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	<title>HD Schellnack &#187; Buch</title>
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		<title>Chuck Klosterman: The Visible Man</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 14:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[In seinem neuen Buch «The Visible Man» versucht er sich erneut als Novellist, mit einem schmalen Bändchen, das aus der Sicht der Psychologin Victoria Vick geschrieben ist, aus deren eMail-Notizen und Gesprachsmitschnitten sich nach und das Protokoll eines seltsamen Patienten mit dem Pseudonym Y_____ hervorschält. ...  Schnell wird deutlich, das Y____ nicht zuletzt ein Vehikel für den Autor ist, um wunderbare Vignetten über die Einsamkeit zu präsentieren, denn der Nicht-unsichtbare-aber-auch-nicht-sichtbare-Mann schleicht sich mit Vorliebe in die Wohnung von Singles und spioniert deren Gewohnheiten wenn sie sich unbeobachtet fühlen aus. ...  So gut, dass man die ersten 100+ Seiten des Buches binnen kürzester Zeit wegliest, weil man wie Vicky von der Persönlichkeit, den Widersprüchen, den Anti-Charme und der Smartness von Y____ gebannt ist und mehr wissen will, bis Klosterman die Story vor die Mauer fährt und man eine 08/15-Horrorgeschichte geliefert bekommt, die abstruserweise gar nicht so weit weg ist von der Kevin-Bacon-Version von «Invisible Man», also die mit dem Cover versprochene Andersartigkeit zur Vorlage nicht einlöst.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/Klosterman_VisibleMan.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Chuck Klosterman ist ein Ausnahmeautor und gehört als Kolumnist mit zum scharfsinnigsten, was die US-Presse in Sachen moderne Medien- und Kulturbetrachtung zu bieten hat. In seinem neuen Buch «The Visible Man» versucht er sich erneut als Novellist, mit einem schmalen Bändchen, das aus der Sicht der Psychologin Victoria Vick geschrieben ist, aus deren eMail-Notizen und Gesprachsmitschnitten sich nach und das Protokoll eines seltsamen Patienten mit dem Pseudonym Y_____ hervorschält. Stilistisch greift Klosterman den Sound eines Briefromans aus, nur dass die Briefe eMails sind, die Victoria sich selbst schickt, als kurze Memos, ebenso wie die Einleitung des Buches aus einem Brief an den Verleger besteht, der ein bisschen Foreshadowing betreibt und die grundsätzliche Exposition der Buchstruktur leistet. Schon nach nur 10% des Buches wird der Charme dieser Konstruktion klar, wenn Klosterman Y_____ einen phantastisch Clownwitz erzählen lässt, der in den Notizen der Psychologin völlig auf Grund läuft, weil Victoria den Gag absolut nicht versteht. Spätestens hier wird klar, dass die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten doppelbödig und spannend werden dürfte, die zwischen den eMails, Anmerkungen und Einträgen der fiktiven Autorin nur indirekt hervorblitzen kann. Klosterman vergeudet wenig Zeit und bringt effizient die technische und psychologische Basis für den Plot auf den Tisch: Y____ ist ein hochbegabter Wissenschaftler, der anfangs für das Militär und dann im Alleingang einen Tarnanzug entwickelt hat (inspiriert von Dicks «A Scanner Darkly»), den er nutzt, um ungestört das Leben anderer Menschen zu beobachten. Während wir als Leser dieser «Fermate»-artigen Konstruktion sofort folgen können, glaubt Victoria etwas beschränkt an Wahnvorstellungen, und das obwohl selbst in ihrer fiktiven Realität die Möglichkeit eines solchen «Stealth Suit» nicht zu absurd sei sollte. Victoria aber glaubt, ihr Patient habe sich in eine Comic-Phantasiewelt geflüchtet, in der er ein wissenschaftliches Genie und Superspanner ist. Aus der Meta-Perspektive des Lesers ist aber ad hoc sicher, das Y____ wahrscheinlich nicht lügt, sonst gäbe es das Buch ja gar nicht &#8211; weder das fiktive von Vick noch das reale von Klosterman… Mit dem Potential, genau mit dieser Gewissheit des Lesers spielen zu können. Dazu kommt, dass Y____ trotz aller Attitude, Wut und Arroganz sofort sympathisch ist. Er ist ein Nerd, vielleicht sogar <em>der</em> ultimative Nerd und seine smarten Beobachtungen, schärfer Humor, nicht zuletzt auch das Musik-Know-how bringen ihn sehr nahe an Klostermans eigenen «Sound». Er ist ein unsicherer, über-selbstreflektierter Stubenhocker, der zu viel über George Harrison nachgedacht hat und vor allem mindestens zehnmal smarter ist als seine Psychologin. Nachdem Vicky eindeutigen Beweis für die Wahrheit der Behauptungen von Y____ hat, stürzt sie entsprechend in eine Sinnkrise &#8211; ihr Weltbild als Psychologin lässt nicht zu, dass die Psychosen und Phantasmagorien ihrer Patienten <em>wahr</em> sind. Keine Traumwelten, keine Metaphern für tieferlegende Neurosen, kein Wahn &#8211; nur real. Schnell wird deutlich, das Y____ nicht zuletzt ein Vehikel für den Autor ist, um wunderbare Vignetten über die Einsamkeit zu präsentieren, denn der Nicht-unsichtbare-aber-auch-nicht-sichtbare-Mann schleicht sich mit Vorliebe in die Wohnung von Singles und spioniert deren Gewohnheiten wenn sie sich unbeobachtet fühlen aus. Y____ ganzes Dasein scheint in den Dienst dieses High-End-Voyeurismus gestellt, aus dem wir ab dem ersten Drittel Auszüge präsentiert bekommen, phantastische Vignetten, die Klostermans Short-Fiction-Qualitäten unterstreichen und die scheinbar mühelos zugleich berührend und hochkomisch sein können. Ebenso scheinbar beiläufig schmuggelt Klosterman nicht nur Geek-Nuggets ein (die letzte Lost-Staffel, Dick Grayson als Batman), sondern auch smarte kleine und größere Einsichten über die Art und Weise wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie Durchschnittlichkeit und Langeweile unser Leben dominieren, wie wir uns öffentlich mit Lügen maskieren, und über allem die Frage, was eigentlich «normal» ist.</p>
<p>Was alles nicht bedeutet, dass es keine Handlung gibt &#8211; im Gegenteil. Nach dem mutigen eMail-Briefroman-Anfang wechselt Klosterman zunehmend in eine herkömmliche Erzählform und entwickelt vorsichtig so etwas wie einen Plot zwischen der Psychologin und ihrem Patienten (und ihrem Ehemann John)l komplett mit dem wahrscheinlich seltsamsten Date, das ich seit längerem in einem Buch gelesen habe. Und mit einer unterschwelligen, zunehmenden Bedrohlichkeit, die man vielleicht erwarten darf, wenn ein Mann, der sich unbemerkt in jedes nur beliebige Leben hineinschleichen kann, sich langsam in seine Psychologin verliebt und ihren Mann bedroht. Etwas abrupt wandelt sich das letzte Viertel des Buches in eine Art staubige Twilight-Zone-Episode, die in ihrer Herkömmlichkeit nicht wirklich um brillanten Anfang des Buches passt. Das zu klassische Dénouement unterstreicht ein wenig, wie sehr sich das Buch von dem sehr «anderem» Anfang der eMail-Erzählform nach und nach normalisiert und am Ende ziemlich erwartbar endet. Es wirkt, als habe Klosterman ab der Mitte des Buches Ansgar den Faden oder die Lust oder beides verloren und es einfach nach Strickmuster abgewickelt, was enorm schade ist. Denn der Anfang des Buches und vor allem der Mittelteil mit seinen Vignetten der von Y____ beobachteten Personen ist großartig.</p>
<p>So gut, dass man die ersten 100+ Seiten des Buches binnen kürzester Zeit wegliest, weil man wie Vicky von der Persönlichkeit, den Widersprüchen, den Anti-Charme und der Smartness von Y____ gebannt ist und mehr wissen will, bis Klosterman die Story vor die Mauer fährt und man eine 08/15-Horrorgeschichte geliefert bekommt, die abstruserweise gar nicht so weit weg ist von der Kevin-Bacon-Version von «Invisible Man», also die mit dem Cover versprochene Andersartigkeit zur Vorlage nicht einlöst. Das Ende liefe eben doch nur die Geschichte vom verrückten Wissenschaftler, der einer Frau nachstellt. Ähnlich wie auch Nicholson Bakers «Fermate», nur spürbarer, scheint es auch bei «Visible Man» schwierig. Sich am Ende den Schwung des Anfangs zu bewahren, wenn alles gesagt und getan ist, wenn das Mysterium um den Kern der Geschichte gelüftet ist. Auch die Doppelbödigkeit um die Tatsache, das Vick eine unzuverlässige, weil ihrem Patienten geistig unterlegene Berichterstatterin ist, schwindet spurlos und die Psychaterin wird eine glaubhafte Quelle, über die wir nicht mehr mit Y____ den Kopf schütteln wollen, sondern mit der wir plötzlich mitfühlen sollen. Erst ganz am Ende löst Klosterman das wieder auf, wenn er beschreibt das Vick ihre Beziehung mit ihrem älteren und Intellektuellen Mann viel besser findet, seitdem er im Rollstuhl sitzt, weil er sie jetzt braucht und sie gleichwertiger ist. Da blitzt ganz am Schluss noch eine Prise Boshaftigkeit auf, die das «Happy End» der Victoria Vick bei genauerem Lesen wunderbar vergiftet und die Figur wieder ambivalent für den Leser macht.</p>
<p>Insgesamt ist «The Visible Man» ein hochlesenswertes Buch mit einem furiosen Anfang, einem berauschenden Mittelteil, einem sehr schwachen Ende und einer Coda, die dem Leser noch breit grinsend den Mittelfinger entgegen reckt. Klosterman ist immer dann am besten, wenn er in der Camouflage des Romanciers trotzdem seine normalen Kolumneninhalte über Popkultur und Gesellschaft einflechtet und schwächelt, wenn er versucht, seinen inneren Stephen King von der Leine zu lassen. Hätte das Buch so mutig und anders geendet, wie es beginnt, wäre es herausragend… so ist es «lediglich» hoch lesenswert.</p>
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		<title>Terry Pratchett: Snuff</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 18:28:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Fantasy]]></category>

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		<description><![CDATA[Tatsächlich ist neben dem reinen Unterhaltungswert der leichten, aber nie seichten Bücher von Pratchett dieser evolutionäre Aspekt bei fast 40 Büchern zur gleichen Materie ein zweites wichtiges Merkmal der Bücher geworden - die Disworld mutiert zur Welt-Simulation, zum Sim-Planet eines einzelnen Autoren, der quasi im »God-Modus« nach und nach über drei Dekaden hinweg trotz des humorigen Gewandes seiner Werke ganze Religionen, Städte, Kriege, Monarchien, Spezies und mit Ankh Morpock ein politisch-evolutionäres Experiment entwickelt hat, eine Art Chemiebaukasten moralischer Fragestellungen, die er hier abstrakt und satirisch gewendet untersuchen kann, nicht zuletzt eine immer komplexer und damit realer werdende Spiegelversion unserer Welt, in die Pratchett immer mehr moderne Elemente webt - Geld, Steuern, Politik, Technologie. ...  In dem doppeldeutig betitelten »Snuff« dreht sich alles um eine der eingespieltesten Figuren Pratchetts, den über die Jahre und Bücher zum Adligen und Polizeichef aufgestiegenen Streifenpolizist aufgestiegenen Sam Vimes, der mit seiner Frau Lady Sybil, dem Sohn Young Sam und seinem Leibwächter/Butler Willikens einen Landurlaub in Crundelis macht. ...  Dahinter entwickelt sich eine Handlung rund um Tabak, Drogen und Sklaverei, die eher einem Thriller als einem normalen Discworld-Roman entsprungen scheint und die nahezu völlig ohne die sonstigen Fantasy-Elemente auskommt… wenn man davon absehen will, dass die Sklaven in diesem Fall nicht Menschen, sondern Kobolde sind und natürlich rund um die Handlung Zwerge, Werwölfe, Igore und andere typische Discworld-Bewohner drapiert sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/Snuff.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Der wievielte Discworld-Roman ist das jetzt noch einmal? Bin ich nicht eigentlich dumm, einen solchen Dauerbrenner-Serienautor wie Terry Pratchett zu folgen, der Jahr um Jahr wie eine Schreib-Maschine immer wieder Bücher nach gleicher Stanzform hervorbringt, anstatt neue Bücher und Schreiber zu entdecken? Sicher, einerseits, obwohl ja andererseits gerade solche Serien hohen Suchtfaktor haben &#8211; und Drogenkurier Sir Terry wider alle Wahrscheinlichkeit Jahr um Jahr soliden Stoff an seine Junkiegemeinschaft liefert. Einer der Aspekte des Suchtcharakters aller Serienpublikationen ist für Autor wie Leser die Chance, Wachstum und Wandel der Protagonisten zu erleben. Während es die meisten Serien bei einer Art <em>Illusion of change</em> belassen, einer erzählerischen Gaukelei, die die Figuren immer wieder zyklisch in einer Art dynamischer auf den Ursprungszstand zurücksetzt, lässt Pratchett in seinem Minikosmos tatsächliche Entwicklungen zu und schafft die für eine Serie nötige Einheit eher durch Schreibstil und wiederkehrende Figuren. Vielleicht da er über ein reichhaltiges Sortiment an »dramatis personae« verfügt, kann Pratchett sich diesen Luxus leisten, den Autoren nicht haben, die auf nur eine Figur setzen. Tatsächlich ist neben dem reinen Unterhaltungswert der leichten, aber nie seichten Bücher von Pratchett dieser evolutionäre Aspekt bei fast 40 Büchern zur gleichen Materie ein zweites wichtiges Merkmal der Bücher geworden &#8211; die Disworld mutiert zur Welt-Simulation, zum Sim-Planet eines einzelnen Autoren, der quasi im »God-Modus« nach und nach über drei Dekaden hinweg trotz des humorigen Gewandes seiner Werke ganze Religionen, Städte, Kriege, Monarchien, Spezies und mit Ankh Morpock ein politisch-evolutionäres Experiment entwickelt hat, eine Art Chemiebaukasten moralischer Fragestellungen, die er hier abstrakt und satirisch gewendet untersuchen kann, nicht zuletzt eine immer komplexer und damit realer werdende Spiegelversion unserer Welt, in die Pratchett immer mehr moderne Elemente webt &#8211; Geld, Steuern, Politik, Technologie. So ist es vielleicht kein Wunder, dass sowohl die Fantasy-Elemente als auch zunehmend der schiere Humor in den Hintergrund treten und die Discworld-Bücher mehr und mehr zu einer Struktur sui generis werden, und das aktuelle Buch unterstreicht diesen Trend.</p>
<p>In dem doppeldeutig betitelten »Snuff« dreht sich alles um eine der eingespieltesten Figuren Pratchetts, den über die Jahre und Bücher zum Adligen und Polizeichef aufgestiegenen Streifenpolizist aufgestiegenen Sam Vimes, der mit seiner Frau Lady Sybil, dem Sohn Young Sam und seinem Leibwächter/Butler Willikens einen Landurlaub in Crundelis macht. Wir erleben den Culture Shock des Stadtkindes Vimes und einige so idyllische wie langweilige Momente mit Young Sam und sind entsprechend nach rund 100 Seiten ebenso froh wie Vimes, als ihm ein sehr nach Verschwörung und Vertuschung riechender Mord an einem Kobold über den Weg läuft. Während auch in Ankh Morpock die Koboldfrage langsam hochkocht, mutiert Vimes zum Landdetektiv à la Agatha Christie, aber eben mit einem guten Schuss Clint Eastwood. Nach dem eher trägen Start schwingt sich Pratchett zu fast ungewohnten Actionsequenzen auf, etwa wenn sich Vimes mit dem Schmied Jethro prügelt oder vor allen in der langen und spannenden Verfolgungsjagd der <em>Wonderful Fanny</em> auf einem reißenden Fluss, immer nur einen Herzschlag vor der Flut. Dahinter entwickelt sich eine Handlung rund um Tabak, Drogen und Sklaverei, die eher einem Thriller als einem normalen Discworld-Roman entsprungen scheint und die nahezu völlig ohne die sonstigen Fantasy-Elemente auskommt… wenn man davon absehen will, dass die Sklaven in diesem Fall nicht Menschen, sondern Kobolde sind und natürlich rund um die Handlung Zwerge, Werwölfe, Igore und andere typische Discworld-Bewohner drapiert sind. Tatsächlich nimmt das Buch im letzten Drittel, bevor es eine Art Coda gibt, eine Fahrt auf, die ungewöhnlich für Pratchett ist und die Lektüre zur reinen Freude macht. »Snuff« ist ein Eastwood-Film, mit einem gereiften aber noch nicht alten Dirty Harry oder Hauptrolle, der nach einem müden Start fast atemlos wird und sich dann zu einem ruhigen, aber rundum zufriedenstellenden Ende arbeitet. Pratchett-Bücher sind ausnahmslos warme, positive »Feel-Good«-Bücher, und dieses ist keine Ausnahme, im Gegenteil, es bietet Eskapismus in einer so kristallklaren und freundlichen Form, wie man ihn nur selten findet. Die Kunst des Autors dabei ist, niemals selbst in der formelhaften Struktur des Discworld-Settings herablassend oder gelangweilt zu wirken, diese unbewusste Arroganz auszustrahlen, diese müde Routine, die so viele Serienschreiber erfasst. Der Clou bei Pratchett hingegen ist, dass er keine Serie um eine Figur gewoben hat, sondern methodisch ein Simulacrum konstruiert, eine Alternative Realität, in der Magie die Rolle innehat, die in der Entwicklung unserer Wirklichkeit die Technologie hatte. Aus dieser Prämisse, und mit viel Humor, entwickelt er seit den Achtzigern zunehmend gekonnt Momentaufnahmen aus dem Entstehen einer Zivilisation, eine literarische SimWorld, die unsere eigene Konstruktion der Wirklichkeit charmant-feinsinnig in Frage stellt. Denn Pratchetts Welt mag eine Scheibe sein, bei genauerem Hinsehen ist sie eigentlich aber kaum absurder als unsere Realität, wir haben uns nur achselzuckend daran gewöhnt. In der Surrealität einer Welt voller Sagenwesen und Fabelkonzepte gelingt es Terry Pratchett insofern, ganz klassisch à la Swift, die Absonderlichkeiten unseres Alltags prägnanter zu fassen als es manchem Sachbuch gelingen könnte &#8211; und zugleich unterhaltsamer. Man darf also hoffen, dass Sir Terence dem Alzheimer weiter lange den Kampf ansagen kann, damit wir im nächsten Discworld-Band erleben können, wie das Steuersystem der Scheibenwelt funktioniert.</p>
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		<title>Wolfgang Büscher: Hartland</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 12:57:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr - und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. ...  Die Reise ins Ich  «Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann.   Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität  in situ  auseinandergelebt haben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/buescher_hartland.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr &#8211; und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. Der xenophobe Kampf gegen der europäischen Einwanderer die Indianer, die stets wiederholten Warnungen an Büscher, dieses oder jenes Bundesland oder eine bestimmte Stadt zu meiden, die religiöse Militia von Waco, die grundlegende Stimmung von Misstrauen gegen alles und jeden &#8211; all das zieht sich immer wieder durch «Hartland».</p>
<p>«Hartland» ist nach einer Stadt benannt, in der Büscher zu Beginn seiner Reise übernachtet, eine alte verlassene Goldgräberstadt, aber vom Anklang des Heartland bis zum Unterton von Schmerz und Härte, umfasst dieser Titel die amerikanische Entwicklung &#8211; «Die beiden Enden der amerikanischen Parabel», wie Bücher selbst schreibt. Und es ist ein hartes Land, durch das er reist. Melancholisch, oft fast poetisch begegnet der Reisende dem Niedergang der amerikanischen Eingeborenen, reist an Toten Vögeln an Reservatsstraßenrändern vorbei, besucht die «Fortunabunker», in denen Indianer eine hundertfache Schar alter weißer Glücksspieler beaufsichtigen, während rundherum das Land wie ausgestorben, leer, leergesaugt, wirkt.</p>
<p><strong>Die grenzenlose Subjektivität</strong><br />
Büscher ist ein Glücksfall als Dokumentator seiner eigenen Reise, der mal emotional überwältigt und fast lyrisch wird, mal sparsam und nüchtern wirkt &#8211; ein schriftstellerisches Mixtape, das (auch wenn das Buch möglicherweise gar nicht live on the Road geschrieben sein mag) sehr glaubhaft die Lichtwechsel der Reise widerspiegelt, die Stimmungen des Autors, aber auch die Wechsel in Land und Leuten, denen er begegnet. Dabei bleibt Büscher oft abstrakt, fast skizzenhaft, lässt sich nie auf ein «nur» beschreibendes Niveau herab, ist immer weit von einem National-Geographic-Stil entfernt, betont unjournalistisch für einen Journalisten. Denn dieser touristische Sound wäre auch falsch &#8211; es geht ja vielmehr darum, nicht das Unbekannte neutral zu dokumentieren, sondern ganz im Gegenteil, das Bekannte (oder <em>vermeintlich</em> Bekannte) durch ein subjektives Eintauchen zu dekonstruieren und neu zu sehen. Immer wieder konfrontiert Büscher sich selbst und uns Leser mit medialen Vorbildern &#8211; die ja unverhinderbaren Eindrücke aus Filmen, Musikfetzen im Radio, aber auch den Schriften Maximilian Prinz zu Wieds aus dem 19. Jahrhundert über dessen Besuche im Indianergebiet oder aus historischen Fragmenten der Lebensgeschichte des Indianers Black Elk und anderen Büchern. Dieser Fremd- und Selbstbespiegelung des amerikanischen Mythos setzt Büscher eine oft fast naive, bewusste Neugier entgegen, gefasst in einer Sprache, die bildhaft, oft fast halluzinogen wirkt, die (ob man das nun mag oder nicht) einen Dreck auf Neutralität und Realität gibt und auf grenzenlose Subjektivität setzt.</p>
<p><strong>Die Reise ins Ich<br />
</strong>«Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann. Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität <em>in situ</em> auseinandergelebt haben.</p>
<p>Büscher liefert so einen interessanten Bruch zu der eigenen Narration, die Amerika über den eigenen Mythos liefert, aber keinen wirklichen Gegenentwurf, bewundernswert unneutral hängt er eingefroren zwischen der mythischen Anziehungskraft der Legende und Historie des Landes, und der Wirklichkeit eines entsiegelten und überfüllten, zu armen und zu reichen Landes, das in der eigenen Zentrifugalkraft auseinander zu sprengen scheint, das trotz so vieler freundlicher Individuen kollektiv und anonym so seltsam bedrohlich wirkt.</p>
<p>Etwa in der Mitte des Buches überkommt mich eine Neugier, die ich beim Lesen sonst so gut wie nicht kenne &#8211; wer ist eigentlich dieser Autor? Was treibt einen Mann, der alles andere als ein junger Weltenbummler ist, Jahrgang 1951, der einen soliden Job hat, Kinder, was treibt den in Niemandsland in Russland oder Amerika? Welches spezielle Reporter-Gen muss es geben, welche Mischng aus Neuier, Thrillseeking, blindem Vertrauen, Mut und Selbstsuche, die dich in dem Alter dazu bringt, nicht einen netten Tag mit deiner Familie zu verbringen, sondern auf irgendeinem Highway in wildfremde Autos zu steigen, in leeren Häusern zu schlafen, diese seltsame Konfrontation zu suchen? Für einen Moment springt mich an, wie genial es wäre, wenn Büschers Buch ein kompletter Fake sei, eine Helge-Schneider-Farce, schliesslich weht ja ohnehin kurz der Geist von Karl May durch den Text… aber wahrscheinlich macht ein preisgekrönter Zeit-Reporter so etwas nicht. Auch nicht, weil das Buch immer wieder einen autobiographischen Touch bekommt, wenn sich Büscher etwa auf seine arme, aber eben nicht armselige Kindheit zurückbesinnt und Parallelen zwischen dem fast staatsfeindlichen Individualismus in den USA und jener Prä-Wohlfahrtsstaat-BRD zieht. Oder wenn er seine Kindheit herauf beschwört, wie er vom Attentat auf Kennedy hört und später <em>Moon River</em> im Radio läuft.</p>
<p><strong>Der Flickenteppich</strong><br />
«Hartland» durchweht, je weiter das Buch voran schreitet, eine Melancholie und eine Art sanfter Trauer, die vielleicht aus der Konfrontation dieser Jugendträume der Sechziger mit der Realität von heute resultieren, vielleicht auch nur die einzig sinnvolle Reaktion auf ein müde den Niedergang erwartendes, wütendes und resigniertes Empire von Gestern, die Trauer, die du fühlst wenn du nach Jahren ein Photo eines früheren Hollywood-Stars siehst, an dem die Dekaden spurenreich vorbeizogen. Es ist ein Niedergang, den Büscher in fiebernden metaphorischen Szenen photographiert &#8211; eine Cowboyhochzeit im Orkan, der ungebrochene Verfolgungswahn von Waco, immer wieder kleine Begegnungen in Cafés und Autos, Streiflichter von Leben, die Stoff für Romane hergäben. Unterstrichen wird dies von dem Eindruck, dass «Hartland» keinerlei herkömmliche Handlung anbietet, die Reise Büschers kein Ziel hat, sogar mit ihrem Fortschritt immer zielloser wirkt, immer mehr von Pausen und Zögern durchrissen ist, erzählerisch stockt und mehr die Unsicherheit des Schreibenden/Reisenden aufzeigt als eine Entwicklung hin zu einem bündigen Eindruck der USA. Das macht die Lektüre gegen Ende des Buches mitunter etwas schwer, weil du dich als Leser in dem Pittoresken der Einzelszenen auch verlieren kannst und die Orientierungslosigkeit Büschers in der Linearform des Buches irritierend wirkt, aber es zeichnet die Narration auch aus, macht das Buch frei von der sonst so naheliegenden eurozentrischen Arroganz vieler Journalisten gegenüber den USA. Büscher ist nicht selbstsicher, nicht mit einem vorgefassten Ergebnis unterwegs &#8211; und diese Ambivalenz durchzieht auch den Text, sorgt in dem Rückblick des gealterten Cowboys Beto sogar für so etwas wie Wehmut, Sehnsucht nach der Zeit in der der Western-Mythos noch lebendig war, der selbst in Texas nur noch in der Erinnerung lebt.</p>
<p>Und so driftet Büscher von der kanadischen Grenze bis Down South zur mexikanischen Grenze und scheint am Ende selbst überrascht, wie wenig ihm zugestoßen ist, wie wenig sich die permanenten Warnungen unterwegs sich nicht bewahrheitet haben und wieviel Hilfsbereitschaft ihm in den verschiedensten Formen begegnet ist, dass unter der Schale des «harten Landes» also vielleicht doch ein weicher Kern steckt. In den Seiten von Hartland jedenfalls steckt eine große Erzählung in kleinen Episoden, eine bescheidene und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Land, zu dem wir Deutschen kaum eine neutrale, offene Haltung entwickeln können, und zugleich ein Roman, der die gewitzte Naivität wie man sie etwa auch aus Texten von Klaus Fiehe kennt, zu einer makellosen Waffe geschliffen hat, der Wissen im Nichtwissen, Tiefe im Ungesagten, in den Pausen bietet. Am Ende ist es ein Reiseroman, der zunehmend wortkarg wird, immer weniger zu sagen versucht, immer mehr die vielleicht ursprünglichen Ziele aus den Augen verliert und gerade dadurch, im Treibenlassen, hoch lesenswert wird.</p>
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		<title>Gian Domenico Borasio: Über das Sterben</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 07:57:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht - während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.  ...  Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma - allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befaßt, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.  ...  Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/Borasio_Sterben.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Das kleine Buch des Münchener Palliativmediziners Borasio bildet einen seltsamen Kontrapunkt zu den Auszügen der Schallplattenserie »Distar &#8211; Die Stimme des Arztes« aus den fünziger bis siebziger Jahren, die ich frisch als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks im Zusammenschnitt von <a href="http://www.radio-today.de/hoerspiel-player.php/977/Kalle%20Laar:%20Distar%20oder%20Phobophobia%20-%2008.07.2011">Kalle Laar</a> gehört habe. Wo bei Laars Zusammenschnitt die Ärzte sich noch wahlweise als reine Handwerker oder tatsächlich als Halbgötter in Weiß präsentieren, die oft hart an der Grenze zur Eugenik argumentieren, oft aber auch heute noch zutreffende, sehr übergreifende Analysen anbieten, präsentiert sich Borasio bescheidener, vielleicht weil sein Feld nicht viel Anlaß dazu gibt, sich selbst als Herr über Leben und Tod zu erleben, sondern dort beginnt, wo der normale medizinische Ansatz an seine Grenzen kommt.</p>
<p>Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht &#8211; während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.</p>
<p>Borasio plädiert &#8211; vor seinem Hintergrund selbstverständlich &#8211; für einen Ausbau einer stationären aber vor allem auch ambulanten palliativen Pflege, wobei vor allem letztere derzeit kaum gegeben ist, wie der Autor selbst an der Rolle des Hausarztes verdeutlicht, der hier eine zentrale Bedeutung haben könnte (und sollte), der aber in den meisten Fällen für 18 € pro Visite wenig Anreiz haben wird, sich auf dieses anstrengende und offenbar schlecht entlohnte Terrain zu begeben. Im Laufe seines Buches hakt Borasio die verschiedenen Bedürfnisse von und Möglichkeiten für Patienten und Angehörige ab, von simplen Dingen wie Atemnot bis zu der Frage, wie seelsorgerische und spirituelle Aspekte bis hin zur Nachberatung nach dem Tod für die Familie organisiert sind bzw. sein könnten. Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma &#8211; allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befasst, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.</p>
<p>Darüber hinaus zeichnet sich hier natürlich ein unverzichtbarer Wandel im medizinischen Denken ab, den einzelne Ärzte längst in ihrem Alltag leben, viele Ärzte laut Borasio aber nach eigenem Bekunden nicht beherrschen und sogar vermissen &#8211; die Entwicklung hin zu einem kommunikationsfähigen, für den Patienten offenen Mediziner, der sich nicht hinter einem Wall von Fachtermini versteckt und nicht unilateral «erläutert», sondern empathisch auf den kranken oder sogar sterbenden Menschen zugehen kann. Ich stelle mir das für Ärzte, egal ob im Studium oder mit jahrelanger Erfahrung als Ober- und Chefarzt, enorm schwer vor. Die kühle, von Codes, Chiffres und Wort-Camouflage geprägte Fassade, das Vertrauen auf Technologie, Chirurgie und Pharmazie, die klare Hierarchisierung von Spitälern und nicht zuletzt auch der in den letzten Dekaden exponentiell steigende Druck, wirtschaftlich «sinnvoll» (also gewinnorientiert) zu arbeiten, machen den Patienten vom Subjekt zum Objekt, zu einer nie wirklich endenden Flut von zu lösenden Problemen, schließlich auch zu einer Aktenlage, die Ärzte abarbeiten und verwalten wie Anwälte und Richter ihre Fälle, mit der gleichen Effizienz und Abstraktion. Es ist schwer &#8211; für Patienten wie für Ärzte &#8211; von diesem über Jahrzehnte erlernten Modus auf eine seelsorgerische, sozialarbeiterische gar psychologische Arbeit umzuschalten, die im Krankenhausalltag bestenfalls den Schwestern und Sozialteams mehr schlecht als recht überlassen wird. Es gibt dennoch gute Gründe, warum in einer alternden Gesellschaft ein neuer Typus von Arzt-Patient-Kommunikation entstehen müsste, und Borasio plädiert in diesem Sinne für eine Schulung von Ärzten im Sinne von palliativer Pflegekompetenz, die eine Voraussetzung für die einfachsten medizinischen Erfolge in der Behandlung, aber eben auch für ein souveränes Sterben sein kann.</p>
<p>Was keineswegs unausgesprochen hinter »Über das Sterben« steht, ist der gesellschaftliche Wandel. Borasio selbst nennt die aktuelle Re-Urbanisierung, die Demographie, den Unterschied zwischen größeren Familien auf dem Lande und Single-Haushalten in der Stadt, die bittere Wahrheit, dass familiäre Pflege meist bei den Töchtern hängen bleibt und kommt indirekt zu dem Fazit, dass, wer sich ein humanes Sterben im Kreise der Familie wünscht, idealerweise auf dem Land leben sollte, Kontakte zu Nachbarn pflegen und vor allem reichlich Kinder, idealerweise Töchter, in die Welt setzen sollte. Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann. Borasio kratzt damit am Tabu des Sterbens und der Trauer in der Hyperdrive-Gesellschaft und nicht zuletzt auch an der Thematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids, wobei sich der Arzt recht deutlich gegen die in den Beneluxländern praktizierte Tötungslegalisierung ausspricht und für einen assistierten Suizid, womit er deutlich von der offiziellen Haltung der Ärztekammer abweicht, die gerade erst die letzten Interpretationslücken geschlossen hat und die Sterbehilfe nahezu verbietet. Was angesichts von Borasios Argumentation, das etwa in Oregon &#8211; wo die assistierte Sterbehilfe legal ist &#8211; nur 2% der Patienten, die Suizidmittel erhielten, diese auch nutzten, es also scheinbar vielmehr um das Gefühl geht, selbst als Patient kontrolliert entscheiden zu können, wann es Zeit ist, auszusteigen.</p>
<p>Gegen Ende des Buches, das in seiner leichten Sprunghaftigkeit manchmal wirkt, als sei es aus verschiedenen Vorträgen destilliert, widmet Borasio sich der seinem Gebiet als universitäre Einrichtung, die derzeit zum Spielball Interessen von Anästhesie und Onkologie dasteht und seiner Meinung nach um Eigenständigkeit kämpfen muss und der hausärztlichen Arbeit nähersteht als einer pharmazeutischen Vergabestelle. Was plausibel erscheint, da es in der »palliative care« sicher mehr um psychosoziale Momente geht als nur um die Verabreichung von Morphin und da &#8211; vor allem langfristig &#8211; nicht nur Krebspatienten bereut werden, sondern auch ALS- oder Demenzkranke, Kinder und viele andere Sterbende. Die Zeit, so traurig es ist, und die gesellschaftliche Entwicklung, spielt dieser professionalisierten Substitution einer post-industriell untergegangenen familiären Betreuung von Sterbenden in die Hände.</p>
<p>Und so ist »Über das Sterben« keineswegs nur ein Leitfaden oder ein Ratgeber, sondern natürlich eine Verteidigung von Gian Domenico Borasios eigenem Arbeits- und Forschungsgebiet und ein Plädoyer für mehr Beachtung (und Mittel) für den palliativen Pflegebereich. Borasio legt dabei sehr viel Wert auf die reflektive Bedeutung des Sterbens für das Leben der Kranken, aber auch für die Ärzte und Pfleger selbst, und induziert so, dass wir auch gesamtgesellschaftlich vielleicht den Tod nicht so sehr tabuisieren sollten, sondern als wichtigen und normalen Teil des Lebens begreifen, als Gegenstück und Vollendung der Geburt. Und obwohl Borasios Buch aufgrund der Kürze an vielen Themen nur kratzt, obwohl es vor allzu tiefen philosophischen und sozialen Betrachtungen an sich wohltuend zurückschreckt, schafft das dünne Buch einen hervorragenden Bogen zwischen pragmatischer Anleitung, mentaler Vorbereitung und einer Art aus der Praxis entwickelte spiritueller Grundhaltung, der nicht nur eine kurzweilige, weil oft rastlose Lektüre gewährt, sondern einen bewusst auch für Nicht-Mediziner gedachten Einstieg in ein komplexes und umstrittenes Thema leistet. Mag sein, dass Mediziner sich trefflich über den Inhalt des Buches streiten können &#8211; aber das einzige, was man also aus Sicht des Laien an <a href="http://itunes.apple.com/de/book/uber-das-sterben/id475290243?mt=11">»Über das Sterben«</a> kritisieren kann, ist das entsetzliche Cover… der Inhalt ist für jeden lesenswert und zeigt zugleich auf, wie weit der Weg noch ist, den die Medizin vor sich hat von den wissenschaftlichen Halbgöttern in Weiß der Distar-Serie zu psychologisch und soziologisch geschulten Lebensbegleitern.</p>
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		<title>Grant Morrison: Supergods</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 12:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Comics]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Buch ist nicht nur ein spannender Schlüssel zu Morrisons eigenen Faszination und Arbeiten, sondern vor allem im Rückblick auf die Sechziger und Siebziger auch auf die Art und Weise wie eine Kultur ihre Ängste und Hoffnungen den gerade in Trashmedien wie Horrorfilmen, Science Fiction oder eben monatlichen Superhelden-Abenteuern reflektiert und ausprobiert, in modernen Moralfabeln, in denen oft das nahezu Ungesagte wichtiger ist als die eigentliche Handlung. ...  Trotz aller literarischer Quellen, Popzitae und Drogentrips scheint vor allem der spätere Morrison ein autopoeitisches System, einem Perpetuum Mobile, der seine eigenen Werke und die Gescichte der Comics geschickt zu einem postmodernen Zitatedschungel verwebt, und etwa seinen All Star Superman oder seine aktuellen Batman-Geschichten massiv aus frühen Silver-Age-Elementen konstruiert, etwa aus Otto Binders naiven Superman-Fabeln oder aus den psychedelischen Sixties-Batman-Stories, in denen der eigentlich eher auf normale Kriminelle geeichte Batman plötzlich auf Außerirdische und andere seltsame Gegner traf - was Morrison prompt auf Erfahrungen Baumanns mit psychedelischen Drogen zurückführt. ...  Auf seiner Reise durch die Nerd-Kultur verblüfft Morrison mit einem schönen, liebevollen, sehr anderen Blick auf die frühen Jahre der Comic-Industrie, historisch nicht immer korrekt, aber frisch und innovativ, und bis zur Jetztzeit ist seine Darstellung der Branche als dialektisches System, in dem Utopien und Dystopien sich ebenso abwechseln wie die relative kreative Wertschätzung der von Autoren oder Zeichnern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/supergods.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>
»Supergods« ist ein seltsames Experiment. Teils Exegese der Popkultur anhand ihrer Comic-Helden, teils Autobiographie, teils sehr individuelle Welttheorie, teils geschicktes Self-Marketing. Von Siegel und Schusters Superman über Stan Lee und Morrisons Nemesis Alan Moore bis hin zu Morrisons aktuellsten Arbeiten geht die Reise, die zum Teil bereits bestehende Interviews und Essays des Autors kohärent zusammenfasst und zu einer Metaidee verwebt. Das bestechende an »Supergods« ist zweifelsohne, wie Morrison Comics als Zeitsymptom deutet, in denen sich die Trends der jeweiligen Epochen des Mediums nicht nur widerspiegeln, sondern die nicht selten in der hypertrophen Kunstwelt der Superhelden Entwicklungen der »realen« Welt vorwegnehmen. Gerade an den oft meta-textuellen und psychedelischen Stories der Silver Age entdeckt Morrison Aspekte, die unwillkürlich an eine Art Light-Version von Zizeks Filmanalysen erinnern. Im Vordergrund stehen dabei die von Redakteur Julie Schwartz bei DC betreuten klassischen Helden der sechziger Jahre, darunter The Flash, Atom und Green Lantern, deren postmoderne und popkulturelle Anklänge heute in Morrisons eigenen Arbeiten oft widerhallen, aber auch die Marvel-Revolution Mitte der Sechziger und dr Brit-Boom der Achtziger, der Trend zu erwachseneren Graphic Novels und sogar der Image-Boom der 90er sind Morrison einer persönlichen Betrachtung wert. Je näher der Autor allerdings der Gegenwart kommt, umso weniger scharf und alert wirkt sein Blick, ganz im Gegenteil wirkt vieles beflissen und seinem gegenwärtigen Arbeitgeber DC gegenüber zu unkritisch. Dass Morrison dabei ein an Marketing grenzendes Namedropping veranstaltet und seinen Chef Dan Didio förmlich feiert ist eine Sache &#8211; dass er diese Perspektive aber auch in die Vergangenheit ausdehnt und die ungerechte Behandlung von Siegel und Schuster durch DC achselzuckend als Naivität der Superman-Schöpfer abtut, wirkt vermessen und zeigt, wie eng Morrisons Horizont zuweilen ist. Mag sein, dass er solche und andere »kontroverse« Positionen nur bezieht, um möglichst gegen den Mainstream zu argumentieren, aber es macht etwas traurig, wenn jemand, der mit Figuren wie Superman oder Batman Millionen verdient, es anscheinend völlig okay findet, wenn die Erfinder dieser Kreationen niemals ordentlich und fair entlohnt wurden. Dass es für Morrison eine enge Verbindung zwischen seinem persönlichen Leben und seiner Arbeit gibt, ist eigentlich seit seinen frühesten Tagen klar &#8211; immerhin hat er sich schon in einer seiner frühesten Arbeiten, Animal Man, dem Dialog mit seiner Figur gestellt, und mit The Invisibles einen fast zu nahtlosen Austausch zwischen Fiktion und Realität geschaffen, wobei Morrison das Comic nutzte, um sein eigenes Leben positiv zu beeinflussen. Auch die Faszination mit Comics als einer Art virtueller Welt, der der Leser sozusagen von der nächst höheren Dimension aus überlegen ist &#8211; er kann die Gedanken der Protagonisten lesen oder Zeit durch Vor-/Zurückblättern steuern usw. &#8211; ist für Morrison kein neues Thema, taucht immer und immer wieder in seinen Geschichten auf, zuletzt unter anderem in All Star Superman. Morrison widmet dieser Idee von Comics als zweidimensionaler Realität unterhalb unserer dreidimensionaler Wirklichkeit entsprechend einigen Raum und folgt der nachfliegenden These, dass es entsprechend über uns eine vierdimensionale Ebene geben könnte, deren Bewohner uns wiederum »lesen«. Die Comics-Unversen sieht er als lebende Entitäten, deren Fguren langlebiger sind als wir »normale« Menschen, die die Jahrzehnte überdauern ohne zu altern, getragen von der Phantasie immer neuer Autoren, die kommen und gehen und diesen Mythen kurzfristig dienen, Mythen die Jenseits ihrer Schöpfer einen Punkt an Komplexität erreicht haben, an dem eine Art von eigenem Leben emergiert. Diese Vorstellung dürfte den meisten Autoren vertraut klingen, die wissen, dass Figuren und Ideen irgendwann ein Eigenleben entwickeln.</p>
<p>Ob Jack Kirby oder Jim Lee, ob Batman oder Justice League, von billigem Pulp bis zu der komplexen Medienmaschine von heute, »Supergods« ist eine kurzweilige und hoch subjektive Reise in die Pophistorie der Comickultur mit einem Reiseführer, der es versteht, neue Verbindungen zu sehen zwischen denn grellbunten Abenteuern und der sie umgebenden Gesellschaft, den Autoren und ihren persönlichen Vorlieben und einer Art größerem eigenen Bewusstsein von Literatur an sich. Das Buch ist nicht nur ein spannender Schlüssel zu Morrisons eigenen Faszination und Arbeiten, sondern vor allem im Rückblick auf die Sechziger und Siebziger auch auf die Art und Weise wie eine Kultur ihre Ängste und Hoffnungen den gerade in Trashmedien wie Horrorfilmen, Science Fiction oder eben monatlichen Superhelden-Abenteuern reflektiert und ausprobiert, in modernen Moralfabeln, in denen oft das nahezu Ungesagte wichtiger ist als die eigentliche Handlung. Zugleich gibt der Autor einen zuweilen fast beiläufigen, oft aber auch fesselnden Einblick in seine eigene Biographie und Ideen »hinter« seinen Stories und damit in ein Phänomen, das bei «work-for-hire»-Autoren selten genug ist und Grant Morrison in seiner Zunft auszeichnet: Morrison nutzt das Genre, um seine eigenen Ideen zu kommunizieren. Während die meisten Autoren im Serienwesen der Comics damit zufrieden sind, komplexe Soap Operas mit Spandex-Kostümen zu erzählen, sich von Monat zu Monat, Cliffhanger zu Cliffhanger und Kampfszene zu Kampfszene zu hangeln, hat Morrison eine überschaubare Anzahl «magnetischer» Themen, die immer und immer wieder in veränderter Form in seinen Arbeiten aufkommen. Ob ultrakomplexe Indieserie oder Blockbuster, ob manifest oder fast subliminal versteckt, Morrisons Arbeiten sind voller literarischer Experimente, Spiegel eigener Faszination und zunehmend auch eine Art Metamedium, in dem es mehr und mehr um Morrisons Theorien hinter der Geschichten geht (die sich in einem mit anderen Autoren geteilten, fließenden Kontinuum natürlich immer nur begrenzt umsetzen lassen). Dieser Ansatz stellt Morrison auf eine Stufe mit Raymond Chandler oder Philip K. Dick, die jeweils auch Trashmedien erobert und zu Sprechrohren ihrer eigenen Ambitionen und Fragen gemacht haben. Ein entscheidender Unterschied zu diesen beiden und anderen genretranszendierenden Autoren besteht jedoch darin, dass sich Morrison sehr entscheidend von Comics selbst inspirieren lässt, aus dem System selbst heraus Inspiration schöpft, nicht sehr über den Tellerrand blickt. Trotz aller literarischer Quellen, Popzitae und Drogentrips scheint vor allem der spätere Morrison ein autopoeitisches System, einem Perpetuum Mobile, der seine eigenen Werke und die Gescichte der Comics geschickt zu einem postmodernen Zitatedschungel verwebt, und etwa seinen All Star Superman oder seine aktuellen Batman-Geschichten massiv aus frühen Silver-Age-Elementen konstruiert, etwa aus Otto Binders naiven Superman-Fabeln oder aus den psychedelischen Sixties-Batman-Stories, in denen der eigentlich eher auf normale Kriminelle geeichte Batman plötzlich auf Außerirdische und andere seltsame Gegner traf &#8211; was Morrison prompt auf Erfahrungen Baumanns mit psychedelischen Drogen zurückführt. Und damit wieder autobiographisch macht.</p>
<p>Solcher Spiegelkabinett-Referenzen ungeachtet, ist Morrison die große Ausnahme in einer Branche, die zu wenig solcher Talente aufweisen kann, vor allem im Mainstream. Obwohl die Qualität seiner Arbeit ungemein schwanken kann, obwohl Morrison tatsächlich große schriftstellerische Probleme hat, etwa damit, ein befriedigendes Ende einer Geschichte zu finden, ist all seinen Arbeiten ein kreativer Hunger anzumerken, der bei Ergebnissen wie We3 oder Flex Mentale beispielsweise das Comic-Genre an die Grenze des Machbaren auslotet und verschiebt. »Supergods« macht deutlich, dass hinter dieser Arbeit mit den Jahren eine Art Philosophie und Weltanschauung entstanden ist, die, vorsichtig gesagt, ähnlich verwirrend klingt wie die Überzeugungen, mit denen PK Dick sich am Ende seiner Laufbahn zunehmend befasste. Auch wenn an sich mit Morrisons Haltung vielleicht nicht anfreunden kann und einen pragmatischeren Blick auf das Universum hat als der Autor, ist es so oder so faszinierend, auf eine so komplexe und plausibel argumentierte Konstruktion hinter dem Oeuvre eines Mainstream-Autors zu blicken. Seine Art zu denken, sein persönlicher Background und seine Arbeit verschmelzen bei Morrison zu einer Art Gesamtkunstwerk, dem das Buch eigentlich in seiner fragmentierten, mitunter unfokussierten Herangehensweise nicht ganz gerecht wird. Im Grunde folgt Morrison auch hier seiner Technik, möglichst viel wilde Ideen an die Wand zu werfen, zu sehen, was kleben bleibt und sich nicht weiter darum zu kümmern, ob die Elemente unbedingt ein kohärentes Ganzes ergeben. Auf seiner Reise durch die Nerd-Kultur verblüfft Morrison mit einem schönen, liebevollen, sehr anderen Blick auf die frühen Jahre der Comic-Industrie, historisch nicht immer korrekt, aber frisch und innovativ, und bis zur Jetztzeit ist seine Darstellung der Branche als dialektisches System, in dem Utopien und Dystopien sich ebenso abwechseln wie die relative kreative Wertschätzung der von Autoren oder Zeichnern. Am Ende des Buchs aber verliert Morrison &#8211; vielleicht unter Zeitdruck einer Headline &#8211; zunehmend den Faden, entwickelt seine Theorie von Superman &amp; Co als eine Art selbstgeschaffenes Pantheon aus Papier nur beiläufig und legt vor allem die durchaus kritische Betrachtung des Genres einfach ab, wohl aus Angst, die Hand zu beißen, die ihn füttert. Das macht »Supergods« nicht weniger zu einem lesenswerten Einblick in kreative Arbeit und die Art und Weise, wie ein Autor mit seiner Materie zunehmend biographisch eins wird &#8211; hinterlässt aber ausgerechnet am Ende einen Hunger nach mehr, den das Buch leider nicht befriedigt.</p>
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		<title>Chuck Palahniuk: Damned</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Nov 2011 09:55:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist ein schwarz schillerndes Gegenstück zum normalen Jugendbuch, wo die jungen Helden ja auch immer wieder kleine Aufgaben und Hürden zu meistern haben, um ihre Ziele zu erreichen und eine Crew um sich sammeln - nur hier ist es halt Mord und Totschlag und die Crew besteht aus toten Soldaten und Söldnern Wie ein frischgeborener Dämon vernichtet Madison die alte Garde und schmückt sich ritualistisch mit den Ikonen des alten, rein irdischen Bösen - metatextuell begleitet von  ihrer Erkenntnis, dass sie keine Figur in einem Roman ist, keiner festgelegten Narration folgen muss, sondern aus den Ketten ihrer Charakterisierung springen und sich neu erfinden kann in der Hölle&#8230; und dabei stets begleitet von den Einflüsterungen des blauhaarige Punks Archer. 

...Und so steckt «Damned» voller wunderbarer Zeilen, Absätze, Gags und spitzzüngiger Abrechnungen und ist ein Paradebeispiel von Palahniuks Technik der Eskalation ins Absurde durch Wiederholung, aber es wird auch sehr deutlich, dass der Autor sich wegentwickelt von herkömmlichen Handlungsstrukturen und «Geschichten» oder gar «Charakteren» (die bei ihm kaum noch mehr als eine Skizze sind) und sich mehr und mehr auf möglichst bizarre Ideen verlässt, über die er frei improvisieren kann.   Es gibt keinen zweiten Autor wie Palahniuk, insofern müssen uns die in vieler schmalen Büchlein, die er derzeit herausbringt, reichen, aber ein klein wenig darf man sehnsüchtig nach älteren Werken schauen, die ebenfalls bizarre und wilde Achterbahnfahrten waren, die aber dadurch intensiver wirkten, dass wir noch tatsächlich mit seinen Figuren mitfühlen konnten, weil sie mehr als reine Chiffren waren, die durch eine eher stenographische Handlung stolpern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/palahniuk_damned.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Chuck Palahniuks zwölfter Roman, «Damned», dient laut einem Interview der Verarbeitung des Todes seiner Mutter. Nicht, dass man davon etwas merken würde. Ganz im Gegenteil: der im Stil an Fynns Hallo-Gott-hier-spricht-Anna und Judy Blumes «Are you there God, It&#8217;s me, Margaret» erinnernde Text wirkt ebenso zynisch und sperrig wie alle anderen Werke von Palahniuk auch. Wer hier Trauerarbeit sucht, wird nicht fündig.  </p>
<p><strong>Highway to Hell</strong><br />
Die 13-jährige Madison, Tochter eines Jet-Set-Ehepaar, das ein wenig an Pitt/Jolie erinnert, gerät in die Hölle, weil sie angeblich an einem Joint gestorben ist (wir finden erst später heraus, woran sie wirklich starb). Die Hölle ist ein Ort, der uns zu uns selbst zurückführt, scheint es, denn hauptsächlich erinnert und Palahniuk hier daran, wie ekelig der menschliche Körper ist – mit Spermaseen, und Fußnägelfeldern. Aufgrund der im Verlauf der Geschichte zunehmend abstrusen Gründe, in die Hölle verbannt zu werden, ist die Hölle gut gefüllt, vor allem auch mit mit zahlreichen Prominenten der Weltgeschichte. Während der Autor im Rückblick mit gewohnt schwarzem Humor entfaltet, wie tragisch das Leben als Kind reicher Eltern offenbar ist, erleben wir zugleich die Abenteuer von Madison in der Hölle, wo sie unter anderem als Callcenter-Mitarbeiterin arbeitet, oder mit einer offensichtlich direkt aus dem «Breakfast Club» entsprungenen Runde von Mitstreitern die Hölle erkundet. </p>
<p><strong>Ding Dong The Witch is Dead</strong><br />
Wie schon in seinem letzten Roman schreibt Palahniuk hier vergleichsweise halbherzig und verlässt sich zu sehr auf die üblichen Gimmicks und Tricks die er in den letzten Jahren als Autor entwickelt hat. Die Phrasierungen und die rhythmische Wiederholung bestimmter Formulierungen, die Schockeffekte, Mindfucks und Wendungen, die in Rückblenden und Zeitsprüngen enthüllte eigentliche Wahrheit hinter dem, was seine Figuren vermuten oder berichten, das gekonnte Spiel mit postmodern-medialen Versatzstücken, die er dem Leser augenzwinkernd hinwirft&#8230; wo Palahniuk sich früher als Autor mit jedem neuen Buch neu zu erfinden schien, greift er mit den letzten zwei oder drei Büchern auf eher vertraute Muster zurück.<br />
Auf diese Art wirkt «Damned» passagenweise ein wenig wie auf Autopilot geschrieben. Vielleicht ist aber auch eine verwöhnte Einstellung, von einem Autor immer wieder zu erwarten, dass er seinen Stil mit jedem Buch völlig neu erfindet. Nur weil Palahniuk genau dies bisher über Jahre hinweg sehr erfolgreich gelungen ist, gibt es keinen Grund für ihn, einem einmal gefundenem «Sound» eine Weile lang treu zu bleiben &#8211; andere Autoren schließlich ändern ihr Schreibpattern nie. Palahniuk ist &#8211; ähnlich wie ganz wenige andere Künstler, Musiker oder Regisseure &#8211; ein Autor, bei dem man sich daran gewöhnt hat, dass er sich mit jedem Buch verändert, weiterentwickelt, revolutioniert. Vielleicht ist diese Erwartungshaltung aber zu begraben. Denn es ist ja durchaus gut, wenn ein Künstler nach langer Suche zu «seinem» Stil findet. Das Problem ist nur: Sobald die stilistischen Gimmicks in den Hintergrund treten, wird der Inhalt, die eigentliche Geschichte wieder wichtiger. Und die schwächelt leider bei dem an sich sehr gut lesbaren, amüsant im Stil eines Jugendroman geschriebenen Buchs, ein wenig. Was aber wenig heißt &#8211; ein wie nebenbei geschriebener Palahniuk ist immer noch stärker als andere Autoren in ihren besten Werken. </p>
<p><strong>Pretty in Pink</strong><br />
Insbesondere, da Palahniuk keinerlei Angst vor dem Absurden hat und sich umso wohler zu fühlen scheint, je bizarrer die Situationen im Buchverlauf werden. So lässt er Madison kurzerhand den offenbar in der Hölle gelandeten Hitler K.O. schlagen und den vielleicht berühmtesten Oberlippenbart der Welt als Mini-Skalp ergattern, bevor sie auch noch der französischen Königin Caterina de Medici, Vlad den Pfähler, Caliguladen, Blaubart und anderen historischen Übeltätern den Garaus macht. So entpuppt sich «Damned» als post-mortales coming-of-age-Cabaret, in dem die kleine dicke Maddy Spencer wie in einem Videogame Gegner nach Gegner demütigt, Totems sammelt, eine Armee von Hölleninsassen gewinnt und sich zum zwar immer noch nicht schönen aber glitzernd-gefährlichen Schwan mausert. Es ist ein schwarz schillerndes Gegenstück zum normalen Jugendbuch, wo die jungen Helden ja auch immer wieder kleine Aufgaben und Hürden zu meistern haben, um ihre Ziele zu erreichen und eine Crew um sich sammeln &#8211; nur hier ist es halt Mord und Totschlag und die Crew besteht aus toten Soldaten und Söldnern Wie ein frischgeborener Dämon vernichtet Madison die alte Garde und schmückt sich ritualistisch mit den Ikonen des alten, rein irdischen Bösen &#8211; metatextuell begleitet von  ihrer Erkenntnis, dass sie keine Figur in einem Roman ist, keiner festgelegten Narration folgen muss, sondern aus den Ketten ihrer Charakterisierung springen und sich neu erfinden kann in der Hölle&#8230; und dabei stets begleitet von den Einflüsterungen des blauhaarige Punks Archer. Und so mutiert Maddy zu einer politischen Kraft in der Hölle, zu einem menschlichen Teufel, der die Horden von Dschingis Khan und Hitler ebenso kommandiert wie die Kranken, die sie nebenbei als Hotline-Telefonistin <em>from Hell</em> davon überzeugt, dass es in der Hölle doch viel spannender sei als im Himmel und dass sie Maddy besuchen sollten, wenn ihre versagenden Nieren oder Hirntumore sie dahinraffen. Und dabei bitte die Süßigkeiten nicht vergessen, die in der Hölle als Währung funktionieren.<br />
Natürlich gibt es am Ende &#8211; in bester Palahniuk-Tradition &#8211; neben der Enthüllung das wichtige Annahmen des Buches eine Lüge waren, auch einen Wendemoment, der die gesamte Geschichte kippen lässt. Diesmal erinnert die Sache besonders stark an Palahniuks Debüt «Fight Club», und der Autor zieht der im Buch immer wieder von der Hauptfigur beteuerten Unabhängigkeit komplett  den Boden unter den Füßen weg, gibt ihr aber auch zugleich eine neue Aufgabe. «Dammed» endet, fast vorhersehbar, damit, dass Madison in den Kampf gegen Satan persönlich zieht und mit den Worten «to be continued». </p>
<p><strong>A Man of Wealth and Taste</strong><br />
Das dünne Buch kommt, wie schon «Tell-All» davor, fast skizzenhaft schnell daher, liest sich einerseits süffig weg, wirkt andererseits frei improvisiert, mit Entwicklungen, die im Nichts enden und Wendungen die genau da her zu kommen scheinen, während Palahniuk seine Melodien und Motive aus der Tastatur herausarbeitet. Eine Tour de Force galligsten Galgenhumors, lässt «Damned» eigentlich kein Thema ungeschoren davonkommen. Religion, die absurde pseudo-grüne Konsum-Weltverbesserei von Maddy Hollywood-Eltern, der Gesundheitsfimmel, Politik &#8211; jeder kriegt hier sein Fett weg. Eine zentrale Botschaft aber ist, die Madison mehrfach wiederholt, dass all unsere Bemühungen, zu leben und am Leben zu klammern, vergebens sind, wir enden ohnehin in der Hölle. Egal wie gesund wir uns ernähren, egal wie viel wir joggen und radfahren, egal, wie oft wir uns nach verdächtigen Knötchen abtasten &#8211; am Ende kriegt der Tod uns ja doch alle. Und so steckt «Damned» voller wunderbarer Zeilen, Absätze, Gags und spitzzüngiger Abrechnungen und ist ein Paradebeispiel von Palahniuks Technik der Eskalation ins Absurde durch Wiederholung, aber es wird auch sehr deutlich, dass der Autor sich wegentwickelt von herkömmlichen Handlungsstrukturen und «Geschichten» oder gar «Charakteren» (die bei ihm kaum noch mehr als eine Skizze sind) und sich mehr und mehr auf möglichst bizarre Ideen verlässt, über die er frei improvisieren kann. Es gibt keinen zweiten Autor wie Palahniuk, insofern müssen uns die in vieler schmalen Büchlein, die er derzeit herausbringt, reichen, aber ein klein wenig darf man sehnsüchtig nach älteren Werken schauen, die ebenfalls bizarre und wilde Achterbahnfahrten waren, die aber dadurch intensiver wirkten, dass wir noch tatsächlich mit seinen Figuren mitfühlen konnten, weil sie mehr als reine Chiffren waren, die durch eine eher stenographische Handlung stolpern. Es ist vielleicht ein Kompliment, vielleicht auch ein Fluch, wenn man einen genialischen Künstler immer wieder an früheren Werken misst, aber mal ehrlich: Wer denkt nicht bei jedem neuen Radiohead-Album zuerst an «OK Computer» oder «Kid A» im Vergleich, wer wünscht sich nicht, dass das aktuelle Björk-Album doch vielleicht einen Hauch mehr nach «Homogenic» klingt? Was nicht heißt, dass «Damned» nicht komisch, ekelig, fesselnd, ultrasatirisch und durchaus sehr, sehr gut ist &#8211; und vielleicht Palahniuks, wenn auch auf verstörende Art, optimistischstes Buch &#8211; bleibt also zu hoffen, wenn es auch unwahrscheinlich scheint, dass es wirklich eine Fortsetzung gibt. </p>
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		<title>Blickfang</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Nov 2011 10:21:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Design]]></category>
		<category><![CDATA[Photographie]]></category>

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		<description><![CDATA[Selbst wenn man akut keinen Etat hat, für den man einen Photographen braucht, ist man doch ständig auf der Suche nach visuellen Trends und Trendsettern, mit denen man für den «richtigen Job» zusammenarbeiten könnte. ...  Einen schönen Überblick bietet Blickfang – Deutschlands beste Photographen, quasi das Gegenstück zu den gewohnten Agentur-Annuals, und wie immer ist man etwas neidisch, wie einfach Photographen es haben, ihre Arbeit zu kommunizieren. ...  Auch wenn ich mehr und mehr dazu neige, solche Kompendien nicht mehr wirklich im Regal stehen zu haben - wo ich sie meist nicht mehr wiederfinde, sondern digital haben zu wollen, ist dieses edel aufgemachte Buch für 50 Euro  allemal  einen Kauf wert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/blickfang_01.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Etwas spät komme ich endlich einmal dazu, die Bücher, die sich seit Jahresmitte hier stapeln, durchzugehen.</p>
<p>Für uns Kreativ- und Artdirektoren, auch wenn es bei Photographie einen ungebrochenen Trend zur Inhouse-Produktion gibt, sind gute Illustratoren und Photographen das Salz in der Suppe. Selbst wenn man akut keinen Etat hat, für den man einen Photographen braucht, ist man doch ständig auf der Suche nach visuellen Trends und Trendsettern, mit denen man für den «richtigen Job» zusammenarbeiten könnte. Bei einem kleinen Büro wie nodesign, wo es keinen dedizierten Art Buyer gibt, gehört ein offenes Auge beim Magazin-Lesen, Portfolio-Surfen, Messen wie Bild.Sprachen und so weiter oft zum Alltag. Einen schönen Überblick bietet <i>Blickfang – Deutschlands beste Photographen</i>, quasi das Gegenstück zu den gewohnten Agentur-Annuals, und wie immer ist man etwas neidisch, wie einfach Photographen es haben, ihre Arbeit zu kommunizieren. Da ist ein Bild &#8211; und das Bild funktioniert, ob allein oder im Kontrastumfeld einer Serie, basta. Kein Konzept, keine auf einem Photo schwer kommunizierbare typographische Detailarbeit, keine Auftraggeberwünsche, die hier oder dort ein Logo oder einen Störer bedingen &#8211; einfach nur ein starkes Bild. Blickfang bietet 726 Seiten davon, komplett mit Interviews und Texten aus der Branche &#8211; von der anderen Seite des Marktes also auch ein schöner Blick in die Realität von Photographen. Auch wenn ich mehr und mehr dazu neige, solche Kompendien nicht mehr wirklich im Regal stehen zu haben &#8211; wo ich sie meist nicht mehr wiederfinde, sondern digital haben zu wollen, ist dieses edel aufgemachte Buch für 50 Euro <i>allemal</i> einen Kauf wert. <a href="http://www.blickfang-dbf.de/bestellung.htm" target="_blank">Bestellen kann man es hier.</a></p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/blickfang_02.jpg" alt="hd schellnack" /><br />
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		<title>Grant Morrison: The early years</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Nov 2011 06:45:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Comics]]></category>
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		<description><![CDATA[Callahan findet die New-Wave-Songzitate ebenso wie die Einflüsse von «albernen» Silver-Age-Comics und Ravepartys oder Acidtrips durchaus, seine Interpretation wirkt aber insgesamt einen Hauch zu ernsthaft für das Ausgangsmedium, reitet einen Tick zu sehr auf dem Offensichtlichen herum, will zu angestrengt beweisen, dass Comics eine Sache für »Grown-Ups« sind - während Morrison sich oft genug durch gekonnte Lücken, Bluffs und kindliche Sprünge genau diesem Zuviel an Ernsthaftkeit immer entzieht, immer eine Selbstironie und Distanz wahrt.      ...  So wirkt der Anfang von «Animal Man» und (aus meiner Sicht) die gesamte «Doom Patrol» seltsam bedeutungsschwanger und aufgesetzt, ein wildes Gebräu aus Einflüssen aller Art und einer «look how smart I am»-Haltung, während die späteren Ansätze in Animal Man eigentlich einen schon viel reiferen Morrison zeigen, der seinem inneren roten Faden - was ist «real» in Fiktion - mit einer Präzision folgt, die manche spätere und formal bessere Arbeiten in dieser emotionalen Reinheit fast nicht mehr aufweisen.      ...  Callahans Auseinandersetzung mit deFrühwerk von Morrison ist in vieler Hinsicht also auch eine Gebrauchsanleitung, mit welchen Strategien der Mainstream mit einer guten Portion Glück unterwandert werden kann und zugleich eine Skizze von Morrisons Leben in den frühen 90ern - eine Skizze, die Grant Morrison später selbst in seiner Autobiographie «Supergods» zu einer seltsamen Fusion aus Gesamtbetrachtung der Comic-Historie und Lebenslauf verdichtet… was sich ja nur anbietet bei einem Autor, der wie kein anderer von Anfang an die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgebrochen hat. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/morrisonearly.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Es ist vielleicht gar nicht unbedingt im besten Sinne die Krönung des Nerdtums, wenn man anfängt, tatsächlich Bücher über Comics zu lesen. Und zwar nicht Chip Kidds wunderbare Photobände, in denen er seine eigene Sammlerleidenschaft und damit eben das «Best of Geek Toys» ausstellt, die Shazam Püppchen und die Batmobiles… sondern ein ganz bilderloses und nicht schnell durchgeblättertes <em>Buch</em>, das beim Thema Comic paradoxerweise mehr Worte als Bilder auffährt, als würde es damit nicht sozusagen gegen die eigentliche Zielgruppe des Mediums anarbeiten. Timothy Callahans Buch über die frühen Werke von Grant Morrison &#8211; von Zenith bis hin zu seiner Revision der bizarren Heldentruppe Doom Patrol &#8211; bietet aber dennoch ebenso viel extrovertierte Geekness wie Kidds Paraphernalia-Orgien. Denn man kann Callahans Text-Exegesen eigentlich kaum verstehen, ohne die jeweiligen Comics oder Graphic Novels zuvor gelesen zu haben, andererseits langweilt aber gerade <em>dann</em> oft die langatmige pure Nacherzählungen der Handlung. Wo es knappe Annotations oder sportive Interpretationen täten, die man jeweils online zu vielen Morrison-Werken ja finden kann, wiederholt der Autor im Stile einer klassischen Deutscharbeit immer wieder auch die Geschehnisse, die er aber eigentlich als gegeben voraussetzen dürfte. Das füllt zwar Seiten, und dient sicher als Gedächtnisstütze, langweilt aber alsbald ungemein. Dessen ungeachtet arbeitet Callahan &#8211; wenn eben vielleicht einen Hauch zu unsportiv &#8211; wunderbar die verbindenden Motive und Strukturen, Ansätze und Antriebe des schottischen Ausnahmeautors Morrison heraus, der neben seiner Nemesis Alan Moore und vielleicht noch Neil Gaimans Frühwerk zu der kleinen Handvoll von Comic-Schreibern gehören dürfte, die einer literarischen Betrachtung überhaupt wert sind. Vor allem die Analyse von Morrisons ultra-metatextueller Durchbruch-Serie «Animal Man» aus den späten 80er Jahren faßt bis heute greifbare Tendenzen des Autors zusammen &#8211; und man hat trotz der ausgedehnten Ausgabe-für-Ausgabe-Durchleuchtung <em>immer</em> noch das Gefühl, Callahan würde der Sache nicht ganz auf den Grund gehen, Echos und Details übersehen, weil Morrisons Schreiben ein kultureller Zitatenstadl ist, ein Spiegelkabinett, in dem man immer etwas übersehen kann. Callahan ist sehr darauf bedacht, die literarische Ernsthaftigkeit des Comic-Autors zu beweisen (und damit en passant auch das eigene Buch zu rechtfertigen) und übersieht dabei etwas den unbändigen Spaß in Morrisons Texten, den quirligen Mix aus Hochkultur und Trasheinflüssen, der Morrison so auszeichnet. Callahan findet die New-Wave-Songzitate ebenso wie die Einflüsse von «albernen» Silver-Age-Comics und Ravepartys oder Acidtrips durchaus, seine Interpretation wirkt aber insgesamt einen Hauch zu ernsthaft für das Ausgangsmedium, reitet einen Tick zu sehr auf dem Offensichtlichen herum, will zu angestrengt beweisen, dass Comics eine Sache für »Grown-Ups« sind &#8211; während Morrison sich oft genug durch gekonnte Lücken, Bluffs und kindliche Sprünge genau diesem Zuviel an Ernsthaftkeit immer entzieht, immer eine Selbstironie und Distanz wahrt.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/morrisondoom.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p><i>Dada for the win: Doom Patrol</i></p>
<p>Es mag an der Phase liegen, über die Timothy Callahan hier schreibt &#8211; die frühen Vertigo-Arbeiten Morrisons, in denen der Schotte sich selbst noch im Markt der 80er und 90er Jahre beweisen musste, um überhaupt Jobs zu bekommen, und sich erst langsam freischwimmen konnte. So wirkt der Anfang von «Animal Man» und (aus meiner Sicht) die gesamte «Doom Patrol» seltsam bedeutungsschwanger und aufgesetzt, ein wildes Gebräu aus Einflüssen aller Art und einer «look how smart I am»-Haltung, während die späteren Ansätze in Animal Man eigentlich einen schon viel reiferen Morrison zeigen, der seinem inneren roten Faden &#8211; was ist «real» in Fiktion &#8211; mit einer Präzision folgt, die manche spätere und formal bessere Arbeiten in dieser emotionalen Reinheit fast nicht mehr aufweisen.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/morrisonanimal.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p><i>Animal Man &#8211; was passiert, wenn narrative Figuren entdecken, dass sie nicht echt sind…?</i></p>
<p>In Animal Man entdeckt der B-Superheld Buddy Baker, eine eher unwichtige Figur, die ursprünglich aus den 60ern stammt und nominell die Fähigkeiten von Tieren übernehmen kann, dass er eine rein fiktionale Figur ist und blickt dabei nicht nur von der gedruckten Seite den Lesern &#8211; also uns &#8211; ins Gesicht («I can see you»), sondern begegnet sogar seinem Autoren, Morrison selbst. Ideen, die später immer und immer wieder in Morrisons Geschichten auftauchen &#8211; in kommerziellen Megaprojekten wie «Final Crisis» ebenso wie in den ultrakomplexen «Invisibles» &#8211; sind hier in ihrer einfachsten und deshalb vielleicht ehrlichsten Form bereits zu finden… während «Doom Patrol» und «Arkham Asylum» , obwohl auf den ersten Blick erwachsener (auch aufgrund des viel weniger an klassischen Comics orientierten Artworks) dagegen fast wie Camouflage-Übungen wirken.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/morrisonarkham.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p><i>Psychedelic Acid Trip ins Irrenhaus &#8211; Arkham Asylum</i></p>
<p>Dennoch gibt Callahans Buch den Blick frei auf einen jungen Autoren, der sich smart den amerikanischen Marktbedingungen anpasst, aber bei der ersten Gelegenheit seinem inneren Kompass folgt und der zu den erschreckend wenigen Autoren im Mainstream-Comic-Bereich gehört, die eigene Faszination, Themen und Motive in ihre Arbeiten einbetten, egal, ob sie auf Angestelltenbasis Superhelden-Abenteuer verfassen oder ihre ganz eigenen Figuren erfinden. Morrison hat in dem von Callahan abgedeckten Zeitraum noch nicht seinen Status als Popstar gefestigt, der für große «Franchises» schreibt und mit Rockbands befreundet ist, aber so wie in den frühen Kurzgeschichten von Philip K. Dick im Grunde bereits alle zentralen Themen verpuppt sind, so bietet auch der frühe Morrison vielleicht sogar klarer und weniger verklausuliert die Motive, die den Autor bis heute auszeichnen und die vor allem auch in kommerziellen Arbeiten wie JLA, X-Men oder aktuell Batman für eine Doppelbödigkeit und Dreidimensionalität suchen, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Grant Morrison beweist, das auch in einem vermeintlichen Trash-Medium wie Comics, eine eigene schriftstellerische Stimme und Sinnsuche Bestand haben kann und man es nicht beim Aufkochen von fünf Dekaden alten Ideen belassen muss, dass man nicht für eine vermeintliche Zielgruppe das Niveau niedrig halten muss. Insofern ist Morrison die Ausnahme von der Regel, so wie Chandler es war, so wie Dick es war, so vielleicht es im puppigeren Bereich der Comics vielleicht sonst nur der deutlich erfolglosere und heute weitab vom Mainstream operierende Alan Moore es für einen kurzen Moment war &#8211; allesamt Autoren, die ein belächeltes Genre shanghait und revolutioniert haben. Callahans Auseinandersetzung mit deFrühwerk von Morrison ist in vieler Hinsicht also auch eine Gebrauchsanleitung, mit welchen Strategien der Mainstream mit einer guten Portion Glück unterwandert werden kann und zugleich eine Skizze von Morrisons Leben in den frühen 90ern &#8211; eine Skizze, die Grant Morrison später selbst in seiner Autobiographie «Supergods» zu einer seltsamen Fusion aus Gesamtbetrachtung der Comic-Historie und Lebenslauf verdichtet… was sich ja nur anbietet bei einem Autor, der wie kein anderer von Anfang an die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgebrochen hat.</p>
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		<title>Elmore Leonard: Djibouti</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 17:14:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Crime]]></category>

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		<description><![CDATA[Für einen normalerweise eher linearen Autoren wie Leonard fühlt sich dieser Ansatz fast so exotisch an die wie Setting des Romans per se, und es ist Zeichen seiner Meisterschaft als Autor, dass seine Figuren und ihre Dynamik, die Lässigkeit der Dialoge, die Klarheit der Sprache, dennoch so gelingen, dass man als Leser bei der Stange bleibt, selbst wenn zunächst nahezu keine Handlung in Sicht ist und wir quasi zwei fiktionalen Figuren dabei «zusehen», wie sie vor einem 17"-Laptop kauern, Videos sichten und über eine Handlung reflektieren, die wir nie miterlebt haben.  ...  Einerseits ist diese Technik vor allem für einen so routinierten Autor wie Leonard absolut erfrischend und bereichernd, andererseits fühlt sich  Djibouti  dadurch immer wieder etwas sehr abstrakt an, zusammen mit Elmores ultra-komprimiertem Schreibstil und einem sehr freiflottierendem Plot tatsächlich auch einigermaßen verwirrend, weil sich aus den Fragmenten einfach keine klare Richtung zu ergeben scheint, der Autor von den Ereignissen und Figuren selbst überrascht zu sein scheint.  ...  So dreht sich Djibouti zunehmend weniger um Dara, Xavier und ihren Film über die somalischen Piraten, sondern mutiert zu einem etwas schleppenden Thriller um den inzwischen geflohenen afro-amerikanischen Al-Quaeda-Terroristen Jama (alias James Russell), den Piraten Idris, den auf Crystal Meth durch die Gegend schießenden Harry Baker und dem Millionär Billy, der hinter den Kulissen noch James Russels mutmasslichen Terroranschlag auf den Gastanker Aphrodite auf eigene Faust zu verhindern versucht - indem er das Schiff kurzerhand  selbst  in die Luft jagen will. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/Leonard_Djibouti.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Es ist ein seltsamer Kunstgriff, zu dem Elmore Leonard in <i>Djibouti</i> greift &#8211; ein Buch als Konstruktion zu erzählen, als Werk in der Entstehung metatextuell greifbar zu machen, wenn auch in der Tarnung als «Film». Als Leser erleben wir mit, wie die an Kathryn Bigelow angelehnte Filmemacherin Dara Barr und ihr mit 72 Jahren nicht mehr junger, aber umso hochvitalerer Assistent Xavier LeBo mit ihrem Boot Buster in See stechen, und schon im nächsten Kapitel &#8211; tatsächlich drei Monate später &#8211; finden sich unsere Protagonisten im Hotelzimmer und diskutieren, wie man den Dokumentarfilm-Stoff, den sie in der Zwischenzeit gedreht haben, ideal zusammenschneiden und angehen kann. Es ist fast, als könne man dem Autor selbst dabei zuhören, wie er über die Struktur seines Buches nachdenkt. Ganze Handlungsstränge und Zusammenhänge werden so extrem zusammengerafft, im Dialog sozusagen nur noch nachverarbeitet und in dieser Präsentation bereits wieder kommentiert. Für einen normalerweise eher linearen Autoren wie Leonard fühlt sich dieser Ansatz fast so exotisch an die wie Setting des Romans per se, und es ist Zeichen seiner Meisterschaft als Autor, dass seine Figuren und ihre Dynamik, die Lässigkeit der Dialoge, die Klarheit der Sprache, dennoch so gelingen, dass man als Leser bei der Stange bleibt, selbst wenn zunächst nahezu keine Handlung in Sicht ist und wir quasi zwei fiktionalen Figuren dabei «zusehen», wie sie vor einem 17&#8243;-Laptop kauern, Videos sichten und über eine Handlung reflektieren, die wir nie miterlebt haben.</p>
<p>Auf Dauer ist der Wechsel zwischen der vor- und zurückgreifenden Erzählung von Dara und Xavier einerseits, die ihren Film schneiden und den andererseits zunächst recht eigenständigen Handlungen dazwischen eher schwierig, weil ein klassischer Spannungsbogen oft doch besser in linearer Handlung entsteht. Man wird beim Lesen immer wieder aus dem Strom der Ereignisse gerissen, zurück auf die Metaebene &#8211; selbst beim großen Finale kommentieren Dana und Xavier noch wie von der Galerie aus das Geschehen und fragen anstelle des Lesers, dessen berechtigte Zweifel vorwegnehmend, ob das alles nicht gerade ein wenig zuviel des Zufalls sei. Es ist, als würde man eine Filmhandlung nicht <i>sehen</i> sondern von zwei Zuschauern <i>beschrieben</i> bekommen, gleichzeitig die Kommentare von Regisseur und Drehbuchautor im Untertitel lesen und ab und zu einen Blick auf den tatsächlichen Film erhaschen dürfen. Einerseits ist diese Technik vor allem für einen so routinierten Autor wie Leonard absolut erfrischend und bereichernd, andererseits fühlt sich <i>Djibouti</i> dadurch immer wieder etwas sehr abstrakt an, zusammen mit Elmores ultra-komprimiertem Schreibstil und einem sehr freiflottierendem Plot tatsächlich auch einigermaßen verwirrend, weil sich aus den Fragmenten einfach keine klare Richtung zu ergeben scheint, der Autor von den Ereignissen und Figuren selbst überrascht zu sein scheint.</p>
<p>So kippt die bis dahin kaum erkennbare Handlung in der Buchmitte dann auch plötzlich, weg von der Thematik somalischer Piraten, hin zu den Al-Quaeda-Terroristen Quasim und Jama, einem zum Islam konvertierten Afroamerikaner, die von einem der Piratenanführer namens Idris und dem britischen Scheich Harry Baker als Geiseln genommen werden, weil letztere sich ein hohes FBI-Kopfgeld von den Terroristen versprechen. Positiv formuliert verhindern solche Handlungssprünge natürlich, dass Langeweile aufkommt &#8211; aber als Leser merkt man schon sehr deutlich, dass der Autor eigentlich die Geschichte erfindet, während er schreibt. Wie ein alter Jazz-Virtuose improvisiert Elmore seine vertrauten Motive, stets meta-kommentiert vom griechischen Chor des Buches, den Filmemachern Dara und Xavier, die schon die weibliche Hauptrolle der Verfilmung des Buches planen, welches wir gerade lesen und über Naomi Watts als Hauptrolle spekulieren oder überlegen, ob man fehlende Doku-Elemente nicht mit Schauspielern füllen könnte, als Mix aus Dokumentation und Hollywood.</p>
<p>Was anfangs eine sportive Herangehensweise an die Erzählung ist und den Mut eines Altmeisters zeigt, mit offenen Karten zu spielen, verwirrt spätestens, als der Plot beginnt, seltsame Haken zu schlagen und nicht mehr nur die Zeitebenen wirsch durcheinander wirbeln, sondern Leonard auch die Handlung im Handstreich ändert.</p>
<p>So dreht sich Djibouti zunehmend weniger um Dara, Xavier und ihren Film über die somalischen Piraten, sondern mutiert zu einem etwas schleppenden Thriller um den inzwischen geflohenen afro-amerikanischen Al-Quaeda-Terroristen Jama (alias James Russell), den Piraten Idris, den auf Crystal Meth durch die Gegend schießenden Harry Baker und dem Millionär Billy, der hinter den Kulissen noch James Russels mutmasslichen Terroranschlag auf den Gastanker Aphrodite auf eigene Faust zu verhindern versucht &#8211; indem er das Schiff kurzerhand <i>selbst</i> in die Luft jagen will. Nachdem der zunächst so frisch und anders wirkende frische Handlungsverlauf nach rund 200 Seiten dann eben doch zum für Leonard eher herkömmlichen und bewährten Muster zusammengeschnurrt hat &#8211; smarte Frauen, harte Männer, dumme aber brutale Kleingangster und ein finales Western-Duell, auf das alles mit traumhafter Unlogik hinausläuft &#8211; kommt die Geschichte auch etwas in Gang, ohne Rückblenden, narrative Mätzchen …aber natürlich immer mit genug Pause für doppelbödigen Small-Talk bei etwas Martini.</p>
<p>Wie jeder Elmore-Roman lebt auch dieser von den Figuren, die der Autor mit wenigen Strichen souverän zu Papier bringt, ihnen mit einem Minimum Text eine Ambivalenz, Motivation, Biographie verleihen kann, die andere auf hunderten von Seiten nicht herbei schreiben. Vielmehr spielt Leonard so glaubhaft den Anfang einer Melodie, dass der Leser bereit ist, nur zu gern selbst weiter zu pfeifen und die grobe Andeutung mit eigener Phantasie zu beleben. Nicht viele Autoren beherrschen diesen Trick so virtuos wie Elmore Leonard, in dessen Chiaroscuro-Licht die Charaktere schillern und glitzern wie seltene Tiefseefische, die man in dieser Form stets nur im Aquarium des Romans zu bestaunen kriegt. Wie gute Photographie uns den Luxus gibt, Zeit einzufrieren und ungeniert voyeuristisch das echte Leben in der künstlichen Form zu betrachten, so finden wir in Leonards stets leicht selbstähnlichem Figurenkabinett ebenfalls eine Chance, in den Details zu verweilen, Ideosynkrasien und Archetypen zu entdecken&#8230; Und je weniger der Autor sich selbst vom Fluss der Handlung mitreissen lässt, je fast gelangweilter seine Figuren auf den Showdown zu warten scheinen und sich dabei selbst kommentieren, umso besser. Das die Charaktere dabei meist halb betrunken oder auf Khat sind, verleiht dem Buch dabei eine traumwandlerische Freiheit von Logik, die mehr als einmal die Frage aufdrängt, ob der Autor vielleicht therapeutisches Cannabis konsumiert. Die haarsträubenden Wendungen, abrupten Wechsel, das überstürzte Finale und der seltsame Ortswechsel auf den letzten Metern &#8211; Djibouti wirkt freundlich gesagt weitgehend ungeplant. Free-Jazz eben.</p>
<p>Ideal wäre es nun, würde das Buch verfilmt werden &#8211; als Mix aus Dokumentarmaterial und Schauspiel-Elementen und natürlich mit Naomi Watts in der Hauptrolle, verfilmt von Kathryn Bigelow. Schöner könnte sich der Kreis kaum schließen.</p>
<p></p>
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		<title>Langsame Revolution</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Jun 2011 07:09:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten... aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben). ... Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen - und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken. ... Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden.</p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/ipadreading.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:</p>
<p><b>Hardware</b>. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß&#8230; da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt &#8211; und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling &#8211; desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns &#8211; in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren &#8211; die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.</p>
<p><b>Kaufen</b>. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als <i>solle</i> man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt &#8211; wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch &#8211; das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte &#8211; als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher&#8230; verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein &#8211; Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.<br />
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak &#8211; je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.<br />
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort &#8211; abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich &#8211; kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber &#8211; die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben &#8211; setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&amp;date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt &#8211; wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.</p>
<p><b>DRM</b>. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das <i>nicht</i> tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch &#8211; das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore &#8211; ein Account, mehrere Nutzungen möglich &#8211; akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den <i>Nutzer</i> in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.</p>
<p><b>Formate</b> Die Formatvielfalt &#8211; mobi, lit, ePub, PDF und und und &#8211; fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten &#8211; Konsumenten wir Produzenten &#8211; können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten&#8230; aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).</p>
<p><b>Preise</b>. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu &#8211; und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar &#8211; aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden &#8211; sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen &#8211; und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur &#8211; der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann <i>niemand</i> mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.</p>
<p><b>Lesen</b>. Man darf sich nichts vormachen &#8211; so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten &#8211; kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann &#8211; eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren &#8211; GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst &#8211; und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen &#8211; und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.</p>
<p><b>Adobe</b>. Beim Stichwort Gestaltung &#8211; es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don&#8217;t drown in it.</p>
<p>Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht &#8211; nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich &#8211; über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse &#8211; schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe &#8211; dem Käufer, nicht dem «Dieb» &#8211; orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch &#8211; es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser &#8211; für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment &#8211; sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.</p>
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		<title>Jonathan Safran Foer: Tree of Codes</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Jun 2011 08:28:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Print]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich habe etwas ähnliches - nicht mit Schere und Papier, sondern digital - vor einem Jahr für ein Saisonheft gemacht, um auf einer zweiten Textebene Songs, Sachtexte und Wikipedia-Artikel zu verfremden, und der Effekt, der durch bloßes Weglassen einen Text verfremdet und auflädt, ist enorm... irgendetwas in unserem Gehirn scheint von den «Löchern» in Text angezogen, aufgefordert, sie mit eigenen Inhalten zu füllen. ...  Hat man sich einmal auf den fragmentarisch-tastenden Sinn der Worte eingelassen, entsteht aus dem Remix ein tatsächlich gut lesbarer Text, der in seiner kurzen, fast atemlos komprimierten Form zudem Lust auf das wahrscheinlich dagegen fast langatmig wirkende Original des polnischen Autors weckt - also durchaus eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein Remix in der Musik, wenn ein Starremixer auf einen unbekannten Klassiker »verlinkt». ...  Der Clou, das das individuelle Zerschnippeln von Papier natürlich bei einer Massenauflage zu einem aufwendigem Produktionsprozess führt, der das Buch alles andere als «nostalgisch» macht, sondern eher zu einem Stück High-Tech-Magie, ist dabei für den einzelnen Leser vielleicht sogar nebensächlich - der Leser darf sich in der Illusion wähnen, Safran Foer persönlich habe dieses Exemplar zerschnitten, jedes Buch ein einzelnes Werk.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_01.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Die Idee an sich ist natürlich nicht neu &#8211; <a href="http://www.art-e-zine.co.uk/alteredbook.html">zahllose Arbeiten</a> haben sich bereits mit dem <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Altered_book">«Entstellen» von Büchern</a> durch das Ausschneiden von Testpassagen befasst und <a href="http://www.hdschellnack.de/brian-dettmers-buchkunst/">Brian Dettmers Buchkunst</a> geht eigentlich noch einen bedeutenden Schritt weiter &#8211; aber dennoch ist Jonathan Safran Foers «Tree of Codes» ein Buch zur Zeit. Dabei ist es nicht einmal sein Buch &#8211; es basiert auf Bruno Schulz «<a href="http://www.amazon.com/Street-Crocodiles-Classic-20th-Century-Penguin/dp/0140186255/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;qid=1307865059&amp;sr=8-2">The Street of Crocodiles»</a> (selbst der Titel ist nur ein Cut-Out des Originals)– Foer selbst hat nur durch Weglassen von Textstellen den Kontext der Worte geändert. Diese alte Technik von Textremix durch Wegnahme, durch Reduktion ist wiederum nicht neu, erzeugt aber immer wieder spannende Ergebnisse. Es führt weniger zu einer Komprimierung, zu einer Essenz von Text, sondern mehr von der Prosa zur Lyrik, zu einem schwebenden, fragmentarischen Text, der neue Assoziationen zulässt. Ich habe etwas ähnliches &#8211; nicht mit Schere und Papier, sondern digital &#8211; vor einem Jahr für ein Saisonheft gemacht, um auf einer zweiten Textebene Songs, Sachtexte und Wikipedia-Artikel zu verfremden, und der Effekt, der durch bloßes Weglassen einen Text verfremdet und auflädt, ist enorm&#8230; irgendetwas in unserem Gehirn scheint von den «Löchern» in Text angezogen, aufgefordert, sie mit eigenen Inhalten zu füllen. Es wirkt ähnlich wie der berühmte weiße Kreis auf einem Photo, etwa auf einem Gesicht, der aus einem bloßen Photo ein Geheimnis macht, das wir zu decodieren versuchen. So wie unser Gehirn «weiß», das aus der Rückseite der 6 bei einem Spielwürfel die «1» ist, versucht es auch hier, die weißen Flecken auf der Landkarte selbst zu füllen &#8211; und dieses Spiel kann oft spannender sein, als einen Inhalt fertig vorgesetzt zu bekommen. Das Gehirn liebt Assoziationen, Herausforderungen, Spiel und die Notwendigkeit, aus wenig Informationen ein «Ganzes» zusammenzusetzen &#8211; und in diesem Sinne ist «Tree of Codes» ein bemerkenswertes Spielzeug.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_04.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>So entstehen Sätze wie: «Only a few people noticed the lack of colour as in black-and-white photographs. This was real rather than metaphorical – a colorless sky, an enormous geometry of emptyness&#8230;» Hat man sich einmal auf den fragmentarisch-tastenden Sinn der Worte eingelassen, entsteht aus dem Remix ein tatsächlich gut lesbarer Text, der in seiner kurzen, fast atemlos komprimierten Form zudem Lust auf das wahrscheinlich dagegen fast langatmig wirkende Original des polnischen Autors weckt &#8211; also durchaus eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein Remix in der Musik, wenn ein Starremixer auf einen unbekannten Klassiker »verlinkt». Das Ergebnis ist eine gänzlich andere Geschichte &#8211; und durchaus auch literarisch ein interessantes Experiment&#8230; denn wo normalerweise ein Buch aus dem Nichts durch Aufschichten entsteht &#8211; wie ein Gemälde &#8211; ist dieses durch Wegnehmen, Wegschlagen, Abtragen entstanden&#8230; eher wie eine Skulptur.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_02.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Zudem ist das Buch natürlich wunderbar sperrig. Es wird sich wohl kaum übersetzen lassen, ohne die Idee zu zerstören, es eignet sich nicht als Audiobuch, es eignet sich nicht für iBooks (außer evtl durch Schwärzungen), Kindle und Co. Es ist ein seltsames letztes Aufbegehren, das Buch als Objekt in dieser Form zu feiern, als physikalischen Ort von Worten, an die man Hand bzw. Schere anlegen kann, als Ort von Eselsohren und Randnotizen, mit dem spezifischen Gewicht, Geruch, mit einer vorgegebenen Schriftart, mit dem rauhen Werkdruckpapier, mit einem kunstvollen Cover, mit also der ganzen magischen «Gestalt» eben eines Buches&#8230; alles Dinge, die ein iPad nicht näherungsweise simulieren kann oder soll, auch wenn es durchaus <a href="http://itunes.apple.com/us/app/a-humument-app/id402755491?mt=8#">Ansätze</a> gibt. . «Tree of Codes» ist insofern auch ein Statement &#8211; ein Plädoyer für das Analoge, das Zerfallende, für das Fragile. Der Clou, das das individuelle Zerschnippeln von Papier natürlich bei einer Massenauflage zu einem aufwendigem Produktionsprozess führt, der das Buch alles andere als «nostalgisch» macht, sondern eher zu einem Stück High-Tech-Magie, ist dabei für den einzelnen Leser vielleicht sogar nebensächlich &#8211; der Leser darf sich in der Illusion wähnen, Safran Foer persönlich habe dieses Exemplar zerschnitten, jedes Buch ein einzelnes Werk. Es ist nicht wahr, aber es ist eine großartige Lüge.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_03.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Das Ergebnis ist ein seltsames Buch-Objekt, das zugleich Kurzgeschichte, literarisches Experiment und Meta-Statement über Bücher an sich abgibt. Es ist wundervoll anzuschauen, es ist ein wenig anstrengend zu lesen &#8211; obgleich gerade durch das Abrutschen in eine tiefere Seitenebene mitunter neue spannende Kontexte entstehen, glückliche Mißverständnisse sozusagen -, und es erinnert uns in seiner ausgeschlachteten Form wie zerbrechlich Papier als Kulturträger eigentlich ist. Bei aller Liebe zum eReading ist es insofern eine schöne Erinnerung daran, dass uns Bücher auf Papier, diese aus Bäumen entstandenen Codeansammlungen, hoffentlich noch eine lange Zeit erhalten bleiben.</p>
<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_05.jpg" alt="hd schellnack" /><br />
<img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/treeofcodes_06.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
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		<title>Terry Pratchett: I Shall Wear Midnight</title>
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		<pubDate>Sat, 28 May 2011 14:33:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Fantasy]]></category>

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		<description><![CDATA[Selbst die Tatsache dass der an Alzheimer erkrankte Sir Pratchett hier erstmals das Buch per Diktaphon eingab, was bei Strukturierung und Organisation des Plots sicherlich nicht hilfreich ist, wird beim eigentlichen Lesen kaum spürbar - die komplexe Handlung läuft trotz einiger Umwege und Irrfahrten schnurstracks auf ein befriedigendes, alles baumelnden Fäden säuberst zusammenspinnendes Ende hinaus, und obwohl ich nicht unbedingt ein großer Fan von Happy Endings bin, kommt man aus diesem Buch unweigerlich mit guter Laune heraus, ohne dass dabei das Gehirn beleidigt die Arme verschränken und genervt mit dem Fuss tappen muss. ...  Aching folgt einer Art moderner Aschenbrödel-Lifestyle, all work and no fun, die sich als dörfliche Hexen-Pflegekraft für andere aufreibt, kaum schläft und als Dank für diesen Magie-Altruismus auch noch den Jungen, den sie zu lieben meint, nicht kriegt, dafür aber eine Art mystische Hexenjagd in Form des düsteren Cunning Man an der Backe hat.   Wie Pratchett seine junge Heldin effizient erst knietief in die Misere jagt und dann besser als zuvor daraus aufsteigen lässt, daran kann sich die Harry-Potter-Saga fast eine Scheibe abschneiden, zumal Pratchett jede Fuge, in die sich Zweifel an der Wasserdichtigkeit der Handlungslogik einschleichen könnte (wie etwa bei dem doch arg aus dem Nichts herbei geschriebenen neuen  Love Interest  für Tiffany) mit so viel Ironie und Humor verschließt, dass sich auch dieses Buch dem Vergleich zu den meisten anderen und meist unerträglichen Fantasy-Werken völlig entzieht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/pratchettmidnight.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Terry Pratchetts neuester Discworld-Roman ist nominell ein «Young Adults»-Roman, aber um die Wahrheit zu sagen kann ich abgesehen vom Alter der Protagonistin keinerlei Unterschied zu den «normalen» Romanen feststellen. Ganz im Gegenteil &#8211; für ein auf junge Zielgruppe zugeschnittenes Buch hat <em>I shall wear Midnight</em> einen recht handfesten Drang zum zweideutigen Altherrenhumor, wenn dieser auch auf eine britisch-trockene Art durchaus erträglich bleibt. Die Geschichte der jungen Hexe Tiffany Aching, die hier bereits im vierten Band ihren Auftritt hat, folgt der gleichen Logik aller Discworld-Romane in dieser schwer zu beschreibenden Mixtur aus durchaus spannender Handlung, Humor und einer Prise Tiefsinn, die kaum ein Autor so verlässlich hinbekommt wie Pratchett. Selbst die Tatsache dass der an Alzheimer erkrankte Sir Pratchett hier erstmals das Buch per Diktaphon eingab, was bei Strukturierung und Organisation des Plots sicherlich nicht hilfreich ist, wird beim eigentlichen Lesen kaum spürbar &#8211; die komplexe Handlung läuft trotz einiger Umwege und Irrfahrten schnurstracks auf ein befriedigendes, alles baumelnden Fäden säuberst zusammenspinnendes Ende hinaus, und obwohl ich nicht unbedingt ein großer Fan von Happy Endings bin, kommt man aus diesem Buch unweigerlich mit guter Laune heraus, ohne dass dabei das Gehirn beleidigt die Arme verschränken und genervt mit dem Fuss tappen muss. Es ist fast verwunderlich, wie leichtfüßig Pratchett die Aussenseiter-Thematik, die Basis jedes Teenager-Romans ist, auf mehreren Ebenen bespielt &#8211; Tiffany ist sowohl gegenüber normalen Mitmenschen als auch bei ihren «Peers» (den anderen Hexen) ein <em>Misfit</em>, will nicht richtig reinpassen, ihre Hilfe wird gebilligt, aber wirklich angekommen scheint sie nicht. Aching folgt einer Art moderner Aschenbrödel-Lifestyle, all work and no fun, die sich als dörfliche Hexen-Pflegekraft für andere aufreibt, kaum schläft und als Dank für diesen Magie-Altruismus auch noch den Jungen, den sie zu lieben meint, nicht kriegt, dafür aber eine Art mystische Hexenjagd in Form des düsteren Cunning Man an der Backe hat. Wie Pratchett seine junge Heldin effizient erst knietief in die Misere jagt und dann besser als zuvor daraus aufsteigen lässt, daran kann sich die Harry-Potter-Saga fast eine Scheibe abschneiden, zumal Pratchett jede Fuge, in die sich Zweifel an der Wasserdichtigkeit der Handlungslogik einschleichen könnte (wie etwa bei dem doch arg aus dem Nichts herbei geschriebenen neuen <em>Love Interest</em> für Tiffany) mit so viel Ironie und Humor verschließt, dass sich auch dieses Buch dem Vergleich zu den meisten anderen und meist unerträglichen Fantasy-Werken völlig entzieht. Die Discworld-Serie hat sich längst von der Parodie zu einem einzigartigen Erzählwerkzeug gemausert, das in seiner einzigartigen Schwebung zwischen Heiterkeit und Ernst seinesgleichen sucht, eine Balance, die vielleicht noch am ehesten von Douglas Adams Dirk-Gently-Romanen erreicht wird. Es ist selten, dass ein <em>Young-Adult</em>-Buch sich so angenehm erwachsen anfühlt. Mag sein, Pratchett hat diese Form als Sicherheitsnetz für seinen ersten nur diktierten Roman gewählt, mag sein, dass die Discworld-Serie ohnehin nicht allzu «erwachsen» daherkommt &#8211; sicher ist, das <em>I Shall Wear Midnight</em> ein absolut vollwertiges Mitglied der Pratchett-Familie ist und ein verdammt unterhaltsames noch dazu.</p>
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		<title>Steve Martin: An Object of Beauty</title>
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		<pubDate>Wed, 18 May 2011 18:55:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Lacey ist sozusagen nur ein McGuffin, dem wir nachjagen, um in die verschiedenen Aspekte der Kunstwelt einzutauchen, von den geweihten Hallen des Auktionshauses, in dem Kunst zum Geschäft wird bis hin zur «Contemporary» Szene, wo nie ganz klar ist, ob man Kunst oder einen kryptischen Witz für Eigeweihte vor sich hat, und wo das Sammeln zum Hochrisikosport mutiert, weil niemand mehr die Szene überblicken kann. ...  Mit Lacey Yeager liefert uns Martin so eine Art Hans-Ulrich Obrist mit Brüsten, man sieht förmlich schon Anne Hathaway in der Rolle auf der Leinwand - «Object of Beauty» nutzt die Kunstszene so als Background wie manche Krimisendungen mit jeder Folge in eine andere Subkultur untertauchen, um dort ihren Fall zu lösen. ...  Für Kunstinteressierte ist das Buch natürlich dennoch spannend, in der gleichen Art wie Crichton-Bücher einen Hauch Chaostheorie in eine Hollywod-kompatible Rahmenhandlung einbetten, wird hier halt der Kunstmarkt und seine Besonderheiten als Plot-Background gebraucht - nur trägt der Plot an sich nicht und dient selbst nur als Background, um über den Kunstmarkt zu philosophieren. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/wp-content/uploads/Objectbeauty.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Musiker, Schauspieler, Comedian und offenbar Kunstsammler &#8211; <a href="http://www.stevemartin.com/">Steve Martin</a> ist scheinbar ein Multitalent und hat sich als solches ein großes Thema mit seinem 2010er Roman «An Object of Beauty» vorgenommen: die Kunst und den Kunstmarkt. Eingewickelt in einen verfilmungsfreundlichen Plot rund um Lacey Yeager, an deren Seite wir die New Yorker Up- und Downtown-Kunstszene der 90er und 00er Jahre durchlaufen, von Sotheby’s über den internationalen Kunstmarkt bis hin zur eigenen Galerie. Lacey ist eine Art moderne Holly Golightly, smart, etwas weniger wirsch als Capote’s Figur, sexuell klarer karriereorientiert, eins dieser Up-and-Coming-Mädchen, die es in New York zuhauf gibt und die eine pinkfarbene Version des amerikanischen Traums mit einer guten Prise Sitcom vermengt. Es wäre etwas gemein zu sagen, «Object of Beauty» ist Sex&amp;The City in der Kunstwelt, und auch nicht ganz zutreffend, aber eben auch nicht ganz falsch. Die Rahmenhandlung, die auch fast beiläufig geschrieben wirkt, niemals wirklich so etwas wie eine greifbare Richtung entwickelt und erratisch über die Jahre zu springen scheint, dient Martin aber auch nur als Ausrede, über Kunst im Allgemeinen, die Kunstszene im Speziellen und ausgesuchte Künstler im Oberbesonderen zu fabulieren. Lacey ist sozusagen nur ein McGuffin, dem wir nachjagen, um in die verschiedenen Aspekte der Kunstwelt einzutauchen, von den geweihten Hallen des Auktionshauses, in dem Kunst zum Geschäft wird bis hin zur «Contemporary» Szene, wo nie ganz klar ist, ob man Kunst oder einen kryptischen Witz für Eigeweihte vor sich hat, und wo das Sammeln zum Hochrisikosport mutiert, weil niemand mehr die Szene überblicken kann. Martins satirische, aber liebevolle Seitenhiebe auf die Kunstszene gehören zu den Highlights des Buches, das eine schöne Textur der Kunstmarktentwicklung der letzten Dekaden bietet und anreißt, wie 9/11 oder die Finanzmarktkrise nicht die Kunst als solche, sondern den Handel berührt haben. Denn interessanterweise scheint sich der Sammler Martin weniger für die Kunst per se, als vielmehr für den Rummel drumherum zu interessieren. Was ja durchaus Trend ist &#8211; Sammler, Kuratoren, Galeriebetreiber, die Vermarkter, Katalysatoren und Trüffelschweine des Marktes scheinen heute wichtiger denn je zu sein, (Selbst-) Vermarktung zum Keyword der Kunstszene mutiert zu sein. Mit Lacey Yeager liefert uns Martin so eine Art Hans-Ulrich Obrist mit Brüsten, man sieht förmlich schon Anne Hathaway in der Rolle auf der Leinwand &#8211; «Object of Beauty» nutzt die Kunstszene so als Background wie manche Krimisendungen mit jeder Folge in eine andere Subkultur untertauchen, um dort ihren Fall zu lösen. Die Crux des Buches ist, dass es weder ein echter Roman noch eine echte journalistische Betrachtung der Kunstbranche der letzten Dekaden ist &#8211; der Hybrid, der im Ansatz immer wieder spannend zu werden verspricht, scheitert am Ende&#8230; das Buch könnte kaum nichts sagender enden. «Object of Beauty» gelingt weder eine beißende Charakterstudie der Profiteure und Karrieristen im Kunstmarkt noch ein an sich spannender Roman über Manhattanites-in-Love. Nicht Fisch, noch Fleisch verläuft sich die Handlung im Sande und Martin gelingt es nicht, die Magie zu schaffen, die es uns ermöglicht, mit einem an sich unsympathischen Charakter mitzufühlen. Je weiter sich das Buch hinschleppt, umso unsympathischer wird die Hauptfigur, desto schleppender wird ergo das Buch.</p>
<p>Für Kunstinteressierte ist das Buch natürlich dennoch spannend, in der gleichen Art wie Crichton-Bücher einen Hauch Chaostheorie in eine Hollywod-kompatible Rahmenhandlung einbetten, wird hier halt der Kunstmarkt und seine Besonderheiten als Plot-Background gebraucht &#8211; nur trägt der Plot an sich nicht und dient selbst nur als Background, um über den Kunstmarkt zu philosophieren. Dieser seltsame Kurzschluss in der Konstruktion des Buches macht aus «Object of Beauty» eine seltsam unbefriedigende Reise, auch wenn die vorbeiziehenden Betrachtungen, Gags und Einsichten das Lesen durchaus mehr als rechtfertigen. Das Buch ist scharfzüngig, oft scharfsinnig, es schlägt mit einem warmherzigen Grinsen auf die US-Sammlerszene ein und könnte tatsächlich ein ausgezeichnetes Buch gewesen sein, wenn Martin sich die Mühe gemacht hätte, nebenbei auch noch eine Art Handlung zu entfalten. So endet es aber als eine mal mehr mal weniger gelungene Aneinanderreihung einzelner Szenen die aber eben kaum ein großes Ganzes ergeben.</p>
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		<title>William Gibson: Zero History</title>
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		<pubDate>Mon, 16 May 2011 17:47:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[ScienceFiction]]></category>

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		<description><![CDATA[    Während unzählige Bücher mehr und mehr versuchen, die Gegenwart zu verstecken und spürbare Schwierigkeiten damit haben, Belletristik für eine Welt mit Smartphones, Facebook und Google zu schreiben, ist  William Gibson  einer der wenigen Autoren, der nicht in in romantische Vampir-Fantasien oder introspektive Charakterstudien ausweicht, sondern die Welt von vitalem Marketing, Pop und Hightech förmlich umarmt, um daraus seine komplexen Geschichten zu handwerken. ...  Wenn Gibson heute von silbrig schimmernden fliegenden Pinguinen und Mantas schreibt, die als Ballons lautlos in der Luft schweben, vom iphone ferngesteuert, und als Überwachungssysteme funktionieren, ist man mit einigen Google-Klicks schnell bei Festo gelandet und stellt fest, dass hier nichts erfunden ist, sondern Gibson nur die etwas seltsameren Momente von Gegenwart für sein Buch nutzt, vernetzt und zu einer neuen Gestalt formt. ...  Bei Gibson wird insofern greifbar, dass wir längst in einem Science-Fiction-Szenario leben - und manche seiner direkt aus den News gezogenen Details - wie etwa der Sammler-Boom im Bereich Vintage Clothing - wirken kaum weniger bizarr als Dicks seltsame und konsequente Gedankenexperimente mit Welten in denen die Zeit rückwärts läuft oder höchste politische und wirtschaftliche Entscheidungen mit dem I Ging getroffen werden. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/wp-content/uploads/gibsonzerohistory.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Während unzählige Bücher mehr und mehr versuchen, die Gegenwart zu verstecken und spürbare Schwierigkeiten damit haben, Belletristik für eine Welt mit Smartphones, Facebook und Google zu schreiben, ist <a href="http://www.williamgibsonbooks.com/">William Gibson</a> einer der wenigen Autoren, der nicht in in romantische Vampir-Fantasien oder introspektive Charakterstudien ausweicht, sondern die Welt von vitalem Marketing, Pop und Hightech förmlich umarmt, um daraus seine komplexen Geschichten zu handwerken. Dabei gelingt ihm eine neue Form von Erzählung, die schon längst kein Genre mehr bedient, in der «normalen» Literatur ebenso zuhause ist wie im SF, im Krimi oder auch im Agentengenre. Und während eben all diese Genre (paradoxerweise allen voran eben die Science Fiction) an der hochtechnisierten Gesellschaft scheitern, betritt sie bei Gibson die Mitte der Bühne. Wer sich erinnert, wie oft etwa bei den X-Files zum passenden Zeitpunkt das Mobilfunknetz ausfallen musste, damit der Plot nicht in sich zusammen brach oder wer sich fragt, wie Chandlers Art von rabenschwarzer Detektiv-Erzählung heute, in Zeiten von Google, funktionieren soll, wird in Gibson die Antwort finden. Wo andere Autoren vor der technisierten Realität flüchten, war Gibson schon immer in ihr daheim – nur muss er heute nichts mehr mit Science Fiction ummanteln &#8211; seine Realität ist längst SF geworden, oder umgekehrt: Die Wirklichkeit hat seine Bücher eingeholt. Wenn Gibson heute von silbrig schimmernden fliegenden Pinguinen und Mantas schreibt, die als Ballons lautlos in der Luft schweben, vom iphone ferngesteuert, und als Überwachungssysteme funktionieren, ist man mit einigen Google-Klicks schnell bei Festo gelandet und stellt fest, dass hier nichts erfunden ist, sondern Gibson nur die etwas seltsameren Momente von Gegenwart für sein Buch nutzt, vernetzt und zu einer neuen Gestalt formt. Smartphones, Flughäfen, die internationale Kunst- und Modeszene, Celebrity-Leben, das Post-9/11-AgentenRevival, Twitter, Anti-Branding und virales Marketing sind nur einige der vielen Zutaten unserer Zeit, die Gibson virtuos zu einem Spiegelbild unserer Wirklichkeit amalgamiert, das über diese Wirklichkeit hinausweist und sie zugleich präzise abbildet. Gibsons Bücher funktionieren wie diese verzerrten Kirmes-Spiegel, wir sehen unseren Alltag seltsam verzerrt und verwirrend darin, sie ziehen uns den Boden unter den Füßen weg und finden die Dystopia nicht im großen gesamtgesellschaftlichen Untergang sondern vielmehr in den Abstrusitäten des spätkapitalistischen Alltags. Gibsons Leistung ist, dass wir uns in diesem Spiegelbild klarer und wirklicher sehen, dass seine Verzerrung ehrlicher ist als jeder normale Spiegel es sein könnte, konzentrierter und klarer.</p>
<p>«Zero History» darf nach dem dem etwas maueren «Spook Country» als ein meisterhaftes Buch gesehen werden, das die Energie und Komplexität, das globale und federleichte von Gibsons vielleicht bestem Werk, «Pattern Recognition», mühelos aufgreift. Tatsächlich ist das Buch gerade zu Anfang ein Genuss, weil man beim Lesen deutlich spürt, dass der Autor kein Ziel im Sinne hat, keinen Plot, keine Handlung im engeren Sinne, sondern einfach nur Konstellationen auf seinem Spielbrett erzeugt und selbst überrascht wirkt, als die Handlung sich aus dieser Figuration wie von selbst ergibt. So wirkt «Zero History» anfangs etwas unfokussiert &#8211; gerade dadurch aber brillant -, um im letzten Drittel dann derart Fahrt aufzunehmen, dass man sich (ganz Gibson-untypisch) in einem Hollywood-Thriller wähnt. Alle Charaktere sind so glaubhaft, so detailliert gezeichnet, bei aller Extravaganz, das man auch nicht aus der Kurve geworfen wird, wenn plötzlich der Hollis Henrys Ex Garreth auftaucht, der sich beim Hochhaus-Diving fast ums Leben gebracht hätte und der nun dine Art Hightech-Kur für Seinfeld Bein durchläuft. Die Kunst des SF-Autors ist vielleicht, die Abstrusitäten des modernen Lebens entspannt-plausibel beschreiben zu können, weil er das bereits an der noch einen Hauch absurderen Gesellschaft von Büchern wie «Count Zero» oder «Mona Lisa Overdrive» üben konnte. Wahrscheinlich brauchen wir einen Schriftsteller, in dessen Phantasie virtuelle japanische Popstars aus 3D-Druckern in die echte Welt rübermachen, um eine plausible Gestalt aus der Gegenwart zu destillieren. Man fragt sich, ob nicht auch Philip K Dick heute längst lieber über den Wahnsinn in der Normalität schreiben würde, anstatt über Parallelwelten.</p>
<p>Bei Gibson wird insofern greifbar, dass wir längst in einem Science-Fiction-Szenario leben &#8211; und manche seiner direkt aus den News gezogenen Details &#8211; wie etwa der Sammler-Boom im Bereich Vintage Clothing &#8211; wirken kaum weniger bizarr als Dicks seltsame und konsequente Gedankenexperimente mit Welten in denen die Zeit rückwärts läuft oder höchste politische und wirtschaftliche Entscheidungen mit dem I Ging getroffen werden. Das latente Gefühl, in einer hochgradig bizarren Wirklichkeit angelangt zu sein, ist bei der Lektüre von «Zero History» manifest. Umgekehrt ist man entsprechend wenig schockiert, wenn SF-Dystopiaschocker-Material wie eine tote Strahlungszone rund um ein nukleares Desaster fast schulterzuckend zur Normalität wird und man zur Tagesordnung übergeht. Strange Days.</p>
<p>«Zero History» ist unter diesem Aspekt &#8211; aber nicht nur unter diesem &#8211; ein herausragendes Buch. Gibson ist ein begnadeter Beobachter, der fast poetisch-nüchtern aus kleinen Details eine Textur, eine spürbare Vorstellung von Komplexität erschaffen kann und der dieses hyperrealistische Bühnenbild dann mit faszinierenden, schillernden Charakteren, die so outlandish wie glaubhaft sind bevölkert. Eine Welt voller Ex-Agenten, Extremsportler, Has-Been-Popstars, einer Gilde von Motorradkurieren, Technokraten und Vermarktern. Also wahrscheinlich die Welt, in der sich Gibson selbst oft genug bewegt, und die wir eigentlich jeden Tag entdecken können&#8230; wenn wir nur die Augen aufmachen.</p>
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		<title>Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 18:36:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Das hier immer wieder über Jahre hinweg die gleichen Namen erscheinen, darf niemanden wundern, ebenso wenig die Tatsache, dass Themen wie Tschernobyl, AIDS oder Irakkrieg nur eine Art Randnotiz abgeben, individueller Selbstzweifel, ein Nicht-in-die-Welt-passen und eine Art permanenter Schwanzlängenvergleich mit seinem künstlerischem Umfeld aber enormen Raum bekommen und nahezu erschreckend gleichförmig über diesen großen Zeitraum immer sogar in ähnlichem Wortlaut wiederkehren, gerade so, wie die Zungeja auch immer wieder an den schmerzenden Zahn findet. ...  Was er anderen Autoren, etwa Hans Mayer, vorwirft, die eitle Egozentrik der Künstlerseele, die immer nur über eigene Erfolge plappern kann, bemerkt er an sich selbst scheinbar kaum, wenn er über Rückschlägen gekränkt ist oder literarische Anerkennung aufsaugt, wenn er seitenweise darauf verweist, dass eben er doch jenen oder diesen gefördert und entdeckt hat und dass er doch jenes oder dieses bewegt hat (stets ohne Dank natürlich) oder wenn er sich etwas kühn selbst neben Grass, Böll und Konsorten als «Stimme seiner Generation» verortet. ...  Es ist kein großer Gesellschaftsroman, der hier entstanden ist - und die Entscheidung des Autoren oder des Rowohlt-Verlages, nur die Tagebücher zu veröffentlichen, die irgendwie aber dazu gehörenden anderen Essays in der Zeit und andere, spezielle Tagebücher nicht zu publizieren (was dann aber endgültig im Umfang eine Bibel ergeben hätte) macht das Werk ganz im Gegenteil eher etwas löchrig, weil immer wieder Kontexte und Inhalte fehlen, die man sich zusammensuchen muss (was man oft nicht unmittelbar kann).]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/raddatztagebuecher.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Auf dem Rücken des 900 Seiten schwellenden Tagebuchbandes von Fritz J. Raddatz kündigt ausgerechnet Frank Schirrmacher das Buch als den «großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik» an. Und obwohl Raddatz Notizen in seinem Tagebuch sicherlich eine spannende Periode kultureller Erlebnisse im Niedergang des 20. Jahrhunderts abbilden, so entsteht natürlich in Wirklichkeit zu keinem Moment ein Roman, entsteht keine Erzählung schon gar keine «große». Das ist nicht der erste sich zu reinem Hype ergreifende Cover-Blurb, der den Umsatz ankurbeln soll, aber man fragt sich unwillkürlich ob Raddatz sich von solchem Kirmesgeschrei geschmeichelt fühlen mag oder sich zu Recht verarscht fühlen darf &#8211; ein Tagebuch ist ein Tagebuch und diese Tautologie, eigentlich diesen Genre-Unterschied darf man ruhig beherzigen. Raddatz Tagebücher sind nicht Der «Mann ohne Eigenschaften», aber das wären Musils Tagebücher eben auch nicht. Raddatz Erzählungen sind als Romane erschienen – dies ist kein Roman und er dreht sich auch nicht wirklich um Gesellschaft, schon gar nicht um die große Gesellschaft, wenn auch mitunter um die gehobene. Es geht vielmehr um den Raddatzschen Mikrokosmos, bestehend aus den Künstlern, Autoren, Freunden und vor allem Feinden, die ihm als Zeit-Feuilletonchef, Autoren und Mensch so über den Weg laufen. Das hier immer wieder über Jahre hinweg die gleichen Namen erscheinen, darf niemanden wundern, ebenso wenig die Tatsache, dass Themen wie Tschernobyl, AIDS oder Irakkrieg nur eine Art Randnotiz abgeben, individueller Selbstzweifel, ein Nicht-in-die-Welt-passen und eine Art permanenter Schwanzlängenvergleich mit seinem künstlerischem Umfeld aber enormen Raum bekommen und nahezu erschreckend gleichförmig über diesen großen Zeitraum immer sogar in ähnlichem Wortlaut wiederkehren, gerade so, wie die Zungeja auch immer wieder an den schmerzenden Zahn findet. Und das darf auch so sein, denn es geht eben nicht um Gesellschaft, oder gar um Wirklichkeit, sondern um Raddatzsches Innenleben.</p>
<p>Das, an sich, aber eben unzweifelhaft eine spannende Lektüre abgibt. Rasiermesserscharf, ehrlich, zynisch und humorvoll zugleich, analysiert er die Eitelkeiten seines Umfeldes, die Schwächen und Fehler, und enthüllt dem Leser so eine ganz seltsam intime Sicht auf die intellektuelle High Society deutscher Kunst aus zwei Dekaden. Wie eine seltsame Art Anti-Boulevard-Klatschformat spiegelt sich in Raddatz eine Kulturlandschaft, der es anscheinend wenig um das Machen geht, mehr um den Erfolg, die Titel, die Ausstellungen, das Geld. Es ist ein seltsamer Schattenkapitalismus der Kunst, der sich hier entfaltet, ein Versailles mit Intrigen, Mißgunst, Neid und einer wunderbar atemberaubenden Verlogenheit, derer der Autor selbst sich zwar geniert, aber ebenso bedient.</p>
<p>Zugleich ist interessant wie sehr sich Raddatz an seinen Peers misst. Was er anderen Autoren, etwa Hans Mayer, vorwirft, die eitle Egozentrik der Künstlerseele, die immer nur über eigene Erfolge plappern kann, bemerkt er an sich selbst scheinbar kaum, wenn er über Rückschlägen gekränkt ist oder literarische Anerkennung aufsaugt, wenn er seitenweise darauf verweist, dass eben er doch jenen oder diesen gefördert und entdeckt hat und dass er doch jenes oder dieses bewegt hat (stets ohne Dank natürlich) oder wenn er sich etwas kühn selbst neben Grass, Böll und Konsorten als «Stimme seiner Generation» verortet. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Raddatz auf den stets so wahrgenommenen Mangel an Manieren, Wissen, Mobiliarsqualität, Gastfreundlichkeit, selbst noch die offenbar lieblose Weinwahl seiner Umwelt einprügelt und die Härte, mit der vernichtende Urteile fällt, bildet einen seltsamen Gegensatz zu der sanften Selbstliebe und der permanenten Frage, warum er nicht als wunderbarer Mensch akzeptiert wird. Vielleicht, weil die Umwelt eben doch nicht so blöde ist, die kalte Verachtung, die aus Raddatz Worten emporsteigt, zu riechen und zu erwidern.<br />
Schaut man in die Seele eines solchen Egozentrikers, der aber zugleich ein kluger und durchaus stets auch gebender Mensch zu sein scheint, ahnt man bald, dass die drastische Abwertung nahezu jeder Person in seinem Umfeld die kaum verklausulierte eigene Unsicherheit mit zum Ausdruck bringt, Schutzmechanismus ist, man andere eben noch einen Hauch mieser finden darf als sich selbst. Es ist ein Mechanismus, den die meisten Menschen irgendwann nach der Pubertät ablegen.</p>
<p>Und dieser Mechanismus macht die Tagebücher schwer verdaulich, man schaut fast täglich in den Abgrund der Raddatzschen Unzufriedenheit und möchte den Mann bereits nach den ersten zweihundert Seite aus einer Zeitmaschine zaubern, durchschütteln und ihn bitten, sich zu entspannen, glücklicher, offener zu sein, den Misanthropen einzumotten. Denn in den Momenten, in denen in den Einträgen Glück und Zufriedenheit durchblitzen (und zugegeben, wer führt schon ein Tagebuch über die kleinen guten Momente? Tagebücher sind ja doch eher Orte der Selbstzerfleischung), zeigt sich ein grandioser Beobachter mit einen unfassbaren Auge für kleinste Sinnhaftigkeiten und Symbole, der mit wenigen Kohlestrichen eine Landschaft, eine Situation, einen Menschen erfassen kann. Es ist dieses Talent, trotz aller Redundanzen auf den 906 Seiten, die das Buch lesenswert macht – der Einblick, wenn auch gefiltert, in die Seele eines Egozentrikers, eines paradoxen Menschen, der im Mittelpunkt steht und sich doch ausgeschlossen zu fühlen scheint.</p>
<p>Insofern sind die Raddatzschen Tagebücher eben kein Gesellschaftsroman, sondern Charakterstudie eines Kulturschaffenden, der mit sich hadert, ständig Existenzangst zu haben scheint und selbst in relativer Abgesichertheit noch unter monetärem Vertigo zu leiden scheint. Es ist eine Langzeitstudie des Kreativen zwischen Selbstvermarktung und Selbsthass, in der sich wahrscheinlich viele andere Autoren, Musiker und Künstler wiederfinden werden. Und zugleich ist es ein oft unschöner Einblick in einen subjektiven Ekel vor der Mediengesellschaft, den Raddatz fast ausnahmslos angesichts seiner Umwelt verspürt. Ob Gräfin Dönhoff, Schmidt, Augstein, ob Brasch oder Hochhuth, sie alle kriegen ihr Fett weg, wenn Raddatz sich über die Zeit-Redaktion, die Frankfurter Buchmesse oder die Autorenwelt im allgemeinen ausläßt. Selbst Balzac wird gebeckmessert, was umso bizarrer wirkt, als das Raddatz sich furchtbar aufregt, wenn andere Lordsiegelbewahrer die Giftspritze auspacken, wie etwa Peter Zadek.<br />
Es ist ein wunderbares, oft auch anstrengendes, mitunter nervendes, gottlob immer wieder eben auch sehr lohnendes Gebirge, durch das man dem Reiseführer Raddatz hier folgt und es ist vielleicht Symbol seiner seltsamen Mischung aus Eitelkeit, Größenwahn und eben doch Ehrlichkeit (und Mut zu oft aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden homoerotischen Altherrenphantasien) und tatsächlicher Größe, das dieses Buch noch zu Lebzeiten erscheint, viel Freunde macht man sich mit solcher Offenheit wahrscheinlich nicht.</p>
<p>Es ist kein großer Gesellschaftsroman, der hier entstanden ist &#8211; und die Entscheidung des Autoren oder des Rowohlt-Verlages, nur die Tagebücher zu veröffentlichen, die irgendwie aber dazu gehörenden anderen Essays in der Zeit und andere, spezielle Tagebücher nicht zu publizieren (was dann aber endgültig im Umfang eine Bibel ergeben hätte) macht das Werk ganz im Gegenteil eher etwas löchrig, weil immer wieder Kontexte und Inhalte fehlen, die man sich zusammensuchen muss (was man oft nicht unmittelbar kann). Aber es ist trotz des Volumens und der eher mäßigen Typographie ein wunderbares kleines und oft intimes Buch, das einen starken Sog entwickelt, das man oft nicht «wegen», sondern «trotz» liest und doch nicht aus der Hand legen mag. Und das allein ist schon eine große Leistung für diese Tagebücher eines offenbar bewegten und bewegenden Lebens.</p>
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		<title>Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Jan 2011 19:28:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Clay, als Ich-Erzähler, beschwert sich, das ein Freund als Autor des Buches (das auch von Clay als Ich-Erzähler berichtet wurde) die Original-Geschichte shanghaied und verfälscht hätte - eine grandiose Farce, denn im Laufe des Buches wird sehr deutlich, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Clay in Bret Easton Ellis erstem und letzten Buch gibt und dass genau diese Figur - die ebenso gut Patrick oder Victor heißen könnte - sich lediglich von einem ausgebrannten, disillusionierten Teen zu einem kaum weniger kaputten Erwachsenen gemausert hat, der trotz oberflächlichem Erfolg als Drehbuchautor offenbar sinn- und antriebslos durch das Leben und die Handlung driftet, fast eher von ihr getrieben wird als selbst Antrieb zu sein.    Während des Lesens - und auch Wochen nach dem Weglegen des Buches - war ich mir nie sicher, ob Ellis hier nach dem eher schwachen, wirren Lunar Park zu alter Form zurückfindet, sich nicht länger gegen seinen eigenen Stil sträubt, wo er sozusagen gegen sich selbst anschrieb, sondern den kalten, harten, hedonistischen Sound seiner eigenen Sprache akzeptiert... oder ob er sich hier eher selbst kopiert, den Gestus von «Less than Zero» bloß reproduziert, wie ein alternder Rockstar sein erstes Album früher oder später ja stets noch einmal neu einzuspielen versucht, mit kaum getarnten «neuen» Songs.  ...  So wie Ellis mit «American Psycho» ein dystopisches Bild der Wall Street ablieferte, Werwölfe im Anzug vorführte, so gelingt ihm auch hier eine schillernde Fabel von Hollywood im Niedergang, ein düster-sonnendurchflutetes Wüstenlabyrinth aus Sex und Drogen und kaputten Beziehungen, das Ellis herabschreibt wie Chandler auf Ecstasy, zu einem wirschen Krimi ohne Sinn und echte Auflösung verquirlt, bei dem Ellis (wie als Persiflage des üblichen Crime-Buches) alle Protagonisten von «Less than Zero» noch einmal aus dem Hut zaubert, und sei es nur, um Clay paranoide Warnungen zuzuzischen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/wp-content/uploads/ellis_bedrooms-1.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Es ist immer schon schwer gewesen, Ellis als normalen Romanautor zu verstehen &#8211; seine Bücher wirken eher wie Fluchten aus dem Alltag des Autors selbst, durch die Seitengasse raus in eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt &#8211; die eben diesen Alltag zugleich seltsam treffend und über Ellis selbst hinausgehend beschreiben, als leer und verbraucht, als eben einladend zu seltsam brutalen Fluchtphantasien. Was liegt in einer Welt, in der sich Yuppies über die Frage, ob die Gürtelfarbe zu den Schuhen passt, näher, als in ein Paralleluniversum fliehen zu wollen, in dem es noch um die primitivsten Impulse geht, in dem es noch um die grundsätzliche Existenz geht?</p>
<p>Im Grunde ergeben Ellis Werke eine Art Biographie, eine fiktionale Brechung, eine Art Remix seines eigenen Lebens. Und zugleich zeichnen sie die Pulslinien des Lebens einer ganzen amerikanischen Generation auf, die von einem abgestumpft-dekadenten Campusleben («Less than Zero», «Rules of Attraction») kommt, in einem oberflächlichen und von verzerrten Wettbewerb gezeichneten Job arbeitet («American Psycho», «Informers»), deren oberflächliches Leben von zu viel Medien und vom Terrorschock aus der Bahn kommt («Glamorama»), die ins Cocooning flieht, in die Suburbs und, dort mit dem eigenen Altwerden nicht klarkommend, die Vaterkomplexe aufarbeitet («Lunar Park»), und schließlich in einer Art Midlife-Crisis die alte Jugend wiederzubeleben versucht (eben jetzt «Imperial Bedrooms»). Die Hauptfigur in Ellis Oevre ist &#8211; mit wenigen Ausnahmen und trotz verschiedener Namen und Details &#8211; eigentlich immer die gleiche und immer ist sie ganz nah an ihrem Autor.</p>
<p>«Imperial Bedrooms» treibt diese Fusion von Autor und Protagonisten auf die Spitze und beginnt mit einer Art Betrachtung der (schlechten) Verfilmung von Ellis erstem Buch, «Less than Zero», durch eine der «echten» Handlungsfiguren des Buches, Clay. Clay, als Ich-Erzähler, beschwert sich, das ein Freund als Autor des Buches (das auch von Clay als Ich-Erzähler berichtet wurde) die Original-Geschichte shanghaied und verfälscht hätte &#8211; eine grandiose Farce, denn im Laufe des Buches wird sehr deutlich, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Clay in Bret Easton Ellis erstem und letzten Buch gibt und dass genau diese Figur &#8211; die ebenso gut Patrick oder Victor heißen könnte &#8211; sich lediglich von einem ausgebrannten, disillusionierten Teen zu einem kaum weniger kaputten Erwachsenen gemausert hat, der trotz oberflächlichem Erfolg als Drehbuchautor offenbar sinn- und antriebslos durch das Leben und die Handlung driftet, fast eher von ihr getrieben wird als selbst Antrieb zu sein.</p>
<p>Während des Lesens &#8211; und auch Wochen nach dem Weglegen des Buches &#8211; war ich mir nie sicher, ob Ellis hier nach dem eher schwachen, wirren Lunar Park zu alter Form zurückfindet, sich nicht länger gegen seinen eigenen Stil sträubt, wo er sozusagen gegen sich selbst anschrieb, sondern den kalten, harten, hedonistischen Sound seiner eigenen Sprache akzeptiert&#8230; oder ob er sich hier eher selbst kopiert, den Gestus von «Less than Zero» bloß reproduziert, wie ein alternder Rockstar sein erstes Album früher oder später ja stets noch einmal neu einzuspielen versucht, mit kaum getarnten «neuen» Songs.</p>
<p>Die distanzierte, minimalistische Beschreibung von Sex und Gewalt &#8211; wenn auch bei weitem nicht so drastisch wie in «American Psycho» -, die sich überlagernden Schichten von Realität und Illusion, die Drogentrips, das permanent Übernächtigte, Überfeierte &#8211; all das stimmt tonal überein mit Ellis besten Büchern. So wie Ellis mit «American Psycho» ein dystopisches Bild der Wall Street ablieferte, Werwölfe im Anzug vorführte, so gelingt ihm auch hier eine schillernde Fabel von Hollywood im Niedergang, ein düster-sonnendurchflutetes Wüstenlabyrinth aus Sex und Drogen und kaputten Beziehungen, das Ellis herabschreibt wie Chandler auf Ecstasy, zu einem wirschen Krimi ohne Sinn und echte Auflösung verquirlt, bei dem Ellis (wie als Persiflage des üblichen Crime-Buches) alle Protagonisten von «Less than Zero» noch einmal aus dem Hut zaubert, und sei es nur, um Clay paranoide Warnungen zuzuzischen. Im Verlauf des Buches wird zunehmend unklarer, ob Clay Opfer oder Täter ist oder beides und die Grenzen zwischen ihm und Bateman verschwinden schließlich vollends, während Clay mehr und mehr aus der Bahn gerät und der Leser mit ihm in einen schizoiden Abgrund abrutscht, von Chandler zu Burroughs. Es ist seltsam, dass Ellis, der sich zu «Lunar Park»-Zeiten in Interviews so ausdrücklich von den Gewaltexzessen in «American Psycho» distanzierte und diese als Batemans Eskapismus-Phantasien abtat, Clay hier aber in einem viel intensiveren Maße zum Psychopathen mutieren lässt und diese Art Split zwischen Bruce-Wayne-Partyanimal und eiskaltem Folterer-Animus <i>noch</i> pathologischer betreibt als jemals zuvor. Clay wird von Ellis als Produkt einer kalten Jugend beschrieben, als Produkt eines wertlossen und narzisstischen Lebens. Er ist Stellvertreter einer ganzen Generation von <i>frat boys</i>, die immer noch leben, als sei das Leben eine Campusorgie, die nie ihren eigenen Kern gefunden haben &#8211; und Clays Freunde scheinen keinen Deut besser zu sein. Erwachsene ohne echte Jobs, deren Leben eine endlose Party ist, bei denen Großeltern, Eltern. Kinder oder Geschwister kaum vorzukommen scheinen, für die Sex und Macht und Genuß zentrale Lebensinhalte sind, die wie entkoppelt von den Gefühlen normaler Menschen wirken, die immer noch Zombies sind.</p>
<p>Ich habe vor Jahren einen Auszug von «Less than Zero» in einer George-Romero-Zombie-Anthologie entdeckt und es war die ausnahmslos beste Geschichte in diesem Buch, die ihren kalten Horror nur aus einer Art Rahmenwechsel zog. Die Tatsache, dass die gleichen Inhalte des Campusbuches hier nun hirnlosen, gefühlstoten Zombies zugeschrieben wurden, ist so verblüffend wie einleuchtend &#8211; im Grunde schreibt Ellis <i>immer</i> über die Zombies unserer Gesellschaft, selbst wenn diese zu unseren Stars, Vorbildern und soziokulturellen Leadern zählen. So stumpf wie Ellis Schreibstil &#8211; das permante Prügeln mit der nackten Faust auf tiefgefrorenes Fleisch &#8211; sind auch seine Charactere, sie sind wie schillernde Eismeteore im Weltall, geheimnisvoll, attraktiv, gefährlich, kalt, fremd, tiefgefroren ohne Vergangenheit und Zukunft. Und meist sind sie ebenso tödlich, wenn man Ihnen zu nahe kommt.</p>
<p>Es ist nach «Lunar Park» grandios, Ellis wieder bei seinem ureigenen Sound zu finden. Es mag als Autor wichtig sein, neue Stile auszuprobieren, aber die Tatsache ist, dass niemand Ellis&#8217; Stil so gut kann wie er selbst. Viele Autoren haben sich seit den 80er Jahren an dem flachen, stumpfen und dennoch scharfkantigen Flair seiner Texte versucht, die wenigsten haben die Härte und Klarheit, die dieser Stil braucht, um dich zu erreichen. Es ist schwer, Gefühl durch das Weglassen von Gefühl, Tiefe in der Zweidimensionalität, Mehr durch Weniger zu erreichen. Mit anderen Mitteln als etwa eine Amy Hempel oder ein Chuck Palahniuk, aber durchaus mit dem gleichen Ergebnis, zeigt das schmale «Imperial Bedrooms» Ellis als einen versierten Minimalisten, der weder lineare Handlung noch ein «Ziel» in seinem Buch braucht, bei dem es auf Abrgünde, Beziehungen, Reaktionen ankommt, der wie ein moderner Camus den durch die Handlung taumelnden Clay zeigt, der am Ende Opfer seiner selbst ist.</p>
<p>«Imperial Bedrooms» erinnert im besten Sinne an J.G. Ballards Dystopien, im höchsten Maße an die sexuelle Gleichgültigkeit von «Crash», die Lebensmüdigkeit, das Thrillseeking als letzten gebliebenen Antrieb, überhaupt aufzustehen, die Fetischisierung des Lebens. Wo Ballard oft noch einen exogenen Anlass brauchte, um die Zivilisation entgleiten zu lassen, wird bei Ellis allerdings die Dysfunktion von Gesellschaft und Individuum zum Normalzustand. In keinem seiner Bücher treffen wir intakte, unverbogene Protagonisten, eher zeigt er uns das Beckettsche Limbo, die zeitlose Zwischenhölle, als Aspekt des alltäglichen Vegetierens. Ellis Figuren sind lebende Kadaver, die müde durch die offenbar gelegte Sinnlosigkeit von Liebe und Leben taumeln, die amoralisch agieren, weil die Moral sich als Fata Morgana erwiesen hat. In den Scherben von Ellis düsterem Spiegel können wir uns nie ganz wieder finden &#8211; keine wirkliche Person ist je so zerstört und innerlich gestorben wie Ellis Figuren -, und dafür können wir dankbar sein&#8230; das in den Splittern aber nahezu holographisch eine nur zu wahre Metapher auf den westlichen Kristallpalast in die Luft projeziert wird, das ist Ellis Büchern unabsprechbar, er ist die Stimme des amerikanischen Alptraums.</p>
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		<title>Chuck Palahniuk: Tell-All</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Jan 2011 09:53:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Bemerkenswert ist, wie Palahniuk hier eine Handlung, die aus einer Art perfider Screwballkomödie kommen könnte, mit nahezu charmanten Betrügern und Gegenbetrügern, die sich gegenseitig ums Leben bringen wollen, in ein zutiefst dekonstruktives Korsett bringt und zu einer wirschen Groteske umformt, die nun mal typisch für seinen Stil ist.   «Tell-All» ist dabei nicht so episch wie Rant, nicht so schräg und krank wie «Pygmy», nicht so schnell wie «Snuff», und das Namedropping-Tourette nervt nach einer Weile ungeheuer – und dennoch fühlt sich das Buch richtig an, winkt wie Zombies die Geister vergangener großer Hollywood-Streifen hervor, glüht mit der Energie der alten Traumfabrik, nur eben durchs Palahniuks kranken Geist gefiltert.   Es ist ein bisschen spannend, ein bisschen witzig, ein bisschen absurd - und vielleicht ist ein von allem dann eben auch ein bisschen zu wenig, um wirklich ein großes Buch zu ergeben, was es mit unter 200 Seiten vielleicht auch gar nicht sein soll.]]></description>
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<p>Chuck Palahniuk ist der einzige Autor, der mich nicht überraschen würde, wenn er einen Roman aus Sicht eines Virus in Morsecode schreiben würde, ehrlich. Nach dem meisterhaften «Rant» und dem wunderbar verschrobenen «Pygmy» kommt er mit «Tell-All» wieder mit einem ganz neuen Sound daher. Das Buch ist aus der Perspektive von Hazel Coogan geschrieben, der Haushälterin der Hollywood-Legende Katherine Kenton. Mit seltsamen Überlagerungen der Erzählung und bizarren Wendungen mutiert das Buch zu einem gesprungenen Spiegel, dessen Puzzleteile fast widerwillig die Handlung bloßlegen. In typischer Palahniuk-Manier ist nicht alles, wie es aussieht, sind Erzählfiguren zuverlässig unzuverlässig, und der Plot eskaliert in rasanter Weise zur brutalen Persiflage. Als Hollywood-Hommage geschrieben, verwendet die Geschichte immer wieder Drehbuchjargon und wirft in einer solchen Art mit Namedropping um sich, das man vermuten darf, Palahniuk hat eine Lohnliste des Goldenen Traumfabrik-Zeitalters in seine Story schmuggeln wollen. Fiktion und Realität gehen nahtlos ineinander über, Filmdreh und Privatleben umarmen sich tödlich, Gier, Neid und Schönheitswahn sind allgegenwärtig und die Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Damen und dem mörderischen Beau Webster Carlton Westward III ist an Surrealität kaum zu überbieten.</p>
<p>Bemerkenswert ist, wie Palahniuk hier eine Handlung, die aus einer Art perfider Screwballkomödie kommen könnte, mit nahezu charmanten Betrügern und Gegenbetrügern, die sich gegenseitig ums Leben bringen wollen, in ein zutiefst dekonstruktives Korsett bringt und zu einer wirschen Groteske umformt, die nun mal typisch für seinen Stil ist. «Tell-All» ist dabei nicht so episch wie Rant, nicht so schräg und krank wie «Pygmy», nicht so schnell wie «Snuff», und das Namedropping-Tourette nervt nach einer Weile ungeheuer – und dennoch fühlt sich das Buch richtig an, winkt wie Zombies die Geister vergangener großer Hollywood-Streifen hervor, glüht mit der Energie der alten Traumfabrik, nur eben durchs Palahniuks kranken Geist gefiltert. Es ist ein bisschen spannend, ein bisschen witzig, ein bisschen absurd &#8211; und vielleicht ist ein von allem dann eben auch ein bisschen zu wenig, um wirklich ein großes Buch zu ergeben, was es mit unter 200 Seiten vielleicht auch gar nicht sein soll. «Tell-All» fühlt sich mehr an wie eine gestreckte Kurzgeschichte, eine Novella, ähnlich wie «Snuff» eine schnelle manische Skizze voller Wendungen und Irrungen, die das Buch trotz des hier teilweise schwer verdaulichen Schreibstils immer spannend halten. Neben Lullaby vielleicht Palahniuks schwächstes Werk, aber selbst schlechte Bücher von diesem Autor sind nun mal immer noch besser als das meiste, was andere Leute in ihrem ganzen Leben schreiben.</p>
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		<title>Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Dec 2010 10:47:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer Elisabeth Rank als  Bloggerin  kennt, dürfte von diesem Debut der Autorin wenig überrascht und doch überrascht sein, denn obwohl der Sound ganz eindeutig der gleiche ist, gelingt ihr das nicht zu unterschätzende Kunststück, ihren sensiblen Stil, der von der Vignette, dem oft hingehauchten und geheimnisvoll-alltäglichen lebt, auf rund 200 Seiten zu strecken, ohne dass es sich nach «Extended Club Mix» anfühlt. ...  Unwillkürlich erinnert das Buch an Joss Whedons Buffy-Folge, in der die Mutter der Serienfigur stirbt, in der Whedon den Mantel von humorvollem Teenie-Drama-Abenteuer-Fantasy rigoros abstreift und unerwartet eine ernsthafte, phantastisch Lynch-esque Episode produziert, die von schrägen Kameraeinstellungen, surrealem Ambiente und einem tiefen Gefühl der Unwirklichkeit durchzogen ist, als sei die Welt, die Serie als solche, mit dem Tod von Buffy Summers Mutter völlig aus der Bahn geworfen und entglitten. ...  Und im Zweifel für dich   selbst  ist ein herausragend geschriebenes Buch, das erfolgreich die Episoden und Miniaturen der Blog-Autorin auf die größere Bühne des Romans transferiert und hoffentlich den Auftakt einer Karriere als Schriftstellerin markiert, ich würde nämlich nur zu gerne lesen, wohin es Rank in ihrem fünften, sechsten, siebten Buch treiben mag, wenn sie mit weniger Arbeit den gleichen emotionalen Impact zu erreichen versteht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/rank_zweifel.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Wer Elisabeth Rank als <a href="http://mevme.com/lizblog/">Bloggerin</a> kennt, dürfte von diesem Debut der Autorin wenig überrascht und doch überrascht sein, denn obwohl der Sound ganz eindeutig der gleiche ist, gelingt ihr das nicht zu unterschätzende Kunststück, ihren sensiblen Stil, der von der Vignette, dem oft hingehauchten und geheimnisvoll-alltäglichen lebt, auf rund 200 Seiten zu strecken, ohne dass es sich nach «Extended Club Mix» anfühlt. Wer die Intensität ihrer Kurzform kennt, den wird nicht verwundern, dass «Und im Zweifel für dich selbst» ebenso sensibel wie wuchtig ist, einerseits fast zerbrechlich, so dass du fast behutsam umblätterst, mit diesem Gefühl von Vorsicht, dass man vielleicht aus Kirchenbesuchen kennt, andererseits brutal in dem Versuch, Gefühl zu kommunizieren.</p>
<p>Durchbrochen von Rückblenden und Vignetten, erzählt Rank eine Art Roadmovie über Tonia (die Ich-Erzählerin) und ihre Freundin Lene, deren Freund Tim bei einem Autounfall gestorben ist und deren Leben verrutscht ist. In diese Coming-of-Age-Struktur ist eine Art Beziehungskrise von Tonia eingewebt, die auf der Reise, im Schutz von schlechtem Handyempfang und Abgeschiedenheit entdeckt, dass sie nicht bei ihrem Freund Friedrich Verständnis und Hilfe sucht, sondern bei Vince. Drum herum webt Rank kleine Erlebnisse und Begegnungen, Miniaturen, die oft alleinstehend stark sind, oft etwas bemüht den generellen emotionalen Tonus des Buches metaphorisch ummanteln und unterstreichen sollen/wollen. Was mitunter schade ist, denn das braucht es kaum. Rank erzählt auch so erfolgreich die Gesichte einer Entrückung, die schwer zu greifen ist. Unwillkürlich erinnert das Buch an Joss Whedons Buffy-Folge, in der die Mutter der Serienfigur stirbt, in der Whedon den Mantel von humorvollem Teenie-Drama-Abenteuer-Fantasy rigoros abstreift und unerwartet eine ernsthafte, phantastisch Lynch-esque Episode produziert, die von schrägen Kameraeinstellungen, surrealem Ambiente und einem tiefen Gefühl der Unwirklichkeit durchzogen ist, als sei die Welt, die Serie als solche, mit dem Tod von Buffy Summers Mutter völlig aus der Bahn geworfen und entglitten. Ähnlich entschieden wirft Rank ihre Figuren aus dem urbanen Alltag und es ist nicht ganz sicher, ob die Autorin wirklich die Flucht an die Küste wählt oder ob sie fast amüsiert beobachtet, dass ihre Figuren diese etwas klischeehafte, dem Kino entliehene «Flucht» als Lösung wählen. Vielleicht muss auch einfach nur etwas passieren, um die Handlung loszutreten, die an sich nur eine Ausrede, ein McGuffin ist, um in die Gefühlswelt von Tonia und Lene einzutauchen, um die Verarbeitungsprozesse der trauernden Freundin und ihres Umfeldes mitzuerleben.</p>
<p>Die eine, verzeihbare, Schwäche des Buches ist, dass es unbedingt etwas sagen will. Einem Debut-Roman, zumal dieser Qualität, darf man ein bisschen Sturm und Drang einfach verzeihen, aber es ist glasklar, dass Rank es eigentlich nicht nötig hätte, so viel Rücksicht auf ihre Leser zu nehmen. Auf verschiedensten Ebenen bemüht sie sich, symbolisch, metaphorisch, direkt und indirekt, Bedeutung zu schaffen, große Gefühle durch Beschreibungen und Simile herbei zu schreiben. Und da Rank phantastisch schreiben kann, gelingt ihr das auch meist. Ihr kurzer, mitunter auch sparsamer Stil, der plötzlich eruptiv-ausufernd werden kann, das glaubhaft wie aus dem Moment geschrieben wirkende, der zwar mitunter etwas an die Neon, aber insgesamt sehr aus der Gefühlswelt heutiger Twens kommende Klang &#8211; all das funktioniert wunderbar. Und gerade weil das so ist, würde ich mir manchmal etwas weniger wünschen. Ein Stück mehr Ray Carver oder Amy Hempel, ein Stück Wortdiät (sagt gerade der richtige, ich weiß). Wenn Hempel über das Sterben schreibt, reichen ihr wenigste Zeilen, das nackteste sprachliche Gerüst, um den Leser zu zerquetschen, wenn Carver vom Tod einer eingeschlafenen Beziehung schreibt, reichen drei Striche, eine hingehauchte Skizze, ein scheinbares Nichts an Handlung, um alles gesagt zu haben. Ganz an dieser Sparsamkeit ist Rank nicht, muss sie vielleicht auch nicht sein, wird sie vielleicht auch nicht sein, aber während des Lesens gibt es immer so Stellen wo du denkst: Lass das, das ist zu viel, streng dich weniger an, ich habs ja auch so kapiert. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich generell mit deutschen Büchern immer etwas probleme habe, sie zu direkt finde, zu aufdringlich &#8211; der Filter des Englischen hilft ja manchmal, das kennt man von Liedtexten, Enzensbergers Erkenntnis, dass <i>Love</i> immer noch anders klingt als <i>Liebe</i>, gilt ja nach wie vor. Das alles ist also eine vorsichtige, schwache Kritik an einem Buch, dessen teilweise Angestrengtheit du sofort vergisst, wenn Rank einen dieser phantastischen Sätze raushaut, die einfach völlig perfekt dastehen und die du zwei, dreimal lesen und jedesmal gut finden kannst.</p>
<p><i>Und im Zweifel für dich</i> <i>selbst</i> ist ein herausragend geschriebenes Buch, das erfolgreich die Episoden und Miniaturen der Blog-Autorin auf die größere Bühne des Romans transferiert und hoffentlich den Auftakt einer Karriere als Schriftstellerin markiert, ich würde nämlich nur zu gerne lesen, wohin es Rank in ihrem fünften, sechsten, siebten Buch treiben mag, wenn sie mit weniger Arbeit den gleichen emotionalen Impact zu erreichen versteht.</p>
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		<title>Thomas von Steinaecker: Meine Tonbänder&#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Oct 2010 17:36:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Hörspiel]]></category>

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		<description><![CDATA[«Meine Tonbänder sind mein Widerstand» enthüllt sich zwar aufgrund der dann doch einen Hauch zu geschliffenen Sprecher schnell als Fake, ist aber ansonsten ein überraschend überzeugendes Täuschungmanöver, bei dem der Autor den unbekannten und verkannten Hörspiel-Pionier Klaus Hofers scheinbar «entdeckt», oder vielmehr eine ebenfalls fiktionale Redakteurin, mit der Hofer lange zusammen war, ihre Vergangenheit selbst in Form eines Hörspiels/Beitrags über Hofer aufarbeitet. ...  Steinaecker spielt versiert mit Zitaten auf bestehende Radiokunst, Verkannt und vereinsamt wird Hofer zunehmend schrulliger und seltsamer, demontiert seine eigenen Aufnahmen auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich, indem er die häufigsten Worte und Phrasen zusammenkopiert, kommt von der reinen Aufzeichnung zur Analyse und Dekonstruktion und stirbt schließlich inmitten seiner Billy-Regale, seiner Matratze, seiner beiden Revox-Maschinen.   Unter der Regie von Bernadette Sonnenbiechler mutiert das Stück zu einer Tour de Force durch die Entwicklung des Hörspiels an sich, von linearen Geschichten zu fragmentarischen Collagen, und schließlich entgleitet das Stück als solches selbst, wird ähnlich pausiert, unterbrochen, vor- und zurückgespult wie Hofers Bänder, deren Techniken auf einmal Kontrolle über das Stück an sich zu gewinnen scheinen, bis es in einem grandiosen Finale in sich zusammenbricht, das sowohl die Hörer beglückt, die den Bluff längst durchschaut haben und all jene überraschen dürfte, die noch an die Scheinrealität in von Steinaeckers Stück glauben. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/steinaecker.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Beileibe nicht neu, aber neu entdeckt &#8211; <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Steinaecker">Thomas von Steinaeckers</a> Debut-Hörspiel für den Bayrischen Rundfunk (<a href="http://itunes.apple.com/de/podcast/thomas-von-steinaecker-meine/id274175508?i=85524577">hier</a> als Podcast) ist ein herausragendes Beispiel dafür, was ein guter Autor im Medium Hörspiel leisten kann, wenn er weder der reinen Montage/Demontage verfällt noch allzu linear einfach eine Art Vertonung einer gedruckten Geschichte liefert. «Meine Tonbänder sind mein Widerstand» enthüllt sich zwar aufgrund der dann doch einen Hauch zu geschliffenen Sprecher schnell als Fake, ist aber ansonsten ein überraschend überzeugendes Täuschungmanöver, bei dem der Autor den unbekannten und verkannten Hörspiel-Pionier Klaus Hofers scheinbar «entdeckt», oder vielmehr eine ebenfalls fiktionale Redakteurin, mit der Hofer lange zusammen war, ihre Vergangenheit selbst in Form eines Hörspiels/Beitrags über Hofer aufarbeitet. Das Ergebnis ist eine Geschichte in der Geschichte, die atemberaubend mit den Möglichkeiten des Radios oder vielmehr des Tonbandes arbeitet, und die den Zuhörer, selbst wenn er den Bluff durchschaut hat, unweigerlich in den Bann zieht. Hofer ist ein zurückgezogener Mensch, eine gescheiterte Existenz, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, manisch-depressiv und für eine fiktionale Figur, die man in unter einer Stunde präsentiert bekommt, faszinierend realistisch und magnetisch. Wütend, lachend, verzweifelnd, liebevoll führt Oliver Stritzel in die Figur des Hofer, der sein gesamtes Leben seit der Jugend zunehmend exzessiv auf Tönbändern festhält, durch die Bundesrepublik der letzten Dekaden zwischen 1960 und 1990, und mit dem fiktiven Künstler wird auch das Hörspiel immer seltsamer, gestörter, gebrochener. Steinaecker spielt versiert mit Zitaten auf bestehende Radiokunst, Verkannt und vereinsamt wird Hofer zunehmend schrulliger und seltsamer, demontiert seine eigenen Aufnahmen auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich, indem er die häufigsten Worte und Phrasen zusammenkopiert, kommt von der reinen Aufzeichnung zur Analyse und Dekonstruktion und stirbt schließlich inmitten seiner Billy-Regale, seiner Matratze, seiner beiden Revox-Maschinen. Unter der Regie von Bernadette Sonnenbiechler mutiert das Stück zu einer Tour de Force durch die Entwicklung des Hörspiels an sich, von linearen Geschichten zu fragmentarischen Collagen, und schließlich entgleitet das Stück als solches selbst, wird ähnlich pausiert, unterbrochen, vor- und zurückgespult wie Hofers Bänder, deren Techniken auf einmal Kontrolle über das Stück an sich zu gewinnen scheinen, bis es in einem grandiosen Finale in sich zusammenbricht, das sowohl die Hörer beglückt, die den Bluff längst durchschaut haben und all jene überraschen dürfte, die noch an die Scheinrealität in von Steinaeckers Stück glauben. Nicht alle BR-Produktionen sind so gelungen, aber diese zeigt, wie selbstsicher und souverän eine künstlerische Geste im Hörspiel möglich ist, voller Humor, Wärme, Tiefgang und Facetten, ohne Schlaumeierei, wenn die Macher gekonnt mit den Waffen des Mediums hantieren können.</p>
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		<title>Benjamin v. Stuckrad-Barre: Auch Deutsche &#8230;</title>
		<link>http://www.hdschellnack.de/benjamin-von-stuckrad-barre-auch-deutsche-unter-den-opfern/</link>
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		<pubDate>Sat, 16 Oct 2010 16:15:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>HD Schellnack</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>

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		<description><![CDATA[Was an sich gar nicht so schlimm wäre, würde BvSB nicht an einer Stelle des Buches explizit auf Bloggern und anderen Netzautoren herumhacken und sich als Professsioneller abgrenzen - dabei aber völlig übersehen, dass Themen wie «Ich gehe mit Moritz von Uslar Platteneinkaufen» leider so ganz und gar Blog-Material sind und das die Echolot-Funktion, die Stuckrad-Barre bei Kempowski so liebt, heute eben eine ist, die verstärkt (mal besser, mal schlechter) online stattfindet. ...  Das ist natürlich ganz subjektiv - aber wenn ein Autor, der mit seiner These, Oasis sei die beste Band der Welt, schon vor Jahren jeden Credit bei mir verzockt hat, sich seitenweise über Grönemeyer, Westernhagen, Udo Lindenberg und Heinz Rudolph Kunze ausläßt und diese auch noch hochjazzt, dann kriege ich nach einigen Seiten echt das Problem ihn noch ernst zu nehmen, wenn er sich über Politker auslässt. ...  Häme gegen einen schwachen SPD-Kandidaten, eine Form von wortloser Hilflosigkeit gegenüber Angela Merkel ... und bei Guido Westerwelle nach den Aknepocken zu fragen mag der Autor vielleicht arg frech finden, es ist leider nur total platt... an Politikern ist das Private das unspannendste, und beim Westerwelle mag man drüber spekulieren, inwieweit Minderwertigkeitskomplexe und sein Habitus zusammengehen, aber darum geht es Stuckrad-Barre nicht. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hdschellnack.de/uploads/IMG_0975-2.jpg" alt="hd schellnack" /></p>
<p>Der große rote Button, der das Cover verunstaltet, erklärt dem Käufer, dass man an diesem Buch nicht vorbeikommt, wenn man die Republik im «neuen Millennium» begreifen will. Schreibt der Spiegel, auch wenn nicht beisteht, wer es im Spiegel verewigt hat. Im neuen Millennium!!!! Also nicht Jahrzehnt, oder Jahrhundert &#8211; Mensch, gleich im neuen Jahrtausend. Wer sich von diesem Coverblurb nicht gleich verschrecken lässt, findet unter dem ansonsten wunderschönen Umschlagmotiv in einem schön gestalteten und mit wunderbar schlechten Photos durchsetzen BuchTexte, die BvSB für Rolling Stone, BZ und Welt geschrieben hat. Und wer glaubt, Deutschland nur zu verstehen, wenn er sich mit Stuckrad-Barres seltsamer Faszination für Udo Lindenberg auseinandersetzt oder liest, was der Autor von Merkel oder Westerwelle hält, der hat eventuell sowieso ein Problem.</p>
<p>Aber selbst wer dem Hype misstraut bekommt ein seltsames Gebinde angeboten &#8211; vielleicht unumgänglich bei einer Textsammlung -, das die teilweise grandiosen, spitzfindigen und nach wie vor gottseidank auch mal noch halbwegs bösen Texte von Stuckrad-Barre neben eher eine eher sinnfreie Selbstbespiegelung stellt. Was an sich gar nicht so schlimm wäre, würde BvSB nicht an einer Stelle des Buches explizit auf Bloggern und anderen Netzautoren herumhacken und sich als Professsioneller abgrenzen &#8211; dabei aber völlig übersehen, dass Themen wie «Ich gehe mit Moritz von Uslar Platteneinkaufen» leider so ganz und gar Blog-Material sind und das die Echolot-Funktion, die Stuckrad-Barre bei Kempowski so liebt, heute eben eine ist, die verstärkt (mal besser, mal schlechter) online stattfindet. Und da, in der geduldig-kurzfristigen Textflut online, ist dann auch weniger schlimm, wenn der Autor sich vergreift oder verhebt&#8230; in einem Buch mit ausgewählten Texten ist das eher unschön. Denn so großartig Stuckrad-Barre funktioniert, wenn er sich am Alltag abarbeitet oder kleine Momente in Zeitlupe beleuchtet, so sehr verhebt er sich, wann immer er in die Politik geht und so sehr blamiert er sich, wenn er über Musik schreibt. Das ist natürlich ganz subjektiv &#8211; aber wenn ein Autor, der mit seiner These, Oasis sei die beste Band der Welt, schon vor Jahren jeden Credit bei mir verzockt hat, sich seitenweise über Grönemeyer, Westernhagen, Udo Lindenberg und Heinz Rudolph Kunze ausläßt und diese auch noch hochjazzt, dann kriege ich nach einigen Seiten echt das Problem ihn noch ernst zu nehmen, wenn er sich über Politker auslässt. Will ich von jemanden, der Udo Lindenberg offenbar anbetet wissen, was er von Cem Özdemir hält beziehungsweise geb ich einen Scheiß auf diese Meinung? Nicht wirklich &#8211; und so, interessanterweise, entkräften sich die Texte gegenseitig. Zumal BvSB im Bereich Politik überraschend versagt. Häme gegen einen schwachen SPD-Kandidaten, eine Form von wortloser Hilflosigkeit gegenüber Angela Merkel &#8230; und bei Guido Westerwelle nach den Aknepocken zu fragen mag der Autor vielleicht arg frech finden, es ist leider nur total platt&#8230; an Politikern ist das Private das unspannendste, und beim Westerwelle mag man drüber spekulieren, inwieweit Minderwertigkeitskomplexe und sein Habitus zusammengehen, aber darum geht es Stuckrad-Barre nicht. Ganz im Gegenteil gerät seine Schreibe, die bei den Linken noch so spitz war, bei der FDP förmlich zur Liebeserklärung an Westerwelle, zur Gefälligkeitstexterei, die zu verniedlichen, vermenschlichen sucht, und das im Wahlkampf.</p>
<p>Ansonsten krankt dieses Buch etwas an einer Krankheit, die BvSBs Texte ab und zu durchzieht &#8211; dieses Namedropping-Schreiben, als sei der Autor unsicher, ob ein Text nur seinetwegen gelesen würde. Und so taucht er ein in eine Welt von Promis und Prominenten, von tatsächlich spannenden Menschen, denen die kurzen Texte eher nicht gerecht werden und von eher unspannenden Menschen, die durch die Artikel nun auch nicht interessanter wirken als vorher. So nähert sich Stuckrad-Barre hier leider einem seltsamen Boulevard-Journalismus, einer Hausbesuchs-Mentalität, einer Heranschmusung an Kir-Royal-Verhältnisse, einer raffinierteren Form von Klatschjournalismus, der dessen ureigene Balance zwischen Ehrfurcht und Spott beibehält, aber eleganter präsentiert.</p>
<p>Und das ist insofern schade, als dass «Auch Deutsche unter den Opfern» zugleich auch zeigt, dass Stuckrad-Barre deutlich besser sein kann, als er sich hier zeigt. Ich weiß nicht, wie glücklich er als Autor mit der Baby-Schimmerlos-Nummer ist (und wenn die Antwort «sehr» ist, dann okay, mehr davon!!!), aber als Leser bin ich gefesselt, wenn er sich in Alltag und Kleinkram vertieft, am Oberflächlichen kratzt und darunter Katzengold hervorkommen lässt, wenn er im Kempowski-Modus mit Pokerface die Fakten für sich stehen lässt, und sogar auch, wenn er mit heiliger Wut in die Tasten schlägt. Ich mochte das <a href="http://www.hdschellnack.de/benjamin-von-stuckrad-barre-livealbum/">Live-Album</a>, ich mochte (weitestgehend) die Remixe, aber das hier mag ich nicht. Ich mag nicht den unten durchdröhnenden Sound der Springer-Presse-Gesinnung, ich mag nicht das seltsame «IchIchIch (und der durch Funk und Fernsehen bekannte oder in Berlin gerade hippe XY/)», das einem da aus den Zeilen entgegen dringt, das seltsam unnötig Selbstdarstellerische, Unentspannte. Es ist, als sei der Autor aus deinem Element, aus seiner sonstigen Souveränität, aus der Lässigkeit und müsse sich beweisen. Und hier geht die ohne jeden Zweifel vorhandene Qualität von Stuckrad-Barre unter, weil seine Stärke das Respektlose bleibt, das schneidend-analystische Skalpell. Nur ist es in diesem Werk seltsam stumpf &#8211; weil er entweder auf Opfer einsticht, die sowieso schon blutend am Boden liegen (Steinmeyer) oder es bestenfalls dabei belässt, ein wenig vom Ruhm seines Gegenübers geblendet, in der Tischplatte damit herum zuschnitzen und kleine Herzchen in das Holz zu kratzen. Das ist nur leider zu wenig für einen Autor, der an sich so viel mehr könnte.</p>
<p>Und so wirkt «Auch Deutsche&#8230;» seltsamerweise eher wie eine Sammlung von Blogeinträgen aus der Welt der Schönen und Schnellen, die allzu kurzfristig und beiläufig sind und denen gerade aufgrund ihrer größeren Nähe zur Prominenz eine Zeitlosigkeit abhanden gekommen ist, eine Tiefenschärfe, die vorher da war. Was alles nicht schlimm ist und vielleicht dem Charakter der Texte als reine Auftragsarbeiten geschuldet sein mag. All das bildet aber sicher eben genau <em>nicht</em> den Zustand Deutschlands in diesem Jahrzehnt, geschweige denn Jahrtausend ab, sondern eben nur die Sicht der Berliner Springer-Presse auf das Land und vielleicht die Sicht des ja ebenfalls zu AS Mediahouse gehörenden Rolling-Stone auf «deutsche Musik» &#8211; und all das legt bestenfalls die Enge dieser Blickwinkel offen.</p>
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