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Elmore Leonard: Road Dogs

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Another year, another Elmore Leonard novel. Leonards lebenslanger Output, die Konsistenz seiner Arbeit, die Art, wie er seine lakonischen Geschichten mit den Jahren mehr und mehr zur perfekten Form raffiniert hat, ist schlichtweg atemberaubend. Leonard mag oberflächlich betrachtet immer noch im Crime-Genre arbeiten, aber wie viele andere Autoren (derzeit etwa Richard Price mit Lush Life) seitdem Chandler und Hammett das Genre vom Whodunnit emanzipiert haben, ist der «Fall», von dem man bei Road Dogs kaum noch sprechen mag, nur ein literarisches Werkzeug, ein Katalysator, um die Atome und Moleküle der Charaktere und Handlungen anzuregen, ins Vibrieren zu bringen, bis es zischt und explodiert.

Während Up in Honey’s Room mit seiner Over-the-Top-Nazi-Persiflage ein eher schwächeres Buch in Leonard’s Oeuvre war, zeigt Road Dogs den inzwischen 85-jährigen Autoren in einer Form und Potenz, die es mühelos mit seinen Büchern aus den 70ern aufnehmen kann. Wie bei ihm üblich, greift er auf bereits etablierte Figuren zurück und bringt den Gentleman-Bankräuber Jack Foley (aus Out of Sight), den aus La Brava bekannten Gangster Cundo Rey und das durchtriebene Medium Dawn Navarro, die als Nebenfigur bereits in Riding the Rap erschien, zusammen. Wie ein guter Jazzmusiker gewinnt Leonard dabei diesen Figuren neue Töne, neue Facetten ab und es ist ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er seinen Schöpfungen neue Wendungen geht, ohne dabei jemals wie ein «Serienautor» zu wirken, der Jahr um Jahr den gleichen Protagonisten fortsetzt. Statt dessen tanzt Leonard mit Leichtigkeit und Virtuosität durch den reichen Garten seines eigenen Schaffens, pflückt drei Figuren und setzt sie in ein neues Beet und scheint selbst abzuwarten, was aus dieser Kombination wachsen könnte. Das Trio wird von Cundos schwulen Buchhalter Little Jimmy und seinem Chauffeur Zorro, Nazi-Skins, dem jugendlichen Kleingangster Tico, einem FBI-Agenten, der Foley verfolgt und zugleich ein Buch über ihn schreiben will (wiederkehrendes Thema bei Leonard) und einer Schauspielerin vervollständigt… und diese Vielfalt an Figuren bedient Elmore lässig, fast lasziv, wie ein schriftstellerisches Gegenstück zu David Bowie, der in seiner Altmeister-Phase ja auch dem Selbstzitat nicht abgeneigt ist und aus der Bandbreite seines bisherigen Schaffens ein Best-of melken kann, ohne dabei stumpf oder lustlos zu wirken. Die Figuren schillern, selbst wenn sie nur kurz skizziert sind, wie wunderbare Pustefix-Blasen – und gerade weil Leonard so schlank schreibt, alles unwichtige wegläßt, werden die Charaktere umso spannender, ihr In-sich-zuückgezogenes macht sie umso attraktiver.

Dabei passiert in Road Dogs, wenn man so will, fast gar nichts. Es gibt eine entspannt dahertrudelnde Handlung, vom ersten Kennenlernen Cundos und Foleys im Gefängnis und dem Entstehen einer vorsichtigen Männerfreundschaft und Kriminellen über allerlei Betrügereien und einige Morde, die so breezy und selbstverständlich ist, dass man erst nach Beenden des Buches bemerkt, wie viel eigentlich tatsächlich an Plot und Entwicklung in Road Dogs steckt. Ähnlich wie bei Hempel oder Carver, in deren matt/karg/trägen Gesellschaftsskizzen die Miniatur zum Ganzen wird und nur durch wiederholtes Wenden und Drehen das Hologramm der tatsächlichen Handlung sichtbar wird, entpuppen sich Leonards Bücher zunehmend als meisterhaft aus dem Handgelenk geschleuderte Bleistift-Scribbles, deren enorme Virilität in der Pose der eigenen Lässigkeit versteckt ist, bis man sich ein Detail hier oder eine Feinheit dort ansieht. Leonard, der auf fast jedwede Beschreibungsorgien verzichtet, wie man sie von anderen Autoren kennt, der fast nie den Leser mit langen Expositionen in die Köpfe der Figuren blicken lässt, kann seine Figuren in kurzen Dialogen auf den Punkt bringen. Die Architektur seiner Figuren ist karg, minimalistisch und so beiläufig, dass man stets wieder erschrickt, wenn aus der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der seine Protagonisten Mord und Diebstahl planen, brutale Gewalt explodiert.

Und so entpuppen sich Leonards Bücher auch hier wieder als soziologische Experimente, diesmal als Miniatur des multikulturellen und scheinbar relaxten Venice Beach, wo Hollywoodambitionen, Grifter, Homeboys und all die anderen Spielformen der amerikanischen Westküstenkultur wie unter einem Brennglas zusammengefasst sind, und in Elmores erfahrenen Fingern mit großer Präzision, mit unerhörtem Ohr für Slangs und winzigste Details, die einer Figur wie aus dem Nichts einen Background, ein virtuelles Leben anziehen, auf dem hier sehr kleinen Spielfeld unweigerlich aufeinander zu marschieren, langsam aber mit der unweigerlichen Gewissheit eines griechischen Dramas, bis die Kamera ihren Blick zurückzieht und wir sehen, wer stirbt und wer vom Schlachtfeld humpelt. Man merkt Leonard jederzeit an, dass der Western, der Showdown, die Zeitlupe, das dekonstruktive Strecken der gesamten Handlung auf einen einzelnen, fast unsichtbar schnellen Moment hin, ihn als Autor prägt. Die Beiläufigkeit, in der die entscheidenden Momente dann stattfinden, die unverkrampfte Selbstverständlichkeit des Tötens, ist das beängstigende an seinen Figuren, deren Taten stets so absolut zwingend nachvollziehbar wie außerirdisch fremd zugleich wirken. Und so sinniert Leonard über Lust, Gier, Liebe, Angst, Treue, Freundschaft anhand der Entscheidungsbäume seiner Figuren, die so widersprüchlich und authentisch wirken, eben weil die Handlung sich den Luxus leistet, nicht nach einem glatten Krimi-Schema abzuspulen, sondern stockt, stottert, Haken wirft… und sich so den Glücksfall erlaubt, im Nicht-Richtigen, im Mangel an glatter Perfektion, in den Ritzen und Pausen und verutscht sitzenden Versatzstücken, überhaupt erst die Chance zu etwas wirklich Überraschenden und Großen zu erreichen.

Road Dogs ist, wenn man so will, ein Kammerspiel, das anfangs keine Orientierung zu haben scheint, sich ausprobiert, als würde der Autor selbst mit kindlicher Freude zusehen, was passiert, wenn er nur bestimmte Konstellationen erzeugt und zusieht, wie sich seine Figuren in der Petrischale des Romans aus ihrer eigenen Logik und der Beziehung zueinander her entwickeln werden – ein Ansatz, der auch davon lebt, dass Elmore eine Neutralität (oder sagen wir eine für alle Figuren gleichförmige Zuneigung) seinen Protagonisten gegenüber wahrt, zumal hier niemand eine weiße Weste trägt und die vielleicht noch «sauberste» Figur (Foley, dem man anmerkt, dass Leonard ihn sehr eindeutig mit George Clooneys Interpretation dieser Rolle im Kopf fortgeschrieben hat) immerhin 127 Banküberfälle hinter sich hat. Elmore Leonard schreibt diese Art von Buch – wie ein Maler in immer und immer wieder ähnlicher Konstellation, immer auf der Suche nach dem endgültigen Ergebnis – nun seit Dekaden, und statt sich zu wiederholen oder berechenbar zu werden, sitzt hier jeder Satz, jede noch so fein hingeworfene Beschreibung, jede Absurdität und Abschweifung wie ein Faustschlag auf Fleisch und Knochen… und das alles mit einer an Eastwoods Steingesicht erinnernden Coolness, wie ein großer alter Magier, der uns vergessen lässt, wie unsagbar schwer es doch eigentlich sein muss, so makellos entspannt zu wirken.

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Denis Johnson: Nobody Move

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Für alle, die Angst haben, dass mit dem Tod Elmore Leonards eine Lücke in der amerikanischen Crime-Literatur entstehen können, dürften mit diesem Buch aufatmen – ich habe selten einen Autor gelesen, der so eng an Leonards lakonischem, knochtentrockenem Stil entlangarbeitet. Seine Figuren sind ähnliche Kleinganoven am Ende ihres Glücks, gebrochene Protagonisten, die so lächerlich wie mitleiderregend wie furchteinflössend sind, seine Dialoge sind sparsam, die Handlung mit allersparsamsten Strichen skizziert, so hart und effektiv wie eine Straßenprügelei. Ein besonderer Clou von Johnson ist, dass er Elmore und andere Autoren zwar «emuliert», übrigens nicht zuletzt auch die Coen-Brüder, dabei aber mit einer Art «Aussetzern» arbeitet. Die Story scheint immer wieder Blackouts zu haben, oder Blinde Flecke – seien es kleine Sprünge in der Handlung oder Dinge, die so beiläufig passieren, dass man sie fast nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmen scheint, wenn sie wie helle Fische im trüben Wasser kurz aufblitzen. Der eigentliche Plot um den glücklosen Glücksspieler Jimmy Luntz, dei Gangster Juarez und Gambol, die ihm eine Lektion erteilen wollen und um Anita Desilvera, die ihrem Ex-Mann gerne seine veruntreuten 2,3 Millionen stehlen würde, ist so vertraut, so bekannt, dass es gerade diese schwarzen Löcher in der Erzählung sind, die das Buch so bemerkenswert machen. Der Autor vertraut darauf, dass seine Leser die Genrekonventionen, die Wendungen und Endungen dieser Art Crime-Geschichte in- und auswendig kennen, und springt so beherzt über teilweise wichtige Handlungselemente hinweg, dass dieser Breakbeat, die Lässigkeit eines erfahrenen, großartigen Autors, der Geschichte eine unglaubliche Coolness verleiht, ohne, dass man als Leser sagen könnte, warum eigentlich. Es ist die Pause, das Weggelassene, das Ungesagte, das wie so oft wichtiger wird, der Weißraum, der überhaupt erst eine Definition von Tiefe gibt. Es ist ein disassoziatives Moment der Erzählung, narrative Ohnmachtsanfälle, ein Flair von David Lynch, eine dicke Schicht von Surrealität, die wie Gallertemasse die Story überdeckt und unwirklich wirken lässt, weil sich die Handlung wie unter Wasser bricht und nie ganz greifbar scheint. So ist es kaum verwunderlich, dass das Ende abrupt wie ein Unfall wirkt, den Leser baumeln lässt und alles und nichts offen ist, die Story in einem weiteren Blackout endet, zu Ende erfunden sein will.

Man merkt Johnson an, dass er eigentlich ein Autor eines ganz anderen Kalibers ist, der hier fast eine Art Fingerübung absolviert (Nobody Move war eigentlich als vierteilige Serie für den US-Playboy geschrieben) und sich in einem Genre austobt, und dieses dabei ganz gründlich überspitzt, mit sichtbarem postmodernem Pop-Art-Spaß, ohne seine Figuren zu mehr als Skizzen zu vertiefen, ohne sich für die fast pornographischen Frauenrollen zu entschuldigen, und vor allem mit reichlich tiefer Verbeugung vor Tarantino, den Coens, Leonard, Ellroy und anderen Storytellern, die ihre Genregeschichten stilistisch so sicher missbrauchen, um die kleinen Details zu erzählen, diese Storys von Menschen in Ausnahmesituationen, deren ganze Bandbreite sich in scheinbar hingerotzten Dialogen entfalten kann. Nobody Move ist insofern ein kleines großes Buch von einem Autor, der in Tree of Smoke zeigt, das er auch ganz anders kann, und der hier mit spürbarer Freude und Insiderwissen ein Genre nicht nur de- sondern auch re-konstruiert.

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Mark Brandis: Bordbuch Delta VII

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Ach, die Kindheitserinnerungen. Tatsächlich ist überraschend, dass Nikolai von Michalewskys deutsche SF-Serie auch mit deutlichem Abstand und auch deutlich veraltet im großen und ganzen gut dasteht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass Michalewsky trotz der Ich-Erzähler-Form einen eher nüchternen Stil nutzt, der Science-Fiction nur als Rahmen nutzt und ansonsten genau so gut auch auf einem U-Boot oder Kriegsschiff spielen könnte, die phantastischen Elemente werden bloß der Genreform halber beigeliefert, es geht dem Autoren greifbar um Fragen von Gehorsam und freien Willen, Disziplin und Kameradschaft und die Zusammenarbeit an Bord. All das verwundert vor dem Hintergrund von Michalewskys Biographie wenig, zumal er von SF nach eigener Aussage wenig Wissen hatte – der Serienautor hat also ganz offenbar seine eigenen Erfahrungen 100 Jahre in die Zukunft gedacht und sich dabei einen fröhlichen Dreck um wissenschaftliche Fakten geschert, weswegen die von der diktatorischen Erde flüchtenden Crew-Mitglieder der Delta VII ausgerechnet auf der Venus landen – obwohl dort selbst unter höchsten Anstrengungen keine menschliche Kolonialisierung denkbar wäre. In einem Jugendbuch, finde ich, sollte man als Autor solche Fakten vielleicht mitliefern, Information und Entertainment etwas sorgfältiger verquicken als in einem reinen Pulp-Roman, aber andererseits ist der mehr als lässige Umgang mit der Astronomie ein Markenzeichen der offenbar ziemlich schnell herabgeschriebenen Bücher, deren Atemlosigkeit eben zugleich auch ihre Kraft ist. Michalewskys Figuren wirken bei aller scheinbaren Internationalität wie eine zusammengeschweißte, aber eben aufgrund dieser Enge beileibe nicht konfliktfreie Gruppe wie aus einem klassischen Soldatenfilm – geleitet von dem fast preußisch-trockenen Überprotagonisten Brandis, dem Idealtypus des Generals, der sich innerlich hinterfragt und an sich zweifelt, nach außen seine Mannen aber nahezu irrtumsfrei und selbst zuvorderst voranstürmend ins Feld führt. Der durchaus bereits in den siebziger Jahren leicht irritierend positiven Darstellung von Militarismus steht ein klarer Antifaschismus gegenüber, der sich in Band I und den Folgebüchern vor allem an der Figur von Gordon B. Smith abarbeitet, der die Erde mit allen typischen Bösewicht-Methoden in den Griff zu kriegen versucht, etwa durch Gehirnwäsche oder Implantante, mit denen er unter anderen in Bordbuch Delta VII den ehemaligen Präsidenten der Erde Samuel Hirschmann «umdreht» oder zombieartige Soldaten heranzieht. Man mag sich innerlich an Michalewskys Logik von «guten» Soldaten, die gegen «böse» Soldaten kämpfen, reiben – hinter dieser sehr dem Kalten Krieg geschuldeten Sicht auf die Welt steckt aber ein deutlich greifbarer Humanismus des Autors, den seine Figur den jungen Lesern deutlich und (nach wie vor) spannend vermittelt.

Es ist das Kreuz aller altgewordenen Science-Fiction-Arbeiten, nicht zuletzt auch der Bücher aus den fünfziger und sechziger Jahren, dass sie technologisch wie inhaltlich erschreckend veralten. Das Ergebnis ist eine seltsame Alternativzukunft, die nicht selten schon fast wieder in unserer tatsächlichen Vergangenheit liegt, weil die Autoren nur 30 oder 50 Jahre nach vorne gerechnet haben, die mit unserer Realität erschreckend wenig gemein hat, aber meist ein interessantes Spiegelkabinett der Ängste und Hoffnungen der Entstehungszeit abgibt. So auch hier, und wie üblich gerade bei der pulpigen, billigen Serienliteratur und Auftragsarbeit, die der Autor seinerzeit ja nicht ohne Grund unter Pseudonymen veröffentlichte (er wollte seine unter dem eigenen Namen erscheinenden eher historischen Romane vor der Literaturkritik schützen), nicht ahnend, welchen Erfolg er mit dieser Figur haben würde. Der Weltenbummler Michalewsky zeigt mit seiner Spiegelwelt eine Zeit von Kaltem Krieg und UN-Hoffnungen, geprägt vom Blockdenken der 60er Jahre, so sehr, dass man die Revolten jener Zeit kaum im Text des ersten Bandes spürt (obwohl die Brandis-Bücher im weiteren Verlauf sehr zeitnah werden und etwa die Rasterfahndung, die Angst vor einem Überwachungsstaat oder die Club-of-Rome-Berichte thematisieren), sondern vielmehr einen Diskurs über die politischen Blocksysteme des Kalten Krieges, Nato und Warschauer Pakt und die Hoffnung auf ein Ende der politischen Absurdität der Aufrüstung. Es ist vielleicht verständlich, dass Michaelewsky vor allem im weiteren Verlauf der rund 30 Bände umfassenden Serie immer mehr die Realität als Ideengeber einbezog. Der erste Band, noch deutlich geprägt von einer Unsicherheit mit dem Genre und den Figuren, gehört zu den besten der Serie, gerade weil man hier ahnt, wie der Autor sich den Handschuh seiner neuen Figur überstreift und Szenen frei jeder Abgebrühtheit entstehen, die dem eher dünnen Plot um tapfere Helden und böse Protofaschisten einige Momente bescheren (wie etwa die Schlagzeugeinlage von Antoine Ibaka), die auch heute noch größer sind, als man es bei einer Jugendbuchreihe eigentlich erwarten würde.

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Danny Goldberg: Bumping into Geniuses

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Wenn Danny Goldberg von der Musikbranche schreibt, schaut man einem Insider über die Schulter, der weiß, wovon er redet, immerhin hat Goldberg unter anderem für Led Zeppelin, Springsteen und Nirvana gearbeitet. Sei es als Talentmanager, PR-Profi, Plattenlabelchef, Journalist oder Filmemacher, Goldberg sollte aus dem Rocknroll-Geschäft einiges zu berichten haben. Das tut er in Bumping into Geniuses leider aber kaum. Bei Led Zep und Nirvana kann man einen schleierhaften Blick auf die Tragödien und Zickenkriege hinter der Rockfassade erhaschen, ansonsten bleibt Goldberg allzu oft in einer Art biographischer Selbstvermarktung haften, die das Buch seitenweise einfach langweilig macht. Dabei kommt Goldberg durchweg als ein nice guy rüber, der so bescheiden und sympathisch, wie er sich hier schreibt, angesichts seiner Karriere wohl kaum sein kann, und Bumping ist durchweg eine leichte, unterhaltsame Lesekost, in die der ehemalige Billboard-Autor gekonnt eigene Spannungsbögen einzubauen vermag. Fast unbemerkt bildet er über seine eigene Karriere die Entwicklung der Rockmusik zu einer stärker und stärker von PR und Marketing gesteuerten Finanzmaschine um, bei der es allen Beteiligten, Labels, Presse und eben vor allem auch den Künstlern selbst primär um Erfolg und Anerkennung geht und wie selbst große Acts sich verbiegen, um radiotauglich zu werden oder die Presse glücklich zu machen. Goldberg gelingt das Kunststück, die zynische Verwertungsstrategie der Branche irgendwie spielerisch und leicht aussehen zu lassen, selbst wenn er dabei etwas unbeholfen auf die Leichen am Straßenrand aufmerksam macht – die massiven internen Streitereien bei LedZep oder Cobains Selbstmord etwa, die auf die Schattenseite eines Business, das auf hohem Leistungsdruck und einer fast perfiden Mischung aus Selbstausbeutung, Individualität, Kreativitätsdruck und brutalen Anpassungsmechanismen basiert. Es ist wunderbar böse, wenn Goldberg ganz nett und locker darüber schreibt, dass sich selbst ein «integerer» Musiker wie Springsteen von einem Album zum anderen balladiger entwickelt, um mehr Airplay zu bekommen. Insofern mutiert Goldbergs Blick auf die Rockmusik-Industrie zu einem vielleicht unfreiwilligen Blick unter die Motorhaube einer Branche, die sich rebellisch und cool gibt, aber alles andere ist und die in weiten Bereichen nicht weniger als menschenverachtend tickt.

Wer eine «früher war alles besser»-Denke im Bezug auf die Rockmusik pflegt, wird hier brutal eines besseren belehrt, wenn Goldberg seinen an großen Namen reichen Zug durch die Rockgeschichte macht und von Dylan bis Warren Zevon die permanente Produkterneuerung, die ständige individuelle Suche nach einer Aussage, in einen trockenen Kontext von Public Relations, Presse und Geld rückt. Wer sich auch nur oberflächlich mit modernem Musikbusiness auskennt, weiß, dass hier von Glamour wenig die Rede sein kann und es ein durchaus verdammt trauriger Job sein kann, vor allem, wenn man nicht Stadien füllt, sondern irgendwo im Mittelmaß herumkrebst. Man kann hier sehr schnell sehr viel Geld machen, aber auch sehr schnell sehr hart untergehen. Goldberg berichtet von diesen Prozessen als Insider mit einer Art amerikanischer Fröhlichkeit, die oft im krassen, mitunter bizarren Gegensatz zu dem steht, worüber er da eigentlich schreibt, und diese Schere macht das Buch an sich interessant, der unsichtbare Subtext, das ungesagte, die Abgründe unter Goldbergs fröhlichen Berichten. Sichtbar wird eine Welt, wo sich selbst kleinste Acts dem Gesetz des kleinsten gemeinsamen Nenners unterordnen und selbst die großen Stars gehetzt und unglücklich wirken. In der sehr oberflächlichen und oft gehetzt wirkenden Selbsterzählung seiner Karriere, in der Goldberg die großen Stars wie Staffagen auftreten lässt, wird – sicher ungewollt – deutlich, wie sehr die Musikindustrie eben tatsächlich eine Industrie ist, die mit einer hochvolatilen Ware handelt, die die Egos der Stars übertrieben pflegen muss, und die zugleich aber auch absolut oberflächlich, gnadenlos brutal und zynisch werden kann, weil sie weiß, das in der Verwertungskette immer ein anderer Anwärter steht, der nur darauf wartet, die Maschine zu füttern. Es ist fast ein Wunder – und dieses Wunder bekommt das Buch nur ansatzweise zu greifen – das immer wieder trotzdem Produkte entstehen, die über Dekaden hinweg zahllose Musikfans berühren.

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Robert J. Sawyer: Flashforward

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Das 1999 geschriebene Buch Flashforward des Kanadischen SF-Schriftstellers Robert J. Sawyer ist die Basis der ursprünglich von David Goyer und Marc Guggenheim erdachten gleichnamigen TV-Serie – und es ist überraschend, wie wenig Buch und Serie gemeinsam haben. Selbst das grundlegende Konzept, nach dem alle Bewohner der Erde in einer Art globalen Blackout eine kurze Vision der Zukunft erblicken, ist grundlegend anders. Während der Ausblick in die Zukunft bei Sawyer 21 Jahre überspannt, ist es in der ABC-Serie nur ein Zeitraum von sechs Monaten, was der Serie die Chance gibt, sich tatsächlich in «Echtzeit» an diesen Zeitpunkt heranzuarbeiten.

Sawyers Buch ist auch ansonsten bis auf einige wenige Namen kaum als der Fernsehserie zugehören zu erkennen. Wo die TV-Show den unter anderem von Lost mitbegründeten Trend zur großen Besetzung folgend Agenten, Ärzte, Wissenschaftler und zig andere Protagonisten auffährt, fokussiert sich Sawyer auf Lloyd Simcoe, seine Verlobte Michiko Komura und seinen Partner Theo Procopides, die praktischerweise alle drei am CERN an einem Teilchenbeschleunigerexperiment arbeiten. Das Experiment geht scheinbar schief und langsam entfaltet Sawyer seine Vision einer Welt, in der jeder seine vermeintliche Zukunft zu kennen glaubt, in der Beziehungen ruiniert werden, weil man schon weiß, dass man in 21 Jahren nicht mehr zusammen sein wird, in der Theo versucht, einen Mordfall zu lösen, bevor er eigentlich passiert, um sein eigenes Leben zu retten. Und ähnlich wie bei Crichton wirkt es stets etwas unbeholfen, wenn in den eigentlichen Plot ausgedehnte semi-theoretische Passagen eingedübelt sind, in denen die Protagonisten nur noch scheinbar einen Dialog miteinander haben, in Wirklichkeit aber wissenschaftliche Theorien, wie etwa Frank Tiplers Omega-Punkt-Theorie, von verschiedenen Seiten beleuchten, als reine Sockenpuppen dienen. Religiöse Aspekte und der bei dieser Thematik unvermeidliche Diskurs über Quantentheorien nehmen einen weiten – und durchaus spannenden – Bereich des Buches ein, während die CERN-Wissenschaftler versuchen, hinter das Geheimnis des Flashforwards zu kommen.

Science Fiction ist ein schwieriges Gebiet, vor allem, wenn sie nicht sozial, sondern wissenschaftlich daherkommt, nicht wie etwa bei Phillip K. Dick die Zukunft und ihre Technik nur als Background nutzt, sondern mehr in den Schuhen von Jules Verne wirklich versucht, Prognosen zu treffen. Wenn schon im ersten Teil des Buches, 2009 angesiedelt, also zehn Jahre in der relativen Zukunft des Autors und ein Jahr in unserer realen Vergangenheit, eine Mitarbeiterin am CERN ihren «dreidimensionalen» Desktop von Windows 2010 aufruft, dann merkt man recht früh, wie unsicher solche Vorhersagen sind. Umso schwieriger, dass Sawyer sich im zweiten Teil des Buches ins Jahr 2030 begibt, um zu sehen, was aus der 2009er Prophezeiung denn wirklich geworden ist. Und spätestens hier verliert das Buch an Kraft und verliert sich in einem etwas schwurbeligen Terroranschlag-Plot, der entsetzlich angepappt wirkt und dem an sich vielversprechenden Murder-Mystery-Plot um Theos Ermordung sämtliche Energie nimmt. Die Diskussion um freien Willen und die Frage, ob die Zukunft unveränderbar ist, löst sich zudem in eine allzu phantastische Erklärung rund um eine Gruppe von Menschen auf, die unsterblich werden will. Nach einem ausgezeichneten Start endet das Buch so an einem Punkt, der im Leser eher Achselzucken als Begeisterung auslöst.

Alles in allem muss man fast erschreckenderweise zugestehen, dass die Serie es besser macht, indem sie zum einen weitestgehend auf Zukunftsprognosen verzichtet, die Handlung in der Gegenwart ansiedelt, den Zeitraum drastisch verkürzt (was alle schrägen Prophezeiungen von fliegenden Autos unnötig macht) und zugleich der Handlung eine breitere Basis gibt und sie auf deutlich mehr Protagonisten verteilt – denn das spannende an Sawyers Idee ist die Frage, was ein solcher Blick in die Zukunft – egal ob 21 Jahre oder sechs Monate – mit den Menschen anstellt. Während diese Frage bei Sawyer fast versackt und nur drei oder vier Personen umfasst, weitet die Serie die Perspektive und gibt so der Grundidee mehr Resonanzmöglichkeiten. Obwohl die ABC-Serie insofern etwas platt ist, als dass sie versucht, nahezu alle anderen Serien einzuvernehmen, indem sie Ärzte, Agenten, Wissenschaftler und nahezu jede andere TV-taugliche Gruppe vereint, ist diese Bandbreite durchaus auch eine Stärke. Die Fragestellung, wie die Menschen ihr Leben um diese Zukunftsversion arrangieren, wie sie mit dem Vorgeschmack umgehen, ob sie dagegen ankämpfen oder eine self-fulfilling prophecy anstreben… dies ist die zentral spannende Thematik – und bei Sawyer geht sie recht schnell verloren in einem eher wirschen Krimi-Plot, der mit auf Laienniveau geschriebener Quantentheorie gespickt ist.

Interessanterweise ist 42 von Thomas Lehr ja auch ein Buch, das sich streckenweise recht ähnlich anfühlt – CERN-Experiment, Fehlschlag, Zeitstörungen – und Lehr zeigt, wieviel mehr Kraft in diesem Stoff stecken kann, wenn man nicht auf der Ebene einer reinen «harten» Science Fiction stecken bleibt, sondern sich den Menschen zuwendet und ihrer Reaktion auf die Veränderung in ihrem Leben. Bei Sawyer ist es leider umgekehrt: Die Menschen dienen nur als Staffage für semi-metaphysische Ruminationen, im Mittelpunkt steht die Wissenschaft. Bei Lehr bietet die Wissenschaft nur den Deus Ex Machina, der die Handlung (oder in Lehrs Falle die Nicht-Handlung) lostritt, vor deren Folie die menschliche Komödie stattfinden darf. Und so zeigt sich Sawyers Buch als seltsamer Hybrid, der weder die reine Action-Orientierung einer einfachen Fernsehserie erreicht noch die Tiefe und Schärfe von Lehrs spürbar literarischerem Werk. Freilich, Flashforward ist nur ein Massmarket-Paperback, die Sorte Wegwerfbuch, die als erstes sterben wird, wenn wir alle nur noch vor unseren iPads sitzen werden – und als Bahnhofs-Mitnehm-Roman ist es sicherlich fesselnd genug, um sein Geld wert zu sein, insbesondere in der ersten Hälfte des Buches. Es ist insofern fast ironisch, wenn ein Science-Fiction-Buch schlechter wird, je weiter es in die Zukunft blickt – und die Mutlosigkeit, mit der Sawyer dies tut, sagt vielleicht mehr über die Gegenwart aus, als uns lieb sein darf.

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Terry Pratchett: Unseen Academicals

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Eigentlich unglaublich, dass ein einzelner Autor sich an die magische «40» bei den Buchveröffentlichungen einer einzelnen Reihe annähert. Unseen Academicals ist Pratchetts 37. Discworld-Roman, und damit liefert der britische Superstar eine Publikationsdichte, die selbst gute Pulp-Autoren kaum leisten, und der Preis für diese Produktivität ist eben wie im Pulp-Genre auch, dass Pratchett nahezu auf Autopilot nach einem rigiden Pattern schreibt – nahezu jeder Discworld-Roman ist inzwischen wie der andere. In Unseen steht im Mittelpunkt der Parodie diesmal der Fußball, ein ur-englisches Thema, um den herum Pratchett die Geschichte von vier neuen Figuren vorantreibt. Während die Zauberer der Unseen University entdecken, dass sie aus Budgetgründen einer alten Tradition nach an einem Fussballturnier teilnehmen müssen, das vom Patrician dezent dazu missbraucht wird, diesem recht brutalen Straßensport ein paar Manieren und Regeln beizubringen, entspinnt sich die Geschichte um Trev, Sohn einer Fußballerlegende; Juliet Stollop, Ankh-Morpocks erstes Supermodel, Glenda Sugarbean, die resolute Kuchenbäckerin aus der Nachtküche der Universität und Mr. Nutt, der eigentlich dafür sorgt, das die Kerzen ordentlich magie-gerecht dramatische Wachsspuren aufweisen, der aber eine ziemlich mysteriöse Vergangenheit und eine spannende Zukunft hat. Aus diesen Zutaten mischt Pratchett das übliche Gericht, das wie immer neben den reichlich vorhandenen Lachern und literarischen Anspielungen die Liste der spannenden Discworld-Protagonisten mit Mr. Nutt auf jeden Fall um einen neuen exotischen Charakter erweitert. Die spannendste Figur, die inzwischen zur Seele der letzten Bücher geworden ist, auch wenn sie nur am Rande auftritt,ist aber der Patrician -Discworld wird mehr und mehr zu einer Narration über Politik und Gesellschaft und, vielleicht nur für einen Briten denkbar, zu einer Reflexion über die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines «gutmütigen Diktators». Was in der realen Welt undenkbar erscheint, liefert Pratchetts magische Spiegelwelt – den unfehlbar smarten Politiker Vetinari, der so gnadenlos wie zielstrebig ist und der zum Wohle seiner Stadt und gegen die verschiedensten Partikularinteressen dem Moloch Ankh Morpork die Zivilisation beibringt. Gerade in den letzten Jahren ist die Discworld so für Pratchett zu einer Art Simulation geworden, in der wir – stets an verschiedenen Orten und stets gut unterhalten – die «Gentrification» dieser Parallelwelt erleben, die mit jedem Buch mehr und mehr zu einem satirischen Spiegelbild unserer Welt wird und kaum noch etwas mit der Discworld der ersten Bücher gemein hat. Mit zunehmenden Alter scheint Pratchett weniger Interesse an Zwergen und Zauberern zu haben, sondern mehr und mehr zu einem modernen Jonathan Swift zu werden, der das Fantasy-Gerüst nur noch bemüht, um schneller ans Ziel zu kommen. Pratchetts Satire ist dabei niemals beißend, sonden eher «mildly amused», ironisch-elegant die Abstrusitäten des modernen Lebens bespiegelnd. Man darf fast gespannt sein, wie er mit der Bankenkrise umgehen würde. Dass Pratchett dabei stets unterhaltsam ist und auf mehreren Ebenen so leichtfüßig funktioniert – im Sinne einer Fantasy-Persiflage, im Sinne von Humor, im Sinne einer in sich kurzweiligen Erzählung, im Sinne von Charakterisierung, im Sinne von Parodie und Satire, nicht zuletzt aber auch im Sinne einer fast 40-teiligen durchgehenden Serienpublikation, die sich immer noch nicht abgenutzt hat. Sicherlich wird man bei Discworld-Romanen nicht ganz das Gefühl los, dass die Serie still steht und eine gewisse gleichförmige Beliebigkeit entwickelt, aber allein die Tatsache, dass der Autor seiner Konstruktion immer noch neue Geschichten und spannende Wendungen entlocken kann, ohne dabei im geringsten das Kernkonzept aufgegeben zu haben ist eine bewundernswerte Mischung aus Kontinuität und Evolution, die immer noch nicht langweilt.

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Audrey Niffenegger: Her Fearful Symmetry

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Nach dem Erfolg von The Time-Travellers Wife (gutes Buch, böser Film) liegt auf Audrey Niffeneggers zweitem Roman sicherlich nicht nur seitens des höchstbietenden Verlags eine hohe Erwartungshaltung. Ähnlich vielschichtig wie der der in der deutschen Übersetzung leider völlig beiseite gelassene Original-Titel ist die Handlung, die auf den ersten Blick deutlich linearer und einfacher wirkt als die von Time-Travellers Wife – und tatsächlich versucht sich Niffenegger hier nicht an einem großen Opus durch mehrere Jahrzehnte, sondern erzählt eine bemerkenswert kleine Geschichte, die sich im Groben auf zwei miteinander vernetzte Handlungsstränge verlässt. Da ist zum einen die Nebengeschichte um Martin und Marijke Wells, in der der Zwangsneurotiker und Kreuzworträtselautor Martin, der seine Wohnung kaum verlassen kann, seltsame Ticks aufweist und nahezu lebensunfähig erscheint, von seiner Frau verlassen wird und im Laufe des Romans versucht, diese zurückzugewinnen. Und da ist Robert Fanshawe, der ein Buch über Highgate Cemetery zu schreiben versucht und dort als Touristenführer arbeitet. Seine Liebhaberin Elspeth Noblin, mit deren Krebstod das Buch eröffnet, überlässt ihre Wohnung den beiden Zwillingstöchtern ihrer eigenen Zwillingsschwester Edwina, die ein Jahr in London leben müssen, ohne ihre Eltern in die Wohnung zu lassen, um das Erbe antreten zu können. Was sich anhört wie ein schlechter Boulevardroman mit doppelten Zwillingen – und was mitunter auch vor allen in der Auflösung hart an der Grenze zur Verwechslungskomödie liegt -, entwickelt sich passend zur Friedhofsstimmung schleichend zum Geisterroman à la Peter Straub. Elspeths Geist, in ihrer Wohnung zunächst hilflos gefangen, erlebt den Einzug der exzentrischen Zwillinge Julia und Valentina mit, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, wie ein Poltergeist mit der echten Welt in Kontakt zu treten und schmiedet schließlich mit Robert und den Zwillingen einen Plan, zurück ins Leben zu kommen.

Vieles an dem Buch ist irritierend – ganz abgesehen von den Steven-Spielberg-Anklängen und der pseudobarocken Stimmung, die das Buch durchzieht, verlässt sich Niffenegger oft auf völlig unrealistische Wendungen und Entwicklungen, die ihren oft kapitelweise brachliegenden Handlungsfluss dann wieder abrupt in Bewegung setzen. Die Beziehung von Julia und Valentina, bereits zu Beginn unrealistisch konstruiert, wird im Verlauf des Buches so zugespitzt, dass der gesunde Menschenverstand beim Lesen des Buches einfach mal draußen bleiben darf, ähnliches gilt für Roberts Verhalten, dessen Romanze mit Valentina bestenfalls wirsch hingeschrieben wirkt. Und dennoch ist das Buch gerade wegen dieser Fehler charmant, es folgt einer traumhaften Unlogik, in der die Charakter wie von unsichtbaren Fäden entlang einem klassischen Gothik-Plot entlanggetrieben werden, mit allen kleinen Tragödien, die dazugehören. Robert neigt von Anfang an dazu, ein ausufernder Mensch zu sein, dessen Friedhof-Buch über 1000 Seiten lang wird, weil er sich in den Leben der Toten immer tiefer verstrickt, deren Biographien zu fesselnd findet, um auch nur eine auszulassen oder zu kürzen – da ist es doch nicht abwegig, dass dieser Mann sich auch in die jüngere Version seiner toten Liebhaberin verguckt und selbst dann nicht zurückschreckt, als Elspeth und Valentina Pläne schmieden, Valentinas Tod vorzutäuschen. In klassischer, aber sehr kammerspielartig auf nahezu ein Zimmer reduzierter Form, Horrormanier eskaliert Niffenegger die Handlung und je mehr Elspeth ihren geisterhaften Zustand kontrollieren und auf ihre Umwelt einwirken kann, umso mehr wird deutlich, dass dieses Buch kein allzugutes Ende nehmen dürfte.

Audrey Niffenegger gelingt es, mit Charakteren zu hantieren, die im Großen und Ganzen durchweg unsympathisch sind. Julia und Valentina wirken so farblos wie ihre stets weiße Kleidung, Robert ist für eine gewisse Zeit lang ein alter Lüstling, und Elspeth, die stets als unsichtbare Entität im Kern der Handlung steht, ist manipulativ und im weiteren Verlauf des Buches auf eine egoistische Art durchaus auch als böse zu bezeichnen. Einzig Martin, der OCD-Kandidat aus dem oberen Stockwerk, kommt berechenbar paradoxerweise als einzig halbwegs vernünftige Figur über – tatsächlich wird er umso «normaler», je mehr den anderen Figuren die Normalität entgleitet. Martin, dessen Geschichte Niffenegger so lakonisch wie anrührend erzählt, ist sicher ein Highlight des Romans, auch wenn er gegen Ende unter die Räder des langsam losratternden Geisterzuges gerät und das Denouement  seiner ganz eigenen Befreiungsgeschichte überhastet und leider auch etwas berechenbar wirkt, wenn er als Kontrapunkt zum Niedergang der anderen Protagonisten in ein vages Happy End fährt. Robert und Elspeths Geschichte, obwohl beide bekommen, was sie sich am Anfang des Romans zu wünschen glauben, verläuft weniger positiv – die Beziehung der reinkarnierten Elspeth-in-Valentina ist für Robert nicht zu ertragen. Fast symbolisch befreit er sich mit der Fertigstellung seines Buches aus dem Dschungel der Leben der Verstorbenen und verlässt Elspeth.

In traumartiger Logik führt Niffenegger durch die eben komplett unlogische Handlung, die sich so absurd wie zwingend entfaltet, die durch massives Foreshadowing auch eine fast neurotische Zwangsläufigkeit erhält, die Anklänge von Kafka und Konsorten enthält. Niffenegger spielt nicht gegen die Klischees des Geistergenres an, sondern macht sich die rigide Moral der Geschichten zunutze, um eine moderne Variante zu stricken, die ihre Nähe zu Geschichten wie The Monkey’s Paw von William Jacobs kaum verbergen will. Die viktorianische Moral blitzt an allen Ecken und Enden des Buches hindurch – mit wenigen Ausnahmen werden fast alle Figuren zu Opfern ihres eigenen Wunschstrebens – und oft liest sich Fearful wie eine durchaus gelungene Variante des magischen Realismus à la Jonathan Carroll, allerdings auf kleiner Bühne gespielt, wo Carroll (leider) inzwischen oft zu theatralisch wird. Denn Niffeneggers Buch lebt nicht von der abstrusen und à priori stets berechenbaren Geschichte, sondern wie bereits ihr Debut von guter Beobachtungsgabe, interessanten Charakteren und der Fähigkeit, das Unmögliche nahezu lapidar und damit greifbar zu Papier zu bringen. Obwohl der Roman durchweg einen leicht surrealen Diane-Arbus-Touch hat, samt einem Friedhof voller Geister, Zwillingen mit gespiegelten Organen, einer abstrus Shakespeare-esque anmutenden Eifersuchts- und Verwechslungsgeschichte, und obwohl es Niffenegger am Ende mit Valentinas Geist auf dem Friedhof leider übertreibt und in Harry-Potter-Gefilde abdriftet, schafft die Autorin es meist, im Orginaltext zumindest, ihre Charakter in all der unglaubwürdigen und abstrusen Geschichte glaubhaft und authentisch wirken zu lassen. Martin dient dabei sicher als Anker in die Realität – obwohl er dieser am meisten entrückt ist -, aber auch Robert und seine Kollegen wirken sympathisch und «echt» und führen uns so etwas lakonisch durch die Gallerie der Seltsamheiten, die sich im Verlauf des Buches eröffnet. Was schon beim Timetraveller den Kitsch und die Unglaubwürdigkeit in Zaum hielt – und insofern im Film, der alle sympathischen Details medial verwischen muss, weil er nicht die Zeit und Weite eines Buches hat – funktioniert auch hier, und man mag Niffenegger wünschen, dass eher ein David Lynch dieses Buch verfilmt.

Als solches ist Her Fearful Symmetry eine Fata Morgana, ein Buch, das so tut, als sei es eine (durchaus mitunter schlechte) Geistergeschichte, das aber realiter eine (durchaus mitunter gute) schwarze Moralgeschichte ist, die sich um Verlust und Liebe dreht und diese Zustände durch ihre surreale Überspitzung zu beleuchten versucht. Fast en passant, verborgen in der Geistergeschichte an der Oberfläche, entspinnt Niffenegger so eine multifacettierte Geschichte um Befreiung und Individualität – nicht nur in den Konflikten der Zwillingszwillinge Elspeth und Edwina/Julia und Valentina, sondern auch in Robert – der nicht nur seinem Mammutprojekt, sondern auch der Trauer und der vergorenen Liebe zu Elspeth entkommen muss – und in Martin, der sich schlichtweg von sich selbst und seiner Wohnung befreit und sich dabei ebenso selbst betrügt (Vitaminpillen…) wie alle anderen Protagonisten auch… nur mit mehr Erfolg, vielleicht, weil seine Ziele reiner sind. Alle Figuren sind von Trauer, Schuld, Wut oder anderen Gefühlen gefangen… und selbst wenn es auf tragische Art und Weise passiert, sie alle versuchen sich zu befreien. Die Frage ist eben nur, ob «frei» auch immer «glücklich bedeutet».

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Steve Toltz: A Fraction Of The Whole

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Steve Toltz Debut erinnert nicht ganz von ungefähr ein wenig an Marisha Pessls Special Topic in Calamity Physics. Ambitioniert, verspielt, wortgewaltig arbeitet auch Toltz sich an einer skurrillen Vater/Kind-Geschichte ab, die über Kontinente, Generationen und sämtliche erzählerische Finessen hinwegführt. Die Geschichte des hochintelligenten, aber menschenscheuen und seltsamen Martin Dean wird von seinem Sohn Jasper erzählt, aus der eigenen Erinnerung, aus Tagebüchern, aus Briefen, in einer kaum zusammenzufassenden Eskalation bizarrer Eingebungen und Eskapaden, aus denen man ohne weiteres auch drei Bücher hätte machen können, allein die Geschichte von Terry und Martin Dean wäre einen eigenen Band wert gewesen. Auf fast 800 Seiten und in einem wahren Meer von Subplots diesen furiosen Schreibstil homogen durchzuhalten ist nahezu unmöglich und so gibt es ohne Zweifel einige Stellen im Buch, wo Toltz das Tempo oder die Richtung und auch mal den Faden seines ohnehin nie ganz tighten Plots verliert, aber nie den Witz, die Verve oder das Händchen für das stets wartende herzzerbrechende nächste Desaster, das nahezu unweigerlich aus Martin Deans Ideen entsteht. Seine Leser führt Toltz auf eine atemlose Reise, vorbei an schillerndsten Figuren, am Handbuch für das perfekte Verbrechen, an Europa, durch Gefängnisse, StripClubs und Gangsterlager in Thailand, an zerschellenden Liebesbeziehungen und dem vielleicht dysfunktionalsten Vater/Sohn-Gespann in der Literaturgeschichte, durch zahllose Plot-Loops, die nahezu hysterisch aufeinandergetürmt sind und durch einen wahren emotionalen Sturm, der mal zum Weinen lustig, mal einfach nur zum Weinen ist. Das Buch ist im besten Sinne stürmisch und wechselt nahezu freihändig zwischen langen, dichten Passagen, die Jaspers oder Martins parforce Ritt durch eine unterm Strich doch recht misanthrophische Philosophie voranbringen und einem leichtfüßigen, fast an John Irving erinnernden Erzählstil, der abstrakterweise oft genau dann einsetzt, wenn die eigentlich Handlung am düstersten und morbidesten ist, etwa wenn Martins langjähriger «Freund» Eddie ein ganzes Dorf vergiftet, um endlich in die Fußstapfen seines Vaters als Arzt treten zu können. A Fraction of The Whole wird dem Titel mehr als gerecht – das Buch ist ein Cocktail aus Einzelteilen, die ihre Geschichte aus verschiedensten Perspektiven beleuchten und eben doch nie wirklich ein ganzes Bild ergeben. Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte in diesem Buch, jede Seite hat ihren eigenen besonderen Satz, der mehr als einmal wirklich bemerkenswert ist, jedes Kapitel schillert in anderen Farben, man hat nie das Gefühl, sich durch einen dicken Wälzer kämpfen zu müssen – obwohl man in der Tat recht lang an Fraction of a Whole liest, weil das Buch zwar wie eine Fata Morgana sehr leichtfüßig scheint, aber nicht immer leicht ist und zahlreiche Passagen und Zusammenhänge hat, die man sich auch erarbeiten muss, zumal unter dem Wirbelsturm der Handlung auch eine religiöse und philosophische Betrachtung mitstattfindet.

Fraction ist ein besonderes Buch, ein besonderes Buch, über das man sich gelegentlich ärgert oder in dem man nicht vorwärts kommt, das man aber ebenso oft kaum aus der Hand legen mag, weil man im Sog der skurrilen Handlung und im Bann der faszinierenden Figuren gefangen ist. Die Sorte Buch, bei der man sich mittendrin irgendwann besorgt fragt, ob der Autor diese Wucht, diese Energie noch ein zweites Mal hinkriegt, ohne sich zu wiederholen – denn hier sind mindestens Ideen für zehn Bücher verpulvert, als gäbe es kein Morgen mehr. Bleibt zu hoffen, dass  Toltz in Sydney längst an seinem zweiten Buch werkelt, das hoffentlich genau so funkelnd, glühend, düster und grell ausfällt.

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Charlie Huston: Caught Stealing

hd schellnackDas Buch an sich ist vielleicht weniger der Rede wert… Charlie Hustons erster Teil der Hank-Thompson-Trilogie ist ein energetischer, kurzatmiger Thriller um einen versoffenen Ex-Baseballspieler, der Hals über Kopf zwischen die Fronten zweier ziemlich entschlossener Diebesbanden gerät. Thompson, eine Art Extremfall des amerikanischen Down-on-his-Luck-Antihelden-Modells, wird von Huston glänzend-ekelig inszeniert, das erste Kapitel ist fast meisterhaft voller literarischer Blue Notes und auch wenn das Buch diesen fast an Bukowski erinnernden Härtegrad leider nicht näherungsweise durchhält, gelingt Huston ein Buch, das im besten Sinne an einen Guy-Ritchie-Film erinnert: Dreckig, biestig, extrem witzig, mit viel Blues und Jazz und Rock in der Seele und mehr als reichlich Blut an den Händen. Die schiere Tour de Force ist hochspannend geschrieben und hat über den reinen üblichen Paperback-Thriller-Kick hinausgehend einige schriftstellerische «Quirks», wie etwa Hustons Methode, durch rasante Zwischenschnitte Verwirrung und Unsicherheit in seinen Text zu bringen und den Leser so ins Geschehen und in den Kopf seines Protagonisten zu rücken, die über die übliche Bahnhofs-Massenware hinausreichen. Caught Stealing ist adrenalin- und testosteronschwangerer Pulp, und das mit vollem Genuß, und wie der Autor seinen Protagonisten langsam vom Loser zum Killer wandelt, ist bemerkenswert in diesem insgesamt oft steinkalten und gnadenlosem Buch, in dem nichts und niemand sicher ist und man am Ende sogar um die Katze bangt, weil man Huston gegen Ende jede Grenzüberschreitung zutraut.Bemerkenswerter ist aber die Package: Caught Stealing (sowie die beiden anderen Bände der Trilogie und einige andere Bücher) gehören zu den von Random House für den iPhone-Reader Stanza gratis zur Verfügung gestellten Büchern des Verlages, und nach etlichen Kurzgeschichten und Novellen ist der Roman das erste «echte» Buch, das ich auf dem iPhone lese. Einem Gerät, das technologisch etwas subideal ist als Reader, weil es ein aktives Display hat, das man vor allem in dunklen Räumen gar nicht dunkel genug drehen kann und trotzdem noch Blendeffekte hat (selbst schwarzer Background mit weißem Text hilft kaum), während tagsüber die spiegelnde Glasoberfläche nervt. Die Seiten sind zu klein, Schrift entweder zu klein oder die Zeilenlänge falsch, und das iphone selbst ist einen Hauch zu unhandlich, um gefühlt als «Buch» durchzugehen. Ganz zu schweigen von der sehr realen Angst, wenn man spätabends in der Badewanne liegt und schmökert, was eigentlich passiert, wenn man einnickt und nicht ein Buch, sondern ein teures Elektrogerät ins Wasser fällt. Ähnlich wie Kindle, Sony und Co wird einem schnell klar, dass das «echte» Buch immer noch das beste und robusteste Interface hat, wenn man einfach nur lesen will. Tatsächlich geht das Lesen im Dunkeln, egal was man macht, nach einiger Zeit sogar so extrem auf die Augen, dass man einen Ghosting-Effekt hat, der bleibt, nachdem das Gerät abgeschaltet ist und die Augen aktiv etwas wehtun. Wenn Apple es mit dem «MacTablet» wirklich ernst meint als Reader, muss hier noch einiges passieren.Aber: Ironischerweise liest man mehr.  Die Stärke des iphones ist ja nicht, dass es irgendetwas besonders gut kann – nahezu jede einzelne Funktion des Gerätes oder irgendwelcher Apps lassen sich besser durch andere Lösungen realisieren – sondern dass es ein Universaldilettant ist und vor allem immer dabei. Was bedeutet, das man nicht nur immer eine Kamera oder das Internet oder ein Spiel oder sein Social Network dabei hat, sondern auch immer seine Comics oder Bücher oder Hörbücher.  Immer. Was tatsächlich zu Konflikten führen kann – hört man nun Musil Remixed (großartiger Podcast von Bayern 3) weiter, liest man das Fahrenheit 451-Comic oder doch Hustons Buch? Ganz abgesehen von der analogen «Konkurrenz», Blogs, eMails. Die mediale Überflutung ist in Form des iPhones, durch die Reduzierung auf ein einziges Endgerät, irgendwie greifbarer geworden und wird über kurz oder lang einen Gegentrend anfordern, der wieder Ruhezonen schafft (Dinge wie der Ommwriter sind da eine Vorstufe). Dennoch: Die permanente Verfügbarkeit eines Buches, zumal eines Thrillers, erhöht die Lesefrequenz ungemein. Im Wald, bei terminlichen Wartesituationen, am Ende sogar während des Spazierengehens mit dem Hund, spätnachts im Bett (ohne Licht anhaben zu müssen – das ist gar nicht so schlecht, wenn der Partner schlafen will), im Extremfall an der Supermarktkasse. Das iphone macht alle ubiquitär, ergo auch das Buch. Ich bin nicht sicher, ob das Medium technologisch auch für schwierige oder komplexe Texte geeignet wäre, weil der Ablenkungsgrad höher und der Lesekomfort bedeutend niedriger ist – aber für einen schnell wegzulesenden Straßenfeger wie Caught Stealing, bei dem große Teile der Handlung und Dialoge vorhersehbar sind, reicht es allemal.Tatsächlich muss ich sagen: Wenn die technologische Lösung erst einmal etwas ausgereifter ist und sich augenfreundlicher gibt, fände ich einen Sprung weg vom Papier für mich gar nicht so unattraktiv. Mit zunehmenden Alter ärgern mich die sich ansammelnden Berge von Zeug, die CDs, die Bücherkisten, die Longboxen voller Comics, der ganze Kram, den man durchaus braucht und liebt (die Inhalte zumindest), aber der so bleiern und sinnlos ist (die sperrigen Trägermedien).Nachdem ich mit allen dazugehörigen Phantomschmerzen und einer guten Portion «Wieso gibt es hier kein Booklet mehr?»-Frustration den ziemlich umfassenden Sprung zur komplett digitalen Musiksammlung hinter mir habe, ist es eigentlich nach einer Weile angenehm, wie unkörperlich die Sache ist. Genau das, was Vinylpuristen bemängeln – da IST ja gar nichts mehr – erweist sich als Vorteil, Musik wird leicht und mobil. Bei Comics zeichnet sich das fast drastischer ab. Was auf Papier vier Longboxes füllt – etwa die gesammelten Fantastic Four – nimmt auf der Festplatte nur ein paar GB weg, ist stets verfügbar, riecht nicht nach Keller und ist immer richtig sortiert. Das ist noch in den Kinderschuhen, weil es eigentlich keinen sinnvollen Reader für Comics und Bücher gibt, aber selbst in dieser frühen Phase fallen die Vorteile (und Nachteile, denn virtuelle Comics haben natürlich keinerlei Sammelwert und sind auch irgendwie deutlich herzloser) deutlich auf. Unverständlich ist mir allerdings, warum eBooks so teuer sind – Preisbindung hin oder her, das ist logisch nicht erklärbar und zeigt eher eine (absolut verständliche) Bockigkeit der Verlage beim Wechseln der Medien… was zumindest der Buchhandel auch begrüßen dürfte, denn ein sich breit durchsetzendes eBook dürfte den Mittelsmann im Sortiment ganz schön beuteln (hierbei wahrscheinlich die großen Filialisten mehr als den Vor-Ort-Buchhändler, dessen beratende und selegierende Funktion viel viel ausgeprägter ist und der auch ein anderes Publikum hat).Rückblickend ist es bemerkenswert, wie der iPod (und die ihn umgebenden Technologien) unsere Hörgewohnheiten verändert hat. Ich habe wenig Zweifel, das iPhone, Tablet & Co das gleiche mit unseren Lesegewohnheiten (ganz zu schweigen von Film und Web und Spielen und Musik….) gelingen wird. Chip Kidd bemängelte letzthin, wie sehr Amazon das Cover-Design beeinflussen würde – weil ein Buchumschlag heute auf 240 x 240 Pixeln lesbar funktionieren muss. Spannend wird vor diesem Hintergrund, wie der kulturelle paradigm shift, der sich durch eReading anbahnt, seinen (und unseren) Job weiter verändern wird.

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Chuck Palahniuk: Pygmy

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Man kann Chuck Palahniuk vorwerfen, was man mag, langweilig ist der Mann nicht. Obwohl es in seinem Schreibstil gewisse Elemente gibt, die eben «typisch» für ihn sind, rüttelt kaum ein anderer Autor so entschlossen an den Käfigstangen seiner Kreativität. Egal ob die Geschichte an sich oder die Stilmittel, Palahniuk ist Grenzgänger des Machbaren. Nachdem Snuff gegenüber seinem grandiosen vorletzten Buch Rant nahezu normal war – sofern man ein Buch über einen Selbstmordversuch qua Gangbang «normal» finden will – ist Pygmy stilistisch wieder völlig befremdlich. Kurz gefasst erzählt es die Geschichte einer Gruppe von Kinderterroristen aus einem nicht näher bezeichneten aber fernöstlich anmutenden Staat, die in Amerikas scheintote Vorstadtwelt eingeschleust werden, aus der Sicht eines der Terroristen in Spe, der wegen seiner Körpergröße nur Pygmy genannt wird. In einem an Everything is Illuminated erinnernden, dabei aber deutlich weniger elegant verstümmelten Englisch, das oft an die Grenze des Verständlichen geht. Es ist in erster Linie ein sprachliches Experiment, das einerseits nach klaren sprachlichen Regeln zu funktionieren scheint, andererseits ablative Sprünge in der Sprachentstehung zulässt, wodurch ein seit Clockwork Orange nicht mehr so verwirrender restringierter Sprechcode entsteht, der an Boshaftigkeit und Bissigkeit kaum zu übertreffen ist. Durch diesen kleinen Kunstgriff gelingt es Palahniuk, die vertraute Suburban Reality zu brechen, zu rephrasieren, neu zu entdecken und was wir in der Sprache des Fremden über uns selbst herauslesen, ist erschreckend – Palahniuk liefert den Soundtrack eines verwesenden Landes, das bizarr und fremd wirkt wie aus der Twilight Zone gezerrt.

Das es dem Autor dazu gelingt, ein seltsam fragiles Buch über das Erwachsenwerden, die erste widerwillige Liebe, widerborstige Teenager und Leistungsdruck in der Schule zu formulieren, mithin die Zutaten von Peter Parker, Spider-Man modern zu remixen und aus dem «anderen» Helden eben einen «anderen» Schläfer-Terroristen zu machen, ist bewundernswert – das Buch liest sich als hätten Stan Lee, Kierkegaard, Nietzsche und Mao sich eines nachts im LSD-Rausch eine Comicfigur erdacht. Dazu passt, dass Pygmy seine Berichte wie ein Blog oder wie ein monatliches Abenteuerheftchen nach Hause an den Staat schickt, der sich in der Rückblende als seltsam stählener, elternmordender Gegenentwurf zum Individualismus entpuppt, vor dessen Folie Pygmys harsche Kritik am American Way of Life, an der Familie, an Walmart und an der Religion einen surrealen Schattenwurf bekommt, weil ihr ein Gegenmodell fehlt (und so verwundert es nicht, das Pygmy im Verlauf des Romans etwas weicher und menschlicher wirkt und in seiner dysfunktionalen Adoptivfamilie ankommt).

Gekonnt wie immer verpackt Palahniuk seinen Blick auf die Freakshow des Lebens in ein neues Format und bliebt sich so zugleich treu und doch frisch. Die Thematik des Buches, die Art, wie Palahniuk mit Motiven, Dopplungen, Phrasierungen und anderen Tricks meisterhaft eine sprachliche Melodie entwickelt, sind vertraut – und dennoch schafft der Autor es, in seinem immerhin zehnten Buch keine Langeweile, keine Stagnation aufkommen zu lassen. Palahniuk scheint unter dem Druck zu stehen, sich und uns immer und immer wieder beweisen zu müssen, dass er kein One-Trick-Pony ist. Und entsprechend schraubt er auch die Geschmacklosigkeit und Absurdität des Buches in immer neue Höhen – mit einer umwerfend geschmacklosen Vergewaltigung, mit einer Gastfamilie, wie man sie sich bizarrer kaum vorstellen kann, mit einer Schule, die eher wie ein Freakzirkus scheint… Palahniuk erreicht hier sicher nicht die schwindelerregend turmhohe Surrealität, die Rant zum Meisterwerk macht, aber Pygmy wirkt in jeder Hinsicht weniger barock als Rant, mehr wie eine kleine, trotz 250 Seiten enorm schnelle Satire, die vor allen Dingen immer wieder abenteuerlich komisch ist, selbst wenn der Humor mitunter auch mal schmerzhaft derb wird. Unrealistisch, durchgeknallt, eine perfide Achterbahnfahrt durch die Gelüste und Unsicherheiten eines Teenagers im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ist Pygmy schwer zu lesen, pädophil, gewalttätig, voller Dildowitze, hysterisch, verdrogt, geschmack- und respektlos und doch voll zarter, zerbrechlicher Momente, die immer wieder kurz durchblitzen, eine Tour de Force, die sicher manchen Leser vergraulen dürfte – aber die tatsächlich jede Sekunde ein Genuss ist.

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Naomi Klein: The Shock Doctrine

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Naomi Kleins The Shock Doctrine klingt vielleicht nicht ganz unschuldig nach Alvin Tofflers Future Shock. Tofflers in den 70er Jahren formulierte Theorie eines hyperbeschleunigten gesellschaftlichen soziotechologischen Wandels, der die Menschen überfordert, wird von Klein zwar nicht explizit aufgegriffen, aber als gezielte Technik zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele neu interpretiert.

Klein entpuppt sich dabei als eine Art schreibender Michael Moore, sie schreibt polemisch und mit furioser Wut, sammelt akribisch Daten und setzt aus diesen ein medienwirksam erschreckendes Gesamtbild zusammen – und wendet so als Autorin bewusst oder unbewusst die gleiche Schocktherapie an, die sie dem neoliberalen Wirtschaftsvertretern vorhält. Geschickt (und etwas sensationalistisch, weil inhaltlich nicht ganz haltbar) verbindet sie zwei narrative Stränge – die Entwicklung von Elektroschock, Isolationstechniken und anderen «psychologischen» Methoden als Techniken der Informationsbeschaffung bzw. Willensbrechung von Geheimdiensten einerseits, andererseits die moderne Globalisierungswelle im Zeichen eines von Milton Friedman und seinen Studenten geprägten Monetarismus. Auf großartige erzählerische Art und Weise und mit Dutzenden von Belegen verknüpft sie das an der Universität von Chicago entwickelte ultraliberale Wirtschaftsmodell mit den Terrorregimes in Südamerika, mit CIA-Foltermethoden, mit den Umbrüchen in Russland und Polen, mit China und erzählt so eine Gesamttheorie der globalökonomischen Entwicklung der letzten 30 Jahren als Kombination von amerikanischem Jingoism plus einer Wirtschaftstheorie, die die gesamte Welt als Labor betrachten kann. Die Ergebnisse dieser Mischung – selbst wenn man an manchen Stellen des Buches diese Mixtur etwas marktschreierisch empfindet und Klein mitunter etwas in den Bereich der Verschwörungstheorie kippt – ist im höchsten Maße fesselnd und erschreckend, spannend wie ein Krimi und mindest ebenso blutig. Auf Kleins Leinwand verschwimmen vom Pinochet-Regime bis zum Irak Krieg alle Kriege, Diktaturen und selbst Naturkatastrophen zu einem Werkzeug der «Friedmanites», die über die Kontrolle der Weltbank und anderer amerikanischer Einrichtungen nach und nach eine bestimmte Geschmacksrichtung kapitalistischen Denkens weltweit durchsetzen und aus der Schumpeterschen «Kreativen Zerstörung» eine gezielte Methode zur Erreichung politischer, vor allem aber großwirtschaftlicher Interessen entwickelten. Friedman, und im weiteren Verlauf des Buches Jefferey Sachs, können mit Unterstützung einer neuen Welle von Politiker wie Thatcher, Reagan, Jeltzin und im Zuge von einer dominosteinartig losgetretenen Veränderungswelle in der Welt soziale Ausnahmezustände und die dadurch resultierende Verwirrung, das politische Vakuum, nutzen, um ihre marktliberalen Modelle in der Praxis zu testen – mit oft verheerenden Folgen für die Bevölkerung – und an dieser Stelle kommt für Klein die ökonomische Schocktherapie und die herkömmliche Foltertechnik wieder zusammen, weil die protestierenden Bürger mundtot gemacht werden müssen.

Obwohl Klein oft zu überdramatisierenden Mitteln greift – die entsprechend häufig kritisiert wurden – und oft allzu offensichtlich eine Art linke Verschwörungstheorie von «Big Money», CIA und den Vereinigten Staaten heraufbeschwört, die insgesamt ein wenig zu vertraut, zu bekannt, zu abgegriffen klingt, gelingt ihr ein überzeugendes und hochspannendes Buch zur Zeit, das an vielen Stellen wahrscheinlich sogar zu eng denkt, zu wenig in die Verstrickung von Geld und Politik einsteigt – vielleicht auch, weil diese Vernetzung komplizierter und feingewebter ist als Kleins grobe Theorie erlaubt. Dennoch ist The Shock Doctrine ein wichtiges, ehrlich empörtes und wütendes Buch, das durchaus emotional und insofenr bewegend Wirtschaft nicht als abstrakte Theorie, sondern als angewandte Politik, als Machtkampf spürbar macht. Keynes und Friedman sind bei Klein keine Denkschulen, sondern konkurrierende geopolitische Meme, und in Kleins Buch wird der Siegeszug der «Free Market»-Anhänger zu einem sinistren Durchmarsch dunkler Neocon-Kräfte – etwa so als habe Dan Brown Marx’  Kapital neu umgeschrieben. Shock Doctrine beschreibt, wie ein modernes Feudalsystem von Oligarchien aus Politik und Wirtschaft weltumspannend entsteht, das auf Schocksysteme fast wartet – und diese teilweise auch gezielt herbeiführt -, um die eigene Position auszubauen und eine ungerechte Verteilung von globalen Wohlhaben zementiert. Es ist ein Buch, das mit dem Mythos, der Kapitalismus brauche Demokratie, aufräumt und nur zu deutlich macht, dassein ungebremster «freier» Markt unfrei wird und nahezu unweigerlich in totalitären Polizeistaaten mündet, in denen streikende Arbeiter, protestierende Studenten und unliebsame Journalisten einfach verschwinden. Der von Klein aufgezeichnete Desaster-Dreiklang – natürliche Schockzustände durch Katastrophen, künstliche politisch oder wirtschaftlich herbeigeführte Ausnahmezustände und schließlich der Schock von Polizeiknüppel und Wasserwerfern -, die oft kompromisslose politische Durchsetzung wirtschaftlicher Zielvorgaben. die zu enge parasitäre Symbiose von Wirtschaft und System (bei der nicht mehr ganz klar ist, wer eigentlich das Wirtstier ist), in der jede Form sinnvoller Kontrolle und Steuerung unmöglich wird… all das wirkt vor der Folie des zweiten Irak-Krieges aber auch der aktuellen Finanzkrise nahezu prophetisch.

Dabei ist die Erkenntnis vom bösen Kapitalismus natürlich so neu nicht, Klein kann sich da mit Rosa Luxemburg die Hand geben, sondern eher eine Reinterpretation, eine Modernisierung und zugleich eine mitunter fast persönlich wütend wirkende Abrechnung mit Friedman.Man nimmt Klein dabei jederzeit die glaubhafte Empörung ab, auch wenn man immer wieder beim Lesen denken muss, dass die Welt beileibe nicht so simpel und schwarzweiß ist, wie Klein sie skizziert und auch keineswegs so steuerbar. Dass aber – und auch lange vor Milton Friedman und seinen Chicago Boys, auch lange bevor es den Begriff «Kapitalismus» gab – seit Menschengedenken immer wieder Profiteure Krieg und Leid zu ihrem eigenen Vorteil nutzen oder auslösen, ist keineswegs neu. Was Klein beschreibt, sind lediglich die modernen Mechanismen einer Welt, die schon immer ungleich war – und es wahrscheinlich leider immer bleiben wird – in der die 10% der Mächtigen mit den 90% der Machtlosen paradoxerweise machen können, was sie wollen, weil jede noch so undenkbare und bizarre Handlung offenbar ohne Konsequenzen bleibt. Niemand hat Thatcher für Falkland vor Gericht gestellt, und auch für Bush, Rumsfeld et al wird der Irak-Krieg 2.0, der unverbrämt wie nie ein großer moderner Krieg seit Jahrzehnten zuvorderst dem nackten Gewinnstreben diente, keinerlei böses Nachspiel haben – trotz mangelnder Kriegsgründe, trotz Terrorlage, trotz dreckiger Bomben, trotz Folter. Man muss kaum erwähnen, dass auch die Finanzspekulanten, die mit ihrem Spiel die Volkswirtschaften tief in die roten Zahlen getrieben haben, keine Sekunde befürchten müssen, als gesamtes, als System, abgestraft zu werden. Ganz im Gegenteil ist im Kontext von Kleins Theorie natürlich auch die Finanzkrise nur ein «Schock», den sich neoliberale Kräfte langfristig zu Nutze machen können. Ob richtig oder falsch – Klein leistet sich den Luxus einer Überzeugung, und das ist selten genug geworden.

Was Klein also beschreibt – und auch nur holographisch, in Form von Splittern und Teilaspekten – ist die Organisation der modernen Welt unter den Aspekten von Gier und Habsucht. Ich bin nicht sicher, ob ich ihr darin folgen will, dieser Organisation eine Art gezielten Gesamtwillen, eine Art Kabale der Neokonservativen, innewohnend zu sehen… oder ob es nicht doch nur so ist, dass der Kapitalismus an sich eine Art amorphe Gesamtgestalt für den Egoismus jedes einzelnen ist, die Summe der Teile vieler kleiner einzelner Fälle von sinnloser Raffgier und Machmissbrauch, die sich wie ein Tangram zu einer sinnvoll erscheinenden Gesamtfigur zusammenlegen lassen. Wo Klein eine weltumspannende Intrige sieht, die es aufzudecken und zu bekämpfen gilt, sehe ich einen Ausdruck menschlicher Natur, eine Kumulation und Großschreibung ganz alltäglicher menschlicher Unzulänglichkeiten. Es hat seinen Grund, dass wir von Ägypten über Rom über das Dritte Reich und Stalin bis heute in deutlich diffuserer Form in Systemen leben, die einen kleinen reichen Kern selbsternannter Anführer haben und einen großen Mantel von Angeführten. Es mag eben seinen Grund haben, dass wir Millionen von Arbeitslosen haben – und weltweit eine unerträgliche und unnötige Not- und andererseits der im Wirtschaftssystem stets postulierte Mangel als Basis von Verteilungsungerechtigkeiten kaum noch haltbar ist, da wir lokal im Überschuss als in einem Mangelsystemleben und auch global längst gerechte Umverteilungsmodelle denkbar wären… und eben dennoch nichts passiert. Anders gesagt ist der Kapitalismus wahrscheinlich einfach nur die (post)moderne Ausführung einer Art von gesellschaftlicher Gliederung, die relativ stabil die Jahrhunderte überdauert, die eventuell nie verschwinden wird und die vielleicht, wenn auch auf eine durchaus zynische Art, ihre Berechtigung hat.

Aber dieser etwas abstrakte Aspekt hat natürlich wenig mit der Entrüstung und Wut zu tun, die The Shock Doctrine beim Lesen auslöst – und das ist durchaus gut. Es ist in Zeiten einer«Linken» in der Gesellschaft, die in Funktionärstum oder Selbstzerfleischung gefangen ist, wohltuend zu lesen, wieviel Klarheit und Kraft zum einen ein klares (wenn auch eben mitunter bedenklich klares) Feindbild und eine positive Gegenvision in den Händen einer geschickten Autorin entfalten können. Während es bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nahezu einen Kampf von systemischen Ideen gab und Demokratie, Kommunismus, Faschismus sowie Kapitalismus in seiner fastnoch-Manchester-Ausprägung um die Köpfe und Herzen der Menschen kämpften, gibt es heute keine offizielle Alternative mehr zu dem inzwischen global etablierten ökonomischen Marktsystem, das an sich auch kaum noch als «echter» Kapitalismus zu bezeichnen ist – und das durchaus, was Klein ausblendet, neben Elend auch viel Wohlstand gebracht hat, wenn vielleicht auch nur in bestimmten Regionen der Welt. In den kommenden Jahrzehnten wird sich zeigen müssen, ob ein System wirklich zivilisatorisch zielführend ist, dass das Wohlergehen des Einzelnen so eindeutig vor die Interessen der Vielen stellt, das auf Wachstum und nicht auf Saturation abzielt, das aber vor allem insofern systemisch blind ist, als dass es nur in ökonomischen Begriffen denken kann und entsprechend alles in diesem Paradigma betrachtet – Bildung, Gesundheit, die Qualität von Leben und Tod. Man merkt dem modernen Kapitalismus einen Hauch von fin de siècle an, ein letztes Abräumen des Buffets, die Reparaturversuche an einer längst defekten Maschine. Zugleich ist der Kapitalismus aber auch nicht abzuschreiben – er ist wie Jazz, er kann mit allem. Demokratie, Diktatur, links, rechts – Hauptsache es gibt einen Gewinn zu machen. Insofern ist nicht zu unterschätzen, dass eine Autorin an der Selbstverständlichkeit, der Axiomität dieses Systems kratzt und die Frage nach den Kosten stellt – und zugleich klar und verständlich, weit entfernt von großen Systemwechsel-Allüren, ein Gegenmodell entwirft, das eine fairere und direktere, nivelliertere Gesellschaft mit einem erstarkten (Wohlfahrts-)Staat skizziert (und natürlich entsprechend grob auf Keynes basiert). Die Leistung von Klein liegt in der Synthese verschiedenster Puzzleteile zu einem (subjektiven) Gesamtbild, in der Wut und Empörung und der schieren Energie, die die Autorin ausstrahlt. Das ihr dabei Neokonservative, Marktliberale, Großunternehmen und Politiker zu einer undifferenzierten Suppe verkochen, dass sie nicht selten historische Ereignisse gezielt auswählt um ihre Theorie zu stützen (und andere Ereignisse ausblendet), dass sie an keiner Stelle psychologisch ordentlich auf die Grundlagen der Schocktherapie oder wirtschaftswissenschaftlich auf Friedmans Theorien eingeht, sondern stets sehr oberflächlich bleibt, tun dieser Energie an sich keinen Schaden – wohl aber der Botschaft des Buches, das eben spannend und fesselnd und ergreifend ist, aber auch oberflächlich und einseitig. Das Naomi Klein aber Wirtschaftstheorie und Machtpolitik spannend wie einen Krimi verbindet und damit beweist, dass Politik keineswegs langweilig und schaumgebremst sein muss, sondern ordentlich brennen kann, ist der große Verdienst des Buches.

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Edward St. Aubyn: Some Hope

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Edward St. Aubyns semi-autobiographische Patrick-Melrose-Trilogie Some Hope ist ein zurecht von der Kritik gefeiertes Buch – das bittere, zynische und zugleich hochkomische Portrait einer Jugend, die durch Mißbrauch gezeichnet wird, die schließlich in den Drogentrip und zu einer Art von Läuterung führt, ist kalt, luzide und analytisch. Und ließ mich dennoch überraschend kalt. Vielleichtist mir der Stoff zu britisch, zu stiff, abgehandelt, vor allem das erste Buch Never Mind liest sich stellenweise wie ein etwas braverer Tom Sharpe, wenn auch die Bosheiten und Wortgefechte brilliant getimed sind. Vielleicht auch nur, weil es mir nie gelang, zu einer der Figuren eine Beziehung aufzubauen, selbst zum jungen Patrick nicht, weil sie grell flirrende Grosz-Karikaturen bleiben, die der Autor in kurzen Vignetten ein- und ausblendet und nur mit grober Kohle zu Papier bringt. Das zweite Buch, Bad News zeigt die Folgen von Akt I, einen suizidalen, im Wortsinne lebensmüden Patrick, der sich gelangweilt zwischen Restaurants, Hotels und der Drogenbeschaffung die Zeit vertreibt und eine Irvine-Welsh-esquen Trip erlebt. Der dritte Teil schließt den Kreis und kehrt zum episodenhaften Erzählstil von Never Mind zurück und zu den oberflächlichen Petitessen der Upper Class, diesmal mit feinem Bleistift statt mit Kohle festgehalten, mit mehr Graunuancen und feineren Details – und einer schreikomischen Princess Marger. Das Problem ist, das man die Ennui und Leere der (britischen) Oberschicht und die Frage nach der Existenzberechtigung einer Gesellschaftsklasse, die so ausgebrannt und zynisch ist, dass ihr Lebensinhalt die jeweilige gegenseitige mehr oder minder elegante Demütigung zu sein scheint, bereits mehrfach und zum Teil beileibe auch nicht schlechter gelesen hat – so dass man beim Lesen der Trilogie immer wieder eine Art lähmendes Deja Vu zu haben scheint. Das gilt insbesondere für Bad News, vielleicht weil die nihilistische Mischung aus New York, urbanen Lifestyle und Drogen erschreckend an eine Art verwässerten, milderen Bret Easton Ellis erinnert. In einem Buch voller egozentrischer und verbogener Charaktere fällt es dem Leser schwer, eine Identifikationsfigur zu finden, zumal vor allem Patrick Melrose selbst oft in die Rolle der Nebenfigur gedrängt ist und die Bühne frei machen muss für die schillernde Snobshow der High Society, deren Figuren aber selbst oft oberflächliche Pappcharaktere bleiben, die einander demütigen und übereinander lästern, ohne dass eine grundlegende Motivation für das Verhalten der Figuren erkennbar ist – anscheinend reicht dem Autoren schon allein die Zugehörigkeit zum Geldadel, um Menschen zynisch und kalt werden zu lassen. Bei aller Bewunderung der grandiosen Dialoge und der scharfen Beobachtungsgabe von St. Aubyn, mutieren seine Figuren beim Lesen nach und nach zu Kasperlefiguren, denen der Puppenspieler nur seltendie Illusion echten Lebens einhauchen kann. Wodurch zugleich auch die Empathie mit Patrick Melrose ausbleibt, der kein Mitleid auszulösen vermag, sondern wie ein gequältes Insekt unterm Mikroskop ausgestellt bleibt, irritierend, fremd. Dazu kommt, dass der dritte Teil nach dem furiosen Bad News seltsam sanft und ausgebremst wirkt, vielleicht passend, um das Lebensgefühl eines geläuterten Ex-Junkies zu reflektieren, sicher aber kein Höhepunkt einer Trilogie, sondern mehr ein Nachgedanke.

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Thomas Lehr: 42

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Der Weltuntergang ist eigentlich eine Forte der englischsprachigen Literatur, die sich im Grunde vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg ausgiebig, unweigerlich oft als SF-Spekulation und insofern unweigerlich oft trashig, mit dem Thema einer post-apokalyptischen Gesellschaft befasst hat. Richard Mathesons I am Legend, Stephen Kings The Stand oder John Wyndhams The Day of the Triffids sind nur wenige Beispiele für ein ganzes Literaturgenre, das mit verschiedenen Mechaniken die Menschheit mal mehr, mal weniger auslöscht, um an den Kern menschlicher Daseinsfragen zu gelangen. Stets ein Spiegel latenter gesellschaftlicher Ängste, haben viele dieser Bücher gerade in den 50er und 60er Jahren natürlich den nuklearen Holocaust aufgegriffen, heute sind es vor allem vor allem bakterielle und genetische Spielarten des Science-gone-wrong-Genres, mit denen sich die Leser gern gruseln, ganz zu schweigen vom Trend zur von Menschenhand verursachten Naturkatastrophe.

Thomas Lehr bedient sich in seinem Buch 42, dessen Titel passenderweise nichts mit Douglas Adams Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun hat (weil Lehr die Anhalter-Trilogie nie gelesen hat und erst von seinem Verlag von dem zufälligen Apropos des Titels erfuhr), sondern mit der 42. Sekunde, in der die Zeit einfriert und zugleich mit der Doppeldeutigkeit von 42 als japanisches Symbol für den Tod, nur scheinbar dieses Genres. Der Grundplot seines Buches – nach einem Unfall im CERN-Reaktor steht sie Zeit weltweit still, bis auf für eine Handvoll Überlebender – eignet sich bestens für einen Roland-Emmerich-Film und erinnert vielleicht nicht von ungefähr an Philipp K. Dicks Eye in the Sky.  Die Überlebenden durchlaufen eine fast an den Umgang mit schwerer Krankheit erinnernden Ablauf von Schock, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus, der das Buch grob gliedert. Die rund 70-köpfige Gruppe spekuliert während ihrer Odyssee durch die gefrorene Zeit frei und hochkontrovers über die Gründe und technischen Bedingungen ihrer neuen Existenz, einige Mitglieder missbrauchen ihre neu gewonnene Macht über die still stehenden Menschen um sie herum ausgiebig, und am Ende zahlreicher Abenteuer kommt nach einem plötzlichen kurzen ruckhaften Weiterticken der Zeit um wenige Sekunden ein Großteil der Cernies-Gruppe erneut zusammen, um ein finales Experiment namens Fönix zu wagen, das sie in die Zeit vor dem Unfall zurückschleudern soll.

Aber der apokalyptische Nebelschleier dient nur als theoretisches Exoskelett des Buches – anders als Wyndham und Konsorten geht es Lehr selten darum, eine postapokalyptische Gesellschaft zu analysieren oder nach einem «clean slate event» eine Rückkehr zu besseren Werten zu propagieren. Vielmehr nutzt Lehr den Stillstand der Zeit – und damit das Zusammenfließen von Zeit zu einem im Endeffekt handlungsfreien Raum – für eine kaustische Analyse seiner Protagonisten. Der Form halber gibt es gesamtsoziale Ansätze sicher an einigen Stellen, wenn etwa einige der Überlebenden versuchen, in einem Dorf eine neue Sozialform aufzubauen (die aber prompt zum Scheitern verurteilt ist, die Illusion einer heilen Welt hat keinen Halt), aber primär folgt Lehr seinem Helden Adrian Haffner eher in eine Art Isolation, eine Art Meditation, auf eine fast spirituelle Wanderschaft, die ihn quer durch Europa führt, wo er nicht nur seine eigenen Erfahrungen mit dem Mißbrauch macht, den das Leben in der photographierten Zeit mit sich bringt, sondern auch seine Freundin Karin im Bett mit einem Nebenbuhler entdeckt. Den Haffner prompt so im Fenster des Hotels platziert, dass dieser wie Schrödingers Katze zwischen Leben und Tod quantelt, in einem ähnlichen Schwebezustand wie Haffner selbst. Lehr entspinnt dazu eine seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Adrian und zwei weiteren Chronifizierten, Boris und Anna, mit der Haffner bereits vor der aus der Fugen geratenen Zeit eine kurze Affaire hatte. Hier, wie an anderen Stellen, entpuppt sich 42 als Liebeserklärung an Autoren wie Frisch, Kafka, Mann, Döblin, Musil, Grass und nicht zuletzt Joyce. Als reichen die wenig sanften Stream-of-Consciousness-Anspielungen nicht, lässt Lehr seinen Helden sogar tatsächlich auf dem Berliner Alexanderplatz herumirren, und auch andere Anspielungen auf den Zauberberg (in dem ja mehrfach auf die Relativität von Zeit eingegangen wird), die Blechtrommel, den Mann ohne Eigenschaften und zahlreiche andere Werke ziehen sich wie ein roter Faden durch 42 – so sehr, dass man fast von einer literarischen Gesamtverbeugung sprechen kann, die aber stets so eigen und elegant bleibt, dass Lehr weit entfernt von Entlehnungen oder Plagiarismus ist, im Gegenteil. 42 schafft das Kunststück, den zitierten Idolen oft durchaus gerecht, verläuft vielschichtig und bleibt trotz des fast völligen Fehlens einer linearen Handlung immer spannend. Streckenweise schwer zu verstehen, weil späteres Wissen nötig ist, um frühere Handlungen zu verstehen, setzt sich das Buch beim Lesen wie ein Puzzle schmerzhaft langsam zusammen und ergibt erst am Ende eine Art Gesamtansicht, die fast sofort ein zweites Lesen verlangt, um nach Indizien und Hinweisen zu suchen. Meisterhaft hantiert Lehr mit Foreshadowing, mit Sprachwitz, aber auch mit der großen Geste, die bei vielen Schriftstellern heute entweder in Vergessenheit geraten oder zur Karikatur geronnen ist. Mit der beklemmenden Ernsthaftigkeit russischer Autoren seziert Lehr seinen Protagonisten als amoralisch und oft unsympathisch, wenn auch gemessen an seinen Leidensgenossen fast noch harmlos und tragisch.Zugleichspielt Lehr fast zu wortgewaltig mit den möglichkeiten gefrorener Zeit, erfindet immer neue Wortkonstruktionen und -ballons für den Zustand, und beweist so nicht nur seine eigene Sprachmacht, sondern eben auch, dass es einen Grund hat, wenn Eskimos ungezählte Begrifflichkeiten für Schnee haben… er ist ihr zentraler Lebensraum, und so entwickeln auch die Chronifizierten oft etwas unbeholfen ganz neue Worte für ihre neue Chronosphäre. Nur selten vergreift sich Lehr im Ton, etwa wenn er fast burlesk über Haffners sexuelle Eskapaden schreibt, der zunächst unbeholfen, fast wie ein onanierender Teenie, den Trockensex mit den zeitgefrorenen Restmenschen entdeckt und sich bei Frauen so bedient wie die Cernies auch in Sachen Essen und Trinken zu Parasiten geworden sind – sie nisten sich in Hotels und Schlössern ein und leben von Mundraub und Diebstahl, Sex mutiert zu einer Art tragikomischer Vergewaltigung. Lehr nutzt den Trick der gefrorenen Zeit für eine zeitlupenlangsame, wie ein komplexer Kristall gefertigte Analyse menschlicher Moral in einer Situation, die zugleich Allmacht und Ohnmacht bedeutet. Entsprechend manisch-depressiv agieren die Anti-Helden in Lehrs Buch, festgehalten von Haffners Blick, der für einen gelernten Journalisten seltsam ausscheifend und unsachlich wirkt und im Rahmen des finalen Fönix-Experimentes in einem an die Psychedelia-Episode in 2001 erinnernden massiven Textblock kulminiert, der eine halluzinogene Zeitreise umfasst. Am Ende des Romans schließt Lehr den Zirkel nahtlos, lässt seinen Protagonisten an den Anfang des Buches zurückkehren und dort eine dramatische Entwicklung machen, die das Buch mehr als rechtfertigt und zu Recht aus dem stets wackeligen SF-Konzept befreit: FHaffner entdeckt auf Photographien die Leichen von sich und seiner Gruppe im zerfetzten Delphi-Schacht, umgekommen bei dem ursprünglichen Unfall. So kippt, förmlich auf der letzten Seite, im Stile des klassischen Mindfucks, das gesamte Buch zur Geistergeschichte, zum Purgatorium und viele der Ungereimtheiten entpuppen sich als im höchsten Maße sinnvoll im Kontext der klassischen Poltergeistphänomene. Es ist ein schriftstellerischer «Sleight of Hand», ein Zaubertrick-Kunststückchen, mit dem Lehr aufs großartigste seinem Buch den Teppich unter den Füßen wegzieht und es zugleich als genrefrei definiert – und nicht zuletzt die Doppelbödigkeit des Titels absolut rechtfertigt. Dass sich zumindest bei mir schon früh der Verdacht eingeschlichen hat, dass Haffner und Konsorten nicht in der Zeit gefangen sind, sondern vielmehr SIE stillstehen als Geister in einer Welt, die nur für sie gefroren scheint, sich in Wirklichkeit aber weitergedreht hat, während sie nur noch als Schatten in einem Abbild stillstehen, ist dabei wenig störend, weil Lehr mit genau dieser Unschärfe meisterhaft spielt.

42 ist die Sorte Buch, die man liebt, hasst oder nach der zwanzigsten Seite gelangweilt aus der Hand legt. Es ist ein monomanisches, etwas selbstverliebtes Buch, in dem Thomas Lehr in langen, mäandernden Sätzen den Stillstand von Zeit tatsächlich greifbar macht, in der Sprache wie sonst selten als intensives, schmerzhaftes Werkzeug genutzt wird. Es ist ein anstrengendes, süchtig machendes Buch, das man ohne großen Umwand als Meisterwerk mit kleinen Mängeln deklarieren darf. In fast hingerotzten Details verbergen sich tiefe Schätze, aus denen andere Autoren ganze Bücher gemolken hätten. Andererseits entwirft der Autor in den kontemplativ langen Strecken der erzwungenen Introspektionein Gemälde des modernen Menschen, der plötzlich in einer technoisierten Welt der Technik entrissen wird, und als dessen größter Feind in der Nullzeit sich die Langeweile, die Beschäftigung mit sich selbst entpuppt. Im Spiegelkabinett des ewigen Gleichseins gefangen, der ultimativen Postmoderne, in der alles relativ, alles gleich und ohne Konsequenzen ist, entblättert Lehr einen Übermenschen à la Nietzsche, der sich wie ein Blitz in der schneckenhaft stillstehenden Welt bewegt, der – à la Bakers Fermata – alles und jeden nach Belieben ohne Grenzen manipulieren kann. Bei Lehr entpuppt sich dieser eben a-soziale Übermensch als armes Würstchen, der wahlweise sinnloser Perversion anheim fällt oder sich pathetisch in Selbstmitleid wälzt. 42 nutzt insofern die ausgesetzte Zeit, um die vielbeschworene conditio humana in aller Ruhe beleuchten zu können und vielleicht zu zeigen, dass die wirkliche Apokalypse die Einsamkeit ist.

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Achim Böhmer & Sara Hausmann: Retrodesign

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Nachdem im Fontblog bereits ausgiebig und kontrovers über Achim Böhners und Sara Hausmanns Retrodesign diskutiert wurde, und das Buch in der Form von dem sicher nicht zu leichtfertiger Kritik neigendem Markus Zehentbauer recht kritisch beleuchtet wurde, habe ich ganz besonders über ein Rezensionsexemplar aus dem Hermann-Schmidt-Verlag gefreut, um mir selbst ein Bild machen zu können. Das folgende ist – wie immer bei mir – kein «echter» offizieller Review, sondern die Sachen, die mir beim Durchlesen und -blättern durch den Kopf gingen, spontan und wie immer unredigiert.

01: Preis-Leistung
Wer 89 € für ein Buch dieses Umfangs, dieser Verarbeitungs- und Veredelungsqualität und nicht zuletzt der Recherche, die darin steckt, für überteuert hält, dem fehlt vielleicht ein Einblick in normale Verlagskalkulation oder er/sie ist schon von der Wirtschaftskrise mental erfasst– denn wenn man das Buch in der Hand hat, kann kein Zweifel an dem Preis aufkommen. Retrodesign ist vielleicht nicht ein Buch, dass sich jeder kaufen will und wird, weil es ein spezielles Thema dekliniert, aber wer sich für diesen Themenbereich interessiert – ob als Student, Dozent oder Profi -, kann wenig Zweifel daran haben, dass dieser Überblick eine Menge Zeit und Liebe gekostet hat und jeden Pfennig wert ist. Allein die Organisation der verwendeten Bilder in druckreifer Auflösung und mit den nötigen Abdruckrechten muss eine enorme Zeit gekostet haben – anders als bei den meisten anderen Designbüchern kann man ja hier nicht mal eben einen lustigen Mail-Aufruf an Büros und Agenturen starten, sondern muss gezielt nach Material fahnden, die Rechteinhaber aufspüren, eventuelle Lizenzen und VGBildkunst-Kosten tragen. Insofern ist allein – und das ist ja nur ein Teil dieses Buches – die Bilderflut schon den Preis wert. Anders als große Verlage wie etwa Taschen kann Schmidt sich (wahrscheinlich) nicht komplett durch Querfinanzierungen behelfen und muss insofern einen realistischen Preis für ein Buch wie dieses nehmen (zumal man vorher ja nie weiß, welches Buch ein Bestseller wird… wäre sofort klar, dass Retrodesign sich grandios verkauft, könnte man es wahrscheinlich sogar tatsächlich preiswerter kalkulieren, but you never know), und die Veredelung (die durchaus nicht so unnötig pompös ist, wie im Fontblog behauptet, sondern durchaus stimmig – erinnert mich übrigens ganz entfernt aber durchaus positiv an Beate Blaschczoks «Genesis»-Bibel und will vielleicht eben ein wenig eine «Style-Bibel» sein, insofern passt der Look schon) ist in Sachen Preis sicher nicht der ausschlaggebende Faktor, macht das Buch aber im Regal deutlich stabiler als ein Paperback und auch sehr viel schöner… und das darf bei Design doch bitte ruhig ein Faktor sein. Nicht zuletzt dürfte es den Machern auch mehr Spaß bereiten, ein «schönes» Buch zu machen als ein «sparsames». Man kann Sara und Achim absolut nicht verdenken, einfach auch ein bibliophiles Buch machen zu wollen, im Gegenteil – es würde uns allen doch auch so gehen :-D. Und den Spaß an der Sache, am Retrodesign ebenso wie an der Möglichkeit, ein großes Buch zu diesem Thema auch ordentlich zu gestalten, spürt man dem Buch an vielen Stellen an.

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Edel in rotem Kunstleder und mit schwarzem Schnitt: Die Retro-Bibel.

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Aufwendige Package: Das Cover stellt das Ordnungssystem des Buches vor und besticht mit zahlreichen Finessen.

02. Das Buch
Das Buch, man merkt es schnell beim Lesen, versucht den Spagat zwischen «Schau»-Buch/Inspirationsquelle und Sachbuch, bis hin zur Gestaltung ist es insofern unweigerlich recht ähnlich mit anderen Büchern aus dem Schmidt-Verlag, die Lust und Lernen verbinden, etwa Strichpunkts fff-Buch oder auch Kribbeln im Kopf. Diese Schnittkante zwischen Information und Entertainment ist dünn und man scheitert schnell auf einem der beiden Gebiete, die kaum ein Autor gleichermaßen fundiert und elegant bespielen kann (mit Ausnahme des großartigen The Art of Thinking Sideways). Was durchaus keine Schande ist, manchmal ist der Versuch das eigentlich Wichtige und Retrodesign scheitert ja keineswegs. Ein trockenes wissenschaftliches Buch über appropriatives Design wäre einerseits zudem sicher ebenso langweilig wie andererseits eine reine Bildsammlungsflut – dafür reicht oft auch ffffound.com. Retrodesign besticht durch eine wahre Sammelwut von Arbeitsbeispielen quer durch alle Epochen, die ohne jeden Zweifel den Zweck des Schaubuches absolut erfüllen – es gibt reichlich zu gucken und viel zu entdecken. Glaubhaft, vielleicht nach einer Weile etwas vorhersehbar, wenn man das Konzept einmal erfasst hat, belegen die Autoren, dass Design appropriativ arbeitet, d.h. neue Gestaltungen oft Remixe alter Ideen sind. Mit feiner Akribie sind durch alle wichtigen Stilepochen Beispiele aufgeführt, die dem heutigenDesign Rückgriffe in die Vergangenheit nachweisen. Diese Detektivarbeit klappt natürlich mal eher besser, mal eher schlechter – mitunter bringen die Autoren in der Jetztzeit einfach auch ganz eindeutig als Zitat gemeinte Arbeiten als Beleg, aber dass Zitat-Design, dessen eigentlicher Sinn ja nun einmal eben genau die Rückbezüglichkeit ist, eben auch unweigerlich «Retro» sein muss, ist eigentlich eher tautologische Beweisführung.

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Böhmer und Hausmann gelingen dabei immer wieder schöne «Swipe-File»-Beispiele, und insgesamt ist diese Strecke, die ja mehr zeigen und überwältigend beweisen als erklären will, durchaus sehenswert, auch wenn sich beim Lesen irgendwann beim ein oder anderem vielleicht ein Hauch von Fleißübung einstellen mag.  Seite um Seite belegen die Autoren, dass ganz postmodern nahezu jede wichtige Stilepoche heute in Architektur, Design, Illustration und Alltag widergespiegelt und aufgegriffen ist. Obwohl wichtige Beispiele fehlen – beispielsweise vermisse ich Peter Saville komplett, nicht nur ein wichtiger Designer per se, sondern vor allem zu Beginn seiner Laufbahn wirklich der Großmeister des Stil-Klaus (und zugleich jemand, der heute ironischerweise selbst permanent zitiert wird, nicht mehr als Rückgriff auf Savilles Quellen (Tschichold, Expressionismus usw), sondern meist als 80s-Zitat) – ist der Effekt oft frappierend gelungen, wenn etwa Renaissance-Architekturelemente auf modernen Plattencovern wieder auftauchen oder fernöstliche Majolika-Porzellanmalerei 2006 eine Absolut-Anzeige zu inspirieren scheint. Es ist ein wahrer Bildersturm, und es schadet der Theoriebildung nur geringfügig, wenn die Autoren von Achta-Design einige Male ihre eigenen Arbeiten featuren. Was bei fff noch okay war – der Mix aus Theoriewerk und einer kleinen Prise Eigenwerbung -, weil Strichpunkt ja ganz einfach in Deutschland sehr sehenswerte und insofern bei aller Bescheidenheit zeigenswerte Geschäftsberichte macht, hinkt hier etwas, weil es ja gerade darum geht, neutrale Beispiele für einen selbst behaupteten Trend zu finden… da eignen sich eigene Arbeiten eigentlich weniger, zumal gerade das eigene Beispiel im Klassizismus auch nicht so wirklich funktionieren will und eigentlich keine volle Doppelseite rechtfertig. Nichts gegen Self-Promotion, das gehört bei dieser Art von Büchern irgendwie einfach dazu, aber es unterminiert genau hier einfach die Ausgangsposition des Buches ein wenig, wenn das einzige Beispiel, das man anführt, von einem selbst kommt. Wobei man ganz klar sagen muss, dass die Autoren sich mit eigenen Arbeiten weitestgehend vorbildlich zurückhalten, das Einschmuggeln eigener Projekte habe ich schon viel schlimmer gesehen. In einem Buch, dass den theoretischen Anspruch aber etwas höher hängt – kunsthistorisch ja viel höher als etwa fff  – fällt es eben doch etwas auf, wenn die Beispiele nicht 100% «neutral» sind. Der Freude an der Sammelleidenschaft und der visuell überzeugenden Präsentation der Similaritäten über Jahrhunderte hinweg tut das aber keinerlei Abbruch.

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Das Buch wird von einer schön gegliederten Übersichtsseite eröffnet und bietet in einer Art Intro/Preview, das im Grunde das folgende weitestgehend zusammenfasst und zugleich gut einleitet. Was ist Retrodesign, was ist Redesign, was ist Revival – all diese Begriffe, die durch den Design-Äther schwirren werden hier kurz (und mitunter, wahrscheinlich aus Platzgründen, etwas unkritisch) definiert, so dass man gut gerüstet in den Hauptteil des Buches geht.

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Ordnung muss sein: Das Buch gliedert Retrodesign klar nach «Epochen» mithilfe verschiedener Icons für jede Einflussperiode, die auf den einzelnen Beispielseiten wieder auftauchen und die Navigation erleichtern. Bei der Flut von Zeitströmen können die Icons aber nie so klar und eindeutig sein, so dass doch nocheinmal daneben steht, welche Periode behandelt wird (was, zugegeben, die Icons etwas redundant macht ;-)).

Das Buch ist zudem immer wieder durch mitunter vielleicht etwas fragwürdig gestaltete Zitatseiten gebrochen (jeder weiß, ich bin kein Freund sinnloser floraler Dekoration, aber  beim Thema Retrodesign kann es ja nicht ohne gehen, dennoch hätte ich mir hier vielleicht etwas weniger eigenes Design gewünscht, als vielleicht eher noch mehr passendes Material anderer Quellen – bei diesem Thema hätte die eigene Gestaltung noch einen Hauch zurückhaltender ausfallen dürfen…. kein Manko, aber ein spontaner Eindruck, den ich persönlich hatte. Aber siehe oben: Spaß an der Gestaltung :-D)

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Zitatseite: Seltsamerweise taucht diese Art von Seite nur einmal auf, dabei wären mehr Stellungnahmen von Designern zum Thema Retro sicher spannend gewesen.

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Typographie: Vielleicht etwas zu sehr auf Klischees reduziert ein visueller Überblick darüber, welche Schrift zu welchem Stilcluster passt.

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Talent borrows, Genius steals: Retrodesign wartet mit einer wahren Flut von Beispielen für «entliehenes» Design auf.

Im Schlußteil wird im Kapitel Retro Style ein kurzer informativer Trip durch die verschiedenen Einflußcharakteristika geboten. Reich bebildert mit Beispielen aus Layout, Kunst, Objektkunst/-design, Typographie und Architektur der vorgestellten Periode, ordnen die Autoren von dekonstruktiv bis organisch verschiedene designhistorische Perioden von der Renaissance bis zum Dekonstruktivismus und versuchen so eine Art einfache Matrix von Stilelementen und -möglichkeiten zu bilden. Dieser Teil bildet vielleicht mehr als der mitunter etwas zu groß bebilderter Mittelteil des Buches ein wirkliches Herzstück von Retrodesign und ich hätte mir gerade hier mehr gewünscht – mehr Bilder, mehr Theorie, mehr Quellen, mehr Tiefgang. In der gegebenen Kürze liefern Hausmann und Böhmer eine sehr solide, gerade für Studenten als Einstieg geeignete Synopse verschiedener Design-Epochen, eine Art Parforce-Ritt durch die Gestaltungsgeschichte, interessanterweise rückwärts gefasst von der (De-)Konstruktion zur eher organischen Formensprache der Vergangenheit. Obwohl rund 150 stark, kann hier natürlich kein kunsthistorisch umfassender Abriss geleistet werden – muss auch gar nicht. Wenn dieses Kapitel es schafft, die Leser auf eine bestimmte Epoche neugierig zu machen, oder neue Verbindungen zu entdecken, dann reicht das ganz einfach an dieser Stelle. Tiefer gehende (und oft dann eben weniger ansprechend gestaltete oder geschriebene) Literatur gibt es ja – und auf diese wird im Anhang auch verwiesen.

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Natürlich wird man hier immer Löcher finden oder Oberflächlichkeiten, je nachdem, in welcher Epoche man sich bewegt (im Dekonstruktivismus fehlen mir beispielsweise hier  wichtige Namen und Strömungen wie etwa Morphosis oder vor allem die Cranbrook Academy aber auch Hard Werken usw. Aber wie gesagt: jeder hat seine Steckenpferdepoche und wer sich hier mehr interessiert, kann ja Poynors Design Without Boundaries lesen :-D.) Der Überblick ist klar gegliedert, flüssig zu lesen und als Einstiegsreferenz wiederum ein beachtliches Stück liebevollster Sammelarbeit. Im Retro Review werden die Epochen dann – doppelt genäht hält besser – nicht als Überblick dargestellt, sondern etwas vertieft. Zusammengenommen kann man bei einem Buch dieser Art, dieses Preises eigentlich kaum mehr verlangen – für 90 Euro ist das insgesamt ein sehr umfassender, sehr liebevoll gemachter Blick über die Design/Kunst/Schriftgeschichte der neueren Vergangenheit.

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Überblick: Retro Style und Retro Review vertiefen und gliedern die Stileinflüsse.

03. Retro = Zukunft?
Die erste Doppelseite des Buches stellt dem Werk ein «Retrodesign ist Zukunft» voran. Einige Seiten später folgt «Retrodesign ist Styling». Nun mag es an der persönlichen Definition des Wortes liegen – Styling bedeutet für mich ausnahmslos inhaltsfreies, rein oberflächliches Gestalten ohne Tiefendenken – aber so ganz kriege ich diese Thesen nicht zusammen. Wobei ich mich mit der zweiten, treffenderweise nach meiner eigenen negativen Definition von Styling, sehr anfreunden kann, mit der ersten so gar nicht. Denn ja, Retrodesign ist Styling, oberflächlich, oft das Verwenden historischer Halbwertsverfallreste, Recycling, oft ohne jedes Verständnis für die hinter den kopierten Elementen liegenden Bedeutungen. Wer Helvetica verwendet, weil sie «cool» aussieht oder Blümchenranken, weil sie «emotional» sind, betreibt natürlich kein Design, sondern eben «nur» Styling und reagiert damit eher oberflächlich (sprich: laienhaft) auf sozusagen herumliegende visuelle Stimuli. Retrodesign ist insofern erschreckend oft vor allem gedankenloser Kitsch, Nostalgie am Nasenring, Zitatenstadl.

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Je weiter zurückliegend, ergo verklärter die zitierte Phase ist, umso gräßlicher und dümmer oft das Zitat. Während ich im Aufgreifen von Elementen der Postmoderne und des Dekonstruktivismus wenig reines «Retro» entdecke, sondern eine (dia)logische Weiterentwicklung von Trends der letzten Dekade (so wie die 90s ja auch Entwicklungen der 80s weitergeführt bzw. gekontert haben), so ist das Zitat von Elementen aus den (meist) Amerikanischen 50s oder des Rokoko inhaltlich meist nicht fundiert, sondern (oft) reines Oberflächen-Design. Das als «Zukunft» zu bezeichnen, die reine Rückwendung, den Kitsch, das permanente Zitat, das sich bestenfalls durch Mix/Match oder eine deutliche Prise Ironie und gewollter Coolness aufwertet, ist eher traurig. Es ist eher bezeichnend für die Tristesse des immer noch andauernden fin de siècle, dass wir kollektiv in einer Falle stecken, in der der Blick nach vorn so unmöglich zu sein scheint, dass man nur in der Kiste der Vergangenheit kramen kann. Wie ein verlassener Liebhaber, der sich seufzend alte Photos der Verflossenen ansieht, anstatt rauszugehen und sich frisch zu verlieben – und genauso pathetisch ist auf Dauer betrachtet auch das anhaltende Retrodesign. Ist es gefällig? Sicher – der Mini, der Beetle, der Fiat 500, der Einfluss von Braun bei Apple, der Britpop 3.0… zahllose andere Kulturobjekte, keine Frage: Retrodesign ist Emotion. Retrodesign ist zum guten Teil sicher Teil der Gegenwart – Konsumimpuls durch emotionalisiertes Design, Stimulanz von Kindheitsfragmenten und kollektivem Unbewussten.

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Aber Retrodesign ist eben nicht Zukunft. Jedenfalls hoffentlich nicht. Es sei denn, die Zukunft IST die Vergangenheit. Es wäre traurig, sich so bereitwillig dem neoliberalen Ende der Geschichte, dem Ruf nach preiswerterem und dozilerem Immerwiederaufkochen von Vergangenheit hinzugeben, die Hoffnung fallen zu lassen, dass es etwas originär Neues – beziehungsweise eine evolutionäre Fortschreibung der (Kunst-)Geschichte -  geben könnte. Es ist als Grundhaltung eine Müdigkeit, die falsch ist für jedes Handwerk. Es ist nicht zuletzt der Wunsch bestehender Systeme, sich sozusagen selbst memetisch-kulturell als «unveränderbar», als (r)evolutionsresistent zu definieren… wenn Design und Kunst nur noch aus Rückgriff bestehen, wenn keine Visionen für Morgen oder Utopien für andere Gesellschaftsformen mehr bestehen, dann ist politisch auch die «Gefahr» für einen politischen und sozialen Paradigmenwechsel eben gering – insofern, überspitzt gesagt, ist Retrodesign eben auch die hübsch bestickte Kuscheldecke eines reaktionär-konservativen Wellness-Kapitalismus. Was man nicht denken kann, was Kunst und Kultur als Entwurf (als Design also) gar nicht erst vordenken, das kann man auch gesellschaftlich nicht umsetzen. Insofern ist Retrodesign durchaus so kritisch zu betrachten wie die in Orwells 1984 aufgezeigte Restriktion sprachlicher Codes durch «Neusprech». Design sollte nicht Tiefkühlkost sein, die aus Fertigbestandteilen aufgewärmt wird… im Gegenteil, Design sollte der brennende Hunger auf Morgen sein. Ob im kleinen, etwa beim Auftritt eines Unternehmens oder im großen, gesamtgesellschaftlichen Kontext: Gutes Design ist Wandel, Veränderung, Restrukturierung, Optimierung, Infragstellung des Status Quo. Was wir also brauchen – als Designer aber auch als Gesellschaft – ist natürlich der Wille zu Wandel und Aufbruch. Gerade Designer als Agents of Change, als Wegbereiter und Boten des positiven Wandels, sollten sich nicht rückwärts definieren. Retro darf Design nur insofern sein, dass wir auf den Schultern der Designgeschichte stehen – und bewusst der Möglichkeiten, die sich hier bieten – nach vorn sehen. Da sind die Architekten durchaus weiter als wir – die zitatenlastige, wenig moderne  Reimagination des Adlon-Hotels in Berlin wurde nicht ohne Grund ebenso angegriffen wie der billige Ansatz, den Schlossplatz in Berlin einfach historistisch zu rekonstruieren.

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Derartige – im Kern ja eigentlich ahistorische, weil Geschichte nicht als fortlaufenden und thermodynamisch einmaligen Prozess verstehende – Geschichtsverkleisterung sieht die Branche zu Recht als anachronistisch und altbacken an – Architektur will zeitgenössisch sein, modern, mit dem Gesicht der Zukunft zugewandt, auch wenn der Wind da etwas rauher ist. Stilzitate ja, aber eben weitergedacht, umgewandelt und als Element einer an sich stets fortschreitenden ästhetischen, experimentell und mitunter gern auch avantgardistischen Profession. Aus der Vergangenheit lernen, aber für die Zukunft gestalten. Wir Designer dürfen uns das ruhig abschauen – die Leidenschaft für hypermoderne Technik und Materialitäten, den bei Architekten bereits eher angekommenen Umweltgedanken (wo ist der LEED-Standard für das Grafikdesign?), das städtebaulich-strategische Denken, den Wunsch nach urbaner Transformierung, den Schimmer von Futurismus. Retro ist in der Architektur keine Tugend und kann es auch für Grafikdesign eigentlich auch nicht sein. Retro funktioniert als kurzfristiger Push-Button der Kindheitserinnerungen, der emotionalen Fragmente – und somit am besten in der Werbung (zugegeben, die Trennung zwischen Design und Werbung wird immer dünner). Wer Prilblumen lustig als grafisches Element zitiert – und vergisst, wie die Rollenverteilung der Geschlechter in der ursprünglichen Prilblumen-Zeit aussah, oder warum die tristen Küchen mit bunten Stickern etwas Individualität brauchten – dringt nicht in die potentielle Tiefe von Design, sondern bleibt an der illustratorischen Oberfläche, bei reinen visuellen Effekten. Das ist bedrückend wenig für eine Branche, die sich «Kommunikation» (und nicht «Grafik») an ihre Türen schreibt, oder?

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Insofern ist der jugendliche Optimismus, den die Autoren mit Retrodesign verbinden – aber dies ist natürlich nur meine persönliche Meinung – nicht in dieser Form angebracht und reduziert Design auf das Zitat, den Remix, das Mash-Up kultureller Fragmente. Tatsächlich lese ich Retrodesign eher als Warnung, nicht andere kunsthistorische Epochen zu klonen, sondern selbst eine eigene klare, frische und zeitsymptomatische Semantik in Kunst, Architektur, Objekt- und Mediendesign hervorzubringen.

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Und was will man mehr als von einem Buch – auch wenn die Autoren es vielleicht gar nicht primär beabsichtigen – als die Sinnlosigkeit und den Stillstand von Design über Jahrhunderte und Dekaden hinweg eben Seite um Seite gezeigt zu bekommen: Beispiele für ein Designverständnis, dass nichts anderes tut als alten Wein in neue Schläuche zu füllen? Retrodesign ist es allein schon wert, gelesen zu werden, um mit eben Retrodesign als gestalterischer Strategie bitte ein für alle Mal aufzuhören.

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Zugleich macht das Buch aber auch klar, dass es zum einen für einen Designer nicht schaden kann, einen zumindest kursorischen kunsthistorischen Überblick zu haben – den genau Retrodesign auch sehr gut vermittelt. Gut gegliedert vermag das Buch dem vielleicht ziellosen Herumzitieren gerade vieler Studenten ein Wissensfundament zu verleihen, Bewusstsein zu schaffen für die Grenzen und Möglichkeiten des Zitatenstadls. Mit dieser kritischen Haltung im Hintergrund, auch das vermittelt das Buch, kann der Stilmix und das Zitat, natürlich auch gezielt eingesetzt werden und – vom Kitsch zum provokativen Angriff auf die Bastion ewiger Werte gewendet – kommunikative Speerspitze sein oder auch einfach auch nur mal Spaß machen – es ist sicher nicht die Zukunft des Designs, aber eben auch nicht der Untergang des Abendlandes, sondern eines der vielen, vielen Mittel zum Zweck, einer der vielen Pfeile im Köcher des Designers. Es ist ein assoziativer, spielerischer Umgang mit kulturellen Prefabs, die in fähiger Hand ja durchaus zu überzeugenden neuen Lösungen zusammensetzbar sind – und zugleich arbeitet jeder Mensch natürlich unweigerlich mit der Fülle seiner Erinnerungen und Eindrücke, also muss und darf unweigerlich die Vergangenheit und ihre Ausdrucksformen in die Arbeit von Design einfließen.

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Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, daran lässt Retrodesign keinen Zweifel aufkommen und gibt zugleich Inspiration, vielleicht mehr als stets die gleichen stockphoto-artigen Ranken und Blumen und 50s-Assoziationen zu benutzen und nach anderen Inputs zu suchen. Wobei ich zugeben muss, dass ich das mit Mitte 20 auch anders gesehen habe, die Kritik am Recycling-Design kommt mit dem Alter und der Langeweile am Wiedergekäuten, der reinen Oberfläche. Den beiden Autoren ihre Begeisterung für «Styling» vorzuwerfen ist insofern vielleicht deplaciert – sie haben die Ennui mit Oberflächendesign vielleicht einfach noch vor sich und können sich noch für den «Style» mehr begeistern als für die Substanz, das schicke »Wie ist es gemacht)» wichtiger finden als das trockenere «Was soll es sagen?»… was ja bis zu einem gewissen Grade eben auch in Ordnung ist, man durchläuft ja unweigerlich Phasen im Leben eines Gestalters. Dass ich selbst mit 40 Substanz und Aussage, Klarheit und Effizienz suche und mir eigentlich erscheint, dass die visuelle Umsetzung sich dann fast zwangsläufig aus einer überlegten strategischen Betrachung der Aufgabe ergeben wird, muss und darf und sollte nicht unbedingt das Denken von 20jährigen Jungdesignern prägen, die natürlich bitte Sturm und Drang machen sollten, ansonsten hätte es Cranbrook und damit später eben den im Buch oft zitierten David Carson nicht gegeben.

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Zugleich ist auch klar, auch den Autoren selbst, so scheint mir, dass hier nur ein Teilbereich schaffenden Designs beleuchtet wird – die Aufgabe eines Buches mit dem Titel Retrodesign kann und soll ja nun mal nicht sein, Design jenseits des Zitates vorzustellen. Es ist sozusagen ein Design-Genre-Buch, wie auch Western, SF oder Horror und Belletristik nur Genre der Literatur darstellen. Die Schlussfolgerung, dass alles Design unweigerlich Retro sein kann/darf/sollte, wäre insofern sicherlich falsch und sicher auch nicht von den Autoren beabsichtigt. Im Gegenteil, Retrodesign lässt keinen Zweifel daran, dass es vor allem darum geht, die Wandelbarkeit, den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten schöpferischer Arbeit zwischen Kunst und Dienstleistung zu feiern.

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04. Fazit
Von einem Buch – selbst aus dem Hermann-Schmidt-Verlag – darf man keine Wunder verlangen. Insofern ist Retrodesign natürlich unweigerlich nicht in der Lage, eine Jahrhunderte überspannende kulturelle Entwicklung wirklich detailliert auszuleuchten. Anlass zur Kritik wird es also immer an einigen Stellen geben können, weil der Mut zur Lücke unweigerlich eingebaut sein muss – ansonsten kann man ein solches Buch kaum angehen und muss in stocksteifer Respektstarre vor der historischen Wucht verharren. Obgleich ich persönlich das Design des Buches etwas unausgewogen finde – die rein sachlichen Seiten mag ich sehr, aber die eher gestalterischen Doppelseiten weniger, manches ist schon an der Grenze zum reinen Selbstzweck – ist es eine bisher so nicht dagewesene Querschau bisheriger Stileinflüsse und ihrer Protagonisten, mit einer bewundernswerten Sammlung herausragenden Materials. Als jemand, der selbst im Bereich Typographie einen historischen Abriss vom Art Deco bis in die 90er als Vortrag verfasst hat, weiß ich, wie schwer an exzellentes Bildmaterial zu kommen ist, und allein hierfür gebührt den beiden Autoren unbedingter Applaus.

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An einer final überzeugenden einheitlichen Ordnung und vertiefenden kritischen Haltung zu «Retro» mangelt es hier unweigerlich, aber das ist die logische Konsequenz eines Buches, das sicher weniger dem wissenschaftlichen Diskurs als vielmehr der Inspiration und Übersicht dienen will, dass zu Recht den Spaß an der Sache über die Substanz stellt. Dass die Autoren selbst sich für Retrodesign begeistern, kann und sollte man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen wollen – wer das Stilzitat ablehnt, würde wohl kaum so viel Zeit in ein so liebevoll kuratiertes Buch stecken wollen.

Letztlich ist das Buch trotz einiger Kritikpunkte in den Details für unter hundert Euro einfach prachtvoll gemacht, liebevoll zusammengestellt, geschrieben und gestaltet – ganz deutlich sichtbar das Ergebnis harter und begeisterter Arbeit, gut zu lesen, wunderschön anzuschauen und insofern ein Buch, dass man, wenn man sich mit Design beschäftigt und nicht völlig frei von Zitatanflügen arbeitet, zu diesem Preis eben absolut selbstverständlich in sein Regal stellen darf und muss. Es ist ein schönes Manifest, das Debatten anregen dürfte, gerade weil es Design etwas unkritisch als rückblickende Tätigkeit betrachtet.

Aber wie sagen Karin und Bertram Schmidt-Friderichs in ihrem Verleger-Vorwort so schön: «Rückblicke sind nötig, um vorausschauen zu können.» Insofern darf und kann man hoffen, dass ein Kompendium wie Retrodesign den Blick frei macht für die Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten.

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Retrodesign:Stylelab gibt es unter anderem bei Amazon, im Shop des Verlages, und idealerweise direkt beim kleinen Buchhändler eures Vertrauens. Think local :-D

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Douglas Coupland: Girlfriend In A Coma

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Girlfriend in a Coma ist ein seltsames Buch, interessant am ehesten unter dem Aspekt, einem Autor bei dem Versuch zuzusehen, aus seiner schriftstellerischen Nische zu entkommen. Es fühlt sich an, als würde Coupland versuchen, eine Art magischen Realismus à la Jonathan Carroll zu schreiben. Nicht umsonst beginnt das Buch mit einem Ich-Erzähler, der sich als Geist vorstellt, im Grunde das gesamte Thema des Buches in einem Satz zusammenfasst – um dann für 2/3 des Buches wieder zu verschwinden. Im folgenden widmet sich Coupland Richard und Karen, die nach ihrem ersten Sex mit Richard für die nächsten 17 Jahre in ein Koma fällt (Sex is bad, kids!). Angesichts des schon bei den Smiths entliehenem Buchtitels schickt und Coupland durch ein mit Morrissey-Zitaten angereichertes Nichts )wohlgemerkt, die Zitate erscheinen auch schon in den 70s, also bevor es die Band eigentlich gab, präkognitiv sozusagen), in dem der Freundeskreis damit beschäftigt ist, nichts zu tun. Coupland wärmt hier seine stillstehende posthistorische Generation X auf, die sich durch die Siebziger und Achtziger schlagen, Supermodels werden und trotzdem in ihre Heimatstadt Vancouver zurückkehren, bei den X-Files arbeiten, Heroin nehmen, um die Welt reisen um die großen Antworten zu finden und irgendwie eine Menge machen, ohne das wirklich was passiert. A lot goes on but nothing happens, das ist dann auch das Feeling des ersten Teils des Buches, in dem Couplands quintessentielle Slacker wie zerbrochene Spielzeuge durch den Plot gezogen werden, als lebende Kritik an der durchhängenden, nichts aufbauenden Generation, für die sie stehen. Hätte Coupland es bei diesem mitunter etwas langatmigen, in seiner Boshaftigkeit aber auch faszinierenden Part gelassen, wäre Girlfriend ein zumindest halbwegs erträgliches Buch geworden. Im zweiten Teil erwacht Karen aber unter mysteriösen Umständen aus ihrem Koma – da hat anscheinend wirklich jemand zu viel X-Files gesehen -, begegnet der Tochter, die sie im Koma geboren hat, allerlei mysteriöse Dinge geschehen – und kurz darauf steht die Welt still. Während zuvor nur metaphorischer Stilstand herrschte und die Protagonisten ihre Leben nicht voll auszuleben schienen, leben sie jetzt in einer postapokalyptischen Welt, wo ihre negativen Tendenzen – Drogen nehmen und Faulenzen – voll zum Vorschein kommen. Anstatt eine neue Zivilisation aufzubauen, wie sich das für postapokalytische Amerikaner (well, Kanadier eigentlich) gehört, hängen sie einfach ab und schauen sich Videos an… bis ihnen der Geist von Jared die Leviten liest und eine Chance gibt, die Welt wiederzubeleben, wenn sie ihr Leben ändern.

Progress is Over heißt ein Kapitel des Buches, und ebenso stumpf ist auch Couplands Message: Fukoyamas Ende der Geschichte ist Unsinn, unsere Generation muss sich anstrengen, gewinnt den US-Pioniergeist zurück, you have a mission. Raus aus der Postmoderne, rein in die Kartoffeln. Während der erste Teil des Buches Coupland auf Autopilot zeigt, gibt es in der Mitte einen klaren Bruch,so als würde sich der Autor mit seinem eigenen schriftstellerischen Werkzeug langweilen und mal etwas ganz anderes probieren wollen, was an sich großartig wäre – der stets extra-lakonische, popkulturzitierende Gen-X-Schreibstil wird ja auch schnell anstrengend -, nur leider hat Coupland ganz offensichtlich einfach gar kein anderes Werkzeug. In übelster Manier entwickelt er eine pseudo-mystische, pseudo-übersinnliche Geschichte, die Plumpheit kaum zu überbieten ist. Während der erste Teil des Buches langsam ist, aber durchaus seine Momente hat, ist der zweite und dritte Akt so derart amateurhaft geschriebene Stephen-King-Fanfiction, das man es kaum glauben mag: Das Ende wirkt, als habe Coupland es übernächtigt ohne jede Planung und mit einem massiven Hangover auf einem Nachtflug nach Japan geschrieben, es macht weder im Sinne einer bündigen Handlung einen guten Eindruck, noch ist die moralische Botschaft in diesem unfassbaren Holzhammer-Härtegrad erträglich.

Coupland präsentiert die Gegenwart gemessen an den Träumen der 17-jährigen in den Siebzigern als Alptraum. Mit Karens Augen erleben wir eine Welt des Stillstandes, der zerbrochenen Träume, von zuviel Medienkonsum, Drogen, Selbstzweifeln, inmitten vergifteter oder zielloser Ambitionen, in der sich ihre Freunde bestenfalls durchhangeln oder eine Art gleichgültiges Pausen-Dasein ohne Ziele führen, in der das Vakuum von exzessivem Technologiegebrauch gefüllt wird. Der Kunstgriff, Karen zwei Dekaden überspringen zu lassen, sollte absolut reichen, um eine deutliche Kritik an der lethargischen Jetztzeit und den Verlust von Idealismus und Unschuld der Jugend zu ermöglichen. Anscheinend fand Coupland seine Botschaft aber noch nicht eindeutig genug, deshalb bekommen wir im zweiten Teil Visionen, den kompletten Weltuntergang – mit Ausnahme von einer handvoll Leuten in Vancouver, hust, die zufällig unsere Protagonisten sind, these things happen – kryptische Geister/Engelserscheinungen von Jared, der seinen Ex-Freunden teilweise schreckliche Dinge antut, aber sie anscheinend nur wach rütteln will. Am Ende wird die Welt wieder hergestellt, wie sie war kurz bevor Karen aus dem Koma erwachte und der Freundeskreis von Richard, Linus, Wendy und Co hat eine göttliche Mission zu erfüllen… als Leser bleibt man hingegen kopfschüttelnd zurück, weil man zusehen durfte, wie ein Autor seinen etablierten Schreibstil verwirft, um essentiell noch schlechter zu schreiben. Couplands postmoderne, oft sardonischer Stil à la Microserfs ist eine Sache, die man durchaus kritisch sehen kann, aber DEN beherrscht er wenigstens – während der unbedarfte eindimensionale Stil gegen Ende des Buches bestenfalls als Experiment eine Art Anti-Coupland zu erfinden interessant sein kann, aber nun wirklich keine Publikation wert ist. Faktisch sagt Coupland in Girlfriend recht deutlich, das der Stil, wegen dem man seine Bücher bisher eigentlich gelesen hat, aus seiner Sicht Müll ist, die Haltung dahinter falsch ist und jetzt alles anders werden muss… nur, dass anders und neu hier eben nicht besser ist, sondern ein entsetzlich transparenter und anstrengender Hau-Drauf-Stil aus einem Schreibkurs für Anfänger.

Es ist natürlich wichtig, dass Autoren sich ausprobieren und weiterentwickeln. Aber ich habe selten einen so hölzernen, zweitklassigen moralinsauren Exkurs gelesen, der so voller Selbsthass und Hass auf die eigene Generation und Zeit steckt, der sich kaum mehr um ein narratives Gerüst kümmert, sondern statt dessen die Form eines langen – dazu noch aus dem Jenseits offiziell authorisierten – Vortrag über den Sündenfall der Menschheit annimmt. Letztenendes wird die Kritik auch im ersten Teil des Buches unter dem «alten» Coupland deutlich, aber niemals so plump und einfältig wie in Part II unter Coupland 2.0. So beginnt das Buch durchaus vielversprechend und endet als Volldesaster – und das ist noch um einiges schlimmer als ein Buch, das wenigstens die Fairness besitzt, von der ersten Seite an Müll zu sein… da weiß man wenigstens, woran man ist. ;-)

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