books – oft ununterscheidbar gute Arbeitsergebnisse, in denen es für Absolventen immer schwieriger wird, sich zu profilieren und einen USP zu finden. Vor allem aber zeigt es Typographie als nach wie vor zentrales Fach für Design, das alles andere als ein How-to-Fach ist, in dem etwas Schriftexperiment und Geschichte vermittelt wird. Es ist, paradoxerweise, trotz der ureigentlich handwerklichen Orientierung heute ein Kopf-Fach, in dem gearbeitet und konzeptioniert wird, und in dem Design-Denken vermittelt wird, vielleicht weil Schrift eben immer noch Medium des greifbar gewordenen Denkens ist.

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Und darin einen Einblick zu gewinnen – das ist für 24,90 € mehr als geschenkt. Man kann nur hoffen, dass das Buch ein Erfolg wird und ein Dauerbrenner und wir von Roßa und Sommer noch einige Folgebände bekommen, die die Entwicklung studentischer Arbeit mit Schrift und Layout über mehrere Jahre dokumentiert.

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Weil das hier kein gekauftes Buch ist, sondern ein Exemplar, das Patrick mir persönlich geschickt hat, würde ich es gern verlosen. (Liest so weit unten überhaupt noch jemand mit?) Die Sache ist relativ einfach: Mitmachen können nur Studenten (ich prüfe das nicht nach, ich vertraue den Einsendern). Bitte schickt mir eure beste eigene typographische Arbeit, je wilder, desto lieber – der Student mit der schönsten Arbeit (subjektive Entscheidung mit dem nodesign-Team als Jury) bekommt das Buch geschenkt, portofrei. Also: Einfach eine Mail an schellnack@nodesign.com mit einer kleinen PDF, vielleicht ein paar Worte dazu und eure Adresse. Einsendeschluss ist in einer Woche. Ich bin sehr gespannt, ob überhaupt noch Designer (geschweige denn Studenten) dieses Blog lesen und ob überhaupt bzw. was da bei uns ankommt.

Azuro

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Adriano Celentano wird es freuen – endlich gibt es die Schrift zu seinem größten Hit, wenn sie auch nicht aus Italien kommt. Die für die Lesbarkeit an Montioren unter verschiedenen Betriebssystemen und für Mobilgeräte optimierte Familie mit den vier bürofreundlichen Standardschnitten Regular, Italic, Bold und Bold-Italic stammt von Georg Seifert, den Schriftfreunde als Schöpfer der leicht an TheSans erinnernden, zeitlos schlichten Serifenlosen Graublau Sans kennen. Die neue Schrift hat Seiffert mit seiner eigenen Font-Software Glyphs gestaltet, und das Ergebnis ist ein freundlicher Office-Font, der hier und da genetische Restspuren von Spiekermann-Ästhetik in sich trägt, aber durchaus über eigenen Charakter, kleine Eigenarten und eine klare Optik, die Freude macht. Seifert sieht den Font als Ersatz für die üblichen Screen-Standards wie Arial, Verdana oder Lucida Grande, wobei das wahrscheinlich wie stets an der Verbreitung scheitern dürfte (Arial ist ja nun mal überall), zum anderen muss die Praxis zeigen, ob die Ästhetik der Azuro nicht einen Hauch zu viel Charakter hat, am Bildschirm mit der Zeit also vielleicht nicht «unsichtbar» genug ist. In den vom Fontshop verschickten Beispiel einer Mail-Ansicht muss ich zugeben, dass mir die Verdana besser gefällt, luftiger und nicht so beengt wirkt und auch die Glyphen weniger sperrig sind als die der Azuro, die mit allerlei eigenwilligen Buchstabenformen und seltsamen Kontrasten und Serifen aufwartet.

Mit SmallCaps, dezenten Minuskelziffern und einer Flut an internationalen Glyphen ist der Font aber auf jeden Fall exzellent ausgebaut und es gibt ihn sowohl in der normalen Office-OTF-Variante, als auch als Webfont, so dass er sich zB für den Einsatz mit Typek