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Pastoralia

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George Saunders Kurzgeschichten-Sammlung beginnt mit einer Story, die ursprünglich nach der Jahrtausendwende im New Yorker erschien und passenderweise zurück in die Zukunft führt, in eine diffus-dystopische Welt, deren Charakter wir nie ganz festmachen können. Unser Ich-Erzähler arbeitet hier in einem Vergnügungspark als Höhlenmensch, rund um die Uhr, gemeinsam mit der neurotischen Janet über die er alltäglich einen positiven Peer-Review an seinen Vorgesetzten sendet, obwohl Janet nicht nach den Regeln spielt und beispielsweise Englisch in der Höhle spricht. Isoliert von seiner Familie, die er er nur per Fax erreichen kann, unter Druck von seinem Boss Nordstrom, der Janet loswerden will, verängstigt durch die Parkleitung, die mit bizarren Faxbotschaften, Essensrationierung und Kündigungswellen wie ein irrationaler Gott in Erscheinung tritt, ist der Erzähler zugleich einsamer Astronaut und Sinnbild des ultimativen kleinen Angestellten, der selbst als er sich endlich zu einer Bewegung, zu einer Änderung, zu einem ehrlichen Verrat aufrafft, kein Glück im System finden kann.

Saunders Geschichten wirken wie hochliterarische Versionen des von P.K. Dick vertrauten Motivs des kleinen Mannes in surrealem Setting, der sich Hilfe erhofft – und sei es von Psychoratgeber-Gurus – und am Ende doch im Stillstand verharrt. Mit einem herausragenden Gespür für Charaktere und Situationen schafft Saunders eine stets unsichere, wippende Balance zwischen alltäglicher Banalität und bizarren Settings und zeigt so in einem sauberen Aufwisch mehr von Amerika, als man ohne seine Kippelbilder sehen könnte. Dass er dabei brüllkomisch sein kann, tut der Sache keinen Abbruch. Wenn Saunders beispielsweise eine lebende Leiche ausgerechnet Tante Bernie tauft, weiß man nie ganz genau, ob hier der Autor seinen Spaß hat oder doch nur der Zufall am Werk ist. Und gerade wenn du denkst, Saunders ist zu einem Happy End nicht in der Lage, überrascht er dich mit einer Vignette, deren Ende nicht stagniert, sondern mit leichter Note nach oben schwingt.

«Pastoralia» ist ein atemberaubender Widerspruch von einem Buch, eine hochwitziges Sammlung über semi-tragische und lächerliche Figuren, die zu Herzen gehen und in deren absurde Sitationen und Probleme Saunders seinen Leser bereits mit wenigen Zeilen verstrickt hat. Es beeindruckt, mit welch tänzerischer Leichtigkeit Saunders surreale und bizarre Injektionen in die Tristesse seiner Protagonisten vornimmt – oder aber das Surreale unfassbarerweise trist wirken lässt, wenn selbst das Leben als virtueller Höhlenmensch eigentlich nur die Wirklichkeit eines lästigen Bürojobs widerspiegelt oder die wiedergegorene Verwandte, die vor deinen Augen zerfällt, einfach genauso nervig ist wie andere Familienmitglieder schon zu Lebzeiten. Am Rand des Zerrspiegels darfst du dich als Leser dabei selbst entdecken und an der Unwirklichkeit der eigenen Wirklichkeit amüsiert verzweifeln.

Typoversity 2

Auch im zweiten Band bleibt Typoversity eine Ausnahmepublikation. Anders als die Magazine der Hochschulen selbst ist der Fokus auf Schrift und Gestaltung mit Schrift, aber auch der Rundum-Blick über die FH-Szene spannend, nicht nur, um die Ansätze der verschiedenen Bildungsträger zu vergleichen, sondern auch um junge Talente zu finden. Aber auch, um zu sehen, wie experimentell – oder oft auch bestehenden Trends nacheilend – die Designtrends in den Studiengängen sind. Liebevoll aufgemacht, lesens- und anschauenswert, ist der zweite Band hoffentlich ein Baustein zu einer festen Serie, die nicht zuletzt auch angehenden Studenten helfen kann, zu entdecken, welche Hochschule die meisten Potentiale aufweist.

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Schrift und Identität

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Auch wenn es noch nicht erschienen ist, gehört dieses Buch auf die Merkliste:

Andreas Uebele versteht es als Dozent anscheinend – ganz im Sinne eines Willy Fleckhaus – seine Kurse auf einen harten Kern engagierter Studenten zu komprimieren. Anders kann ich mir nicht erklären, dass an diesem studentischen Projekt am Ende nur noch vier Herausgeber übrig sind, Christian Fischer, Johannes Henseler, Ilona Pfeifer, Philipp Schäfer, die betreut von dem Stuttgarter Designer an der Düsseldorfer FH das Thema Internationale Verkehrsbeschilderung in Buchform gebracht haben. Das bei Niggli erscheinende Werk ist bemerkenswert, weil es weder ein Lehrbuch ist (obgleich geradezu manische Detektivarbeit darin steckt), aber auch kein rein studentischer Showcase-Band (obwohl absolut sehenswerte grafische Abenteuern zwischen den Buchdeckeln aus der Abstraktion und Spielerei mit der Signaletik stattfinden). Mit eröffnenden Texten von Typo-Größen wie Erik Spiekermann, Indra Kupferschmid, Florian Adler, Albert-Jan Pool und Sven Neumann ist «Schrift und Identität» einerseits hochgradig lesenswert, auf der anderen Seite ist fesselnd, wie die Studierenden aus dem vermeintlich eher trockenen Thema der Straßenbeschilderung in verschiedenen Staaten magische, wunderschöne und witzige Momentaufnahmen abgewinnen. Die 300 minimaoistisch-trocken durchgestalteten Seiten sind eine fesselnde Reise durch die nur scheinbar selbstverständlichen Orientierungsmodi anderer Länder, ein typographischer Tourismus erster Güte – und nicht zuletzt ein wahnsinnig und zugleich großartig anmutendes Studentenprojekt, das kommerziell so tiefgründig und gaga zugleich gar nicht denkbar wäre. Und hoffentlich, wenn es auf den Markt kommt, entsprechend viele Leser finden wird.

Update: Das Buch ist ab Ende August jetzt auch in Deutschland erhältlich.

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Manuel Gonzales: The Miniature Wife

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Manuel Gonzales Debüt «The Miniature Wife and other Stories» ist eine umwerfende Sammlung von Kurzgeschichten, die sparsam und trocken, ohne dabei allzu lakonisch zu werden, das Absurde mit dem Alltäglichen verknüpfen. Die Ideen seiner Geschichten scheinen P.K. Dick, Kafka, Lem oder Jonathan Carroll entsprungen zu sein, die Umsetzung hat aber die staubtrockene Fast-Ironie eines W.G. Sebald, einen kaum mehr wahrnehmbaren und genau darin offenbaren Humor. Gonzales «Magic Realism» belastet sich nicht mit Erklärungen und Gründen, wenn etwa ein entführtes Flugzeug runde 20 Jahre über Dallas im Kreis fliegt, winkt der Autor Fragen nach Benzin oder Ernährung mit den wunderbar beiläufigsten Erklärungen («perpetual oil») beiseite, denn die Frage ist für ihn nie, wie plausibel seine – eben selbstverständlich völlig unwirklichen – Ausgangsmomente sind, sondern wie sie sich konsequent entwickeln und entfalten. Das kann eine wunderbare Matheson-Farce sein wie in der Titelgeschichte, aber auch eine an Borges erinnernde beklemmende Surrealität kippen, wenn wir grund- und haltlos in Gonzales fremde Welten entrissen werden. Gonzales wechselt von einem an Roald Dahl auf Speed erinnernden, fast fröhlichen Stil so nahtlos zu doppelbödiger Ernsthaftigkeit und sparsamster Metaphorik, dass dem Leser Schleudertrauma droht.

Es ist kein Zufall, das Gonzales mitunter an den jungen Stephen King erinnert, der in den siebziger Jahren mit einem einzigen Halbsatz Figuren so sparsam wie treffend umreißen konnte, allerdings ist in Gonzales Geschichten das phantastische Element, das Kippen der Realität nicht Selbstzweck, sondern nur die Linse, durch die der Autor die Wirklichkeit betrachtet, indem er seine Protagonisten aus ihrer Safety Zone stößt. Obwohl durchaus zu Schockmomenten in der Lage, ist Gonzales zu talentiert, um «nur» Horror zu schreiben. Seine Literatur nutzt den Abschied von der Ordnung, die Entrückung aus der Balance, um mit klinischer Kühle in die Köpfe seiner Protagonisten zu blicken, die er mit der Präzision einer psychologischen Versuchsanordnung konsequent in die Irre laufen lässt. So wie Philip K. Dick aus der surrealen Grundidee durch eine Pokertisch-taugliche Ernsthaftigkeit dem Bizarren eine ganz eigene Folgerichtigkeit verlieh, funktioniert auch Gonzales – und erschreckenderweise eben auch die Wirklichkeit. Es sind Gesichten für die Zeit, in der wir leben, in der wir uns an Terrorattacken und Nuklearunfälle, an Roboter und Allzeit-Vernetzung mit einer Art Lässigkeit gewöhnen, die von außen betrachtet absurd wirken muss, von innen heraus aber die einzige Möglichkeit ist, weiterzubestehen. Dieses Konzept des Durchwurstelns auch unter den absurdesten Bedingungen schraubt Manuel Gonzales lediglich auf höchste Höhen – der Horror ist bei ihm die Normalität des Weiter-so.

Out of Focus

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Peter Olpes bei Niggli erschienenes Buch «Out of Focus. Lochkamerafotografie und Lochkameras» mutet wie ein Manifest wider die digitale Bilderflut an. Der 1949 geborene Grafiker und Fotograf ist selbst begeisterter Entwickler und Nutzer von Lochkameras und hat in diesem Buch die Arbeit von fast 40 namhaften Bilderbüchern versammelt, die mit Olpes teilweise individuell gefertigten Kamera-Konstruktionen eine Vielzahl von überraschend unterschiedlichen und vielseitigen Bildern erstellten, die den Ruf der Lochkamera als Lo-Fi-Gerät oder reines Gimmick Lüge strafen. In zeigen überscharfer Megapixel-Photographie hat, eben im Gegenteil, die spezielle Optik der simplen und hochehrlichen Pinhole-Kameras, die nahezu direkt das Licht auf den Film bannen, eine spezielle Magie, die Olpe in einem wunderbar sparsam und gekonnt gestalteten Bildband unter Beweis stellt.

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Safe

»It’s okay,« said Joseph, holding up his disfigured hand, »it’s totally safe.«

Kevin Wilson, The Family Fang

William Gibson: Distrust that particular flavor

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Es ist fast verblüffend, dass William Gibson im Vorwort dieser Sammlung von Artikeln und Vorträgen so vehement sein Unbehagen mit nicht-fiktionalen Texten bekundet. Sind doch seine Bücher perfekte Fusionen von Realität und Erfindung, wobei nie ganz klar ist, was eigentlich echt und was fiktional ist. Wer ein derartiges Talent besitzt, das Reale in die Literatur einfließen zu lassen, dem sollte es doch leicht fallen, den umgekehrten Weg zu beschreiten, oder?

Vielleicht ist sich Gibson der Fragilität der besonderen Art von Lüge bewusst, die spezifisch seine Art zu schreiben darstellt, diese hauchdünne Illusion von Realität – und darüber, wie diese Fata Morgana des Gibsonverse fadenscheiniger wird, an Substanz verliert, wenn man nicht den Roman mit der Surrealität der modernen Welt anreichert, sondern umgekehrt, die Reportage zum Vehikel literarischen Nachdenkens macht.
Bereits der erste Text, eine Art Meditation über Dead Media (Tragbare Radios, 8-Spur-Kassetten usw.) und wie sie in den Nischen der Zivilisation überleben, und vor allem der dahinter gestellte kurze rückblickende Kommentar aus dem »Heute« (spannend wäre übrigens, wenn eine neuaufgelegte Edition 10 Jahre später diese Kommentare wieder reflektiert kommentieren würde) machen eine Fusion aus journalistischer Neugier, autobiographischen Interessen und schriftstellerischer Gabe deutlich, die trotz Gibsons Kritik an der eigenen Arbeit beeindruckend ist, zumal der Text quasi nebenbei die heutige Medienkonvergenz hervorsagt.
Wie nebenbei entspinnt sich aus den Texten ein Bild des Autors, in Referenzen, in Nebensätzen, in den »speeches« sogar sehr direkt etwa über die Entscheidung, Romane nicht mehr in der mehr oder minder fernen Zukunft anzusiedeln, sondern vielmehr die Gegenwart mit den Werkzeugen der SF-Literatur anzugehen. Es sind diese indirekten Einblicke in das tastende Denken dieses Autors über Gesellschaft, Zukunft und das kreative Arbeiten, der durch digitale Medien ohnehin zu den öffentlicheren Menschen seiner Zunft zählen dürfte, die das Buch auszeichnen. So reflektiert ein Artikel vom Ende der 90er Jahre über Gisons Begegnung mit eBay und seiner Faszination für mechanische alte Uhren so präzise meine eigene Erfahrung, dass es fast erschreckend ist – und ist zugleich eine Zeitkapsel, denn nur knapp eineinhalb Dekaden später ist eBay zumindest für den Uhrenkauf mehr oder minder unbrauchbar geworden und das gesamte, damals noch so naive System des Online-Auktionshauses längst von professionellen Händlern und vom Betreiber selbst so unterminiert, dass es durch die Professionalisierung den ursprünglichen Charakter und Wert weitgehend verloren hat, so wie jeder Kinderflohmarkt nach und nach von Berufshändlern vergiftet wird.

Ob Eindrücke aus Japan, Buchempfehlungen oder andere Inspirationen, die Gibson freilegt – »Distrust« fungiert als angenehmer Exhibitionismus von Quellen und Mustern, die Gibson steuern. Dass er sich für soziale Autisten in Tokio ebenso interessiert wie für die Tamagotchi-Psychologie des Uhrensammelns wird jedem Leser seiner Bücher sofort einleuchten, für jeden, der den Autor wegen seines SF-Labels bisher gemieden hat hingegen, dürften diese kurzen Texte als Einstiegsdroge dienen. Quasi frei von dem Gewicht von Dialog, Charakteren und Handlung entpuppt sich hier ein William Gibson in reinster Form, der wie ein Taucher in fremde Welten hinabsinkt und verwaschene Polaroids von »da unten« für uns an die Oberfläche bringt. Was in seinen Romanen eine Art Kontext, eine Textur bildet (die mitunter zugegeben wichtiger ist als die eigentliche Romanhandlung), ist hier in der Essenz zu genießen: Der Autor als Anthropologe des Seltsamen, des Verschrobenen, der die Outcasts und die surrealeren Aspekte des Future Shocks auf den Punkt schreiben kann. Gibson erinnert in den besten Momenten insofern nicht ganz von ungefähr an Kracauer, der auf seine Art eben diesen technologischen, kulturellen und sozialen Schockzustand der 20er Jahre so unvergleichlich literarisch abzubilden vermochte. Die Textsammlung von Gibson wird diesem Anspruch nicht ganz gerecht – viele der kurzen Texte sind Vorworte von Büchern oder »fluffige« Texte für Magazine, aber wenn Gibson fliegt, dann ist er als Sachautor keinen Deut schlechter denn als Prosaschreiber. Im Gegenteil – manchmal scheint es, als wären seine Faszinationen ohne Handlung und erfundene Figuren klarer und hypnotischer, Sund wahrscheinlich mag Gibson genau deshalb seine eigenen non-fiktionalen Texte weniger, sie sind enthüllender. Zugleich zeigen sie, dass die Wirklichkeit heute, um Chuck Palahniuk zu zitieren so »stranger than fiction« geworden ist, dass Essays und Sachtexte oft zumindest ebenso fesselnd sein können wie die Romanform, aber dabei direkter, schärfer konturiert wirken.

Das es zwischendrin immer wieder spannende Einblicke in alltägliche und doch unvertraute Aspekte menschlichen Daseins gibt, die Gibson feinfühlig obduziert, dass es akrobatische Ablationen gibt, zusammengehalten von einer neiderweckenden sprachlichen Begabung, dass in den kleinen Texten ein bündiger, holographischer Mikrokosmos von Gibsons Arbeit steckt, etwa in dem atemberaubenden Hikaru-Dorodango-Artikel für das Tate Magazin – all das straft Gibsons bescheidenes Vorwort natürlich Lügen. Er ist ohne Frage ein brillanter Sachautor und es ist mehr als lohnend, ihn hier einmal von der anderen Seite seines Zauns zwischen Wirklichkeit und Fiktion Botschaften senden zu erleben, vielleicht gerade weil diese Wand ohnehin bei fast keinem Schreiber so durchlässig ist wie bei ihm.

Miranda July: It chooses you

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Es ist verblüffend, wenn das Ergebnis einer Schreibblockade spannender wird als das eigentliche Werk. »It chooses you« von Miranda July ist das Zeugnis eines erfolgreichen Scheiterns. Als die Autorin, Flmemacherin und Künstlerin bei der Arbeit an ihrem Film »The Future« in eine kreative Sackgasse gerät, taucht sie in eine Parallelwelten ein, indem sie Menschen portraitiert, die skurrile Dinge in einer Kleinanzeigen-Zeitung annonciert haben.

Dieser Rahmen bedingt in der Ära von eBay und Craigslist natürlich automatisch, dass July auf eine seltsame Untergruppe der Westküsten-Gesellschaft von Los Angeles trifft, Menschen ohne Computer, Menschen, die ihr Zeug per Inserat loswerden wollen – die Wahrscheinlichkeit, hier auf spannende Außenseiter, alte Menschen, soziale Freaks zu treffen ist hoch.

Und so gerät das Buch unweigerlich zu einer Art Tourismus, den July mit der Mischung aus Verwunderung, Abscheu und Begeisterung absolviert, wie man sie auch von Reiseberichten vergangener Jahrhunderte zu »primitiven« Kolonien kennt. So wunderbar die einzelnen Interviews an sich sein mögen, man wird den Beigeschmack von »Expedition ins Tierreich« nie ganz los, egal wie sehr die Autorin sich bemüht, egal wie sehr man ihr anmerkt, dass sie Distanz zu wahren versucht, die echten Menschen nicht als Inspiration missbrauchen will. Zugleich wird greifbar, wie schnell die Menschen, die July besucht, sich auf die Interviews einlassen, wie hungrig die nach Kommunikation sind. Ob Transgender Michael oder Bullfrog-Kaulquappen-Verkäufer Andrew, sie alle wollen der dünnen Dame mit dem sympathischen Lockenwuschel ihre Geschichte erzählen. Die Vergessenen sind nur zu bereit, ihre banal-berührenden Storys zu erzählen und für die distanziert-kühlen Bilder von Brigitte Sire zu posieren.

Die Lehre des Buches zwischen all diesen Skizzen von Immigranten und Rentnern, diesen marginal men und women am Rande des US-Mainstreams ist, dass das echte Leben vielseitiger und abwegiger ist, als Fiktion es jemals sein könnte. Entsprechend wirkt »The Future« manierierter und langweiliger, gewollt und somit angestrengt »anders« gegenüber diesen kleinen Schlaglichtern, die

Der Zusammenprall der Künstlerin, die sich auf der Karriereleiter nach oben zu arbeiten und als Filmemacherin zu etablieren versucht, und den längst Gestrauchelten, die zwischen die Ritzen des amerikanischen Traums gerutscht sind und diese gesellschaftliche Fiktion dabei nie ganz verloren haben, ist der Schatz des Buches. Es ist die Geschichte eines modernen Prekariats von Kreativen, die sich unter hohem Druck von Projekt zu Projekt hangeln, die hier der alten, längst in die Armut versunkenen Ex-Mittelschicht begegnet – und es ist ein Blick in ein Land, das seltsam Russisch anmutet, erschreckend primitiv, eine Zweite-Welt-Realität, deren Verzeiflung nur durch Nationalstolz wegparfürmiert ist. Da clasht die MacBook-bewaffnete neue Armut, die sich das knappe Geld als künstlerischen Lifestyle schönredet auf die alte Produktionsrealität, die vom Amerika der 70er und 80er wie ein dreckiger Rest in der Badewanne übrig geblieben ist, die Rückstände der Entkoppelung von Marke und Herstellung. Es ist das Festhalten am American Dream in dessen offensichtlicher Abwesenheit und der Optimismus der gebrochenen Menschen in Julys Interviews, die dem Buch quasi gegen seine eigene Naivität eine innere Kraft verleihen. Amerika wird immer ein Land sein, dass wir Europäer wenig verstehen. Warum in der gegenwärtigen Lage, nach der Finanzmarktkrise, tatsächlich ausgerechnet Blue-Collar-Wähler daran denken, Mitt Romney zu wählen, der genau die 1% der Gesellschaft repräsentiert (und aggressiv deren Interessen protegiert), die genau für Mittel- und Unterschicht längst zu Feindbildern hätten verwandelt sein müssen, ist aus hiesiger Sicht ein Rätsel. Julys Buch gibt eine Antwort auf dieses Paradox und zeigt, dass das Beharren auf der Überlegenheit des amerikanischen Systems umso verbissener wird, je weniger dies im Leben der Betroffenen individuell spürbar zu sein scheint. Dieser seltsame Nationalstolz mag belustigen oder betroffen machen und ist kollektiv sicher eines der größten soziologischen und wirtschaftlichen Probleme Amerikas, aber man kann kaum umhin, zu bewundern, wie die Protagonisten von Julys Interviews an dem Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos festhalten, obwohl oder gerade weil er sich in ihrem eigenen Leben so offenbar nicht niederschlägt.

Es ist diese in einem Roman kaum herstellbare Doppelbödigkeit der Figuren, diese Portraits von Außenseitern und schrägen Vögeln, die trotzdem irgendwie ein Herzstück der amerikanischen Nation darzustellen scheinen, die das Buch auszeichnen. Obwohl weit entfernt von der kargen Schönheit, die »No one belongs here more than you« aufweist, ist »It chooses you« deshalb ein wunderbares Dokument eines doppelten Breakdowns – der persönlichen Schreibblockade von Miranda July und der Aushebelung des American Way of Life.

Thomas von Steinaecker: Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen

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Ich gebe zu, käme Thomas von Steinaeckers »Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen« nicht mit vielen Vorschußlorbeeren und würde sein BR-Hörspiel »Meine Tonbänder sind mein Widerstand« nicht so absolut phantastisch sein… hätte ich dieses Buch nach den ersten zehn Seiten als glitschigen Besteller-Wannabe-Frauenroman beiseite gelegt. Zu perfekt ist die Camouflage des Tonfalls der Sex-and-the-City-Tussi, die Sex-on-the-Beach-Cocktails trinkt (weil das so schön frech klingt), sich kontrolliert übergibt, dusselige Vernissagen besucht, natürlich nicht der Kunst wegen, und deren innerer Monolog klebrig wie eine RTL-Soap klingt. Es beginnt wie eine dieser Romantic Comedies, in denen die aus Mitnahmebechern permanent Kaffee inhalierenden Karrierefrauen klischeehaft die Uhren und die Schuhe der Männer vergleichen und sich in High Heels durch die Handlung quälen, in deren weiteren Verlauf es unweigerlich den Macho-Typen gibt, der den Kontrollfreakfrauen natürlich die Karriereflausen austreibt, bis sie entdecken, das ihre wahre Bestimmung im Leben eben doch das Heimchen am Herd ist. Dass es hier nicht Sarah Jessica Parker oder Katherine Heigl ist, deren aufstiegsorientierten inneren Dauermonolog wir nicht mehr hören mögen, sondern eine Mittelmanagerin aus dem deutschen Versicherungswesen, macht es zunächst nicht besser, zumal die Details des Ganzen sich nur allzu verdächtig an das anschmiegen, was man über Verkäufer-Bonusurlaubs-Skandale in den letzten Jahren ohnehin immer wieder lesen konnte. Steinäcker, ein Meister der Täuschung, klingt auf den ersten hundert Seiten seines Buches verdächtig wie die Sorte Schrott, der bei den großen Fillialisten-Buchhandlungen in hoher Softcover-Auflage als Angestelltinnen-Eskapismus verkauft wird.

Wären da nicht die Tabletten, die Fluctins und Sonatas. Wären da nicht die 14 Müllbeutel entlang der Wand von Renate Meißners Wohnung. Der Mief der Matratze, die an Krebs gestorbene Mutter. Wäre da nicht ein Hauch sorgsamst eingepferchten Wahns bei dieser Frau. Wären da nicht die W.G.-Sebaldschen Photos, die die Geschichte unterfüttern, die aber in ihrer Beliebigkeit eher eine seltsame Surrealität heraufbeschwören, wie man sie auch von Max Goldts Text-Photo-Kombinationen kennt. Es ist Steinaeckers vertrauter Modus der gefälschten Biographie, der sich hier entfaltet. Renate Meißners Geschichte klingt so teuflisch echt nach Frauenroman, nach Klischees bis an die Grenze des misogynen (aus der Hand eines männlichen Autors) – all das ist schriftstellerisches Mimikri auf höchstem Niveau, bis du nicht mehr sicher bist, ob nun der Autor nicht weiß, dass der Song »Umbrella« eigentlich von Rihanna ist, oder ob seine Protagonistin ihn fälschlicherweise Beyoncé zuordnet. Das Gewebe von Fact und Fiction, von Strandlektüre-Niveau und einem darunter wummernden, deutlich böseren Beat, ist so wasserabweisend dicht, dass dir als Leser unter dieser Goretex-Maske ein wenig die Luft wegbleibt.

Denn einerseits liest sich das Buch durch diesen Stil natürlich schnurrig weg, leichte Amelie-Fried/Hera-Lind-Kost – andererseits schimmern aber, weniger durch das Entgleiten dieser Camouflage als vielmehr gerade durch ihre Perfektion, durch die Oberfläche giftige Sumpflichter hindurch. »Das Jahr…« nimmt mit Pokerface die Selbst-Optimierungsstrategien der Angestelltengesellschaft auf die Hörner, diese an Orwells Pferd »B oxer« erinnernde Selbstausbeutung. Renate hat Diagramme für ihre kausale Lebensplanung, Ordnungssysteme für ihre Kundenansprache, Statistiken für jedes nur denkbare Unglück. Sie hat Gesprächsführungskurse, in denen Gesichtsausdrücke analysiert werden belegt, sie kennt alle von der Stange gekauften Kommunikationstricks aus der Soft-Sell-Boutique, hat Tabletten zum Wachwerden, Tabletten zum Schlafen. Jedes Lachen, jedes Wort, jedes Kleidungsdetail ist geplant, abgewogen, auf die eigene Wirkung, den eigenen Erfolg hin. Sie ist das perfekte Kind des Kapitalismus, Täter und Opfer zugleich. Wenn sie in einer Sequenz schreibt, dass die 80er und 90er nicht »ihre« Epoche gewesen seien, dann glaubt man nur zu gerne, dass diese Frau erst in den neoliberalen Nullern ganz zu sich gefunden hat – und ist genau so wenig verwundert darüber, wie wenig Substanz hinter der Powerdress-Fassade ist. Dieses Vakuum ist an sich natürlich auch eine Klischeevorstellung, mit der Steinaecker aber anders umgeht, weil allein durch die Ich-Erzählstruktur das sonst schnelle und falsche Mitleid mit dem weiblichen Westentaschen-Gordon-Gecko gar nicht erst aufkommt. Selbst dann nicht, als Meißner zusehends in eine Art Paranoia abgleitet. Der Tablettenkonsum nimmt zu, ihren Arbeitsplatz sieht sie bedroht, ihre beste Freundin scheint seltsam hinter ihrem Rücken Fäden zu ziehen. Der Karrieretraumjob wird mehr und mehr von »Wall Street« zu »Lost Highway«. Dazu passt, das aus dem Nichts ein Premiumkunde aus Russland auftaucht, der in Deutschland Freizeitparks aufbauen und über Meißners Arbeitgeber Caverne versichern will. Die 98jährige Betreiberin allerdings, die auf einen persönlichen Besuch Renates besteht, könnte, da ist sich Meißner zusehends sicher, vielleicht auch ihre totgeglaubte Großmutter sein.

Mit der Reise nach Rußland kippt das Buch. Da die alte Frau Wasserkind durch einen Unfall den geschäftlichen Termin nicht wahrnehmen kann, verbringt Meißner einige Tage in der Kunstwelt des Parks, die große Weltstädte simuliert und deren Hotel in einer virtuellen Marsumgebung residiert. Uhren sind verboten und weil ihr Blackberry hier keinen Empfang hat, gerät Renate in eine Zustand, der an eine Therapieeinrichtung erinnert – Disneyland als Zauberberg. Obwohl sie anfangs ihrer inneren Uhr folgend immer wieder überlegt, was wohl gerade in München um diese Uhrzeit passiere, kommt die Zwangsurlauberin langsam zu einer Art Ruhe, während sie – nach versicherungstauglichen Schwachstellen suchend – in und hinter den Kulissen des von der Umwelt völlig isolierten Freizeitparks ihre Zeit totschlägt. Bis sie erfährt dass die Entscheidung des Controllers zur Schließung der gesamten Versicherungstochter München-Nord führt, sie also gefeuert ist. Nach einem fehlgeschlagenen halbherzigen Suizidversuch – zu irgend etwas müssen all die vielen Tabletten ja gut sein – trifft Renate endlich die 97jährige Frau Wasserkind, die, in diesen Glauben hat sich die Ex-Versicherungsfrau längst hineingesteigert, nun bitte unbedingt ihre Großmutter sein muss. Auch im furios geschriebenen Höhepunkt des Romans verliert Steinaecker nicht aus dem Blick, dass Meißner bestenfalls eine Anti-Heldin ist, eine egozentrische, trotz oder wegen aller Kommunikations-Seminare vor allem zutiefst sprachlose Figur, die durchaus verdient entfremded von Freunden und Verwandten ist, deren Prioritäten im Verlauf des Buches immer lächerlicher werden. Nie wird das greifbarer als in der Gegenüberstellung von Sofja Wasserkinds bunten, langen, von extremen Härten und großen Glücksmomenten geprägten und hocherfolgreichen Leben, in dessen Zentrum steht, anderen Menschen Freude zu bereiten und schaustellerische Träume zu erbauen… und dem Versagen von Renate, deren Lebensinhalt die vampiristische Kapitalisierung von Ängsten ist, deren gesamte Existenz manipulativ ist, die nicht ohne Grund seit ihrer Kindheit traumlos schläft. Nach der großartigen, seltsam aus dem Kontext des Romans herausbrechenden Erzählung der alten Frau Wasserkind kommt Steinaecker überraschend eilig zum Ende, so eilig, dass mehrere Handlungsfäden am Ende etwas verloren im Wind flattern, während eine in ihrem Scheitern binnen weniger Seiten geläuterte Renate Meißner jetzt im Wollpulli und in alten Jeans, mit Kuli und Papier statt mit Laptop und Blackberry im russischen Wunderland bleibt, in einem billigen Hotel, ohne Pläne für die Zukunft, aber einer neugewonnenen Freude an der Unmittelbarkeit der Natur.

Es ist eine seltsam lineare Einlösung des Titels – Meißner hört in der Tat einfach auf, sich (sozusagen von Berufs wegen) Sorgen zu machen und beginnt, ganz wortwörtlich, wieder zu träumen. That’s it. Ganz unironisch wird das Buch am Ende zur Anti-Burnout-Besinnungslektüre, zum verqueren Entschleunigungsplädoyer. Und als Leser muss man sich fragen, wofür Steinaeckers kunstvolle Konstruktion der scheintoten Renate Meißner dann da ist, wenn am Ende »Back to Nature« die denkbar einfachste Auflösung ist. Mir erscheint die plötzliche Läuterung dieser Figur zu plötzlich, zu unglaubwürdig, ebenso wie die sorgsam gelegten Fährten, die sich dann allemal als harmlos oder unwichtig erweisen, in der Summe etwas enttäuschen. Die Botschaft, dass Renate über den Umweg der Vergnügungspark-Kunstwelt aus ihrer kaum minder künstlichen Münchener Realität ausbricht und zu sich findet, aus ihrer eigenen seelischen Verarmung herausfindet, ist zu eindimensional für ein Buch, das auf über 300 Seiten so kunstvoll doppelbödig ist. Mir kippt es dann eben doch zu sehr in die Plotwandlung der »Läuterung« aus ebenjenen Hollywoodproduktionen über abgehobene Yuppiefrauen, nur eben ohne gutaussehenden romantic interest. Es ist eine entsetzliche homöopathische Botschaft, eine Art literarischer Kneipp-Kur für die Angestelltenseele, die sich in Meißner wiederfinden mag, und es wird der Boshaftigkeit, mit der Steinaecker seine Kunstfigur zuvor erschaffen hat, nicht gerecht. Es ist, als würde Frankenstein am Ende das Mädchen kriegen und versonnen in den Sonnenuntergang blicken. Das ist zu viel Läuterung in zu kurzer Zeit, und die Hoffnung, auch hier eine Doppelbödigkeit zu sehen, indem Meißner etwa endgültig in ihren paranoiden Vorstellungen, außerhalb der Wirklichkeit, angekommen wäre, ist leider auch nicht aus dem Text zu lesen. Das Problem ist, dass es kein Ende für die Figur von Meißner geben kann, dass der Versuch des Autors, ihr eine Richtungsänderung, den Wunsch nach einem anderen Leben, anzudichten, der Figur nicht gerecht wird, die zu verloren ist, um diesen Sonderweg einzuschlagen. Als Leser habe ich jedenfalls Schwierigkeiten, einer Figur, die über 300 Seiten lang zunehmend abstoßend ist und in deren Innenperspektive ich mich befinde, einen solchen Kurswechsel abzunehmen, nachdem sie gerade eben erst in dem Gespräch mit der alten Frau Wasserkind bewiesen hat, wie verloren und abgekapselt, egoistisch und ätzend sie eigentlich ist. »Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen« ist ein wunderbares Stück Mimikri-Literatur, in dem Thomas von Steinaecker wunderbar einen Zwischenstand der Angestelltengesellschaft konstatiert, als Literatur fortschreibt, was Cracauer als Sachtext begann, um dann unvermittelt und wunderbar ins Surreale abzugleiten und den Verlust von Lebensträumen und -energie an einer ganz anderen Biographie, die er Meißners gegenüberstellt, deutlich zu machen. Es ist etwas schade, vielleicht aber auch verständlich, dass ihm am Ende die Kraft verlässt, seine eigene Figur endgültig scheitern zu lassen, sondern ihr etwas aus dem Nichts heraus einen Ausweg anbietet, der zudem in seiner undifferenzierten Ablehnung der Fortschrittsgesellschaft etwas banal wirkt. Es ist der Versuch eines »romanhaften« Endes, eines sauberen Abschlusses, und gerade dadurch werden nicht nur konstruktive Schwächen des Buches deutlich (die völlig egal wären, wenn es durch ein offenes Ende eine ganz andere narrative Architektur aufwiese), es wird auch der Abgründigkeit der künstlichen Figur und ihrer Wirklichkeit nicht gerecht. Ich kann nur vermuten, dass Steinaecker am Ende doch Sympathie oder zumindest Mitleid mit seiner Schöpfung gehabt hat und ihr ein »Happy End« gönnen wollte, aber die Moral, sich sich dadurch ergibt und der Schluß, dass Meißner vor allem Opfer ist, weniger Symptom, weniger Mitläufer, ist schade. Die Beiläufigkeit, mit der der Autor eine andere Figur, Meißners Münchener Kollegen Martin, die es deutlich weniger verdient hat, in den Selbstmord treibt, zeigt die Bösartigkeit. Eine so komplex konstruierte Figur wie die Meißner, die so vorsichtig zwischen Serienklischées und einer darunter verborgenen tieferen Wahrheit austariert ist, hätte vielleicht mehr verdient als ein Besinnlichkeits-Finish, sie hätte furios in ein offenes Ende gehen sollen, als der ungebrochene Held, der sie in ihrer eigenen Wahrnehmung ja durchgehend ist.

Aber wer weiß, vielleicht darf man es sich ja böser erträumen als die Vorlage es hergibt und am Ende sitzt die Meißner ja dann tatsächlich in einer neuen Wahnvorstellung gefangen, in einer psychotischen Blase des Wellness-Aussteigertums, der alte Größenwahn, nur in einer neuen Richtung… es wäre ein verdientes Ende.

Clemens J. Setz: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

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Nach dem 700 Seiten umfassenden Monolith »Die Frequenzen« beweist der junge Grazer Clemens J. Setz, dass er sich ebenso gut, wenn nicht besser, auf die kurze Form versteht. Short stories sind eine etwas aussterbende Gattung, Warschauer ist, zumal sie vor allem im Web aufblühen sollten. In aller Regel hängt hier die Messlatte enorm hoch – Hemingway, Poe, Carver, Kafka, Hampel haben jeweils in ihrer eigenen Art die Kürze zur Kunst gemacht. Franz Kafka ist dann auch nicht von ungefähr ein Name, der bei der Lektüre von »Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« aufblitzt, weil Setz in fast altmodischer Pracht an die Kraft der Worte glaubt und auch weil sich bei seine Kurztexten eine ähnliche Mischung aus Beklemmung und Berührung einstellt.

Der Vergleich mit Kafka ist kein geringer, zudem inflationär gebraucht, aber es ist schwer bei der Titelgeschichte, der letzten im Buch, nicht an K.s Besuch des Gerichtes in »Der Prozess« zu denken, wenn Kiril das Treppenhaus beschreibt. Ähnlich wie Kafka versteht es Setz, seine Worte, wie harmlos sie auch zunächst wirken mögen, zu schwarzen scharfkantigen Kristallen zu polieren, die dir noch lange nach dem Lesen im Fleisch stecken bleiben. Auch die Liebe zu fast unsichtbarer, erst unter UV-Beleuchtung schlagartig erkennbarer Metaphorik, dieses phantastische Kippen von Entwicklungen im letzten Moment, wenn du als Leser zurücktrittst und merkst, wie konsequent der Schreiber dich fast hypnotisiert-eingelullt auf vergiftete Pfade geführt hat, um dir erst am Ende der Reise das Tuch von den Augen zu reißen, teilen die Autoren, wie sie beide lachend da stehen, während du über den Abgrund ausrutschst. Aber in diesem Vergleich steckt natürlich auch eine Gemeinheit, denn Setz ist alles andere als ein Kafka-Klon, er äfft ihn nicht nach, schreibt vielseitiger und farbenfroher, seine Schläge sind moderner, weniger diffus, härter, kälter und mit einer Tendenz zum Tritt in die Eier, die sich der prüdere Kafka niemals getraut hätte. Setz ist viel mehr in der durchpornographisierten Gesellschaft angekommen, in der selbst das konservativere Buchpublikum inzwischen gelernt hat, Charlotte Roches Softcore als Belletristik mißzudeuten oder in der wir dank »American Psycho« seit zwei Dekaden eine Verschiebung des Härtegrades in der Literatur haben – und in der du als Autor einfach sehr viel härter zutreten muss, bis beim Publikum Ekel oder zumindest Konsternierung eintritt. Was Setz aber mit »Die Blitzableiterin oder Education Sentimentale« mühelos gelingt, einer Geschichte, die sich in einer gekonnten Eskalation vom Nachtrennungssex zur Kindesmißhandlung hochreitet. Überhaupt ist die Entgleitung, Entfessselung, das Verrutschen der Zivilisationsmaske ein wiederkehrendes Thema in den Kurzgeschichten, so weit gefächert sie thematisch und stilistisch auch sein mögen und so gerne der Autor genau im Moment abblendet, wo hinter der Maske etwas ganz anderes zum Vorschein kommt, wo die Dominosteine, die Setz so minutiös in Schwingung bringt, endlich und unwiderruflich fallen. Wir als Leser sehen aber nur noch, wie der Winkel der Steine bedrohlich steil wird, die Kettenreaktion findet nur noch in unserer Phantasie statt, Setz macht den Leser zum Ko-Autor, und unsere Vorstellung ist wie immer schlimmer als das, was ein Autor, der es bis zu dieser Eskalation gebracht hat, noch enthüllen könnte.

Ob ein Vulkan unterdrückter Gewalt unter Jugendlichen eskaliert, hinter urbaner Nachbarschaft der aus dem zu engen Zusammenleben geborene Hass auflodert, aus den Visitenkarten einer Karrierefrau stinkende Beulen kommen, die sich wie Krebszellen apokalyptisch vermehren, ob der Astronaut, der sich einen Roboter baut, um mit ihm über seine geliebte klassische Musik sprechen zu können oder die Frau, die im Riesenrad lebt und vereinsamt… Setz’ Buch ist ein Kaleidoskop von vielen, teils wunderbar kurzen, und immer unterschiedlichen, tiefen, lohnenden Ideen, die sich niemals verknappt oder hingenuschelt anfühlen, eal wie skizzenhaft kurz der Autor sie reduziert.

Die Kunst von Clemens J. Setz ist dabei, anstrengend im besten Sinne zu sein und dabei doch immer so magisch, so schnell, dass man nicht gelangweilt von der Mitarbeit abwinkt. Im Gegenteil – ob halbe Seite oder komplexere Kurzgeschichte, die experimentellen Erzählformen, die flirrenden, bizarren Ideen, die suggestive Macht – all das kombiniert macht enorm Spaß. Ob in Kunst, Film, Musik, Theater oder eben Literatur – die größte Meisterschaft aus meiner Sicht ist es nicht, unverständlich Kopfkonzepte schwurbeligster Natur herauszuklotzen und sich in die arrogante Pose des »Ihr versteht es sowieso nicht, nyahnyah…« zu sichern, sondern Werke zu produzieren, die engagieren, fesseln, verzaubern, aufwecken, aufregen, dich einen gesunden Hauch überfordern oder aus der Komfortzone drücken, aber die nicht onanistisch sind, sondern offensichtlich die Kommunikation wollen. Solipsismus kann jeder. Bei aller Bewunderung, die letzten drei David-Lynch-Filme hätte jeder in ihrer Traumlogik-Bildschwurbel-Beliebigkeit produzieren können, Jaco von Dormaels »Mr. Nobody« nicht, es ist einer der wenigen Filme, bei denen du sichelst Zuschauer fragst, wie der Regisseur diesen Wust an Konzepten gleichzeitig so elegant chaotisch undifferenziert und doch so präzise fokussiert halten konnte. Eine sehr ähnliche Bewunderung stellt sich bei Setz ein, dem man als Autor eine Bewunderung für Mathematik und (das Versagen von) Ordnung anspürt, ebenso wie eine Faszination für klassische Nerdthemen, Gaming oder Science-Fiction etwa.

Es ist eine Mischung, die vor allem international zu Vergleichen einlädt, aber in dieser Form eben doch unvergleichlich ist, in Deutschland ohnehin mehr als bemerkenswert, da Setz diese deutschen Büchern oft anhaftende gewisse Unsicherheit mit der eigenen Sprache, die zu gestelzten oder pseudo-realistischen Ergebnissen führt, fast gänzlich abgeht. Lediglich seine Dialoge wirken zwischen den wuchtigen Prosasätzen oft etwas deplaciert, mal zu sehr, mal zu wenig aus dem Leben kommend (dieses Gefühl mag bei mit aber daher rühren, dass ich zu viel englische Literatur lese, deren Dialoge sich gegenüber deutscher Belletristik immer echter, mehr auf den Punkt anhört.)
»Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« ist ein Ausnahmebuch, jede der kurzen Geschichten ist ein Juwel und in dieser Schatzkammer flirrt das Versprechen eines ganz großen Talentes von fast im modernen Buch vergessenen Format, das mich mehr an Musil oder Mann erinnert und weniger an das, was heute in den Bestsellerlisten ist, dabei aber hochmodern und alles andere als oldschool wirkt. Gerade im Minaturformat entpuppt sich hier ein großer Autor, den es hoffentlich auch in Zukunft nicht nur zu dicken Buch-Brettern sondern häufiger auch zu solchen eher leichten und tänzerischen Textsammlungen treibt.

Chuck Klosterman: Downtown Owl



Life sucks and then you die – so und nicht viel anders kann man Chuck Palahniuks ersten Roman »Owl« zusammenfassen, benannt nach einer winzigen Midwestern-Kleinstadt, in die es die Lehrerin Julia verschlägt, die neben dem Witwer Horace und dem Schüler Mitch eine der tragenden Figuren eines Buches ist, in dem auf ausgesprochen fesselnde Weise beinahe nichts passiert. Mit der Detailfreude des Journalisten, der in hunderten von Texten Menschen getroffen und portraitiert hat, verleiht Klosterman diesen drei Protagonisten und zahlreichen Randfiguren oft durch verblüffend einfache Details, glaubhafte und dreidimensionale Persönlichkeiten, die über den Mangel an Handlung nicht hinwegtäuschen, sondern vielmehr durch diesen geradezu erst möglich werden. Die Ennui der völlig austauschbaren Miniaturstadt am Rande des Nirgendwo, die Wiederholung, die Enge, schaffen eine Art Kunstharz, in dem gefangen die Figuren von ihrem Autoren gewendet und gedreht, in aller Ruhe, betrachtet werden können, frei von dem Momentum einer Handlung, die diese Meditation stören könnte. Klosterman tut im Grunde, was er am besten tut, nur fiktional. Er portraitiert nicht-reale Menschen, eingebettet in Popkultur-Zitate und 80s-Referenzen, mit einer fast philosophischen Langsamkeit, die aber seltsamerweise kaum Langeweile aufkommen lässt, außer vielleicht beim Autor selbst. Denn wie schon bei »The Visible Man« zeigt sich – allerdings unter ganz anderen Vorzeichen -, dass Klosterman ein Problem damit hat, Geschichten zu beenden. Kaum kommt so etwas wie Handlung in Fahrt – ein Showdown zwischen den beiden größten Bruisern der Stadt, Grendel und Candy einerseits, die langsam sich anbahnende Romanze zwischen Julia und der depressiven Sportlegende Vance andererseits -, lässt der Autor einen (wohl der Wirklichkeit entliehenen) Blizzard über das Dorf fegen, den nur eine unserer Hauptfiguren überleben wird. Klosterman behandelt diesen plötzlichen Eissturm, der wie eine Urgewalt in den Stillstand des Buches fährt, furios und unaufdringlich-metaphorisch. Die Slackerin Julia erstickt in ihrem Auto bei 80s Metal und Kuchen von der Tankstelle, der soziopathische Mitch macht sich, ganz Held in seinem eigenen Film, auf den Weg in Sicherheit, verläuft sich aber und erfriert auf den Knien, nur der einsame und langsame Witwer Horace, der eigentlich keinen Grund zum Weiterleben hätte, kommt dank Langsamkeit, Genauigkeit und etwas Glück heile nach Hause und entdeckt – ganz unpathetisch geschrieben – die Freude am Leben wieder, in dieser besten Nacht seines Lebens. Das Buch öffnet und endet mit einer Zeitungsnachricht, die am Ende den Tod des Übersportlers Grendel mitten im Satz zu den Lokalnachrichten verbannt, so wie Klosterman den Tod seiner Hauptfigur Julia durch eine lapidare Aufzählung und einige Auslassungsstriche anzeigt. Es ist kein Sturm, der reinigt oder läutert, es ist kein literarischer Deus Ex Machina, höchstens ein Weg, die ganze Geschichte zum Ende zu bringen, obwohl sie per se gar nicht auf ein Ende angelegt ist. »Owl« ist ein Buch über den Stillstand, die Langsamkeit, die Wiederholung und die Vielfalt, die sich in diesem anti-urbanen Weniger entfalten kann. Durch die Augen von Julia entdecken wir die Kleinstadt erst als frustrierenden Ort, dem man nur betrunken entgegentreten kann, mit Mitch als abstumpfenden Hort von Mordphantasien, und schließlich in Horace als fast meditatives Sanktum von Ruhe und Ehrlichkeit. Klosterman, Kleinstadtkind und doch beruflich wahrscheinlich durch jede Metropole der USA gekommen, schafft es, neben seinen Protagonisten die Stadt selbst – und mit ihr jede andere Kleinstadt, jedes andere Kaff – zu einer Art von Gesamtidee zu verdichten. In vielleicht unbewußter Nähe zu Stephen King schafft Klosterman eine aus vielen Detailscherben zusammengesteckte Fast-Realität, in die dann das Unheil einbricht… bei King meist übernatürlicher Natur, bei Klosterman ohne das Horror-Buhei, was dem Autor die Möglichkeit gibt, seine (vor allem Neben-) Figuren weniger als Staffage für einen Thriller zu mißbrauchen, sondern ihre Normalität in den Mittelpunkt zu stellen, bis du als Leser in dieser Langeweile von über Sport redenden alten Männern das Grandiose siehst.

»Downtown Owl« ist dabei alles andere als ein langweiliges Buch, auch es weniger wegen seiner Handlung lesenswert sein dürfte. Es ist vielmehr Chuck Klostermans spielerischer Umgang mit Erzählformen, der frei flottierende und angstfreie, mit fast jedem Kapitel wechselnde Experimentiermodus, den er immer wieder federleicht umschaltet. Klosterman ist ein Meister darin, glaubhafte, dreidimensionale Figuren zu schaffen und diese texturiert und wunderbar abwechslungsreich zu präsentieren. Dadurch drängt er sich als Autor durch zu viel Präsenz durchaus gelegentlich vor seine Figuren, die hinter dem Feuerwerk ungewöhnlicher Erzählmethoden bisweilen etwas unter die Räder kommen, aber dennoch bist du am Ende als Leser an Julia, Mitch und vor allem dem wunderbaren Horace interessiert und selbst Nebenfiguren werden dir wichtig, so wichtig, dass es verständlich ist, wenn viele Leser des Buches sich mit der Teppich-unter-den-Füßen-Methode des Finales nicht zufrieden geben wollen. Klosterman baut interne Monologe gewieft in Dialoge ein, arbeitet mit verschiedensten Schreibinnovationen und -ebenen, und fackelt ein fast zu benebelndes Feuerwerk an technischen Tricks ab, bei einem Debut selbst eines erfahrenen Essayisten vielleicht erwartbar, der Mann glaubt natürlich, sich beweisen zu müssen. Was er eigentlich nicht muss, und trotzdem ist es (ausnahmsweise) eine Wohltat, dem Schreiber bei diesem Kraftakt zusehen zu können, der mit nahezu jedem neuen Kapitel eine andere Technik hervorbringt und anders in die Innenwelt seiner Figuren blickt.
»Downtown Owl« ist insofern nicht so fesselnd wie »The Visible Man«, dafür verliert das Debüt aber auch nicht so an Verve wie das spätere Buch. Im Gegenteil, »Owl« ist ein durchgehend überzeugendes, souveränes Werk, wasserdicht geschrieben, wunderbar frei von Handlungsdruck und mit einem grandiosen Ende, das Klosterman mit atemberaubender Beiläufigkeit präsentiert.

Chuck Klosterman: The Visible Man

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Chuck Klosterman ist ein Ausnahmeautor und gehört als Kolumnist mit zum scharfsinnigsten, was die US-Presse in Sachen moderne Medien- und Kulturbetrachtung zu bieten hat. In seinem neuen Buch «The Visible Man» versucht er sich erneut als Novellist, mit einem schmalen Bändchen, das aus der Sicht der Psychologin Victoria Vick geschrieben ist, aus deren eMail-Notizen und Gesprachsmitschnitten sich nach und das Protokoll eines seltsamen Patienten mit dem Pseudonym Y_____ hervorschält. Stilistisch greift Klosterman den Sound eines Briefromans aus, nur dass die Briefe eMails sind, die Victoria sich selbst schickt, als kurze Memos, ebenso wie die Einleitung des Buches aus einem Brief an den Verleger besteht, der ein bisschen Foreshadowing betreibt und die grundsätzliche Exposition der Buchstruktur leistet. Schon nach nur 10% des Buches wird der Charme dieser Konstruktion klar, wenn Klosterman Y_____ einen phantastisch Clownwitz erzählen lässt, der in den Notizen der Psychologin völlig auf Grund läuft, weil Victoria den Gag absolut nicht versteht. Spätestens hier wird klar, dass die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten doppelbödig und spannend werden dürfte, die zwischen den eMails, Anmerkungen und Einträgen der fiktiven Autorin nur indirekt hervorblitzen kann. Klosterman vergeudet wenig Zeit und bringt effizient die technische und psychologische Basis für den Plot auf den Tisch: Y____ ist ein hochbegabter Wissenschaftler, der anfangs für das Militär und dann im Alleingang einen Tarnanzug entwickelt hat (inspiriert von Dicks «A Scanner Darkly»), den er nutzt, um ungestört das Leben anderer Menschen zu beobachten. Während wir als Leser dieser «Fermate»-artigen Konstruktion sofort folgen können, glaubt Victoria etwas beschränkt an Wahnvorstellungen, und das obwohl selbst in ihrer fiktiven Realität die Möglichkeit eines solchen «Stealth Suit» nicht zu absurd sei sollte. Victoria aber glaubt, ihr Patient habe sich in eine Comic-Phantasiewelt geflüchtet, in der er ein wissenschaftliches Genie und Superspanner ist. Aus der Meta-Perspektive des Lesers ist aber ad hoc sicher, das Y____ wahrscheinlich nicht lügt, sonst gäbe es das Buch ja gar nicht – weder das fiktive von Vick noch das reale von Klosterman… Mit dem Potential, genau mit dieser Gewissheit des Lesers spielen zu können. Dazu kommt, dass Y____ trotz aller Attitude, Wut und Arroganz sofort sympathisch ist. Er ist ein Nerd, vielleicht sogar der ultimative Nerd und seine smarten Beobachtungen, schärfer Humor, nicht zuletzt auch das Musik-Know-how bringen ihn sehr nahe an Klostermans eigenen «Sound». Er ist ein unsicherer, über-selbstreflektierter Stubenhocker, der zu viel über George Harrison nachgedacht hat und vor allem mindestens zehnmal smarter ist als seine Psychologin. Nachdem Vicky eindeutigen Beweis für die Wahrheit der Behauptungen von Y____ hat, stürzt sie entsprechend in eine Sinnkrise – ihr Weltbild als Psychologin lässt nicht zu, dass die Psychosen und Phantasmagorien ihrer Patienten wahr sind. Keine Traumwelten, keine Metaphern für tieferlegende Neurosen, kein Wahn – nur real. Schnell wird deutlich, das Y____ nicht zuletzt ein Vehikel für den Autor ist, um wunderbare Vignetten über die Einsamkeit zu präsentieren, denn der Nicht-unsichtbare-aber-auch-nicht-sichtbare-Mann schleicht sich mit Vorliebe in die Wohnung von Singles und spioniert deren Gewohnheiten wenn sie sich unbeobachtet fühlen aus. Y____ ganzes Dasein scheint in den Dienst dieses High-End-Voyeurismus gestellt, aus dem wir ab dem ersten Drittel Auszüge präsentiert bekommen, phantastische Vignetten, die Klostermans Short-Fiction-Qualitäten unterstreichen und die scheinbar mühelos zugleich berührend und hochkomisch sein können. Ebenso scheinbar beiläufig schmuggelt Klosterman nicht nur Geek-Nuggets ein (die letzte Lost-Staffel, Dick Grayson als Batman), sondern auch smarte kleine und größere Einsichten über die Art und Weise wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie Durchschnittlichkeit und Langeweile unser Leben dominieren, wie wir uns öffentlich mit Lügen maskieren, und über allem die Frage, was eigentlich «normal» ist.

Was alles nicht bedeutet, dass es keine Handlung gibt – im Gegenteil. Nach dem mutigen eMail-Briefroman-Anfang wechselt Klosterman zunehmend in eine herkömmliche Erzählform und entwickelt vorsichtig so etwas wie einen Plot zwischen der Psychologin und ihrem Patienten (und ihrem Ehemann John)l komplett mit dem wahrscheinlich seltsamsten Date, das ich seit längerem in einem Buch gelesen habe. Und mit einer unterschwelligen, zunehmenden Bedrohlichkeit, die man vielleicht erwarten darf, wenn ein Mann, der sich unbemerkt in jedes nur beliebige Leben hineinschleichen kann, sich langsam in seine Psychologin verliebt und ihren Mann bedroht. Etwas abrupt wandelt sich das letzte Viertel des Buches in eine Art staubige Twilight-Zone-Episode, die in ihrer Herkömmlichkeit nicht wirklich um brillanten Anfang des Buches passt. Das zu klassische Dénouement unterstreicht ein wenig, wie sehr sich das Buch von dem sehr «anderem» Anfang der eMail-Erzählform nach und nach normalisiert und am Ende ziemlich erwartbar endet. Es wirkt, als habe Klosterman ab der Mitte des Buches Ansgar den Faden oder die Lust oder beides verloren und es einfach nach Strickmuster abgewickelt, was enorm schade ist. Denn der Anfang des Buches und vor allem der Mittelteil mit seinen Vignetten der von Y____ beobachteten Personen ist großartig.

So gut, dass man die ersten 100+ Seiten des Buches binnen kürzester Zeit wegliest, weil man wie Vicky von der Persönlichkeit, den Widersprüchen, den Anti-Charme und der Smartness von Y____ gebannt ist und mehr wissen will, bis Klosterman die Story vor die Mauer fährt und man eine 08/15-Horrorgeschichte geliefert bekommt, die abstruserweise gar nicht so weit weg ist von der Kevin-Bacon-Version von «Invisible Man», also die mit dem Cover versprochene Andersartigkeit zur Vorlage nicht einlöst. Das Ende liefe eben doch nur die Geschichte vom verrückten Wissenschaftler, der einer Frau nachstellt. Ähnlich wie auch Nicholson Bakers «Fermate», nur spürbarer, scheint es auch bei «Visible Man» schwierig. Sich am Ende den Schwung des Anfangs zu bewahren, wenn alles gesagt und getan ist, wenn das Mysterium um den Kern der Geschichte gelüftet ist. Auch die Doppelbödigkeit um die Tatsache, das Vick eine unzuverlässige, weil ihrem Patienten geistig unterlegene Berichterstatterin ist, schwindet spurlos und die Psychaterin wird eine glaubhafte Quelle, über die wir nicht mehr mit Y____ den Kopf schütteln wollen, sondern mit der wir plötzlich mitfühlen sollen. Erst ganz am Ende löst Klosterman das wieder auf, wenn er beschreibt das Vick ihre Beziehung mit ihrem älteren und Intellektuellen Mann viel besser findet, seitdem er im Rollstuhl sitzt, weil er sie jetzt braucht und sie gleichwertiger ist. Da blitzt ganz am Schluss noch eine Prise Boshaftigkeit auf, die das «Happy End» der Victoria Vick bei genauerem Lesen wunderbar vergiftet und die Figur wieder ambivalent für den Leser macht.

Insgesamt ist «The Visible Man» ein hochlesenswertes Buch mit einem furiosen Anfang, einem berauschenden Mittelteil, einem sehr schwachen Ende und einer Coda, die dem Leser noch breit grinsend den Mittelfinger entgegen reckt. Klosterman ist immer dann am besten, wenn er in der Camouflage des Romanciers trotzdem seine normalen Kolumneninhalte über Popkultur und Gesellschaft einflechtet und schwächelt, wenn er versucht, seinen inneren Stephen King von der Leine zu lassen. Hätte das Buch so mutig und anders geendet, wie es beginnt, wäre es herausragend… so ist es «lediglich» hoch lesenswert.

Terry Pratchett: Snuff

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Der wievielte Discworld-Roman ist das jetzt noch einmal? Bin ich nicht eigentlich dumm, einen solchen Dauerbrenner-Serienautor wie Terry Pratchett zu folgen, der Jahr um Jahr wie eine Schreib-Maschine immer wieder Bücher nach gleicher Stanzform hervorbringt, anstatt neue Bücher und Schreiber zu entdecken? Sicher, einerseits, obwohl ja andererseits gerade solche Serien hohen Suchtfaktor haben – und Drogenkurier Sir Terry wider alle Wahrscheinlichkeit Jahr um Jahr soliden Stoff an seine Junkiegemeinschaft liefert. Einer der Aspekte des Suchtcharakters aller Serienpublikationen ist für Autor wie Leser die Chance, Wachstum und Wandel der Protagonisten zu erleben. Während es die meisten Serien bei einer Art Illusion of change belassen, einer erzählerischen Gaukelei, die die Figuren immer wieder zyklisch in einer Art dynamischer auf den Ursprungszstand zurücksetzt, lässt Pratchett in seinem Minikosmos tatsächliche Entwicklungen zu und schafft die für eine Serie nötige Einheit eher durch Schreibstil und wiederkehrende Figuren. Vielleicht da er über ein reichhaltiges Sortiment an »dramatis personae« verfügt, kann Pratchett sich diesen Luxus leisten, den Autoren nicht haben, die auf nur eine Figur setzen. Tatsächlich ist neben dem reinen Unterhaltungswert der leichten, aber nie seichten Bücher von Pratchett dieser evolutionäre Aspekt bei fast 40 Büchern zur gleichen Materie ein zweites wichtiges Merkmal der Bücher geworden – die Disworld mutiert zur Welt-Simulation, zum Sim-Planet eines einzelnen Autoren, der quasi im »God-Modus« nach und nach über drei Dekaden hinweg trotz des humorigen Gewandes seiner Werke ganze Religionen, Städte, Kriege, Monarchien, Spezies und mit Ankh Morpock ein politisch-evolutionäres Experiment entwickelt hat, eine Art Chemiebaukasten moralischer Fragestellungen, die er hier abstrakt und satirisch gewendet untersuchen kann, nicht zuletzt eine immer komplexer und damit realer werdende Spiegelversion unserer Welt, in die Pratchett immer mehr moderne Elemente webt – Geld, Steuern, Politik, Technologie. So ist es vielleicht kein Wunder, dass sowohl die Fantasy-Elemente als auch zunehmend der schiere Humor in den Hintergrund treten und die Discworld-Bücher mehr und mehr zu einer Struktur sui generis werden, und das aktuelle Buch unterstreicht diesen Trend.

In dem doppeldeutig betitelten »Snuff« dreht sich alles um eine der eingespieltesten Figuren Pratchetts, den über die Jahre und Bücher zum Adligen und Polizeichef aufgestiegenen Streifenpolizist aufgestiegenen Sam Vimes, der mit seiner Frau Lady Sybil, dem Sohn Young Sam und seinem Leibwächter/Butler Willikens einen Landurlaub in Crundelis macht. Wir erleben den Culture Shock des Stadtkindes Vimes und einige so idyllische wie langweilige Momente mit Young Sam und sind entsprechend nach rund 100 Seiten ebenso froh wie Vimes, als ihm ein sehr nach Verschwörung und Vertuschung riechender Mord an einem Kobold über den Weg läuft. Während auch in Ankh Morpock die Koboldfrage langsam hochkocht, mutiert Vimes zum Landdetektiv à la Agatha Christie, aber eben mit einem guten Schuss Clint Eastwood. Nach dem eher trägen Start schwingt sich Pratchett zu fast ungewohnten Actionsequenzen auf, etwa wenn sich Vimes mit dem Schmied Jethro prügelt oder vor allen in der langen und spannenden Verfolgungsjagd der Wonderful Fanny auf einem reißenden Fluss, immer nur einen Herzschlag vor der Flut. Dahinter entwickelt sich eine Handlung rund um Tabak, Drogen und Sklaverei, die eher einem Thriller als einem normalen Discworld-Roman entsprungen scheint und die nahezu völlig ohne die sonstigen Fantasy-Elemente auskommt… wenn man davon absehen will, dass die Sklaven in diesem Fall nicht Menschen, sondern Kobolde sind und natürlich rund um die Handlung Zwerge, Werwölfe, Igore und andere typische Discworld-Bewohner drapiert sind. Tatsächlich nimmt das Buch im letzten Drittel, bevor es eine Art Coda gibt, eine Fahrt auf, die ungewöhnlich für Pratchett ist und die Lektüre zur reinen Freude macht. »Snuff« ist ein Eastwood-Film, mit einem gereiften aber noch nicht alten Dirty Harry oder Hauptrolle, der nach einem müden Start fast atemlos wird und sich dann zu einem ruhigen, aber rundum zufriedenstellenden Ende arbeitet. Pratchett-Bücher sind ausnahmslos warme, positive »Feel-Good«-Bücher, und dieses ist keine Ausnahme, im Gegenteil, es bietet Eskapismus in einer so kristallklaren und freundlichen Form, wie man ihn nur selten findet. Die Kunst des Autors dabei ist, niemals selbst in der formelhaften Struktur des Discworld-Settings herablassend oder gelangweilt zu wirken, diese unbewusste Arroganz auszustrahlen, diese müde Routine, die so viele Serienschreiber erfasst. Der Clou bei Pratchett hingegen ist, dass er keine Serie um eine Figur gewoben hat, sondern methodisch ein Simulacrum konstruiert, eine Alternative Realität, in der Magie die Rolle innehat, die in der Entwicklung unserer Wirklichkeit die Technologie hatte. Aus dieser Prämisse, und mit viel Humor, entwickelt er seit den Achtzigern zunehmend gekonnt Momentaufnahmen aus dem Entstehen einer Zivilisation, eine literarische SimWorld, die unsere eigene Konstruktion der Wirklichkeit charmant-feinsinnig in Frage stellt. Denn Pratchetts Welt mag eine Scheibe sein, bei genauerem Hinsehen ist sie eigentlich aber kaum absurder als unsere Realität, wir haben uns nur achselzuckend daran gewöhnt. In der Surrealität einer Welt voller Sagenwesen und Fabelkonzepte gelingt es Terry Pratchett insofern, ganz klassisch à la Swift, die Absonderlichkeiten unseres Alltags prägnanter zu fassen als es manchem Sachbuch gelingen könnte – und zugleich unterhaltsamer. Man darf also hoffen, dass Sir Terence dem Alzheimer weiter lange den Kampf ansagen kann, damit wir im nächsten Discworld-Band erleben können, wie das Steuersystem der Scheibenwelt funktioniert.

Wolfgang Büscher: Hartland

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Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr – und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. Der xenophobe Kampf gegen der europäischen Einwanderer die Indianer, die stets wiederholten Warnungen an Büscher, dieses oder jenes Bundesland oder eine bestimmte Stadt zu meiden, die religiöse Militia von Waco, die grundlegende Stimmung von Misstrauen gegen alles und jeden – all das zieht sich immer wieder durch «Hartland».

«Hartland» ist nach einer Stadt benannt, in der Büscher zu Beginn seiner Reise übernachtet, eine alte verlassene Goldgräberstadt, aber vom Anklang des Heartland bis zum Unterton von Schmerz und Härte, umfasst dieser Titel die amerikanische Entwicklung – «Die beiden Enden der amerikanischen Parabel», wie Bücher selbst schreibt. Und es ist ein hartes Land, durch das er reist. Melancholisch, oft fast poetisch begegnet der Reisende dem Niedergang der amerikanischen Eingeborenen, reist an Toten Vögeln an Reservatsstraßenrändern vorbei, besucht die «Fortunabunker», in denen Indianer eine hundertfache Schar alter weißer Glücksspieler beaufsichtigen, während rundherum das Land wie ausgestorben, leer, leergesaugt, wirkt.

Die grenzenlose Subjektivität
Büscher ist ein Glücksfall als Dokumentator seiner eigenen Reise, der mal emotional überwältigt und fast lyrisch wird, mal sparsam und nüchtern wirkt – ein schriftstellerisches Mixtape, das (auch wenn das Buch möglicherweise gar nicht live on the Road geschrieben sein mag) sehr glaubhaft die Lichtwechsel der Reise widerspiegelt, die Stimmungen des Autors, aber auch die Wechsel in Land und Leuten, denen er begegnet. Dabei bleibt Büscher oft abstrakt, fast skizzenhaft, lässt sich nie auf ein «nur» beschreibendes Niveau herab, ist immer weit von einem National-Geographic-Stil entfernt, betont unjournalistisch für einen Journalisten. Denn dieser touristische Sound wäre auch falsch – es geht ja vielmehr darum, nicht das Unbekannte neutral zu dokumentieren, sondern ganz im Gegenteil, das Bekannte (oder vermeintlich Bekannte) durch ein subjektives Eintauchen zu dekonstruieren und neu zu sehen. Immer wieder konfrontiert Büscher sich selbst und uns Leser mit medialen Vorbildern – die ja unverhinderbaren Eindrücke aus Filmen, Musikfetzen im Radio, aber auch den Schriften Maximilian Prinz zu Wieds aus dem 19. Jahrhundert über dessen Besuche im Indianergebiet oder aus historischen Fragmenten der Lebensgeschichte des Indianers Black Elk und anderen Büchern. Dieser Fremd- und Selbstbespiegelung des amerikanischen Mythos setzt Büscher eine oft fast naive, bewusste Neugier entgegen, gefasst in einer Sprache, die bildhaft, oft fast halluzinogen wirkt, die (ob man das nun mag oder nicht) einen Dreck auf Neutralität und Realität gibt und auf grenzenlose Subjektivität setzt.

Die Reise ins Ich
«Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann. Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität in situ auseinandergelebt haben.

Büscher liefert so einen interessanten Bruch zu der eigenen Narration, die Amerika über den eigenen Mythos liefert, aber keinen wirklichen Gegenentwurf, bewundernswert unneutral hängt er eingefroren zwischen der mythischen Anziehungskraft der Legende und Historie des Landes, und der Wirklichkeit eines entsiegelten und überfüllten, zu armen und zu reichen Landes, das in der eigenen Zentrifugalkraft auseinander zu sprengen scheint, das trotz so vieler freundlicher Individuen kollektiv und anonym so seltsam bedrohlich wirkt.

Etwa in der Mitte des Buches überkommt mich eine Neugier, die ich beim Lesen sonst so gut wie nicht kenne – wer ist eigentlich dieser Autor? Was treibt einen Mann, der alles andere als ein junger Weltenbummler ist, Jahrgang 1951, der einen soliden Job hat, Kinder, was treibt den in Niemandsland in Russland oder Amerika? Welches spezielle Reporter-Gen muss es geben, welche Mischng aus Neuier, Thrillseeking, blindem Vertrauen, Mut und Selbstsuche, die dich in dem Alter dazu bringt, nicht einen netten Tag mit deiner Familie zu verbringen, sondern auf irgendeinem Highway in wildfremde Autos zu steigen, in leeren Häusern zu schlafen, diese seltsame Konfrontation zu suchen? Für einen Moment springt mich an, wie genial es wäre, wenn Büschers Buch ein kompletter Fake sei, eine Helge-Schneider-Farce, schliesslich weht ja ohnehin kurz der Geist von Karl May durch den Text… aber wahrscheinlich macht ein preisgekrönter Zeit-Reporter so etwas nicht. Auch nicht, weil das Buch immer wieder einen autobiographischen Touch bekommt, wenn sich Büscher etwa auf seine arme, aber eben nicht armselige Kindheit zurückbesinnt und Parallelen zwischen dem fast staatsfeindlichen Individualismus in den USA und jener Prä-Wohlfahrtsstaat-BRD zieht. Oder wenn er seine Kindheit herauf beschwört, wie er vom Attentat auf Kennedy hört und später Moon River im Radio läuft.

Der Flickenteppich
«Hartland» durchweht, je weiter das Buch voran schreitet, eine Melancholie und eine Art sanfter Trauer, die vielleicht aus der Konfrontation dieser Jugendträume der Sechziger mit der Realität von heute resultieren, vielleicht auch nur die einzig sinnvolle Reaktion auf ein müde den Niedergang erwartendes, wütendes und resigniertes Empire von Gestern, die Trauer, die du fühlst wenn du nach Jahren ein Photo eines früheren Hollywood-Stars siehst, an dem die Dekaden spurenreich vorbeizogen. Es ist ein Niedergang, den Büscher in fiebernden metaphorischen Szenen photographiert – eine Cowboyhochzeit im Orkan, der ungebrochene Verfolgungswahn von Waco, immer wieder kleine Begegnungen in Cafés und Autos, Streiflichter von Leben, die Stoff für Romane hergäben. Unterstrichen wird dies von dem Eindruck, dass «Hartland» keinerlei herkömmliche Handlung anbietet, die Reise Büschers kein Ziel hat, sogar mit ihrem Fortschritt immer zielloser wirkt, immer mehr von Pausen und Zögern durchrissen ist, erzählerisch stockt und mehr die Unsicherheit des Schreibenden/Reisenden aufzeigt als eine Entwicklung hin zu einem bündigen Eindruck der USA. Das macht die Lektüre gegen Ende des Buches mitunter etwas schwer, weil du dich als Leser in dem Pittoresken der Einzelszenen auch verlieren kannst und die Orientierungslosigkeit Büschers in der Linearform des Buches irritierend wirkt, aber es zeichnet die Narration auch aus, macht das Buch frei von der sonst so naheliegenden eurozentrischen Arroganz vieler Journalisten gegenüber den USA. Büscher ist nicht selbstsicher, nicht mit einem vorgefassten Ergebnis unterwegs – und diese Ambivalenz durchzieht auch den Text, sorgt in dem Rückblick des gealterten Cowboys Beto sogar für so etwas wie Wehmut, Sehnsucht nach der Zeit in der der Western-Mythos noch lebendig war, der selbst in Texas nur noch in der Erinnerung lebt.

Und so driftet Büscher von der kanadischen Grenze bis Down South zur mexikanischen Grenze und scheint am Ende selbst überrascht, wie wenig ihm zugestoßen ist, wie wenig sich die permanenten Warnungen unterwegs sich nicht bewahrheitet haben und wieviel Hilfsbereitschaft ihm in den verschiedensten Formen begegnet ist, dass unter der Schale des «harten Landes» also vielleicht doch ein weicher Kern steckt. In den Seiten von Hartland jedenfalls steckt eine große Erzählung in kleinen Episoden, eine bescheidene und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Land, zu dem wir Deutschen kaum eine neutrale, offene Haltung entwickeln können, und zugleich ein Roman, der die gewitzte Naivität wie man sie etwa auch aus Texten von Klaus Fiehe kennt, zu einer makellosen Waffe geschliffen hat, der Wissen im Nichtwissen, Tiefe im Ungesagten, in den Pausen bietet. Am Ende ist es ein Reiseroman, der zunehmend wortkarg wird, immer weniger zu sagen versucht, immer mehr die vielleicht ursprünglichen Ziele aus den Augen verliert und gerade dadurch, im Treibenlassen, hoch lesenswert wird.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

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Das kleine Buch des Münchener Palliativmediziners Borasio bildet einen seltsamen Kontrapunkt zu den Auszügen der Schallplattenserie »Distar – Die Stimme des Arztes« aus den fünziger bis siebziger Jahren, die ich frisch als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks im Zusammenschnitt von Kalle Laar gehört habe. Wo bei Laars Zusammenschnitt die Ärzte sich noch wahlweise als reine Handwerker oder tatsächlich als Halbgötter in Weiß präsentieren, die oft hart an der Grenze zur Eugenik argumentieren, oft aber auch heute noch zutreffende, sehr übergreifende Analysen anbieten, präsentiert sich Borasio bescheidener, vielleicht weil sein Feld nicht viel Anlaß dazu gibt, sich selbst als Herr über Leben und Tod zu erleben, sondern dort beginnt, wo der normale medizinische Ansatz an seine Grenzen kommt.

Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht – während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.

Borasio plädiert – vor seinem Hintergrund selbstverständlich – für einen Ausbau einer stationären aber vor allem auch ambulanten palliativen Pflege, wobei vor allem letztere derzeit kaum gegeben ist, wie der Autor selbst an der Rolle des Hausarztes verdeutlicht, der hier eine zentrale Bedeutung haben könnte (und sollte), der aber in den meisten Fällen für 18 € pro Visite wenig Anreiz haben wird, sich auf dieses anstrengende und offenbar schlecht entlohnte Terrain zu begeben. Im Laufe seines Buches hakt Borasio die verschiedenen Bedürfnisse von und Möglichkeiten für Patienten und Angehörige ab, von simplen Dingen wie Atemnot bis zu der Frage, wie seelsorgerische und spirituelle Aspekte bis hin zur Nachberatung nach dem Tod für die Familie organisiert sind bzw. sein könnten. Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma – allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befasst, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.

Darüber hinaus zeichnet sich hier natürlich ein unverzichtbarer Wandel im medizinischen Denken ab, den einzelne Ärzte längst in ihrem Alltag leben, viele Ärzte laut Borasio aber nach eigenem Bekunden nicht beherrschen und sogar vermissen – die Entwicklung hin zu einem kommunikationsfähigen, für den Patienten offenen Mediziner, der sich nicht hinter einem Wall von Fachtermini versteckt und nicht unilateral «erläutert», sondern empathisch auf den kranken oder sogar sterbenden Menschen zugehen kann. Ich stelle mir das für Ärzte, egal ob im Studium oder mit jahrelanger Erfahrung als Ober- und Chefarzt, enorm schwer vor. Die kühle, von Codes, Chiffres und Wort-Camouflage geprägte Fassade, das Vertrauen auf Technologie, Chirurgie und Pharmazie, die klare Hierarchisierung von Spitälern und nicht zuletzt auch der in den letzten Dekaden exponentiell steigende Druck, wirtschaftlich «sinnvoll» (also gewinnorientiert) zu arbeiten, machen den Patienten vom Subjekt zum Objekt, zu einer nie wirklich endenden Flut von zu lösenden Problemen, schließlich auch zu einer Aktenlage, die Ärzte abarbeiten und verwalten wie Anwälte und Richter ihre Fälle, mit der gleichen Effizienz und Abstraktion. Es ist schwer – für Patienten wie für Ärzte – von diesem über Jahrzehnte erlernten Modus auf eine seelsorgerische, sozialarbeiterische gar psychologische Arbeit umzuschalten, die im Krankenhausalltag bestenfalls den Schwestern und Sozialteams mehr schlecht als recht überlassen wird. Es gibt dennoch gute Gründe, warum in einer alternden Gesellschaft ein neuer Typus von Arzt-Patient-Kommunikation entstehen müsste, und Borasio plädiert in diesem Sinne für eine Schulung von Ärzten im Sinne von palliativer Pflegekompetenz, die eine Voraussetzung für die einfachsten medizinischen Erfolge in der Behandlung, aber eben auch für ein souveränes Sterben sein kann.

Was keineswegs unausgesprochen hinter »Über das Sterben« steht, ist der gesellschaftliche Wandel. Borasio selbst nennt die aktuelle Re-Urbanisierung, die Demographie, den Unterschied zwischen größeren Familien auf dem Lande und Single-Haushalten in der Stadt, die bittere Wahrheit, dass familiäre Pflege meist bei den Töchtern hängen bleibt und kommt indirekt zu dem Fazit, dass, wer sich ein humanes Sterben im Kreise der Familie wünscht, idealerweise auf dem Land leben sollte, Kontakte zu Nachbarn pflegen und vor allem reichlich Kinder, idealerweise Töchter, in die Welt setzen sollte. Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann. Borasio kratzt damit am Tabu des Sterbens und der Trauer in der Hyperdrive-Gesellschaft und nicht zuletzt auch an der Thematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids, wobei sich der Arzt recht deutlich gegen die in den Beneluxländern praktizierte Tötungslegalisierung ausspricht und für einen assistierten Suizid, womit er deutlich von der offiziellen Haltung der Ärztekammer abweicht, die gerade erst die letzten Interpretationslücken geschlossen hat und die Sterbehilfe nahezu verbietet. Was angesichts von Borasios Argumentation, das etwa in Oregon – wo die assistierte Sterbehilfe legal ist – nur 2% der Patienten, die Suizidmittel erhielten, diese auch nutzten, es also scheinbar vielmehr um das Gefühl geht, selbst als Patient kontrolliert entscheiden zu können, wann es Zeit ist, auszusteigen.

Gegen Ende des Buches, das in seiner leichten Sprunghaftigkeit manchmal wirkt, als sei es aus verschiedenen Vorträgen destilliert, widmet Borasio sich der seinem Gebiet als universitäre Einrichtung, die derzeit zum Spielball Interessen von Anästhesie und Onkologie dasteht und seiner Meinung nach um Eigenständigkeit kämpfen muss und der hausärztlichen Arbeit nähersteht als einer pharmazeutischen Vergabestelle. Was plausibel erscheint, da es in der »palliative care« sicher mehr um psychosoziale Momente geht als nur um die Verabreichung von Morphin und da – vor allem langfristig – nicht nur Krebspatienten bereut werden, sondern auch ALS- oder Demenzkranke, Kinder und viele andere Sterbende. Die Zeit, so traurig es ist, und die gesellschaftliche Entwicklung, spielt dieser professionalisierten Substitution einer post-industriell untergegangenen familiären Betreuung von Sterbenden in die Hände.

Und so ist »Über das Sterben« keineswegs nur ein Leitfaden oder ein Ratgeber, sondern natürlich eine Verteidigung von Gian Domenico Borasios eigenem Arbeits- und Forschungsgebiet und ein Plädoyer für mehr Beachtung (und Mittel) für den palliativen Pflegebereich. Borasio legt dabei sehr viel Wert auf die reflektive Bedeutung des Sterbens für das Leben der Kranken, aber auch für die Ärzte und Pfleger selbst, und induziert so, dass wir auch gesamtgesellschaftlich vielleicht den Tod nicht so sehr tabuisieren sollten, sondern als wichtigen und normalen Teil des Lebens begreifen, als Gegenstück und Vollendung der Geburt. Und obwohl Borasios Buch aufgrund der Kürze an vielen Themen nur kratzt, obwohl es vor allzu tiefen philosophischen und sozialen Betrachtungen an sich wohltuend zurückschreckt, schafft das dünne Buch einen hervorragenden Bogen zwischen pragmatischer Anleitung, mentaler Vorbereitung und einer Art aus der Praxis entwickelte spiritueller Grundhaltung, der nicht nur eine kurzweilige, weil oft rastlose Lektüre gewährt, sondern einen bewusst auch für Nicht-Mediziner gedachten Einstieg in ein komplexes und umstrittenes Thema leistet. Mag sein, dass Mediziner sich trefflich über den Inhalt des Buches streiten können – aber das einzige, was man also aus Sicht des Laien an »Über das Sterben« kritisieren kann, ist das entsetzliche Cover… der Inhalt ist für jeden lesenswert und zeigt zugleich auf, wie weit der Weg noch ist, den die Medizin vor sich hat von den wissenschaftlichen Halbgöttern in Weiß der Distar-Serie zu psychologisch und soziologisch geschulten Lebensbegleitern.

Grant Morrison: Supergods

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»Supergods« ist ein seltsames Experiment. Teils Exegese der Popkultur anhand ihrer Comic-Helden, teils Autobiographie, teils sehr individuelle Welttheorie, teils geschicktes Self-Marketing. Von Siegel und Schusters Superman über Stan Lee und Morrisons Nemesis Alan Moore bis hin zu Morrisons aktuellsten Arbeiten geht die Reise, die zum Teil bereits bestehende Interviews und Essays des Autors kohärent zusammenfasst und zu einer Metaidee verwebt. Das bestechende an »Supergods« ist zweifelsohne, wie Morrison Comics als Zeitsymptom deutet, in denen sich die Trends der jeweiligen Epochen des Mediums nicht nur widerspiegeln, sondern die nicht selten in der hypertrophen Kunstwelt der Superhelden Entwicklungen der »realen« Welt vorwegnehmen. Gerade an den oft meta-textuellen und psychedelischen Stories der Silver Age entdeckt Morrison Aspekte, die unwillkürlich an eine Art Light-Version von Zizeks Filmanalysen erinnern. Im Vordergrund stehen dabei die von Redakteur Julie Schwartz bei DC betreuten klassischen Helden der sechziger Jahre, darunter The Flash, Atom und Green Lantern, deren postmoderne und popkulturelle Anklänge heute in Morrisons eigenen Arbeiten oft widerhallen, aber auch die Marvel-Revolution Mitte der Sechziger und dr Brit-Boom der Achtziger, der Trend zu erwachseneren Graphic Novels und sogar der Image-Boom der 90er sind Morrison einer persönlichen Betrachtung wert. Je näher der Autor allerdings der Gegenwart kommt, umso weniger scharf und alert wirkt sein Blick, ganz im Gegenteil wirkt vieles beflissen und seinem gegenwärtigen Arbeitgeber DC gegenüber zu unkritisch. Dass Morrison dabei ein an Marketing grenzendes Namedropping veranstaltet und seinen Chef Dan Didio förmlich feiert ist eine Sache – dass er diese Perspektive aber auch in die Vergangenheit ausdehnt und die ungerechte Behandlung von Siegel und Schuster durch DC achselzuckend als Naivität der Superman-Schöpfer abtut, wirkt vermessen und zeigt, wie eng Morrisons Horizont zuweilen ist. Mag sein, dass er solche und andere »kontroverse« Positionen nur bezieht, um möglichst gegen den Mainstream zu argumentieren, aber es macht etwas traurig, wenn jemand, der mit Figuren wie Superman oder Batman Millionen verdient, es anscheinend völlig okay findet, wenn die Erfinder dieser Kreationen niemals ordentlich und fair entlohnt wurden. Dass es für Morrison eine enge Verbindung zwischen seinem persönlichen Leben und seiner Arbeit gibt, ist eigentlich seit seinen frühesten Tagen klar – immerhin hat er sich schon in einer seiner frühesten Arbeiten, Animal Man, dem Dialog mit seiner Figur gestellt, und mit The Invisibles einen fast zu nahtlosen Austausch zwischen Fiktion und Realität geschaffen, wobei Morrison das Comic nutzte, um sein eigenes Leben positiv zu beeinflussen. Auch die Faszination mit Comics als einer Art virtueller Welt, der der Leser sozusagen von der nächst höheren Dimension aus überlegen ist – er kann die Gedanken der Protagonisten lesen oder Zeit durch Vor-/Zurückblättern steuern usw. – ist für Morrison kein neues Thema, taucht immer und immer wieder in seinen Geschichten auf, zuletzt unter anderem in All Star Superman. Morrison widmet dieser Idee von Comics als zweidimensionaler Realität unterhalb unserer dreidimensionaler Wirklichkeit entsprechend einigen Raum und folgt der nachfliegenden These, dass es entsprechend über uns eine vierdimensionale Ebene geben könnte, deren Bewohner uns wiederum »lesen«. Die Comics-Unversen sieht er als lebende Entitäten, deren Fguren langlebiger sind als wir »normale« Menschen, die die Jahrzehnte überdauern ohne zu altern, getragen von der Phantasie immer neuer Autoren, die kommen und gehen und diesen Mythen kurzfristig dienen, Mythen die Jenseits ihrer Schöpfer einen Punkt an Komplexität erreicht haben, an dem eine Art von eigenem Leben emergiert. Diese Vorstellung dürfte den meisten Autoren vertraut klingen, die wissen, dass Figuren und Ideen irgendwann ein Eigenleben entwickeln.

Ob Jack Kirby oder Jim Lee, ob Batman oder Justice League, von billigem Pulp bis zu der komplexen Medienmaschine von heute, »Supergods« ist eine kurzweilige und hoch subjektive Reise in die Pophistorie der Comickultur mit einem Reiseführer, der es versteht, neue Verbindungen zu sehen zwischen denn grellbunten Abenteuern und der sie umgebenden Gesellschaft, den Autoren und ihren persönlichen Vorlieben und einer Art größerem eigenen Bewusstsein von Literatur an sich. Das Buch ist nicht nur ein spannender Schlüssel zu Morrisons eigenen Faszination und Arbeiten, sondern vor allem im Rückblick auf die Sechziger und Siebziger auch auf die Art und Weise wie eine Kultur ihre Ängste und Hoffnungen den gerade in Trashmedien wie Horrorfilmen, Science Fiction oder eben monatlichen Superhelden-Abenteuern reflektiert und ausprobiert, in modernen Moralfabeln, in denen oft das nahezu Ungesagte wichtiger ist als die eigentliche Handlung. Zugleich gibt der Autor einen zuweilen fast beiläufigen, oft aber auch fesselnden Einblick in seine eigene Biographie und Ideen »hinter« seinen Stories und damit in ein Phänomen, das bei «work-for-hire»-Autoren selten genug ist und Grant Morrison in seiner Zunft auszeichnet: Morrison nutzt das Genre, um seine eigenen Ideen zu kommunizieren. Während die meisten Autoren im Serienwesen der Comics damit zufrieden sind, komplexe Soap Operas mit Spandex-Kostümen zu erzählen, sich von Monat zu Monat, Cliffhanger zu Cliffhanger und Kampfszene zu Kampfszene zu hangeln, hat Morrison eine überschaubare Anzahl «magnetischer» Themen, die immer und immer wieder in veränderter Form in seinen Arbeiten aufkommen. Ob ultrakomplexe Indieserie oder Blockbuster, ob manifest oder fast subliminal versteckt, Morrisons Arbeiten sind voller literarischer Experimente, Spiegel eigener Faszination und zunehmend auch eine Art Metamedium, in dem es mehr und mehr um Morrisons Theorien hinter der Geschichten geht (die sich in einem mit anderen Autoren geteilten, fließenden Kontinuum natürlich immer nur begrenzt umsetzen lassen). Dieser Ansatz stellt Morrison auf eine Stufe mit Raymond Chandler oder Philip K. Dick, die jeweils auch Trashmedien erobert und zu Sprechrohren ihrer eigenen Ambitionen und Fragen gemacht haben. Ein entscheidender Unterschied zu diesen beiden und anderen genretranszendierenden Autoren besteht jedoch darin, dass sich Morrison sehr entscheidend von Comics selbst inspirieren lässt, aus dem System selbst heraus Inspiration schöpft, nicht sehr über den Tellerrand blickt. Trotz aller literarischer Quellen, Popzitae und Drogentrips scheint vor allem der spätere Morrison ein autopoeitisches System, einem Perpetuum Mobile, der seine eigenen Werke und die Gescichte der Comics geschickt zu einem postmodernen Zitatedschungel verwebt, und etwa seinen All Star Superman oder seine aktuellen Batman-Geschichten massiv aus frühen Silver-Age-Elementen konstruiert, etwa aus Otto Binders naiven Superman-Fabeln oder aus den psychedelischen Sixties-Batman-Stories, in denen der eigentlich eher auf normale Kriminelle geeichte Batman plötzlich auf Außerirdische und andere seltsame Gegner traf – was Morrison prompt auf Erfahrungen Baumanns mit psychedelischen Drogen zurückführt. Und damit wieder autobiographisch macht.

Solcher Spiegelkabinett-Referenzen ungeachtet, ist Morrison die große Ausnahme in einer Branche, die zu wenig solcher Talente aufweisen kann, vor allem im Mainstream. Obwohl die Qualität seiner Arbeit ungemein schwanken kann, obwohl Morrison tatsächlich große schriftstellerische Probleme hat, etwa damit, ein befriedigendes Ende einer Geschichte zu finden, ist all seinen Arbeiten ein kreativer Hunger anzumerken, der bei Ergebnissen wie We3 oder Flex Mentale beispielsweise das Comic-Genre an die Grenze des Machbaren auslotet und verschiebt. »Supergods« macht deutlich, dass hinter dieser Arbeit mit den Jahren eine Art Philosophie und Weltanschauung entstanden ist, die, vorsichtig gesagt, ähnlich verwirrend klingt wie die Überzeugungen, mit denen PK Dick sich am Ende seiner Laufbahn zunehmend befasste. Auch wenn an sich mit Morrisons Haltung vielleicht nicht anfreunden kann und einen pragmatischeren Blick auf das Universum hat als der Autor, ist es so oder so faszinierend, auf eine so komplexe und plausibel argumentierte Konstruktion hinter dem Oeuvre eines Mainstream-Autors zu blicken. Seine Art zu denken, sein persönlicher Background und seine Arbeit verschmelzen bei Morrison zu einer Art Gesamtkunstwerk, dem das Buch eigentlich in seiner fragmentierten, mitunter unfokussierten Herangehensweise nicht ganz gerecht wird. Im Grunde folgt Morrison auch hier seiner Technik, möglichst viel wilde Ideen an die Wand zu werfen, zu sehen, was kleben bleibt und sich nicht weiter darum zu kümmern, ob die Elemente unbedingt ein kohärentes Ganzes ergeben. Auf seiner Reise durch die Nerd-Kultur verblüfft Morrison mit einem schönen, liebevollen, sehr anderen Blick auf die frühen Jahre der Comic-Industrie, historisch nicht immer korrekt, aber frisch und innovativ, und bis zur Jetztzeit ist seine Darstellung der Branche als dialektisches System, in dem Utopien und Dystopien sich ebenso abwechseln wie die relative kreative Wertschätzung der von Autoren oder Zeichnern. Am Ende des Buchs aber verliert Morrison – vielleicht unter Zeitdruck einer Headline – zunehmend den Faden, entwickelt seine Theorie von Superman & Co als eine Art selbstgeschaffenes Pantheon aus Papier nur beiläufig und legt vor allem die durchaus kritische Betrachtung des Genres einfach ab, wohl aus Angst, die Hand zu beißen, die ihn füttert. Das macht »Supergods« nicht weniger zu einem lesenswerten Einblick in kreative Arbeit und die Art und Weise, wie ein Autor mit seiner Materie zunehmend biographisch eins wird – hinterlässt aber ausgerechnet am Ende einen Hunger nach mehr, den das Buch leider nicht befriedigt.

Chuck Palahniuk: Damned

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Chuck Palahniuks zwölfter Roman, «Damned», dient laut einem Interview der Verarbeitung des Todes seiner Mutter. Nicht, dass man davon etwas merken würde. Ganz im Gegenteil: der im Stil an Fynns Hallo-Gott-hier-spricht-Anna und Judy Blumes «Are you there God, It’s me, Margaret» erinnernde Text wirkt ebenso zynisch und sperrig wie alle anderen Werke von Palahniuk auch. Wer hier Trauerarbeit sucht, wird nicht fündig.

Highway to Hell
Die 13-jährige Madison, Tochter eines Jet-Set-Ehepaar, das ein wenig an Pitt/Jolie erinnert, gerät in die Hölle, weil sie angeblich an einem Joint gestorben ist (wir finden erst später heraus, woran sie wirklich starb). Die Hölle ist ein Ort, der uns zu uns selbst zurückführt, scheint es, denn hauptsächlich erinnert und Palahniuk hier daran, wie ekelig der menschliche Körper ist – mit Spermaseen, und Fußnägelfeldern. Aufgrund der im Verlauf der Geschichte zunehmend abstrusen Gründe, in die Hölle verbannt zu werden, ist die Hölle gut gefüllt, vor allem auch mit mit zahlreichen Prominenten der Weltgeschichte. Während der Autor im Rückblick mit gewohnt schwarzem Humor entfaltet, wie tragisch das Leben als Kind reicher Eltern offenbar ist, erleben wir zugleich die Abenteuer von Madison in der Hölle, wo sie unter anderem als Callcenter-Mitarbeiterin arbeitet, oder mit einer offensichtlich direkt aus dem «Breakfast Club» entsprungenen Runde von Mitstreitern die Hölle erkundet.

Ding Dong The Witch is Dead
Wie schon in seinem letzten Roman schreibt Palahniuk hier vergleichsweise halbherzig und verlässt sich zu sehr auf die üblichen Gimmicks und Tricks die er in den letzten Jahren als Autor entwickelt hat. Die Phrasierungen und die rhythmische Wiederholung bestimmter Formulierungen, die Schockeffekte, Mindfucks und Wendungen, die in Rückblenden und Zeitsprüngen enthüllte eigentliche Wahrheit hinter dem, was seine Figuren vermuten oder berichten, das gekonnte Spiel mit postmodern-medialen Versatzstücken, die er dem Leser augenzwinkernd hinwirft… wo Palahniuk sich früher als Autor mit jedem neuen Buch neu zu erfinden schien, greift er mit den letzten zwei oder drei Büchern auf eher vertraute Muster zurück.
Auf diese Art wirkt «Damned» passagenweise ein wenig wie auf Autopilot geschrieben. Vielleicht ist aber auch eine verwöhnte Einstellung, von einem Autor immer wieder zu erwarten, dass er seinen Stil mit jedem Buch völlig neu erfindet. Nur weil Palahniuk genau dies bisher über Jahre hinweg sehr erfolgreich gelungen ist, gibt es keinen Grund für ihn, einem einmal gefundenem «Sound» eine Weile lang treu zu bleiben – andere Autoren schließlich ändern ihr Schreibpattern nie. Palahniuk ist – ähnlich wie ganz wenige andere Künstler, Musiker oder Regisseure – ein Autor, bei dem man sich daran gewöhnt hat, dass er sich mit jedem Buch verändert, weiterentwickelt, revolutioniert. Vielleicht ist diese Erwartungshaltung aber zu begraben. Denn es ist ja durchaus gut, wenn ein Künstler nach langer Suche zu «seinem» Stil findet. Das Problem ist nur: Sobald die stilistischen Gimmicks in den Hintergrund treten, wird der Inhalt, die eigentliche Geschichte wieder wichtiger. Und die schwächelt leider bei dem an sich sehr gut lesbaren, amüsant im Stil eines Jugendroman geschriebenen Buchs, ein wenig. Was aber wenig heißt – ein wie nebenbei geschriebener Palahniuk ist immer noch stärker als andere Autoren in ihren besten Werken.

Pretty in Pink
Insbesondere, da Palahniuk keinerlei Angst vor dem Absurden hat und sich umso wohler zu fühlen scheint, je bizarrer die Situationen im Buchverlauf werden. So lässt er Madison kurzerhand den offenbar in der Hölle gelandeten Hitler K.O. schlagen und den vielleicht berühmtesten Oberlippenbart der Welt als Mini-Skalp ergattern, bevor sie auch noch der französischen Königin Caterina de Medici, Vlad den Pfähler, Caliguladen, Blaubart und anderen historischen Übeltätern den Garaus macht. So entpuppt sich «Damned» als post-mortales coming-of-age-Cabaret, in dem die kleine dicke Maddy Spencer wie in einem Videogame Gegner nach Gegner demütigt, Totems sammelt, eine Armee von Hölleninsassen gewinnt und sich zum zwar immer noch nicht schönen aber glitzernd-gefährlichen Schwan mausert. Es ist ein schwarz schillerndes Gegenstück zum normalen Jugendbuch, wo die jungen Helden ja auch immer wieder kleine Aufgaben und Hürden zu meistern haben, um ihre Ziele zu erreichen und eine Crew um sich sammeln – nur hier ist es halt Mord und Totschlag und die Crew besteht aus toten Soldaten und Söldnern Wie ein frischgeborener Dämon vernichtet Madison die alte Garde und schmückt sich ritualistisch mit den Ikonen des alten, rein irdischen Bösen – metatextuell begleitet von ihrer Erkenntnis, dass sie keine Figur in einem Roman ist, keiner festgelegten Narration folgen muss, sondern aus den Ketten ihrer Charakterisierung springen und sich neu erfinden kann in der Hölle… und dabei stets begleitet von den Einflüsterungen des blauhaarige Punks Archer. Und so mutiert Maddy zu einer politischen Kraft in der Hölle, zu einem menschlichen Teufel, der die Horden von Dschingis Khan und Hitler ebenso kommandiert wie die Kranken, die sie nebenbei als Hotline-Telefonistin from Hell davon überzeugt, dass es in der Hölle doch viel spannender sei als im Himmel und dass sie Maddy besuchen sollten, wenn ihre versagenden Nieren oder Hirntumore sie dahinraffen. Und dabei bitte die Süßigkeiten nicht vergessen, die in der Hölle als Währung funktionieren.
Natürlich gibt es am Ende – in bester Palahniuk-Tradition – neben der Enthüllung das wichtige Annahmen des Buches eine Lüge waren, auch einen Wendemoment, der die gesamte Geschichte kippen lässt. Diesmal erinnert die Sache besonders stark an Palahniuks Debüt «Fight Club», und der Autor zieht der im Buch immer wieder von der Hauptfigur beteuerten Unabhängigkeit komplett den Boden unter den Füßen weg, gibt ihr aber auch zugleich eine neue Aufgabe. «Dammed» endet, fast vorhersehbar, damit, dass Madison in den Kampf gegen Satan persönlich zieht und mit den Worten «to be continued».

A Man of Wealth and Taste
Das dünne Buch kommt, wie schon «Tell-All» davor, fast skizzenhaft schnell daher, liest sich einerseits süffig weg, wirkt andererseits frei improvisiert, mit Entwicklungen, die im Nichts enden und Wendungen die genau da her zu kommen scheinen, während Palahniuk seine Melodien und Motive aus der Tastatur herausarbeitet. Eine Tour de Force galligsten Galgenhumors, lässt «Damned» eigentlich kein Thema ungeschoren davonkommen. Religion, die absurde pseudo-grüne Konsum-Weltverbesserei von Maddy Hollywood-Eltern, der Gesundheitsfimmel, Politik – jeder kriegt hier sein Fett weg. Eine zentrale Botschaft aber ist, die Madison mehrfach wiederholt, dass all unsere Bemühungen, zu leben und am Leben zu klammern, vergebens sind, wir enden ohnehin in der Hölle. Egal wie gesund wir uns ernähren, egal wie viel wir joggen und radfahren, egal, wie oft wir uns nach verdächtigen Knötchen abtasten – am Ende kriegt der Tod uns ja doch alle. Und so steckt «Damned» voller wunderbarer Zeilen, Absätze, Gags und spitzzüngiger Abrechnungen und ist ein Paradebeispiel von Palahniuks Technik der Eskalation ins Absurde durch Wiederholung, aber es wird auch sehr deutlich, dass der Autor sich wegentwickelt von herkömmlichen Handlungsstrukturen und «Geschichten» oder gar «Charakteren» (die bei ihm kaum noch mehr als eine Skizze sind) und sich mehr und mehr auf möglichst bizarre Ideen verlässt, über die er frei improvisieren kann. Es gibt keinen zweiten Autor wie Palahniuk, insofern müssen uns die in vieler schmalen Büchlein, die er derzeit herausbringt, reichen, aber ein klein wenig darf man sehnsüchtig nach älteren Werken schauen, die ebenfalls bizarre und wilde Achterbahnfahrten waren, die aber dadurch intensiver wirkten, dass wir noch tatsächlich mit seinen Figuren mitfühlen konnten, weil sie mehr als reine Chiffren waren, die durch eine eher stenographische Handlung stolpern. Es ist vielleicht ein Kompliment, vielleicht auch ein Fluch, wenn man einen genialischen Künstler immer wieder an früheren Werken misst, aber mal ehrlich: Wer denkt nicht bei jedem neuen Radiohead-Album zuerst an «OK Computer» oder «Kid A» im Vergleich, wer wünscht sich nicht, dass das aktuelle Björk-Album doch vielleicht einen Hauch mehr nach «Homogenic» klingt? Was nicht heißt, dass «Damned» nicht komisch, ekelig, fesselnd, ultrasatirisch und durchaus sehr, sehr gut ist – und vielleicht Palahniuks, wenn auch auf verstörende Art, optimistischstes Buch – bleibt also zu hoffen, wenn es auch unwahrscheinlich scheint, dass es wirklich eine Fortsetzung gibt.

Blickfang

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Etwas spät komme ich endlich einmal dazu, die Bücher, die sich seit Jahresmitte hier stapeln, durchzugehen.

Für uns Kreativ- und Artdirektoren, auch wenn es bei Photographie einen ungebrochenen Trend zur Inhouse-Produktion gibt, sind gute Illustratoren und Photographen das Salz in der Suppe. Selbst wenn man akut keinen Etat hat, für den man einen Photographen braucht, ist man doch ständig auf der Suche nach visuellen Trends und Trendsettern, mit denen man für den «richtigen Job» zusammenarbeiten könnte. Bei einem kleinen Büro wie nodesign, wo es keinen dedizierten Art Buyer gibt, gehört ein offenes Auge beim Magazin-Lesen, Portfolio-Surfen, Messen wie Bild.Sprachen und so weiter oft zum Alltag. Einen schönen Überblick bietet Blickfang – Deutschlands beste Photographen, quasi das Gegenstück zu den gewohnten Agentur-Annuals, und wie immer ist man etwas neidisch, wie einfach Photographen es haben, ihre Arbeit zu kommunizieren. Da ist ein Bild – und das Bild funktioniert, ob allein oder im Kontrastumfeld einer Serie, basta. Kein Konzept, keine auf einem Photo schwer kommunizierbare typographische Detailarbeit, keine Auftraggeberwünsche, die hier oder dort ein Logo oder einen Störer bedingen – einfach nur ein starkes Bild. Blickfang bietet 726 Seiten davon, komplett mit Interviews und Texten aus der Branche – von der anderen Seite des Marktes also auch ein schöner Blick in die Realität von Photographen. Auch wenn ich mehr und mehr dazu neige, solche Kompendien nicht mehr wirklich im Regal stehen zu haben – wo ich sie meist nicht mehr wiederfinde, sondern digital haben zu wollen, ist dieses edel aufgemachte Buch für 50 Euro allemal einen Kauf wert. Bestellen kann man es hier.

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Grant Morrison: The early years

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Es ist vielleicht gar nicht unbedingt im besten Sinne die Krönung des Nerdtums, wenn man anfängt, tatsächlich Bücher über Comics zu lesen. Und zwar nicht Chip Kidds wunderbare Photobände, in denen er seine eigene Sammlerleidenschaft und damit eben das «Best of Geek Toys» ausstellt, die Shazam Püppchen und die Batmobiles… sondern ein ganz bilderloses und nicht schnell durchgeblättertes Buch, das beim Thema Comic paradoxerweise mehr Worte als Bilder auffährt, als würde es damit nicht sozusagen gegen die eigentliche Zielgruppe des Mediums anarbeiten. Timothy Callahans Buch über die frühen Werke von Grant Morrison – von Zenith bis hin zu seiner Revision der bizarren Heldentruppe Doom Patrol – bietet aber dennoch ebenso viel extrovertierte Geekness wie Kidds Paraphernalia-Orgien. Denn man kann Callahans Text-Exegesen eigentlich kaum verstehen, ohne die jeweiligen Comics oder Graphic Novels zuvor gelesen zu haben, andererseits langweilt aber gerade dann oft die langatmige pure Nacherzählungen der Handlung. Wo es knappe Annotations oder sportive Interpretationen täten, die man jeweils online zu vielen Morrison-Werken ja finden kann, wiederholt der Autor im Stile einer klassischen Deutscharbeit immer wieder auch die Geschehnisse, die er aber eigentlich als gegeben voraussetzen dürfte. Das füllt zwar Seiten, und dient sicher als Gedächtnisstütze, langweilt aber alsbald ungemein. Dessen ungeachtet arbeitet Callahan – wenn eben vielleicht einen Hauch zu unsportiv – wunderbar die verbindenden Motive und Strukturen, Ansätze und Antriebe des schottischen Ausnahmeautors Morrison heraus, der neben seiner Nemesis Alan Moore und vielleicht noch Neil Gaimans Frühwerk zu der kleinen Handvoll von Comic-Schreibern gehören dürfte, die einer literarischen Betrachtung überhaupt wert sind. Vor allem die Analyse von Morrisons ultra-metatextueller Durchbruch-Serie «Animal Man» aus den späten 80er Jahren faßt bis heute greifbare Tendenzen des Autors zusammen – und man hat trotz der ausgedehnten Ausgabe-für-Ausgabe-Durchleuchtung immer noch das Gefühl, Callahan würde der Sache nicht ganz auf den Grund gehen, Echos und Details übersehen, weil Morrisons Schreiben ein kultureller Zitatenstadl ist, ein Spiegelkabinett, in dem man immer etwas übersehen kann. Callahan ist sehr darauf bedacht, die literarische Ernsthaftigkeit des Comic-Autors zu beweisen (und damit en passant auch das eigene Buch zu rechtfertigen) und übersieht dabei etwas den unbändigen Spaß in Morrisons Texten, den quirligen Mix aus Hochkultur und Trasheinflüssen, der Morrison so auszeichnet. Callahan findet die New-Wave-Songzitate ebenso wie die Einflüsse von «albernen» Silver-Age-Comics und Ravepartys oder Acidtrips durchaus, seine Interpretation wirkt aber insgesamt einen Hauch zu ernsthaft für das Ausgangsmedium, reitet einen Tick zu sehr auf dem Offensichtlichen herum, will zu angestrengt beweisen, dass Comics eine Sache für »Grown-Ups« sind – während Morrison sich oft genug durch gekonnte Lücken, Bluffs und kindliche Sprünge genau diesem Zuviel an Ernsthaftkeit immer entzieht, immer eine Selbstironie und Distanz wahrt.

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Dada for the win: Doom Patrol

Es mag an der Phase liegen, über die Timothy Callahan hier schreibt – die frühen Vertigo-Arbeiten Morrisons, in denen der Schotte sich selbst noch im Markt der 80er und 90er Jahre beweisen musste, um überhaupt Jobs zu bekommen, und sich erst langsam freischwimmen konnte. So wirkt der Anfang von «Animal Man» und (aus meiner Sicht) die gesamte «Doom Patrol» seltsam bedeutungsschwanger und aufgesetzt, ein wildes Gebräu aus Einflüssen aller Art und einer «look how smart I am»-Haltung, während die späteren Ansätze in Animal Man eigentlich einen schon viel reiferen Morrison zeigen, der seinem inneren roten Faden – was ist «real» in Fiktion – mit einer Präzision folgt, die manche spätere und formal bessere Arbeiten in dieser emotionalen Reinheit fast nicht mehr aufweisen.

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Animal Man – was passiert, wenn narrative Figuren entdecken, dass sie nicht echt sind…?

In Animal Man entdeckt der B-Superheld Buddy Baker, eine eher unwichtige Figur, die ursprünglich aus den 60ern stammt und nominell die Fähigkeiten von Tieren übernehmen kann, dass er eine rein fiktionale Figur ist und blickt dabei nicht nur von der gedruckten Seite den Lesern – also uns – ins Gesicht («I can see you»), sondern begegnet sogar seinem Autoren, Morrison selbst. Ideen, die später immer und immer wieder in Morrisons Geschichten auftauchen – in kommerziellen Megaprojekten wie «Final Crisis» ebenso wie in den ultrakomplexen «Invisibles» – sind hier in ihrer einfachsten und deshalb vielleicht ehrlichsten Form bereits zu finden… während «Doom Patrol» und «Arkham Asylum» , obwohl auf den ersten Blick erwachsener (auch aufgrund des viel weniger an klassischen Comics orientierten Artworks) dagegen fast wie Camouflage-Übungen wirken.

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Psychedelic Acid Trip ins Irrenhaus – Arkham Asylum

Dennoch gibt Callahans Buch den Blick frei auf einen jungen Autoren, der sich smart den amerikanischen Marktbedingungen anpasst, aber bei der ersten Gelegenheit seinem inneren Kompass folgt und der zu den erschreckend wenigen Autoren im Mainstream-Comic-Bereich gehört, die eigene Faszination, Themen und Motive in ihre Arbeiten einbetten, egal, ob sie auf Angestelltenbasis Superhelden-Abenteuer verfassen oder ihre ganz eigenen Figuren erfinden. Morrison hat in dem von Callahan abgedeckten Zeitraum noch nicht seinen Status als Popstar gefestigt, der für große «Franchises» schreibt und mit Rockbands befreundet ist, aber so wie in den frühen Kurzgeschichten von Philip K. Dick im Grunde bereits alle zentralen Themen verpuppt sind, so bietet auch der frühe Morrison vielleicht sogar klarer und weniger verklausuliert die Motive, die den Autor bis heute auszeichnen und die vor allem auch in kommerziellen Arbeiten wie JLA, X-Men oder aktuell Batman für eine Doppelbödigkeit und Dreidimensionalität suchen, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Grant Morrison beweist, das auch in einem vermeintlichen Trash-Medium wie Comics, eine eigene schriftstellerische Stimme und Sinnsuche Bestand haben kann und man es nicht beim Aufkochen von fünf Dekaden alten Ideen belassen muss, dass man nicht für eine vermeintliche Zielgruppe das Niveau niedrig halten muss. Insofern ist Morrison die Ausnahme von der Regel, so wie Chandler es war, so wie Dick es war, so vielleicht es im puppigeren Bereich der Comics vielleicht sonst nur der deutlich erfolglosere und heute weitab vom Mainstream operierende Alan Moore es für einen kurzen Moment war – allesamt Autoren, die ein belächeltes Genre shanghait und revolutioniert haben. Callahans Auseinandersetzung mit deFrühwerk von Morrison ist in vieler Hinsicht also auch eine Gebrauchsanleitung, mit welchen Strategien der Mainstream mit einer guten Portion Glück unterwandert werden kann und zugleich eine Skizze von Morrisons Leben in den frühen 90ern – eine Skizze, die Grant Morrison später selbst in seiner Autobiographie «Supergods» zu einer seltsamen Fusion aus Gesamtbetrachtung der Comic-Historie und Lebenslauf verdichtet… was sich ja nur anbietet bei einem Autor, der wie kein anderer von Anfang an die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgebrochen hat.

Elmore Leonard: Djibouti

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Es ist ein seltsamer Kunstgriff, zu dem Elmore Leonard in Djibouti greift – ein Buch als Konstruktion zu erzählen, als Werk in der Entstehung metatextuell greifbar zu machen, wenn auch in der Tarnung als «Film». Als Leser erleben wir mit, wie die an Kathryn Bigelow angelehnte Filmemacherin Dara Barr und ihr mit 72 Jahren nicht mehr junger, aber umso hochvitalerer Assistent Xavier LeBo mit ihrem Boot Buster in See stechen, und schon im nächsten Kapitel – tatsächlich drei Monate später – finden sich unsere Protagonisten im Hotelzimmer und diskutieren, wie man den Dokumentarfilm-Stoff, den sie in der Zwischenzeit gedreht haben, ideal zusammenschneiden und angehen kann. Es ist fast, als könne man dem Autor selbst dabei zuhören, wie er über die Struktur seines Buches nachdenkt. Ganze Handlungsstränge und Zusammenhänge werden so extrem zusammengerafft, im Dialog sozusagen nur noch nachverarbeitet und in dieser Präsentation bereits wieder kommentiert. Für einen normalerweise eher linearen Autoren wie Leonard fühlt sich dieser Ansatz fast so exotisch an die wie Setting des Romans per se, und es ist Zeichen seiner Meisterschaft als Autor, dass seine Figuren und ihre Dynamik, die Lässigkeit der Dialoge, die Klarheit der Sprache, dennoch so gelingen, dass man als Leser bei der Stange bleibt, selbst wenn zunächst nahezu keine Handlung in Sicht ist und wir quasi zwei fiktionalen Figuren dabei «zusehen», wie sie vor einem 17″-Laptop kauern, Videos sichten und über eine Handlung reflektieren, die wir nie miterlebt haben.

Auf Dauer ist der Wechsel zwischen der vor- und zurückgreifenden Erzählung von Dara und Xavier einerseits, die ihren Film schneiden und den andererseits zunächst recht eigenständigen Handlungen dazwischen eher schwierig, weil ein klassischer Spannungsbogen oft doch besser in linearer Handlung entsteht. Man wird beim Lesen immer wieder aus dem Strom der Ereignisse gerissen, zurück auf die Metaebene – selbst beim großen Finale kommentieren Dana und Xavier noch wie von der Galerie aus das Geschehen und fragen anstelle des Lesers, dessen berechtigte Zweifel vorwegnehmend, ob das alles nicht gerade ein wenig zuviel des Zufalls sei. Es ist, als würde man eine Filmhandlung nicht sehen sondern von zwei Zuschauern beschrieben bekommen, gleichzeitig die Kommentare von Regisseur und Drehbuchautor im Untertitel lesen und ab und zu einen Blick auf den tatsächlichen Film erhaschen dürfen. Einerseits ist diese Technik vor allem für einen so routinierten Autor wie Leonard absolut erfrischend und bereichernd, andererseits fühlt sich Djibouti dadurch immer wieder etwas sehr abstrakt an, zusammen mit Elmores ultra-komprimiertem Schreibstil und einem sehr freiflottierendem Plot tatsächlich auch einigermaßen verwirrend, weil sich aus den Fragmenten einfach keine klare Richtung zu ergeben scheint, der Autor von den Ereignissen und Figuren selbst überrascht zu sein scheint.

So kippt die bis dahin kaum erkennbare Handlung in der Buchmitte dann auch plötzlich, weg von der Thematik somalischer Piraten, hin zu den Al-Quaeda-Terroristen Quasim und Jama, einem zum Islam konvertierten Afroamerikaner, die von einem der Piratenanführer namens Idris und dem britischen Scheich Harry Baker als Geiseln genommen werden, weil letztere sich ein hohes FBI-Kopfgeld von den Terroristen versprechen. Positiv formuliert verhindern solche Handlungssprünge natürlich, dass Langeweile aufkommt – aber als Leser merkt man schon sehr deutlich, dass der Autor eigentlich die Geschichte erfindet, während er schreibt. Wie ein alter Jazz-Virtuose improvisiert Elmore seine vertrauten Motive, stets meta-kommentiert vom griechischen Chor des Buches, den Filmemachern Dara und Xavier, die schon die weibliche Hauptrolle der Verfilmung des Buches planen, welches wir gerade lesen und über Naomi Watts als Hauptrolle spekulieren oder überlegen, ob man fehlende Doku-Elemente nicht mit Schauspielern füllen könnte, als Mix aus Dokumentation und Hollywood.

Was anfangs eine sportive Herangehensweise an die Erzählung ist und den Mut eines Altmeisters zeigt, mit offenen Karten zu spielen, verwirrt spätestens, als der Plot beginnt, seltsame Haken zu schlagen und nicht mehr nur die Zeitebenen wirsch durcheinander wirbeln, sondern Leonard auch die Handlung im Handstreich ändert.

So dreht sich Djibouti zunehmend weniger um Dara, Xavier und ihren Film über die somalischen Piraten, sondern mutiert zu einem etwas schleppenden Thriller um den inzwischen geflohenen afro-amerikanischen Al-Quaeda-Terroristen Jama (alias James Russell), den Piraten Idris, den auf Crystal Meth durch die Gegend schießenden Harry Baker und dem Millionär Billy, der hinter den Kulissen noch James Russels mutmasslichen Terroranschlag auf den Gastanker Aphrodite auf eigene Faust zu verhindern versucht – indem er das Schiff kurzerhand selbst in die Luft jagen will. Nachdem der zunächst so frisch und anders wirkende frische Handlungsverlauf nach rund 200 Seiten dann eben doch zum für Leonard eher herkömmlichen und bewährten Muster zusammengeschnurrt hat – smarte Frauen, harte Männer, dumme aber brutale Kleingangster und ein finales Western-Duell, auf das alles mit traumhafter Unlogik hinausläuft – kommt die Geschichte auch etwas in Gang, ohne Rückblenden, narrative Mätzchen …aber natürlich immer mit genug Pause für doppelbödigen Small-Talk bei etwas Martini.

Wie jeder Elmore-Roman lebt auch dieser von den Figuren, die der Autor mit wenigen Strichen souverän zu Papier bringt, ihnen mit einem Minimum Text eine Ambivalenz, Motivation, Biographie verleihen kann, die andere auf hunderten von Seiten nicht herbei schreiben. Vielmehr spielt Leonard so glaubhaft den Anfang einer Melodie, dass der Leser bereit ist, nur zu gern selbst weiter zu pfeifen und die grobe Andeutung mit eigener Phantasie zu beleben. Nicht viele Autoren beherrschen diesen Trick so virtuos wie Elmore Leonard, in dessen Chiaroscuro-Licht die Charaktere schillern und glitzern wie seltene Tiefseefische, die man in dieser Form stets nur im Aquarium des Romans zu bestaunen kriegt. Wie gute Photographie uns den Luxus gibt, Zeit einzufrieren und ungeniert voyeuristisch das echte Leben in der künstlichen Form zu betrachten, so finden wir in Leonards stets leicht selbstähnlichem Figurenkabinett ebenfalls eine Chance, in den Details zu verweilen, Ideosynkrasien und Archetypen zu entdecken… Und je weniger der Autor sich selbst vom Fluss der Handlung mitreissen lässt, je fast gelangweilter seine Figuren auf den Showdown zu warten scheinen und sich dabei selbst kommentieren, umso besser. Das die Charaktere dabei meist halb betrunken oder auf Khat sind, verleiht dem Buch dabei eine traumwandlerische Freiheit von Logik, die mehr als einmal die Frage aufdrängt, ob der Autor vielleicht therapeutisches Cannabis konsumiert. Die haarsträubenden Wendungen, abrupten Wechsel, das überstürzte Finale und der seltsame Ortswechsel auf den letzten Metern – Djibouti wirkt freundlich gesagt weitgehend ungeplant. Free-Jazz eben.

Ideal wäre es nun, würde das Buch verfilmt werden – als Mix aus Dokumentarmaterial und Schauspiel-Elementen und natürlich mit Naomi Watts in der Hauptrolle, verfilmt von Kathryn Bigelow. Schöner könnte sich der Kreis kaum schließen.

Langsame Revolution

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Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

Jonathan Safran Foer: Tree of Codes

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Die Idee an sich ist natürlich nicht neu – zahllose Arbeiten haben sich bereits mit dem «Entstellen» von Büchern durch das Ausschneiden von Testpassagen befasst und Brian Dettmers Buchkunst geht eigentlich noch einen bedeutenden Schritt weiter – aber dennoch ist Jonathan Safran Foers «Tree of Codes» ein Buch zur Zeit. Dabei ist es nicht einmal sein Buch – es basiert auf Bruno Schulz «The Street of Crocodiles» (selbst der Titel ist nur ein Cut-Out des Originals)– Foer selbst hat nur durch Weglassen von Textstellen den Kontext der Worte geändert. Diese alte Technik von Textremix durch Wegnahme, durch Reduktion ist wiederum nicht neu, erzeugt aber immer wieder spannende Ergebnisse. Es führt weniger zu einer Komprimierung, zu einer Essenz von Text, sondern mehr von der Prosa zur Lyrik, zu einem schwebenden, fragmentarischen Text, der neue Assoziationen zulässt. Ich habe etwas ähnliches – nicht mit Schere und Papier, sondern digital – vor einem Jahr für ein Saisonheft gemacht, um auf einer zweiten Textebene Songs, Sachtexte und Wikipedia-Artikel zu verfremden, und der Effekt, der durch bloßes Weglassen einen Text verfremdet und auflädt, ist enorm… irgendetwas in unserem Gehirn scheint von den «Löchern» in Text angezogen, aufgefordert, sie mit eigenen Inhalten zu füllen. Es wirkt ähnlich wie der berühmte weiße Kreis auf einem Photo, etwa auf einem Gesicht, der aus einem bloßen Photo ein Geheimnis macht, das wir zu decodieren versuchen. So wie unser Gehirn «weiß», das aus der Rückseite der 6 bei einem Spielwürfel die «1» ist, versucht es auch hier, die weißen Flecken auf der Landkarte selbst zu füllen – und dieses Spiel kann oft spannender sein, als einen Inhalt fertig vorgesetzt zu bekommen. Das Gehirn liebt Assoziationen, Herausforderungen, Spiel und die Notwendigkeit, aus wenig Informationen ein «Ganzes» zusammenzusetzen – und in diesem Sinne ist «Tree of Codes» ein bemerkenswertes Spielzeug.

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So entstehen Sätze wie: «Only a few people noticed the lack of colour as in black-and-white photographs. This was real rather than metaphorical – a colorless sky, an enormous geometry of emptyness…» Hat man sich einmal auf den fragmentarisch-tastenden Sinn der Worte eingelassen, entsteht aus dem Remix ein tatsächlich gut lesbarer Text, der in seiner kurzen, fast atemlos komprimierten Form zudem Lust auf das wahrscheinlich dagegen fast langatmig wirkende Original des polnischen Autors weckt – also durchaus eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein Remix in der Musik, wenn ein Starremixer auf einen unbekannten Klassiker »verlinkt». Das Ergebnis ist eine gänzlich andere Geschichte – und durchaus auch literarisch ein interessantes Experiment… denn wo normalerweise ein Buch aus dem Nichts durch Aufschichten entsteht – wie ein Gemälde – ist dieses durch Wegnehmen, Wegschlagen, Abtragen entstanden… eher wie eine Skulptur.

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Zudem ist das Buch natürlich wunderbar sperrig. Es wird sich wohl kaum übersetzen lassen, ohne die Idee zu zerstören, es eignet sich nicht als Audiobuch, es eignet sich nicht für iBooks (außer evtl durch Schwärzungen), Kindle und Co. Es ist ein seltsames letztes Aufbegehren, das Buch als Objekt in dieser Form zu feiern, als physikalischen Ort von Worten, an die man Hand bzw. Schere anlegen kann, als Ort von Eselsohren und Randnotizen, mit dem spezifischen Gewicht, Geruch, mit einer vorgegebenen Schriftart, mit dem rauhen Werkdruckpapier, mit einem kunstvollen Cover, mit also der ganzen magischen «Gestalt» eben eines Buches… alles Dinge, die ein iPad nicht näherungsweise simulieren kann oder soll, auch wenn es durchaus Ansätze gibt. . «Tree of Codes» ist insofern auch ein Statement – ein Plädoyer für das Analoge, das Zerfallende, für das Fragile. Der Clou, das das individuelle Zerschnippeln von Papier natürlich bei einer Massenauflage zu einem aufwendigem Produktionsprozess führt, der das Buch alles andere als «nostalgisch» macht, sondern eher zu einem Stück High-Tech-Magie, ist dabei für den einzelnen Leser vielleicht sogar nebensächlich – der Leser darf sich in der Illusion wähnen, Safran Foer persönlich habe dieses Exemplar zerschnitten, jedes Buch ein einzelnes Werk. Es ist nicht wahr, aber es ist eine großartige Lüge.

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Das Ergebnis ist ein seltsames Buch-Objekt, das zugleich Kurzgeschichte, literarisches Experiment und Meta-Statement über Bücher an sich abgibt. Es ist wundervoll anzuschauen, es ist ein wenig anstrengend zu lesen – obgleich gerade durch das Abrutschen in eine tiefere Seitenebene mitunter neue spannende Kontexte entstehen, glückliche Mißverständnisse sozusagen -, und es erinnert uns in seiner ausgeschlachteten Form wie zerbrechlich Papier als Kulturträger eigentlich ist. Bei aller Liebe zum eReading ist es insofern eine schöne Erinnerung daran, dass uns Bücher auf Papier, diese aus Bäumen entstandenen Codeansammlungen, hoffentlich noch eine lange Zeit erhalten bleiben.

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Terry Pratchett: I Shall Wear Midnight

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Terry Pratchetts neuester Discworld-Roman ist nominell ein «Young Adults»-Roman, aber um die Wahrheit zu sagen kann ich abgesehen vom Alter der Protagonistin keinerlei Unterschied zu den «normalen» Romanen feststellen. Ganz im Gegenteil – für ein auf junge Zielgruppe zugeschnittenes Buch hat I shall wear Midnight einen recht handfesten Drang zum zweideutigen Altherrenhumor, wenn dieser auch auf eine britisch-trockene Art durchaus erträglich bleibt. Die Geschichte der jungen Hexe Tiffany Aching, die hier bereits im vierten Band ihren Auftritt hat, folgt der gleichen Logik aller Discworld-Romane in dieser schwer zu beschreibenden Mixtur aus durchaus spannender Handlung, Humor und einer Prise Tiefsinn, die kaum ein Autor so verlässlich hinbekommt wie Pratchett. Selbst die Tatsache dass der an Alzheimer erkrankte Sir Pratchett hier erstmals das Buch per Diktaphon eingab, was bei Strukturierung und Organisation des Plots sicherlich nicht hilfreich ist, wird beim eigentlichen Lesen kaum spürbar – die komplexe Handlung läuft trotz einiger Umwege und Irrfahrten schnurstracks auf ein befriedigendes, alles baumelnden Fäden säuberst zusammenspinnendes Ende hinaus, und obwohl ich nicht unbedingt ein großer Fan von Happy Endings bin, kommt man aus diesem Buch unweigerlich mit guter Laune heraus, ohne dass dabei das Gehirn beleidigt die Arme verschränken und genervt mit dem Fuss tappen muss. Es ist fast verwunderlich, wie leichtfüßig Pratchett die Aussenseiter-Thematik, die Basis jedes Teenager-Romans ist, auf mehreren Ebenen bespielt – Tiffany ist sowohl gegenüber normalen Mitmenschen als auch bei ihren «Peers» (den anderen Hexen) ein Misfit, will nicht richtig reinpassen, ihre Hilfe wird gebilligt, aber wirklich angekommen scheint sie nicht. Aching folgt einer Art moderner Aschenbrödel-Lifestyle, all work and no fun, die sich als dörfliche Hexen-Pflegekraft für andere aufreibt, kaum schläft und als Dank für diesen Magie-Altruismus auch noch den Jungen, den sie zu lieben meint, nicht kriegt, dafür aber eine Art mystische Hexenjagd in Form des düsteren Cunning Man an der Backe hat. Wie Pratchett seine junge Heldin effizient erst knietief in die Misere jagt und dann besser als zuvor daraus aufsteigen lässt, daran kann sich die Harry-Potter-Saga fast eine Scheibe abschneiden, zumal Pratchett jede Fuge, in die sich Zweifel an der Wasserdichtigkeit der Handlungslogik einschleichen könnte (wie etwa bei dem doch arg aus dem Nichts herbei geschriebenen neuen Love Interest für Tiffany) mit so viel Ironie und Humor verschließt, dass sich auch dieses Buch dem Vergleich zu den meisten anderen und meist unerträglichen Fantasy-Werken völlig entzieht. Die Discworld-Serie hat sich längst von der Parodie zu einem einzigartigen Erzählwerkzeug gemausert, das in seiner einzigartigen Schwebung zwischen Heiterkeit und Ernst seinesgleichen sucht, eine Balance, die vielleicht noch am ehesten von Douglas Adams Dirk-Gently-Romanen erreicht wird. Es ist selten, dass ein Young-Adult-Buch sich so angenehm erwachsen anfühlt. Mag sein, Pratchett hat diese Form als Sicherheitsnetz für seinen ersten nur diktierten Roman gewählt, mag sein, dass die Discworld-Serie ohnehin nicht allzu «erwachsen» daherkommt – sicher ist, das I Shall Wear Midnight ein absolut vollwertiges Mitglied der Pratchett-Familie ist und ein verdammt unterhaltsames noch dazu.

Steve Martin: An Object of Beauty

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Musiker, Schauspieler, Comedian und offenbar Kunstsammler – Steve Martin ist scheinbar ein Multitalent und hat sich als solches ein großes Thema mit seinem 2010er Roman «An Object of Beauty» vorgenommen: die Kunst und den Kunstmarkt. Eingewickelt in einen verfilmungsfreundlichen Plot rund um Lacey Yeager, an deren Seite wir die New Yorker Up- und Downtown-Kunstszene der 90er und 00er Jahre durchlaufen, von Sotheby’s über den internationalen Kunstmarkt bis hin zur eigenen Galerie. Lacey ist eine Art moderne Holly Golightly, smart, etwas weniger wirsch als Capote’s Figur, sexuell klarer karriereorientiert, eins dieser Up-and-Coming-Mädchen, die es in New York zuhauf gibt und die eine pinkfarbene Version des amerikanischen Traums mit einer guten Prise Sitcom vermengt. Es wäre etwas gemein zu sagen, «Object of Beauty» ist Sex&The City in der Kunstwelt, und auch nicht ganz zutreffend, aber eben auch nicht ganz falsch. Die Rahmenhandlung, die auch fast beiläufig geschrieben wirkt, niemals wirklich so etwas wie eine greifbare Richtung entwickelt und erratisch über die Jahre zu springen scheint, dient Martin aber auch nur als Ausrede, über Kunst im Allgemeinen, die Kunstszene im Speziellen und ausgesuchte Künstler im Oberbesonderen zu fabulieren. Lacey ist sozusagen nur ein McGuffin, dem wir nachjagen, um in die verschiedenen Aspekte der Kunstwelt einzutauchen, von den geweihten Hallen des Auktionshauses, in dem Kunst zum Geschäft wird bis hin zur «Contemporary» Szene, wo nie ganz klar ist, ob man Kunst oder einen kryptischen Witz für Eigeweihte vor sich hat, und wo das Sammeln zum Hochrisikosport mutiert, weil niemand mehr die Szene überblicken kann. Martins satirische, aber liebevolle Seitenhiebe auf die Kunstszene gehören zu den Highlights des Buches, das eine schöne Textur der Kunstmarktentwicklung der letzten Dekaden bietet und anreißt, wie 9/11 oder die Finanzmarktkrise nicht die Kunst als solche, sondern den Handel berührt haben. Denn interessanterweise scheint sich der Sammler Martin weniger für die Kunst per se, als vielmehr für den Rummel drumherum zu interessieren. Was ja durchaus Trend ist – Sammler, Kuratoren, Galeriebetreiber, die Vermarkter, Katalysatoren und Trüffelschweine des Marktes scheinen heute wichtiger denn je zu sein, (Selbst-) Vermarktung zum Keyword der Kunstszene mutiert zu sein. Mit Lacey Yeager liefert uns Martin so eine Art Hans-Ulrich Obrist mit Brüsten, man sieht förmlich schon Anne Hathaway in der Rolle auf der Leinwand – «Object of Beauty» nutzt die Kunstszene so als Background wie manche Krimisendungen mit jeder Folge in eine andere Subkultur untertauchen, um dort ihren Fall zu lösen. Die Crux des Buches ist, dass es weder ein echter Roman noch eine echte journalistische Betrachtung der Kunstbranche der letzten Dekaden ist – der Hybrid, der im Ansatz immer wieder spannend zu werden verspricht, scheitert am Ende… das Buch könnte kaum nichts sagender enden. «Object of Beauty» gelingt weder eine beißende Charakterstudie der Profiteure und Karrieristen im Kunstmarkt noch ein an sich spannender Roman über Manhattanites-in-Love. Nicht Fisch, noch Fleisch verläuft sich die Handlung im Sande und Martin gelingt es nicht, die Magie zu schaffen, die es uns ermöglicht, mit einem an sich unsympathischen Charakter mitzufühlen. Je weiter sich das Buch hinschleppt, umso unsympathischer wird die Hauptfigur, desto schleppender wird ergo das Buch.

Für Kunstinteressierte ist das Buch natürlich dennoch spannend, in der gleichen Art wie Crichton-Bücher einen Hauch Chaostheorie in eine Hollywod-kompatible Rahmenhandlung einbetten, wird hier halt der Kunstmarkt und seine Besonderheiten als Plot-Background gebraucht – nur trägt der Plot an sich nicht und dient selbst nur als Background, um über den Kunstmarkt zu philosophieren. Dieser seltsame Kurzschluss in der Konstruktion des Buches macht aus «Object of Beauty» eine seltsam unbefriedigende Reise, auch wenn die vorbeiziehenden Betrachtungen, Gags und Einsichten das Lesen durchaus mehr als rechtfertigen. Das Buch ist scharfzüngig, oft scharfsinnig, es schlägt mit einem warmherzigen Grinsen auf die US-Sammlerszene ein und könnte tatsächlich ein ausgezeichnetes Buch gewesen sein, wenn Martin sich die Mühe gemacht hätte, nebenbei auch noch eine Art Handlung zu entfalten. So endet es aber als eine mal mehr mal weniger gelungene Aneinanderreihung einzelner Szenen die aber eben kaum ein großes Ganzes ergeben.

William Gibson: Zero History

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Während unzählige Bücher mehr und mehr versuchen, die Gegenwart zu verstecken und spürbare Schwierigkeiten damit haben, Belletristik für eine Welt mit Smartphones, Facebook und Google zu schreiben, ist William Gibson einer der wenigen Autoren, der nicht in in romantische Vampir-Fantasien oder introspektive Charakterstudien ausweicht, sondern die Welt von vitalem Marketing, Pop und Hightech förmlich umarmt, um daraus seine komplexen Geschichten zu handwerken. Dabei gelingt ihm eine neue Form von Erzählung, die schon längst kein Genre mehr bedient, in der «normalen» Literatur ebenso zuhause ist wie im SF, im Krimi oder auch im Agentengenre. Und während eben all diese Genre (paradoxerweise allen voran eben die Science Fiction) an der hochtechnisierten Gesellschaft scheitern, betritt sie bei Gibson die Mitte der Bühne. Wer sich erinnert, wie oft etwa bei den X-Files zum passenden Zeitpunkt das Mobilfunknetz ausfallen musste, damit der Plot nicht in sich zusammen brach oder wer sich fragt, wie Chandlers Art von rabenschwarzer Detektiv-Erzählung heute, in Zeiten von Google, funktionieren soll, wird in Gibson die Antwort finden. Wo andere Autoren vor der technisierten Realität flüchten, war Gibson schon immer in ihr daheim – nur muss er heute nichts mehr mit Science Fiction ummanteln – seine Realität ist längst SF geworden, oder umgekehrt: Die Wirklichkeit hat seine Bücher eingeholt. Wenn Gibson heute von silbrig schimmernden fliegenden Pinguinen und Mantas schreibt, die als Ballons lautlos in der Luft schweben, vom iphone ferngesteuert, und als Überwachungssysteme funktionieren, ist man mit einigen Google-Klicks schnell bei Festo gelandet und stellt fest, dass hier nichts erfunden ist, sondern Gibson nur die etwas seltsameren Momente von Gegenwart für sein Buch nutzt, vernetzt und zu einer neuen Gestalt formt. Smartphones, Flughäfen, die internationale Kunst- und Modeszene, Celebrity-Leben, das Post-9/11-AgentenRevival, Twitter, Anti-Branding und virales Marketing sind nur einige der vielen Zutaten unserer Zeit, die Gibson virtuos zu einem Spiegelbild unserer Wirklichkeit amalgamiert, das über diese Wirklichkeit hinausweist und sie zugleich präzise abbildet. Gibsons Bücher funktionieren wie diese verzerrten Kirmes-Spiegel, wir sehen unseren Alltag seltsam verzerrt und verwirrend darin, sie ziehen uns den Boden unter den Füßen weg und finden die Dystopia nicht im großen gesamtgesellschaftlichen Untergang sondern vielmehr in den Abstrusitäten des spätkapitalistischen Alltags. Gibsons Leistung ist, dass wir uns in diesem Spiegelbild klarer und wirklicher sehen, dass seine Verzerrung ehrlicher ist als jeder normale Spiegel es sein könnte, konzentrierter und klarer.

«Zero History» darf nach dem dem etwas maueren «Spook Country» als ein meisterhaftes Buch gesehen werden, das die Energie und Komplexität, das globale und federleichte von Gibsons vielleicht bestem Werk, «Pattern Recognition», mühelos aufgreift. Tatsächlich ist das Buch gerade zu Anfang ein Genuss, weil man beim Lesen deutlich spürt, dass der Autor kein Ziel im Sinne hat, keinen Plot, keine Handlung im engeren Sinne, sondern einfach nur Konstellationen auf seinem Spielbrett erzeugt und selbst überrascht wirkt, als die Handlung sich aus dieser Figuration wie von selbst ergibt. So wirkt «Zero History» anfangs etwas unfokussiert – gerade dadurch aber brillant -, um im letzten Drittel dann derart Fahrt aufzunehmen, dass man sich (ganz Gibson-untypisch) in einem Hollywood-Thriller wähnt. Alle Charaktere sind so glaubhaft, so detailliert gezeichnet, bei aller Extravaganz, das man auch nicht aus der Kurve geworfen wird, wenn plötzlich der Hollis Henrys Ex Garreth auftaucht, der sich beim Hochhaus-Diving fast ums Leben gebracht hätte und der nun dine Art Hightech-Kur für Seinfeld Bein durchläuft. Die Kunst des SF-Autors ist vielleicht, die Abstrusitäten des modernen Lebens entspannt-plausibel beschreiben zu können, weil er das bereits an der noch einen Hauch absurderen Gesellschaft von Büchern wie «Count Zero» oder «Mona Lisa Overdrive» üben konnte. Wahrscheinlich brauchen wir einen Schriftsteller, in dessen Phantasie virtuelle japanische Popstars aus 3D-Druckern in die echte Welt rübermachen, um eine plausible Gestalt aus der Gegenwart zu destillieren. Man fragt sich, ob nicht auch Philip K Dick heute längst lieber über den Wahnsinn in der Normalität schreiben würde, anstatt über Parallelwelten.

Bei Gibson wird insofern greifbar, dass wir längst in einem Science-Fiction-Szenario leben – und manche seiner direkt aus den News gezogenen Details – wie etwa der Sammler-Boom im Bereich Vintage Clothing – wirken kaum weniger bizarr als Dicks seltsame und konsequente Gedankenexperimente mit Welten in denen die Zeit rückwärts läuft oder höchste politische und wirtschaftliche Entscheidungen mit dem I Ging getroffen werden. Das latente Gefühl, in einer hochgradig bizarren Wirklichkeit angelangt zu sein, ist bei der Lektüre von «Zero History» manifest. Umgekehrt ist man entsprechend wenig schockiert, wenn SF-Dystopiaschocker-Material wie eine tote Strahlungszone rund um ein nukleares Desaster fast schulterzuckend zur Normalität wird und man zur Tagesordnung übergeht. Strange Days.

«Zero History» ist unter diesem Aspekt – aber nicht nur unter diesem – ein herausragendes Buch. Gibson ist ein begnadeter Beobachter, der fast poetisch-nüchtern aus kleinen Details eine Textur, eine spürbare Vorstellung von Komplexität erschaffen kann und der dieses hyperrealistische Bühnenbild dann mit faszinierenden, schillernden Charakteren, die so outlandish wie glaubhaft sind bevölkert. Eine Welt voller Ex-Agenten, Extremsportler, Has-Been-Popstars, einer Gilde von Motorradkurieren, Technokraten und Vermarktern. Also wahrscheinlich die Welt, in der sich Gibson selbst oft genug bewegt, und die wir eigentlich jeden Tag entdecken können… wenn wir nur die Augen aufmachen.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001

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Auf dem Rücken des 900 Seiten schwellenden Tagebuchbandes von Fritz J. Raddatz kündigt ausgerechnet Frank Schirrmacher das Buch als den «großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik» an. Und obwohl Raddatz Notizen in seinem Tagebuch sicherlich eine spannende Periode kultureller Erlebnisse im Niedergang des 20. Jahrhunderts abbilden, so entsteht natürlich in Wirklichkeit zu keinem Moment ein Roman, entsteht keine Erzählung schon gar keine «große». Das ist nicht der erste sich zu reinem Hype ergreifende Cover-Blurb, der den Umsatz ankurbeln soll, aber man fragt sich unwillkürlich ob Raddatz sich von solchem Kirmesgeschrei geschmeichelt fühlen mag oder sich zu Recht verarscht fühlen darf – ein Tagebuch ist ein Tagebuch und diese Tautologie, eigentlich diesen Genre-Unterschied darf man ruhig beherzigen. Raddatz Tagebücher sind nicht Der «Mann ohne Eigenschaften», aber das wären Musils Tagebücher eben auch nicht. Raddatz Erzählungen sind als Romane erschienen – dies ist kein Roman und er dreht sich auch nicht wirklich um Gesellschaft, schon gar nicht um die große Gesellschaft, wenn auch mitunter um die gehobene. Es geht vielmehr um den Raddatzschen Mikrokosmos, bestehend aus den Künstlern, Autoren, Freunden und vor allem Feinden, die ihm als Zeit-Feuilletonchef, Autoren und Mensch so über den Weg laufen. Das hier immer wieder über Jahre hinweg die gleichen Namen erscheinen, darf niemanden wundern, ebenso wenig die Tatsache, dass Themen wie Tschernobyl, AIDS oder Irakkrieg nur eine Art Randnotiz abgeben, individueller Selbstzweifel, ein Nicht-in-die-Welt-passen und eine Art permanenter Schwanzlängenvergleich mit seinem künstlerischem Umfeld aber enormen Raum bekommen und nahezu erschreckend gleichförmig über diesen großen Zeitraum immer sogar in ähnlichem Wortlaut wiederkehren, gerade so, wie die Zungeja auch immer wieder an den schmerzenden Zahn findet. Und das darf auch so sein, denn es geht eben nicht um Gesellschaft, oder gar um Wirklichkeit, sondern um Raddatzsches Innenleben.

Das, an sich, aber eben unzweifelhaft eine spannende Lektüre abgibt. Rasiermesserscharf, ehrlich, zynisch und humorvoll zugleich, analysiert er die Eitelkeiten seines Umfeldes, die Schwächen und Fehler, und enthüllt dem Leser so eine ganz seltsam intime Sicht auf die intellektuelle High Society deutscher Kunst aus zwei Dekaden. Wie eine seltsame Art Anti-Boulevard-Klatschformat spiegelt sich in Raddatz eine Kulturlandschaft, der es anscheinend wenig um das Machen geht, mehr um den Erfolg, die Titel, die Ausstellungen, das Geld. Es ist ein seltsamer Schattenkapitalismus der Kunst, der sich hier entfaltet, ein Versailles mit Intrigen, Mißgunst, Neid und einer wunderbar atemberaubenden Verlogenheit, derer der Autor selbst sich zwar geniert, aber ebenso bedient.

Zugleich ist interessant wie sehr sich Raddatz an seinen Peers misst. Was er anderen Autoren, etwa Hans Mayer, vorwirft, die eitle Egozentrik der Künstlerseele, die immer nur über eigene Erfolge plappern kann, bemerkt er an sich selbst scheinbar kaum, wenn er über Rückschlägen gekränkt ist oder literarische Anerkennung aufsaugt, wenn er seitenweise darauf verweist, dass eben er doch jenen oder diesen gefördert und entdeckt hat und dass er doch jenes oder dieses bewegt hat (stets ohne Dank natürlich) oder wenn er sich etwas kühn selbst neben Grass, Böll und Konsorten als «Stimme seiner Generation» verortet. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Raddatz auf den stets so wahrgenommenen Mangel an Manieren, Wissen, Mobiliarsqualität, Gastfreundlichkeit, selbst noch die offenbar lieblose Weinwahl seiner Umwelt einprügelt und die Härte, mit der vernichtende Urteile fällt, bildet einen seltsamen Gegensatz zu der sanften Selbstliebe und der permanenten Frage, warum er nicht als wunderbarer Mensch akzeptiert wird. Vielleicht, weil die Umwelt eben doch nicht so blöde ist, die kalte Verachtung, die aus Raddatz Worten emporsteigt, zu riechen und zu erwidern.
Schaut man in die Seele eines solchen Egozentrikers, der aber zugleich ein kluger und durchaus stets auch gebender Mensch zu sein scheint, ahnt man bald, dass die drastische Abwertung nahezu jeder Person in seinem Umfeld die kaum verklausulierte eigene Unsicherheit mit zum Ausdruck bringt, Schutzmechanismus ist, man andere eben noch einen Hauch mieser finden darf als sich selbst. Es ist ein Mechanismus, den die meisten Menschen irgendwann nach der Pubertät ablegen.

Und dieser Mechanismus macht die Tagebücher schwer verdaulich, man schaut fast täglich in den Abgrund der Raddatzschen Unzufriedenheit und möchte den Mann bereits nach den ersten zweihundert Seite aus einer Zeitmaschine zaubern, durchschütteln und ihn bitten, sich zu entspannen, glücklicher, offener zu sein, den Misanthropen einzumotten. Denn in den Momenten, in denen in den Einträgen Glück und Zufriedenheit durchblitzen (und zugegeben, wer führt schon ein Tagebuch über die kleinen guten Momente? Tagebücher sind ja doch eher Orte der Selbstzerfleischung), zeigt sich ein grandioser Beobachter mit einen unfassbaren Auge für kleinste Sinnhaftigkeiten und Symbole, der mit wenigen Kohlestrichen eine Landschaft, eine Situation, einen Menschen erfassen kann. Es ist dieses Talent, trotz aller Redundanzen auf den 906 Seiten, die das Buch lesenswert macht – der Einblick, wenn auch gefiltert, in die Seele eines Egozentrikers, eines paradoxen Menschen, der im Mittelpunkt steht und sich doch ausgeschlossen zu fühlen scheint.

Insofern sind die Raddatzschen Tagebücher eben kein Gesellschaftsroman, sondern Charakterstudie eines Kulturschaffenden, der mit sich hadert, ständig Existenzangst zu haben scheint und selbst in relativer Abgesichertheit noch unter monetärem Vertigo zu leiden scheint. Es ist eine Langzeitstudie des Kreativen zwischen Selbstvermarktung und Selbsthass, in der sich wahrscheinlich viele andere Autoren, Musiker und Künstler wiederfinden werden. Und zugleich ist es ein oft unschöner Einblick in einen subjektiven Ekel vor der Mediengesellschaft, den Raddatz fast ausnahmslos angesichts seiner Umwelt verspürt. Ob Gräfin Dönhoff, Schmidt, Augstein, ob Brasch oder Hochhuth, sie alle kriegen ihr Fett weg, wenn Raddatz sich über die Zeit-Redaktion, die Frankfurter Buchmesse oder die Autorenwelt im allgemeinen ausläßt. Selbst Balzac wird gebeckmessert, was umso bizarrer wirkt, als das Raddatz sich furchtbar aufregt, wenn andere Lordsiegelbewahrer die Giftspritze auspacken, wie etwa Peter Zadek.
Es ist ein wunderbares, oft auch anstrengendes, mitunter nervendes, gottlob immer wieder eben auch sehr lohnendes Gebirge, durch das man dem Reiseführer Raddatz hier folgt und es ist vielleicht Symbol seiner seltsamen Mischung aus Eitelkeit, Größenwahn und eben doch Ehrlichkeit (und Mut zu oft aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden homoerotischen Altherrenphantasien) und tatsächlicher Größe, das dieses Buch noch zu Lebzeiten erscheint, viel Freunde macht man sich mit solcher Offenheit wahrscheinlich nicht.

Es ist kein großer Gesellschaftsroman, der hier entstanden ist – und die Entscheidung des Autoren oder des Rowohlt-Verlages, nur die Tagebücher zu veröffentlichen, die irgendwie aber dazu gehörenden anderen Essays in der Zeit und andere, spezielle Tagebücher nicht zu publizieren (was dann aber endgültig im Umfang eine Bibel ergeben hätte) macht das Werk ganz im Gegenteil eher etwas löchrig, weil immer wieder Kontexte und Inhalte fehlen, die man sich zusammensuchen muss (was man oft nicht unmittelbar kann). Aber es ist trotz des Volumens und der eher mäßigen Typographie ein wunderbares kleines und oft intimes Buch, das einen starken Sog entwickelt, das man oft nicht «wegen», sondern «trotz» liest und doch nicht aus der Hand legen mag. Und das allein ist schon eine große Leistung für diese Tagebücher eines offenbar bewegten und bewegenden Lebens.

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms

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Es ist immer schon schwer gewesen, Ellis als normalen Romanautor zu verstehen – seine Bücher wirken eher wie Fluchten aus dem Alltag des Autors selbst, durch die Seitengasse raus in eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt – die eben diesen Alltag zugleich seltsam treffend und über Ellis selbst hinausgehend beschreiben, als leer und verbraucht, als eben einladend zu seltsam brutalen Fluchtphantasien. Was liegt in einer Welt, in der sich Yuppies über die Frage, ob die Gürtelfarbe zu den Schuhen passt, näher, als in ein Paralleluniversum fliehen zu wollen, in dem es noch um die primitivsten Impulse geht, in dem es noch um die grundsätzliche Existenz geht?

Im Grunde ergeben Ellis Werke eine Art Biographie, eine fiktionale Brechung, eine Art Remix seines eigenen Lebens. Und zugleich zeichnen sie die Pulslinien des Lebens einer ganzen amerikanischen Generation auf, die von einem abgestumpft-dekadenten Campusleben («Less than Zero», «Rules of Attraction») kommt, in einem oberflächlichen und von verzerrten Wettbewerb gezeichneten Job arbeitet («American Psycho», «Informers»), deren oberflächliches Leben von zu viel Medien und vom Terrorschock aus der Bahn kommt («Glamorama»), die ins Cocooning flieht, in die Suburbs und, dort mit dem eigenen Altwerden nicht klarkommend, die Vaterkomplexe aufarbeitet («Lunar Park»), und schließlich in einer Art Midlife-Crisis die alte Jugend wiederzubeleben versucht (eben jetzt «Imperial Bedrooms»). Die Hauptfigur in Ellis Oevre ist – mit wenigen Ausnahmen und trotz verschiedener Namen und Details – eigentlich immer die gleiche und immer ist sie ganz nah an ihrem Autor.

«Imperial Bedrooms» treibt diese Fusion von Autor und Protagonisten auf die Spitze und beginnt mit einer Art Betrachtung der (schlechten) Verfilmung von Ellis erstem Buch, «Less than Zero», durch eine der «echten» Handlungsfiguren des Buches, Clay. Clay, als Ich-Erzähler, beschwert sich, das ein Freund als Autor des Buches (das auch von Clay als Ich-Erzähler berichtet wurde) die Original-Geschichte shanghaied und verfälscht hätte – eine grandiose Farce, denn im Laufe des Buches wird sehr deutlich, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Clay in Bret Easton Ellis erstem und letzten Buch gibt und dass genau diese Figur – die ebenso gut Patrick oder Victor heißen könnte – sich lediglich von einem ausgebrannten, disillusionierten Teen zu einem kaum weniger kaputten Erwachsenen gemausert hat, der trotz oberflächlichem Erfolg als Drehbuchautor offenbar sinn- und antriebslos durch das Leben und die Handlung driftet, fast eher von ihr getrieben wird als selbst Antrieb zu sein.

Während des Lesens – und auch Wochen nach dem Weglegen des Buches – war ich mir nie sicher, ob Ellis hier nach dem eher schwachen, wirren Lunar Park zu alter Form zurückfindet, sich nicht länger gegen seinen eigenen Stil sträubt, wo er sozusagen gegen sich selbst anschrieb, sondern den kalten, harten, hedonistischen Sound seiner eigenen Sprache akzeptiert… oder ob er sich hier eher selbst kopiert, den Gestus von «Less than Zero» bloß reproduziert, wie ein alternder Rockstar sein erstes Album früher oder später ja stets noch einmal neu einzuspielen versucht, mit kaum getarnten «neuen» Songs.

Die distanzierte, minimalistische Beschreibung von Sex und Gewalt – wenn auch bei weitem nicht so drastisch wie in «American Psycho» -, die sich überlagernden Schichten von Realität und Illusion, die Drogentrips, das permanent Übernächtigte, Überfeierte – all das stimmt tonal überein mit Ellis besten Büchern. So wie Ellis mit «American Psycho» ein dystopisches Bild der Wall Street ablieferte, Werwölfe im Anzug vorführte, so gelingt ihm auch hier eine schillernde Fabel von Hollywood im Niedergang, ein düster-sonnendurchflutetes Wüstenlabyrinth aus Sex und Drogen und kaputten Beziehungen, das Ellis herabschreibt wie Chandler auf Ecstasy, zu einem wirschen Krimi ohne Sinn und echte Auflösung verquirlt, bei dem Ellis (wie als Persiflage des üblichen Crime-Buches) alle Protagonisten von «Less than Zero» noch einmal aus dem Hut zaubert, und sei es nur, um Clay paranoide Warnungen zuzuzischen. Im Verlauf des Buches wird zunehmend unklarer, ob Clay Opfer oder Täter ist oder beides und die Grenzen zwischen ihm und Bateman verschwinden schließlich vollends, während Clay mehr und mehr aus der Bahn gerät und der Leser mit ihm in einen schizoiden Abgrund abrutscht, von Chandler zu Burroughs. Es ist seltsam, dass Ellis, der sich zu «Lunar Park»-Zeiten in Interviews so ausdrücklich von den Gewaltexzessen in «American Psycho» distanzierte und diese als Batemans Eskapismus-Phantasien abtat, Clay hier aber in einem viel intensiveren Maße zum Psychopathen mutieren lässt und diese Art Split zwischen Bruce-Wayne-Partyanimal und eiskaltem Folterer-Animus noch pathologischer betreibt als jemals zuvor. Clay wird von Ellis als Produkt einer kalten Jugend beschrieben, als Produkt eines wertlossen und narzisstischen Lebens. Er ist Stellvertreter einer ganzen Generation von frat boys, die immer noch leben, als sei das Leben eine Campusorgie, die nie ihren eigenen Kern gefunden haben – und Clays Freunde scheinen keinen Deut besser zu sein. Erwachsene ohne echte Jobs, deren Leben eine endlose Party ist, bei denen Großeltern, Eltern. Kinder oder Geschwister kaum vorzukommen scheinen, für die Sex und Macht und Genuß zentrale Lebensinhalte sind, die wie entkoppelt von den Gefühlen normaler Menschen wirken, die immer noch Zombies sind.

Ich habe vor Jahren einen Auszug von «Less than Zero» in einer George-Romero-Zombie-Anthologie entdeckt und es war die ausnahmslos beste Geschichte in diesem Buch, die ihren kalten Horror nur aus einer Art Rahmenwechsel zog. Die Tatsache, dass die gleichen Inhalte des Campusbuches hier nun hirnlosen, gefühlstoten Zombies zugeschrieben wurden, ist so verblüffend wie einleuchtend – im Grunde schreibt Ellis immer über die Zombies unserer Gesellschaft, selbst wenn diese zu unseren Stars, Vorbildern und soziokulturellen Leadern zählen. So stumpf wie Ellis Schreibstil – das permante Prügeln mit der nackten Faust auf tiefgefrorenes Fleisch – sind auch seine Charactere, sie sind wie schillernde Eismeteore im Weltall, geheimnisvoll, attraktiv, gefährlich, kalt, fremd, tiefgefroren ohne Vergangenheit und Zukunft. Und meist sind sie ebenso tödlich, wenn man Ihnen zu nahe kommt.

Es ist nach «Lunar Park» grandios, Ellis wieder bei seinem ureigenen Sound zu finden. Es mag als Autor wichtig sein, neue Stile auszuprobieren, aber die Tatsache ist, dass niemand Ellis’ Stil so gut kann wie er selbst. Viele Autoren haben sich seit den 80er Jahren an dem flachen, stumpfen und dennoch scharfkantigen Flair seiner Texte versucht, die wenigsten haben die Härte und Klarheit, die dieser Stil braucht, um dich zu erreichen. Es ist schwer, Gefühl durch das Weglassen von Gefühl, Tiefe in der Zweidimensionalität, Mehr durch Weniger zu erreichen. Mit anderen Mitteln als etwa eine Amy Hempel oder ein Chuck Palahniuk, aber durchaus mit dem gleichen Ergebnis, zeigt das schmale «Imperial Bedrooms» Ellis als einen versierten Minimalisten, der weder lineare Handlung noch ein «Ziel» in seinem Buch braucht, bei dem es auf Abrgünde, Beziehungen, Reaktionen ankommt, der wie ein moderner Camus den durch die Handlung taumelnden Clay zeigt, der am Ende Opfer seiner selbst ist.

«Imperial Bedrooms» erinnert im besten Sinne an J.G. Ballards Dystopien, im höchsten Maße an die sexuelle Gleichgültigkeit von «Crash», die Lebensmüdigkeit, das Thrillseeking als letzten gebliebenen Antrieb, überhaupt aufzustehen, die Fetischisierung des Lebens. Wo Ballard oft noch einen exogenen Anlass brauchte, um die Zivilisation entgleiten zu lassen, wird bei Ellis allerdings die Dysfunktion von Gesellschaft und Individuum zum Normalzustand. In keinem seiner Bücher treffen wir intakte, unverbogene Protagonisten, eher zeigt er uns das Beckettsche Limbo, die zeitlose Zwischenhölle, als Aspekt des alltäglichen Vegetierens. Ellis Figuren sind lebende Kadaver, die müde durch die offenbar gelegte Sinnlosigkeit von Liebe und Leben taumeln, die amoralisch agieren, weil die Moral sich als Fata Morgana erwiesen hat. In den Scherben von Ellis düsterem Spiegel können wir uns nie ganz wieder finden – keine wirkliche Person ist je so zerstört und innerlich gestorben wie Ellis Figuren -, und dafür können wir dankbar sein… das in den Splittern aber nahezu holographisch eine nur zu wahre Metapher auf den westlichen Kristallpalast in die Luft projeziert wird, das ist Ellis Büchern unabsprechbar, er ist die Stimme des amerikanischen Alptraums.

Chuck Palahniuk: Tell-All

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Chuck Palahniuk ist der einzige Autor, der mich nicht überraschen würde, wenn er einen Roman aus Sicht eines Virus in Morsecode schreiben würde, ehrlich. Nach dem meisterhaften «Rant» und dem wunderbar verschrobenen «Pygmy» kommt er mit «Tell-All» wieder mit einem ganz neuen Sound daher. Das Buch ist aus der Perspektive von Hazel Coogan geschrieben, der Haushälterin der Hollywood-Legende Katherine Kenton. Mit seltsamen Überlagerungen der Erzählung und bizarren Wendungen mutiert das Buch zu einem gesprungenen Spiegel, dessen Puzzleteile fast widerwillig die Handlung bloßlegen. In typischer Palahniuk-Manier ist nicht alles, wie es aussieht, sind Erzählfiguren zuverlässig unzuverlässig, und der Plot eskaliert in rasanter Weise zur brutalen Persiflage. Als Hollywood-Hommage geschrieben, verwendet die Geschichte immer wieder Drehbuchjargon und wirft in einer solchen Art mit Namedropping um sich, das man vermuten darf, Palahniuk hat eine Lohnliste des Goldenen Traumfabrik-Zeitalters in seine Story schmuggeln wollen. Fiktion und Realität gehen nahtlos ineinander über, Filmdreh und Privatleben umarmen sich tödlich, Gier, Neid und Schönheitswahn sind allgegenwärtig und die Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Damen und dem mörderischen Beau Webster Carlton Westward III ist an Surrealität kaum zu überbieten.

Bemerkenswert ist, wie Palahniuk hier eine Handlung, die aus einer Art perfider Screwballkomödie kommen könnte, mit nahezu charmanten Betrügern und Gegenbetrügern, die sich gegenseitig ums Leben bringen wollen, in ein zutiefst dekonstruktives Korsett bringt und zu einer wirschen Groteske umformt, die nun mal typisch für seinen Stil ist. «Tell-All» ist dabei nicht so episch wie Rant, nicht so schräg und krank wie «Pygmy», nicht so schnell wie «Snuff», und das Namedropping-Tourette nervt nach einer Weile ungeheuer – und dennoch fühlt sich das Buch richtig an, winkt wie Zombies die Geister vergangener großer Hollywood-Streifen hervor, glüht mit der Energie der alten Traumfabrik, nur eben durchs Palahniuks kranken Geist gefiltert. Es ist ein bisschen spannend, ein bisschen witzig, ein bisschen absurd – und vielleicht ist ein von allem dann eben auch ein bisschen zu wenig, um wirklich ein großes Buch zu ergeben, was es mit unter 200 Seiten vielleicht auch gar nicht sein soll. «Tell-All» fühlt sich mehr an wie eine gestreckte Kurzgeschichte, eine Novella, ähnlich wie «Snuff» eine schnelle manische Skizze voller Wendungen und Irrungen, die das Buch trotz des hier teilweise schwer verdaulichen Schreibstils immer spannend halten. Neben Lullaby vielleicht Palahniuks schwächstes Werk, aber selbst schlechte Bücher von diesem Autor sind nun mal immer noch besser als das meiste, was andere Leute in ihrem ganzen Leben schreiben.

Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst

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Wer Elisabeth Rank als Bloggerin kennt, dürfte von diesem Debut der Autorin wenig überrascht und doch überrascht sein, denn obwohl der Sound ganz eindeutig der gleiche ist, gelingt ihr das nicht zu unterschätzende Kunststück, ihren sensiblen Stil, der von der Vignette, dem oft hingehauchten und geheimnisvoll-alltäglichen lebt, auf rund 200 Seiten zu strecken, ohne dass es sich nach «Extended Club Mix» anfühlt. Wer die Intensität ihrer Kurzform kennt, den wird nicht verwundern, dass «Und im Zweifel für dich selbst» ebenso sensibel wie wuchtig ist, einerseits fast zerbrechlich, so dass du fast behutsam umblätterst, mit diesem Gefühl von Vorsicht, dass man vielleicht aus Kirchenbesuchen kennt, andererseits brutal in dem Versuch, Gefühl zu kommunizieren.

Durchbrochen von Rückblenden und Vignetten, erzählt Rank eine Art Roadmovie über Tonia (die Ich-Erzählerin) und ihre Freundin Lene, deren Freund Tim bei einem Autounfall gestorben ist und deren Leben verrutscht ist. In diese Coming-of-Age-Struktur ist eine Art Beziehungskrise von Tonia eingewebt, die auf der Reise, im Schutz von schlechtem Handyempfang und Abgeschiedenheit entdeckt, dass sie nicht bei ihrem Freund Friedrich Verständnis und Hilfe sucht, sondern bei Vince. Drum herum webt Rank kleine Erlebnisse und Begegnungen, Miniaturen, die oft alleinstehend stark sind, oft etwas bemüht den generellen emotionalen Tonus des Buches metaphorisch ummanteln und unterstreichen sollen/wollen. Was mitunter schade ist, denn das braucht es kaum. Rank erzählt auch so erfolgreich die Gesichte einer Entrückung, die schwer zu greifen ist. Unwillkürlich erinnert das Buch an Joss Whedons Buffy-Folge, in der die Mutter der Serienfigur stirbt, in der Whedon den Mantel von humorvollem Teenie-Drama-Abenteuer-Fantasy rigoros abstreift und unerwartet eine ernsthafte, phantastisch Lynch-esque Episode produziert, die von schrägen Kameraeinstellungen, surrealem Ambiente und einem tiefen Gefühl der Unwirklichkeit durchzogen ist, als sei die Welt, die Serie als solche, mit dem Tod von Buffy Summers Mutter völlig aus der Bahn geworfen und entglitten. Ähnlich entschieden wirft Rank ihre Figuren aus dem urbanen Alltag und es ist nicht ganz sicher, ob die Autorin wirklich die Flucht an die Küste wählt oder ob sie fast amüsiert beobachtet, dass ihre Figuren diese etwas klischeehafte, dem Kino entliehene «Flucht» als Lösung wählen. Vielleicht muss auch einfach nur etwas passieren, um die Handlung loszutreten, die an sich nur eine Ausrede, ein McGuffin ist, um in die Gefühlswelt von Tonia und Lene einzutauchen, um die Verarbeitungsprozesse der trauernden Freundin und ihres Umfeldes mitzuerleben.

Die eine, verzeihbare, Schwäche des Buches ist, dass es unbedingt etwas sagen will. Einem Debut-Roman, zumal dieser Qualität, darf man ein bisschen Sturm und Drang einfach verzeihen, aber es ist glasklar, dass Rank es eigentlich nicht nötig hätte, so viel Rücksicht auf ihre Leser zu nehmen. Auf verschiedensten Ebenen bemüht sie sich, symbolisch, metaphorisch, direkt und indirekt, Bedeutung zu schaffen, große Gefühle durch Beschreibungen und Simile herbei zu schreiben. Und da Rank phantastisch schreiben kann, gelingt ihr das auch meist. Ihr kurzer, mitunter auch sparsamer Stil, der plötzlich eruptiv-ausufernd werden kann, das glaubhaft wie aus dem Moment geschrieben wirkende, der zwar mitunter etwas an die Neon, aber insgesamt sehr aus der Gefühlswelt heutiger Twens kommende Klang – all das funktioniert wunderbar. Und gerade weil das so ist, würde ich mir manchmal etwas weniger wünschen. Ein Stück mehr Ray Carver oder Amy Hempel, ein Stück Wortdiät (sagt gerade der richtige, ich weiß). Wenn Hempel über das Sterben schreibt, reichen ihr wenigste Zeilen, das nackteste sprachliche Gerüst, um den Leser zu zerquetschen, wenn Carver vom Tod einer eingeschlafenen Beziehung schreibt, reichen drei Striche, eine hingehauchte Skizze, ein scheinbares Nichts an Handlung, um alles gesagt zu haben. Ganz an dieser Sparsamkeit ist Rank nicht, muss sie vielleicht auch nicht sein, wird sie vielleicht auch nicht sein, aber während des Lesens gibt es immer so Stellen wo du denkst: Lass das, das ist zu viel, streng dich weniger an, ich habs ja auch so kapiert. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich generell mit deutschen Büchern immer etwas probleme habe, sie zu direkt finde, zu aufdringlich – der Filter des Englischen hilft ja manchmal, das kennt man von Liedtexten, Enzensbergers Erkenntnis, dass Love immer noch anders klingt als Liebe, gilt ja nach wie vor. Das alles ist also eine vorsichtige, schwache Kritik an einem Buch, dessen teilweise Angestrengtheit du sofort vergisst, wenn Rank einen dieser phantastischen Sätze raushaut, die einfach völlig perfekt dastehen und die du zwei, dreimal lesen und jedesmal gut finden kannst.

Und im Zweifel für dich selbst ist ein herausragend geschriebenes Buch, das erfolgreich die Episoden und Miniaturen der Blog-Autorin auf die größere Bühne des Romans transferiert und hoffentlich den Auftakt einer Karriere als Schriftstellerin markiert, ich würde nämlich nur zu gerne lesen, wohin es Rank in ihrem fünften, sechsten, siebten Buch treiben mag, wenn sie mit weniger Arbeit den gleichen emotionalen Impact zu erreichen versteht.

Thomas von Steinaecker: Meine Tonbänder…

Beileibe nicht neu, aber neu entdeckt – Thomas von Steinaeckers Debut-Hörspiel für den Bayrischen Rundfunk (hier als Podcast) ist ein herausragendes Beispiel dafür, was ein guter Autor im Medium Hörspiel leisten kann, wenn er weder der reinen Montage/Demontage verfällt noch allzu linear einfach eine Art Vertonung einer gedruckten Geschichte liefert. «Meine Tonbänder sind mein Widerstand» enthüllt sich zwar aufgrund der dann doch einen Hauch zu geschliffenen Sprecher schnell als Fake, ist aber ansonsten ein überraschend überzeugendes Täuschungmanöver, bei dem der Autor den unbekannten und verkannten Hörspiel-Pionier Klaus Hofers scheinbar «entdeckt», oder vielmehr eine ebenfalls fiktionale Redakteurin, mit der Hofer lange zusammen war, ihre Vergangenheit selbst in Form eines Hörspiels/Beitrags über Hofer aufarbeitet. Das Ergebnis ist eine Geschichte in der Geschichte, die atemberaubend mit den Möglichkeiten des Radios oder vielmehr des Tonbandes arbeitet, und die den Zuhörer, selbst wenn er den Bluff durchschaut hat, unweigerlich in den Bann zieht. Hofer ist ein zurückgezogener Mensch, eine gescheiterte Existenz, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, manisch-depressiv und für eine fiktionale Figur, die man in unter einer Stunde präsentiert bekommt, faszinierend realistisch und magnetisch. Wütend, lachend, verzweifelnd, liebevoll führt Oliver Stritzel in die Figur des Hofer, der sein gesamtes Leben seit der Jugend zunehmend exzessiv auf Tönbändern festhält, durch die Bundesrepublik der letzten Dekaden zwischen 1960 und 1990, und mit dem fiktiven Künstler wird auch das Hörspiel immer seltsamer, gestörter, gebrochener. Steinaecker spielt versiert mit Zitaten auf bestehende Radiokunst, Verkannt und vereinsamt wird Hofer zunehmend schrulliger und seltsamer, demontiert seine eigenen Aufnahmen auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich, indem er die häufigsten Worte und Phrasen zusammenkopiert, kommt von der reinen Aufzeichnung zur Analyse und Dekonstruktion und stirbt schließlich inmitten seiner Billy-Regale, seiner Matratze, seiner beiden Revox-Maschinen. Unter der Regie von Bernadette Sonnenbiechler mutiert das Stück zu einer Tour de Force durch die Entwicklung des Hörspiels an sich, von linearen Geschichten zu fragmentarischen Collagen, und schließlich entgleitet das Stück als solches selbst, wird ähnlich pausiert, unterbrochen, vor- und zurückgespult wie Hofers Bänder, deren Techniken auf einmal Kontrolle über das Stück an sich zu gewinnen scheinen, bis es in einem grandiosen Finale in sich zusammenbricht, das sowohl die Hörer beglückt, die den Bluff längst durchschaut haben und all jene überraschen dürfte, die noch an die Scheinrealität in von Steinaeckers Stück glauben. Nicht alle BR-Produktionen sind so gelungen, aber diese zeigt, wie selbstsicher und souverän eine künstlerische Geste im Hörspiel möglich ist, voller Humor, Wärme, Tiefgang und Facetten, ohne Schlaumeierei, wenn die Macher gekonnt mit den Waffen des Mediums hantieren können.

Benjamin v. Stuckrad-Barre: Auch Deutsche …

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Der große rote Button, der das Cover verunstaltet, erklärt dem Käufer, dass man an diesem Buch nicht vorbeikommt, wenn man die Republik im «neuen Millennium» begreifen will. Schreibt der Spiegel, auch wenn nicht beisteht, wer es im Spiegel verewigt hat. Im neuen Millennium!!!! Also nicht Jahrzehnt, oder Jahrhundert – Mensch, gleich im neuen Jahrtausend. Wer sich von diesem Coverblurb nicht gleich verschrecken lässt, findet unter dem ansonsten wunderschönen Umschlagmotiv in einem schön gestalteten und mit wunderbar schlechten Photos durchsetzen BuchTexte, die BvSB für Rolling Stone, BZ und Welt geschrieben hat. Und wer glaubt, Deutschland nur zu verstehen, wenn er sich mit Stuckrad-Barres seltsamer Faszination für Udo Lindenberg auseinandersetzt oder liest, was der Autor von Merkel oder Westerwelle hält, der hat eventuell sowieso ein Problem.

Aber selbst wer dem Hype misstraut bekommt ein seltsames Gebinde angeboten – vielleicht unumgänglich bei einer Textsammlung -, das die teilweise grandiosen, spitzfindigen und nach wie vor gottseidank auch mal noch halbwegs bösen Texte von Stuckrad-Barre neben eher eine eher sinnfreie Selbstbespiegelung stellt. Was an sich gar nicht so schlimm wäre, würde BvSB nicht an einer Stelle des Buches explizit auf Bloggern und anderen Netzautoren herumhacken und sich als Professsioneller abgrenzen – dabei aber völlig übersehen, dass Themen wie «Ich gehe mit Moritz von Uslar Platteneinkaufen» leider so ganz und gar Blog-Material sind und das die Echolot-Funktion, die Stuckrad-Barre bei Kempowski so liebt, heute eben eine ist, die verstärkt (mal besser, mal schlechter) online stattfindet. Und da, in der geduldig-kurzfristigen Textflut online, ist dann auch weniger schlimm, wenn der Autor sich vergreift oder verhebt… in einem Buch mit ausgewählten Texten ist das eher unschön. Denn so großartig Stuckrad-Barre funktioniert, wenn er sich am Alltag abarbeitet oder kleine Momente in Zeitlupe beleuchtet, so sehr verhebt er sich, wann immer er in die Politik geht und so sehr blamiert er sich, wenn er über Musik schreibt. Das ist natürlich ganz subjektiv – aber wenn ein Autor, der mit seiner These, Oasis sei die beste Band der Welt, schon vor Jahren jeden Credit bei mir verzockt hat, sich seitenweise über Grönemeyer, Westernhagen, Udo Lindenberg und Heinz Rudolph Kunze ausläßt und diese auch noch hochjazzt, dann kriege ich nach einigen Seiten echt das Problem ihn noch ernst zu nehmen, wenn er sich über Politker auslässt. Will ich von jemanden, der Udo Lindenberg offenbar anbetet wissen, was er von Cem Özdemir hält beziehungsweise geb ich einen Scheiß auf diese Meinung? Nicht wirklich – und so, interessanterweise, entkräften sich die Texte gegenseitig. Zumal BvSB im Bereich Politik überraschend versagt. Häme gegen einen schwachen SPD-Kandidaten, eine Form von wortloser Hilflosigkeit gegenüber Angela Merkel … und bei Guido Westerwelle nach den Aknepocken zu fragen mag der Autor vielleicht arg frech finden, es ist leider nur total platt… an Politikern ist das Private das unspannendste, und beim Westerwelle mag man drüber spekulieren, inwieweit Minderwertigkeitskomplexe und sein Habitus zusammengehen, aber darum geht es Stuckrad-Barre nicht. Ganz im Gegenteil gerät seine Schreibe, die bei den Linken noch so spitz war, bei der FDP förmlich zur Liebeserklärung an Westerwelle, zur Gefälligkeitstexterei, die zu verniedlichen, vermenschlichen sucht, und das im Wahlkampf.

Ansonsten krankt dieses Buch etwas an einer Krankheit, die BvSBs Texte ab und zu durchzieht – dieses Namedropping-Schreiben, als sei der Autor unsicher, ob ein Text nur seinetwegen gelesen würde. Und so taucht er ein in eine Welt von Promis und Prominenten, von tatsächlich spannenden Menschen, denen die kurzen Texte eher nicht gerecht werden und von eher unspannenden Menschen, die durch die Artikel nun auch nicht interessanter wirken als vorher. So nähert sich Stuckrad-Barre hier leider einem seltsamen Boulevard-Journalismus, einer Hausbesuchs-Mentalität, einer Heranschmusung an Kir-Royal-Verhältnisse, einer raffinierteren Form von Klatschjournalismus, der dessen ureigene Balance zwischen Ehrfurcht und Spott beibehält, aber eleganter präsentiert.

Und das ist insofern schade, als dass «Auch Deutsche unter den Opfern» zugleich auch zeigt, dass Stuckrad-Barre deutlich besser sein kann, als er sich hier zeigt. Ich weiß nicht, wie glücklich er als Autor mit der Baby-Schimmerlos-Nummer ist (und wenn die Antwort «sehr» ist, dann okay, mehr davon!!!), aber als Leser bin ich gefesselt, wenn er sich in Alltag und Kleinkram vertieft, am Oberflächlichen kratzt und darunter Katzengold hervorkommen lässt, wenn er im Kempowski-Modus mit Pokerface die Fakten für sich stehen lässt, und sogar auch, wenn er mit heiliger Wut in die Tasten schlägt. Ich mochte das Live-Album, ich mochte (weitestgehend) die Remixe, aber das hier mag ich nicht. Ich mag nicht den unten durchdröhnenden Sound der Springer-Presse-Gesinnung, ich mag nicht das seltsame «IchIchIch (und der durch Funk und Fernsehen bekannte oder in Berlin gerade hippe XY/)», das einem da aus den Zeilen entgegen dringt, das seltsam unnötig Selbstdarstellerische, Unentspannte. Es ist, als sei der Autor aus deinem Element, aus seiner sonstigen Souveränität, aus der Lässigkeit und müsse sich beweisen. Und hier geht die ohne jeden Zweifel vorhandene Qualität von Stuckrad-Barre unter, weil seine Stärke das Respektlose bleibt, das schneidend-analystische Skalpell. Nur ist es in diesem Werk seltsam stumpf – weil er entweder auf Opfer einsticht, die sowieso schon blutend am Boden liegen (Steinmeyer) oder es bestenfalls dabei belässt, ein wenig vom Ruhm seines Gegenübers geblendet, in der Tischplatte damit herum zuschnitzen und kleine Herzchen in das Holz zu kratzen. Das ist nur leider zu wenig für einen Autor, der an sich so viel mehr könnte.

Und so wirkt «Auch Deutsche…» seltsamerweise eher wie eine Sammlung von Blogeinträgen aus der Welt der Schönen und Schnellen, die allzu kurzfristig und beiläufig sind und denen gerade aufgrund ihrer größeren Nähe zur Prominenz eine Zeitlosigkeit abhanden gekommen ist, eine Tiefenschärfe, die vorher da war. Was alles nicht schlimm ist und vielleicht dem Charakter der Texte als reine Auftragsarbeiten geschuldet sein mag. All das bildet aber sicher eben genau nicht den Zustand Deutschlands in diesem Jahrzehnt, geschweige denn Jahrtausend ab, sondern eben nur die Sicht der Berliner Springer-Presse auf das Land und vielleicht die Sicht des ja ebenfalls zu AS Mediahouse gehörenden Rolling-Stone auf «deutsche Musik» – und all das legt bestenfalls die Enge dieser Blickwinkel offen.

Thomas Oberender: Leben auf Probe

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Es ist eigentlich ein Zufall,dass ich für das Bochumer Schauspielhaus ausgerechnet in einer Zeit gearbeitet habe, als ein kleines, vielleicht sogar verschworenes Team zumindest versucht hat, die Regeln eines urbanen Theaters etwas zu verschieben und eine Balance zwischen feuilletonistischer Anerkennung und vollem Haus zu finden. Eine Balance, die sich wie natürlich aus den beiden Chefdramaturgen des Hauses ergab, die nicht immer ohne Konflikte, aber in der Art, wie sie sich ergänzten aus meiner Sicht bis heute einzigartig in ihrer Chemie waren, hier der großartige Instinktmensch mit einem unfassbaren Gespür für Theater als Erlebnismaschine, dort der neugierige, suchende und insofern fast unbewusst vieles anders machende Neuankömmling. Einer der beiden, der mit Matthias Hartmann und Klaus Missbach zunächst auch nach Zürich wechselte und inzwischen in Salzburg als Schauspieldirektor die Festspiele mit leitet, hat sich nun einen literarischen Rückblick auf seine Arbeit als Dramaturg gegönnt, auf die Transformation von Text zu Theater und nicht zuletzt auf die Persönlichkeiten von Darstellern und Regisseuren, denen er begegnete.

Thomas Oberenders «Leben auf Probe» ist insofern nicht zuletzt ein Schlüsselroman und es fällt einem beim Lesen nicht schwer, den beschriebenen Charakteren Gesichter und Namen zuzuordnen. Mitunter stört dieser voyeuristische Aspekt fast, lenkt ab vom archetypischen Element in Oberenders Vignetten. Denn der Autor verzichtet nicht auf Namen, um seine Subjekte zu schonen, die sich in den luziden und oft durchaus auch scharfkantigen Beobachtungen selbst sicher problemlos gezeichnet finden werden, sondern weil er induktiv vorgehend wie in seinen Romanen auch hinter den Protagonisten und ihren Symptomen das große Ganze sucht, ohne wirklich hzu wissen,wonach der da tastet, einfach irgendwie neugierig. Und der so ganz en passant über Schreiben, Rollen, Macht, Theater und Gesellschaft nachdenkt, ohne dabei je die Form kleiner und kleinster Beobachtungen und Deutungen zu verlieren, wie ein Maler Szenen und Situationen einfriert und durchleuchtet, in Schweigen, Gesten, Worten eintaucht. Liebevoll und auch mal gehässig, mitunter deutlich ermüdet und frustriert vom Machtspiel am Theaterhof, immer ein wenig fremdelnd mit dem Betrieb, in den er zumindest zu Beginn ja als Außenseiter kommt, als Durchreisender.

Es ist dieser Status der noch nicht ganz betriebsblinden Neugier, die seltene Sicht des Neugierigen, der hinter die Kulissen blicken darf, die Oberenders Buch so einzigartig macht. Es liefert eine Mixtur aus tiefstem Eingesunkensein in die Theaterwelt, und bewahrt zugleich doch eine ironisch-faszinierte, fast anthropologische Distanz. Der Schreiber, der eben nicht nur Dramaturg ist, kommt nicht aus seiner Haut, bleibt Jäger, bleibt Späher. Und oft blitzt diese kalte Härte durch, dieser analytische Blick, den ein Autor seinen Figuren widmet, wenn er sie seziert, mit dem Oberender, in aufs Gramm abgewogenen Worten, seine Mitmenschen durchleuchtet. Seine auch im Buch offenbar werdende Liebe zu Duane Hansons gefrorenen Alltagsmenschen, seine quecksilbrige Mathematik der Hermeneutik, die sich in seiner Vorliebe für Steve Reichs kristalline Klangstrukturen widerspiegelt – all das prägt in jedem Detail das Buch. Oberender verzögert die Zeit, friert ein, pinnt die Menschen unter sein Mikroskop, lädt jeden Gestus subkontextuell auf, so, dass sich wahrscheinlich viele der im Buch beschriebenen Kollegen und Mitarbeiter fragen dürfen, ob sie jemals einen echten normalen Moment mit Oberender hatten, oder ob sie immer nur Schmetterling im Einweckglas des Forschers waren, der jedes Zucken und Flattern notiert.

Subtil und smart beschreibt Oberender aber nicht nur die Eigenarten des Probenalltags und den Habitus seiner Protagonisten, vielmehr schält er sukzessive heraus, warum Texte auf der Bühne zum Leben erwachen, versucht den Prozess abzubilden, in dem das Paradox Theater funktioniert, schreibt sich über Umwege, über Bande spielend, an ein angreifbares Phänomen heran, wie ein Anthropologe, der fasziniert die Rituale eines Eingeborenenstammes notiert, wie der Intellektuelle unter lauter Bauchmenschen, der einen wie selbstverständlich laufenden Vorgang analysiert und feststellt, dass die Teile keine Summe ergeben. Dabei entsteht fast nebenbei, skizzenhaft, eine komplexe Theorie des modernen Theaters, die sich aus der Alltagshandlung ableitet, aus der eigenen Suche. Wenn Oberender klug zwischen Theater-als-Museum und Theater-als-Kulturhaus, zwischen Archivfunktion und sozialer Plattform unterscheidet, kann man sich als Leser nur all zu gut vorstellen, wie der Autor im dunklen Raum der Probe über Nachttheater und Tagtheater nachdenkt, in einer seltsamen Selbstreflexion und Symbiose von Tun, Nachdenken und Wieder/Anderstun.

So wird «Leben auf Probe» auch zu einem Tagebuch, einer Reise durch Oberenders Faszination für bestimmte Autoren, die die Texte chronologisch spezifischen Stücken zuordnen, einer Fahrt durch seine Euphorien und sein Ermüden an der Egomanie des (selbst)ausbeuterischen Betriebs. So mutiert das Buch nicht zuletzt zu einem dieser phantastischen Zwitterwesen, entpuppt sich als Schlüsselroman, Tagebuch, Sachbuch, Essay und Roadmovie im Stillstand, eine Reise, die den Erzähler ohne Bewegung voranbringt, als Betrachter, als Teilnehmer, als Opfer, als Täter. Es ist die Geschichte einer Entführung, bei der ein Autor verschleppt und in dunklen Räumen gefangen ist, unter Fremden, deren Sprache er nur teilweise beherrscht, von denen er unverhofft umschmeichelt oder angebrüllt wird, denen er misstrauen muss und in die er sich doch zusehends verliebt, klarer Fall von Stockholm-Syndrom.

Und so ist Thomas Oberender bis heute am Theater, längst nicht mehr der großäugige Novize, sondern ein durch Intrigen, durch falsche Versprechen, durch den täglichen Zirkus abgehärteter Mitspieler, einer, der die Seiten gewechselt hat und längst selbst andere entführt, wo er selbst früher der Entführte war, der Autoren ins Theater verschleppt, weil er weiß, dass es eben auch um die Texte geht, nicht nur um die Darsteller, dass das eine ohne das andere nichts ist. Einer, der längst Intendant seines eigenen Hauses sein müsste und dürfte, und sei es nur, um zu sehen, was er anders machen würde, was er von seinem eigenen Weg mitgenommen hat, ob das Theater ihn mehr verändert hat oder er das Theater.

Bis es so weit ist, dass Oberender nicht nur in Salzburg, sondern auf mehrere Jahre in einem Stadttheater sein Labor aufbauen, haben wir eines der besten und persönlichsten, intimsten Bücher über die Faszination Schauspiel, spannend wie ein Chandler, luzide wie ein Cracauer… und mit 155 Seiten so kurz, dass man sich wünscht, Oberenders Beobachtungen und Botschaften aus der Gefangenschaft würden einfach endlos weitergehen, wären Blog, nicht Buch.

Elmore Leonard: Road Dogs

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Another year, another Elmore Leonard novel. Leonards lebenslanger Output, die Konsistenz seiner Arbeit, die Art, wie er seine lakonischen Geschichten mit den Jahren mehr und mehr zur perfekten Form raffiniert hat, ist schlichtweg atemberaubend. Leonard mag oberflächlich betrachtet immer noch im Crime-Genre arbeiten, aber wie viele andere Autoren (derzeit etwa Richard Price mit Lush Life) seitdem Chandler und Hammett das Genre vom Whodunnit emanzipiert haben, ist der «Fall», von dem man bei Road Dogs kaum noch sprechen mag, nur ein literarisches Werkzeug, ein Katalysator, um die Atome und Moleküle der Charaktere und Handlungen anzuregen, ins Vibrieren zu bringen, bis es zischt und explodiert.

Während Up in Honey’s Room mit seiner Over-the-Top-Nazi-Persiflage ein eher schwächeres Buch in Leonard’s Oeuvre war, zeigt Road Dogs den inzwischen 85-jährigen Autoren in einer Form und Potenz, die es mühelos mit seinen Büchern aus den 70ern aufnehmen kann. Wie bei ihm üblich, greift er auf bereits etablierte Figuren zurück und bringt den Gentleman-Bankräuber Jack Foley (aus Out of Sight), den aus La Brava bekannten Gangster Cundo Rey und das durchtriebene Medium Dawn Navarro, die als Nebenfigur bereits in Riding the Rap erschien, zusammen. Wie ein guter Jazzmusiker gewinnt Leonard dabei diesen Figuren neue Töne, neue Facetten ab und es ist ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er seinen Schöpfungen neue Wendungen geht, ohne dabei jemals wie ein «Serienautor» zu wirken, der Jahr um Jahr den gleichen Protagonisten fortsetzt. Statt dessen tanzt Leonard mit Leichtigkeit und Virtuosität durch den reichen Garten seines eigenen Schaffens, pflückt drei Figuren und setzt sie in ein neues Beet und scheint selbst abzuwarten, was aus dieser Kombination wachsen könnte. Das Trio wird von Cundos schwulen Buchhalter Little Jimmy und seinem Chauffeur Zorro, Nazi-Skins, dem jugendlichen Kleingangster Tico, einem FBI-Agenten, der Foley verfolgt und zugleich ein Buch über ihn schreiben will (wiederkehrendes Thema bei Leonard) und einer Schauspielerin vervollständigt… und diese Vielfalt an Figuren bedient Elmore lässig, fast lasziv, wie ein schriftstellerisches Gegenstück zu David Bowie, der in seiner Altmeister-Phase ja auch dem Selbstzitat nicht abgeneigt ist und aus der Bandbreite seines bisherigen Schaffens ein Best-of melken kann, ohne dabei stumpf oder lustlos zu wirken. Die Figuren schillern, selbst wenn sie nur kurz skizziert sind, wie wunderbare Pustefix-Blasen – und gerade weil Leonard so schlank schreibt, alles unwichtige wegläßt, werden die Charaktere umso spannender, ihr In-sich-zuückgezogenes macht sie umso attraktiver.

Dabei passiert in Road Dogs, wenn man so will, fast gar nichts. Es gibt eine entspannt dahertrudelnde Handlung, vom ersten Kennenlernen Cundos und Foleys im Gefängnis und dem Entstehen einer vorsichtigen Männerfreundschaft und Kriminellen über allerlei Betrügereien und einige Morde, die so breezy und selbstverständlich ist, dass man erst nach Beenden des Buches bemerkt, wie viel eigentlich tatsächlich an Plot und Entwicklung in Road Dogs steckt. Ähnlich wie bei Hempel oder Carver, in deren matt/karg/trägen Gesellschaftsskizzen die Miniatur zum Ganzen wird und nur durch wiederholtes Wenden und Drehen das Hologramm der tatsächlichen Handlung sichtbar wird, entpuppen sich Leonards Bücher zunehmend als meisterhaft aus dem Handgelenk geschleuderte Bleistift-Scribbles, deren enorme Virilität in der Pose der eigenen Lässigkeit versteckt ist, bis man sich ein Detail hier oder eine Feinheit dort ansieht. Leonard, der auf fast jedwede Beschreibungsorgien verzichtet, wie man sie von anderen Autoren kennt, der fast nie den Leser mit langen Expositionen in die Köpfe der Figuren blicken lässt, kann seine Figuren in kurzen Dialogen auf den Punkt bringen. Die Architektur seiner Figuren ist karg, minimalistisch und so beiläufig, dass man stets wieder erschrickt, wenn aus der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der seine Protagonisten Mord und Diebstahl planen, brutale Gewalt explodiert.

Und so entpuppen sich Leonards Bücher auch hier wieder als soziologische Experimente, diesmal als Miniatur des multikulturellen und scheinbar relaxten Venice Beach, wo Hollywoodambitionen, Grifter, Homeboys und all die anderen Spielformen der amerikanischen Westküstenkultur wie unter einem Brennglas zusammengefasst sind, und in Elmores erfahrenen Fingern mit großer Präzision, mit unerhörtem Ohr für Slangs und winzigste Details, die einer Figur wie aus dem Nichts einen Background, ein virtuelles Leben anziehen, auf dem hier sehr kleinen Spielfeld unweigerlich aufeinander zu marschieren, langsam aber mit der unweigerlichen Gewissheit eines griechischen Dramas, bis die Kamera ihren Blick zurückzieht und wir sehen, wer stirbt und wer vom Schlachtfeld humpelt. Man merkt Leonard jederzeit an, dass der Western, der Showdown, die Zeitlupe, das dekonstruktive Strecken der gesamten Handlung auf einen einzelnen, fast unsichtbar schnellen Moment hin, ihn als Autor prägt. Die Beiläufigkeit, in der die entscheidenden Momente dann stattfinden, die unverkrampfte Selbstverständlichkeit des Tötens, ist das beängstigende an seinen Figuren, deren Taten stets so absolut zwingend nachvollziehbar wie außerirdisch fremd zugleich wirken. Und so sinniert Leonard über Lust, Gier, Liebe, Angst, Treue, Freundschaft anhand der Entscheidungsbäume seiner Figuren, die so widersprüchlich und authentisch wirken, eben weil die Handlung sich den Luxus leistet, nicht nach einem glatten Krimi-Schema abzuspulen, sondern stockt, stottert, Haken wirft… und sich so den Glücksfall erlaubt, im Nicht-Richtigen, im Mangel an glatter Perfektion, in den Ritzen und Pausen und verutscht sitzenden Versatzstücken, überhaupt erst die Chance zu etwas wirklich Überraschenden und Großen zu erreichen.

Road Dogs ist, wenn man so will, ein Kammerspiel, das anfangs keine Orientierung zu haben scheint, sich ausprobiert, als würde der Autor selbst mit kindlicher Freude zusehen, was passiert, wenn er nur bestimmte Konstellationen erzeugt und zusieht, wie sich seine Figuren in der Petrischale des Romans aus ihrer eigenen Logik und der Beziehung zueinander her entwickeln werden – ein Ansatz, der auch davon lebt, dass Elmore eine Neutralität (oder sagen wir eine für alle Figuren gleichförmige Zuneigung) seinen Protagonisten gegenüber wahrt, zumal hier niemand eine weiße Weste trägt und die vielleicht noch «sauberste» Figur (Foley, dem man anmerkt, dass Leonard ihn sehr eindeutig mit George Clooneys Interpretation dieser Rolle im Kopf fortgeschrieben hat) immerhin 127 Banküberfälle hinter sich hat. Elmore Leonard schreibt diese Art von Buch – wie ein Maler in immer und immer wieder ähnlicher Konstellation, immer auf der Suche nach dem endgültigen Ergebnis – nun seit Dekaden, und statt sich zu wiederholen oder berechenbar zu werden, sitzt hier jeder Satz, jede noch so fein hingeworfene Beschreibung, jede Absurdität und Abschweifung wie ein Faustschlag auf Fleisch und Knochen… und das alles mit einer an Eastwoods Steingesicht erinnernden Coolness, wie ein großer alter Magier, der uns vergessen lässt, wie unsagbar schwer es doch eigentlich sein muss, so makellos entspannt zu wirken.

Denis Johnson: Nobody Move

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Für alle, die Angst haben, dass mit dem Tod Elmore Leonards eine Lücke in der amerikanischen Crime-Literatur entstehen können, dürften mit diesem Buch aufatmen – ich habe selten einen Autor gelesen, der so eng an Leonards lakonischem, knochtentrockenem Stil entlangarbeitet. Seine Figuren sind ähnliche Kleinganoven am Ende ihres Glücks, gebrochene Protagonisten, die so lächerlich wie mitleiderregend wie furchteinflössend sind, seine Dialoge sind sparsam, die Handlung mit allersparsamsten Strichen skizziert, so hart und effektiv wie eine Straßenprügelei. Ein besonderer Clou von Johnson ist, dass er Elmore und andere Autoren zwar «emuliert», übrigens nicht zuletzt auch die Coen-Brüder, dabei aber mit einer Art «Aussetzern» arbeitet. Die Story scheint immer wieder Blackouts zu haben, oder Blinde Flecke – seien es kleine Sprünge in der Handlung oder Dinge, die so beiläufig passieren, dass man sie fast nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmen scheint, wenn sie wie helle Fische im trüben Wasser kurz aufblitzen. Der eigentliche Plot um den glücklosen Glücksspieler Jimmy Luntz, dei Gangster Juarez und Gambol, die ihm eine Lektion erteilen wollen und um Anita Desilvera, die ihrem Ex-Mann gerne seine veruntreuten 2,3 Millionen stehlen würde, ist so vertraut, so bekannt, dass es gerade diese schwarzen Löcher in der Erzählung sind, die das Buch so bemerkenswert machen. Der Autor vertraut darauf, dass seine Leser die Genrekonventionen, die Wendungen und Endungen dieser Art Crime-Geschichte in- und auswendig kennen, und springt so beherzt über teilweise wichtige Handlungselemente hinweg, dass dieser Breakbeat, die Lässigkeit eines erfahrenen, großartigen Autors, der Geschichte eine unglaubliche Coolness verleiht, ohne, dass man als Leser sagen könnte, warum eigentlich. Es ist die Pause, das Weggelassene, das Ungesagte, das wie so oft wichtiger wird, der Weißraum, der überhaupt erst eine Definition von Tiefe gibt. Es ist ein disassoziatives Moment der Erzählung, narrative Ohnmachtsanfälle, ein Flair von David Lynch, eine dicke Schicht von Surrealität, die wie Gallertemasse die Story überdeckt und unwirklich wirken lässt, weil sich die Handlung wie unter Wasser bricht und nie ganz greifbar scheint. So ist es kaum verwunderlich, dass das Ende abrupt wie ein Unfall wirkt, den Leser baumeln lässt und alles und nichts offen ist, die Story in einem weiteren Blackout endet, zu Ende erfunden sein will.

Man merkt Johnson an, dass er eigentlich ein Autor eines ganz anderen Kalibers ist, der hier fast eine Art Fingerübung absolviert (Nobody Move war eigentlich als vierteilige Serie für den US-Playboy geschrieben) und sich in einem Genre austobt, und dieses dabei ganz gründlich überspitzt, mit sichtbarem postmodernem Pop-Art-Spaß, ohne seine Figuren zu mehr als Skizzen zu vertiefen, ohne sich für die fast pornographischen Frauenrollen zu entschuldigen, und vor allem mit reichlich tiefer Verbeugung vor Tarantino, den Coens, Leonard, Ellroy und anderen Storytellern, die ihre Genregeschichten stilistisch so sicher missbrauchen, um die kleinen Details zu erzählen, diese Storys von Menschen in Ausnahmesituationen, deren ganze Bandbreite sich in scheinbar hingerotzten Dialogen entfalten kann. Nobody Move ist insofern ein kleines großes Buch von einem Autor, der in Tree of Smoke zeigt, das er auch ganz anders kann, und der hier mit spürbarer Freude und Insiderwissen ein Genre nicht nur de- sondern auch re-konstruiert.

Leerzeichen für Applaus

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Dieses Diplom, dass die 26-jährige Jenna Gesse an der FH Bielefeld gemacht hat, ist bereits auf den ersten Blick ungewöhnlich. Normalerweise neigen Designstudenten dazu, übergroße aufwendige Bücher zu produzieren, die schnell auf den ersten Blick mit wilder Typographie und großen Bildern, die sofort beeindrucken. Jenna geht das ganz anders an: Ihr Buch ist grau, klein und kommt ohne Bilder aus – bescheidener, zurückhaltender geht es kaum. Der einzige Luxus ist ein türkisgrüner Farbschnitt, der das Büchlein einfasst. Der Rest ist so einfach wie wunderschön: ein phantastisches Buch, das zurückhaltend gestaltet ist und im wahrsten Sinne des Wortes zurück zur Buchkunst kommt, zu guter Typographie, liebevoller Verarbeitung und schönen Texten. Jenna mischt lyrische und prosaische Texte rund um die Arbeit von Designern und Gestaltern, die nicht wie bei manchen anderen Diplomen eine Art Blindtext sind, sondern absolut lesenswert, humorvoll und klug. Mit Dirk Fütterer als Dozent steht ihr natürlich ein absoluter Könner in Sachen Buchgestaltung zur Seite, aber Jenna selbst – die im Team schon als Studentin zahlreiche Designpreise einheimsen konnte – zeigt eine für ihr Alter beeindruckende Zurückhaltung und ein Fingerspitzengefühl, das die kleinen Gags und Feinheiten, die das Buch auszeichnen, umso schöner hervorstechen lassen. Die Typographie ist da, ohne jemals zu laut zu werden, sie ist gekonnt und präsent und nicht zu konservativ, aber sie macht auch keine Mätzchen um der Mätzchen willen – alles ist eine wunderbare dichte Einheit, die harmonisch funktioniert, Tschichold würde es (wahrscheinlich) lieben.

Man kann kaum viel über das Projekt schreiben, weil man es selbst lesen muss, selbst haben muss. Ich bin mehr als sicher, dass dieses Buch über kurz oder lang beim Hermann-Schmidt-Verlag erscheinen wird/muss – aber bis dahin könnt ihr es bei der Autorin selbst aus der kleinen Diplomauflage bestellen unter jenna.gesse(at)gmx.de. Gar nicht lange überlegen, sondern direkt hinschreiben, solange es die Bücher noch gibt – ihr werdet es nicht bereuen. Dieses Buch ist klein, fein, mutig, witzig, irritierend, klug, überraschend, smart und in sich eine wunderbare Reflektion des Prozesses, eben ein Buch zu gestalten – und ein großartiges, rundum gelungenes dazu.

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Mark Brandis: Bordbuch Delta VII

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Ach, die Kindheitserinnerungen. Tatsächlich ist überraschend, dass Nikolai von Michalewskys deutsche SF-Serie auch mit deutlichem Abstand und auch deutlich veraltet im großen und ganzen gut dasteht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass Michalewsky trotz der Ich-Erzähler-Form einen eher nüchternen Stil nutzt, der Science-Fiction nur als Rahmen nutzt und ansonsten genau so gut auch auf einem U-Boot oder Kriegsschiff spielen könnte, die phantastischen Elemente werden bloß der Genreform halber beigeliefert, es geht dem Autoren greifbar um Fragen von Gehorsam und freien Willen, Disziplin und Kameradschaft und die Zusammenarbeit an Bord. All das verwundert vor dem Hintergrund von Michalewskys Biographie wenig, zumal er von SF nach eigener Aussage wenig Wissen hatte – der Serienautor hat also ganz offenbar seine eigenen Erfahrungen 100 Jahre in die Zukunft gedacht und sich dabei einen fröhlichen Dreck um wissenschaftliche Fakten geschert, weswegen die von der diktatorischen Erde flüchtenden Crew-Mitglieder der Delta VII ausgerechnet auf der Venus landen – obwohl dort selbst unter höchsten Anstrengungen keine menschliche Kolonialisierung denkbar wäre. In einem Jugendbuch, finde ich, sollte man als Autor solche Fakten vielleicht mitliefern, Information und Entertainment etwas sorgfältiger verquicken als in einem reinen Pulp-Roman, aber andererseits ist der mehr als lässige Umgang mit der Astronomie ein Markenzeichen der offenbar ziemlich schnell herabgeschriebenen Bücher, deren Atemlosigkeit eben zugleich auch ihre Kraft ist. Michalewskys Figuren wirken bei aller scheinbaren Internationalität wie eine zusammengeschweißte, aber eben aufgrund dieser Enge beileibe nicht konfliktfreie Gruppe wie aus einem klassischen Soldatenfilm – geleitet von dem fast preußisch-trockenen Überprotagonisten Brandis, dem Idealtypus des Generals, der sich innerlich hinterfragt und an sich zweifelt, nach außen seine Mannen aber nahezu irrtumsfrei und selbst zuvorderst voranstürmend ins Feld führt. Der durchaus bereits in den siebziger Jahren leicht irritierend positiven Darstellung von Militarismus steht ein klarer Antifaschismus gegenüber, der sich in Band I und den Folgebüchern vor allem an der Figur von Gordon B. Smith abarbeitet, der die Erde mit allen typischen Bösewicht-Methoden in den Griff zu kriegen versucht, etwa durch Gehirnwäsche oder Implantante, mit denen er unter anderen in Bordbuch Delta VII den ehemaligen Präsidenten der Erde Samuel Hirschmann «umdreht» oder zombieartige Soldaten heranzieht. Man mag sich innerlich an Michalewskys Logik von «guten» Soldaten, die gegen «böse» Soldaten kämpfen, reiben – hinter dieser sehr dem Kalten Krieg geschuldeten Sicht auf die Welt steckt aber ein deutlich greifbarer Humanismus des Autors, den seine Figur den jungen Lesern deutlich und (nach wie vor) spannend vermittelt.

Es ist das Kreuz aller altgewordenen Science-Fiction-Arbeiten, nicht zuletzt auch der Bücher aus den fünfziger und sechziger Jahren, dass sie technologisch wie inhaltlich erschreckend veralten. Das Ergebnis ist eine seltsame Alternativzukunft, die nicht selten schon fast wieder in unserer tatsächlichen Vergangenheit liegt, weil die Autoren nur 30 oder 50 Jahre nach vorne gerechnet haben, die mit unserer Realität erschreckend wenig gemein hat, aber meist ein interessantes Spiegelkabinett der Ängste und Hoffnungen der Entstehungszeit abgibt. So auch hier, und wie üblich gerade bei der pulpigen, billigen Serienliteratur und Auftragsarbeit, die der Autor seinerzeit ja nicht ohne Grund unter Pseudonymen veröffentlichte (er wollte seine unter dem eigenen Namen erscheinenden eher historischen Romane vor der Literaturkritik schützen), nicht ahnend, welchen Erfolg er mit dieser Figur haben würde. Der Weltenbummler Michalewsky zeigt mit seiner Spiegelwelt eine Zeit von Kaltem Krieg und UN-Hoffnungen, geprägt vom Blockdenken der 60er Jahre, so sehr, dass man die Revolten jener Zeit kaum im Text des ersten Bandes spürt (obwohl die Brandis-Bücher im weiteren Verlauf sehr zeitnah werden und etwa die Rasterfahndung, die Angst vor einem Überwachungsstaat oder die Club-of-Rome-Berichte thematisieren), sondern vielmehr einen Diskurs über die politischen Blocksysteme des Kalten Krieges, Nato und Warschauer Pakt und die Hoffnung auf ein Ende der politischen Absurdität der Aufrüstung. Es ist vielleicht verständlich, dass Michaelewsky vor allem im weiteren Verlauf der rund 30 Bände umfassenden Serie immer mehr die Realität als Ideengeber einbezog. Der erste Band, noch deutlich geprägt von einer Unsicherheit mit dem Genre und den Figuren, gehört zu den besten der Serie, gerade weil man hier ahnt, wie der Autor sich den Handschuh seiner neuen Figur überstreift und Szenen frei jeder Abgebrühtheit entstehen, die dem eher dünnen Plot um tapfere Helden und böse Protofaschisten einige Momente bescheren (wie etwa die Schlagzeugeinlage von Antoine Ibaka), die auch heute noch größer sind, als man es bei einer Jugendbuchreihe eigentlich erwarten würde.

Danny Goldberg: Bumping into Geniuses

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Wenn Danny Goldberg von der Musikbranche schreibt, schaut man einem Insider über die Schulter, der weiß, wovon er redet, immerhin hat Goldberg unter anderem für Led Zeppelin, Springsteen und Nirvana gearbeitet. Sei es als Talentmanager, PR-Profi, Plattenlabelchef, Journalist oder Filmemacher, Goldberg sollte aus dem Rocknroll-Geschäft einiges zu berichten haben. Das tut er in Bumping into Geniuses leider aber kaum. Bei Led Zep und Nirvana kann man einen schleierhaften Blick auf die Tragödien und Zickenkriege hinter der Rockfassade erhaschen, ansonsten bleibt Goldberg allzu oft in einer Art biographischer Selbstvermarktung haften, die das Buch seitenweise einfach langweilig macht. Dabei kommt Goldberg durchweg als ein nice guy rüber, der so bescheiden und sympathisch, wie er sich hier schreibt, angesichts seiner Karriere wohl kaum sein kann, und Bumping ist durchweg eine leichte, unterhaltsame Lesekost, in die der ehemalige Billboard-Autor gekonnt eigene Spannungsbögen einzubauen vermag. Fast unbemerkt bildet er über seine eigene Karriere die Entwicklung der Rockmusik zu einer stärker und stärker von PR und Marketing gesteuerten Finanzmaschine um, bei der es allen Beteiligten, Labels, Presse und eben vor allem auch den Künstlern selbst primär um Erfolg und Anerkennung geht und wie selbst große Acts sich verbiegen, um radiotauglich zu werden oder die Presse glücklich zu machen. Goldberg gelingt das Kunststück, die zynische Verwertungsstrategie der Branche irgendwie spielerisch und leicht aussehen zu lassen, selbst wenn er dabei etwas unbeholfen auf die Leichen am Straßenrand aufmerksam macht – die massiven internen Streitereien bei LedZep oder Cobains Selbstmord etwa, die auf die Schattenseite eines Business, das auf hohem Leistungsdruck und einer fast perfiden Mischung aus Selbstausbeutung, Individualität, Kreativitätsdruck und brutalen Anpassungsmechanismen basiert. Es ist wunderbar böse, wenn Goldberg ganz nett und locker darüber schreibt, dass sich selbst ein «integerer» Musiker wie Springsteen von einem Album zum anderen balladiger entwickelt, um mehr Airplay zu bekommen. Insofern mutiert Goldbergs Blick auf die Rockmusik-Industrie zu einem vielleicht unfreiwilligen Blick unter die Motorhaube einer Branche, die sich rebellisch und cool gibt, aber alles andere ist und die in weiten Bereichen nicht weniger als menschenverachtend tickt.

Wer eine «früher war alles besser»-Denke im Bezug auf die Rockmusik pflegt, wird hier brutal eines besseren belehrt, wenn Goldberg seinen an großen Namen reichen Zug durch die Rockgeschichte macht und von Dylan bis Warren Zevon die permanente Produkterneuerung, die ständige individuelle Suche nach einer Aussage, in einen trockenen Kontext von Public Relations, Presse und Geld rückt. Wer sich auch nur oberflächlich mit modernem Musikbusiness auskennt, weiß, dass hier von Glamour wenig die Rede sein kann und es ein durchaus verdammt trauriger Job sein kann, vor allem, wenn man nicht Stadien füllt, sondern irgendwo im Mittelmaß herumkrebst. Man kann hier sehr schnell sehr viel Geld machen, aber auch sehr schnell sehr hart untergehen. Goldberg berichtet von diesen Prozessen als Insider mit einer Art amerikanischer Fröhlichkeit, die oft im krassen, mitunter bizarren Gegensatz zu dem steht, worüber er da eigentlich schreibt, und diese Schere macht das Buch an sich interessant, der unsichtbare Subtext, das ungesagte, die Abgründe unter Goldbergs fröhlichen Berichten. Sichtbar wird eine Welt, wo sich selbst kleinste Acts dem Gesetz des kleinsten gemeinsamen Nenners unterordnen und selbst die großen Stars gehetzt und unglücklich wirken. In der sehr oberflächlichen und oft gehetzt wirkenden Selbsterzählung seiner Karriere, in der Goldberg die großen Stars wie Staffagen auftreten lässt, wird – sicher ungewollt – deutlich, wie sehr die Musikindustrie eben tatsächlich eine Industrie ist, die mit einer hochvolatilen Ware handelt, die die Egos der Stars übertrieben pflegen muss, und die zugleich aber auch absolut oberflächlich, gnadenlos brutal und zynisch werden kann, weil sie weiß, das in der Verwertungskette immer ein anderer Anwärter steht, der nur darauf wartet, die Maschine zu füttern. Es ist fast ein Wunder – und dieses Wunder bekommt das Buch nur ansatzweise zu greifen – das immer wieder trotzdem Produkte entstehen, die über Dekaden hinweg zahllose Musikfans berühren.

Robert J. Sawyer: Flashforward

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Das 1999 geschriebene Buch Flashforward des Kanadischen SF-Schriftstellers Robert J. Sawyer ist die Basis der ursprünglich von David Goyer und Marc Guggenheim erdachten gleichnamigen TV-Serie – und es ist überraschend, wie wenig Buch und Serie gemeinsam haben. Selbst das grundlegende Konzept, nach dem alle Bewohner der Erde in einer Art globalen Blackout eine kurze Vision der Zukunft erblicken, ist grundlegend anders. Während der Ausblick in die Zukunft bei Sawyer 21 Jahre überspannt, ist es in der ABC-Serie nur ein Zeitraum von sechs Monaten, was der Serie die Chance gibt, sich tatsächlich in «Echtzeit» an diesen Zeitpunkt heranzuarbeiten.

Sawyers Buch ist auch ansonsten bis auf einige wenige Namen kaum als der Fernsehserie zugehören zu erkennen. Wo die TV-Show den unter anderem von Lost mitbegründeten Trend zur großen Besetzung folgend Agenten, Ärzte, Wissenschaftler und zig andere Protagonisten auffährt, fokussiert sich Sawyer auf Lloyd Simcoe, seine Verlobte Michiko Komura und seinen Partner Theo Procopides, die praktischerweise alle drei am CERN an einem Teilchenbeschleunigerexperiment arbeiten. Das Experiment geht scheinbar schief und langsam entfaltet Sawyer seine Vision einer Welt, in der jeder seine vermeintliche Zukunft zu kennen glaubt, in der Beziehungen ruiniert werden, weil man schon weiß, dass man in 21 Jahren nicht mehr zusammen sein wird, in der Theo versucht, einen Mordfall zu lösen, bevor er eigentlich passiert, um sein eigenes Leben zu retten. Und ähnlich wie bei Crichton wirkt es stets etwas unbeholfen, wenn in den eigentlichen Plot ausgedehnte semi-theoretische Passagen eingedübelt sind, in denen die Protagonisten nur noch scheinbar einen Dialog miteinander haben, in Wirklichkeit aber wissenschaftliche Theorien, wie etwa Frank Tiplers Omega-Punkt-Theorie, von verschiedenen Seiten beleuchten, als reine Sockenpuppen dienen. Religiöse Aspekte und der bei dieser Thematik unvermeidliche Diskurs über Quantentheorien nehmen einen weiten – und durchaus spannenden – Bereich des Buches ein, während die CERN-Wissenschaftler versuchen, hinter das Geheimnis des Flashforwards zu kommen.

Science Fiction ist ein schwieriges Gebiet, vor allem, wenn sie nicht sozial, sondern wissenschaftlich daherkommt, nicht wie etwa bei Phillip K. Dick die Zukunft und ihre Technik nur als Background nutzt, sondern mehr in den Schuhen von Jules Verne wirklich versucht, Prognosen zu treffen. Wenn schon im ersten Teil des Buches, 2009 angesiedelt, also zehn Jahre in der relativen Zukunft des Autors und ein Jahr in unserer realen Vergangenheit, eine Mitarbeiterin am CERN ihren «dreidimensionalen» Desktop von Windows 2010 aufruft, dann merkt man recht früh, wie unsicher solche Vorhersagen sind. Umso schwieriger, dass Sawyer sich im zweiten Teil des Buches ins Jahr 2030 begibt, um zu sehen, was aus der 2009er Prophezeiung denn wirklich geworden ist. Und spätestens hier verliert das Buch an Kraft und verliert sich in einem etwas schwurbeligen Terroranschlag-Plot, der entsetzlich angepappt wirkt und dem an sich vielversprechenden Murder-Mystery-Plot um Theos Ermordung sämtliche Energie nimmt. Die Diskussion um freien Willen und die Frage, ob die Zukunft unveränderbar ist, löst sich zudem in eine allzu phantastische Erklärung rund um eine Gruppe von Menschen auf, die unsterblich werden will. Nach einem ausgezeichneten Start endet das Buch so an einem Punkt, der im Leser eher Achselzucken als Begeisterung auslöst.

Alles in allem muss man fast erschreckenderweise zugestehen, dass die Serie es besser macht, indem sie zum einen weitestgehend auf Zukunftsprognosen verzichtet, die Handlung in der Gegenwart ansiedelt, den Zeitraum drastisch verkürzt (was alle schrägen Prophezeiungen von fliegenden Autos unnötig macht) und zugleich der Handlung eine breitere Basis gibt und sie auf deutlich mehr Protagonisten verteilt – denn das spannende an Sawyers Idee ist die Frage, was ein solcher Blick in die Zukunft – egal ob 21 Jahre oder sechs Monate – mit den Menschen anstellt. Während diese Frage bei Sawyer fast versackt und nur drei oder vier Personen umfasst, weitet die Serie die Perspektive und gibt so der Grundidee mehr Resonanzmöglichkeiten. Obwohl die ABC-Serie insofern etwas platt ist, als dass sie versucht, nahezu alle anderen Serien einzuvernehmen, indem sie Ärzte, Agenten, Wissenschaftler und nahezu jede andere TV-taugliche Gruppe vereint, ist diese Bandbreite durchaus auch eine Stärke. Die Fragestellung, wie die Menschen ihr Leben um diese Zukunftsversion arrangieren, wie sie mit dem Vorgeschmack umgehen, ob sie dagegen ankämpfen oder eine self-fulfilling prophecy anstreben… dies ist die zentral spannende Thematik – und bei Sawyer geht sie recht schnell verloren in einem eher wirschen Krimi-Plot, der mit auf Laienniveau geschriebener Quantentheorie gespickt ist.

Interessanterweise ist 42 von Thomas Lehr ja auch ein Buch, das sich streckenweise recht ähnlich anfühlt – CERN-Experiment, Fehlschlag, Zeitstörungen – und Lehr zeigt, wieviel mehr Kraft in diesem Stoff stecken kann, wenn man nicht auf der Ebene einer reinen «harten» Science Fiction stecken bleibt, sondern sich den Menschen zuwendet und ihrer Reaktion auf die Veränderung in ihrem Leben. Bei Sawyer ist es leider umgekehrt: Die Menschen dienen nur als Staffage für semi-metaphysische Ruminationen, im Mittelpunkt steht die Wissenschaft. Bei Lehr bietet die Wissenschaft nur den Deus Ex Machina, der die Handlung (oder in Lehrs Falle die Nicht-Handlung) lostritt, vor deren Folie die menschliche Komödie stattfinden darf. Und so zeigt sich Sawyers Buch als seltsamer Hybrid, der weder die reine Action-Orientierung einer einfachen Fernsehserie erreicht noch die Tiefe und Schärfe von Lehrs spürbar literarischerem Werk. Freilich, Flashforward ist nur ein Massmarket-Paperback, die Sorte Wegwerfbuch, die als erstes sterben wird, wenn wir alle nur noch vor unseren iPads sitzen werden – und als Bahnhofs-Mitnehm-Roman ist es sicherlich fesselnd genug, um sein Geld wert zu sein, insbesondere in der ersten Hälfte des Buches. Es ist insofern fast ironisch, wenn ein Science-Fiction-Buch schlechter wird, je weiter es in die Zukunft blickt – und die Mutlosigkeit, mit der Sawyer dies tut, sagt vielleicht mehr über die Gegenwart aus, als uns lieb sein darf.

Terry Pratchett: Unseen Academicals

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Eigentlich unglaublich, dass ein einzelner Autor sich an die magische «40» bei den Buchveröffentlichungen einer einzelnen Reihe annähert. Unseen Academicals ist Pratchetts 37. Discworld-Roman, und damit liefert der britische Superstar eine Publikationsdichte, die selbst gute Pulp-Autoren kaum leisten, und der Preis für diese Produktivität ist eben wie im Pulp-Genre auch, dass Pratchett nahezu auf Autopilot nach einem rigiden Pattern schreibt – nahezu jeder Discworld-Roman ist inzwischen wie der andere. In Unseen steht im Mittelpunkt der Parodie diesmal der Fußball, ein ur-englisches Thema, um den herum Pratchett die Geschichte von vier neuen Figuren vorantreibt. Während die Zauberer der Unseen University entdecken, dass sie aus Budgetgründen einer alten Tradition nach an einem Fussballturnier teilnehmen müssen, das vom Patrician dezent dazu missbraucht wird, diesem recht brutalen Straßensport ein paar Manieren und Regeln beizubringen, entspinnt sich die Geschichte um Trev, Sohn einer Fußballerlegende; Juliet Stollop, Ankh-Morpocks erstes Supermodel, Glenda Sugarbean, die resolute Kuchenbäckerin aus der Nachtküche der Universität und Mr. Nutt, der eigentlich dafür sorgt, das die Kerzen ordentlich magie-gerecht dramatische Wachsspuren aufweisen, der aber eine ziemlich mysteriöse Vergangenheit und eine spannende Zukunft hat. Aus diesen Zutaten mischt Pratchett das übliche Gericht, das wie immer neben den reichlich vorhandenen Lachern und literarischen Anspielungen die Liste der spannenden Discworld-Protagonisten mit Mr. Nutt auf jeden Fall um einen neuen exotischen Charakter erweitert. Die spannendste Figur, die inzwischen zur Seele der letzten Bücher geworden ist, auch wenn sie nur am Rande auftritt,ist aber der Patrician -Discworld wird mehr und mehr zu einer Narration über Politik und Gesellschaft und, vielleicht nur für einen Briten denkbar, zu einer Reflexion über die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines «gutmütigen Diktators». Was in der realen Welt undenkbar erscheint, liefert Pratchetts magische Spiegelwelt – den unfehlbar smarten Politiker Vetinari, der so gnadenlos wie zielstrebig ist und der zum Wohle seiner Stadt und gegen die verschiedensten Partikularinteressen dem Moloch Ankh Morpork die Zivilisation beibringt. Gerade in den letzten Jahren ist die Discworld so für Pratchett zu einer Art Simulation geworden, in der wir – stets an verschiedenen Orten und stets gut unterhalten – die «Gentrification» dieser Parallelwelt erleben, die mit jedem Buch mehr und mehr zu einem satirischen Spiegelbild unserer Welt wird und kaum noch etwas mit der Discworld der ersten Bücher gemein hat. Mit zunehmenden Alter scheint Pratchett weniger Interesse an Zwergen und Zauberern zu haben, sondern mehr und mehr zu einem modernen Jonathan Swift zu werden, der das Fantasy-Gerüst nur noch bemüht, um schneller ans Ziel zu kommen. Pratchetts Satire ist dabei niemals beißend, sonden eher «mildly amused», ironisch-elegant die Abstrusitäten des modernen Lebens bespiegelnd. Man darf fast gespannt sein, wie er mit der Bankenkrise umgehen würde. Dass Pratchett dabei stets unterhaltsam ist und auf mehreren Ebenen so leichtfüßig funktioniert – im Sinne einer Fantasy-Persiflage, im Sinne von Humor, im Sinne einer in sich kurzweiligen Erzählung, im Sinne von Charakterisierung, im Sinne von Parodie und Satire, nicht zuletzt aber auch im Sinne einer fast 40-teiligen durchgehenden Serienpublikation, die sich immer noch nicht abgenutzt hat. Sicherlich wird man bei Discworld-Romanen nicht ganz das Gefühl los, dass die Serie still steht und eine gewisse gleichförmige Beliebigkeit entwickelt, aber allein die Tatsache, dass der Autor seiner Konstruktion immer noch neue Geschichten und spannende Wendungen entlocken kann, ohne dabei im geringsten das Kernkonzept aufgegeben zu haben ist eine bewundernswerte Mischung aus Kontinuität und Evolution, die immer noch nicht langweilt.

Audrey Niffenegger: Her Fearful Symmetry

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Nach dem Erfolg von The Time-Travellers Wife (gutes Buch, böser Film) liegt auf Audrey Niffeneggers zweitem Roman sicherlich nicht nur seitens des höchstbietenden Verlags eine hohe Erwartungshaltung. Ähnlich vielschichtig wie der der in der deutschen Übersetzung leider völlig beiseite gelassene Original-Titel ist die Handlung, die auf den ersten Blick deutlich linearer und einfacher wirkt als die von Time-Travellers Wife – und tatsächlich versucht sich Niffenegger hier nicht an einem großen Opus durch mehrere Jahrzehnte, sondern erzählt eine bemerkenswert kleine Geschichte, die sich im Groben auf zwei miteinander vernetzte Handlungsstränge verlässt. Da ist zum einen die Nebengeschichte um Martin und Marijke Wells, in der der Zwangsneurotiker und Kreuzworträtselautor Martin, der seine Wohnung kaum verlassen kann, seltsame Ticks aufweist und nahezu lebensunfähig erscheint, von seiner Frau verlassen wird und im Laufe des Romans versucht, diese zurückzugewinnen. Und da ist Robert Fanshawe, der ein Buch über Highgate Cemetery zu schreiben versucht und dort als Touristenführer arbeitet. Seine Liebhaberin Elspeth Noblin, mit deren Krebstod das Buch eröffnet, überlässt ihre Wohnung den beiden Zwillingstöchtern ihrer eigenen Zwillingsschwester Edwina, die ein Jahr in London leben müssen, ohne ihre Eltern in die Wohnung zu lassen, um das Erbe antreten zu können. Was sich anhört wie ein schlechter Boulevardroman mit doppelten Zwillingen – und was mitunter auch vor allen in der Auflösung hart an der Grenze zur Verwechslungskomödie liegt -, entwickelt sich passend zur Friedhofsstimmung schleichend zum Geisterroman à la Peter Straub. Elspeths Geist, in ihrer Wohnung zunächst hilflos gefangen, erlebt den Einzug der exzentrischen Zwillinge Julia und Valentina mit, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, wie ein Poltergeist mit der echten Welt in Kontakt zu treten und schmiedet schließlich mit Robert und den Zwillingen einen Plan, zurück ins Leben zu kommen.

Vieles an dem Buch ist irritierend – ganz abgesehen von den Steven-Spielberg-Anklängen und der pseudobarocken Stimmung, die das Buch durchzieht, verlässt sich Niffenegger oft auf völlig unrealistische Wendungen und Entwicklungen, die ihren oft kapitelweise brachliegenden Handlungsfluss dann wieder abrupt in Bewegung setzen. Die Beziehung von Julia und Valentina, bereits zu Beginn unrealistisch konstruiert, wird im Verlauf des Buches so zugespitzt, dass der gesunde Menschenverstand beim Lesen des Buches einfach mal draußen bleiben darf, ähnliches gilt für Roberts Verhalten, dessen Romanze mit Valentina bestenfalls wirsch hingeschrieben wirkt. Und dennoch ist das Buch gerade wegen dieser Fehler charmant, es folgt einer traumhaften Unlogik, in der die Charakter wie von unsichtbaren Fäden entlang einem klassischen Gothik-Plot entlanggetrieben werden, mit allen kleinen Tragödien, die dazugehören. Robert neigt von Anfang an dazu, ein ausufernder Mensch zu sein, dessen Friedhof-Buch über 1000 Seiten lang wird, weil er sich in den Leben der Toten immer tiefer verstrickt, deren Biographien zu fesselnd findet, um auch nur eine auszulassen oder zu kürzen – da ist es doch nicht abwegig, dass dieser Mann sich auch in die jüngere Version seiner toten Liebhaberin verguckt und selbst dann nicht zurückschreckt, als Elspeth und Valentina Pläne schmieden, Valentinas Tod vorzutäuschen. In klassischer, aber sehr kammerspielartig auf nahezu ein Zimmer reduzierter Form, Horrormanier eskaliert Niffenegger die Handlung und je mehr Elspeth ihren geisterhaften Zustand kontrollieren und auf ihre Umwelt einwirken kann, umso mehr wird deutlich, dass dieses Buch kein allzugutes Ende nehmen dürfte.

Audrey Niffenegger gelingt es, mit Charakteren zu hantieren, die im Großen und Ganzen durchweg unsympathisch sind. Julia und Valentina wirken so farblos wie ihre stets weiße Kleidung, Robert ist für eine gewisse Zeit lang ein alter Lüstling, und Elspeth, die stets als unsichtbare Entität im Kern der Handlung steht, ist manipulativ und im weiteren Verlauf des Buches auf eine egoistische Art durchaus auch als böse zu bezeichnen. Einzig Martin, der OCD-Kandidat aus dem oberen Stockwerk, kommt berechenbar paradoxerweise als einzig halbwegs vernünftige Figur über – tatsächlich wird er umso «normaler», je mehr den anderen Figuren die Normalität entgleitet. Martin, dessen Geschichte Niffenegger so lakonisch wie anrührend erzählt, ist sicher ein Highlight des Romans, auch wenn er gegen Ende unter die Räder des langsam losratternden Geisterzuges gerät und das Denouement  seiner ganz eigenen Befreiungsgeschichte überhastet und leider auch etwas berechenbar wirkt, wenn er als Kontrapunkt zum Niedergang der anderen Protagonisten in ein vages Happy End fährt. Robert und Elspeths Geschichte, obwohl beide bekommen, was sie sich am Anfang des Romans zu wünschen glauben, verläuft weniger positiv – die Beziehung der reinkarnierten Elspeth-in-Valentina ist für Robert nicht zu ertragen. Fast symbolisch befreit er sich mit der Fertigstellung seines Buches aus dem Dschungel der Leben der Verstorbenen und verlässt Elspeth.

In traumartiger Logik führt Niffenegger durch die eben komplett unlogische Handlung, die sich so absurd wie zwingend entfaltet, die durch massives Foreshadowing auch eine fast neurotische Zwangsläufigkeit erhält, die Anklänge von Kafka und Konsorten enthält. Niffenegger spielt nicht gegen die Klischees des Geistergenres an, sondern macht sich die rigide Moral der Geschichten zunutze, um eine moderne Variante zu stricken, die ihre Nähe zu Geschichten wie The Monkey’s Paw von William Jacobs kaum verbergen will. Die viktorianische Moral blitzt an allen Ecken und Enden des Buches hindurch – mit wenigen Ausnahmen werden fast alle Figuren zu Opfern ihres eigenen Wunschstrebens – und oft liest sich Fearful wie eine durchaus gelungene Variante des magischen Realismus à la Jonathan Carroll, allerdings auf kleiner Bühne gespielt, wo Carroll (leider) inzwischen oft zu theatralisch wird. Denn Niffeneggers Buch lebt nicht von der abstrusen und à priori stets berechenbaren Geschichte, sondern wie bereits ihr Debut von guter Beobachtungsgabe, interessanten Charakteren und der Fähigkeit, das Unmögliche nahezu lapidar und damit greifbar zu Papier zu bringen. Obwohl der Roman durchweg einen leicht surrealen Diane-Arbus-Touch hat, samt einem Friedhof voller Geister, Zwillingen mit gespiegelten Organen, einer abstrus Shakespeare-esque anmutenden Eifersuchts- und Verwechslungsgeschichte, und obwohl es Niffenegger am Ende mit Valentinas Geist auf dem Friedhof leider übertreibt und in Harry-Potter-Gefilde abdriftet, schafft die Autorin es meist, im Orginaltext zumindest, ihre Charakter in all der unglaubwürdigen und abstrusen Geschichte glaubhaft und authentisch wirken zu lassen. Martin dient dabei sicher als Anker in die Realität – obwohl er dieser am meisten entrückt ist -, aber auch Robert und seine Kollegen wirken sympathisch und «echt» und führen uns so etwas lakonisch durch die Gallerie der Seltsamheiten, die sich im Verlauf des Buches eröffnet. Was schon beim Timetraveller den Kitsch und die Unglaubwürdigkeit in Zaum hielt – und insofern im Film, der alle sympathischen Details medial verwischen muss, weil er nicht die Zeit und Weite eines Buches hat – funktioniert auch hier, und man mag Niffenegger wünschen, dass eher ein David Lynch dieses Buch verfilmt.

Als solches ist Her Fearful Symmetry eine Fata Morgana, ein Buch, das so tut, als sei es eine (durchaus mitunter schlechte) Geistergeschichte, das aber realiter eine (durchaus mitunter gute) schwarze Moralgeschichte ist, die sich um Verlust und Liebe dreht und diese Zustände durch ihre surreale Überspitzung zu beleuchten versucht. Fast en passant, verborgen in der Geistergeschichte an der Oberfläche, entspinnt Niffenegger so eine multifacettierte Geschichte um Befreiung und Individualität – nicht nur in den Konflikten der Zwillingszwillinge Elspeth und Edwina/Julia und Valentina, sondern auch in Robert – der nicht nur seinem Mammutprojekt, sondern auch der Trauer und der vergorenen Liebe zu Elspeth entkommen muss – und in Martin, der sich schlichtweg von sich selbst und seiner Wohnung befreit und sich dabei ebenso selbst betrügt (Vitaminpillen…) wie alle anderen Protagonisten auch… nur mit mehr Erfolg, vielleicht, weil seine Ziele reiner sind. Alle Figuren sind von Trauer, Schuld, Wut oder anderen Gefühlen gefangen… und selbst wenn es auf tragische Art und Weise passiert, sie alle versuchen sich zu befreien. Die Frage ist eben nur, ob «frei» auch immer «glücklich bedeutet».

Steve Toltz: A Fraction Of The Whole

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Steve Toltz Debut erinnert nicht ganz von ungefähr ein wenig an Marisha Pessls Special Topic in Calamity Physics. Ambitioniert, verspielt, wortgewaltig arbeitet auch Toltz sich an einer skurrillen Vater/Kind-Geschichte ab, die über Kontinente, Generationen und sämtliche erzählerische Finessen hinwegführt. Die Geschichte des hochintelligenten, aber menschenscheuen und seltsamen Martin Dean wird von seinem Sohn Jasper erzählt, aus der eigenen Erinnerung, aus Tagebüchern, aus Briefen, in einer kaum zusammenzufassenden Eskalation bizarrer Eingebungen und Eskapaden, aus denen man ohne weiteres auch drei Bücher hätte machen können, allein die Geschichte von Terry und Martin Dean wäre einen eigenen Band wert gewesen. Auf fast 800 Seiten und in einem wahren Meer von Subplots diesen furiosen Schreibstil homogen durchzuhalten ist nahezu unmöglich und so gibt es ohne Zweifel einige Stellen im Buch, wo Toltz das Tempo oder die Richtung und auch mal den Faden seines ohnehin nie ganz tighten Plots verliert, aber nie den Witz, die Verve oder das Händchen für das stets wartende herzzerbrechende nächste Desaster, das nahezu unweigerlich aus Martin Deans Ideen entsteht. Seine Leser führt Toltz auf eine atemlose Reise, vorbei an schillerndsten Figuren, am Handbuch für das perfekte Verbrechen, an Europa, durch Gefängnisse, StripClubs und Gangsterlager in Thailand, an zerschellenden Liebesbeziehungen und dem vielleicht dysfunktionalsten Vater/Sohn-Gespann in der Literaturgeschichte, durch zahllose Plot-Loops, die nahezu hysterisch aufeinandergetürmt sind und durch einen wahren emotionalen Sturm, der mal zum Weinen lustig, mal einfach nur zum Weinen ist. Das Buch ist im besten Sinne stürmisch und wechselt nahezu freihändig zwischen langen, dichten Passagen, die Jaspers oder Martins parforce Ritt durch eine unterm Strich doch recht misanthrophische Philosophie voranbringen und einem leichtfüßigen, fast an John Irving erinnernden Erzählstil, der abstrakterweise oft genau dann einsetzt, wenn die eigentlich Handlung am düstersten und morbidesten ist, etwa wenn Martins langjähriger «Freund» Eddie ein ganzes Dorf vergiftet, um endlich in die Fußstapfen seines Vaters als Arzt treten zu können. A Fraction of The Whole wird dem Titel mehr als gerecht – das Buch ist ein Cocktail aus Einzelteilen, die ihre Geschichte aus verschiedensten Perspektiven beleuchten und eben doch nie wirklich ein ganzes Bild ergeben. Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte in diesem Buch, jede Seite hat ihren eigenen besonderen Satz, der mehr als einmal wirklich bemerkenswert ist, jedes Kapitel schillert in anderen Farben, man hat nie das Gefühl, sich durch einen dicken Wälzer kämpfen zu müssen – obwohl man in der Tat recht lang an Fraction of a Whole liest, weil das Buch zwar wie eine Fata Morgana sehr leichtfüßig scheint, aber nicht immer leicht ist und zahlreiche Passagen und Zusammenhänge hat, die man sich auch erarbeiten muss, zumal unter dem Wirbelsturm der Handlung auch eine religiöse und philosophische Betrachtung mitstattfindet.

Fraction ist ein besonderes Buch, ein besonderes Buch, über das man sich gelegentlich ärgert oder in dem man nicht vorwärts kommt, das man aber ebenso oft kaum aus der Hand legen mag, weil man im Sog der skurrilen Handlung und im Bann der faszinierenden Figuren gefangen ist. Die Sorte Buch, bei der man sich mittendrin irgendwann besorgt fragt, ob der Autor diese Wucht, diese Energie noch ein zweites Mal hinkriegt, ohne sich zu wiederholen – denn hier sind mindestens Ideen für zehn Bücher verpulvert, als gäbe es kein Morgen mehr. Bleibt zu hoffen, dass  Toltz in Sydney längst an seinem zweiten Buch werkelt, das hoffentlich genau so funkelnd, glühend, düster und grell ausfällt.

Charlie Huston: Caught Stealing

hd schellnackDas Buch an sich ist vielleicht weniger der Rede wert… Charlie Hustons erster Teil der Hank-Thompson-Trilogie ist ein energetischer, kurzatmiger Thriller um einen versoffenen Ex-Baseballspieler, der Hals über Kopf zwischen die Fronten zweier ziemlich entschlossener Diebesbanden gerät. Thompson, eine Art Extremfall des amerikanischen Down-on-his-Luck-Antihelden-Modells, wird von Huston glänzend-ekelig inszeniert, das erste Kapitel ist fast meisterhaft voller literarischer Blue Notes und auch wenn das Buch diesen fast an Bukowski erinnernden Härtegrad leider nicht näherungsweise durchhält, gelingt Huston ein Buch, das im besten Sinne an einen Guy-Ritchie-Film erinnert: Dreckig, biestig, extrem witzig, mit viel Blues und Jazz und Rock in der Seele und mehr als reichlich Blut an den Händen. Die schiere Tour de Force ist hochspannend geschrieben und hat über den reinen üblichen Paperback-Thriller-Kick hinausgehend einige schriftstellerische «Quirks», wie etwa Hustons Methode, durch rasante Zwischenschnitte Verwirrung und Unsicherheit in seinen Text zu bringen und den Leser so ins Geschehen und in den Kopf seines Protagonisten zu rücken, die über die übliche Bahnhofs-Massenware hinausreichen. Caught Stealing ist adrenalin- und testosteronschwangerer Pulp, und das mit vollem Genuß, und wie der Autor seinen Protagonisten langsam vom Loser zum Killer wandelt, ist bemerkenswert in diesem insgesamt oft steinkalten und gnadenlosem Buch, in dem nichts und niemand sicher ist und man am Ende sogar um die Katze bangt, weil man Huston gegen Ende jede Grenzüberschreitung zutraut.Bemerkenswerter ist aber die Package: Caught Stealing (sowie die beiden anderen Bände der Trilogie und einige andere Bücher) gehören zu den von Random House für den iPhone-Reader Stanza gratis zur Verfügung gestellten Büchern des Verlages, und nach etlichen Kurzgeschichten und Novellen ist der Roman das erste «echte» Buch, das ich auf dem iPhone lese. Einem Gerät, das technologisch etwas subideal ist als Reader, weil es ein aktives Display hat, das man vor allem in dunklen Räumen gar nicht dunkel genug drehen kann und trotzdem noch Blendeffekte hat (selbst schwarzer Background mit weißem Text hilft kaum), während tagsüber die spiegelnde Glasoberfläche nervt. Die Seiten sind zu klein, Schrift entweder zu klein oder die Zeilenlänge falsch, und das iphone selbst ist einen Hauch zu unhandlich, um gefühlt als «Buch» durchzugehen. Ganz zu schweigen von der sehr realen Angst, wenn man spätabends in der Badewanne liegt und schmökert, was eigentlich passiert, wenn man einnickt und nicht ein Buch, sondern ein teures Elektrogerät ins Wasser fällt. Ähnlich wie Kindle, Sony und Co wird einem schnell klar, dass das «echte» Buch immer noch das beste und robusteste Interface hat, wenn man einfach nur lesen will. Tatsächlich geht das Lesen im Dunkeln, egal was man macht, nach einiger Zeit sogar so extrem auf die Augen, dass man einen Ghosting-Effekt hat, der bleibt, nachdem das Gerät abgeschaltet ist und die Augen aktiv etwas wehtun. Wenn Apple es mit dem «MacTablet» wirklich ernst meint als Reader, muss hier noch einiges passieren.Aber: Ironischerweise liest man mehr.  Die Stärke des iphones ist ja nicht, dass es irgendetwas besonders gut kann – nahezu jede einzelne Funktion des Gerätes oder irgendwelcher Apps lassen sich besser durch andere Lösungen realisieren – sondern dass es ein Universaldilettant ist und vor allem immer dabei. Was bedeutet, das man nicht nur immer eine Kamera oder das Internet oder ein Spiel oder sein Social Network dabei hat, sondern auch immer seine Comics oder Bücher oder Hörbücher.  Immer. Was tatsächlich zu Konflikten führen kann – hört man nun Musil Remixed (großartiger Podcast von Bayern 3) weiter, liest man das Fahrenheit 451-Comic oder doch Hustons Buch? Ganz abgesehen von der analogen «Konkurrenz», Blogs, eMails. Die mediale Überflutung ist in Form des iPhones, durch die Reduzierung auf ein einziges Endgerät, irgendwie greifbarer geworden und wird über kurz oder lang einen Gegentrend anfordern, der wieder Ruhezonen schafft (Dinge wie der Ommwriter sind da eine Vorstufe). Dennoch: Die permanente Verfügbarkeit eines Buches, zumal eines Thrillers, erhöht die Lesefrequenz ungemein. Im Wald, bei terminlichen Wartesituationen, am Ende sogar während des Spazierengehens mit dem Hund, spätnachts im Bett (ohne Licht anhaben zu müssen – das ist gar nicht so schlecht, wenn der Partner schlafen will), im Extremfall an der Supermarktkasse. Das iphone macht alle ubiquitär, ergo auch das Buch. Ich bin nicht sicher, ob das Medium technologisch auch für schwierige oder komplexe Texte geeignet wäre, weil der Ablenkungsgrad höher und der Lesekomfort bedeutend niedriger ist – aber für einen schnell wegzulesenden Straßenfeger wie Caught Stealing, bei dem große Teile der Handlung und Dialoge vorhersehbar sind, reicht es allemal.Tatsächlich muss ich sagen: Wenn die technologische Lösung erst einmal etwas ausgereifter ist und sich augenfreundlicher gibt, fände ich einen Sprung weg vom Papier für mich gar nicht so unattraktiv. Mit zunehmenden Alter ärgern mich die sich ansammelnden Berge von Zeug, die CDs, die Bücherkisten, die Longboxen voller Comics, der ganze Kram, den man durchaus braucht und liebt (die Inhalte zumindest), aber der so bleiern und sinnlos ist (die sperrigen Trägermedien).Nachdem ich mit allen dazugehörigen Phantomschmerzen und einer guten Portion «Wieso gibt es hier kein Booklet mehr?»-Frustration den ziemlich umfassenden Sprung zur komplett digitalen Musiksammlung hinter mir habe, ist es eigentlich nach einer Weile angenehm, wie unkörperlich die Sache ist. Genau das, was Vinylpuristen bemängeln – da IST ja gar nichts mehr – erweist sich als Vorteil, Musik wird leicht und mobil. Bei Comics zeichnet sich das fast drastischer ab. Was auf Papier vier Longboxes füllt – etwa die gesammelten Fantastic Four – nimmt auf der Festplatte nur ein paar GB weg, ist stets verfügbar, riecht nicht nach Keller und ist immer richtig sortiert. Das ist noch in den Kinderschuhen, weil es eigentlich keinen sinnvollen Reader für Comics und Bücher gibt, aber selbst in dieser frühen Phase fallen die Vorteile (und Nachteile, denn virtuelle Comics haben natürlich keinerlei Sammelwert und sind auch irgendwie deutlich herzloser) deutlich auf. Unverständlich ist mir allerdings, warum eBooks so teuer sind – Preisbindung hin oder her, das ist logisch nicht erklärbar und zeigt eher eine (absolut verständliche) Bockigkeit der Verlage beim Wechseln der Medien… was zumindest der Buchhandel auch begrüßen dürfte, denn ein sich breit durchsetzendes eBook dürfte den Mittelsmann im Sortiment ganz schön beuteln (hierbei wahrscheinlich die großen Filialisten mehr als den Vor-Ort-Buchhändler, dessen beratende und selegierende Funktion viel viel ausgeprägter ist und der auch ein anderes Publikum hat).Rückblickend ist es bemerkenswert, wie der iPod (und die ihn umgebenden Technologien) unsere Hörgewohnheiten verändert hat. Ich habe wenig Zweifel, das iPhone, Tablet & Co das gleiche mit unseren Lesegewohnheiten (ganz zu schweigen von Film und Web und Spielen und Musik….) gelingen wird. Chip Kidd bemängelte letzthin, wie sehr Amazon das Cover-Design beeinflussen würde – weil ein Buchumschlag heute auf 240 x 240 Pixeln lesbar funktionieren muss. Spannend wird vor diesem Hintergrund, wie der kulturelle paradigm shift, der sich durch eReading anbahnt, seinen (und unseren) Job weiter verändern wird.

Chuck Palahniuk: Pygmy

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Man kann Chuck Palahniuk vorwerfen, was man mag, langweilig ist der Mann nicht. Obwohl es in seinem Schreibstil gewisse Elemente gibt, die eben «typisch» für ihn sind, rüttelt kaum ein anderer Autor so entschlossen an den Käfigstangen seiner Kreativität. Egal ob die Geschichte an sich oder die Stilmittel, Palahniuk ist Grenzgänger des Machbaren. Nachdem Snuff gegenüber seinem grandiosen vorletzten Buch Rant nahezu normal war – sofern man ein Buch über einen Selbstmordversuch qua Gangbang «normal» finden will – ist Pygmy stilistisch wieder völlig befremdlich. Kurz gefasst erzählt es die Geschichte einer Gruppe von Kinderterroristen aus einem nicht näher bezeichneten aber fernöstlich anmutenden Staat, die in Amerikas scheintote Vorstadtwelt eingeschleust werden, aus der Sicht eines der Terroristen in Spe, der wegen seiner Körpergröße nur Pygmy genannt wird. In einem an Everything is Illuminated erinnernden, dabei aber deutlich weniger elegant verstümmelten Englisch, das oft an die Grenze des Verständlichen geht. Es ist in erster Linie ein sprachliches Experiment, das einerseits nach klaren sprachlichen Regeln zu funktionieren scheint, andererseits ablative Sprünge in der Sprachentstehung zulässt, wodurch ein seit Clockwork Orange nicht mehr so verwirrender restringierter Sprechcode entsteht, der an Boshaftigkeit und Bissigkeit kaum zu übertreffen ist. Durch diesen kleinen Kunstgriff gelingt es Palahniuk, die vertraute Suburban Reality zu brechen, zu rephrasieren, neu zu entdecken und was wir in der Sprache des Fremden über uns selbst herauslesen, ist erschreckend – Palahniuk liefert den Soundtrack eines verwesenden Landes, das bizarr und fremd wirkt wie aus der Twilight Zone gezerrt.

Das es dem Autor dazu gelingt, ein seltsam fragiles Buch über das Erwachsenwerden, die erste widerwillige Liebe, widerborstige Teenager und Leistungsdruck in der Schule zu formulieren, mithin die Zutaten von Peter Parker, Spider-Man modern zu remixen und aus dem «anderen» Helden eben einen «anderen» Schläfer-Terroristen zu machen, ist bewundernswert – das Buch liest sich als hätten Stan Lee, Kierkegaard, Nietzsche und Mao sich eines nachts im LSD-Rausch eine Comicfigur erdacht. Dazu passt, dass Pygmy seine Berichte wie ein Blog oder wie ein monatliches Abenteuerheftchen nach Hause an den Staat schickt, der sich in der Rückblende als seltsam stählener, elternmordender Gegenentwurf zum Individualismus entpuppt, vor dessen Folie Pygmys harsche Kritik am American Way of Life, an der Familie, an Walmart und an der Religion einen surrealen Schattenwurf bekommt, weil ihr ein Gegenmodell fehlt (und so verwundert es nicht, das Pygmy im Verlauf des Romans etwas weicher und menschlicher wirkt und in seiner dysfunktionalen Adoptivfamilie ankommt).

Gekonnt wie immer verpackt Palahniuk seinen Blick auf die Freakshow des Lebens in ein neues Format und bliebt sich so zugleich treu und doch frisch. Die Thematik des Buches, die Art, wie Palahniuk mit Motiven, Dopplungen, Phrasierungen und anderen Tricks meisterhaft eine sprachliche Melodie entwickelt, sind vertraut – und dennoch schafft der Autor es, in seinem immerhin zehnten Buch keine Langeweile, keine Stagnation aufkommen zu lassen. Palahniuk scheint unter dem Druck zu stehen, sich und uns immer und immer wieder beweisen zu müssen, dass er kein One-Trick-Pony ist. Und entsprechend schraubt er auch die Geschmacklosigkeit und Absurdität des Buches in immer neue Höhen – mit einer umwerfend geschmacklosen Vergewaltigung, mit einer Gastfamilie, wie man sie sich bizarrer kaum vorstellen kann, mit einer Schule, die eher wie ein Freakzirkus scheint… Palahniuk erreicht hier sicher nicht die schwindelerregend turmhohe Surrealität, die Rant zum Meisterwerk macht, aber Pygmy wirkt in jeder Hinsicht weniger barock als Rant, mehr wie eine kleine, trotz 250 Seiten enorm schnelle Satire, die vor allen Dingen immer wieder abenteuerlich komisch ist, selbst wenn der Humor mitunter auch mal schmerzhaft derb wird. Unrealistisch, durchgeknallt, eine perfide Achterbahnfahrt durch die Gelüste und Unsicherheiten eines Teenagers im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ist Pygmy schwer zu lesen, pädophil, gewalttätig, voller Dildowitze, hysterisch, verdrogt, geschmack- und respektlos und doch voll zarter, zerbrechlicher Momente, die immer wieder kurz durchblitzen, eine Tour de Force, die sicher manchen Leser vergraulen dürfte – aber die tatsächlich jede Sekunde ein Genuss ist.

Naomi Klein: The Shock Doctrine

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Naomi Kleins The Shock Doctrine klingt vielleicht nicht ganz unschuldig nach Alvin Tofflers Future Shock. Tofflers in den 70er Jahren formulierte Theorie eines hyperbeschleunigten gesellschaftlichen soziotechologischen Wandels, der die Menschen überfordert, wird von Klein zwar nicht explizit aufgegriffen, aber als gezielte Technik zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele neu interpretiert.

Klein entpuppt sich dabei als eine Art schreibender Michael Moore, sie schreibt polemisch und mit furioser Wut, sammelt akribisch Daten und setzt aus diesen ein medienwirksam erschreckendes Gesamtbild zusammen – und wendet so als Autorin bewusst oder unbewusst die gleiche Schocktherapie an, die sie dem neoliberalen Wirtschaftsvertretern vorhält. Geschickt (und etwas sensationalistisch, weil inhaltlich nicht ganz haltbar) verbindet sie zwei narrative Stränge – die Entwicklung von Elektroschock, Isolationstechniken und anderen «psychologischen» Methoden als Techniken der Informationsbeschaffung bzw. Willensbrechung von Geheimdiensten einerseits, andererseits die moderne Globalisierungswelle im Zeichen eines von Milton Friedman und seinen Studenten geprägten Monetarismus. Auf großartige erzählerische Art und Weise und mit Dutzenden von Belegen verknüpft sie das an der Universität von Chicago entwickelte ultraliberale Wirtschaftsmodell mit den Terrorregimes in Südamerika, mit CIA-Foltermethoden, mit den Umbrüchen in Russland und Polen, mit China und erzählt so eine Gesamttheorie der globalökonomischen Entwicklung der letzten 30 Jahren als Kombination von amerikanischem Jingoism plus einer Wirtschaftstheorie, die die gesamte Welt als Labor betrachten kann. Die Ergebnisse dieser Mischung – selbst wenn man an manchen Stellen des Buches diese Mixtur etwas marktschreierisch empfindet und Klein mitunter etwas in den Bereich der Verschwörungstheorie kippt – ist im höchsten Maße fesselnd und erschreckend, spannend wie ein Krimi und mindest ebenso blutig. Auf Kleins Leinwand verschwimmen vom Pinochet-Regime bis zum Irak Krieg alle Kriege, Diktaturen und selbst Naturkatastrophen zu einem Werkzeug der «Friedmanites», die über die Kontrolle der Weltbank und anderer amerikanischer Einrichtungen nach und nach eine bestimmte Geschmacksrichtung kapitalistischen Denkens weltweit durchsetzen und aus der Schumpeterschen «Kreativen Zerstörung» eine gezielte Methode zur Erreichung politischer, vor allem aber großwirtschaftlicher Interessen entwickelten. Friedman, und im weiteren Verlauf des Buches Jefferey Sachs, können mit Unterstützung einer neuen Welle von Politiker wie Thatcher, Reagan, Jeltzin und im Zuge von einer dominosteinartig losgetretenen Veränderungswelle in der Welt soziale Ausnahmezustände und die dadurch resultierende Verwirrung, das politische Vakuum, nutzen, um ihre marktliberalen Modelle in der Praxis zu testen – mit oft verheerenden Folgen für die Bevölkerung – und an dieser Stelle kommt für Klein die ökonomische Schocktherapie und die herkömmliche Foltertechnik wieder zusammen, weil die protestierenden Bürger mundtot gemacht werden müssen.

Obwohl Klein oft zu überdramatisierenden Mitteln greift – die entsprechend häufig kritisiert wurden – und oft allzu offensichtlich eine Art linke Verschwörungstheorie von «Big Money», CIA und den Vereinigten Staaten heraufbeschwört, die insgesamt ein wenig zu vertraut, zu bekannt, zu abgegriffen klingt, gelingt ihr ein überzeugendes und hochspannendes Buch zur Zeit, das an vielen Stellen wahrscheinlich sogar zu eng denkt, zu wenig in die Verstrickung von Geld und Politik einsteigt – vielleicht auch, weil diese Vernetzung komplizierter und feingewebter ist als Kleins grobe Theorie erlaubt. Dennoch ist The Shock Doctrine ein wichtiges, ehrlich empörtes und wütendes Buch, das durchaus emotional und insofenr bewegend Wirtschaft nicht als abstrakte Theorie, sondern als angewandte Politik, als Machtkampf spürbar macht. Keynes und Friedman sind bei Klein keine Denkschulen, sondern konkurrierende geopolitische Meme, und in Kleins Buch wird der Siegeszug der «Free Market»-Anhänger zu einem sinistren Durchmarsch dunkler Neocon-Kräfte – etwa so als habe Dan Brown Marx’  Kapital neu umgeschrieben. Shock Doctrine beschreibt, wie ein modernes Feudalsystem von Oligarchien aus Politik und Wirtschaft weltumspannend entsteht, das auf Schocksysteme fast wartet – und diese teilweise auch gezielt herbeiführt -, um die eigene Position auszubauen und eine ungerechte Verteilung von globalen Wohlhaben zementiert. Es ist ein Buch, das mit dem Mythos, der Kapitalismus brauche Demokratie, aufräumt und nur zu deutlich macht, dassein ungebremster «freier» Markt unfrei wird und nahezu unweigerlich in totalitären Polizeistaaten mündet, in denen streikende Arbeiter, protestierende Studenten und unliebsame Journalisten einfach verschwinden. Der von Klein aufgezeichnete Desaster-Dreiklang – natürliche Schockzustände durch Katastrophen, künstliche politisch oder wirtschaftlich herbeigeführte Ausnahmezustände und schließlich der Schock von Polizeiknüppel und Wasserwerfern -, die oft kompromisslose politische Durchsetzung wirtschaftlicher Zielvorgaben. die zu enge parasitäre Symbiose von Wirtschaft und System (bei der nicht mehr ganz klar ist, wer eigentlich das Wirtstier ist), in der jede Form sinnvoller Kontrolle und Steuerung unmöglich wird… all das wirkt vor der Folie des zweiten Irak-Krieges aber auch der aktuellen Finanzkrise nahezu prophetisch.

Dabei ist die Erkenntnis vom bösen Kapitalismus natürlich so neu nicht, Klein kann sich da mit Rosa Luxemburg die Hand geben, sondern eher eine Reinterpretation, eine Modernisierung und zugleich eine mitunter fast persönlich wütend wirkende Abrechnung mit Friedman.Man nimmt Klein dabei jederzeit die glaubhafte Empörung ab, auch wenn man immer wieder beim Lesen denken muss, dass die Welt beileibe nicht so simpel und schwarzweiß ist, wie Klein sie skizziert und auch keineswegs so steuerbar. Dass aber – und auch lange vor Milton Friedman und seinen Chicago Boys, auch lange bevor es den Begriff «Kapitalismus» gab – seit Menschengedenken immer wieder Profiteure Krieg und Leid zu ihrem eigenen Vorteil nutzen oder auslösen, ist keineswegs neu. Was Klein beschreibt, sind lediglich die modernen Mechanismen einer Welt, die schon immer ungleich war – und es wahrscheinlich leider immer bleiben wird – in der die 10% der Mächtigen mit den 90% der Machtlosen paradoxerweise machen können, was sie wollen, weil jede noch so undenkbare und bizarre Handlung offenbar ohne Konsequenzen bleibt. Niemand hat Thatcher für Falkland vor Gericht gestellt, und auch für Bush, Rumsfeld et al wird der Irak-Krieg 2.0, der unverbrämt wie nie ein großer moderner Krieg seit Jahrzehnten zuvorderst dem nackten Gewinnstreben diente, keinerlei böses Nachspiel haben – trotz mangelnder Kriegsgründe, trotz Terrorlage, trotz dreckiger Bomben, trotz Folter. Man muss kaum erwähnen, dass auch die Finanzspekulanten, die mit ihrem Spiel die Volkswirtschaften tief in die roten Zahlen getrieben haben, keine Sekunde befürchten müssen, als gesamtes, als System, abgestraft zu werden. Ganz im Gegenteil ist im Kontext von Kleins Theorie natürlich auch die Finanzkrise nur ein «Schock», den sich neoliberale Kräfte langfristig zu Nutze machen können. Ob richtig oder falsch – Klein leistet sich den Luxus einer Überzeugung, und das ist selten genug geworden.

Was Klein also beschreibt – und auch nur holographisch, in Form von Splittern und Teilaspekten – ist die Organisation der modernen Welt unter den Aspekten von Gier und Habsucht. Ich bin nicht sicher, ob ich ihr darin folgen will, dieser Organisation eine Art gezielten Gesamtwillen, eine Art Kabale der Neokonservativen, innewohnend zu sehen… oder ob es nicht doch nur so ist, dass der Kapitalismus an sich eine Art amorphe Gesamtgestalt für den Egoismus jedes einzelnen ist, die Summe der Teile vieler kleiner einzelner Fälle von sinnloser Raffgier und Machmissbrauch, die sich wie ein Tangram zu einer sinnvoll erscheinenden Gesamtfigur zusammenlegen lassen. Wo Klein eine weltumspannende Intrige sieht, die es aufzudecken und zu bekämpfen gilt, sehe ich einen Ausdruck menschlicher Natur, eine Kumulation und Großschreibung ganz alltäglicher menschlicher Unzulänglichkeiten. Es hat seinen Grund, dass wir von Ägypten über Rom über das Dritte Reich und Stalin bis heute in deutlich diffuserer Form in Systemen leben, die einen kleinen reichen Kern selbsternannter Anführer haben und einen großen Mantel von Angeführten. Es mag eben seinen Grund haben, dass wir Millionen von Arbeitslosen haben – und weltweit eine unerträgliche und unnötige Not- und andererseits der im Wirtschaftssystem stets postulierte Mangel als Basis von Verteilungsungerechtigkeiten kaum noch haltbar ist, da wir lokal im Überschuss als in einem Mangelsystemleben und auch global längst gerechte Umverteilungsmodelle denkbar wären… und eben dennoch nichts passiert. Anders gesagt ist der Kapitalismus wahrscheinlich einfach nur die (post)moderne Ausführung einer Art von gesellschaftlicher Gliederung, die relativ stabil die Jahrhunderte überdauert, die eventuell nie verschwinden wird und die vielleicht, wenn auch auf eine durchaus zynische Art, ihre Berechtigung hat.

Aber dieser etwas abstrakte Aspekt hat natürlich wenig mit der Entrüstung und Wut zu tun, die The Shock Doctrine beim Lesen auslöst – und das ist durchaus gut. Es ist in Zeiten einer«Linken» in der Gesellschaft, die in Funktionärstum oder Selbstzerfleischung gefangen ist, wohltuend zu lesen, wieviel Klarheit und Kraft zum einen ein klares (wenn auch eben mitunter bedenklich klares) Feindbild und eine positive Gegenvision in den Händen einer geschickten Autorin entfalten können. Während es bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nahezu einen Kampf von systemischen Ideen gab und Demokratie, Kommunismus, Faschismus sowie Kapitalismus in seiner fastnoch-Manchester-Ausprägung um die Köpfe und Herzen der Menschen kämpften, gibt es heute keine offizielle Alternative mehr zu dem inzwischen global etablierten ökonomischen Marktsystem, das an sich auch kaum noch als «echter» Kapitalismus zu bezeichnen ist – und das durchaus, was Klein ausblendet, neben Elend auch viel Wohlstand gebracht hat, wenn vielleicht auch nur in bestimmten Regionen der Welt. In den kommenden Jahrzehnten wird sich zeigen müssen, ob ein System wirklich zivilisatorisch zielführend ist, dass das Wohlergehen des Einzelnen so eindeutig vor die Interessen der Vielen stellt, das auf Wachstum und nicht auf Saturation abzielt, das aber vor allem insofern systemisch blind ist, als dass es nur in ökonomischen Begriffen denken kann und entsprechend alles in diesem Paradigma betrachtet – Bildung, Gesundheit, die Qualität von Leben und Tod. Man merkt dem modernen Kapitalismus einen Hauch von fin de siècle an, ein letztes Abräumen des Buffets, die Reparaturversuche an einer längst defekten Maschine. Zugleich ist der Kapitalismus aber auch nicht abzuschreiben – er ist wie Jazz, er kann mit allem. Demokratie, Diktatur, links, rechts – Hauptsache es gibt einen Gewinn zu machen. Insofern ist nicht zu unterschätzen, dass eine Autorin an der Selbstverständlichkeit, der Axiomität dieses Systems kratzt und die Frage nach den Kosten stellt – und zugleich klar und verständlich, weit entfernt von großen Systemwechsel-Allüren, ein Gegenmodell entwirft, das eine fairere und direktere, nivelliertere Gesellschaft mit einem erstarkten (Wohlfahrts-)Staat skizziert (und natürlich entsprechend grob auf Keynes basiert). Die Leistung von Klein liegt in der Synthese verschiedenster Puzzleteile zu einem (subjektiven) Gesamtbild, in der Wut und Empörung und der schieren Energie, die die Autorin ausstrahlt. Das ihr dabei Neokonservative, Marktliberale, Großunternehmen und Politiker zu einer undifferenzierten Suppe verkochen, dass sie nicht selten historische Ereignisse gezielt auswählt um ihre Theorie zu stützen (und andere Ereignisse ausblendet), dass sie an keiner Stelle psychologisch ordentlich auf die Grundlagen der Schocktherapie oder wirtschaftswissenschaftlich auf Friedmans Theorien eingeht, sondern stets sehr oberflächlich bleibt, tun dieser Energie an sich keinen Schaden – wohl aber der Botschaft des Buches, das eben spannend und fesselnd und ergreifend ist, aber auch oberflächlich und einseitig. Das Naomi Klein aber Wirtschaftstheorie und Machtpolitik spannend wie einen Krimi verbindet und damit beweist, dass Politik keineswegs langweilig und schaumgebremst sein muss, sondern ordentlich brennen kann, ist der große Verdienst des Buches.

Edward St. Aubyn: Some Hope

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Edward St. Aubyns semi-autobiographische Patrick-Melrose-Trilogie Some Hope ist ein zurecht von der Kritik gefeiertes Buch – das bittere, zynische und zugleich hochkomische Portrait einer Jugend, die durch Mißbrauch gezeichnet wird, die schließlich in den Drogentrip und zu einer Art von Läuterung führt, ist kalt, luzide und analytisch. Und ließ mich dennoch überraschend kalt. Vielleichtist mir der Stoff zu britisch, zu stiff, abgehandelt, vor allem das erste Buch Never Mind liest sich stellenweise wie ein etwas braverer Tom Sharpe, wenn auch die Bosheiten und Wortgefechte brilliant getimed sind. Vielleicht auch nur, weil es mir nie gelang, zu einer der Figuren eine Beziehung aufzubauen, selbst zum jungen Patrick nicht, weil sie grell flirrende Grosz-Karikaturen bleiben, die der Autor in kurzen Vignetten ein- und ausblendet und nur mit grober Kohle zu Papier bringt. Das zweite Buch, Bad News zeigt die Folgen von Akt I, einen suizidalen, im Wortsinne lebensmüden Patrick, der sich gelangweilt zwischen Restaurants, Hotels und der Drogenbeschaffung die Zeit vertreibt und eine Irvine-Welsh-esquen Trip erlebt. Der dritte Teil schließt den Kreis und kehrt zum episodenhaften Erzählstil von Never Mind zurück und zu den oberflächlichen Petitessen der Upper Class, diesmal mit feinem Bleistift statt mit Kohle festgehalten, mit mehr Graunuancen und feineren Details – und einer schreikomischen Princess Marger. Das Problem ist, das man die Ennui und Leere der (britischen) Oberschicht und die Frage nach der Existenzberechtigung einer Gesellschaftsklasse, die so ausgebrannt und zynisch ist, dass ihr Lebensinhalt die jeweilige gegenseitige mehr oder minder elegante Demütigung zu sein scheint, bereits mehrfach und zum Teil beileibe auch nicht schlechter gelesen hat – so dass man beim Lesen der Trilogie immer wieder eine Art lähmendes Deja Vu zu haben scheint. Das gilt insbesondere für Bad News, vielleicht weil die nihilistische Mischung aus New York, urbanen Lifestyle und Drogen erschreckend an eine Art verwässerten, milderen Bret Easton Ellis erinnert. In einem Buch voller egozentrischer und verbogener Charaktere fällt es dem Leser schwer, eine Identifikationsfigur zu finden, zumal vor allem Patrick Melrose selbst oft in die Rolle der Nebenfigur gedrängt ist und die Bühne frei machen muss für die schillernde Snobshow der High Society, deren Figuren aber selbst oft oberflächliche Pappcharaktere bleiben, die einander demütigen und übereinander lästern, ohne dass eine grundlegende Motivation für das Verhalten der Figuren erkennbar ist – anscheinend reicht dem Autoren schon allein die Zugehörigkeit zum Geldadel, um Menschen zynisch und kalt werden zu lassen. Bei aller Bewunderung der grandiosen Dialoge und der scharfen Beobachtungsgabe von St. Aubyn, mutieren seine Figuren beim Lesen nach und nach zu Kasperlefiguren, denen der Puppenspieler nur seltendie Illusion echten Lebens einhauchen kann. Wodurch zugleich auch die Empathie mit Patrick Melrose ausbleibt, der kein Mitleid auszulösen vermag, sondern wie ein gequältes Insekt unterm Mikroskop ausgestellt bleibt, irritierend, fremd. Dazu kommt, dass der dritte Teil nach dem furiosen Bad News seltsam sanft und ausgebremst wirkt, vielleicht passend, um das Lebensgefühl eines geläuterten Ex-Junkies zu reflektieren, sicher aber kein Höhepunkt einer Trilogie, sondern mehr ein Nachgedanke.

Thomas Lehr: 42

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Der Weltuntergang ist eigentlich eine Forte der englischsprachigen Literatur, die sich im Grunde vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg ausgiebig, unweigerlich oft als SF-Spekulation und insofern unweigerlich oft trashig, mit dem Thema einer post-apokalyptischen Gesellschaft befasst hat. Richard Mathesons I am Legend, Stephen Kings The Stand oder John Wyndhams The Day of the Triffids sind nur wenige Beispiele für ein ganzes Literaturgenre, das mit verschiedenen Mechaniken die Menschheit mal mehr, mal weniger auslöscht, um an den Kern menschlicher Daseinsfragen zu gelangen. Stets ein Spiegel latenter gesellschaftlicher Ängste, haben viele dieser Bücher gerade in den 50er und 60er Jahren natürlich den nuklearen Holocaust aufgegriffen, heute sind es vor allem vor allem bakterielle und genetische Spielarten des Science-gone-wrong-Genres, mit denen sich die Leser gern gruseln, ganz zu schweigen vom Trend zur von Menschenhand verursachten Naturkatastrophe.

Thomas Lehr bedient sich in seinem Buch 42, dessen Titel passenderweise nichts mit Douglas Adams Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun hat (weil Lehr die Anhalter-Trilogie nie gelesen hat und erst von seinem Verlag von dem zufälligen Apropos des Titels erfuhr), sondern mit der 42. Sekunde, in der die Zeit einfriert und zugleich mit der Doppeldeutigkeit von 42 als japanisches Symbol für den Tod, nur scheinbar dieses Genres. Der Grundplot seines Buches – nach einem Unfall im CERN-Reaktor steht sie Zeit weltweit still, bis auf für eine Handvoll Überlebender – eignet sich bestens für einen Roland-Emmerich-Film und erinnert vielleicht nicht von ungefähr an Philipp K. Dicks Eye in the Sky.  Die Überlebenden durchlaufen eine fast an den Umgang mit schwerer Krankheit erinnernden Ablauf von Schock, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus, der das Buch grob gliedert. Die rund 70-köpfige Gruppe spekuliert während ihrer Odyssee durch die gefrorene Zeit frei und hochkontrovers über die Gründe und technischen Bedingungen ihrer neuen Existenz, einige Mitglieder missbrauchen ihre neu gewonnene Macht über die still stehenden Menschen um sie herum ausgiebig, und am Ende zahlreicher Abenteuer kommt nach einem plötzlichen kurzen ruckhaften Weiterticken der Zeit um wenige Sekunden ein Großteil der Cernies-Gruppe erneut zusammen, um ein finales Experiment namens Fönix zu wagen, das sie in die Zeit vor dem Unfall zurückschleudern soll.

Aber der apokalyptische Nebelschleier dient nur als theoretisches Exoskelett des Buches – anders als Wyndham und Konsorten geht es Lehr selten darum, eine postapokalyptische Gesellschaft zu analysieren oder nach einem «clean slate event» eine Rückkehr zu besseren Werten zu propagieren. Vielmehr nutzt Lehr den Stillstand der Zeit – und damit das Zusammenfließen von Zeit zu einem im Endeffekt handlungsfreien Raum – für eine kaustische Analyse seiner Protagonisten. Der Form halber gibt es gesamtsoziale Ansätze sicher an einigen Stellen, wenn etwa einige der Überlebenden versuchen, in einem Dorf eine neue Sozialform aufzubauen (die aber prompt zum Scheitern verurteilt ist, die Illusion einer heilen Welt hat keinen Halt), aber primär folgt Lehr seinem Helden Adrian Haffner eher in eine Art Isolation, eine Art Meditation, auf eine fast spirituelle Wanderschaft, die ihn quer durch Europa führt, wo er nicht nur seine eigenen Erfahrungen mit dem Mißbrauch macht, den das Leben in der photographierten Zeit mit sich bringt, sondern auch seine Freundin Karin im Bett mit einem Nebenbuhler entdeckt. Den Haffner prompt so im Fenster des Hotels platziert, dass dieser wie Schrödingers Katze zwischen Leben und Tod quantelt, in einem ähnlichen Schwebezustand wie Haffner selbst. Lehr entspinnt dazu eine seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Adrian und zwei weiteren Chronifizierten, Boris und Anna, mit der Haffner bereits vor der aus der Fugen geratenen Zeit eine kurze Affaire hatte. Hier, wie an anderen Stellen, entpuppt sich 42 als Liebeserklärung an Autoren wie Frisch, Kafka, Mann, Döblin, Musil, Grass und nicht zuletzt Joyce. Als reichen die wenig sanften Stream-of-Consciousness-Anspielungen nicht, lässt Lehr seinen Helden sogar tatsächlich auf dem Berliner Alexanderplatz herumirren, und auch andere Anspielungen auf den Zauberberg (in dem ja mehrfach auf die Relativität von Zeit eingegangen wird), die Blechtrommel, den Mann ohne Eigenschaften und zahlreiche andere Werke ziehen sich wie ein roter Faden durch 42 – so sehr, dass man fast von einer literarischen Gesamtverbeugung sprechen kann, die aber stets so eigen und elegant bleibt, dass Lehr weit entfernt von Entlehnungen oder Plagiarismus ist, im Gegenteil. 42 schafft das Kunststück, den zitierten Idolen oft durchaus gerecht, verläuft vielschichtig und bleibt trotz des fast völligen Fehlens einer linearen Handlung immer spannend. Streckenweise schwer zu verstehen, weil späteres Wissen nötig ist, um frühere Handlungen zu verstehen, setzt sich das Buch beim Lesen wie ein Puzzle schmerzhaft langsam zusammen und ergibt erst am Ende eine Art Gesamtansicht, die fast sofort ein zweites Lesen verlangt, um nach Indizien und Hinweisen zu suchen. Meisterhaft hantiert Lehr mit Foreshadowing, mit Sprachwitz, aber auch mit der großen Geste, die bei vielen Schriftstellern heute entweder in Vergessenheit geraten oder zur Karikatur geronnen ist. Mit der beklemmenden Ernsthaftigkeit russischer Autoren seziert Lehr seinen Protagonisten als amoralisch und oft unsympathisch, wenn auch gemessen an seinen Leidensgenossen fast noch harmlos und tragisch.Zugleichspielt Lehr fast zu wortgewaltig mit den möglichkeiten gefrorener Zeit, erfindet immer neue Wortkonstruktionen und -ballons für den Zustand, und beweist so nicht nur seine eigene Sprachmacht, sondern eben auch, dass es einen Grund hat, wenn Eskimos ungezählte Begrifflichkeiten für Schnee haben… er ist ihr zentraler Lebensraum, und so entwickeln auch die Chronifizierten oft etwas unbeholfen ganz neue Worte für ihre neue Chronosphäre. Nur selten vergreift sich Lehr im Ton, etwa wenn er fast burlesk über Haffners sexuelle Eskapaden schreibt, der zunächst unbeholfen, fast wie ein onanierender Teenie, den Trockensex mit den zeitgefrorenen Restmenschen entdeckt und sich bei Frauen so bedient wie die Cernies auch in Sachen Essen und Trinken zu Parasiten geworden sind – sie nisten sich in Hotels und Schlössern ein und leben von Mundraub und Diebstahl, Sex mutiert zu einer Art tragikomischer Vergewaltigung. Lehr nutzt den Trick der gefrorenen Zeit für eine zeitlupenlangsame, wie ein komplexer Kristall gefertigte Analyse menschlicher Moral in einer Situation, die zugleich Allmacht und Ohnmacht bedeutet. Entsprechend manisch-depressiv agieren die Anti-Helden in Lehrs Buch, festgehalten von Haffners Blick, der für einen gelernten Journalisten seltsam ausscheifend und unsachlich wirkt und im Rahmen des finalen Fönix-Experimentes in einem an die Psychedelia-Episode in 2001 erinnernden massiven Textblock kulminiert, der eine halluzinogene Zeitreise umfasst. Am Ende des Romans schließt Lehr den Zirkel nahtlos, lässt seinen Protagonisten an den Anfang des Buches zurückkehren und dort eine dramatische Entwicklung machen, die das Buch mehr als rechtfertigt und zu Recht aus dem stets wackeligen SF-Konzept befreit: FHaffner entdeckt auf Photographien die Leichen von sich und seiner Gruppe im zerfetzten Delphi-Schacht, umgekommen bei dem ursprünglichen Unfall. So kippt, förmlich auf der letzten Seite, im Stile des klassischen Mindfucks, das gesamte Buch zur Geistergeschichte, zum Purgatorium und viele der Ungereimtheiten entpuppen sich als im höchsten Maße sinnvoll im Kontext der klassischen Poltergeistphänomene. Es ist ein schriftstellerischer «Sleight of Hand», ein Zaubertrick-Kunststückchen, mit dem Lehr aufs großartigste seinem Buch den Teppich unter den Füßen wegzieht und es zugleich als genrefrei definiert – und nicht zuletzt die Doppelbödigkeit des Titels absolut rechtfertigt. Dass sich zumindest bei mir schon früh der Verdacht eingeschlichen hat, dass Haffner und Konsorten nicht in der Zeit gefangen sind, sondern vielmehr SIE stillstehen als Geister in einer Welt, die nur für sie gefroren scheint, sich in Wirklichkeit aber weitergedreht hat, während sie nur noch als Schatten in einem Abbild stillstehen, ist dabei wenig störend, weil Lehr mit genau dieser Unschärfe meisterhaft spielt.

42 ist die Sorte Buch, die man liebt, hasst oder nach der zwanzigsten Seite gelangweilt aus der Hand legt. Es ist ein monomanisches, etwas selbstverliebtes Buch, in dem Thomas Lehr in langen, mäandernden Sätzen den Stillstand von Zeit tatsächlich greifbar macht, in der Sprache wie sonst selten als intensives, schmerzhaftes Werkzeug genutzt wird. Es ist ein anstrengendes, süchtig machendes Buch, das man ohne großen Umwand als Meisterwerk mit kleinen Mängeln deklarieren darf. In fast hingerotzten Details verbergen sich tiefe Schätze, aus denen andere Autoren ganze Bücher gemolken hätten. Andererseits entwirft der Autor in den kontemplativ langen Strecken der erzwungenen Introspektionein Gemälde des modernen Menschen, der plötzlich in einer technoisierten Welt der Technik entrissen wird, und als dessen größter Feind in der Nullzeit sich die Langeweile, die Beschäftigung mit sich selbst entpuppt. Im Spiegelkabinett des ewigen Gleichseins gefangen, der ultimativen Postmoderne, in der alles relativ, alles gleich und ohne Konsequenzen ist, entblättert Lehr einen Übermenschen à la Nietzsche, der sich wie ein Blitz in der schneckenhaft stillstehenden Welt bewegt, der – à la Bakers Fermata – alles und jeden nach Belieben ohne Grenzen manipulieren kann. Bei Lehr entpuppt sich dieser eben a-soziale Übermensch als armes Würstchen, der wahlweise sinnloser Perversion anheim fällt oder sich pathetisch in Selbstmitleid wälzt. 42 nutzt insofern die ausgesetzte Zeit, um die vielbeschworene conditio humana in aller Ruhe beleuchten zu können und vielleicht zu zeigen, dass die wirkliche Apokalypse die Einsamkeit ist.

Achim Böhmer & Sara Hausmann: Retrodesign

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Nachdem im Fontblog bereits ausgiebig und kontrovers über Achim Böhners und Sara Hausmanns Retrodesign diskutiert wurde, und das Buch in der Form von dem sicher nicht zu leichtfertiger Kritik neigendem Markus Zehentbauer recht kritisch beleuchtet wurde, habe ich ganz besonders über ein Rezensionsexemplar aus dem Hermann-Schmidt-Verlag gefreut, um mir selbst ein Bild machen zu können. Das folgende ist – wie immer bei mir – kein «echter» offizieller Review, sondern die Sachen, die mir beim Durchlesen und -blättern durch den Kopf gingen, spontan und wie immer unredigiert.

01: Preis-Leistung
Wer 89 € für ein Buch dieses Umfangs, dieser Verarbeitungs- und Veredelungsqualität und nicht zuletzt der Recherche, die darin steckt, für überteuert hält, dem fehlt vielleicht ein Einblick in normale Verlagskalkulation oder er/sie ist schon von der Wirtschaftskrise mental erfasst– denn wenn man das Buch in der Hand hat, kann kein Zweifel an dem Preis aufkommen. Retrodesign ist vielleicht nicht ein Buch, dass sich jeder kaufen will und wird, weil es ein spezielles Thema dekliniert, aber wer sich für diesen Themenbereich interessiert – ob als Student, Dozent oder Profi -, kann wenig Zweifel daran haben, dass dieser Überblick eine Menge Zeit und Liebe gekostet hat und jeden Pfennig wert ist. Allein die Organisation der verwendeten Bilder in druckreifer Auflösung und mit den nötigen Abdruckrechten muss eine enorme Zeit gekostet haben – anders als bei den meisten anderen Designbüchern kann man ja hier nicht mal eben einen lustigen Mail-Aufruf an Büros und Agenturen starten, sondern muss gezielt nach Material fahnden, die Rechteinhaber aufspüren, eventuelle Lizenzen und VGBildkunst-Kosten tragen. Insofern ist allein – und das ist ja nur ein Teil dieses Buches – die Bilderflut schon den Preis wert. Anders als große Verlage wie etwa Taschen kann Schmidt sich (wahrscheinlich) nicht komplett durch Querfinanzierungen behelfen und muss insofern einen realistischen Preis für ein Buch wie dieses nehmen (zumal man vorher ja nie weiß, welches Buch ein Bestseller wird… wäre sofort klar, dass Retrodesign sich grandios verkauft, könnte man es wahrscheinlich sogar tatsächlich preiswerter kalkulieren, but you never know), und die Veredelung (die durchaus nicht so unnötig pompös ist, wie im Fontblog behauptet, sondern durchaus stimmig – erinnert mich übrigens ganz entfernt aber durchaus positiv an Beate Blaschczoks «Genesis»-Bibel und will vielleicht eben ein wenig eine «Style-Bibel» sein, insofern passt der Look schon) ist in Sachen Preis sicher nicht der ausschlaggebende Faktor, macht das Buch aber im Regal deutlich stabiler als ein Paperback und auch sehr viel schöner… und das darf bei Design doch bitte ruhig ein Faktor sein. Nicht zuletzt dürfte es den Machern auch mehr Spaß bereiten, ein «schönes» Buch zu machen als ein «sparsames». Man kann Sara und Achim absolut nicht verdenken, einfach auch ein bibliophiles Buch machen zu wollen, im Gegenteil – es würde uns allen doch auch so gehen :-D. Und den Spaß an der Sache, am Retrodesign ebenso wie an der Möglichkeit, ein großes Buch zu diesem Thema auch ordentlich zu gestalten, spürt man dem Buch an vielen Stellen an.

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Edel in rotem Kunstleder und mit schwarzem Schnitt: Die Retro-Bibel.

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Aufwendige Package: Das Cover stellt das Ordnungssystem des Buches vor und besticht mit zahlreichen Finessen.

02. Das Buch
Das Buch, man merkt es schnell beim Lesen, versucht den Spagat zwischen «Schau»-Buch/Inspirationsquelle und Sachbuch, bis hin zur Gestaltung ist es insofern unweigerlich recht ähnlich mit anderen Büchern aus dem Schmidt-Verlag, die Lust und Lernen verbinden, etwa Strichpunkts fff-Buch oder auch Kribbeln im Kopf. Diese Schnittkante zwischen Information und Entertainment ist dünn und man scheitert schnell auf einem der beiden Gebiete, die kaum ein Autor gleichermaßen fundiert und elegant bespielen kann (mit Ausnahme des großartigen The Art of Thinking Sideways). Was durchaus keine Schande ist, manchmal ist der Versuch das eigentlich Wichtige und Retrodesign scheitert ja keineswegs. Ein trockenes wissenschaftliches Buch über appropriatives Design wäre einerseits zudem sicher ebenso langweilig wie andererseits eine reine Bildsammlungsflut – dafür reicht oft auch ffffound.com. Retrodesign besticht durch eine wahre Sammelwut von Arbeitsbeispielen quer durch alle Epochen, die ohne jeden Zweifel den Zweck des Schaubuches absolut erfüllen – es gibt reichlich zu gucken und viel zu entdecken. Glaubhaft, vielleicht nach einer Weile etwas vorhersehbar, wenn man das Konzept einmal erfasst hat, belegen die Autoren, dass Design appropriativ arbeitet, d.h. neue Gestaltungen oft Remixe alter Ideen sind. Mit feiner Akribie sind durch alle wichtigen Stilepochen Beispiele aufgeführt, die dem heutigenDesign Rückgriffe in die Vergangenheit nachweisen. Diese Detektivarbeit klappt natürlich mal eher besser, mal eher schlechter – mitunter bringen die Autoren in der Jetztzeit einfach auch ganz eindeutig als Zitat gemeinte Arbeiten als Beleg, aber dass Zitat-Design, dessen eigentlicher Sinn ja nun einmal eben genau die Rückbezüglichkeit ist, eben auch unweigerlich «Retro» sein muss, ist eigentlich eher tautologische Beweisführung.

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Böhmer und Hausmann gelingen dabei immer wieder schöne «Swipe-File»-Beispiele, und insgesamt ist diese Strecke, die ja mehr zeigen und überwältigend beweisen als erklären will, durchaus sehenswert, auch wenn sich beim Lesen irgendwann beim ein oder anderem vielleicht ein Hauch von Fleißübung einstellen mag.  Seite um Seite belegen die Autoren, dass ganz postmodern nahezu jede wichtige Stilepoche heute in Architektur, Design, Illustration und Alltag widergespiegelt und aufgegriffen ist. Obwohl wichtige Beispiele fehlen – beispielsweise vermisse ich Peter Saville komplett, nicht nur ein wichtiger Designer per se, sondern vor allem zu Beginn seiner Laufbahn wirklich der Großmeister des Stil-Klaus (und zugleich jemand, der heute ironischerweise selbst permanent zitiert wird, nicht mehr als Rückgriff auf Savilles Quellen (Tschichold, Expressionismus usw), sondern meist als 80s-Zitat) – ist der Effekt oft frappierend gelungen, wenn etwa Renaissance-Architekturelemente auf modernen Plattencovern wieder auftauchen oder fernöstliche Majolika-Porzellanmalerei 2006 eine Absolut-Anzeige zu inspirieren scheint. Es ist ein wahrer Bildersturm, und es schadet der Theoriebildung nur geringfügig, wenn die Autoren von Achta-Design einige Male ihre eigenen Arbeiten featuren. Was bei fff noch okay war – der Mix aus Theoriewerk und einer kleinen Prise Eigenwerbung -, weil Strichpunkt ja ganz einfach in Deutschland sehr sehenswerte und insofern bei aller Bescheidenheit zeigenswerte Geschäftsberichte macht, hinkt hier etwas, weil es ja gerade darum geht, neutrale Beispiele für einen selbst behaupteten Trend zu finden… da eignen sich eigene Arbeiten eigentlich weniger, zumal gerade das eigene Beispiel im Klassizismus auch nicht so wirklich funktionieren will und eigentlich keine volle Doppelseite rechtfertig. Nichts gegen Self-Promotion, das gehört bei dieser Art von Büchern irgendwie einfach dazu, aber es unterminiert genau hier einfach die Ausgangsposition des Buches ein wenig, wenn das einzige Beispiel, das man anführt, von einem selbst kommt. Wobei man ganz klar sagen muss, dass die Autoren sich mit eigenen Arbeiten weitestgehend vorbildlich zurückhalten, das Einschmuggeln eigener Projekte habe ich schon viel schlimmer gesehen. In einem Buch, dass den theoretischen Anspruch aber etwas höher hängt – kunsthistorisch ja viel höher als etwa fff  – fällt es eben doch etwas auf, wenn die Beispiele nicht 100% «neutral» sind. Der Freude an der Sammelleidenschaft und der visuell überzeugenden Präsentation der Similaritäten über Jahrhunderte hinweg tut das aber keinerlei Abbruch.

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Das Buch wird von einer schön gegliederten Übersichtsseite eröffnet und bietet in einer Art Intro/Preview, das im Grunde das folgende weitestgehend zusammenfasst und zugleich gut einleitet. Was ist Retrodesign, was ist Redesign, was ist Revival – all diese Begriffe, die durch den Design-Äther schwirren werden hier kurz (und mitunter, wahrscheinlich aus Platzgründen, etwas unkritisch) definiert, so dass man gut gerüstet in den Hauptteil des Buches geht.

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Ordnung muss sein: Das Buch gliedert Retrodesign klar nach «Epochen» mithilfe verschiedener Icons für jede Einflussperiode, die auf den einzelnen Beispielseiten wieder auftauchen und die Navigation erleichtern. Bei der Flut von Zeitströmen können die Icons aber nie so klar und eindeutig sein, so dass doch nocheinmal daneben steht, welche Periode behandelt wird (was, zugegeben, die Icons etwas redundant macht ;-)).

Das Buch ist zudem immer wieder durch mitunter vielleicht etwas fragwürdig gestaltete Zitatseiten gebrochen (jeder weiß, ich bin kein Freund sinnloser floraler Dekoration, aber  beim Thema Retrodesign kann es ja nicht ohne gehen, dennoch hätte ich mir hier vielleicht etwas weniger eigenes Design gewünscht, als vielleicht eher noch mehr passendes Material anderer Quellen – bei diesem Thema hätte die eigene Gestaltung noch einen Hauch zurückhaltender ausfallen dürfen…. kein Manko, aber ein spontaner Eindruck, den ich persönlich hatte. Aber siehe oben: Spaß an der Gestaltung :-D)

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Zitatseite: Seltsamerweise taucht diese Art von Seite nur einmal auf, dabei wären mehr Stellungnahmen von Designern zum Thema Retro sicher spannend gewesen.

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Typographie: Vielleicht etwas zu sehr auf Klischees reduziert ein visueller Überblick darüber, welche Schrift zu welchem Stilcluster passt.

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Talent borrows, Genius steals: Retrodesign wartet mit einer wahren Flut von Beispielen für «entliehenes» Design auf.

Im Schlußteil wird im Kapitel Retro Style ein kurzer informativer Trip durch die verschiedenen Einflußcharakteristika geboten. Reich bebildert mit Beispielen aus Layout, Kunst, Objektkunst/-design, Typographie und Architektur der vorgestellten Periode, ordnen die Autoren von dekonstruktiv bis organisch verschiedene designhistorische Perioden von der Renaissance bis zum Dekonstruktivismus und versuchen so eine Art einfache Matrix von Stilelementen und -möglichkeiten zu bilden. Dieser Teil bildet vielleicht mehr als der mitunter etwas zu groß bebilderter Mittelteil des Buches ein wirkliches Herzstück von Retrodesign und ich hätte mir gerade hier mehr gewünscht – mehr Bilder, mehr Theorie, mehr Quellen, mehr Tiefgang. In der gegebenen Kürze liefern Hausmann und Böhmer eine sehr solide, gerade für Studenten als Einstieg geeignete Synopse verschiedener Design-Epochen, eine Art Parforce-Ritt durch die Gestaltungsgeschichte, interessanterweise rückwärts gefasst von der (De-)Konstruktion zur eher organischen Formensprache der Vergangenheit. Obwohl rund 150 stark, kann hier natürlich kein kunsthistorisch umfassender Abriss geleistet werden – muss auch gar nicht. Wenn dieses Kapitel es schafft, die Leser auf eine bestimmte Epoche neugierig zu machen, oder neue Verbindungen zu entdecken, dann reicht das ganz einfach an dieser Stelle. Tiefer gehende (und oft dann eben weniger ansprechend gestaltete oder geschriebene) Literatur gibt es ja – und auf diese wird im Anhang auch verwiesen.

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Natürlich wird man hier immer Löcher finden oder Oberflächlichkeiten, je nachdem, in welcher Epoche man sich bewegt (im Dekonstruktivismus fehlen mir beispielsweise hier  wichtige Namen und Strömungen wie etwa Morphosis oder vor allem die Cranbrook Academy aber auch Hard Werken usw. Aber wie gesagt: jeder hat seine Steckenpferdepoche und wer sich hier mehr interessiert, kann ja Poynors Design Without Boundaries lesen :-D.) Der Überblick ist klar gegliedert, flüssig zu lesen und als Einstiegsreferenz wiederum ein beachtliches Stück liebevollster Sammelarbeit. Im Retro Review werden die Epochen dann – doppelt genäht hält besser – nicht als Überblick dargestellt, sondern etwas vertieft. Zusammengenommen kann man bei einem Buch dieser Art, dieses Preises eigentlich kaum mehr verlangen – für 90 Euro ist das insgesamt ein sehr umfassender, sehr liebevoll gemachter Blick über die Design/Kunst/Schriftgeschichte der neueren Vergangenheit.

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Überblick: Retro Style und Retro Review vertiefen und gliedern die Stileinflüsse.

03. Retro = Zukunft?
Die erste Doppelseite des Buches stellt dem Werk ein «Retrodesign ist Zukunft» voran. Einige Seiten später folgt «Retrodesign ist Styling». Nun mag es an der persönlichen Definition des Wortes liegen – Styling bedeutet für mich ausnahmslos inhaltsfreies, rein oberflächliches Gestalten ohne Tiefendenken – aber so ganz kriege ich diese Thesen nicht zusammen. Wobei ich mich mit der zweiten, treffenderweise nach meiner eigenen negativen Definition von Styling, sehr anfreunden kann, mit der ersten so gar nicht. Denn ja, Retrodesign ist Styling, oberflächlich, oft das Verwenden historischer Halbwertsverfallreste, Recycling, oft ohne jedes Verständnis für die hinter den kopierten Elementen liegenden Bedeutungen. Wer Helvetica verwendet, weil sie «cool» aussieht oder Blümchenranken, weil sie «emotional» sind, betreibt natürlich kein Design, sondern eben «nur» Styling und reagiert damit eher oberflächlich (sprich: laienhaft) auf sozusagen herumliegende visuelle Stimuli. Retrodesign ist insofern erschreckend oft vor allem gedankenloser Kitsch, Nostalgie am Nasenring, Zitatenstadl.

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Je weiter zurückliegend, ergo verklärter die zitierte Phase ist, umso gräßlicher und dümmer oft das Zitat. Während ich im Aufgreifen von Elementen der Postmoderne und des Dekonstruktivismus wenig reines «Retro» entdecke, sondern eine (dia)logische Weiterentwicklung von Trends der letzten Dekade (so wie die 90s ja auch Entwicklungen der 80s weitergeführt bzw. gekontert haben), so ist das Zitat von Elementen aus den (meist) Amerikanischen 50s oder des Rokoko inhaltlich meist nicht fundiert, sondern (oft) reines Oberflächen-Design. Das als «Zukunft» zu bezeichnen, die reine Rückwendung, den Kitsch, das permanente Zitat, das sich bestenfalls durch Mix/Match oder eine deutliche Prise Ironie und gewollter Coolness aufwertet, ist eher traurig. Es ist eher bezeichnend für die Tristesse des immer noch andauernden fin de siècle, dass wir kollektiv in einer Falle stecken, in der der Blick nach vorn so unmöglich zu sein scheint, dass man nur in der Kiste der Vergangenheit kramen kann. Wie ein verlassener Liebhaber, der sich seufzend alte Photos der Verflossenen ansieht, anstatt rauszugehen und sich frisch zu verlieben – und genauso pathetisch ist auf Dauer betrachtet auch das anhaltende Retrodesign. Ist es gefällig? Sicher – der Mini, der Beetle, der Fiat 500, der Einfluss von Braun bei Apple, der Britpop 3.0… zahllose andere Kulturobjekte, keine Frage: Retrodesign ist Emotion. Retrodesign ist zum guten Teil sicher Teil der Gegenwart – Konsumimpuls durch emotionalisiertes Design, Stimulanz von Kindheitsfragmenten und kollektivem Unbewussten.

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Aber Retrodesign ist eben nicht Zukunft. Jedenfalls hoffentlich nicht. Es sei denn, die Zukunft IST die Vergangenheit. Es wäre traurig, sich so bereitwillig dem neoliberalen Ende der Geschichte, dem Ruf nach preiswerterem und dozilerem Immerwiederaufkochen von Vergangenheit hinzugeben, die Hoffnung fallen zu lassen, dass es etwas originär Neues – beziehungsweise eine evolutionäre Fortschreibung der (Kunst-)Geschichte -  geben könnte. Es ist als Grundhaltung eine Müdigkeit, die falsch ist für jedes Handwerk. Es ist nicht zuletzt der Wunsch bestehender Systeme, sich sozusagen selbst memetisch-kulturell als «unveränderbar», als (r)evolutionsresistent zu definieren… wenn Design und Kunst nur noch aus Rückgriff bestehen, wenn keine Visionen für Morgen oder Utopien für andere Gesellschaftsformen mehr bestehen, dann ist politisch auch die «Gefahr» für einen politischen und sozialen Paradigmenwechsel eben gering – insofern, überspitzt gesagt, ist Retrodesign eben auch die hübsch bestickte Kuscheldecke eines reaktionär-konservativen Wellness-Kapitalismus. Was man nicht denken kann, was Kunst und Kultur als Entwurf (als Design also) gar nicht erst vordenken, das kann man auch gesellschaftlich nicht umsetzen. Insofern ist Retrodesign durchaus so kritisch zu betrachten wie die in Orwells 1984 aufgezeigte Restriktion sprachlicher Codes durch «Neusprech». Design sollte nicht Tiefkühlkost sein, die aus Fertigbestandteilen aufgewärmt wird… im Gegenteil, Design sollte der brennende Hunger auf Morgen sein. Ob im kleinen, etwa beim Auftritt eines Unternehmens oder im großen, gesamtgesellschaftlichen Kontext: Gutes Design ist Wandel, Veränderung, Restrukturierung, Optimierung, Infragstellung des Status Quo. Was wir also brauchen – als Designer aber auch als Gesellschaft – ist natürlich der Wille zu Wandel und Aufbruch. Gerade Designer als Agents of Change, als Wegbereiter und Boten des positiven Wandels, sollten sich nicht rückwärts definieren. Retro darf Design nur insofern sein, dass wir auf den Schultern der Designgeschichte stehen – und bewusst der Möglichkeiten, die sich hier bieten – nach vorn sehen. Da sind die Architekten durchaus weiter als wir – die zitatenlastige, wenig moderne  Reimagination des Adlon-Hotels in Berlin wurde nicht ohne Grund ebenso angegriffen wie der billige Ansatz, den Schlossplatz in Berlin einfach historistisch zu rekonstruieren.

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Derartige – im Kern ja eigentlich ahistorische, weil Geschichte nicht als fortlaufenden und thermodynamisch einmaligen Prozess verstehende – Geschichtsverkleisterung sieht die Branche zu Recht als anachronistisch und altbacken an – Architektur will zeitgenössisch sein, modern, mit dem Gesicht der Zukunft zugewandt, auch wenn der Wind da etwas rauher ist. Stilzitate ja, aber eben weitergedacht, umgewandelt und als Element einer an sich stets fortschreitenden ästhetischen, experimentell und mitunter gern auch avantgardistischen Profession. Aus der Vergangenheit lernen, aber für die Zukunft gestalten. Wir Designer dürfen uns das ruhig abschauen – die Leidenschaft für hypermoderne Technik und Materialitäten, den bei Architekten bereits eher angekommenen Umweltgedanken (wo ist der LEED-Standard für das Grafikdesign?), das städtebaulich-strategische Denken, den Wunsch nach urbaner Transformierung, den Schimmer von Futurismus. Retro ist in der Architektur keine Tugend und kann es auch für Grafikdesign eigentlich auch nicht sein. Retro funktioniert als kurzfristiger Push-Button der Kindheitserinnerungen, der emotionalen Fragmente – und somit am besten in der Werbung (zugegeben, die Trennung zwischen Design und Werbung wird immer dünner). Wer Prilblumen lustig als grafisches Element zitiert – und vergisst, wie die Rollenverteilung der Geschlechter in der ursprünglichen Prilblumen-Zeit aussah, oder warum die tristen Küchen mit bunten Stickern etwas Individualität brauchten – dringt nicht in die potentielle Tiefe von Design, sondern bleibt an der illustratorischen Oberfläche, bei reinen visuellen Effekten. Das ist bedrückend wenig für eine Branche, die sich «Kommunikation» (und nicht «Grafik») an ihre Türen schreibt, oder?

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Insofern ist der jugendliche Optimismus, den die Autoren mit Retrodesign verbinden – aber dies ist natürlich nur meine persönliche Meinung – nicht in dieser Form angebracht und reduziert Design auf das Zitat, den Remix, das Mash-Up kultureller Fragmente. Tatsächlich lese ich Retrodesign eher als Warnung, nicht andere kunsthistorische Epochen zu klonen, sondern selbst eine eigene klare, frische und zeitsymptomatische Semantik in Kunst, Architektur, Objekt- und Mediendesign hervorzubringen.

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Und was will man mehr als von einem Buch – auch wenn die Autoren es vielleicht gar nicht primär beabsichtigen – als die Sinnlosigkeit und den Stillstand von Design über Jahrhunderte und Dekaden hinweg eben Seite um Seite gezeigt zu bekommen: Beispiele für ein Designverständnis, dass nichts anderes tut als alten Wein in neue Schläuche zu füllen? Retrodesign ist es allein schon wert, gelesen zu werden, um mit eben Retrodesign als gestalterischer Strategie bitte ein für alle Mal aufzuhören.

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Zugleich macht das Buch aber auch klar, dass es zum einen für einen Designer nicht schaden kann, einen zumindest kursorischen kunsthistorischen Überblick zu haben – den genau Retrodesign auch sehr gut vermittelt. Gut gegliedert vermag das Buch dem vielleicht ziellosen Herumzitieren gerade vieler Studenten ein Wissensfundament zu verleihen, Bewusstsein zu schaffen für die Grenzen und Möglichkeiten des Zitatenstadls. Mit dieser kritischen Haltung im Hintergrund, auch das vermittelt das Buch, kann der Stilmix und das Zitat, natürlich auch gezielt eingesetzt werden und – vom Kitsch zum provokativen Angriff auf die Bastion ewiger Werte gewendet – kommunikative Speerspitze sein oder auch einfach auch nur mal Spaß machen – es ist sicher nicht die Zukunft des Designs, aber eben auch nicht der Untergang des Abendlandes, sondern eines der vielen, vielen Mittel zum Zweck, einer der vielen Pfeile im Köcher des Designers. Es ist ein assoziativer, spielerischer Umgang mit kulturellen Prefabs, die in fähiger Hand ja durchaus zu überzeugenden neuen Lösungen zusammensetzbar sind – und zugleich arbeitet jeder Mensch natürlich unweigerlich mit der Fülle seiner Erinnerungen und Eindrücke, also muss und darf unweigerlich die Vergangenheit und ihre Ausdrucksformen in die Arbeit von Design einfließen.

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Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, daran lässt Retrodesign keinen Zweifel aufkommen und gibt zugleich Inspiration, vielleicht mehr als stets die gleichen stockphoto-artigen Ranken und Blumen und 50s-Assoziationen zu benutzen und nach anderen Inputs zu suchen. Wobei ich zugeben muss, dass ich das mit Mitte 20 auch anders gesehen habe, die Kritik am Recycling-Design kommt mit dem Alter und der Langeweile am Wiedergekäuten, der reinen Oberfläche. Den beiden Autoren ihre Begeisterung für «Styling» vorzuwerfen ist insofern vielleicht deplaciert – sie haben die Ennui mit Oberflächendesign vielleicht einfach noch vor sich und können sich noch für den «Style» mehr begeistern als für die Substanz, das schicke »Wie ist es gemacht)» wichtiger finden als das trockenere «Was soll es sagen?»… was ja bis zu einem gewissen Grade eben auch in Ordnung ist, man durchläuft ja unweigerlich Phasen im Leben eines Gestalters. Dass ich selbst mit 40 Substanz und Aussage, Klarheit und Effizienz suche und mir eigentlich erscheint, dass die visuelle Umsetzung sich dann fast zwangsläufig aus einer überlegten strategischen Betrachung der Aufgabe ergeben wird, muss und darf und sollte nicht unbedingt das Denken von 20jährigen Jungdesignern prägen, die natürlich bitte Sturm und Drang machen sollten, ansonsten hätte es Cranbrook und damit später eben den im Buch oft zitierten David Carson nicht gegeben.

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Zugleich ist auch klar, auch den Autoren selbst, so scheint mir, dass hier nur ein Teilbereich schaffenden Designs beleuchtet wird – die Aufgabe eines Buches mit dem Titel Retrodesign kann und soll ja nun mal nicht sein, Design jenseits des Zitates vorzustellen. Es ist sozusagen ein Design-Genre-Buch, wie auch Western, SF oder Horror und Belletristik nur Genre der Literatur darstellen. Die Schlussfolgerung, dass alles Design unweigerlich Retro sein kann/darf/sollte, wäre insofern sicherlich falsch und sicher auch nicht von den Autoren beabsichtigt. Im Gegenteil, Retrodesign lässt keinen Zweifel daran, dass es vor allem darum geht, die Wandelbarkeit, den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten schöpferischer Arbeit zwischen Kunst und Dienstleistung zu feiern.

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04. Fazit
Von einem Buch – selbst aus dem Hermann-Schmidt-Verlag – darf man keine Wunder verlangen. Insofern ist Retrodesign natürlich unweigerlich nicht in der Lage, eine Jahrhunderte überspannende kulturelle Entwicklung wirklich detailliert auszuleuchten. Anlass zur Kritik wird es also immer an einigen Stellen geben können, weil der Mut zur Lücke unweigerlich eingebaut sein muss – ansonsten kann man ein solches Buch kaum angehen und muss in stocksteifer Respektstarre vor der historischen Wucht verharren. Obgleich ich persönlich das Design des Buches etwas unausgewogen finde – die rein sachlichen Seiten mag ich sehr, aber die eher gestalterischen Doppelseiten weniger, manches ist schon an der Grenze zum reinen Selbstzweck – ist es eine bisher so nicht dagewesene Querschau bisheriger Stileinflüsse und ihrer Protagonisten, mit einer bewundernswerten Sammlung herausragenden Materials. Als jemand, der selbst im Bereich Typographie einen historischen Abriss vom Art Deco bis in die 90er als Vortrag verfasst hat, weiß ich, wie schwer an exzellentes Bildmaterial zu kommen ist, und allein hierfür gebührt den beiden Autoren unbedingter Applaus.

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An einer final überzeugenden einheitlichen Ordnung und vertiefenden kritischen Haltung zu «Retro» mangelt es hier unweigerlich, aber das ist die logische Konsequenz eines Buches, das sicher weniger dem wissenschaftlichen Diskurs als vielmehr der Inspiration und Übersicht dienen will, dass zu Recht den Spaß an der Sache über die Substanz stellt. Dass die Autoren selbst sich für Retrodesign begeistern, kann und sollte man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen wollen – wer das Stilzitat ablehnt, würde wohl kaum so viel Zeit in ein so liebevoll kuratiertes Buch stecken wollen.

Letztlich ist das Buch trotz einiger Kritikpunkte in den Details für unter hundert Euro einfach prachtvoll gemacht, liebevoll zusammengestellt, geschrieben und gestaltet – ganz deutlich sichtbar das Ergebnis harter und begeisterter Arbeit, gut zu lesen, wunderschön anzuschauen und insofern ein Buch, dass man, wenn man sich mit Design beschäftigt und nicht völlig frei von Zitatanflügen arbeitet, zu diesem Preis eben absolut selbstverständlich in sein Regal stellen darf und muss. Es ist ein schönes Manifest, das Debatten anregen dürfte, gerade weil es Design etwas unkritisch als rückblickende Tätigkeit betrachtet.

Aber wie sagen Karin und Bertram Schmidt-Friderichs in ihrem Verleger-Vorwort so schön: «Rückblicke sind nötig, um vorausschauen zu können.» Insofern darf und kann man hoffen, dass ein Kompendium wie Retrodesign den Blick frei macht für die Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten.

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Retrodesign:Stylelab gibt es unter anderem bei Amazon, im Shop des Verlages, und idealerweise direkt beim kleinen Buchhändler eures Vertrauens. Think local :-D

Douglas Coupland: Girlfriend In A Coma

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Girlfriend in a Coma ist ein seltsames Buch, interessant am ehesten unter dem Aspekt, einem Autor bei dem Versuch zuzusehen, aus seiner schriftstellerischen Nische zu entkommen. Es fühlt sich an, als würde Coupland versuchen, eine Art magischen Realismus à la Jonathan Carroll zu schreiben. Nicht umsonst beginnt das Buch mit einem Ich-Erzähler, der sich als Geist vorstellt, im Grunde das gesamte Thema des Buches in einem Satz zusammenfasst – um dann für 2/3 des Buches wieder zu verschwinden. Im folgenden widmet sich Coupland Richard und Karen, die nach ihrem ersten Sex mit Richard für die nächsten 17 Jahre in ein Koma fällt (Sex is bad, kids!). Angesichts des schon bei den Smiths entliehenem Buchtitels schickt und Coupland durch ein mit Morrissey-Zitaten angereichertes Nichts )wohlgemerkt, die Zitate erscheinen auch schon in den 70s, also bevor es die Band eigentlich gab, präkognitiv sozusagen), in dem der Freundeskreis damit beschäftigt ist, nichts zu tun. Coupland wärmt hier seine stillstehende posthistorische Generation X auf, die sich durch die Siebziger und Achtziger schlagen, Supermodels werden und trotzdem in ihre Heimatstadt Vancouver zurückkehren, bei den X-Files arbeiten, Heroin nehmen, um die Welt reisen um die großen Antworten zu finden und irgendwie eine Menge machen, ohne das wirklich was passiert. A lot goes on but nothing happens, das ist dann auch das Feeling des ersten Teils des Buches, in dem Couplands quintessentielle Slacker wie zerbrochene Spielzeuge durch den Plot gezogen werden, als lebende Kritik an der durchhängenden, nichts aufbauenden Generation, für die sie stehen. Hätte Coupland es bei diesem mitunter etwas langatmigen, in seiner Boshaftigkeit aber auch faszinierenden Part gelassen, wäre Girlfriend ein zumindest halbwegs erträgliches Buch geworden. Im zweiten Teil erwacht Karen aber unter mysteriösen Umständen aus ihrem Koma – da hat anscheinend wirklich jemand zu viel X-Files gesehen -, begegnet der Tochter, die sie im Koma geboren hat, allerlei mysteriöse Dinge geschehen – und kurz darauf steht die Welt still. Während zuvor nur metaphorischer Stilstand herrschte und die Protagonisten ihre Leben nicht voll auszuleben schienen, leben sie jetzt in einer postapokalyptischen Welt, wo ihre negativen Tendenzen – Drogen nehmen und Faulenzen – voll zum Vorschein kommen. Anstatt eine neue Zivilisation aufzubauen, wie sich das für postapokalytische Amerikaner (well, Kanadier eigentlich) gehört, hängen sie einfach ab und schauen sich Videos an… bis ihnen der Geist von Jared die Leviten liest und eine Chance gibt, die Welt wiederzubeleben, wenn sie ihr Leben ändern.

Progress is Over heißt ein Kapitel des Buches, und ebenso stumpf ist auch Couplands Message: Fukoyamas Ende der Geschichte ist Unsinn, unsere Generation muss sich anstrengen, gewinnt den US-Pioniergeist zurück, you have a mission. Raus aus der Postmoderne, rein in die Kartoffeln. Während der erste Teil des Buches Coupland auf Autopilot zeigt, gibt es in der Mitte einen klaren Bruch,so als würde sich der Autor mit seinem eigenen schriftstellerischen Werkzeug langweilen und mal etwas ganz anderes probieren wollen, was an sich großartig wäre – der stets extra-lakonische, popkulturzitierende Gen-X-Schreibstil wird ja auch schnell anstrengend -, nur leider hat Coupland ganz offensichtlich einfach gar kein anderes Werkzeug. In übelster Manier entwickelt er eine pseudo-mystische, pseudo-übersinnliche Geschichte, die Plumpheit kaum zu überbieten ist. Während der erste Teil des Buches langsam ist, aber durchaus seine Momente hat, ist der zweite und dritte Akt so derart amateurhaft geschriebene Stephen-King-Fanfiction, das man es kaum glauben mag: Das Ende wirkt, als habe Coupland es übernächtigt ohne jede Planung und mit einem massiven Hangover auf einem Nachtflug nach Japan geschrieben, es macht weder im Sinne einer bündigen Handlung einen guten Eindruck, noch ist die moralische Botschaft in diesem unfassbaren Holzhammer-Härtegrad erträglich.

Coupland präsentiert die Gegenwart gemessen an den Träumen der 17-jährigen in den Siebzigern als Alptraum. Mit Karens Augen erleben wir eine Welt des Stillstandes, der zerbrochenen Träume, von zuviel Medienkonsum, Drogen, Selbstzweifeln, inmitten vergifteter oder zielloser Ambitionen, in der sich ihre Freunde bestenfalls durchhangeln oder eine Art gleichgültiges Pausen-Dasein ohne Ziele führen, in der das Vakuum von exzessivem Technologiegebrauch gefüllt wird. Der Kunstgriff, Karen zwei Dekaden überspringen zu lassen, sollte absolut reichen, um eine deutliche Kritik an der lethargischen Jetztzeit und den Verlust von Idealismus und Unschuld der Jugend zu ermöglichen. Anscheinend fand Coupland seine Botschaft aber noch nicht eindeutig genug, deshalb bekommen wir im zweiten Teil Visionen, den kompletten Weltuntergang – mit Ausnahme von einer handvoll Leuten in Vancouver, hust, die zufällig unsere Protagonisten sind, these things happen – kryptische Geister/Engelserscheinungen von Jared, der seinen Ex-Freunden teilweise schreckliche Dinge antut, aber sie anscheinend nur wach rütteln will. Am Ende wird die Welt wieder hergestellt, wie sie war kurz bevor Karen aus dem Koma erwachte und der Freundeskreis von Richard, Linus, Wendy und Co hat eine göttliche Mission zu erfüllen… als Leser bleibt man hingegen kopfschüttelnd zurück, weil man zusehen durfte, wie ein Autor seinen etablierten Schreibstil verwirft, um essentiell noch schlechter zu schreiben. Couplands postmoderne, oft sardonischer Stil à la Microserfs ist eine Sache, die man durchaus kritisch sehen kann, aber DEN beherrscht er wenigstens – während der unbedarfte eindimensionale Stil gegen Ende des Buches bestenfalls als Experiment eine Art Anti-Coupland zu erfinden interessant sein kann, aber nun wirklich keine Publikation wert ist. Faktisch sagt Coupland in Girlfriend recht deutlich, das der Stil, wegen dem man seine Bücher bisher eigentlich gelesen hat, aus seiner Sicht Müll ist, die Haltung dahinter falsch ist und jetzt alles anders werden muss… nur, dass anders und neu hier eben nicht besser ist, sondern ein entsetzlich transparenter und anstrengender Hau-Drauf-Stil aus einem Schreibkurs für Anfänger.

Es ist natürlich wichtig, dass Autoren sich ausprobieren und weiterentwickeln. Aber ich habe selten einen so hölzernen, zweitklassigen moralinsauren Exkurs gelesen, der so voller Selbsthass und Hass auf die eigene Generation und Zeit steckt, der sich kaum mehr um ein narratives Gerüst kümmert, sondern statt dessen die Form eines langen – dazu noch aus dem Jenseits offiziell authorisierten – Vortrag über den Sündenfall der Menschheit annimmt. Letztenendes wird die Kritik auch im ersten Teil des Buches unter dem «alten» Coupland deutlich, aber niemals so plump und einfältig wie in Part II unter Coupland 2.0. So beginnt das Buch durchaus vielversprechend und endet als Volldesaster – und das ist noch um einiges schlimmer als ein Buch, das wenigstens die Fairness besitzt, von der ersten Seite an Müll zu sein… da weiß man wenigstens, woran man ist. ;-)

Coming Soon: Pygmy

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Chuck Palahniuks neues Buch – jetzt vorbestellen :-D.

R.I.P. JG Ballard

Gerade kam von Thomas die Mail -  mit einem dicken :-( überschrieben -, dass J.G. Ballard tot ist. Einer der wenigen Autoren, denen man ein Adjektiv zugeschrieben hat («Ballardian»), leben wir längst in einer Welt, die Ballard fiktional beschrieben hat – die kleinen Übertreibungen und Zuspitzungen und Surrealitäten in seinen Romanen sind Alltag geworden. Wenn du hörst, dass jemand seine Tochter für Dekaden in einen Keller sperrt, wenn du hörst, was nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans (übrigens bis heute) passiert, wenn du von Amokläufern an Schulen läufst, wenn du über den seltsamen Fetisch Auto nachdenkst, der in der für diese Branche überfälligen Branche künstlich am Leben erhalten wird, weil wir anscheinend eine Gesellschaft ohne Autp unvorstellbar finden, wenn du von Terrorattacken in Mumbai hörst… dann sind das alles typische Ballard-Themen – und entsprechend seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben in der (Post)-Moderne gehört Ballard zu den wenigen Autoren, die Künstler, Musiker, Filmemacher und sogar Philosophen inspiriert hat. Ballard starb gestern im Alter von 78 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

Michael Chabon: The Final Solution

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Nach dem furiosen Yiddish Policemen’s Union zeigt Chabon hier eine andere Seite seiner Kreativität – er erspinnt einen letzten Fall für den misanthrophen und in Sussex zurückgezogen lebenden, fast vergessenen Sherlock Holmes, der durch einen grauen Papagei, der mysteriöse Nummern rezitiert und schon bald zum Fokus eines Mordfalls wird, aus dem Ruhestand gelockt wird. Obwohl Chabon dabei keineswegs nahtlos in die Haut von Sir Arthur Conan Doyle schlüpft, merkt man dem Buch doch die tiefe Versunkenheit in den Holmes-Kanon an, die Detailfreude, und die Tatsache, das Holmes (vielleicht aus Copyrightgründen) nicht einmal beim Namen genannt wird, ändert wenig daran, dass Chabons Pastiche (die schon vom Namen an The Final Problem erinnert und von kleinen Illustrationen abgerundet ist) ein Vergnügen ist, das zugleich moderne Sensibilität hat und doch an die Abenteuer des «echten» Holmes anzuschließen vermag.

Das dünne Buch hat knapp den Umfang einer Novella oder längeren Kurzgeschichte, die Handlung rund um das Birdnapping ist kaum minder durchschaubar und selbst die Auflösung der Ziffernketten, die der Papagei endlos herabbetet, bereits im Titel in schönster Doppeldeutigkeit vorweggenommen, ist angesichts des Zeitraums, in dem der Roman spielt, absehbar. Dennoch geht Chabon deutlich verschlüsselter, und insofern vielleicht respektvoller mit Holmes um als vielleicht Laurie King (The Beekeepers Apprentice), und strikt zugleich elegant die die meisten seiner Bücher durchziehendes Themengebiete ein – Vater/Sohn-Beziehungen und die jüdische Geschichte, verkörpert durch den stummen jüdischen Jungen Linus, dem der Vogel (Bruno) gehört. Chabon lässt den altersschwachen Holmes mustergültig zu einem letzten Bravourritt aus dem Ruhestand, weniger um den Mordfall zu lösen, sondern eher, um sein Versprechen zu halten, dem Jungen seinen Vogel zurückzubringen. Alt, aber mit der vertrauten Arroganz gegenüber der Polizei, körperlich gebrechlich, aber mental immer noch einen Schritt voraus, führt uns Holmes durch das Buch, bis Chabon mit einem verwirrenden und zugleich bestechenden Kunstgriff ein Kapitel aus der Sicht des entführten Vogels erzählt – nur eines der vielen Details, das gewährleistet, dass der Autor niemals zu einer Doyle-Kopie wird, durch das schnell klar wird, dass es hier nicht um eine reine weitere Holmes-Pastiche geht, sondern die Figur nur ein Mittel zum Zweck ist, um eine tiefer mitschwingende Miniatur-Fabel über das menschliche Elend zu ermöglichen.

Wie schon bei The Yiddish Policemen’s Union nutzt (und sprengt) Chabon Genrekonventionen, vertieft sich sinnierend in Bienenkolonien, taucht in die Untiefen des Ehelebens ein, stellt das kleine Verbrechen in den größeren Kontext einer grandios absurd anmutenden Spionagegeschichte, eines ausgebombten Londons und zugleich vor die Folie der größeren Verbrechen in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs. Es ist ein Buch, dass bei aller Kürze voller verfolgenswerter Symbole und Motive ist, ein eigenes kleines Detektivwerk, in das Chabon immer wieder Hinweise und Andeutungen versteckt, selten ganz Klartext schreibt, sich stilistisch in die mäandernden Satzstrukturen des 19. Jahrhunderts zurückzieht und doch ganz seinem Stil treu bleibt. Ihm gelingt so nicht nur ein der trauriges, tiefgründiges Postscriptum zu Doyles Werk, sondern auch ein verspielter, ironischer und melancholischer Rückblick auf das Detektivgenre an sich, das heute längst in der ermüdenden Flut uneleganterer Thriller versunken ist. The Final Solution ist ein brillantes und zutiefst kluges Spiegelkabinett, das auf knapp 130 Seiten mehr Tiefgang erreicht als andere Bücher mit dem dreifachen Umgang jemals erträumen können.

Neal Stephenson/Frederick George: Interface

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Neal Stephenson, vor allem durch seinen Cyberpunk-Klassiker Snow Crash bekannt, hat Interface aus gutem Grund ursprünglich unter dem Pseudonym Stephen Bury  veröffentlicht – gemeinsam mit seinem Onkel J. Frederic George (tatsächlich der Historiker George Jewsbury.. daher rührt das Bury im Pseudonym) geschrieben, ist ein vergleichsweise linearer Thriller, der wenig mit Stephensons oft barock-komplexen und auch etwas hipperen eigenen Werken gemein hat. Der Aufbau folgt der Logik von Crichton- oder King-Büchern (minus dem Horrorelement), führt eine ganze Anzahl von Figuren und narativen Situationen ein, die schließlich zusammen zum Crescendo der Geschichte führen.

Die Geschichte dreht sich um Senator William A. Cozzano, der nach einem Schlaganfall einen hochexperimentellen digitalen Chip eingepflanzt bekommt. Was er nicht weiß: Hinter der Entwicklung des Chips steckt eine mächtige Gruppe von Industrieführern, die mit unfassbarem Aufwand gezielt möglich machen, dass Cozzano diesen Chip erhält, um ihn zum Präsidenten der USA machen zu können. Denn der Chip ermöglicht das Feedback einer 100 Personen umfassenden Panel-Gruppe direkt zurück zu Cozzano. Was immer er im TV sagt und tut, sein Wahlkampfleiter bekommt sofort biometrisch die Reaktion einer ausgewählten Testgruppe und kann seinen Kandidaten live und direkt reagieren lassen. Um diese vergleichsweise einfache Idee entwickeln die beiden Autoren auf über 600 Seiten eine Art Frank-Capra-on-Acid-Plot, eine Mischung aus Terminator und Primary Colors, Machurian Candidate und Demokratiegeschichtsstunde. Der SF-Touch ist sehr gering ausgefallen und eigentlich nur wirklich störend ist hier die Idee von The Network, einer düsteren Unternehmergruppierung, die die Politik der USA zu kontrollieren versucht – ein klares Zugeständnis an den Thriller-Aspekt des Buches und wichtig, um die Story in Gang zu bringen und die Finanzierung plausibel zu machen, aber irgendwie ein wenig zu sehr aus einem schlechten TV-Plot entsprungen. Ähnlich grobmotorisch ist die Figur der Eleanore Richmond, die nur allzu offensichtlich die Verkörperung des American Dream ist – von der Bag Lady zur First Lady. Die Story fühlt sich an wie eine Kinohandlung für einen Sommerblockbuster, in dem auf Hängen und Würgen am Ende noch Action sein muss. Wirklich gut tut das dem Buch meist nicht, das sich durch diverse an den Haaren herbeigezogene Plotwendungen, Abstrusitäten und ein fast schon wieder famos surreal anmutendes Deux-ex-machina-Ende sicherlich eigentlich eher als Buch für Bahnreisen oder Strandurlaube empfiehlt.

Während die Handlung also zwar fesselnd, aber auch erschreckend leichte Kost ist – inklusive einem Attentäter, der Cozzano sehr rabiat zu «befreien» versucht – besticht das Buch nicht nur durch die ausgedehnte Detailbeschreibungen, sondern vor allem durch einen überzeichneten Einblick in die Taktiken von Wahlkämpfern, Pollstern und Spin Doctors. Der wahre Reiz von Interface ist, dass hinter dem Bahnhofsbuchhandlung-Plot eine giftspritzende Satire stattfindet über Zielgruppen, Umfragewerte und Politiker, die von ihren Beratern und Medienprofis ferngesteuert sind. Das die amerikanische, aber auch die deutsche Wirklichkeit da längst soweit ist, beweist nicht zuletzt ein Kanzler, der aus der BILD zu erfahren glaubt, was das Volk denkt. Der Clou des Buches – das Cozzano sich kurz vor der Wahl aus dem Rat Race um die Präsidentschaft nimmt und seinen Ekel über die verzweifelte Stimmenjagd zum Ausdruck bringt… und zwar genau auf Anraten seiner Wahltruppe, die dank ihrer High-Tech-Methoden genau weiß, dass nur so die Wahl zu gewinnen ist – führt wunderbar ins Surreale: Selbst der Rückzug aus der Werbung dient der Werbung.

Unter der eher ein wenig unspektakulären Thriller-Karosse verbergen Stephenson und George also durchaus dem Background beider Autoren zustehenden sozialen Kommentar, der, obwohl 10 Jahre alt, eben auch zur letzten Präsidentschaftswahl allzu gut passte – und der mitunter den wahren Spannungsbogen eines Buches ausmacht, dessen größtes Problem vielleicht ist, das auf dem Klappentext bereits der Clou verraten wird, das Buch aber hunderte von Seiten braucht, um dorthin zu gelangen. Die besten Szenen des Buches widmen sich nicht der neurologischen SF-Schiene oder der Thriller-Handlung, sondern behandeln – verzerrt – die Verzahnung von Marketing und Wahlkampf, die Frage nach Moral in der Politik und inwieweit man in diesem Geschäft noch authentisch sein kann, darf oder sogar muss. Dass am Ende die schwarze Eleanore Richmond als anständigste Figur des Buches durch Eulenspiegele, Zufall und Glück wirklich die Präsidentin wird, ist eine vielleicht zu optimistische Botschaft – so viel Capra-esques Happy End muss wohl sein -, aber die Tatsache, dass die beiden Autoren, um zu diesem Schluss zu kommen, nahezu Kriegsrecht über die USA verhängen müssen, um die Verflechtung von Wirtschaft und Politik zu bereinigen, schafft einen zynischen und ernsten Unterton am Schluss, einen wunderbar mandeligen Zyankalikern in der oft allzu klebrigen Zuckerwatte des Bestseller-Plots.

Slavoj Žižek: Violence

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Nacdem Daniel van der Velden mir Žižek empfohlen hatte – von dem ich nur die DVD The Perverts Guide to Cinema kannte – habe ich mir drei Bücher bestellt, bei deren oberflächlichen Durchblättern schon deutlich wird, dass Žižek sich in einem sehr engen theoretischen Gerüst bewegt, eine Art poststrukturalistischer Melange aus Lacans psychoanalytischen Ansätzen, mit Kant, Hegel, Marx und einigen anderen für den soziophilosophischen Bereich, eine Plattform, von der aus er nahezu jedes soziale Phänomen betrachten kann, sei es Popkultur oder der israelisch-palästinensische Konflikt. Geschickterweise fängt das wie ein Musikstück in Sätze unterteilte Buch recht niedrigschwellig an, um sich im Laufe des Buches wie ein derwisch von Thema zu Thema zu hangeln, oft hart an dem Punkt, wo man sich fragt, wie dieses Buch jemals Kohärenz gewinnen soll, und wird dabei zunehmend theoretischer, wenn auch nie so tief wie in For they know what they do. Žižek ist einer der vielen Theoretiker, die sich an Lacan abarbeiten, aber kaum jemand ist so bemüht wie er, ihn nahezu universell anzuwenden, wie eine Art psychoanalytisches Schweizermesser. Dass man hier oft an die renzen des Blödsinns kommt, kennen wir von dem Missbrauch Freudschen Kanons bei der Analyse gesellschaftlicher (und eben nicht individueller) Phänomenologien. Ich bin nicht sicher, ob irgend eine Theorie dieser Nutzung wirklich lückenlos gerecht werden könnte, und so knirscht es auch hier öfters, wenn Žižek zu große assoziative Bogen spannt und die klaffenden Lücken in seiner Argumtentation mit schierer erzählerischer Finesse zuspachtelt.

Die Stärke Žižek ist, dass er kaum je trocken schreibt. Ähnlich wie McLuhan oder Sloterdijk – den Žižek in Violence heftig kritisiert -, vermag Žižek eine lesbare Mischung aus Theorie und Praxis zu präsentieren, und in Violence gelingt ihm dies kunstvoll. Ausgehend von der simplen These, dass es neben der subjektiv wahrnehmbaren Gewalt auch eine strukturelle, objektive Gewalt gibt, die sich in der Ökonomie, Politik,  Sprache, den Normen und Kodierungen gesellschaftlicher Realität niederschlägt. Bereits in dieser Behauptung steckt ein zentrales Leitmotiv des Buchs – nothing is as it seems. Žižek arbeitet fast ausschließlich nach der Methode, kontra-intuitiv davon auszugehen, dass eine allgemein als richtig angenommene These unweigerlich falsch ist und sich dahinter mehr verbirgt. Gewalt ist ergo eben nicht ein Terroranschlag oder Bürgerunruhen, sondern diese bilden nur symptomatischen Charakter für die tatsächliche «normale» Gewalt, vor deren Fond die Symptome sich abzeichnen. Paradoxien dieser Bauart finden sich im gesamten Buch, was durchaus auch den Spaß an Žižek ausmacht – wie ein Detektiv findet er Symptome und Spuren, auf deren Basis er oft gewagt konstruierte Thesen baut, die dem gesunden Menschenverstand einerseits völlig widersprechen, andererseits absolut einleuchtend wirken. Wie in einem Lynch-Film baut Žižek so eine Konter-Realität, und der Gestus des Vorhang-Beiseiteziehens in eine andere, tiefere Realität hinter der Realität, zeichnet seine Arbeit aus. Ob er sich mit der Idee von Nachbarschaft und dem Anderen befasst, mit globalisiertem Kapitalismus oder mit Filmen – stets gewinnt man bei Žižek den Eindruck, einer zweiten, unsichtbaren Schicht gewahr geworden zu sein, die etwas absurd genau das Gegenteil dessen ist, was die erste Schicht zu sein schien. Schon Steve Jobs und Bill Gates als «liberale Kommunisten» zu bezeichnen oder Stalins Umgang mit den russischen Intellektuellen als angemessen zu bezeichnen macht die Taktik hier klar – Žižeks Rhetorik wirbelt dem Leser den vertrauten Boden unter den Füßen weg und macht ihn zum einzig verlässlichen Reiseleiter bei diesem Trip in die Un-Welt. Žižek stellt die unmöglichsten, gewagtesten Thesen auf, die man sich denken kann, um diese dann elegant und plausibel zu untermauern. Oft gerät ihm das in der Jonglage von Realem, Symbolik und Imagination dann zum reinen intellektuellen Kartentrick, zur Masche, zum Show-Off, aber oft fungiert Žižek so zumindest als Agent der Unsicherheit, der die Fugen aus dem Beton ungeschriebener gesellschaftlicher Regeln schlägt und sagt: «Yeah? Really??». as ganze wirkt dadurch sehr politisch unkorrekt, der skandalös, und auch wenn diese Technik nicht immer wirklich treffend funktioniert, so etwa am Ende des Buches, das auf die sich aufdrängende Frage «Was tun gegen Gewalt» ein lakonisches «Nichts» antwortet, wo man als Leser schon sehr vermutet, dass Žižek einfach auch verdammt gerne unberechenbar und anti sein möchte, einfach um unberechenbar und anti zu sein. Dennoch ist die permanente umkehrung des teleologischen Denkens natürlich eine sinnvolle Übung, die symbolische Verfremdung der Welt nutzen, um das Gewohnte und Alltägliche, überhaupt erst wieder denkbar zu machen. In diesem Sinne ist Žižek einer der wenigen Autoren, der klug genug ist, alles in Frage zu stellen, sogar sich selbst, in einer oft seltsamen Mischung aus absoluter Überzeugung und einer subtilen Ironie, die klar macht, dass er jederzeit ebenso vehement und mit eben so fundierten Argumenten auch das absolute Gegenteil verfechten könnte. Der permanente Provokateur und grandiose Erzähler Žižek ist von der neuen Linken  massiv vereinnahmt worden – und eindeutig ist aus seinem Werk, von den Jacobinern über Stalin bis zur Kritik am postideologischen Kapitalismus – eine seltsame Hassliebe zum Kapitalismus zu greifen. Fasziniert vom Erfolg des Systems, und offenbar völlig eingebettet in die ja nun mal kapitalistisch geprägte Kulturwelt des Westens, die er in ungezählten Buch-, Film- und sogar Comiczitaten nutzt, beschreibt Žižek den globalisierten «demokratischen» Kapitalismus als Idee am Ende ihrer Kraft, mit durchschlagender neurotischer Wirkung in die Gesellschaft. Hier zaubert er wenig überraschend Ernesto Laclau aus dem Hut, und ergründet in einem fast gordischen Argumentationsknoten die Zusammenhänge zwischen Partikularforderungen einzelner Gruppen und der Lösung grundlegender Probleme – es ergibt sich hier ein spannender Metabolismus zwischen dem Einzelnen, dem Anderen und der Summe von Gesellschaft, der lesenswert ist. Auch sein fein ziselierter, komplexer Umgang mit Antisemitismus und Holocaust, im höchsten Maße politisch unkorrekt, ist vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts im Gazastreifen, sowie der amerikanischen wie deutschen Reaktionen dazu, sehr apropos.

Žižek ist sicher nicht ohne Grund umstritten. Ich sehe förmlich die Phalanx der Theoretiker, die seine permanenten Witze, Paradoxien und Bezüge auf Popkultur unseriös finden werden – ganz zu schweigen von seiner oft ohne Zweifel wissenschaftlich völlig unseriösen Argumentationstaktik. Žižek ist ein Wüterich, ein Getriebener, der offenbar impulsiv, wie rasend, seine Texte herausrattert, oft ins schwafeln gerät, frei flottierend durch Theorien, Bezüge und Themen tanzt, gerne mal komplett den Faden verliert, um zuletzt über Umwege dann aber doch irgendwie ans Ziel zu kommen. Naheliegend, dass mir dieser Stil aber exzellent gefällt. Žižeks Pop-Psychosoziophilosophie macht Spaß, bei allen offenen Fragen, die seine Texte aufwerfen, als reine intellektuelle Achterbahnfahrt – die aber trotzdem ernsthaft ist. Wie Batmans Joker sind Žižeks Paradoxien mehr als reine Zen-Übungen, nur oberflächlich konisch – hinter seinen Texten steckt gesellschaftlicher Sprengstoff, im besten Sinne – Žižek ist einer der wenigen Autoren, der zwar fest in der westlichen Kultur verankert ist, diese aber trotzdem ganzheitlich in Frage zu stellen wagt. Dass er am Ende des Buches trotz eines Verweises auf Robespierre und Stalin die Antwort schuldig bleibt, wie eine andere gesellschaftliche Realität aussehen könnte, macht Violence nur überzeugender – nicht umsonst spricht Žižek von »six sideways glances» im Untertitel. Manchmal lässt sich etwas eben nur aus den Augenwinkeln richtig betrachten, weil es sich bei geradem Blick aufzulösen scheint.

Donald Westlake: What’s So Funny?

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Donald Westlake ist zur Jahreswende verstorben. Insofern dürfte dies das vorletzte Buch in der John-Dortmunder-Reihe sein, das in diesem Jahr erscheinende Get Real das letzte zumindest von Westlake selbst verfasste Werk bleiben. Westlake ist ein extrem fleissiger Autor gewesen, der unter zahlreichen Pseudonymen (Tucker Coe, Allan Marshall, Sheldon Lord, Curt Clark und natürlich Richard Stark) die verschiedensten Genrevariationen geschrieben hat. Während seine vielleicht bekannteste Figur, der grimmige Gangster Parker, einen ernsten, bitteren Außenseiter präsentiert, dessen Diebstähle minutiös geplant sind und der gnadenlos gegen seine Quertreiber vorgeht, ist Westlakes zweitbekannteste Schöpfung, John Dortmunder, sozusagen Parker-als-Verlierer, eine Art ständiger Walter Matthau des Crime-Genre, eine tragischkomische Figur mit hängenden Schultern, schlecht sitzender Kleidung und so viel Pech, dass irgendwann wohl ein ägyptischer Fluch gegen ihn ausgesprochen wurde.  Wie Parker ist Dortmunder ein Dieb, ein Gangster, der mit seiner Gang (die im Gegensatz zu Parkers Partnern eher sympathisch und zuverlässig ist, fast eine Art – allerdings extrem exzentrischer -  Familie) in Manhattan über die Runden zu kommen versucht. Dortmunder ist sesshafter als Parker, in fester Beziehung, seine Freundin May arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, mit einer Stammkneipe, dem  Stammhehler Arnie Albright – der working class hero der Gaunerbranche sozusagen, ein proletarischer Gangster, eben Blue Collar Crime statt Crime Noir. Nicht umsonst ist er angeblich tatsächlich nach Dortmunder Actien Brauerei Bier benannt.

Als Gauner steht Dortmunder dabei außerhalb der normalen Gesellschaft, als Arbeitertyp in New York – und vielleicht ist Diebstahl die letzte ehrliche manuelle Arbeit, der man in dieser Stadt nachgehen kann – ist er ein perfekter Beobachter der modernen Gesellschaft, gegen die er sich stoisch abgrenzt. Moderne Zeiten sind Dortmunders Ding nicht, den stets ein Hauch von Resignation angesichts der Absurdität des normalen Lebens umweht. Und kein Wunder, denn obwohl Dortmunder ein absolutes Gauner-Genie, ein Meisterdieb ist, verfolgt ihn das Pech wie ein Kaugummi am Absatz. Egal wie präzise er seine Gaunereien plant, es geht immer und ausnahmslos etwas schief. Kein Wunder also, dass Dortmunder nicht mit schicken Autos herumkurvt, sondern mit dem Bus fährt und immer wieder in Jobs gerät, die im Laufe des Buches zum Fiasko mutieren. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnt der Gauner und Dauerpessimist Dortmunder immer wieder als der einzig vernünftige Mensch präsentiert wird, umgeben von gierigen und abstrusen Figuren, die umso bizarrer werden, je ehrlicher ihr Beruf ist. Dortmunder ist der «Straight Man» in der Komödie, als die Westlake die normale Gesellschaft präsentiert. Dass John und seine Gang also diesmal ein riesiges Schachspiel stehlen müssen, das einst als Geschenk für den russischen Zaren gedacht wurde, von US-Soldaten gestohlen wurde und nun in einem absolut einbruchssicheren Safe im Keller eines Bankhochhauses lagern, ist fast nur nebensächlich – was zählt ist die Menagerie an korrupten Cops, Anwälten, Reichen und Aussteigern, die Westlake vorführt und uns durch Dortmunders naive Abgebrühtheit bestaunen lässt. Der Rest des Buches besticht durch lakonische Dialoge, die gut eingeführten etwas verdrehten Figuren aus Dortmunders Crew und einen kinetischen Plot, der wie von selbst zu Laufen scheint, und für Dortmunders Verhältnisse fast in so etwas wie einem Happy End mündet, mit einem netten Twist, die wissen, was es mit den Little Sisters of Eternal Misery auf sich hat :-D.

Wie jede Serienerzählung ist auch die über zwölf Bücher umfassende Dortmunder-Reihe ein geschlossenes System, das kaum Überraschungen aufweist. Die Dortmunder-Bücher sind in diesem Sinne besonders eng angelegt, mit fast Sitcom-artiger Strenge, gehalten, mit nur minimalsten Variationen in der Form. Insofern liefert What’s so funny? wenig neues. Trotzdem ist es alle Jahre nett gewesen, zu schauen, wie es John und seinem Ragtag-Team so geht und mehr als schade, dass es mit Westlakes Tod keine Fortsetzung der Abenteuer von herrlich uncharmanten Außenseitern wie John Dortmunder oder Parker mehr geben wird.

John Barclay: Talks About Money

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Abgesehen davon, dass es apropos ist, wenn ein Autor namens Barclay (gemeinsam mit Linda van Deursen)  ein Buch über Geld macht, ist Talks about Money  vor allem ein lesenswert verspieltes Dokument der Ratlosigkeit unserer Branche in Sachen Geld. Die Interviews, die Barclay mit etablierten Designern aber auch Newcomern und Freelancern führt, zeigen auf, wie wenig Anfänger aber auch Profis eigentlich wirklich von Preisgestaltung wissen und wie unterschiedlich die Strategien der Kommunikation von Gestaltungskosten am Markt sind. Aus Kundensicht eigentlich ein Horror, diese völlig verschiedenen Ansätze, eine doch relativ gleiche Leistung zu beziffern. Den kurzen und kurzweiligen Inhalt verpacken die beiden Autoren sehr charmant in Sprechblasen, die das Buch zu einem der schlecht gestaltetsten Bücher über Design machen dürften :-D.

Am Ende des Buches weiß man eigentlich selbst nicht viel mehr über die Art, wie man abrechnen sollte, über den idealen Stundensatz oder die goldene Strategie, Klienten den Wert von Design zu verkaufen, aber man hat eine Ahnung, dass man nicht allein ist mit den Problemen, die man im Alltag hat zwischen Kunden, die am liebsten eine Webpage für 150 Euro haben möchten, und Kollegen, die für ein paar Zeilen Text und zwei Musterseiten fünfstellige Beträge verlangen. Was man mitnimmt ist das Gefühl, dass die Lizenz-Tarif-Ansätze im Stile von BDG und AGD auch für die meisten Kollegen im Buch nicht funktionieren und Stundensatz plus ein gesundes Augenmaß dafür, was die Klienten zahlen können, noch am ehesten machbar sind. Du lernst, dass Stundensätze wild zwischen 75 und 300 Euro fluktuieren, und verstehst, dass wir vielleicht wirklich eine Art Architekten- oder Ärztekammer bräuchten, die diese Unsicherheit von oben herab zumindest etwas mildert.

Geld ist für Designbüros ein seltsames Thema. Die großen Studios, bei denen vor allem die «nette» Gestaltungsseite und die eher unfreundliche Kalkulation personell völlig getrennt sind, können horrende Stundensätze und -mengen durchsetzen, die kleinen Freelancer beuten sich oft selbst gnadenlos aus (was dann eben oft bedeutet, dass die großen Studios die Jobs an die selbstausbeutenden Freelancer abgeben und sich die Differenzsumme einstreichen, so dass der Kunde eigentlich auch direkt zum Studenten X hätte gehen können, der das eigentliche Logo entworfen hat :-D). Auch beim Kunden fehlt ein Gespür für die richtige Dimension – trotz sich an Endverbraucher wendender und insofern gegenüber den AGD-Preislisten zumindest halbwegs realistischer Preislisten wie Rotstift -, die gleichen Leute, die mit dem riesigen BMW vorfahren, wollen für ihre Gestaltung, die doch eigentlich zentrales Kommunikations- und Erfolgswerkzeug ist, nur Peanuts ausgeben und entwickeln ausgerechnet in diesem sensiblen Bereich eine ruinöse Geiz-ist-Geil-Mentalität. Klare, pragmatische Regeln wären also eigentlich für beide Seiten eine wichtige Entwicklung. (Und bitte ohne Lizenz-Gedöhns, niemand versteht das. Wenn man einen Rechner entwickeln muss, der regionale und zeitliche Faktoren multipliziert, wird es unkommunikabel . . . und ich weiß selbst, dass ich vor Photographen zurückschrecke, die neben dem Tagessatz auch noch Lizenzen wollen, nicht, weil ich es aus Prinzip nicht mag, sondern weil es ganz schnell und ganz kräftig alle Budgets sprengen kann und unflexibel ist. Ich verstehe, wieso die Lizenzen eine gute Einrichtung sind, aber in der Praxis sind sie oft abstruser Käse und jeder weiß das.)

Die Frage, die Studenten am häufigsten stellen, wenn sie anfangen, nebenbei kleinere Jobs zu machen, ist: Was kann ich dafür nehmen? Das Kalkulation und BWL nicht im Designstudium so integriert ist, das man praktisch nach dem Abschluss weiß, wie die Business-Seite des Grafik Designs aussieht, ist sehr schade. Talks about Money schließt diese Lücke nicht, macht aber auf sehr spaßige Weise zumindest klar, dass man mit seinen improvisierten Strategien nicht allein ist, im Gegenteil.

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Michael Chabon: The Yiddish Policemen’s Union

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Wie auch in The Final Solution versucht sich Chabon in The Yiddish Policemen’s Union erfolgreich an Genreliteratur, in diesem Fall an Hard Boiled Crimefiction à la Dashiell Hammet oder auch Raymond Chandler. Ein Genre, dass zugegebenermaßen eigentlich keine weiteren Epigonen braucht, die den ohnehin ausgetretenen Pfad noch breiter trampeln. Würde man für jeden angeblichen «nächsten» Chandler einen Euro kriegen, man wäre ja mehr als reich.

Das Ding ist nur: Chabon ist wirklich gut. Wirklich gut. Zum einen, weil er seine kleine schwarze Geschichte in ein völlig wunderbares, historisch mehr als surreales Setting setzt, zum anderen, weil er die Ticks und Tricks von Hammet und Chandler nicht einfach nachahmt, sondern versteht und liebevoll-ironisch wendet. Es ist faktisch die Sorte, bei der dir jedes Kapitel, jede Seite mindestens einmal Respekt vor der schieren Phantasie oder dem handwerklichen Können des Autors abfordert.

Chabons Erzählung spielt vor dem hintergrund einer fiktionalen alternativen Geschichtsentwicklung, in der die jüdischen Flüchtlinge am Ende des zweiten Weltkriegs nie nach Israel gingen, sondern – einem tatsächlichen historischen Vorschlag von Harold Ickes folgend, der in unserer Wirklichkeit nie vollzogen wurde – nach Alaska gingen. Der historische Dreh- und Angelpunkt ist ein Autounfall des Kongressabgeordneten Dimond, der in der echten Welt die Ansiedelung der Juden verhinderte, in Chabons Realität aber gemütlicherweise stirbt. Vor dem Hintergrund dieses einen Todes ändert sich die Welt drastisch – der zweite Weltkrieg verläuft anders, Kennedy wird nie ermordet, der Nahe und Ferne Osten sehen komplett anders aus. Chabon reißt die Alternate History nur an, und widersteht meisterhaft der Versuchung, mit Autorenstolz auf die andere Zeitleiste immer wieder zu verweisen, Referenzen auf die veränderte Geschichte werden nur beiläufig gemacht, mit einer reduzierten Trockenheit, die zum einen andere Autoren dieses What-If-Genres niemals so absolut meistern (mit der möglichen Ausnahme von Dicks The Man in the High Tower) und insofern mit einer absoluten Überzeugungskraft. Chabons Welt fühlt sich vom ersten Moment an real an – was vielleicht daran liegt, dass er diesen Roman im Grunde zweimal geschrieben hat, die erste Fassung mit komplett anderer Handlung und aus der Ich-Perspektive erzählt, so dass er im grunde schon zu Beginn der Revision fst im Sattel seiner fiktionalen kleinen Welt sitzt.

Die «Frozen Chosen» landen in der eisiggrauen Welt von Sitka, wo sich die verschiedenen Gruppierungenin ihren Vierteln niederlassen und nicht die hebräische Sprache, sondern Yiddish sich als Umgangssprache etabliert – was dem Buch einen Touch von Clockwork Orange verleiht, das smarte Spiel mit Fragmenten einer mutierten Sprache. So wie Burgess in Clockwork russische Sprachelemente verballhornt in seine fiktionale Sprachwelt eingebaut hat, hat Chabon die europäisch geprägte jüdische Sprache mutiert und in einen modernen, zudem slanggeprägten Noir-Umfeld angesiedelt und so eine ganz neue Sprache für einen Krimi erfunden. Was zunächst seltsam klingt – und tatsächlich mitunter einen Blick in das beigefügte Glossar nötig macht – entwickelt sich bald sprachlich zu einem komplett überzeugenden linguistischem Camouflage, das die Illusion von Chabons veränderter Welt perfekt abrundet. Der Alaska-Lösung steht zudem vor dem Aus, nach fünfzig Jahren wird die «vorübergehende» surreale Heimat der Juden aufgelöst, deren ganzes Volk die europäische Shtetl-Kultur nahtlos in die Eislandschaft Alaskas transferiert hat, wird durch einen Federstrich der USA heimatlos.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Geschichte des Polizisten Meyer Landsman, der ganz im klassischen Noir-Stil am Ende seiner Nerven ist, getrennt von seiner Frau Bina Gelbfish, die inzwischen seine Vorgesetzte ist, alkoholabhängig, in einem abgewrackten Hotel wohnend, in dem ein Mord passiert und der Junkie Mendel Shpilman, der sich unter dem Namen Emmanuel Lasker eingebucht hat, tot aufgefunden wird, neben sich Heroin und ein ungelöstes Schachproblem. Obwohl ihm der Fall bald entzogen wird, taucht Landsman zusammen mit seinem getreuen Partner  Berko Shemets immer tiefer in den Fall hinein, tritt auf die richtigen falschen Füße, gerät in Lebensgefahr und wirbelt durch einen Plot, der sich – weit über normalen Crime hinausgehend – schon recht bald um Weltpolitik, Intrige, jüdische Geschichte und den Messias dreht. Und natürlich, wie so oft bei Chabon, um Väter und Familie. Mit brillantem Understatement schreibt sich Chabon durch einen rasanten, keine Sekunde langweiligen und vor allem hochkomplexen Plot, der immer wieder mit Chandleresquem Humor aufwartet, selbst kleinen Nebenfiguren eine emotionale Tiefe verleiht, und der – und das ist ein kleines Wunder – am Ende nicht in einer Enttäuschung endet, was angesichts des sich auftürmenden Plotmonstrums im letzten Drittes des Buches nahezu undenkbar scheint. Das Meyer am Ende einen bescheidenen, nur bittersüßen Sieg heimfährt und das Ende als solches offen bleibt, ist dabei die Kirsche auf der Sahne – so und nicht anders muß dieses Buch enden, vielleicht bei einem Comic-Nerd wie Chabon nicht ganz zufällig stark erinnernd an das Finale von Alan Moores Watchmen. Chabon beginnt in den tiefsten Tiefen des menschlichen Daseins, führt uns an Landsmans Hand zu welterschütternden Veränderungen und möglicherweise zu der Frage, ob es einen Gott gibt, um dann am Ende wieder auf das menschliche Maß hinabzugleiten, nahtlos, überzeugend, glaubhaft. Was anderen Büchern so sanft und bruchlos niegelingt – etwa Smillas Gespür für Schnee – ist hier eine Achterbahnfahrt, deren fröhlich-irnoischer Umgang mit Chandlerismen (Chabon kürzt hier etwa seine sonst ausufernde Prosa deutlich ein, um den knochentrockenen Flair Chandlers besser hinzukriegen, außerdem tauchen gerade im Mittelteil des Buches vertraute Settings aus Chandler-Büchern auf), mit übertriebenen Metaphern etwa, die helle Freude ist. Nie hat jemand Chandler so weiterentwickelt, so zweckentfremdet, so ironisch gebrochen und zugleich eine so handwerklich meisterhafte Verbeugung hingelegt. Wo andere simulieren und imitieren, schmilzt Chabon Hammet und Chandlers, aber eben auch Burgess und Dicks, Werkzeuge ein, amalgamiert sie mit überraschenden und stimulierenden neuen Komponenten und zieht mit komplett neuen, wenn auch vage wiedererkennbaren Waffen ins Feld. Die schiere Ich-will-in-die-Hände-klatschen-vor-Freude-Begeisterung angesichts dieses meisterhaften Umgangs mit Sprache, mit Plot, mit Charakteren, gegen die all die endlosen Serienschreiber blass und fade wirken, macht Policemen’s Union sicher mit Abstand zu einem der besten Bücher, die ich 2008 gelesen habe (neben Rant, Austerlitz  und No one belongs here more than you). Fast schade, dass es keine Fortsetzung geben wird, die Figuren hätten es mehr als verdient.

Jonathan Carroll: The Ghost In Love

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Was kann ich über Jonathan Carrolls neuestes Buch schreiben, was nicht schon zu Glass Soup gesagt wurde? Wenig. Mehr und mehr scheint es, Jonathan Carroll ist in einem Loop gefangen, gezwungen, immer und immer wieder die gleichen Wege zu gehen, die gleichen Runden, wie ein Tiger im Käfig. The Ghost in Love liest sich wie ein Resampling alter Bücher von Carroll, bis in kleinste Details hinein. Sogar die Tatsache, dass es grandios beginnt und im weiteren Verlauf zunehmend enttäuscht, ist ein Markenzeichen seiner letzten Bücher gewesen. Das erste Drittel des Buches ist voll der typischen wunderbaren Figuren, die aus Carrolls Kopf entspringen und so greifbar und dreidimensional, mit ihren kleinen Ticks und Flairs auf die Seite kommen. Wie kann man einer ersten Zeile wie «The ghost was in love with a woman named German Landis» widersehen? Leider wird aus der Geschichte um der den Carroll-übloichen seltsamen Frauennamen tragenden German, ihrem kürzlich verstorbenen aber noch quicklebendigem Freund Ben Gould, seinem Geist Ling und seinem sprechenden Hund Pilot recht schnell eine verquaste Gut-gegen-Böse-Fabel, in der vieles wirkt, als würde Carroll einfach rauflosschreiben, was ihm gerade in den Kopf kommt. Es gibt durchaus gelungene Wendungen und wie immer bei ihm herausragende Sequenzen, aber alles in allem wirkt die Handlung einfach zunehmend absurd  bis an den Punkt, wo man als Leser einfach nicht mehr engagiert ist. Schicht um Schicht häuft Carroll Fantasyideen übereinander, und die schiere Kreativität der Konzepte an sich wird durch ihre Masse ertränkt. Am Ende hat man das Gefühl, ein Treatment für einen teuren Hollywood-Effekt-Fantasy-Film zu lesen, eine Geschichte, die eine bloße Aneinanderkettung von Highlights ist, die ohne jede Konsequenz und Bedeutung aufeinandergeschichtet werden, zusammengekittet von einem Hauch Esoterik,  so dass im Grunde nie wirklich eine Erzählung entstehen kann. Dass die Bösewichte der Geschichte wie aus einem King-Roman übriggeblieben wirken, und dass die ganze Story am Ende irgendwie zu einer sinnlosen Antiklimax kommt, macht die Sache nicht besser.

The Ghost in Love zeigt den Autor in der Sackgasse seines Genres angekommen. Ich meine, wie oft kann man von dem Mensch gewordenen Tod und Geistern, von Fabelwesen, Wiedergeburt und sprechenden Hunden schreiben? Im Sinne der Eskalation von Carrolls lebhafter Phantasie ist dieses Buch sicher ein Höhepunkt – selten hat der Autor so ohne jede Rücksicht seinen Magic Realism bedient, in dem die Realität freilich kaum noch stattfindet, nur noch einen kurzen Korridor bildet in eine Welt, in der Carroll seinen seltsamen Fetischen fröhnt und immer wieder, wie in einer gigantischen Echokammer, die gleichen Ideen präsentiert, minimal verwandelt. Das Surreale, in seinen alten Büchern ein hinter der echten Welt pulsierendes, formendes Etwas dominiert inzwischen sein Schreiben fast komplett und obwohl die Idee, in ein zunehmend absurdes Geisterspiel einzutauchen eigentlich reizvoll klingt, gelingt es Carroll nicht, der Sache Drive zu geben. The Ghost in Love ist eine reine Eskalationsstudie, etwa so spannend wie ein Videogame, in dem jedes Level identisch ist, nur eben … mehr, dichter. Carroll entwickelt einige seiner Ideen weiter – die Verz-Wesen tauchen wieder auf, und aus einzelnen sprechenden Hunden wird hier eine ganze Legion der Superhunde – aber mehr ist nicht immer besser, und die eigentliche Geschichte um den Geist Ling tritt im Verlauf des Buches aufs Absurdeste in den Hintergrund, man kann als Leser förmlich spüren, wie mit Carroll die Gäule durchgehen bzw wo er ins Stocken gerät.

Es ist zum Verzweifeln. Carrolls Kunst ist es, aus Alltagsbetrachtungen, aus kleinsten Details, Magie zu weben. Er kann das wie kein zweiter. Wer sein Blog liest, weiß, das Carroll die Gabe eines großen Schriftstellers hat und in wenigen Zeilen eine enorme Tiefe erreichen kann. Hingeworfene Skizzen zufälliger Begegnungen erhalten bei ihm eine Resonanz, die phantastisch ist. Aber in seinen Büchern fokussiert er mehr und mehr auf entrückte Hollywood- Special-Effect-Plot und weniger und weniger auf das, was ihn lesenswert macht: Glaubhafte Charaktere und Situationen, die irgendwann ins leicht Unwirkliche kippen. Diese prekäre Balance macht Outside the Dog Museum zu einem so unglaublich wirksamen Buch – der langsame Slide, die ruhige Hand beim Übergang von Realismus zur Surrealismus. Davon ist bei Ghost in Love nichtsmehr zu spüren, man ist als Leser ab dem ersten Kapitel bereits jenseits der Realität und ganz in Carrolls Obsessionen.

Carroll hat Humor, Tiefe, Melancholie und Beobachtungsgabe – aber es mangelt ihm hier greifbar an einer erzähenswerten Geschichte, und darüber tröstet auch schichtenweise «Weirdness»nicht wirklich hinweg. Ich bleibe dabei, es ist an der Zeit, das angestammte Wasser und das sichere Genre zu verlassen, um nicht zur Selbstparodie zu werden. William Gibson und James Ellroy sind zwei Beispiele für Autoren, die ihre jeweiligen Stützräder abmontiert haben und sich in Richtung Belletristik freigefahren haben -  und mit Pattern Recognition bzw American Tabloid  kleine Meisterwerke geschaffen und sich komplett neu definiert haben. Es wäre vielleicht an der Zeit, dass Carroll den gleichen Weg geht, bevor er zur Selbstparodie mutiert.

Pluto

The obscure unease that Pluto has always inspired, a dog owned by a mouse, daily confronted with the mutational horror of Goofy. An invisible gas clouds his toughts, exhaust from a bus parked with its engine running in the middle of his brain.

Michael Chabon, The Yiddish Policemen’s Union.

Michael Crichton: State of Fear

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Eins der vielen Bücher aus meinem viel zu dicken Muss-noch-gelesen-werde-Stapel, den ich noch habe. Ich habe State of Fear wegen der nahezu vernichtenden Kritiken zu diesem Ökothriller des kürzlich erst verstorbenen Michael Crichton lange vor mir hergeschoben und habe nach dem absolut enttäuschendem Next eigentlich nur mit State angefangen, weil es so ein schönes leichtes Gegengewicht zu einem anderen Buch, das ich gerade lese, zu sein schien. Umso erstaunter war ich, dass State of Fear im Rahmen dessen, was Michael Crichton kann, ein relativ gutes Buch ist.

Wie immer verkoppelt Crichton ein aktuelles Tabloid-Thema mit einer mehr oder minder Hollywood-tauglichen Thriller-Handlung, in der der Anwalt Peter Evans gemeinsam mit dem Agenten John Kenner versucht, eine Reihe von Umweltdesastern zu verhindern, mit der eine Öko-Lobbygruppe namens ELF versucht, Medienaufmerksamkeit, Einfluss und Geld zu bekommen. Zusammen mit Kenners Assistent Sanjong und Sarah Jones (einem der beiden weiblichen stereotypen «potential romantic interest» im Buch) reist Evans durch die halbe Welt, um mehrere dieser künstlichen Naturkatastrophen zu sabotieren. Der Plot ist zwar nicht klüger als ein Roland-Emmerich-Filmund liest sich streckenweise eben tatsächlich wie ein Exposé für einen Techno-Eco-Blockbuster, ist aber an sich spannend genug, um durch die über 700 Seiten des Buches zu kommen.

Tatsächlich spannender ist das Crichton – in einer Direktheit, die er ansonsten eher selten aufweist – das Buch eigentlich nur als Trägerrakete für seine «Botschaft» gebraucht. Kenner, der offensichtlich Chrichtons Alter Ego im Buch ist, hält seitenweise Vorträge über wissenschaftlich-sachlich falsche emotionale Vorstellungen von Peter Evans (der ganz offensichtlich das Alter Ego des Lesers selbst ist, ein gutmütiger, aber fehlgeleiteter Typ, der mehr und mehr die Wahrheit von Kenners Aussagen anerkennt). Crichton nutzt hier nicht das Skalpell, sondern den ganz groben Hammer, um seine Message zu kommunzieren, und mehrere Figuren einsetzt, um im Grunde ein umfassendes Seminar über Umwelt, Mensch, Politik, Medien und Angst zu geben. Dieses Seminar – unabhängig von der Frage, ob Crichton Recht hat oder nicht – ist so spannend erzählt und rhetorisch simpel aber smart aufgebaut, dass die Handlung mitunter eher störend wirkt. Wie sehr Crichton selbst von der Flut seiner Entrüstung mitgerissen wird, merkt man der Story immer wieder an, deren Anfang völlig anders aufgebaut ist – mit einem an einen Bericht gemahnenden Vorwort, fast angerissen wirkendem Foreshadowing, Figuren, die eingeführt werden und später kaum mehr auftauchen, wirkt der Einstieg fast fragmentarisch, während das Ende als straighter, auf eine handvoll Figuren konzentrierter, linearer Actionreisser daherkommt. Die 007-artige Verschwörungstheorie  im Buch lenkt insofern – ebenso wie die oft klischeehaft platte Schreibweise – von dem ab, was Crichton eigentlich sagen will. Und das brennt ihm so auf den Lippen, dass er am Ende der eigentlichen Handlung noch einmal einen Appendix anbietet, in dem er expressis verbis (als würde er der eigenen Erzählung nicht recht trauen) seine eigene Meinung kundtut, dazu ein weiteres Nachwort mit einem Vergleich zwischen der Global-Warming-Theorie und Eugenik-Theorie der 20er Jahren, und einer umfassend kommentierten Literaturliste.

Gerade die immer wieder in Büchern von Michael Crichton auftauchende Literaturliste lässt seine Bücher ein wenig wirken als wäre der Autor ein Halblaie, der sich manisch in sein jeweiliges Thema einliest und aus diesem Semi-Knowhow dann ein Buch heißnadelt, das Ganze wirkt also stets auch etwas streberhaft. Zugleich sind seine Bücher auf eine Peter-Moosleitner-esque Art ja eben auch immer ein niedrigschwelliger Einstieg in ein Thema und genau das macht sicher den Reiz von Crichtons Büchern aus, die ansonsten schriftstellerisch keine Perlen und aufgrund einer oft zu präsenten Dosis Gung-Ho-Wirtschaftsamerikanismus, Machismo und Xenophobie nur schwer verdaulich sind. Im besten Sinne sind Michael Crichtons Bücher aber Einladungen, sich intensiver auf eine Thematik, die ihn als Autor fasziniert, einzulassen, sei es Nanotechnologie, Gentechnik, die japanische Ökonomie oder hier Klimaforschung und Umweltbewegung – und stets gelingt es ihm, diese Themen so reisserisch aufzumachen, dass man tatsächlich verführt wird, tiefer einzutauchen, und das ist per se keine zu verachtende Leistung.

Nun wurde Crichtons Grundthese in State of Fear über die Nichtnachweisbarkeit globaler Erderwärmung nach der Buchveröffentlichung massiv kritisiert, was aus meiner Sicht die eigentliche Botschaft des Buches über die semi-hysterische Emotionalisierung eines per se wissenschaftlichen Themas ohne klare Erkenntnisse eher unterstreicht. Ich bin mir zum einen gar nicht so sicher, dass Crichton hier pauschal jede Theorie von zivilisatorisch verursachten Naturphänomenen pauschal bestreitet, ganz im Gegenteil – die Reduktion auf ein Anti-Gloibal-Warming-Buch ist eher polemisch. Sein Buch wird in den Rezensionen von den beiden Seiten dieses Konfliktes um Pro/Contra Erderwärmung missverstanden und missbraucht. Ich bin als Laie beileibe nicht bewandert genug, zu beurteilen, ob und inwieweit Crichtons Argumente und Fakten stichhaltig sind, obschon sie zumindest plausibel vorgetragen sind (aber gut – überzeugende Rhetorik ist die eigentliche Kunst des Romanciers, das sollte also nichts heißen). Spannender ist der unterliegende verlaufende Themenkomplex, nämlich die Verwebung von Wissenschaft und soziopolitischen Zielen. Crichton doziert in State of Fear, dass die Co-Dependenz von Politik, Interessengruppen, Wissenschaft und Medien inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass es keine «neutrale» Wissenschaft mehr geben kann, weil Geld und Eitelkeit inzwischen längst eine tragende Rolle bei der aus dem Elfenbeinturm entflohenen Wissenschaft spielen, die so von den verschiedensten Interessengruppen eingespannt werden kann. Dass die ehemaligen Industriegegner längst selbst zu einer einflussreichen Wirtschaft geworden sind, die sich durch Spenden und Beiträge finanziert und dass hier inzwischen ähnliche Machtstrukturen und -interessen regieren wie in der klassischen Produktionswirtschaft, steht außer Frage, genügend Spendengeld-Skandale belegen das. So unwahrscheinlich es ist, dass Öko-Krieger morgen versuchen, Eisberge freizusprengen, um von einer Klimawandel-Panik zu profitieren, so erstaunlich ist eben doch, dass Al Gores eher rührseliger Film Eine unbequeme Wahrheit einen so erfolgreichen Wechsel in der Politik und öffentlichen Meinung herbeigeführt hat. Crichton – nicht minder emotional – zeigt die Mechanismen und Interessen hinter der Klimapolitik auf, deutet auf die Profiteure in Medien, Politik und Lobbyismus, die von nationalen Angstzuständen über Terror oder Ökokatastrophen existieren. Interessant daran ist weniger die Frage, ob es nun eine CO2-Katastrophe gibt oder nicht als vielmehr, dass State of Fear offenlegt, wie wenig man als Laie de facto über dieses Thema weiß und wieviel man einfach glaubt, wie umstritten die Fakten sind und wie klar und schnell sich die medial aufgeschreckte Öffentlichkeit – und in Folge die Politik – auf pseudowissenschaftliche Panikmache einlässt. Es geht um Fördermittel,  Schlagzeilen, Wählerstimmen, Spenden… genau die richtige Mischung, um einen packenden Thriller zu produzieren, in der Realität aber eine eher erschreckende Kombination.

So ist ein eigentliches Highlight des Buches der Appendix, in dem Crichton die Eugenik-Faszination der zwanziger Jahre und die Angst vor einer Schäwchung des genetischen Potentials und einer Degeneration der Menschheit, der sich sogar die prominentesten Politiker und Wissenschaftler (u.a. Alexander Graham Bell) der USA anschlossen, bevor die Idee einer Begünstigung genetisch gesunder Fortpflanzung im Nationalsozialismus konsequent zu Ende gedacht zum Holocaust führte und man rasch Distanz zu Francis Galtons Ideen suchte. Michael Crichton greift auch mit diesem Vergleich zwischen Genozid und Klimawandelpolitik zum ganz groben Besteck der Polemik – man spürt allein an dieser Analogie die vehemente Emotionalität des Autor, der doch eigentlich der  Neutralität das Wort führen will. Aber es bleibt die Tatsache, dass Eugenik als seriöse Wissenschaft betrachtet wurde und die aus heutiger Sicht bestenfalls krude Vorstellung von minderwertigen Rassen im wahrsten Sinne des Wortes todernst genommen wurde – in den USA und vielen europäischen Ländern wurde bis in die siebziger Jahre hinein bei Kranken und Behinderten eine Zwangssterilisation durchgeführt. Was wir heute als inhuman, dumm und schlichtweg fehlgeleitet betrachten würden, war in seiner Blütezeit ebenso «wissenschaftliches» Mantra wie heute andere Ideen aus dem Bereich der Genetik oder eben die Annahme, dass eine simple Reduzierung von CO2-Emissionen schon irgendwie einen positiven Effekt auf das Klima haben würde. Ob Crichton Recht hat oder nicht ist fast zweitrangig vor dem Hintergrund, dass es unweigerlich richtig ist, solche axiomatischen, an Hysterie grenzenden ppulärwissenschaftlichen Dogmen in Frage zu stellen und die Luft aus dem Ballon zu lassen.

State of Fear sind ex post zahlreiche sachliche Fehler nachgewiesen worden, die das Buch diskreditieren sollen. Dass Crichton nicht alle Fakten hat, nicht alle Fakten richtig darstellt und man hier eben einen reisserisch aufgemachten Thriller vor sich hat, kein Fachbuch zur Klimadiskussion, sollte jedem Leser dabei doch von vornherein klar sein. Denn paradoxerweise profitiert ja ausgerechnet Crichton von dem Phänomen, dass er selbst anzuprangern vorgibt – er setzt (wie immer) auf  Science-Themen mit Boulevard-Potential, strickt ein wenig dünne Fiction dazu und fertig ist ein Bestseller. Das Glashaus ist nicht unbedingt die ideale Position, um mit Steinen zu werfen – und Crichtons Buch hätte sicher von einer ausgewogeneren thematischen Darstellung mehr profitiert als von 800 Seiten kaum verhüllter Tirade und einem fadenscheinigen Plot, in dem absolute Laien zu Weltenrettern mutieren. Aber trotz aller Schwächen, die erzählerisch wie auch von der Intention des Autoren her immer wieder aufkommen, ist State of Fear ein durchaus fesselndes Buch, ein klassischer Pageturner zwischen Wissenschaftskritik und Popcornkino, bei dem man jederzeit weiß, dass man eigentlich Zweifel an der Ideologie und dem handwerklichen Können des Autors hat, aber Gott – man will ja doch wissen, wie es weitergeht.

Den größten Spaß an dem Buch hat mir persönlich gemacht, dass Crichton die Cojones hat, gegen den derzeit gesellschaftlich kleinsten gemeinsamen Nenner für «richtig» zu stürmen. Gegen Hybrid-Autos, gegen Windräder, gegen Solardächer, gegen Anti-CO2.  In den 80er jahren noch verlacht, ist die These der Erderwärmung heute so dominant geworden, dass sie an sich näherliegende Umweltthemen an die Wand drückt. Verseuchte Flüsse, Entgasungen aus Kinderspielzeug, Müllberge und viele andere Bereiche werden vernachlässigt – vielleicht gerade, weil man hier tatsächlich etwas bewirken könnte, weniger bloße Symbolpolitik gefragt wäre -  während die CO2-Reduktion zu einem inzwischen fast ermüdenden Mantra wird, das jede dritte Automobilhersteller-Anzeige schmückt, was wirklich nur die härtesten Zyniker als Fortschritt bezeichnen können, ebenso wie die Tatsache, dass wie zufällig nun ausgerechnet die Atomlobby auf den «grünen» Zug aufgesprungen ist und sich als «saubere» Alternativenergie vermarkten will. Kein Zweifel, es gibt gute Gründe, von fossilen Brennstoffen wegzukommen und sich auf eine energiesparende Lebensweise einzustellen – aber diese Gründe haben relativ wenig mit dem Ozonloch per se zu tun, gegen das die in Kyoto et al geplanten Maßnahmen ohnehin kaum etwas bewirken dürften.  Umweltschutz darf nicht auf ein Thema verengt werden. Dazu kommt die in State of Fear ebenfalls gestellte Frage, inwieweit wir mit Wandel – natürlichem wie den durch Menschenhand verursachten (und insofern eben wieder auch natürlichen, wir Menschen sind Teil des globalen Ökosystems, im guten wie im schlechten) – werden leben lernen müssen. Crichton belegt in mehreren Beispielen, dass Natur einem stetigen Wandel unterlegen ist und die Idee eines linearen Managements gegenüber dieser multikausalen Systemumgebung absurd erscheint – die Welt lässt sich nicht kontrollieren und steuern (hier greift er spürbar auf seine Chaostheorie-Thesen aus Jurassic Park zurück: Natur ist Natur, man sollte sie nicht verniedlichen wollen.) Das ist kein Grund, fatalistisch nichts tun zu wollen – aber es ist auch eine Warnung vor der menschlichen Hybris, sich zum Retter der Welt aufschwingen zu wollen… im Zweifelsfall richten wir dabei guten Willens mehr Schaden an, weil wir nicht wirklich verstehen, was wir tun, in ein ultrakomplexes System eingreifen, dessen Vernetzung wir kaum durchschauen.

Alles in allem, in der Suche nach den Fakten hinter Crichtons Behauptungen, in der Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Behauptungen, regt State of Fear trotz der eher platten Geschichte zum Nachdenken über ein Thema an, das längst zum Hintergrundrauschen geworden ist und dass man – nun da selbst die Kanzlerin einer CDU-geführten Regierung zur scheinbaren Umweltaktivistin mutiert – als Meme-Overkill und Marketingmüll abgelegt hat. Das ist für einen simplen Paperback-Thriller keine schlechte Leistung… und auch wenn Michael Crichton sicherlich nicht als einer der geschliffensten Autoren in die Geschichte eingehen wird, gab es kaum jemanden, der wie er massenkompatibel komplexe wissenschaftliche Themen auf Blockbuster-Niveau herunterbrechen konnte. State of Fear ist allein aus diesem Grund überraschend lesenswert.

Booklove

Ich habe es recht selten, dass ich noch während des Lesens  eine fast kindhafte Freude und Begeisterung für ein Buch habe, weil nicht nur jeder einzelne Satz, jedes Kapitel und die Charaktere sondern auch die Grundidee dich mit einem anschwellenden Respekt vor der Phantasie, dem Detailreichttum und der Liebe eines Autors entfachen. The Yiddish Policeman’s Union ist so ein Buch. Was sich auf dem Buchrücken noch als  als unlesbarer Plot anhört, entpuppt sich mehr und mehr als eines der atmosphärischsten, dichtesten und besten Was-wäre-wenn-Bücher, eine liebevolle Betrachtung jüdischen Lebens, eine wunderbare Verneigung vor Dashiell Hammett. Großartig. Ich hätte gedacht, Michael Chabon kriegt Kavalier&Clay nicht überboten, aber Policeman’s Union übertrifft es mit Leichtigkeit. Die Sorte Buch, die du zugleich verschlingen und in Zeitlupe lesen möchtest.

Peter O’Donnell: Modesty Blaise – I, Lucifer

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Modesty Blaise ist die Ikone der weiblichen harten Frauen, und ihr Schöpfer Peter O’Donnell hat ihr in den liberalen Sechziger und Siebziger Jahren eine ganze Serie von Büchern gewidmet, die ich deutlich befriedigender finde als den Zeitungsstrip, auf dem die Figur basiert. Modesty Blaise ist als namenloses Kind in Griechenland gefunden worden, und hat in ihrer harten Jugend eine weltweite Verbrecherbande, The Network, aufgebaut, bevor sie sich mit ihrem platonischen Partner-in-Crime Willie Garvin zur Ruhe gesetzt hat, um nur ab und an aus privaten Gründen oder für den britischen Secret Service einen Job zu erledigen. O’Donnell verleiht seiner Figur genau den richtigen Mix aus Exotik, Sexappeal und harter Action, um einen weiblichen Gegenpart zum damals hocherfolgreichen Womanizer James Bond zu generieren. Modesty Blaises häufiger Partnerwechsel und ihr lässiger Umgang mit Männern machen sie zu einer starken, selbstbewussten Frau, der sich harte Männer wie Willie Garvin oder ihre Ex-Partner aus dem Verbrechensnetzwerk freiwillig und respektvoll unterordnen. Insofern ist Blaise ein Vorläufer der damals undenkbaren, heute zum Standard gewordenen starken Frauen in Filmen und Büchern – und O’Donnells Pulp-Abenteuer aus den Sixties wirken insofern auch heute noch akzeptabler als Ian Flemings Werke. Ganz klar bleiben natürlich auch hier die starken Frauen durch die Augen eines männlichen Autors gesehen und insofern eine Wunschprojektion, was durch das Alter des Materials, das lange vor unserer neokeuschen Polical Correctness entstand, nur unterstrichen wird. Wo heute Daniel Craig für das weibliche Publikum das Hemd ausziehen muss, bleibt Modesty Blaise eben doch Projektionsfläche der sexuellen Befreiungswelle der sechziger Jahre – aber es ist eben doch greifbar, dass dieses Buch Ergebnis einer historischen Zeit ist, in der Frauen in Politik und Wirtschaft ernstzunehmende Partner wurden, und zugleich der Terror auch ein weibliches Antzlitz tragen konnte. O’Donnel schafft vor dieser historischen Folie eine Figur, als deren Epigone sich viele heutige medialer Frauenfiguren entpuppen – emotional, authentisch, hart in der Sache, aber trotzdem nicht so gefühlsarm wie viele männliche Buch- und Kinofiguren. Was überrascht, wenn man bedenkt, das die Comic Strips und Bücher wirklich reiner Exploitation-Pulp sind. Und so verwundert es nicht, das Quantin Tarantino seit Jahren Interesse an einem Modesty Blaise verkündet – obwohl er eigentlich mit The Bride  seine eigene starke Frauenfigur geschaffen hat – und Neil Gaiman basierend auf I, Lucifer ein Drehbuch verfasst hat.

I, Lucifer ist der dritte Band der umfangreichen Romanserie und bringt Modesty, Willie und Steve Collier, Modestys Lover, der sich mit Präkognition befasst, in Konflikt mit einer internationale Erpresserbande. Mit Hilfe eines jungen Mannes, der sich für den leibhaftigen Satan hält, aber die bemerkenswerte Gabe hat, den natürlichen Tod von Menschen treffsicher vorherzusagen, erpressen die Gangster Politiker und Millionäre. Die Lösegeldübergabe findet so mysteriös statt, dass niemand den Spuren der Band folgen kann. Und wenn Lucifer sich einmal irrt – und die Opfer, die sich zu zahlen weigern doch überleben anstatt eines natürlichen Todes zu sterben – wird eben etwas nachgeholfen.

Der banale Plot wird von O’Donnell mit liebevollen Details ausgeschmückt, die die Sehnsucht verraten, mehr als nur ein Pulp-Autor sein zu wollen. Sein Werk wirkt oft fast drogenumnebelt, bizarr – Delphne, die Lösegelder transportieren, ein Jugendlicher, der sich für Satan hält, ein in die Jahre gekommenes Gangsterpärchen, das die Bande mit obszönen Puppenspielen unterhält, und mittendrin Modesty und Willie, die in diese, Strudel wirrem 60s-Irrsinn zu Bestehen versuchen. Das Buch hat aus heutiger Sicht eigentlich relativ wenig Handlung, die der Autor recht straightforward herab erzählt und die durchaus ihre Längen hat, obwohl O’Donnell den Plot mit netten Exkursionen füllt und gerade zu Beginn ein gutes Momentum entwickelt. Der Spannungsbogen verflacht im weiteren Verlauf des Buches, ohne jemals wirklich langweilig zu werden, aber man merkt dem Material schon an, dass es aus einer Zeit kam, in der Action deutlich biederer gestrickt war als heutezutage. Umso interessanter wäre es eigentlich, zu sehen, wie ein anderer Autor aus heutiger Mentalität – und vor dem Hintergrund, dass starke Frauenrollen Standard geworden sind – mit Modesty umgehen würde.

Elmore Leonard: Up In Honey’s Room

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Up in Honeys Room knüpft an The Hot Kid an und damit an die Karriere des inzwischen verheirateten US Marshal Carl Webster, der hier allerdings fast eine Nebenfigur ist. Elmore lässt seine Handlung diesmal in den Wirren des späten Zweiten Weltkriegs stattfinden – Webster verfolgt zwei Nazis, die aus einem Kriegsgefangenenlager und landet im 1944er Detroit, eine Stadt, die an Sleaze kaum zu überbieten hat. Leonard lässt den stoischen Webster, der hier deutlich weniger Flair hat als in The Hot Kid, auf ein fast undenkbares Panoptikum absurder Charaktere treffen: Walter Schoen, ein langweiliger deutscher Metzger, der sich für Himmlers heimlichen Zwilling hält und plant, den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu ermorden, weil das seine Berufung ist, seine Ex-Frau Honey Deal, die gerne mal halbnackt vor Webster herumstolziert, die ukrainische Spionin Vera und ihr Diener Bohdan, der seinerseits eine transvestitische Ader hat, dazu jede Menge deutsche und amerikanische Nazis verschiedenster Bauart, darunter  Otto Penzler und Jürgen Schenk, der mit 26 noch relativ jung ist, unter Rommel Panzererfahrung gesammelt hat, eigentlich tief in seinem Herzen aber vor allem ein Cowboy sein möchte. Diese bizarre Grundkonstruktion füllt Leonard mit knackigen Dialogen, Alkohol, Sex und Crime und seinen Trademark-Charakteren, die nie ganz rein und nie ganz dreckig sind, sondern immer versuchen, durchzukommen. Honey’s Room folgt Leonards Trend zu fast bizarren Geschichten, die einen trockenen Humor mit Crime verbinden, wobei gerade hier eigentlich fast keinerlei echte Handlung mehr statt findet. Wir folgen den oft überzeichneten Charakteren durch das Buch, aber in Wirklichkeit findet denkbar wenig statt, manche Entwicklungen werden sogar nicht fortgeführt (vielleicht in einem nächsten Buch), und trotzdem führt Elmores Gespür für Dialog und Authentizität den Leser souverän durch die vond en verschiedenen Charakteren wechselnd erzählte Geschichte, obwohl die Nazis meist eher lachhaft als bedrohlich wirken, mit Ausnahme eben der zunächst am lächerlichsten wirkenden Figur, Bohdan Kravchenko. Wie so oft bei Leonard lachen wir über die Clownerien der verlorenen und verwirrten Charakter, bis sie in einer explosiven Gewaltentladung plötzlich immer noch unbeholfen und lächerlich wirken – aber dabei eben zugleich tödlich sind.

Up in Honey’s Room ist nach dem recht starken The Hot Kid eher ein durchschnittlicher Leonard, lesenswert, aber nothing to write home about. Mit Honey Deal hat Leonard einen Vorläufer des harten Mädels Jackie Brown geschaffen, die selbstbewusst und sexy und sensibel zum eigentlichen Kern des Buches wird und deren Amusement über Webster und die Nazi-Posse wir meist teilen. Sie stiehlt dem eigentlichen Protagonisten des Buches, Webster, mühelos die Show und es wäre nicht übel, wenn Leonard ihr noch einmal einen Besuch abstatten würde…

Mario Perniola: Wider die Kommunikation

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Mario Perniola zählt zu den namhaftesten Vertretern der modernen italienischen Philosophie und es wundert angesichts seiner Tätigkeit als Professor für Ästhetik an der Tor Vergata in Rom wenig, dass sich «Wider die Kommunikation» wenig um die Kommunikation und eben doch viel mit der Frage der Ästhetik befasst.

Für mich persönlich beginnen die Probleme schon mit dem sicher beabsichtigten Paradox, auf einem Kommunikationsmedium gegen die Kommunikation zu stürmen – das erinnert ein wenig an Carsons END OF PRINT als Titel ausgerechnet auf einem Buch. Was zunächst neugierig macht und sicher verkaufsfördernd provokant wirkt, entpuppt sich aber leider als tatsächlich das Buch durchziehender Fehler – Perniola spricht von Kommunikation, ohne diesen Begriff jemals wirklich zu definieren, und verwendet entsprechend in seinem Essay stets nur Scherben, Fragmente des Begriffes, die sich meist aus einer situationistisch-kritischen Betrachtung der Massenkommunikationsgesellschaft ergeben. Anschließend an Debord und Baudrillard kritisiert Perniola – streng vereinfacht – die nivellierende Wirkung einer Gesellschaft, in der jeder alles sagen kann, in der alles ein Spektakel ist, in der alles ökonomisierbar und neoliberal ist und in der nichts mehr tatsächlich passiert. Wo alles zerredet wird, wo jede Meinung medial gleichgeschaltet wird, gibt es keine Meinungen mehr. Neue Ideen gehen in der Vortex von Trends und Gegentrends einfach unter. Die Sache und ihr Gegenteil werden von der quasi-totalitären Kommunikationsgesellschaft demokratisch-gleichwertig behandelt. Das klingt wie eine klüger geschriebene Ausgabe von Adbusters – und so ähnlich liest es sich auch. Und obwohl ungleich wortreicher als die Adbusters, vergreift sich Periola hier in der Tonlage. Kalle Lasns Magazin ist ein offensichtlich poppiges Kampfblatt wider den neoliberalen, undemokratischen, einseitigen Kommunikationsweg der Industrie – plakativ, provokant und sich zugleich stets der Tatsache bewusst, dass man selbst mit den gleichen Mitteln arbeitet wie der «Gegner». Lasn spielt ein wenig David gegen Goliath, schwing sich aber eher selten zum Welterklärer auf, auch wenn er (zu) oft mit einer nebulösen kommenden Revolution hantiert – irgendwie muss man die Kids ja inspiriert kriegen.

Perniola hingegen ist Wissenschaftler, kein Magazinmacher. Und ein so schwammiger, im Inhalt gleichsam beliebiger Umgang mit der Kommunikation ist schmerzhaft. Perniola wettert – auf hohem Niveau, aber mit wenig Inhalt – gegen die Talkshow und Buzzword-Gesellschaft, zieht teilweise logisch nicht ganz nachvollziehbare Schlüsse und übersieht, dass die von ihm gezeigten Tendenzen bestenfalls nur als Teil von Kommunikation betrachten lassen – wenn man unbedingt will als Pathologie der Kommunikation, aber sicher nicht als DIE Kommunikation. Das ist einfach Unsinn, zumal Perniolas Gegenentwürfe – und schon sein Buch an sich – ebenfalls Teil von Kommunikationsprozessen sind. Man kann, der Watzlawick wird nicht umsonst so oft bemüht, eben nicht nicht kommunizieren… und wenn Perniola sein Fachgebiet, die Ästhetik etwas berechenbar als einzige Rettung vor der alles überschwemmenden Kommunikationssuppe hochjazzt, dann übersieht er geflissentlich, das Ästhetik nur via Kommunikation (in welcher Form auch immer) vermittelt werden kann. Auch neuere Entwicklungen der Kommunikationsgesellschaft im engeren Sinne bleiben weitestgehend unberührt. Man teilt im weitesten Sinne ja Perniolas Meinung und Sorge, aber so platt, so schemenhaft hat man so wenig Neues selten gelesen. Perniola selbst zitiert Neil Postman und macht damit nur überklar, wie wenig neu sein Kulturpessimismus an sich ist. Nur, dass Postman klarer, zeitnäher und lesbarer war.

Perniola jagt parforce über das Terrain der multimedialen Gesellschaft, zitiert, verbindet, denkt vieles an und wenig zu Ende, verhaspelt sich im Nebulösen und das ist um so schrecklicher, als er gegen etwas anschreibt, was seiner Meinung nach die Geister eintrübt – sollte man hier dann nicht zu klareren Worten greifen? Rettung gegen das drohende Böse bietet einzig und allein die Kunst, die interessierte Interesselosigkeit ist, und hier die Ästhetik. Man fragt sich, ob Perniola sich den Kunstmarkt der letzten Dekade einmal näher angesehen hat – neoliberaler geht es nun kaum, sowohl auf Nachfrage-, als eben auch auf Produzentenseite. Wie die Kunst die Welt retten soll, scheint mir rätselhaft. Perniola skizziert vage einen dritten Weg, durchaus mit zitierenswerten Sätzen, der an der Realität zerschellt. Wer wirklich glaubt, dass Wissenschaftler, Künstler oder Freiberufler noch interesselos, also quasi without interest, ergo zinsfrei, ohne ökonomischen Hintergedanken handeln, denkt wunderbar optimistisch, muss aber dringend mal aus dem Elfenbeinturm austreten. Zumal Perniola ja selbst etabliert – Baudrillard folgend – dass das System bereits immer auch die syteminhärenten Gegenpositionen mitbesetzt hat. Es gibt keine Subversion, die nicht vermarktbar wäre. Wo Perniolas ästhetisch-oblique Limbo-Blase, ganz nebenbei, dann entstehen soll, bleibt schleierhaft. Dass sein Buch an sich eben auch Teil der alle Meinungen aufsaugenden Mediendemokratie ist, wird verschleiert – Perniola gibt sich als Rufer vom letzten nicht von der Flut betroffenen Gipfel, der die Noah die letzten ihrer Art zu sich ruft… und übersieht dabei geflissentlich, dass seine Meinung, sein Output, seine Existenz eben auch Ergebnis der weichen, pluralistischen Gesellschaft ist. Wo – auch das eine offene Frage – letzten Endes das GELD für die ästhetischen Künste herkommen soll, wovon seine Bohémes leben wollen (auch und vor allem wenn ihnen Geld egal ist), lässt Perniola offen – funktionieren muss seine Idee von Gesellschaft offenbar nicht.

Dabei schreibt Perniola durchaus wunderbare Dinge über den Raum der Ästhetik als einer Art Limbo zwischen reiner moralischer Kunsthaftigkeit einerseits und dem neoliberalen Effizienzdruck andererseits. Anklänge von Dandytum und Bohéme huschen durch seine Texte, eine arme aber sexy Kunstelite, die sich wie die tapferen Gallier gegen das Imperium der Sprechblasen stellt. Diese Dandys verortet Perniola irgendwo zwischen Krieger, Mönch und Kurtisane – Erotik, Selbstbeherrschung und eine Gleichgültigkeit gegenüber Geld zeichnen diese Vertreter der Schönen Künste aus. Schaut man sich um, findet man solche Konstellatonen natürlich wirklich in der Welt – Entrepreneure, die in der Kunst jonglieren, denen Machen wichtiger Moneten sind, und die die Mittel der Kommunikationsgesellschaft nutzen, um etwas zu schaffen. Das war immer so, das wird auch (hoffentlich) immer so bleiben, das rechtfertigt nur leider kein Buch, vor allem nicht, wenn der Autor sich clandestin selbst zu dieser kulturellen Kaffeehaus-Clique rechnen möchte, die in der Wirklichkeit aber auch tief mit Medien, Geld, Sponsoren, Presse und anderen allzu weltlichen Dingen vernetzt ist. Was Perniola, unterm Strich, generiert, sind überalterte Klischees vom Künstlerleben, dass sich der gleichmachenden grauen Welt mutig und unbestechlich entgegenstemmt. Die nach Bewunderung und Staunen ruft, jenseits von Wirksamkeit und Return on Investment. Das ist schön und auch absolut richtig – erinnert aber nicht ohne Grund an zig andere Bücher und Filme. Wortgewaltig tritt Perniola mit Hohlkörpern vor uns, Blasen, die leider wenig Neues verkünden und das auch noch weniger mitreissend, weniger mutig, einfach mit weniger Testosteron als seine Vorläufer.

Perniolas Wider die Kommunikation ist ein durchaus lesenswerter Trip über die Oberfläche des Diskurses über die neoliberale Massenkommunikation seit 1920 – nicht ohne Grund wird mehrfach Walter Benjamin, ebenso wie Baudrillard bemüht -, der auf knapp über 100 Seiten wirkt wie ein aus mehreren Elementen zusammengewürfelter Essay, der kurzweilig und fast atemlos durch die Manege getrieben wird, ein paar Kunststücke aufführt, die man vage bereits kennt, um dann wieder zu verschwinden. Die Ironie des Buches ist, dass es wider die massenmediale Gleichmacherei anschreibt, in der Meinung und Gegenmeinung äquidistant zu sein scheinen, und zugleich selbst unwirklich kantenlos wirkt, ein Buch, dass eben ganz anders als Benjamin oder Baudrillard oder Debord nicht aufregt, nicht begeistert, nicht zu Widerspruch oder Zustimmung befeuert, sondern am Ende nur ein vielleicht etwas genervtes Schulterzucken bewirkt – ein Text, der für 2004 unwahrscheinlich altbacken wirkt und eher sehnsüchtige Rückschau als Blick nach vorn liefert. Die guten und richtigen Goldnuggets im Essay, die der Auseinandersetzung durchaus wert sind und die mehr Raum verdient hätten, gehen in dem Whoooosh von Perniolas Rundumschlag, der Kommunikation mit allem und jedem in Verbindung bringen will, leider etwas unter.

Perniola ruft uns wenig Neues zu – den Tod der Kreativität und der radikalen Meinung in einer alles breiig-gleichschaltenden, langweiligen Gesellschaft mit zu viel toter Zeit – und fordert wenig Neues – den Habitus des Dandys als Lebensmodell jenseits der grauen Massengesellschaft. Da ist – weil man diese Argumentationspattern schon so sehr von anderen Autoren kennt, dass man die Botschaft sogar durch Mario Perniolas nebulöse Satzkonstruktionen hindurch versteht – viel dran, worüber sich nachzudenken lohnt. Bei Perniola jedoch wird es zu einem arroganten Lament, das mit einer gewissen Verachtung auf die normalen Menschen herabschaut, die im Teig der Kommunikationsgesellschaft gefangen nur  vegetieren und roboten, während die Künste, die Wissenschaften und die Freiberufler – wieso eigentlich? – sich um die Ästhetik verdient machen können. In all der einigermaßen richtigen und bekannten  Dekadenz-Theorie der westlichen Kultur mischt Perniola also eine vergiftete Antwort, die sich der Dekadenz nicht entgegenstemmt, sondern ihre stolzesten Früchte als Heilmittel verkaufen will. Man kann ohne weiteres ebenso schnell argumentieren, dass Kunst eben ein Merkmal der Dekadenz ist, ebenso wie Wissenschaftler, die sich – anstatt mit ihren Händen Brotteig zu kneten oder Brücken zu bauen – mit der Ästhetik als abstraktem Ding beschäftigen können, oder Freiberufler, die Wohnzimmer dekorieren oder Visitenkarten nach den Regeln des Goldenen Schnittes o.ä. einrichten. All das sind dekadente Tätigkeiten, Kirschen auf der Sahne einer Gesellschaft, die industriell und finanziell einigermaßen abgesichert ist und sich den Luxus von staatlich finanzierten Professoren, Theatern und Opernhäusern eben leisten kann.  Und deren teigig-grauer Pudding von Daily Soaps und Talkshows (und ähnliche platte Vergnügungen gibt es seit jeher, nicht erst im 20. Jahrhundert) überhaupt erst den Fond ergibt, vor dem sich Kunst und Kultur abheben können. Perniola versucht also einen Gegensatz – ganz im Sinne seines Buches – zu konstruieren, der sachlich keiner sein kann. Künstler und Dandys, Bohéme und Kulturschaffende sind – im besten Sinne – Parasiten des egalitären Konsumsystems. Versorgt, können sie sich um Gedichte, Liedharmonien oder Farbstimmungen sorgen, anstatt um 6:00 Uhr in der Fabrik oder auf dem Felde stehen zu müssen, oder im Krieg ihr Leben zu lassen. Tatsächlich ist das aufkommen von immer mehr selbsternannten Künstlern vielleicht sogar ein Phänomen der Verwöhngesellschaft. Jungen und Mädchen, die nicht mehr etwas produzieren wollen, denen Mathematik oder Biologie ebenso egal ist wie Schreinern oder Elektronik, sondern die sich lieber «verwirklichen» und «ausdrücken» möchten. Da ist ein Hauch kultureller Weichheit, der – wenn nicht mehr wenige, sondern zu viele diesen Weg wählen – eine Gesellschaft insgesamt, aber eben auch ihre Kunst- und Kulturszene, auffressen kann. Mach man sich nichts vor, ein guter Bäcker ist wichtiger als 100 schlechte Künstler, ein guter Maurer wertvoller als 1000 schlechte Grafik-Designer. Auf einer einsamen Insel gestrandet, wären wir Designer, Künstler, Musiker und Kulturtreibende reichlich wertlos – die Metzger, Gärtner, Bauern und Schiffsbauer aber wertvoll.

Die ästhetische Blase, von der Perniola schwärmt, ist also Ergebnis der Kulturgesellschaft und im architektonischen Sinne ein unweigerlicher, parasitärer Aufbau au die Grundkonstruktion, eine bunt schillernde Sphäre auf dem grauen Industriegebäude. Aufgabe und Funktion dieser Sphäre ist sicher, gegen die Gesellschaft als solche zu stürmen, sie zu attackieren und zu kritisieren und in diesem Sinne als Feedback-Schleife beständig zu verbessern. Künstler und Kulturschaffende sind für eine funktionierende Gesellschaft wie Kundenfeedback für ein Unternehmen – und beide Seiten sollten sich auf diesem Niveau respektieren. Die Produktion von Ästhetik als Sammelbegriff für eine kreative Sphäre, die sich den massenmedialen Vakuum entgegenstemmt, die Idee einer wie auch immer gearteten Dandy-Schicht, die in Musik, Kunst und Kultur als Szene operiert und sich von Marktzwängen zu befreien versucht, einen dritten Weg sucht – die ist absolut zu unterschreiben und längst und seit langem Fakt. Aber zu postulieren, dass diese Blase ein Gegenteil des Systems sein, ja dieses sogar besiegen und ersetzen könne, ist ein großartiger Irrtum, weil Dandys einfach kein Brot backen und keine Kraftwerke bauen.

Elmore Leonard: The Hot Kid

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Elmore Leonards Schreibstil ist auf den Punkt wie kaum ein anderer – über die Dekaden hat er seinen persönlichen, unnachahmlichen Stil so geschliffen, dass kein Wort zuviel fällt in seinen Büchern. Im Grunde schreibt er – bei allen unterschiedlichen Epochen und Szenarien, die er liefert – doch immer eine klassische Gunslinger-Geschichte, die wie ein Dieselzug mit voller Geschwindigkeit auf das Duell hinausläuft.  The Hot Kid ist da keine Ausnahme.  In der US-Wirtschaftsdepression der zwanziger Jahren angesiedelt, setzt Leonard hier den Havanna-Roman Cuba Libre fort, mit Carl Webster, dem Sohn von Virgil Webster, der inzwischen in Oklahoma zu Ölreichtum gekommen ist. Leonard bevölkert sein Buch mit Bankräubern, Gansterbräuten, harten Sheriffs, illegalem Alkohol und jeder Menge Gaunerfiguren aus den Roaring Twenties, wie etwa Bonny und Clyde oder John Dillinger, die am Rande auftauchen. Carl Webster entscheidet sich, nachdem er mit 15 einen Viehdieb erschießt, ein US Marshall zu werden und wird schnell als «The Hot Kid» berühmt, ein cooler, eitler, etwas zu gut gekleideter Detective, der seine Waffe nur zieht, um zu töten. In den Cocktail vermengt Elmore Leonard noch einen einen Reporter, der eigentlich ein Faible für Crime Fiction hat und Jack Belmont, erzogenes Öl-Millionärssöhnchen, der unbedingt Verbrecher werden will, faktisch Carls Gegenentwurf.

Die große Stärke von Leonard ist, wie er ohne große Worte einen abstrusen Mix durchaus glaubhafter, wenn auch nur sparsam skizzierter Charaktere erzeugt und über die Dynamik dieser Figuren seine Handlung in Gang bringt. Man hat glaubhaft das Gefühl, dass Leonard ohne große Vorbereitung in ein Werk stürzt und einfach selbst zuschaut, wie sich das Ganze entwickelt. Dabei ist für das tyische Leonard-Flair der historische Background immer ein wenig irrelevant, die testosteronschwangeren Konflikte gehen immer zurück an die Wurzel des Western-Romans, mit dem Elmore Leonard sein über fünfzig Jahre umspannendes Gesamtwerk begann, und die knorrige Qualität dieser Wurzel ist spürbar. Ob in der Gegenwart, im späten 19. Jahrhundert oder wie hier in den 1920er Jahren,  die Leonard mit zahlreichen Details zum Leben erweckt – die Geschichten wirken zeitlos, die Charaktere nie verstaubt, sondern immer zugänglich und authentisch. Hier ist der fast arrogante Showman Webster, der einen seltsamen Helden abgibt, ein Aufreisser, ein Macho, ein Großmaul, im Kern ein (zu) junger Clint Eastwood, der sich ein bisschen zu stolz in seine ersten Abenteuer wirft.

The Hot Kid verschmilzt Leonards Western-Prosa mit seinen subversiven Crime-Novels zu einem sehr trockenen Cocktail, schnell erzählt, mit Leonards einzigartigem Humor und lakonischen Dialogen, voller schillernder Figuren, die oft so skurril  wie liebenswert sind. Zwischen Depression, Krieg, Ölboom und dem Staub des mittleren Westens inszeniert Elmore Leonard eine brutale Farce voller Monster, Gesetzloser, Neureicher und andere seltsamer Kreaturen, die in diesem Sturm nach oben wollen… ein Buch voller Selbstdarsteller und Emporkömmlinge, die sich oft verdächtig ähneln, und nur fast zufällig auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Leonard, inzwischen 83, geht es greifbar zunehmend weniger um die Action, als vielmehr um die Figuren, ihre oft sinnfreien Motive und Absichten. Seine Bücher scheinen oft eine zeitlang zu driften, bevor sie urplötzlich phantastische Geschwindigkeit entwickeln, um dann wiederzu dekompressieren. Der Nachteil dieser freien Art der Erzählung ist ein etwas hervorsehbarer Höhepunkt, ein oft beliebiges Umherirren zwischen Szenen und Charakteren, denen es mitunter an wirklicher Unterscheidbarkeit und Motivation mangelt. Leonard reduziert seine Charaktere mit der routinierten Handschrift des Altmeisters auf sparsamste Striche, und diese fast Carver-esque Reduktion macht sie natürlich auch austauschbarer, redundanter. Mehr als je zuvor wird Leonard dabei zu jemanden, der im Mainsstream das Ungesagte in den Mittelpunkt zu stellen vermag.

Süffig und zugleich nicht dumm, ein Thriller mit einem über das Genre hinausreichenden dramaturgischen, fast belletristischen Flow und einem Gespür für knarzigen, authentisch klingenden Dialog, ist The Hot Kid eines der besseren aus den vielen guten Büchern des Elmore Leonard, der hoffentlich noch einige viele Geburtstage feiert und in bester Manier jährlich ein kleines seltsames Meisterwerk abliefert.

Mircea Eliade: Youth Without Youth

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Gemessen an Francis Ford Coppolas Film wirkt die Buchvorlage des rumänischen Philosophen Mircea Eliade auffällig knapp. Eher – in jedem Sinne – eine Novelle als ein Roman, stellt sich das Buch als ebenso angerissen und skizzenhaft dar wie Coppolas Film, der jedoch auf der Ebene der Bildsprache mehr Assoziationen, mehr Vieldeutigkeit, mehr subkutane Inhalte bereitstellt und die Möglichkeiten, die das Buch zur Interpretation bietet, voll ausreizt. Angesichts der unerhört vielschichtigen Verfilmung ist es fast unmöglich,nicht permanent beim Lesen den Vergleich zur Verfilmung parat zu haben. Eliades Buch wirkt trockener, weniger verträumt, weniger phantastisch. Coppola hat nichts hinzuerfunden (lediglich eine Sequenz in Irland weggelassen, die mit der Hauptgeschichte des Buches auch kaum verbunden ist), aber Lücken genutzt. Den Doppelgänger des Dominic Mattei gibt es im Buch nicht, ebenso wenig wie die Wiedererscheinung Lauras in Veronika nicht explizit ist. Sachlicher, aber ebenso atemberaubend schnell vergeht das Buch, das in kafkaesker Traumartigkeit am Leser vorbeifliegt, durch die surrealen Erlebnisse Mateis, die Eliade in trockenen Worten erzählt. Der Mix aus übernatürlichen Elementen und philosophischen Abschweifungen macht die Novelle absolut lesenswert, die Anklänge anderer Werke – Borges, Kafka, Mann – sind geschmackvoll umgesetzt, unterstreichen aber mitunter das Gefühl, Eliade springe von Idee zu Idee, Land zu Land, Episode zu Episode, ohne jemals wirklich etwas substantielles zu sagen. Es unterstreicht die traumhafte Qualität der Erzählung, und im Hinblick auf das Ende des Buches mag all das sogar Absicht sein – während des Lesens aber ist die Art, wie Charaktere und Zeitläufte vorbei preschen mitunter ermüdend. Stilistisch erreicht Eliade sogar so, zu kommunzieren, wie für einen Menschen mit drastisch veränderter Zeitwahrnehmung die Welt sich anfühlen mag, auf den Leser aber wirkt vieles gehetzt. Das Buch ist weder als philosophisches Traktat lesbar, noch als echter Roman und entpuppt sich so als seltsamer Bastard – nicht Science Fiction, nicht Belletristik, nicht Historisch, nicht Liebesroman und doch von allem ein wenig – und genau das macht es so liebenswert. Es ist die Sorte Fabel, die den Leser zwingt, selbst in die Lücken und Breschen der Narration zu springen und die Löcher zuzuspachteln, die der Autor hinterlassen hat… wie es auch Coppola mit seinem Film getan hat. Im Ergebnis ist Eliades Buch insofern einerseits unbefriedigend – da fast skizzenhaft geschrieben – andererseits dynamischer und pulsierender als viele andere Bücher, die vielleicht zu lang an Details verweilen. Bedenkt man Eliades Vergangenheit als Mitglied der rumänischen Eisernen Garde, wirken die Sequenzen während des Zweiten Weltkrieges seltsam doppelbödig und trügerisch, und seine Beschäftigung mit Religion, Mythos und Schamanismus durchtränk nahezu jede Seite – Youth Without Youth ist nicht nur eine Erzählung, sondern eine verklausulierte Rekapitulation von Ideen und Erlebten. Atemlos fliegt die Geschichte vorbei und noch während man sich fragt, was die Sache mit dem indischen Mädchen nun bedeuten mag, schiebt Eliade schon die nächste Kulisse ins Bild. Dass Eliade bestenfalls durchschnittlich schreibt – dadurch jedoch das visuelle Melodrama von Coppolas Verfilmung im Buch völlig absent ist – und zu viel Wert auf seine Botschaft, aber zu wenig auf eine erzählenswerte Geschichte legt, wird dadurch wettgemacht, dass aus dieser Melange es eine seltsam unwirkliche, zugleich schweres und federleichtes Märchen erwächst, das am ehesten an einen David-Lynch-Film erinnert, in einer fast drogenrauschartig fiebernden Eile und Über-Buntheit, die am Ende zu einem zirkulären Verlauf führt, der rätselhafter und befriedigender kaum denkbar wäre. Youth Without Youth ein seltsames Kleinod über Lebensträume, Zeit, Sehnsüchte und ihre Unmöglichkeit und über die Gabe, irgendwann bescheiden zu erkennen, das das wichtige am Leben ist, es gelebt zu haben.

Thomas Mann: Der Zauberberg

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Thomas Manns Zauberberg gehört zu den wenigen Büchern, dass ich nie ganz gelesen habe, obwohl ich es wollte – Gödel Escher Bach von Douglas Hofstadter ist das andere, allerdings aus völlig anderen Gründen. Beim Zauberberg ist es so, dass die literarischen Andeutungen, die thematische Dichte, die sprachliche Gewalt und der schiere Umfang des dazu noch nicht ideal lesbar gedruckten Taschenbuchs mich irgendwann einfach ermüdet und man nach einer Pause mit einem anderen Buch kaum mehr in Manns Textfluss hineinfindet. Nach zwei Anläufen mit dem Buch und einem dritten in der Planung, habe ich mich zwischendurch spontan entschieden, dem Hörbuch eine Chance zu geben. Ich bin anscheinend nicht der einzige, der den Buchberg nicht überwunden hat und insofern beim Audiobook gelandet ist, wenn man den Amazon-Kommentaren glauben darf.

Nun ist es so, dass ich normale Hörbücher – also mit nur einem Sprecher, der das Buch einfach vorliest – eher wenig ansprechend finde. Zum einen, weil die Stimme nicht «meine» Stimme ist, und insofern alle Charaktere falsch klingen, zum anderen weil ich es medial langweilig finde,  einfach ein Buch vorzulesen, das ist keine echte Übersetzung in ein anderes Medium. Und aus dem Alter, meine Bücher vorgelesen bekommen zu müssen, bin ich irgendwie heraus. Mt Hörspielen verhält es sich anders. Die oft sehr experimentellen Hörspiele von WDR und BR beweisen, dass man in diesem Medium hochkreativ einen Stoff dramaturgisch bearbeiten und erweitern kann und eine wirklich neue Inszenierung leistbar ist.

Die von Valerie Stiegele und von Ulrich Lampen 2000 für den Bayrischen Rundfunk produzierte Fassung vom Zauberberg kommt auf beeindruckenden zehn CDs daher, mit einem üppigen Sprecherensemble, subtiler Musik- und Geräuschkulisse und ist absolut liebevoll produziert – der enorme Aufwand, die Logistik, die dieses Epos gefordert hat, wird der Arbeit Manns an dem  tausendseitigen Werk im Umfang sicher mehr als gerecht.

Unweigerlich, selbst bei diesem Umfang von fast zehn Stunden, muss das Buch beschnitten gestrafft, gekürzt sein – aber Stiegele gelingt das Kunststück, dem dichtgewobenen Werk Fleisch abzutrotzen, ohne wirklich an Substanz zu verlieren. Die philosophischen Betrachtungen von Settembrini und Naphta, die komplexe Darstellung der Vorkriegsgesellschaft, die fein ziselierten Dialoge bleiben erhalten und die Hörlandschaft, die sich hypnotisch ruhig entfaltet, getragen von Udo Samels schläfriger Erzählerstimme, zieht den Hörer ebenso in den Bann wie das Berghof-Sanatorim Hans Castorp für sieben Jahre verschlingt. Dabei ist der Zauberberg eigentlich ein undankbarer Hörspielstoff, da das Buch weniger auf eine lineare Handlung oder gar einen Spannungsbogen setzt, als vielmehr auf metatextuelle Andeutungen, Anspielungen, Exkursionen – eine wahre Symphonie literarischer Art. Das herauszunehmen verlangt Mut, ist aber zugleich nicht unmöglich. Stiegele gelingt liebevoll die Kunst, dem Buch eine Zugänglichkeit zu verleihen, ohne die Dichte herauszunehmen. Der Figurenkanon wird wunderbar übersetzt, die grundsätzliche gesellschaftliche Debatte gestrafft und entschlackt, aber in den Grundfesten bewahrt, bis die tatsächliche Handlung – und der Stillstand auf dem Zauberberg – wunderbar emergiert, ohne dass die Substanz des Buches leidet. Es ist eine wahrhaft gelungene Übersetzung in ein Hörmedium, die dem anderen, weniger versunkenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Ohres gerecht wird. Die Inszenierung verlangt in  ihrer Art ebenso eine Vertiefung wie das Buch selbst, läuft aber zugleich fluide und logisch voran, stets so strukturiert, dass man als Zuhörer gebannt und hungrig bleibt, gefangen von dem Netz der Geschichte und ihrer Hintergründe.

Langsam, gravitätisch entfaltet sich die Geschichte von Hans Castorp, der sieben Jahre lang in die Krankheit, aus dem Leben des Flachlandes flüchtet, in eine moribunde Welt, in der Krankheit und Tod Freiheit bedeuten, eine entrückte Verwöhngesellschaft der ständig Klagenden, der heutigen Zeit gar nicht so unähnlich. Die Liebesgeschichte zu der von Karina Krawczyk wunderbar katzenhaft-verschlafen gesprochenen Clawdia Chauchat (übrigens schon so ein Ding des Hörspiels, dass mich die Andeutungen und Namensspielereien Manns, die oft aus dem Text reißen – wieso wird bei dieser Figur so vehement auf die Katze verwiesen?, im gesprochenen Text weniger stören, natürlicher wirken), die andere Liebe «in der elften Stunde» zum charismatischen Mynheer Peeperkorn, das schließlich als Schwätzerei entlarvte, aber tödlich endende Duell zwischen Freimaurer Settimbrini (großartig: Felix von Manteuffel) und Kommunist Naphta, schließlich der Donnerschlag, der den Zauberberg-Siebenschläfer aufweckt und das blasse Bürgersöhnchen Castorp als Kanonenfutter an die Front zwingt  – all das gewinnt im Hörspiel neben der intellektuellen Dimension der durch den Raum fliegenden Allusionen und Doppelbödigkeiten die spannende Triebkraft eines Krimis  – und das ist ein Kunststück, wenn man bedenkt, dass es doch eigentlich darum geht, dass nichts passiert, dass Stillstand und Trägheit herrschen. Die Hörspielfassung nimmt dem Buch die manchmal selbstverliebte, mitunter geschätzige Ausschweifigkeit, ohne es jedoch zu verstümmeln, setzt indirekte Berichterstattung in direkten Dialog, fokussiert und bündelt die Geschichte, und das mit Erfolg – die zehn Stunden vergehen wie im Flug, fast zu schnell.

Das dumme Herz

Wenn das Herz denken könnte, stünde es still…

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

W.G. Sebald: Austerlitz

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Austerlitz, ohne jede Frage, ist ein Meisterwerk. Komplex verschachtelt wie die Sätze der vom Ich-Erzähler in einem fast emotionslos wirkenden Monolog wiedergegebenen Erzählungen des Jacques Austerlitz, der im Zentrum des Buches steht, ist auch die Geschichte der Hauptfigur, die über Umwege langsam zum Kern kommend ihre Vergangenheit aufrollt. Über minutiöse Architekturbeschreibungen, die mit fast Freudscher Deutungslust in die Architektur der Moderne eintauchen und das kollektive Unbewusste aus dem Stein gewordenen Gedächtnis der Bauwerke melken,  angefangen von Bahnhöfen und endend mit einem vernichtend grandiosen Crescendo in der Betrachtung der neuen französischen Nationalbibliothek entfaltet Sebald eine seltsam körperlos wirkende Melancholie, eine Grauheit, einen namenlosen Schmerz, der auf eine untergegangene Qualität zurückzuführen ist, eine verlorene Unschuld der Neuzeit. Austerlitz ist nicht zuletzt, obwohl so viel Raum im Zentrum der Betrachtung steht, ein Buch über die Zeit, die sich in den irrlicherternden Betrachtungen von Austerlitz, die immer wieder eingewickelt sind in die juxtaposierte Betrachtung der Gegenwart durch den Ich-Erzähler (wobei diese Gegenwart für den Erzähler auch bereits Vergangenheit ist), verliert, zumal Jacques Austerlitz selbst sprunghaft Orte und Zeiten abgrast. Zeit findet nicht statt, wird als Illusion entlarvt, das Nebeneinander der Momente, das permante Jetzt wird spürbar, Gedächtnis und Wahrnehmung flirren durcheinander. In dieser Tour-de-Force werden bis zu vier Zeit/Erzählebenen aufeinandergetürmt, was Sebald mitunter durch ein etwas holzhammeriges «sagte Austerlitz» deutlich macht. Dieser Austerlitz ist eine seltsam verloren wirkende Anti-Gestalt, der ein wenig traurig und sinnfrei durch sein Leben driftet und seine eigenen Ursprünge sucht, die sich später als in Prag liegend herausstellen, wo er Sohn einer Opernsängerin war, die nach Theresienstadt verschleppt wurde, wobei es seiner Mutter aber gelang, ihn Ende der dreißiger jahre mit einem Kindertransport nach Wales zu retten.

Das Buch springt bedachtvoll flirrend, sacht den an der Luft liegenden historischen Wurzeln der jüdischen Deportationsgeschichte folgend, von Ort zu Ort – Antwerpen, Paris, London, Prag, Terezin, Zeebrugge, schließlich sogar Deutschland – so rast- und ankerlos wie Austerlitz selbst, der Zustand der Heimatlosigkeit, des Entwurzeltsein ist unausgesprochene Basis der Erzählung, die  unchronologisch das Leben des eben nicht minder entwurzelten Austerlitz pflückt. Sebald gelingt das Kunststück, in seinen fast monoton anmutenden, langen mäandernden Satzkonstruktionen, die sich ohne Absätze und sichtbare Gliederung über ganze Seitenblöcke ziehen, zugleich atemlos poetisch und doch rational-sachlich zu schreiben, und so – als Beispiel – dem unfassbaren Gräuel von Theresienstadt, das in seiner absurden Monstrosität kaum zu fassen ist, ein ungemein wirksames Gift auszumelken, das in seinem eigentümlichen Mix aus individuellem Schicksal und fast statistischer Nüchternheit die ganze Absurdität der Sache erfasst. An der Vergiftung, der lebenslangen Lähmung des Jacques Austerlitz, der keine Freunde hat, keine Heimat, keinen Sinn, erleben wir die Vergiftung der Moderne, des 20. Jahrhunderts, deren Geist sich in der monumentalen Unmenschlichkeit des Holocaust ebenso widerspiegelt wie in Mitterands menschenfeindlicher Bibliotheksarchitektur, die Austerlitz als kafkaesk beklemmend, den Leser aussperrend empfindet. Sebald spielt ausgiebig mit literarischen Anspielungen, zitiert hier einen Stil und dort einen anderen – so ist die Prag-Sequenz ist in ihrem Kafka-Sound fast unverkennbar, ohne jemals nur Kopie zu sein. Es ist beeindruckend, wie Sebalds Prosa etwa genau so funktioniert wie die Bauwerke, die Austerlitz beschreibt: verschachtelte, komplexe, Netzwerke, wie die Dachkuppeln von Jahrhundertwendebahnhöfen, wie das postmoderne Labyrinth der Nationalbibliothek, wie all diese kristallinen Festungsbauten also letzten Endes, die Austerlitz zu Beginn des Buches beschreibt. Was mit der Vergangenheit abschließen soll, kommt nicht umhin, in Wirklichkeit auf sie zurückzugreifen. Wir bauen immer noch Festungen, und sei es nur für die Literatur. Sebalds Schreibstil selbst ist entsprechend eben auch als eine Festung angelegt, die einzunehmen ist, ein hyperdichtes Netzwerk, das zu durchdringen ist – und so fein gesponnen, so fraktal und fragil wie die vielen filigranen Baustrukturen, die auf den Photos im Buch dokumentiert sind.

Denn Sebalds fast unsichtbarer Ich-Erzähler, der zum reinen Transmissionsriemen von Austerlitz fein gefügtem Stream wird, fügt seinem Bericht immer wieder Photos bei, selbst gemachte aber auch solche von Jacques Austerlitz selbst, die dem Buch einen seltsam biographischen Beigeschmack geben. Neben den fast surreal detaillierten Beschreibungen – die in ihrer Summe ein seltsames Paralelluniversum ergeben, das unserem identisch ist, unter dessen Haut aber eine unfassbare Traurigkeit liegt -, die in einem dicht gewebten Teppich aus dem Buch sprudeln, so dass es fast unmöglich ist, es aus der Hand zu legen (und noch schwerer, nach einer Lesepause wieder in den Flow des Sebaldschen Stils zu kommen), entsteht vor allem durch die  Illustrationen und Photos die Simulation von Echtheit, die beeindruckend den Leser aus der Gemütlichkeit des Prosatextes herausstößt. Die Realität des Erzählten, der Story, ist stets etwas unsicher. Die Vorstellung von Wahrheit und Fiktion, Biographie und Roman, hebelt Sebald allein durch diesen kleinen Kunstgriff nahezu vollständig aus. Was hier dokumentarisch im Kontext einer fiktionalen Erzählung beigefügt ist, aber doch so greifbar real wirkt, ergibt in der Summe einen seltsam «quantelnden» Effekt, der – vielleicht unbeabsichtigt – zugleich typische Biographien, die ja auch immer mit Bildern ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern versuchen, aber eigentlich ebenso reine Fiktion, reine Nacherzählung sein müssen, wunderbarst in Frage stellt. Was bei Kempowski real ist, simuliert Sebald, aber so überzeugend, so im Mash-Up aus Realem und Fabulierten, dass man schließlich in der erfundenen Biographie des Jacques Austerlitz, in diesem pulsierenden, musikalischen Sprachklang von Sebald einfach eintaucht.Was so hypnotisch real klingt, bis ins letzte Fraktal und gerade in der Zerstückelung, dem fragmentarischen auch glaubhaft wirkt (weil unkonstruiert, zufällig, schleppend entstehend) ergibt ein seltsames Holograph eines Menschen, in dessen Antlitz sich zahllose Entwurzelte vereinen. Jede Scherbe von Sebalds Protagonisten Jacques Austerlitz spiegelt andere Schicksale en miniature wider – und so wird Austerlitz zu einer Architektur, zu einem Bauwerk, wie auch die im Buch immer wieder beschriebenen Orte und Plätze, in dem sich zeit speichert, ein Buch, das zum Gedächtnis wird, von etwas, das nie wirklich genau so passiert ist, aber eben fast (Sebald bedient sich ausgiebig in der Biographie von Susi Bechhöfer) – und eben an dieser Bruchstelle von Realität und Hyperrealität umso prägnanter wirkt. Im Irrealen blitzt das Reale durch und umgekehrt.

Austerlitz ist ein wuchtiges, sperriges und zugleich wahnwitzig fein gesponnenes Konstrukt, das beim Lesen die Sorte Kopfweh verursacht, die man kriegt, wenn man zu schnell zu viel Eis isst. Großer Gestus, kleinste Zwischennoten, ein ganzes Universum an Anspielungen und Andeutungen, die man vertiefen kann und soll, ist Austerlitz weniger Buch als vielmehr ein Monument, eine Schatzkiste, eine Reise, eine meisterhaft vertrackte Fuge, die so anstrengend wie befriedigend ist.

Pierre Cabanne: Dialogues with Marcel Duchamp

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Bemerkenswert an diesem schmalen Band, der ursprünglich Ende der sechziger Jahre kurz vor Duchamps Tod  erschien, sind vor allem die grandiosen Kapitelüberschriften  (A window onto something else, I like breathing better  than working, I live the life of a waiter, Eight years of swimming lessons), die an sich kleine surreale Meisterwerke sind. Das Gespräch mit Duchamp, der altersweise und unerwartet trocken-sachlich, mit grandiosem Gedächtnis für kleinste Details auf sein Leben und Werk zurückschaut, ist einerseits grandios, andererseits vermeidet Marcel Duchamp jede Verklärung, aber eben auch jede Erklärung. Wer tieferen Einblick in sein Denken und Schaffen sucht, ist hier vielleicht falsch. Duchamp gewährt nur sehr mittelbar einen Blick in die Karten, durch die Auseinandersetzung mit Zeitgenossen und durch biographische Anekdoten – und vielleicht durch den beiläufigen Umgang mit der eigenen Bedeutung. Bei seinen Arbeiten spricht er oft über Amusements, und eine fast kindliche Begeisterung für die Bastelarbeit, die Suche nach einer Lösung blitzt durch. Auch wird deutlich, wie sehr Duchamp instinktiv nach einer Kunst ohne Kunst, ohne Pinsel und Farbe, ohne das Auge sucht. Es blitzen immer wieder Überlegungen über die Kunst an sich auf, über seinen eigenen Status, über die Moderne, aber ein Großteil des Interviews plätschert leider auch etwas dahin. Der letzte Satz allerdings, wenn man bedenkt, wie kurz vor seinem Tod Duchamp hier im Alter von 79 Jahren stand, ist großartig – I am very happy.

Dialogues ist ein lesenswerter Einblick in die Gedanken eines großen Künstlers, der allerdings wie ein guter Pokerspieler seine Karten dicht bei sich hält, lieber über Kollegen, über New York und Paris, über den Surrealismus an sich, über Kunst berichtet als über sich selbst – obwohl bei aller Bescheidenheit die singuläre Suche nach «Significance» in seinem Tun, nach dem Neuen, immer wieder durchblitzt. Duchamps Arbeiten platzen vor Neugier und Experimentierfreude, auch in technischer Hinsicht, und diese Neugier prägt auch das Interview, in dem Duchamp mit seinen Gesprächspartner, den versierten Kunstjournalisten Pierre Cabanne, blitzlichtartig die Kunstszene des gesamten 20. Jahrhunderts durchstreift, um immer wieder Bewunderung oder Desinteresse zu bekunden, den Kunstmarkt als künstlich aber, für sein finanzielles Überleben wichtig, zu betrachten, und indirekt deutlich zu machen, wie wenig seine eigene Arbeit «Kunst» ist, wie sehr er eigentlich nur Neigungen, Interessen, Neugierden gefolgt ist, fast will es bei all dieser Bescheidenheit scheinen, als sei er zufällig einer der wichtigsten Konzenptkünstler der Moderne geworden. Die Radikalität seiner Arbeit sucht man in diesem Interview vergeblich – wenn auch immer wieder scharfe Kanten und provokante Statemens durchblitzen -, aber die ironische Leichtigkeit, die man in Duchamps Arbeiten immer ahnt (die manche Kritiker aber irgendwie zu ignorieren schaffen) ist eindeutig greifbar. Kunst oder vielmehr Nicht-Kunst von Duchamp ist Ausfluss eines in vollen Zügen gelebten Lebens, greifbares Artefakt einer eigenen lustvollen Suche nach dem Neuen, einer Lust am Wortspiel und am derben Humor. Duchamp ist der Samuel Beckett der Kunstszene gewesen – und Cabannes Text macht dies begreiflich, macht eine Legende menschlich. Das ist keine schmale Leistung, sondern ein Interview, dem es gelingt, den Menschen hinter der Fassade des Kunstmarktes zu greifen.

Miranda July: No One Belongs Here More Than You

Vor etwas über einem Jahr zweimal gekauft – eins für mich, eins als Geschenk – und jetzt endlich gelesen: Das großartige No one belongs here more than you (übrigens ursprünglich eine Werbezeile für Tourismus in Israel) der Filmemacherin und Künstlerin Miranda July. Die eben nicht nur in ihren Filmen, ihrer Site und ganz generell eine großartig exzentrische, wunderbare Person zu sein scheint – soweit man das medial beurteilen kann, sondern auch verdammt gut schreibt. No surprise, really. Deutlich in der Tradition von Carver und Hempel, also knackige Kurzgeschichten mit doppeltem und dreifachen Boden über die Untiefen des Lebens und der Liebe, schreibt July mit einem quirligen Humor, einer Art düsterem Mary-Poppins-Flair, das ihre Stories ganz und gar einzig- und eigenartig macht. Ihre Charaktere wirken zerbrechlich, zerbrechend, zerbrochen, und dennoch einzigartig liebenswert, skurril, wunderbar, man möchte sie wie seltsame Tiere nach Hause holen und gesund pflegen. July spielt virtuos auf dem Metaphernklavier und deckt ganz in der Tradition großer amerikanischer Kurzprosa die kleinen und großen Katastrophen des Lebens ab. Du folgst ihren  seltsam deplacierten Figuren folgen einer oft bizarren Logik durch widersprüchliche Gefühswelten, durch Unfälle, Mißverständnisse, Fehlkommunikationen. Es sind wunderbare Liebesgeschichten, sensibel und authentisch und weit entfernt von dem, was man normalerweise als Love Story bezeichnen würde. Jeder zweite, dritte, vierte Satz ist zitatwürdig, hat diese schwebende Eleganz, die holographische Tiefe, die eine tiefe Resonanz in dir als Leser auslöst. No one belongs here more than you ist kein leicht wegzukonsumierendes Buch, bei allem Humor, bei aller schweren Leichtigkeit- die Geschichten verlangen, in Ruhe gelesen, mehrfach gelesen zu werden, um sie zu erfassen, wie Hemingway in seinen besten Momenten packt July in dezente Beschreibungen und Andeutungen eine Informationsdichte, die erfasst, verarbeitet sein will. Da die Short Stories aber zwar alle einen Sound haben, einen verbindenden Stil, aber dennoch sehr unterschiedlich ausgefallen sind, wird das Buch niemals langweilig. Inzwischen als Paperback erhältlich, ist No one belongs here more than you die Sorte Buch, die du absolut nicht verpassen darfst.

Chuck Palahniuk: Snuff

Im Gegensatz zu Palahniuks letztem Buch, Rant und auch gemessen an Haunted, ist Snuff ein denkbar geradliniges Buch. Die Geschichte liest sich eher wie eine Art ausgedehnter Short Story, mit einer vergleichsweise simplen Idee und einem recht vorhersehbaren Plot, inklusive einer finalen Plot-Twist-Wendung, die sich fast zur Mitte des Buches schon per Telegramm vorankündigt. Insofern ist nuff eine Art interessanter Gaumenreiniger nach Rant, eine Rückkehr zu dem fast vergessenen linearen Erzählstrukturen von Chuck Palahniuk, enger dran an Survivor oder auch Fight Club. Es st nicht so manisch.grandios wie Rant, aber immer noch eine lesenswerte Novella.

Snuff dreht sich um einen Riesen-Gang-Bang, mit dem die  in die Jahre gekommene Pornqueen Cassie Wright ihrer Karriere die Krone aufsetzen will. Sie will Anabel Chong und Sabrina Johnson übertreffen und mit 600 Männern vögeln, wobei sie durchaus in Kauf nimmt, dass sie bei der ganzen Sache sterben könnte. Denn nur so könnte sie dem unehelichen Kind, dass sie ganz zu Beginn ihrer Karriere mit dem Pornodarsteller Branch Bacardi im Drogenkoma gezeugt hatte, einen ordentlichen Batzen Geld vererben – vom Verkauf der Filme, ihrer Sextoys und nicht zuletzt der zig auf sie abgeschlossenen Versicherungen (die Tod durch Beischlaf mit 600 Typen nicht als Selbstmord definieren… jedenfalls noch nicht). Erzähler der Story sind Mr. 72, Mr. 600 und Mr. 137 sowie die Produktionsassistentin Sheila, die die 600 Männer, die nackt im Keller des Filmstudios darauf warten, die Pornolegende besteigen zu dürfen, jongliert. Im Verlauf des Buches stellt sich heraus, dass Mr. 137, Dan Banyan, ein abgehalfteter TV-Darsteller ist, der hier seine Homosexualität öffentlich ablegen will, dass Mr. 600 besagter Branch Bacardi ist, der inzwischen zu einer Selbstkarikatur gealtert ist und eine Zyankali-Kapsel bei sich trägt, während Mr 72 überzeugt ist, der verlorene Sohn von Cassie zu sein, der ihr seine Liebe gestehen will. Gespickt mit Viagra, bösen Seitenhiben auf die Pornbranche und auf das Filmbusiness und dessen Schönheitswahn generell, erzählt Palahniuk eine überraschend tighte Geschichte, die schell wie ein D-Zug an dir vorbeirast, die knapp 200 Seiten Story sind fast zu schnell vorbei. Palahniuk macht sich nicht die Mühe, bestimmte Wendungen lange aufzubauschen, er haut dir eine Überraschung nach der nächsten um die Ohren und wenn das Buch endlich zum Höhepunkt kommt, ist er so absurd und bizarr, wie man es von diesem Autor halt gewöhnt ist. Snuff liest sich überraschend wie ein Drehbuch – wie Palahniuk lite – mit all den Bells&Whistles, die man von Chuck gewohnt ist (wie etwa der exzessiven Verwendung von «true facts»), so als hätte Palahniuk einen alten Stoff aus der Schublade gerettet.

Und in der Tat gerettet, denn Snuff ist ein großartig respektloses Buch, das einen luziden Blick auf die Absurditäten und Zusammenhänge von Porno, Schönheitswahn und Unsterblichkeit wirft. Hinter dem scheinbar flüssigen Erzählstil und der effektheischenden Story nutzt sich Snuff die Welt der Pornographie als überzeichneten Zerrspiegel für tatsächliche Gesellschaftstrends, für den Wunsch nach ewiger Jugend, die Surrealität dieses potemkinschen Dorfes namens Schönheit. Snuff ist eine neongrelle Soap Opera, nur halt mit Viagra, Dildos und Aufblaspuppen als Requisiten. Und so wie Cassies Möctegern-Sohn eines Tages von seiner Adoptivmutter mit der Aufblaspuppe seiner «echten» Mutter erwischt wird, der leider durch die Bisse, die der Vorbesitzer in der gebraucht gekauften Gummipuppe hinterlassen hat, mit jedem Stoß weiter in sich zusammenfällt, so geht es auch im ganzen Buch um geplatzte Träume, in sich zusammenfallende Hoffnungen.

Dass Palahniuk es nicht schafft, seinen Charakteren eigene, einzigartige Stimmen zu geben – sie klingen alle mehr oder minder wie der Autor nun mal schreibt -, und dass bestimmte Running Gags (wie die frei erfundenen Filmtitel oder Sheilas permanente Synonyme für «Onanierer» irgendwann einfach eher schal und nervig wirken, ändert nichts daran, dass Snuff eine schöne, schnelle, bizarre Farce ist, ein hochgradig witziges Buch. Auch wenn das «Schockthema» Porn nun beileibe nicht mehr sonderlich schockend wirkt heutzutage, gelingt Chuck doch, aus der Mischung von Sex und Tod eine seiner typischen Stream-of-Consciousness-Fabelgeschichten zu drehen, hinter deren überschminkter karikaturenhaft überzeichneter Kulisse die harte Wirklichkeit seiner desillusionierten Charaktere am Ende ihrer jeweiligen Laufbahnen erschreckt – eben genau wie in der Pornobranche auch.

The Shifting Realities of Philip K. Dick: Selected Literary and Philosophical Writings

So sperrig wie der Titel vermuten lässt, ist das Buch nicht ganz – aber es ist tatsächlich der Versuch, sich einem der seltsamsten neuzeitlichen Autoren der USA durch seine eigene Reflektion zu nähern. Essays, Vorträge, Briefe und Auszüge aus Dicks langer Reise in die Mystik, Exegesis, ein handgeschriebenes Journal, das Dick nacht um nacht bis zu seinem  Tod 1982 führte, um sich über ein metaphysisches Ereignis von Februar 1974 klar zu werden und das zugleich die zunehmend religiöseren Themen seiner Arbeit, wie etwa in der Valis-Trilogie, widerspiegelt.

Im Grunde liest sich Shifting Realities wie Dicks umfassende literarische Laufbahn en miniature. Das Buch fängt sehr leichtfüßig an, liestsich hochspannend und gibt einen spannenden Einblick hinter die Kulissen von Dicks Leben und Werk, wird dann im späteren Mittelteil eher seltsam diffus und nichtssagend und ist am Ende ein fast undurchdringlich dichter Dschungel aus persönlicher Paranoia, religiösem und in ihrer komplex konstruierten und zugleich fast wahnhaften Art kaum zu durchdringenden Theoriegebäuden. Das letzte Viertel des Buches wird damit ebenso gleichzeitig fast unlesbar und hypnotisch wie eben Valis, Divine Invasion und Timothy Archer. Das Buch spannt einen Bogen von langen Texten, in denen Dick seine eigene Arbeit analysiert oder kommentiert, über Drehbuch-Vorschläge für TV-Serien, die bei aller Kommerzialität immer wieder zu Dicks klassischen Rhemen – was ist real, was ist menschlich – zurückkommen und sich eben tatsächlich sehr nach PKD «anfühlen» bis hin zu den kosmologischen und gnostischen Untiefen, die Dick am Ende seines Lebens beschäftigten und in denen Dick sich als spiritueller Philosoph profiliert, dessen Genie – auch wenn man mt den Inhalten nicht immer übereinstimmen mag und sich immer wieder fragt, welche Drogen Dick wohl genommen hat (angeblich zu dem Zeitpunkt gar keine mehr) – durch jede Zeile blitzt. Shifting Realities zeigt Dick als unsicheren und zugleich mitunter fast arroganten, politisch aufgeweckten und aktiven Counter-Culture-Typus, der seine Drogenexperimente und seine Coolness oft etwas bemüht betont und der am Ende seines Lebens spürbar eine spirituelle Erfahrung hatte, die nur zu gut als Coda zu seinem Gesamtwerk passt. Der Autor, dessen düsteres Gesamtwerk sich stets um die Authentizität von scheinbarer Realität drehte, der wie kein zweiter glaubhafte künstliche Welten und Gesellschaften aus dem Ärmel schütteln konnte, ist am Ende überzeugt, dass unsere alltägliche Welt auch nur eine Illusion ist, hinter der sich vielleicht eine seltsame Parallelwelt versteckt, in der Jesus und seine Gläubigen immer noch ums Überleben in Rom kämpfen. Mit starken Selbstzweifeln geht Dick dieses Thema immer und immer wieder an, und man merkt, wie manisch er sich in den Themenkomplex Religion und Spiritualität einarbeitet, um Bezüge, Referenzen zu finden, die sein individuelles Erlebnis rahmen können, es greibar und verständlich machen. Ob nur Nebeneffekte seiner Drogenexperimente oder echte spirituelle Epiphanie, selbst Dick war sich nie sicher, was es mit 2-3-74 auf sich hatte. Und diese Unsicherheit nährt seine Texte und seine Bücher, macht sie zu zerbrechlichen Attacken wider die Rationalität, gegen die nur scheinbare Sicherheit des Realen.

Gesamt gesehen ist Shifting Realities ein etwas trauriges Monument für einen Autor, der seinen großen Erfolg und seine Mainstream-Anerkennung nicht mehr selbst erlebt hat, der zwischenzeitlich verarmt auf die Hilfe von Kollegen angewiesen war, der wie ein Schreibroboter SF-Bücher herausgehauen hat, um die Miete zahlen zu können, dessen Privatleben in die Brüche ging, der sich vom CIA verfolgt fühlte und der schließlich seinen letzten fragilen Bezug zur Realität zunehmend in Frage stellte. Und zugleich zeigt sich in Dicks Texten ein selbstironischer, humorvoller, hilfbereiter Intellektueller, dessen Glaube an das Gute im Menschen und dessen Hoffnung für die Zukunft der Menschheit immer deutlicher zutage tritt und das Klischee der klassischen gequälten Künstlerseele kontert.

Shifting Realities ist sicher nichts für Gelegenheitsleser, für Hardcore-Dick-Fans aber sicher kluge Sekundärliteratur, die den oft undurchdringlichen Wus von Dicks Texten, Ideen und Konzepten etwas lichtet und den Autor hinter den Texten verständlicher macht als so manche Biographie.

Cheat Lie Evade

The totalitarian society envisioned by George Orwell in 1984 should have arrived by now. The electronic gagdgets are here. The government ist here, ready to do what Orwell anticipated. So the power exists, the motive, and the electronic hardware. But these mean nothing, because… no one is listening. The new youth that I see is too stupid to read, too restless and bored to watch, to preoccupied to remember. The collective voice of the authorities is wasted on him, he rebels. But rebels not out of theoretical, ideological considerations, but only out of what might be called pre selfishness. Plus a careless lack of regard for the dread consequences that the authorities promise him if he fails to obey. … When the locked police van comes to carry him off to the concentration camp, the guards will discover that while loading the van they have failed to note that another equally hopeless juvenile has sleashed the tires. And while the tires are being replaced, some other youth siphons out all the gas from the gas tank for his souped-up Chevrolet and has sped off long ago. …

If, as it seems, we are in the process of becoming a totalitarian society, in which the state apparatus is all-powerful, the ethics most important for the survival of the true, human individual would be: Cheat, lie, evade, fake it, be elsewhere, forge documents, build improved electronic gagdets in your garage…

Philip K. Dick, The android and the human, 1972

Philip K Dick: Lies Inc.

Lies Inc. ist ein seltsames Buch, eine Art Mash-Up in Buchform. Ursprünglich 1964 als Kurznovelle The Unteleported Man gemeinsam mit einem anderen SF-Buch als Double Feature veröffentlicht, wurde Dick ein Jahr später gebeten, 1965, es zu erweitern für eine vollwertige Publikation. Der Verlag lehnte das neue Material jedoch ab und erst heute – nachdem einiges verloren gegangen ist, wieder umgeschrieben wurde, neu zusammengesetzt, Seiten wiedergefunden und rekonstruiert – ist das Buch in seiner von Dick geplanten Form erschienen. Dick selbst hat den erweiterten Teil etwa ins letzte Drittes des Buches geklemmt, in Kapitel 8 bis 15 – und so entsteht ein seltsam surreales Bucherlebnis. Den in dem nur einem Jahr zwischen 1964 und 65 hat sich anscheinend Dicks Schreibstil entscheidend gewandelt. Während sich das Originalmaterial eher wie ein typischer Dick-SF-Stoff anfühlt, ist der nachträglich eingeschobene Block eher ein völlig unwirklicher LSD-Trip. Der ursprüngliche Plot behandelt eine überbevölkerte Erde, deren Bewohner mit Hilfe einer Einweg-Teleportationstechnik zu einem entfernten Planeten «Whale’s Mouth» flüchten. Von diesem Planeten gibt es keine Rückkehr, nur überfröhliche Videobotschaften werden gesendet – und als die sich als Fälschung herausstellen entscheidet sich Rachmael ben Applebaum, mit dem letzten Raumschiff seiner ruinierten Firma, den 18-jährigen Flug zu diesem Planeten zu unternehmen, um selbst leibhaftig zu überprüfen, wie es auf Whale’s Mouth aussieht. Diesen Plot verziert Dick mit den üblichen Elementen – einer fast allmächtigen deutschen Firma THL, die die Teleportation monopolistisch verwaltet, einer zweilichtigen UN, die vielleicht Gegenspieler, vielleicht Partner von THL ist. Dicks essentielle Frage nach der «Realität» steht im Mittelpunkt,m aber ansonsten ist es eine relativ straightforward geschriebene Sf-Adventure-Geschichte, eher mit dem Flair einer Kurzgeschichte als eines komplexen Buches. Auch die tatsächliche Auflösung ist eher so-so. Der eingeschobene nachträglich geschrieben Block hingegen fühlt sich an wie ein Fiebertraum, vor allem im Kontext des restlichen Buches. Charaktere werden wild ausgetauscht, sterben (um dann, in der Rückkehr zum ersten Teil seltsamerweise wieder lebendig zu sein), absurde Parawelten erscheinen, die gesamte eigentliche Handlung wird zu einem LSD-Trip de luxe, Dick hebelt einfach seinen eigenen Plot aus und führt Elemente ein, die im späteren Verlauf nicht wieder aufgegriffen werden. Dieser Bruch in der Narration ist an Unwirklichkeit nicht zu beschreiben. Die UFO-Entführungsszene aus «Das Leben des Brian» ist noch am ehesten ein Vergleich – wenn man sie das erste Mal sieht. Der nachträgliche Stoff ist ein permanentes What-the-Fuck-Gefühl. Es ist großartig, diese mitten in einem Kapitel stattfindende Juxtaposition von zwei völlig verschiedenen Gesichtern desselben Autoren zu erleben – und seltsamerweise macht gerade diese Inkongruenz, diese Beule in der Erzählung, das Buch hochinteressant. Mit einem Mal ist der Boden in der Fiktion weggerissen und als Leser bist du aus der Story hinausgeworfen, aus dem allzu wohligen Erzählmodus, in einem Zustand, der wie Kafka auf harten Drogen, wie Samuel Beckett, wirkt, wo es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um Emotionen, um Angst, um Wahn, um die Wirkung von Worten an sich. Mit einem Mal ist man in einer Art Mischung aus Psychotherapie/Brainwash-Gruppe und KZ gelandet, in dem jegliche Realität, jegliche Wirklichkeit permanent hinterfragt werden muss, in dem ein massives Gefühl von Mißtrauen und Paranoia herrscht – um dann zurückzukehren zur normalen SF-Novelette. Das ist ein literarisch wunderbarer Mindfuck, ein seltsames Kunststück, Surrealismus als SF zu verkaufen.

Lies Inc. ist nicht mal annähernd ein Meisterwerk von Dick wie Scanner, Valis, Androids oder High Tower - wobei Dick selbst ja abstruserweise auch The Zap Gun zu seinen besten Büchern zählte ;-). Es ist eines dieser zusammengeschusterter post-mortem publizierten Dinger, mit denen man echt vorsichtig umgehen muss, es hat so einen Hauch von Archivplünderung. Aber für den Hardcore-PKD-Fan ist es ein Juwel, weil es eine Bruchstelle im Oevre des Autoren nicht nur markiert, sondern in einem einzigen Buch dokumentiert. Was man ansonsten immer nur vage im Gesamtwerk von Dick spürt – die Wellen, die Übergänge, die Brüche in seinem Leben und Werk – ist hier exemplifiziert. Und das macht Lies Inc. zu einer Entdeckung.

Chip Kidd: The Learners




The Learners
schließt unmittelbar an Kidds Debut The Cheese Monkeys an, mit dem frisch gebackenen Grafik Designer Happy, der nach New Haven reist, um in der Werbeagentur, in der sein früherer Lehrer Winter Sorbeck  seine Karriere begann, in dessen Fußstapfen zu treten. Dabei stellt sich Spear, Rakoff & Ware allerdings als ziemliche Klitsche heraus, in der einige arg gebrochene Figuren ihre Tage verbringen. Wie der Zufall es so will wird auch Himilsy Dodd, Happys hyperkreative, wunderbar durchgeknallte Studienkollegin, auch wieder in sein Leben gespült, nur um kurz darauf allerdings recht endgültig zu verschwinden. Happy nimmt an einem Pitch und an einem Experiment teil und ist am Ende des Buches nicht mehr der gleiche wie zu Beginn…

Bereits The Cheese Monkeys lies wenig Zweifel daran, dass Chip Kidd nicht nur ein wegweisender Designer ist, sondern unverschämter- und naheliegenderweiser auch noch ein grandioser Autor. The Learners unterstreicht diesen Anspruch. Das Buch kombiniert einen fast vergessenen Screwball-Humor mit Elementen, die an Fitzgerald erinnern, und durchtränkt das ganze mit einer modernen Verspieltheit, die gerade bei einer Handlung, die in den Sechzigern spielt, wunderbar metatextuell funktioniert. Wenn Kidd etwa den «Content» in seinen verschiedensten Formen – Ironie, Metapher, Witz, Ehrlichkeit – zu Wort kommen lässt und so den eigenen Text kommentiert, wenn am Ende des Buches der mit Schlaftabletten vollgepumpte Happy nicht mehr in der Lage ist, normale Worte zu formulieren und der Text orthographisch zusammenbricht, wenn Kidd den Spears-Angestellten Tip geradezu bahnbrechend die Zukunft des Marketing erahnen lässt – Psychologie, Markt-Befragung – und das ganze immer wieder in die Hose geht, dann gelingt der Mix aus moderner Sensibilität des Autors und der historischen Naivität des Settings nahezu perfekt. Learners ist ein hochintensives, sehr ernsthaftes Buch, das trotzdem vor Humor trieft, mal leise, mal derbster Natur. Dass Kidd selbst Designer ist, merkt man nur der präzisen Konstruktion des Buches an, und der Tatsache, daß er Typographie – Happys Steckenpferd und zufällig auch das des Autors – gezielt als als Erzählmittel einsetzt, wenn etwa Text einer Achtelseite-Anzeige, die Happy für Stanley Milgram entwickelt hat, in den Fluß der Geschichte platzt, oder wenn Happy beim Anblick der auf ein Shirt genähten Inititalen einer Pserson sofort überlegt, ob das nun wohl 36 oder 40 Punkt Schriftgröße seien.

Das Kidd Milgrams legendäres Elektroschock-Experiment von 1961 zentral in die Handlung des Buches einflechtet, ist faszinierend – einer der besten Aspekte des PSychologie-Studiums waren immer Experimente wie diese, oder auch die von Zimbardo oder Skinner (wer solche Experimente mag, ein wunderbares Buch darüber ist Lauren Slaters Openening Skinners Box…). Kidd zeigt sehr unmittelbar, welche Auswirkungen die Teilnahme an dem Experiment auf den Protagonisten hat, wie sehr die Erkenntnis, dass man selbst im Dritten Reich zu denen gehört hätte, die brav Befehle befolgt haben, die Selbstwahrnehmung unterminiert. Das düstere und zugleich absurd komische Ende des Buches lässt hoffen, dass Happy den zweiten Band überlebt und wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen – es wäre schon spannend zu sehen, welche abstrusen Abenteuer Happy in der amerikanischen Flowerpowerzeit und vor dem Bakcground des Vietnamkrieges erlebt…

The Learners ist ein schnelles, witziges, charmantes, im besten Sinne unterhaltsames Buch, das dabei keine Sekunde zu einfach oder zu dumm ist, sondern hier und da fast zu clever sein will. Ob es wirklich den Content-as…-Wink mit dem Zaunpfahl gebraucht hätte, sei dahingestellt, aber selbst diese Passagen lesen sich flott und amüsant weg und wirken nicht allzu smart-assed. Die Charaktere, die oft prototypisch an echte Figuren angelehnt zu sein scheinen und zugleich aus alten 60s-Filmen entlehnt wirken, sind wunderbar und liebenswert in ihrer Kaputtheit, und Kidd erweist sich insgesamt als Autor von einem Kaliber, dass man sich nur wünschen kann, dass er in Zukunft mehr schreibt – auch wenn das bedeutet, dass wir eventuell weniger Coverartwork von ihm sehen würden.

James Webb Young: A Technique for Producing Ideas

Glaubt man seinem Lebenslauf, ist James Webb Young ist ein Verkäufer durch und durch – und sein nur 48 Seiten umfassendes kleines Büchlein A Technique for Producing Ideas wirkt auch so, als würde Young, der einst Bibeln von Tür zu Tür verkaufte, sich als moderner Schlangenelixier-Salesman verdingen. Eine Technik, mit der man verlässliche Kreativität erzeugen kann – dieses Versprechen ist zu schön um wahr zu sein. Und Young ist natürlich nicht der letzte, der solche Versprechen verkauft, ein moderner Vertreter ist Mario Pricken. Was in Youngs Buch dann tatsächlich steht – und unglaublicherweise geht mehr als 2/3 auch noch für Vorworte und etwas oberflächliches Vorgeplänkel des Autors über Pareto drauf – ist im Grunde heute bekannt und vertraut und in zig anderen Büchern zum Thema aufgearbeitet.

Young stellt fest, das Ideen meist die neue Rekombination alter Elemente sind. Wichtig hierfür ist ein Denken, dass vor allem die Beziehungen zwischen den verschiedensten Dingen herstellen kann, das nahtlos zwischen den Feldern hüpft und Fäden zwischen Elementen sieht, die anscheinend auf den ersten Blick verborgen sind. Diese Art, relationship between facts zu sehen, kann trainiert und kultiviert werden.
Youngs Technik:

1. Sammeln von Rohmaterial. Damit meint er sowohl spezifisches als auch generelles Wissen aufzusaugen. Spezifisch bezogen auf den Beruf, auf ein bestimmtes Projekt – und allgemein bezogen auf Wissen und Fakten, eintauchen in die KUltur und das Leben. Neugierig sein. Interessiert sein an den unterschiedlichsten Themen. Hypertextualisierung vorwegnehmend, empfiehlt Young hier das anlegen von Zettelkästen für spezifisches und von Notizbüchern für generelles Wissen.

2. Der Mentale Verdauungsprozess. Hier werden die Fakten für ein Projekt «durchgekaut», vor dem geistigen Auge hierhin und dorthin gedreht, die Puzzlestücke in schlaflosen Nächten ansatzweise zusammengesetzt, bis man verzweifelt aufgeben möchte. Young legt Wert darauf, dass man bis zu diesem Erschöpfungspunkt gehen sollte, bis man hoffnungslos vor dem Scherbenhaufen einzelner Elemente sitzt, die nicht zusammenkommen wollen. An diesem Punkt sollte man das Problem völlig loslassen, Musik hören, schlafen, entspannen, spazieren gehen, kochen… abschalten

3. Der unterbewußte Prozess. Wie ein guter Detektiv in einem Krimi urplötzlich eine Eingabe (Epiphany) hat, so erscheint auch die Lösung für unser Problem scheinbar aus dem Nichts. Unter der Dusche, beim Frühstück, beim Rasieren, nach dem Aufstehen, mitten in der Nacht. Scheinbar urplötzlich ist die logische, folgerichtige Idee da, ready to be used. In der Ruhephase nach der Suche scheint das Unterbewusstsein quasi von selbst weiter nachzudenken und dabei oft die richtige Lösung zu produzieren.

4. Polieren. Danach kommt die Phase, in der die Idee mit anderen geteilt, verbessert, aufgearbeitet wird. Ist die Idee gut, wird sie überzeugen, anstecken und sich replizieren und neue Möglichkeiten innerhalb der einen Idee selbst werden offenbar.

5. Ausformung. Die Produktion. Der «handwerkliche» Prozess, der die abstrakte Idee in die Wirklichkeit holt.

Das mag einem heute aus anderen Publikationen vertraut vorkommen, Young aber war mehr oder minder der erste – das Buch erschien in den vierziger Jahren – der diese Technik formulierte. Ob sie universal so stimmt, oder ob Young das Pferd von hinten aufzäumt und diese Technik nicht kreativ macht, also für Jedermann anwendbar ist, sondern nur funktioniert, wenn man ohnehin kreativ ist, Young also nur einen Prozess abbildet… sei dahingestellt. Aber ich selbst kann bestätigen, dass es oft genau so läuft. Wichtigster Bestandteil der kreativen Arbeit ist Neugier, ein Art Schwamm-Existenz, ein Aufsaugen von allem und jeden. Das Unterbewusstsein wird so zu einer Art staubigen Lager, in der die verschiedensten Elemente herumlungern und nur darauf warten, dass man von einem Begriff zum nächsten hüpft und sich Referenzen und Ideen wie Moleküle miteinander verketten. Ich habe es selbst mehr als oft gehabt, dass ich wirklich nach langer verzweifelter Suche nach einer Lösung erst nach einer kurzen Atempause plötzlich wie von Geisterhand die rettende Idee hatte – am auffälligsten wirklich beim Konzerthaus Dortmund, wo mir partout nichts funktionables einfallen wollte, bis eines morgens die Idee mit dem Abrisskalender da war und ich Steffi als sie wach wurde, überenthusiastisch damit vollplapperte, um dann binnen von drei Tagen den gesamten Pitch zu stemmen. Solche Eingebungen gibt es öfter – der andere auslösende Faktor, finde ich, ist massive Überarbeitung. Wenn man zwölf spannende Jobs gleichzeitig jongliert, purzeln Ideen nur so aus einem hinaus und je kreativer man arbeitet, desto kreativer wird man auch. Ein weiterer wichtiger Faktor, den Young anreisst aber nicht ganz entfaltet, ist Kommunikation, Austausch. Je kreativer die Leute sind, mit denen du zu tun hast, umso angespornter bist du auch selbst. Ich merke immer, wie ich nach Gesprächen mit Leuten, die Designer sind, um in erster Linie ihr Geld zu verdienen, lustlos meinen Job mache, und wie anders es mir geht, wenn ich mehr Kontat zu Menschen habe, die das, was sie tun, mit echter Leidenschaft erfüllen. Das betrifft nicht nur Freunde und Kollegen, sondern auch Kunden. Architekten, die für das, was sie tun, brennen, Dramaturgen mit Leidenschaft, Geschäftsleute, die mehr wollen als nur den Absatz verbessern – beflügeln unweigerlich auch mich. Für solche Kunden gute Arbeit zu machen ist die leichteste Übung der Welt.

Ich glaube, Kreativität hat viele Wurzeln und als Dozent interessiert mich inzwischen viel mehr die Frage, wie man die kreativen Studenten an die Quellen führt. Ich glaube, viele Wege führen dahin. Harte Arbeit, Training. Mut, Grenzen zu überschreiten und sich selbst zu verlassen. Neugier und Spielfreude. Angstlosigkeit. Das schaffen nicht viele – und anders als Beuys bin ich der Überzeugung, dass vielleicht nicht jeder Mensch zum Künstler geboren ist -, aber es ist überraschend, wie Leute sich entfalten und entwickeln, wenn sie sich drauf einlassen und ihre innere Kreativität entdecken wollen.  Youngs Buch mag alt und auch etwas altbacken wirken, aber die Frage, woher eigentlich die Ideen kommen – ist heute so aktuell wie in den vierziger Jahren.

Chuck Palahniuk: Rant

Gerade mal Januar und das Buch des Jahres ist – bisher – schon gelesen. Chuck Palahniuk, schon mit seinem Debut Fight Club zum Kultautoren avanciert (nicht zuletzt dank David Finchers Verfilmung) ist ein Mann, der spätestens seit seinem vielleicht kommerziellsten Versuch, Lullaby, Buch um Buch die Grenzen des Machbaren neu auslotet. Bereits sein letztes Werk Haunted war ein literarisches Experiment, ein poetisch-halluzinogener Versuch über die Casting-TV-Gesellschaft, ein postmoderner flimmernder multifacettierter Horror. Rant setzt diesen Trend zu immer extremer außerhalb des Mainstreams operierenden Büchern in jeder Hinsicht fort. Bereits die narrative Form ist ein Experiment. Rant hat das Finish einer dokumentarischen «oralen Historie», einer vor allem im Film real existierenden Form der Erzählung, hier von Angehörigen und Bekannten über einen Verstorbenen, der allerdings in diesem Fall fiktional ist. Palahniuk lässt über 30 verschiedene Charaktere im dichten Wechselspiel zu Wort kommen, die die Geschichte des namensgebenden Buster «Rant» Casey erzählen. Bereits der Vorname des Protagonisten lässt vage erahnen, dass Rant auch als eine bizarre Komödie gesehen werden kann und darf, und dass Palahniuk mit jedem Kapitel den Leser in neue, surrealere Situationen (ver)führt. Die Genialität, mit der Rant zunehmend zu einem kaleidoskopischen Irrwirbel aus haarsträubenden, zugleich aber absolut überzeugendem Irrwitz mutiert, hat etwas von P.K. Dick oder Burroughs an sich, wirkt aber im Vergleich düsterer, bedrohlicher und zugleich, so widersprüchlich das klingen mag, witziger.

Rant ist im höchsten Maße nonlinear. Wenn eine der Erzählerstimmen, der Autoverkäufer und Daytimer Wallace Boyer, eingangs erklärt, er habe Rant erst nach dessen Tod kennengelernt, so ist dies wörtlich zu verstehen. Denn Rant erweist sich als meisterhaft konstruiertes Spiel mit Zeitparadoxen, als Zeitreiseroman auf höchstem Niveau, als großartiges Kabuki-Theater. Wann immer man in diesem Buch laut What the fuck…? rufen möchte – am Ende macht alles absolut Sinn. Palahniuk entspinnt eine hochgradig absurd anmutende Story. Aber von Busters Angewohnheit, Popel an seine Wand zu schmieren, über die Zahnfee, deren antikes Gold die Kinder seines Heimatdorfes zu dem wirtschaftlichen Hauptfakor der Stadt macht, über die Angewohnheit von Rants Mutter, tödlche Kleinigkeiten ins Essen einzubringen, etwa Reisszwecken in Kuchen, damit man konzentrierter ist – jedes Detail hat am Ende eine Funktion. Und das Buch steckt voller Details, so viele und so genial verpackt, dass man es kaum fassen kann. Rant ist ein Buch, das wie Folter den Härtegrad des Surrealen immer weiter dreht, ohne dabei jemals Tritt zu verlieren. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt Palahniuk die Leser von einer Stufe zur nächsten – Wenn du das geglaubt hast, kann ich ja hiermit kommen – bis man am Ende von Zäunen, in denen sich beim Sturm die Kondome und Binden verfangen zu einer Welt gekommen ist, die aus praktischen Gründen in eine Tag und eine Nachtwelt getrennt ist, um die Infrastruktur besser zu nutzen, in der du also entweder tagsüber oder nur nachts lebst, in der Buster Casey zum größten Verbreiter von Tollwut in der Geschichte der Menschheit wird, in der sich sogenannte Partycrasher als absurde Folge einer soziologischen Verkehrsforschung  in mit Weihnachtsbäumen oder Hochzeitsausstattung verkleideten Fahrzeugen durch bewusst herbeigeführte Auffahrunfälle amüsieren, und in der einige davon durch den Crash zu Zeitreisenden werden, um ihre eigenen Eltern umzubringen oder sich selbst zu zeugen. So dass Rant Casey am Ende sein eigener Vater ist -  aber eben doch nicht, sondern eigentlich das Ergebnis davon, dass sein größter Gegenspieler seine Urgroßmutter, seine Großmutter und seine Mutter vergewaltigt hat. Wodurch Casey eben selbst sein größter Gegenspieler ist. Was in Fight Club noch eine Schizophrenie des Hauptdarstellers war, ist in Rant auf eine ganz neue Ebene gehievt. Realität ist am Ende des Buches nur noch eine weiche, wandelbare Masse. Die Zukunft ist morgen nicht mehr das, was sie gestern vielleicht war, weil ständig jemand daran herumspielt.

Shot Dunyan, ein Co-Partycrasher von Buster, sagt an einer Stelle: «How weird is that? Instead of  biography, this story will become fiction. A factual historical artifact documenting a past that never happened. Like Santa Claus and the Easter Bunny, another obsolete truth.»

Der wunderbare zyklische Verlauf der Geschichte, die haarsträubende Auflösung, der relaxte aber lasergenaue Umgang mit Zeitparadoxen, führt am Ende tatsächlich zu dieser Metafiktionalität des Buches. Am Ende ist die Realität des Buches eine Fiktion, weil sie sich selbst aushebelt, weil Rant zu einer lebenden Zeitschleife wird, in einer Welt aus lebenden Zeitschleifen. Die Möglichkeit, dass die Welt, wie wir sie erleben, nur das Ergebnis einer weiteren Zeitmanipulation ist  – eine Welt ohne den I-SEE-U-Act und ohne die Trennung in Daytimers und Nighttimers, ohne Matrix-artige Stöpsel im Nacken, «one colossal traffic jam, the way the world used to be» – wird dabei deutlich angedeutet und das Buch so zum fiktionalen Zeugnis einer untergegangenen Alternativkultur.

Meisterhaft, vielschichtig, pervers geht Palahniuk in die ausgehöhlt scheinenden Minen der Science-Fiction-Kultur (wobei dies überhaupt erst im letzten Drittes des Buches klar wird) und belebt das Genre zu einem belletristischen Parforce-Ritt der höchsten Güte. Narrativ, strukturell, inhaltlich bricht dieses Buch über alle Grenzen hinweg, ist experimentell bis an die Grenzen und dabei doch stets lesbar und fesselnd, ist hochkomplex und vielschichtig, aber niemals smartassed. Selbst Details wie der NLP-predigende Autohändler oder die Anthropologen und ihre Thesen über die Seuchenausbreitung werden wichtig und sind nahtlos in den Fluss der sich wunderbar fraktal entfaltenden Geschichte eingebettet, die man idealerweise zweimal lesen muss. Palahniuk erreicht die erzählerische Dichte von Everything is Illuminated auf PCP, ohne dabei den emotionalen Tiefgang der Charaktere oder die Tragik hinter der Farce außer Acht zu lassen. Obwohl auf Deutsch wahrscheinlich unlesbar (wie jedes Buch von Palahniuk, man kriegt seinen minimalistischen, geschliffenen Stil einfach nicht übersetzt), ist Rant im Original ein absolutes Meisterwerk.

PAUL ARDEN: GOD EXPLAINED IN A TAXI RIDE

Man kann Paul Arden vieles vorwerfen, offensive Bescheidenheit sicher nicht. God explained in a Taxi Ride ist auf der Rückseite als «The world’s second best book on god» beworben. Und hier wird auch schon eine Schwäche von Ardens Ausflug in die Religion klar: Er beschränkt sich vielleicht etwas zu sehr auf «den» einen christlichen Gott, zudem noch auf eine etwas naive Vorstellung davon, und diese Perspektive, so offen Arden damit umgeht, ist etwas schwach für ein Buch mit so viel Ego.

In zur Marke Arden gehörenden Stil – gigantische Headlines, minimaler Text, viel Zeichnungen (diesmal durchgehend von Mark Buckingham) – geht Arden gegen den aus seiner Sicht antispirituellen Darwinismus an, erklärt, das Glauben nicht Wissen bedeute, sondern Vertrauen, kritisiert die Kirche, relativiert die Bibel als Niederschrift oraler Tradition und somit als nicht unbedingt verbindlich, philosophiert über die Absurdität religiöser Kriege (nur ein schlechter Glaubender denkt, dass ein allmächtiger Gott «verteidigt» werden will) oder über den Konsumerismus als neue Form der westlichen Religion («Supermarkets are the new cathedrals»), streift hochtolerant einige andere Religionen und kommt am Ende zum Fazit, das Gott der Name ist, den wir der Kraft geben, die hinter der Schöpfung steht.

Es ist, wie bei Arden üblich, ein im Kern banales Buch, dass er aber so warmherzig und voller britischem Charme verkauft, dass man ihm dafür nicht böse sein mag, im Gegenteil: Ardens Bücher sind wie Kinderbücher für Erwachsene. Viele Bilder, riesige Schrift, einfache und optimistische Botschaften. Keins seiner Bücher eckt an oder braucht länger als 30 Minuten zum Lesen und Verarbeiten. Was den Spaßfaktor der schmalen Bände aber beileibe nicht mildert.

Es ist mutig von Arden, sich von einfachen Motivationsbotschaten ins spirituelle zu begeben, vielleicht zu mutig. Aber im Grunde bleibt God explained in a Taxi Ride ein Konsens-Buch, das Ansichten über Gott und Religion, Kirche und Toleranz verbreitet, die so einfach, so grundlegend sind, dass sich wahrscheinlich die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen auf dieses Basics einigen könnten. Mit dem leicht durchschimmernden kreationistischen Touch des Buches habe ich etwas Bauchweh, aber die These, dass hinter der Evolutio, hinter all den Ketten von Zufällen, vielleicht noch mehr steht, ist ja durchaus so offen, dass man sie als recht universelle, spezifische Religionen transzendierenden Vorstellung von «Gott» akzeptieren kann. Ardens Buch ist sehr persönlich, warmherzig und zeigt auf, dass im Herzen der christlichen Vorstellung von Gott eine Toleranz und Spiritualität leben kann, die mit der inneren Größe anderer Religionen durchaus mithalten kann und die durchaus als Ethos einer zivilisierten modernen Gesellschaft funktioniert. Das Arden dies in aller Naivität tut und an unsere Kindlichkeit appelliert, ist dabei in diesem Kontext ein nur sinnvoller Kunstgriff. God explained in a Taxi Ride ist in aller Kürze seine persönliche Liebeserklärung an einen Gott, der jenseits kirchlicher oder kultiger Kontexte besteht – und damit ganz auf der Höhe der Zeit, in der Religion mehr und mehr zur Patchwork-Lösung wird. Das zweitbeste Buch über Gott ist es sicher nicht, sondern eher eine Powerpoint-Präsentation in Buchform, aber in dieser destillierten Kinderbuch-Form eben auch eine adäquate Auseinandersetzung mit einem Thema, das vielleicht besser funktioniert, je weniger man sagt.

LEONIE SWANN: GLENNKILL

In Leonie Swanns Schafkrimi löst eine Schafsherde rund um das superschlaue Schaf Miss Maple den Mord des Schäfers der Herde auf. Klingt putzig, ist putzig – und Leonie Swann schafft es tatsächlich, dieses haarsträubende Konzept durchzuziehen. Dem schuldet sie zwar allerlei bizarre Handlungsentwicklungen – wenn die Schafe etwa auf Beerdigungen und in Kirchen auftauchen oder ganz eigenständig eine Art Theaterstück auf der örtlichen Kneipenbühne des Mad Boar vorführen, aber selbst diese Abstrusitäten entwickeln sich im Verlauf des Buches noch zu wichtigen Handlungselementen, wenn der Metzger Ham langsam aber sicher eine Art Schaf-Verfolgungswahn entwickelt. Obwohl Swann mit Glennkill offenbar nicht viel mehr will als charmant und leicht unterhalten, gelingen ihr in den Details schöne und ambitionierte Beschreibungen, vor allem rund um den rätselhaften Widder Melmoth, der die Herde verlassen hat und wiederkehrte (und dessen Name sich entsprechend auf Maturins Roman zurückbezieht – einer der vielen, mitunter leidigen Namensgags im Buch.). Das Buch schleppt sich zu Beginn etwas arg daher, weil nahezu jede Information nur indirekt vermittelt werden kann und man als Leser eine ganze Weile braucht, um in diesen Modus des Hörensagen hinein zu kommen und die Auflösung des «Falls» ist sicher enttäuschend für alle, die etwa einen echten Krimi erwartet haben – aber dennoch ist Glennkill ein solider Badewannen-Zeitvertreib. Die sehr lineare Handlung, die oft etwas aufdringliche Niedlichkeit der Protagonisten und die schablonenhaften irischen Dorfcharakter Charaktere legen eine Verfilmung des Erfolgsbuches irgendwie nahe, und genau wie die Sorte Film, die man bei dem Gedanken um eine mordfall-lösende Schafsherde vor Augen hat, handelt es sich eben auch bei dem Buch… Tiefgang sollte man bei beidem nicht wirklich erwarten. Wobei der Film gleich viel besser wäre, würde er von einem kleinen britischen Filmemacher gedreht oder doch von einem Norweger, aber bitte nicht von jemanden aus Deutschland. Das Buch kratzt manchmal an Grasgeflüster um dann doch wieder bei Ein Schweinchen namens Babe anzukommen, ist dabei aber so niedlich, dass man nie richtig wütend werden kann. Glennkill ist witzig dabei seltsamerweise eher langsam statt spritzig, manchmal etwas bemüht, kommt erst in der zweiten Hälfte langsam in Fahrt, macht dann aber durchaus auch Spaß und das Ende mit der fast vorprogrammierten Fortsetzung ist so happy, dass man nicht umhin kommt, sich von so viel guter Laune irgendwie dann doch mitreißen zu lassen. Und ganz nebenbei lernt man noch, wie Schafswolken an den Himmel kommen – das ist doch auch was wert.

Alex Garland: The Beach

Reading the old stuff – ich habe mir fest vorgenommen, mehr von meinen fast 40 Büchern, die neben dem Bett verstauben zu lesen, bevor ich wieder neue kaufe. Werde ich mich ohnehin nicht dran halten (habe gerade den neuen Palahniuk bestellt), aber ein guter Vorsatz soll ja was wert sein.

Bei The Beach fällt jedem natürlich sofort der Film mit Leonardo Di Caprio ein, der – unter der Regie von Trainspotting-Macher Danny Boyle – durchaus okay war und vor allem mit dem Bonusmaterial auf DVD zeigt, was hätte sein können. Die Buchvorlage des Briten Alex Garland wirkt aber dennoch präziser, ruhiger, eben weniger Hollywood als die Verfilmung. Garland beschreibt die Reise des Rucksacktouristen Richard, der gemeinsam mit zwei Franzosen – Etienne und seiner Freundin Francoise, in die Richard dich nach und nach verliebt – eine verborgene Insel findet, die verspricht, was andere Orte in Thailand nicht halten: ein vom Tourismus unbeflecktes Paradies. Vor der Abreise gibt Richard die Karte abgezeichnet an zwei US-Touristen weiter. Die Wegbeschreibung dorthin wurde ihm selbst von einem Mann namens Daffy Duck zugespielt, der kurz darauf Selbstmord begeht und dessen «Geist» Richard im weiteren Verlauf des Buches immer wieder erscheint. Die Insel ist allerdings kein ungetrübtes Paradies, nicht nur weil die eine Hälfte von thailändischen Drogendealern zum Anbau von Marihuana genutzt wird, sondern auch, weil die Kommune am Strand zunehmend aus den Fugen gerät. Und nicht nur die Kommune, sondern auch Richard selbst. Mr. Duck erscheint ihm immer häufiger und Richard rutscht zunehmend in ein paranoides, größenwahnsinniges Verhalten ab, mutiert innerhalb des Camps zu einer Art Ein-Mann-Gestapo, die die meisten anderen Mitglieder fürchten, und steigert sich nach außen in eine Art Vietnam-Krieg-Wahn hinein, eine Art Pseudo-Apocalypse-Now-Feeling.

Garland schreibt The Beach aus der Ich-Perspektive von Richard und es ist ein kleines Meisterwerk, wie er den Protagonisten langsam aber sicher in den Wahn gleiten lässt, so dass wir es als Leser allmählich spitzkriegen, Richard selbst sich aber immer noch als Held seiner eigenen Geschichte fühlen kann, zugleich aber niemals platter «Maniac» wird, sondern immer menschlich, immer Opfer bleibt – und final den eigenen Abrutscher in den Wahnsinn sogar ironisch kommentieren kann. Garland arbeitet mit sehr kurzen Kapiteln, deren wunderbare Überschriften an sich schon einen Teil der Story tragen, und bringt so in kurzen harten Dosen immer deutlicher zum Tragen, dass Richard – der sich zunehmend als Reinkarnation von Daffy versteht – das Böse ins Paradies bringt. Es ist fast paradox, wie gerade die paradiesische Ruhe des Strandes die dunkle Seite von Richard, den Neid, die Gier, die Egomanie, endgültig zum Ausbruch bringt, während analog auch die pseudoprimitive Kommune von Sal und Bugs (den beiden anderen Gründern der Strandkommune) zusammenbricht. Mit dem Verfall von Richards Innenwelt zerfällt so auch die Außenwelt der Strandkommune, die mit Krankheit und Tod konfrontiert, zusammenbricht. Alex Garland, der selbst bereits als Teenager in Asien unterwegs war, beschreibt nicht nur die Wirkung des Krebsfaktors Tourismus auf die Region treffend und düster und vermag es, Thailand als rätselhafte, irgendwie latent bedrohliche und zugleich doch magisch anziehende Parallelwelt zu beschreiben, er seziert zugleich den Hippie-Traum vom unschuldigen Leben und zeigt auf, dass der Mensch nach wie vor des Menschen Wolf bleibt.

Dabei verfällt The Beach niemals in platte Thriller-Manier (im Gegensatz, seufz, zum Film, der die Handlung leider deutlich aufbauscht, mit mehr sex and violence). Das Buch ist zügig und spannend geschrieben, arbeitet die Climax aber nicht ohne Grund fast hastig ab – Garland scheint mehr an dem sehr langsam und präzise beschriebenen Verfall des Paradieses interessiert zu sein als an der Auflösung der Story. Die Abstumpfung von Richard und Sal, der Umgang dieser primitiven Gesellschaft mit Krankheit und Tod und Bedrohung – diese soziopsychologischen Aspekte behandelt Garland präzise und anschaulich in seinem Mikrokosmos, und ist insofern überraschend nahe dran an John Wyndhams The Day of The Triffids, so unterschiedlich beide Bücher sein mögen. Garland legt Gesellschaft und Individuum unter das Mikroskop – der isolierte Strand ist dabei ebenso sehr eine Ausrede, eine narrative Konstruktion wie Wyndhams Weltuntergangsszenario- und betrachtet, wie sich diese Miniatur entwickelt. Und sie entwickelt sich nicht gut. Insofern erinnert The Beach auch erschreckend an Bücher von JG Ballard – High Rise insbesondere -, nur das Garland den Wegfall von Zivilisation, den Rückwurf auf den Menschen und sein Umfeld in reinster Form durch Reisen, nicht durch Technologie und ihr Versagen heraufbeschwört. The Beach ist eine Moralfabel von Korruption, Wahnsinn und Verfall, von der Unmöglichkeit eines Utopia – und das in einer kristallklaren, reichen Sprache, die mit Popzitaten und Kulturanspielungen nie spart, sondern die Medienkultur – Fernsehserien, Vietnamfilme, Musik, Telespiele… – clever als erzählerisches Stilmittel nutzt, und das mit einiger Wucht. Es ist eine deutliche Kritik an der Drogen- und Rucksacktouristen-Kultur, die bedröhnt, blind und taub auf der Suche nach dem nächsten Kick durch die Fremde geistert, und nur ihre eigenen schwächen importiert, der Krebs, von dem Mr. Duck spricht, das sind wir. So gut der Film bereits ist, das Buch ist deutlich smarter und einer der wunderbaren Fälle, wo Literatur klug und zugleich hochspannend sein kann.

VOLKER STRÜBING: DAS PARADIES AM RANDE DER STADT

Das Volker Strübing ein perfekter Vorleser ist, smart und unterhaltsam, schnell wie ein Pistolero und ebenso treffsicher. Seine Lesung bei EinsLiveKlubbing aus Ein Ziegelstein für Dörte lässt da keinen Zweifel offen – aber schon hier wird klar, dass Strübing seine Texte für die Bühne schreibt, nicht so sehr fürs Selbstlesen. Sein erster großer Roman Das Paradies am Rande der Stadt leidet wahrscheinlich unter dem gleichen Problem. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch, würde Strübing live daraus lesen, absolut witzig fände. Auch gelesen gibt es Sequenzen in dem Buch, die schnell runtergerotzt daherkommen und einfach Spaß machen. Aber…

Vielleicht liegt es daran, daß ich zuviel englischsprachige Sachen lese. Da ist man den deutschen Tonfall einfach nicht mehr so ganz gewohnt. Der ja schwerer zu treffen ist als im Angelsächsischen. Andererseits lese ich gerade den Schäfchenroman Glenkill und danach Sebalds großartige Austerlitz und bei beiden habe ich das Problem nicht, mich sprachlich unwohl zu fühlen. Bei Strübings Debutroman schon. Was mich selbst wundert – ich fand etwa bei Irvine Welshs Trainspotting nichts dabei, Umgangssprache in Schriftform umzusetzen, im Gegenteil. Welsh hat die Sprache in fast Burgess-artiger Manier durch den Fleischwolf gedreht und Gott, war es ein Spaß, ihm dabei über die Schulter zu blicken. Aber bei Paradies finde ich die Sprache der meisten Charaktere gekünstelt lässig und irgendwie leider eher pseudo-cool. Das Strübing hier versucht, verschiedene Figuren sprachlich zu charakterisieren – etwa den kiffenden Opa oder Theos neuköllnmischmaschdialektnuschelnde Schwester ist absolut gut gemeint, geht aber nach einer Weile beim Lesen vehement auf den Geist. Andere Kunstgriffe, wie etwa die Fußnoten, die Fake-Anleitungen für Kyronauten oder die Anzeigen die auch oft Gefahr laufen, nervig zu werden, bleiben dagegen meist im Grünen Bereich und funktionieren überwiegend. Den Running gag mit den Marilpen fand ich sogar prima.

Mehr Probleme allerdings macht mir die Handlung des Buches – hauptsächlich, weil ich sie schon kenne, nur unter dem Namen «The Matrix». Wer sich im Klappentext und sogar im Buch selbst auf Stanislav Lems Ijon Tichy-Texte als Vorbild beruft, der sollte mir mehr zu verkaufen haben als die Geschichte eines bösen Supercomputers, der Menschen mit einer Art Plug im Nacken in eine paradiesische Illusionswelt taucht, und gegen den eine Bande von Rebellen und Hackern ankämpft.  Das ist – auch bevor Matrix dieses Erzählmuster verwendete – einfach zu wenig, zu wenig originell vor allem, nach der Matrix-Trilogie aber in jedem sogenannten SF-Buch, auch einem deutschen, doch bitte einfach Tabu, oder? Das außerdem ein bisschen Gentechnik, Cloning, böse Nazis, gierige Kleriker, ein Revoluzzer mit dem Namen Dante, der gegen das simulierte Eden rebelliert und eine Menge Konsumkritik vorkommen, macht die Sache nicht frischer oder innovativer, egal wie flott Strübing die Sache zu Papier bringt. Der Plot liest sich wie ein schlechtes Telespiel und der große Twist am Ende des Buches ist etwa nach Hälfte des Buches die offensichtlich einzige Auflösung. Auch dem Thema Virtuelle Realität wird nichts abgewonnen, was sich nicht erschreckend vertraut anhört. Durchgeknallte Maschinen gibt es seit Fritz Lang, seit Isaac Asimov und Co, also seit etwa dem zweiten Weltkrieg, daran ist wenig neues. Und wenn man bedenkt, wie frisch gemesen an Paradies eben Neuromancer, der Granddaddy aller Cyberpunk-Bücher, nach wie vor wirkt – ist das für ein 22 Jahre nach Gibsons Klassiker geschriebenes Buch eben keine Idealleistung. Wer heute SF schreiben will, sollte bitte mehr zu sagen haben als bereits längst besser gesagt wurde.

Der Nachgeschmack des Buches ist also kein wirklich Guter: Es fühlt sich so kopiert an wie die offensichtlich von John Buscema «inspirierte» Illustration auf dem Cover (wo ist eigenmtlich das zweite Bein der Frau), die so gar nichts mit dem Buch an sich zu tun hat. Es gibt wunderbare Sequenzen – etwa als sich Strübing selbst ins Buch einbaut und sich eine lange alzheimerische Nörglersequenz verpasst, die näher an seinen eigentlichen Texten ist -, aber im großen und ganzen kommt das Buch nicht zusammen, weil es nichts zu erzählen hat, wiel die Handlung einfach nur eine Kopie der Kopie der Kopie ist – immerhin ist Matrix selbst ja kaum mehr als ein Zitatenstadl. Das Ganze bleibt, leider, auf dem Niveau des Drehbuchs einer schlechten TV-Episode, die Charaktere gewinnen niemals echte Tiefe oder Emotionalität, kein Satz berührt dich als Leser wirklich, und die Handlung ist erschreckend been there, done that, bought the t-shirt.

Die Kritik fällt mir nicht ganz leicht, zum einen weil Volker Strübing wirklich in Ein Ziegelstein für Dörte zeigt, dass er absolut was kann, wenn es um Momentaufnahmen geht und weil der Mann mir so völlig und absolut grundsympathisch ist dass ich ihn gar nicht verreißen will. Ich meine, jemanden, der Paradies anpreist und dann aber zu bedenken gibt, dass ja jede Mutter denkt, ihr Kind «fetzt Wurst», den muss man einfach liebhaben dürfen. Und einen deutschen Autoren, der sich am Hyperaußenseitergenre SF versucht, obendrein. Es wäre nur schön gewesen, wenn die Handlung von Paradies mehr gewesen wäre als halbverdaute lange Abende vorm TV und der Spielekonsole. Paradies ist durchaus lesenswert und zeigt, was Strübing kann, aber als Buch hat es mich leider nicht wirklich überzeugt.

PAUL ARDEN: WHATEVER YOU THINK, THINK THE OPPOSITE

Paul Arden, Ex-Kreativdirektor von Saatch&Saatchi, weiß wie man verkauft – auch wenn es um die eigenen Bücher geht. Nach It’s not how Good you are, it’s how Good you want to be ist hier wieder ein Buch mit einem Morrissey-langem Titel, den man schön schmalfett auf ein Buchcover setzen kann und mit dem man wieder einen visual pun machen kann – Werbung also in ihrer besten, essentiellsten Form. Und auch hier hat Arden eigentlich nichts neues zu erzählen, tut dies aber so britisch-charmant und so auf der Messerspitze zwischem durchaus ernstgemeintem Ratgeber-Buch und zeitgleicher Persiflage eben solcher Ratgeber-Bücher, dass man ihm das dankbar verzeiht. Wo andere Self-Improvement-Bücher, die ja stets einen Falle in sich darstellen (wer solche Bücher braucht, braucht solche Bücher), dröge und bleiernst daherkommen, grinst Arden fröhlich vor sich hin und verbreitet Nonsense zwischen den Pythons und Marshall McLuhan, an dessen The Medium is the Massage das Buch wahrscheinlich nicht ganz grundlos massiv erinnert. Clever, forsch und unterhaltsam breitet er die These aus, dass es sich stets lohnt, gegen den Mainstream zu schwimmen und unterschlägt dabei, dass auf jeden Außenseiter-Erfolg unweigerlich auch Tausende Fehlschläge kommen müssen. Seine «Be different»-Logik ist in sich aber natürlich bündig und so charmant verkauft, dass man die Banalität des Gesagten einfach besser komplett wegignoriert. Arden hat nicht mehr Tiefgang als beispielsweise Dale Carnegie, aber im Gegensatz zu Letzterem ist er wenigstens ein funny guy. Es gibt durchaus bessere Bücher zum gleichen Thema, aber im Grunde verfolgen alle Bücher zu diesem Thema – auch z.B. Did You Spot the Gorilla - die gleiche Strategie: These aufstellen und mit zig mehr oder minder plausiblen Argumenten und mehr oder minder frei erfundenen Beispielen untermauern. Das ganze Genre der Improvement-Bücher ist natürlich eine Pest und wirklich helfen tun sie natürlich nie, sollen sie ja auch nicht. Im Gegenteil, die meisten Leser fühlen sich hinterher schlechter, weil sie die selbstgesteckten, durch Selbsthilfe-Bücher in greifbare Nähe suggerierten Ziele natürlich nie erreichen. Das wäre auch ein bisserl einfach, hm? Insofern ist ein Buch, das dieses ganze Genre und damit sich selbst charmant auf den Arm nimmt, einfach liebenswert. Und ich glaube, allzu ernst darf man ein Buch, dessen Autor sich schon auf dem Cover als Autor des meistverkauften Buches der Welt anpreist, eh nicht nehmen. Wie alle Bücher von Arden is auch Think The Opposite ein kurzer, aber kurzweiliger Snack,völlig frei von Ballaststoffen, kurzfristig inspirierend und schön und ganz nebenbei immer ein prima Geschenk, weil einfach liebevoll gemacht.Besonder gut haben mir diesmal die wunderbar miserablen Photos und Freisteller gefallen, die einfach Freude aufkommen lassen. Alles an diesem Buch wirkt ein wenig tacky, ein wenig grell und geschmacklos, und das beste ist: Beim Lesen hat man irgendwie immer die Stimme von John Cleese im Ohr.

ADOLF LOOS: WARUM EIN MANN GUT ANGEZOGEN SEIN SOLLTE

Adolf  Loos, der mit seinem Ornament und Verbrechen ja einen der legendären Design/Architektur-Texte verfasste, schreibt in Warum ein Mann gut angezogen sein sollte herrlich gutgelaunt seine Schlechte Laune aus dem Pelz. Die meisten in diesem Buch gesammelten kurzen Texte rund um die Mode sind Artikel um 1898 aus der Neuen Freien Presse, in denen Loos in Sachen Grummeligkeit auch gegenüber Leserbriefen einem Harry Rowohlt in Nichts nachsteht. Er bleibt der in Ornament und Verbrechen erläuterten Haltung wider das Ornamentale, wider den Jugendstil, wider das Schmückend-Sinnlose treu und pöbelt wunderbar polemisch gegen die Modeverirrungen seiner Zeit, auch wenn diese aus heutiger Sicht oft nur schwer nachvollziehbar scheinen, gegen Gigerl (Lackaffen), gegen Wiener Inzucht, zugunsten eines internationalen – namentlich englischen und amerikanischen – Stils. Loos entpuppt sich als spitzzüngig und ironisch, zugleich begeistert von der neuen Zeit und ihren Möglichkeiten. Obgleich die Texte in ihren Details nicht gut gealtert sind – die Zeitbezüge, die Loos einflechtet, sind verloren – ist die grundsätzliche Aussage zu Simplizität, wahrem Luxus, Internationalität, Materialität und so weiter, nach wie vor treffend. Loos, obwohl dem Bauhaus selbst abgeneigt, ist zumindest gedanklich Wegbereiter einer technoid-funktionalen Denke, die die Vorstellung von «edel» (und nicht zuletzt auch von Sparsamkeit) neu definiert. Und funktionalität hat hier nichts mit lähmender Kälte oder puristischer Sachlichkeit zu tun, ganz im Gegenteil, sondern mit einer intensiven Auseinandersetzung des Architekten und Menschen Loos mit eben der Funktion dessen, was er zu gestalten hatte. Loos entpuppt sich als Mensch au der Suche nach der Freude am puren Stoff an sich, an der möglichst unverzierten, unverbrämten, ungetarnten Ehrlichkeit und ist insofern ein Vorläufer der Thesen eines Otl Aichers, der kaum weniger wortgewandt gegen die Camouflage anging. Loos schreibt gegen den Exzess an, gegen die Eitelkeit, gegen das Spießige. Dass er dabei mitunter selbst etwas spießig klingt, selbst etwas übereifrig, dass seine eigene Sprache so ganz und gar nicht frei vom Ornament ist -  das sollte nicht davon allzusehr ablenken davon, dass Loos hier ein Plädoyer führt, dass nach wie vor im Ansatz auch in unsere Zeit des Hypergrellen und der Überproduktion passt, in der die Moden Amok laufen und das Ornament wichtiger geworden ist als das Material. Loos glühende Rede für de Bewahrung eines Originalcharakters und wider das billige Imitat- konkret bei ihm das «Holzfladern», bei dem billiges Holz wie Mahagoni lackiert wurde oder nur auf Decken aufgemalte Pseudo-Intarsien- sollte sich jeder moderne Architekt an den Spiegel klemmen. Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit sind Themen, die nicht nur um die letzte Jahrhundertwende relevant waren – sondern es ist vielmehr erschreckend, wie viel bei aller oberflächlichen Veränderung an Loos Texten doch noch akut ist und wie weit wir eben doch noch von einer echten «Moderne», der Loos hier das Wort führt, entfernt sind. Warum ein Mann gut angezogen sein sollte ist insofern sicher etwas angestaubt – aber wie andere Texte aus dieser Zeit eben doch verblüffend nah an dem Pulsschlag unserer Zeit, und oft wirken die Probleme von heute eben einfach etwas klarer, wenn man sie im Rückspiegel der Vergangenheit betrachtet.

MATT RUFF: BAD MONKEYS

Matt Ruff ist kein schneller Autor, in fast 20 Jahren hat er gerade einmal fünf Bücher produziert. Bad Monkeys von 2007 ist sein neuestes Buch und – aus meiner Sicht – ein durchwachsenes Vergnügen. Klar ist, dass man bei Ruff nie mit einer Erwartungshaltung in das Buch gehen kann, aber zugleich hätte ich doch aus der Vergangenheit einen komplexeren Plot bevorzugt. Bad Monkeys dreht sich um Jane Charlotte, die im «Department for the final disposition of irredeemable persons» arbeitet, die kurz «Bad Monkeys» genannt werden. Diese ist Teil einer noch größeren und ziemlich allmächtig wirkenden Weltverbesserungs-Clique, zu der neben Good Deeds, Catering und Panopticon auch beispielsweise noch andere Suborganisationen namens «Scary Clowns» gehören. Diese bizarre weltumspannende Organisation kämpft gegen das Böse und dieses wiederum hat sich in «The Troop» organisiert, einer kongruenten Anti-Organisation. Beide Gruppen verfügen über bizarrste Waffen, wie die NC-Gun, die Herz- oder Hirnschlag simulieren kann, X-Drugs, die den Nutzern verdächtig Matrix-artige Fähigkeiten geben, Eyes-Only-Überwachungskamers in faktisch allen Bildern oder Photos, die Augen haben, verborgene Botschaften in Kreuzworträtseln, abgehörte Telefone. Janes Betreuer, heißen alle mit Vornamen Robert und haben symbolträchtige Nachnamen wie Love, Wise oder True und ein paar axtschwingende Clowns tauchen eben auch auf…. Jane begegenet den Bad Monkeys schon als Kind wird aber erst als Erwachsene, nach einer ausgeprägten Sex- und Drogenphase, Mitglied. Mit ihr tauchen wir in die seltsame Welt dieser Organisation und ihrer Jobs ein – und der Job ist schlicht und ergreifen, böse Menschen zu töten.

Klingt absurd? Soll es wohl auch. Denn die Frage, ob diese Abenteuer echt sind oder nur Teil eines monströsen Verdrängungsmechanismus bleibt bis zum Schluss offen. Das Buch ist als Kammerspiel konzipiert, wir begegnen Jane in der Psychiatrie eines Krankenhauses in Las Vegas, wo sie einem Arzt ihre verdrehte Geschichte erzählt. Wann immer Dr. Vale versucht, die Fakten ihrer Geschichte zu überprüfen, rennt er in eine Mauer – angeblich, so Jane, weil die Organisation im Hintergrund ihre Spuren verwischt. Die Geschichte von Jane beginnt noch relativ realistisch, steigert sich aber im Laufe des Buches in immer neue absurde Höhen hinauf, bis sie schließlich ihrer bösen Doppelgängerin begegnet (das Serienklischee schlechthin) und es zum blutigen und explosiven Showdown in einem Casino kommt, das geradezu erschreckend an eine der effektüberladenen Sequenzen aus The Matrix erinnert. Auf dem Weg dorthin erzählt Ruff eine zunächst seltsam linear anmutende Actiongeschichte, die ausgesprochen an Filme wie Matrix oder Serien wie Alias erinnert und für oberflächlich streckenweise sogar naiv und sogar studentisch wirkt.

Oberflächlich. Denn natürlich verbirgt sich unter der platten SF-Action-Story ein ganz anderer Subtext. Im Laufe des Buches hebt Ruff mit erfahrener Hand jegliche Verlässlichkeit von Realität auf, und die Frage, ob Jane wirklich für die Organisation arbeitet, oder für die Gegner, oder ob sie einfach nur eine drogensüchtige Obdachlose ist, die einen Knacks weg hat, seitdem ihre Mutter starb und ihr Bruder von einem Serienkiller entführt wurde, wird immer dichter und dichter ineinander verknotet, in immer neuen Twists, in denen Ruff an den Stangen des Käfigs der Plausibilität rüttelt bis man – ganz wie bei American Psycho – selbst entscheiden muss, was real und was irreal ist. Obwohl Bad Monkeys gemessen an Sewer, Gas & Electric nahezu atemberaubend geradlinig erzählt ist, dreht Ruff doch einen enormen Schraubenzieher in den Kopf des Lesers.

Die Auflösung des Buches stellt einfache Antworten auf den Kopf, weil es sich eben keinesfalls herausstellt, dass Jane einfach nur «irre» ist, sondern wir im Kontext der Realität der Bad-Monkeys-Organisation enden und die «Realität» (Dr. Vale und die Psychiatrie) sich als Illusion herausstellt. Am Ende des Buches – so kann, muss man es aber nicht sehen – ergibt sich Jane also ihrer Phantasie… oder alles, was sie vorher beschrieben hat ist eben einfach wahr. Dieses doppelbödige Spiel betreibt Ruff meisterhaft, aber ich frage mich, ob der man als Leser nicht in die Falle trappt, die Story einfach als eindimensionale (und dann auch klischeebehaftete und dumme) Thriller-Agenten-Suppe abzutun. Das es um mehr geht, ist so subtil verpackt, dass man es schon sehen wollen muss und das will man nur, wenn man Ruff kennt und weiß, dass bei ihm nichts so ist wie es scheint. Das Bad Monkeys mit diesem Aufbau leider etwas an eine alte Folge – ausgerechnet – von Buffy the Vampire Slayer erinnert, in der die Protagonistin in einer Gummizelle ist und di Frage aufkommt, ob all ihre Abenteuer nicht nur eskapistische Wahnvorstellungen waren, ist allerdings etwas enttäuschend.

Dennoch: Bad Monkeys ist sicher nicht Ruffs bestes Buch, aber – unter der Prämisse der Doppel- und Vierfachbödigkeit gelesen – auch absolut kein Fehlschlag. Es ist eine gekonnte Hommage an die trashigeren Bücher von Philip K. Dick oder an Robert Wilson und deren Konflikt zwischen objektiver und subjektiver Realität. Es liest sich enorm schnell (zumal es mit 230 Seiten auch eher ein Leichtgewicht ist), ist süffig geschrieben und hat eine Hauptdarstellerin, die einen einnehmenden Sarkasmus versprüht. Bad Monkeys hat die Qualitäten eines Valiumalptraums, eines surrealen Trips, eine traumhafte Qualität, die einen Bogen von Kafka zu Dick zu Stephenson schlägt und ich glaube, gerade das Day-Glo-Pop-Thriller-Konstrukt, gerade die aus anderen Filmen und Büchern genährte Welt der Organisation, für oder gegen die Jane Charlorte vielleicht arbeitet, ist ein sicheres Indiz dafür, dass es hier eben um mehr geht und man zwischen den Zeilen die Hinweise findet zu der wahren Geschichte. Im Endeffekt hat Ruff so den Zaubertrick geschaft, zwei Bücher zu schreiben. Eine comicartige Story, die sicher SF- und Actionfans anspricht und die sich perfekt für einen B-Movie eignen würde auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Geschichte einer Frau, die aus Schuld und Trauer ein abstruses Cocooning betreibt und am Ende im doppelten Sinne ausgelöscht ist.

AMY HEMPEL: THE COLLECTED STORIES

Über Amy Hempel habe ich ja schon mehrfach geschrieben, im Grunde kann ich mich hier nur wiederholen. Ihre Collected Stories sind eine umfassende Sammlung ihrer bisher erschienen vier dünnen Bücher mit Kurzgeschichten, von denen ich zwei noch nicht kannte und in denen Hempel ihren kompromisslos trockenen Stil fortsetzt. Die beiden fehlenden Sammlungen – the dog of the marriage und at the gates of the animal kingdom – setzen die vielschichtigen, tiefgründigen und wortkargen Short Story fort, die wie schreckliche Splitter aus der Alltagswelt ihrer Protagonisten emporragen und in denen sich der Horror hinter der Fassade nur schleichend, beiläufig entpuppt. Die Chiffrierung, die unglaubliche schwierige Choreographie dieser minimalistischen Geschichten, in denen jedes Wort, jede Pause eine ungeheure Wucht beigeschrieben bekommt und vier Zeilen einen ganzen menschlichen Mikrokosmos abdecken können, zwingt zu mehrfachen Lesen, um die rebusartigen, fraktalen Verschachtelungen zu verstehen. Hempel übertrifft die lakonischen Alltagsgeschichten von Raymond Carver, indem sie sie mit weiblichem Feinsinn einerseits und stählerner Kälte andererseits paart. Hempels Stil ist so eisig und spitz wie ein Stilettoabsatz an deiner Halsschlagader, unterdrückt sexy, unterkühlt poetisch. Die emotionale Gewalt unter den kargen Wortoberflächen entfaltet sich wie ein seltsamer Duftstoff während des Lesens, schleichend, um dann unbemerkt und absolut tödlich herzzerbrechend zuzuschlagen. Amy Hempel ist ein Geschenk.

MICHAEL BIERUT: SEVENTY-NINE SHORT ESSAYS ON DESIGN

Die meisten der in diesem Buch versammelten Texte kennt man schon von dem – von dem New Yorker Pentagram-Partner Michael Bierut mitgegründeten – Blog Design Observer, zu dem seit kurzem übrigens auch wieder Gründungsmitglied Rick Poynor gehört. Bierut gehört zu den profiliertesten und erfahrensten Mainstream-Designer in den Vereinigten Staaten und seine Texte zeichnen sich durch eine kluge Mischung aus Ambition und Realitätsinn aus, die einem stets dazu verleitet, zur Melodie dieser 79 kurzen Songs mitnicken zu wollen. In den kurzen Essays feiert Bierut Vorbilder, kritisiert selbstgefällige Designer, fordert Mut und Bescheidenheit, lob Logos und verdammt Schriften, lacht über Marketingtrends und schimpft über unbezahlte Pitches. Von Architektur bis Politik, von Disney bis IBM, jeder einzelne der Texte ist so lesenswert, dass sich das intensivere, ruhige Lesen, dass ein Buch gegenüber der Online-Fassung ermöglicht, auf jeden Fall lohnt, zumal das Buch schön bibliophil aufgemacht ist und Bierut liebevoll jedem Text eine eigene Schrift zuweist, was bei anderen Designern ein nerviger Gag sein könnte, in seinen Händen aber oft zu einem Metakommentar oder zumindest zu einem gelungenen VisualPun gerät. Bierut entpuppt sich als smarter Autor, der mit cleveren Headlines und anmachenden Textanfängen in den Bann zu schlagen vermag, der ein solides und druckvolles Ende schreiben kann, und der stets in der Lage ist, persönliche Meinung und generelle Anmerkungen zum Stand des Grafik Designs in den letzten drei Dekaden nahtlos zu verbinden, Lebenserfahrung mit Stars wie Kalman und Vignelli und über Jahrzehnte gewachsene Berufsphilosophie wunderbar zu fusionieren. 79 ist mit knapp 250 Seiten ein Buch, das sich unterhaltsam lesen lässt, ungewohnt unwuchtig für ein Designers-on-Design-Textbuch, das aber in keiner Gestalter-Bibliothek fehlen sollte.

TERRY PRATCHETT: MAKING MONEY

Making Money ist der zweite Roman um die Discworld-Figur Moist von Lipwig, der in Going Postal vom zum Tode verurteilten Trickbetrüger zum Kopf der Post von Ankh Morpork aufstieg. Inzwischen von der doch recht gut laufenden Behörde gelangweilt, lehnt er dennoch das Angebot des Patriziers Lord Vetinari der Stadt ab, sich um die hoffnungslos verlotterte Royal Bank zu kümmern. Nur schade, dass ihm die seltsam plötzlich verstorbene Vorsitzende 49% posthum der Bank überlässt – die anderen 51% gehen an ihren Schoßhund, um dessen Leib und Wohl sich Moist zu kümmern hat, nicht zuletzt weil die Verstorbene die Assassins Guild beauftragt hat, ihn umzubringen, wenn dem Hund etwas zustoßen sollte. Die Familie der Verstorbenen, die mit Moists seltsamen Ideen – wie etwa der Erfindung von papiergeld – nun wirklich nicht einverstanden sein kann, hat ihn und den Hund auf dem Visier und schreckt vornichts zurück, um die Macht über die Bank zurückzuerobern. Im Keller der Bank bordelt eine seltsame Maschine, die die Finanzen der Stadt abbildet – oder kontrolliert sie sie vielleicht magisch? Als ob dieses Chaos noch nicht reichen würde, hat Moists Verlobte – Adora Belle Dearheart – die verschollenen Golems der Stadt Um entdeckt, die geschlossen in der Stadt aufmarschieren – unbezwingbare Humanoide aus purem Gold. Mit Langeweile ist es in Moists Leben (oder dem kurzen Rest davon) also vorerst wirklich vorbei.

Routiniert produziert Terry Pratchett einen weiteren Roman seiner Discworld-Serie, die er wie ein Uhrwerk Jahr um Jahr ohne allzu sichtbare Ermüdungserscheinungen fortsetzt. Das nach der wahren Flut an Discworld-Büchern eine gewisse Selbstähnlichkeit auftritt, ist völlig normal… und so erinnert Making Money nicht nur vom namen her an Going Postal, der Plot ist weitestgehend identisch. Was nicht schadet, wie Going Postal ist Making Money ein eher kurzes, schnell wegzulesendes Buch, mit einer interessante Hauptfigur und einer Handlung, die nun wirklich nicht über die Komplexität von Shrek hinausreicht. Pratchett macht einige witzige Anmerkungen über die generelle Absurdität von Geld, aber vielleicht kann man dem Thema nicht allzuviel neue Absurditäten abgewinnen, und Papiergeld ist nun inhaltlich nicht wirklich so weit weg von Briefmarken. Dass Moist in einem nächsten Band anscheinend dann die Steuerbehörde von Ankh Morpork übernimmt, scheint nur folgerichtig. Pratchett ordnet seinen Figuren immer auch Funktionalität zu – ob Pratchett Fantasy, Shakespeare, Hollywood oder wie in diesem Falle eben generelle gesellschaftliche Trends aufs Korn nehmen will, oder ihm nach etwas Krimi ist… er hat immer die passenden Figuren zru Hand, oder erfindet von zeit zu Zeit neue Charaktere, die seine Bühne bereichern. In den letzten Jahren ist Pratchett – dankbarerweise – weg von der reinen Fantasy-Schiene und nutzt das Setting seiner Discworld, um sich den feineren Abstrusitäten der Zivilisation zu widmen. Making Money ist hier keine Ausnahme, und obwohl der Roman sich streckenweise etwas auf Autopilot geschrieben anfühlt und einzelne Elemente nicht immer sauber zusammenkommen, ist natürlich selbst ein nicht-so-guter Pratchett immer noch lesenswert. Die Bücher der Reihe unterscheiden sich nur in Nuancen und ähneln sich in ihrer Swiftesquen Tonalität doch sehr, an Money stört vielleicht ein wenig der konstruiert wirkende Versuch, alle nur denkbaren Zielgruppen mit filigranen Wortspielen hier und andererseits derbem Slapstick dort abgedeckt zu haben. Manches davon ist gelungen, manches nicht. Unterm Strich sind Pratchetts Bücher aber immer die Sorte Sorglos-Literatur, wo man weiß, dass den Protagonisten ohnehin nichts schlimmes passieren kann und ein Happy End in Sicht ist. In warme Ironie getaucht, sind seine Bücher eine regelmäßige Stippvisite bei Charakteren, die sich kaum verändern, aber doch manchmal weiterentwickeln. Insofern ist die Discworld an sich eine Art Serienkonzept, wie man es auch von Filmen oder Fernsehserien kennt. Nicht jede Simpsons-Folge ist brillant, aber das macht die Serie nicht weniger gelungen. Making Money ist nicht die beste «Folge», aber trotzdem eine gelungene Fortschreibung der Abenteuer von Moist von Lipwig und solide Unterhaltung, die man kaum aus den Händen legen mag.

NORBERT BOLZ: BANG DESIGN

Norbert Bolz ist nicht für seine Zurückhaltung bekannt und bezeichnet sein Buch Bang-Design denn auch mal gleich als «Design Manifest des 21. Jahrhunderts». Was vielleicht ein wenig hochgegriffen ist, zumal es sich um ein Buch handelt, in dem nur jede zweite Seite überhaupt bedruckt ist, das seitenlange, leider irgendwie doch mehrwertfreie Kapitelopener aufweist und von dessen verbleibenden knapp 80 Seiten reinem Text mindestens ein Drittel der Medizin gewidmet ist. Anscheinend ist die Zeit wieder richtig für Manifeste, und Bolz ist nun seit eh und je der Mann für Statements, die sich ohnehin gut als Manifest hergeben.

In BANG-Design widmet Bolz sich, im Auftrag von von Peter Wippermanns Trendbüro, den Zukunftsräumen bio, atom, nano und gen und ihrer Konvergenz untereinander sowie mit den soziopsychologischen «weichen» Disziplinen. Er spannt den Bogen von Heideggers Metaphysik zu den neuen fast materielosen Wissenschaften, und springt souverän durch die Geschichte des Designs als formalrhetorischen Integerprozess der technischen Evolution. Vom Jugendstil bis zu Post:-Aicher spannt er den historischen Bogen auf zum Design als kybernetischen Faktor in einer modularen Entscheidungsmatrix, und stellt die Frage, was Design heute, da die reine ehrliche Sichtbarmachung technischer Prozesse eben nicht mehr ausreichen kann -da diese unverständlich, ergo «unsichtbar» sind – für die moderne Zivilisation leisten kann.

Emotional Design, folgert Bolz, muss dem User Vertrauen in die undurchschaubaren technoiden Black Boxes geben, Design muß den emotionalen Konnex zwischen Mensch und Technik herstellen. In dieser Funktion durchdringt Design heute unsichtbar längst alle Lebensbereiche – hier liegt die Hypothese vom Ubiquitous Design, die auch Bruce Mau in Massive Change deutlich hervorhebt. Design wird in erster Linie zur Interfaceleistung, zum gezielt gestalteten Kommunikationsakt, gleich welcher Art. Folgt man dieser Logik, wird Design vom aufklärerischen Moment bei Aicher zu einer Art intelligenten Illusionsakt, zur soziopsychologischen Hypnoseleistung, der digital-unverständliche hyperkomplexe Technologien zurück in die analog-begreifbare Domäne des Menschen bringt, quasi semiotisch tieferlegt.

Diese akute Ausprägung von postfunktionalistisch-sinnspendendem Design findet Bolz in der Anwendung von Nanotechnologien, in der Erstellung neuer Hightechmaterialien, in hypertextualen, virtuellen sozialen Analysemodellen, in neuromorphischen Mensch-Maschine-Interfaces, in non-invasiver moderner Medizin, in Bioinformatik, in AI und in anderen Bereichen, in denen Ingenieurs- und Designleistung nahtlos verschmelzen. Bolz zeigt die Chancen, aber auch ansatzweise die ethischen und sozialen Risiken dieser Tendenzen auf und folgert, dass die Rolle von Designern in Zukunft eine Art «Hirte des Seins» sein müsse.

An vielen Stellen des Buches, wie auch am etwas pathetischen Ende, it man geneigt, Widerspruch einlegen zu wollen. Bolz wirkt unbeschadet von jedem kritischen Anflug, sein Technikglaube wirkt frei von Zweifeln. Ökologische und soziale Krisen, Ungerechtigkeit, Ausbeutung scheinen sich – hinter den Kulissen – durch eine Art unsichtbare Hand des Fortschrittes zu regeln. Als Technoprophet predigt Bolz bis zu einem gewissen Maße die Lösung von durch Fortschritt verursachten Problemen durch eben weiteren Fortschritt.

Ganz so einfach, ganz so unkritisch geht das natürlich nicht und für ein «Design-Manifest» beleuchtet Bolz eben nur – dies aber fulminant – die eine Seite der Bedeutung von Design. Design wird zum schöpferischen, Emotionsspender-der Wissenschaften – und diese Definition greift etwas zu kurz. Es ist sicher richtig, dass das Design von Morgen enger und funktionaler mit der Technik kooperieren muss, sich den Möglichkeiten des Fortschrittes öffnen sollte. Aber man sollte zwei Schritte weiter denken: a) Design kann, darf und muss einem künstlerischen Imperativ zur Rebellion folgend eben auch antitechnokratisch sein, eine Rückkehr zur Natur, zur Authentizizät, zum Echten einfordern. Im Sinne des Situationismus als die Oberfläche punktieren, durch Pranks und Guerillagags, durch Cleverness und Engagement den Status Quo in Frage stellen. b) Design kann und darf auch Science Fiction sein. Nicht der Technik als eine Art Adjudant beiseitestehen, sondern selbst akut Impulse geben. Design sollte ökonomisch, strategisch, visionär und ganz pragmatisch Zukunft träumen und ihr eine Form geben, sollte Science Fiction sein. Diese beiden Trends – die sich beide mit dem Status Quo auseinandersetzen, indem sie ihn entweder kritisieren oder in die Zukunft projiziert auflösen wollen – sind die derzeit spannendsten Möglichkeiten, über Design zu denken. Bolz Buch, obwohl am Ende vielleicht zu sehr im technokratischen steckenbleibend, ebnet den Weg zu einem solchen Denkansatz von Design und ist insofern unbedingt lesenswert.

NEIl GAIMAN: FRAGILE THINGS

Neil Gaimans zweite Sammlung von Short Storys beginnt passend für einen Autor, der einen Teil seines Ruhms seiner Webpräsenz und der Nähe zu seinem Publikum verdankt, mit einer ausführlichen Einleitung zu den einzelnen Texten. Gaiman weiß, dass sein phänomenaler Aufstieg vom Comic-Buch-Autor zum NY-Times-Bestseller-Novellisten und Multimediastar – Gaiman hat derzeit mit Beowulf und Stardust gleich zwei von ihm mitverfasste Filme im Kino – auch zum Teil seiner engen Community zu danken ist. Und tatsächlich zeigt Fragile Things den Briten als atemberaubend vielstimmigen Autor, der scheinbar mühelos von Genre zu Genre, von Timbre zu Timbre springt, von Prosa zu Poesie, von abstrakten Textfragmenten über Fantasy zu klassisch düsterem Horror. Seltsamerweise ist es genau diese Vielseitigkeit, die es mir schwer macht, Gaiman wirklich zu genießen. Während des Lesens denkt man permanent: Would the real Neil please stand up? Gaimans Geschichten sind, bewusst oder unbewusst, oft Pastiche, angelehnt an andere literarische Vorlagen, inspiriert von den Stimmen anderer Autoren. Lovecraft, Conan Doyle, Dahl, Bradbury, Ellison, Campbell, King, Barker, Carroll, Brown und viele andere Stimmen klingen in seinen Geschichten mehr oder minder deutlich durch und obwohl das den Band durchaus abwechslungsreich macht, fast zu einer One-Man-Anthologie, so irritierend ist es doch, einen Autoren als Stimmenimitator zu erleben. Wie bei einem begnadeten Karaoke-Sänger wünscht man sich: Wenn er nur mal seine eigenen Songs singen würde. Das ist durchaus immer mein Problem mit Neil Gaiman. American Gods und Anansi Boys klingen sehr nach US-Horror à la King, stets etwas durchmischt mit Gaimans eigener Faszination für Mythen und Götter, Neverwhere klang stark nach Douglas Adams, und Coraline war Lewis Carroll remixed. Das macht Gaiman nicht zu einem schlechten Schreiber – andere Autoren schaffen es im Gesamtwerk nur, eine andere Stimme zu imitieren – aber schade ist dieses Gefühl von deja vú mitunter eben schon.

Eine entsprechend bunte Mischung, den vielen Interessen des Autors folgend, ist Fragile Things denn auch. Unweigerlich bleiben dabei manche Geschichten enttäuschend, andere mau, einige hervorragend. A Study in Emerald, The Monarch of the Glen, Bitter Grounds, Keepsakes and Treasures, Strange Little Girls, Feeders and Eaters und Pages from a Journal… gehören für mich zu den stärkeren Geschichten der Sammlung, viele andere wirken fast wie Fingerübungen, in denen der Ventriliquist  Gaiman eine neue Puppe ausprobiert, der er seine Stimme leihen kann. Wo andere Autoren Gefahr laufen, sich in ihrem Stil heißzulaufen und von Buch zu Buch mehr zu langweilen, ist es bei Gaiman eher so, dass man zunehmend irritiert ist, weil Gaiman holographisch wirkt, eine Illusion bleibt. Der eigentliche Autor ist kaum oder nur schwer zu greifen, außer einer vagen Vorliebe für bestimmte Themen und Subgenre und einer atemberaubenden handwerklichen Vielfalt. Man kann es ihm nicht verdenken – warum sich auf einen Stil beschränken, wenn es so viele Spielzeuge gibt… aber als Leser wäre es schön, wenn Gaiman aus dem Kostümschrank herausträte und weniger versucht, andere Autoren zu emulieren, und noch stärker zu seiner eigenen Stimme (die es ja durchaus gibt) findet.

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE: LIVEALBUM

Ich liebe das Cover von diesem Buch. Die drei Mädels, die im Rotlicht stehen, vielleicht tatsächlich bei einer Lesung von Benjamin von Stuckrad-Barre (für diesen Namen sollte es Zeilengeld geben), und die vorderste hat die Zunge dick in der Backe. Tongue in Cheek. Alles nur Verarsche. Und so fühlt sich dieses Buch auch an: Tongue in Cheek, alles nicht zu ernst, schaumig, die Sorte Buch, die du beiläufig in ein zwei Tagen durch hast. Fettarm, ballaststoff-frei. Das seltsame dabei ist: Ich mag Benjamin v. Stuckrad-Barre. Irgendwie. Ich halte Soloalbum für ein wirklich schreckliches Buch, das zu beenden mir schwer fiel, weil es so entsetzlich dreist bei Nick Hornby und Irvine Welsh klaut und so wenig eigenes zu bieten hatte. Aber die meisten anderen Sachen von ihm mag ich. Die beißenden, delirierenden Artikel und Glossen, den teilweisen Ausrutscher in den Wahn in Blackbox, Remix 1 und 2 (genial, genial, genial) und eben auch Livealbum. Es ist schön, wenn ein Autor so dreist «Pop» aus der Literatur macht, und damits auch jeder merkt, alles wie ein Musiker aufzieht – das es Stucki auch als Hörbuch gibt, macht den Kreis dann rund. Und es ist natürlich schön, wenn einer so schreibt, dass man denkt: Okay, nach dem Buch wird der doch nirgendwo mehr eingeladen, weil alle Angst haben, dass er über sie so denkt, wie über die Leute in Livealbum. Denn der Autor geht mit seinen Gastgebern ganz schön garstig ins Gericht, ganz in der klassischen Haßliebe zwischen Lesereisendem und einladendem Buchhändler. Livealbum präsentiert Stuckrad-Barre nach Soloalbum, auf seiner ersten Lesereise als frischgebackener Jung-Geheimtipp-noch nicht-ganz-Star. Und während es weit hinter Bukowskis Ochsentour zurückbleibt, gewährleistet Livealbum trotzdem einen schönen – wenn auch sicherlich nicht ganz echten – Einblick in Stuckrad-Barres Kopf, in das miese kleine Tourleben von Autoren, in Buchhandlungen und Schulaulen. Ich war immer der Meinung, das als Autor quer durchs Land zu reisen und in kleinen Hallen und Buchhandlungen zu lesen, um danach noch schnell «zum Italiener» gehen zu müssen, jeden Abend Small Talk über das eigene Schreiben halten… dass das ein Alptraum sein muss, zumal man nicht mal – man ist ja Hochkultur, kein Punk – irgendwelche Hotelzimmer demolieren darf. Man hat auch keine Band, keine echten Groupies, sondern nur diesen Tisch, ne Lampe, diese zu große oder zu kleine Bühne, ein ja meist schon altersbedingt eher sitzendes Publikum, niemandén, der mal tanzt, aber immerhin lachen die Leute ein paarmal an mehr oder minder richtigen Stellen – wenn man Literatur zum Lachen schreibt. Durch Göttingen, Krefeld, Haltern tingeln zu müssen und den immer gleichen Lesereisen-Besucher-Gesichtern entgegen zu blicken… stelle ich mir tough vor. Dieser – zugegeben – Klischeevorstellung gibt Livealbum dann auch reichlich Futter, beschreibt relativ berechenbar die Ebene deutscher Kleinstädte, die Bahnreisen, die Zweifel, den Bluff, die kurzen Drogentrips, die Mediennutterei – im Grunde eine Form milden Exhibitionismus’, der dann später in Herlinde Koebls Rausch und Ruhm seine Fortsetzung fand. Interessant wäre gewesen, wenn Stuckrad-Barre dieses Tourtagebuch weitergeführt hätte, in die Zeit seines kometen Aufstiegs zum TV-Promi, der bei MTV gefeiert wurde, große Hallen füllte, eigene TV-Shows hatte, Stars vögelte und all die kleinen Träume, die er in Livealbum noch träumt, lebte. Aber auch schon so ist die Betrachtung der Lesereise von unten kurzweilig, unterhaltsam und hochspaßig, wenn auch sicher wenig überraschend oder gar tiefschürfend. Muss es aber auch gar nicht immer sein. Unter der fast dahergenuschelten Beiläufigkeit der Texte, unter der oft zu sehr in narzistischer Selbstbespiegelung zerfließenden Prosa spürt man aber einen scharfen Beobachter, der mit wenigen Worten das ganze Lebenselend der Leute, die seinen Weg kreuzen, skizzieren kann. In diesen Beschreibungen, die fast wie Randnotizen vorbeirauschen, fährt BvSB zur wirklichen Größe auf, zu einer wütenden Kälte, die weit über Barres Rolle als «Pop-Literat» oder «Autoren-Promi» hinausgeht. Das Livealbum Stuckrad-Barres Rolle als Vorläufer von Pete Doherty – der ja auch seine Suche nach Ruhm und seinen Drogenabstieg öffentlich auslebt – aufzeigt, die Funktion von Barre als Autor, der sein Leben zum Buch macht, als Dandy, als Bluffer, als Mediennutte, zuletzt als Junkiezombie und Wiederauferstandenem, determiniert, als klassischem Promi also, der dafür berühmt ist, dass er berühmt ist – all das gibt dem Buch eine seltsame Wucht. Die sanften Anfänge einer Bulimie, die Stuckrad-Barre hier fast humorig beschreibt, wirken im Licht von heute nicht mehr so lustig. Es ist ein seltsames, schepperndes Zeitdokument geworden, Teil des Gesamtkunstwerkes BvSB, der in seiner öffentlichen Inszenierung den BritPoppern stets wenig nachstand. Und genau aus dem Grund ist Livealbum auch ein Buch über den Preis medialer Inszenierung, der Selbstverkaufe, des Ausverkaufs, den alle im Showbusiness mehr oder minder bewusst betreiben, von der Dorfcombo bin hin zum Hitmillionär, um weiter im Rampenlicht zu stehen. Und wenn man es so liest, klingt es nach einem Spiel, bei man nicht gewinnen kann. Stuckrad-Barres Verdienst ist, dass er stellvertretend für uns dabeigewesen ist und Frontberichterstattung betreibt.

MICHAEL CRICHTON: NEXT

Ich habe mir fest vorgenommen, endlich mal die etwa 40 teilweise seit 2003 hier herumliegenden Bücher abzuarbeiten, bevor ich mir wieder neue Sachen kaufe. Der gute Vorsatz wird nicht lange halten… beginnt aber gleich mit einem besonders schrecklichen Buch, das ich nicht umsonst so lange hab herumliegen lassen. Wie die Atomkraft in den 50er Jahren, ist die Genforschung eine der latenten freiflottierenden Ängste, die unsere Gesellschaft heute plagen. Wo früher radioaktive Insekten die Menschen verseuchten, sind es heute seltsame Genexperimente, die schief laufen. Michael Crichton, mit seinen Romanen stets an erster Stelle, wenn es darum geht, aus Techno-Angst einen Roman zu schmieden, der sich nicht umsonst in seinem letzten Roman mit der Klimakatastrophe und im Vorletzten mit Nanotech beschäftigte, liefert mit Next einen Gen-Thriller. Kein unbekanntes Terrain für ihn, hat er doch im Grunde schon mit Jurassic Park auf GenTech abgehoben… auch wenn es da vielleicht eher um die Chaostheorie ging. Crichtons Stärke ist, normalerweise, einen komplexen, langweiligen technologischen oder wissenschaftlichen Komplex so in das Gewand eines (meist eher platten) Thrillers zu packen, dass der eigentlich dröge Stoff Textur und Dimension gewinnt, Fleisch und Blut. Und an und für sich gelingt das oft. Kein Buch von Crichton, selbst nicht wirkliche Klassiker wie The Andromeda Strain oder Sphere, kam für mich jemals an die Brillanz von seinem Film Westworld heran, der nicht nur Jurassic Park weit vorweg nahm – beide Stoffe sind nahezu identisch – sondern einer der (trotz der primitiven Siebziger-Jahre-Optik) seminalen und besten Tech-gone-wrong-Filme schlechthin ist. Nicht ganz 2001, aber Yul Brunner ist einfach perfekt in der Rolle des durchgebrannten Cowboyroboters, der sich wie ein Vorfahre des gefühlskalten Terminators durch die Vergnügungswelt von Westworld mordet. Ob Airframe oder Rising Sun Disclosure oder Prey - stets hat Crichton einen Weg gefunden, akute Themen aus dem Wirtschafts- oder Wissenschaftsteil der Zeitungen literarisch so zu verwässern, das Bestsellermaterial daraus wurde. Und das meist, und so soll es bei Pageturnern ja sein, auf durchaus fesselnde Art. Airframe zum Beispiel habe ich in einer einzigen Nacht durchgelesen.

Next hingegen ist so erschreckend schlecht, dass man es im Grunde nur weiterliest, weil man – wie bei einem Autounfall – sehen will, ob es noch schlimmer kommt. Crichton führt eine fast unüberschaubare Vielzahl von Figuren ein, darunter auch die inzwischen etwas zum Klischee geronnene «Starke Frau in Trouble». Alex heißt sie diesmal, und ihr Vater, sie und ihr Sohn werden von einer Gentech-Firma verfolgt, weil die Zellen ihres Dads ein Heilmittel gegen Krebs enthalten könnten. Daneben lernen wir eine Phalanx von Wissenschaftlern und Managern kennen, leuchtende Schildkröten, Kinderschänder, zwei sprechende Affen und einen klugen Papagei mit britischem Akzent. Keine der Figuren aus dieser Charakterfront wird uns je unter die Haut gehen, sie bleiben offensichtliche Pappkameraden, deren fiktionale Erlebnisse nur dazu dienen, die von Crichton am Ende des Buches nochmal in Klartext verfassten Meinungen zur Gentechnologie zu illustrieren. Und so häufen sich die Zufälle, die Deux Ex Machinae und die Paradoxien doch etwas platt, zu einer Kakophonie von Events, die im Ganzen völlig belanglos an uns vorangetrieben werden, wie eine miese Zirkustruppe. Das am Ende des Buches alle einzelnen Handlungsstränge mit fast surrealer Gewalt zusammengetrieben werden, sprengt dann endlich die grenzen der Glaubwürdigkeit. Wer beim (natürlich zufälligen) Treffen von Dave, dem menschlichen Schimpansen und Gerard, dem (natürlich englischsprechenden) französischen (!!!) Papagei in einem Wellness-Resort nicht milde Lachkrämpfe kriegt, dem ist nicht zu helfen. Selbst Crichtons typischer Blick in die Strukturen von Unternehmen gerät zum Klischee. Fast schablonenhaft tauchen gierige Unternehmer, rücksichtslose Wissenschaftler, überforderte Richter und mediengeile Politiker auf – Crichton bemüht sich zu keiner Sekunde, die Klischees überhaupt noch zu ummanteln. Jede Figur ist nur eine Sprechpuppe, an der der Autor seine Ansichten zur Gentechnologie illustriert. Am Ende verkommt das Buch endgültig zur Lachnummer, die man eigentlich nur erträgt, indem man die Rollen kurzerhand vor seinem geistigen Auge von den Monthy Pythons übernehmen lässt. Aber anders auch beim besten Willen nicht. Wenn ich viel zu arbeiten habe, liebe ich es, Trashbücher zu lesen, aber Jesus, so mies muß es ja auch nicht sein. Das Thema transgener Züchtungen bietet eigentlich Stoff für spannende, gute und smarte Bücher – Next aber ist nichts davon. Wo Prey noch leidlich spannend war (und eigentlich nur wegen der Connection zu Lost), ist Next einfach nur ein durcheinander geratener Unfall aus Ansätzen, die gut gemeint, aber schlecht gemacht sind. Das allerschlimmste: ich müsste eigentlich noch Crichtons vorletztes Buch, State of Fear lesen. Mal sehen, ob ich mich nach Next dazu überwinden kann…

WILLIAM GIBSON: SPOOK COUNTRY

William Gibson, einer der wichtigsten Autoren des Cyberpunk-Genre, hat sich mit seinem letzten Roman, Pattern Recognition, auf großartige Art und Weise vom SF verabschiedet und sich der «normalen» Belletristik zugewandt. Nur konsequent, da unsere Realität immer mehr und mehr den fiktionalen Welten von Gibson angenähert ist und die Unterschiede nahezu nur noch kosmetischer Natur waren. Die Ideen, die Gibson in den achtzigern zu Papier brachte, sind längst zu festen kulturellen Fragmenten geworden, Cyberspace ein feststehender Alltagsbegriff, und Filme wie Matrix oder Blade Runner leben von der urban-dreckigen Hightech-Atmosphäre, die Gibson für Bücher von Neuromancer bis All Tomorrow’s Parties erfand. Mit Pattern Recognition wandte sich Gibson der Gegenwart zu, ohne dafür groß seinen Stil ändern zu müssen. Eine Welt, in der Marketing und Kunst, Hightech und Kommerz, persönliche Schicksale und Globalisierung untrennbar verzahnt wird, und schnell wechselnde Spielorte, die das Gefühl einer entwurzelten, hektischen Gesellschaft vermitteln, prägen den ersten Gibson 2.0-Roman, und so ist es auch bei Spook Country, der in der gleichen «Welt» spielt, einer fiktionalen Realität, die unserer zum Verwechseln ähnlich ist. Aus Pattern Recognition begegnen wir dem superreichen Entrepreneur Hubertus Bigend und seiner Viral-Agentur Blue Ant wieder. Andere Figuren sind die Ex-Indie-Sängerin Hollis Henry (die nicht unwesentlich an Cayce Pollard aus Pattern Recognition erinnert), der chinesisch-kubanische Spion Tito, der eine frei erfunden wirkende, aber real existierende semimystische Kampfsportart beherrscht, der geheimnisvolle Mr. Brown und der von ihm mit Drogen gefügig gemachte Junkie und Russisch-Übersetzer Milgrim. Diesen drei Figuren – und ihren jeweiligen Erlebnissen – folgt das Buch im klassischen 1-2-3-Muster durch die verschiedensten Locations, bis ihre Handlungsfäden verschmelzen. Die Handlung des Buches emergiert dabei fast widerwillig aus der non-linear wirkenden Melange der verschiedenen Stränge. Das Gefühl, das heute die verschiedensten Geschehnisse unsichtbar global miteinander vernetzt sind – und jeden einzelnen von uns persönlich betreffen können, egal wie weit entfernt sie zu sein scheinen – setzt Gibson sehr deutlich an Hollis Henry um, die in ihrem zweiten Karriereanlauf bei einer Reportage für ein eigentlich noch gar nicht existierendes Magazin in einen internationalen Fast-Spionage-Thriller verwickelt wird, der sich am Ende als seltsame Form von schwarzem Humor entpuppt, als surrealer, postmoderner Gag. Gibson schwenkt federleicht von «Locative Art» (dreidimensionaler Virtual-Reality-Kunst am realen Ort eines Geschehens, die mit Hilfe von GPS Daten umgesetzt wird) zu internationalem Pirantentum, zur kubanischen Mafia mit ihren Orisha-Gottheiten, zur Extremsportlern, die als Hobbyspione arbeiten… und verdichtet das ganze zu einem Roman, in dem es weniger um die konkrete Primär-Handlung geht als vielmehr um die Andeutungen, die Schwingungen, Stimmungen, das reine atemberaubende Tempo des Lebens im 21. Jahrhundert. Auf fast 400 Seiten entwickelt Gibson ein mitunter etwas dahinplätscherndes Gemälde einer Welt, in der das Mystische, das Futuristische, das Profane und das Heilige längst – everything goes – nebeneinander existieren, eine technopsychologische Realität, die geheimnisvoller und rätselhafter wirkt als viele seiner eigentlichen SF-Romane. Die echte Welt, so Gibsons Botschaft, IST der fremde Planet aus den Science-Fiction-Büchern. Ein Schattenreich von Playern, die Hollis und Milgrim zu Figuren auf Schachbrettern machen, die wir als Leser des Buches eigentlich nie wirklich je als Ganzes zu sehen bekommen. Die immer wieder dem Celebrity-Kult begegnende, daovn ermüdete Hollis Henry und Milgram, der zunehmend eine Art Stockholm-Syndrom in seiner Beziehung zu Brown entwickelt, rutschen tiefer und tiefer in eine alternative Realität, eine Art Welt unter der Welt, die schneller und größer,vernetzter und monströser ist als der Alltag, den sie gewohnt sind. Auch Tito wird aus seinem gewohnten Alltag in NYC herausgerissen und in einen Mahlstrom von Wirklichkeit, der sich surreal anfühlt, aber in jeder Hinsicht echt ist. Die wahre Welt, so Gibson, ist eben «Stranger than Fiction». Sie ist vielschichtig und fraktal und besteht aus so vielen übereinander geschichteten Kanälen von Realität, das man nur ein wenig entgleisen muss, um in einer ganz neuen Realität zu landen. Die gezeichnet ist von Hypermedia, von Promikult, von hyperkinetischem Konsum, von an Perversion grenzendem Reichtum, von Terrorismus und Krieg, die nur als Mantel für Geschäftemacherei dienen – eine Welt, so unsicher und so schlüpfrig wie der Dyberpunk-Dschungel von Neuromancer in den 80ern wirkte.

Überhaupt ist Spook Country ein «Google-Buch», ein Buch, bei dem du permanent im Internet suchst, um Andeutungen und von Gibson als selbstverständlich vorausgegebene Backgrounds zu verstehen. Gibt es wirklich GSG9-Adidas-Schuhe? Was ist Systema? Was ist Locative Art? Es ist ein langsames, atmendes Buch, das enorm viel Zeit auf Beschreibungen und Detail gibt, um dann wieder in fast atemlose Action zu kippen. Es ist ein interaktives Buch, das dich dazu bringt, die Realität in einer Komplexität und Vernetzung zu erkennen, die kein SF-Roman so leisten kann. Hinter der extrem komplexen, vielschichtig schillernden Kraft von Pattern Recognition bleibt es leider etwas zurück, Spook Country wirkt relativ ausgebremster. Was ein Le-Carré-on-Steroids hätte sein können – immerhin ist die Welt der Geheimdienste wie geschaffen für einen Technofuturisten wie Gibson – dümpelt zunächst etwas vor sich hin und kommt dann am Ende zu einem eher antiklimaktischen Finale. Vielleicht ist das sogar Absicht. Vielleicht ist der seltsame Spaß, den sich der «old man» mit dem Container (um den sich am Ende die Handlung dreht, so wie sie vorher von Bobby Chombos Verschwinden angetrieben war, deutliche MacGuffins), ein kathartischer Moment, in dem unsere verwirrten Antihelden ihre Wut kanalisieren, und sei es nur durch einen bösen Scherz, der irgendwelchen gesichtslosen Geldschneidern das Business versaut. Vielleicht ist der seltsame Post-9/11-«Prank», der surreale Scherz am Ende des Buches Gibsons Kommentar zu einer Welt, in der die Spionage zum Klamauk geronnen ist, vielleicht ist Spook Country gar kein Spionage-Roman, sondern das genaue Gegenteil, eine Art satirischer Anti-007. James Bond as written by P.K. Dick and The Marx Brothers.

Wie dem auch sei, Hollis Henry ist eine grandios entwickelte Figur, überhaupt wirken die meisten Hauptcharaktere überzeugend, und es bleibt sopannend zu sehen, wie Hubertus Bigend als charismatisch-schattenhafte Figur den Roman vorwärts treibt, aber es fehlt ein Hauch Straffheit, Tempo, Druck. Dennoch entpuppt sich Gibson als ein moderner Raymond Chandler, der längst genre-transzendierend arbeitet und Sätze von atemberaubender Kraft meisseln kann, in einer ganz eigenen Welt von High-Tech-Pop-Culture schreibt und (neben vielleicht Bruce Sterling und mit Einschränkungen Neal Stephenson) der ein völlig unersetzbarer Autor für die moderne Welt ist, der wie kein Zweiter das JETZT, die Technik, die Werbung, die Medien als literarische Mittel begreift und nutzt. Gibson ist, wie immer, Cutting Edge und insofern etwas anstrengend zu lesen, dicht, einen Hauch überfordernd, will man die Flut an Informationen und Andeutungen, die Gibson herauspusht, wirklich durchdringen. Man merkt, das Gibson mehr Freude an Situationen, Beschreibungen, an der Vernetzung von Popkultur, Hightech und Geschichte hat, als an einem von einer Handlung getriebenen Roman. Das Buch hätte ebenso gut 600 Seiten haben können, und dennoch wäre das seltsame Flair einer Art Kurzgeschichte geblieben. Es geht um die Charaktere und die dreidimensionale Welt, die Gibson um sie herum entwickelt, es geht um diesen surrealen Touch der absolut realen Welt. Es geht um Vernetzungenund Verbindingen, die latent sein könnten, die man als Leser spontan entwickelt aus dem Fluss der Informationen, die Gibson anbietet. Es geht um Echos, um das Puzzle, um das Ungesagte, um die Geste, es geht um den Rorschach-Test, in dem der Leser mehr von sich selbst findet als vom Autor…. In diesem Sinne ist Spook Country, wie Pattern Recognition, große Literatur, die sich nur noch als Thriller camouflagiert. Gibson ist Thomas Pynchon und Don DeLillo längst näher als etwa Isaac Asimov oder Ray Bradbury.

Dennoch sind die Stilmittel von Gibsons Cyber-SF heute vielleicht eben die beste Wahl, sich unserer «echten» Realität zu nähern. Wenn man über die heutige Welt schreibt, über Biotechnologie und Nanobots, über Implantate und Virtuelle Realitäten, über SIMs und Second World, über russische Mafia und postmodernen Terrorismus, der nach kapitalistischen Grundregeln organisiert ist… da macht es nur Sinn, sich mit der Neugier eines Science-Fiction-Autors an diese Welt zu begeben, mit der Lust an dem Abstrusen, an der Absurdität. Gibson muss dazu seine Lingo kaum ändern. Waren seine früheren Bücher voll mit unverständlichen Kürzeln, die er mehr oder minder erfunden hat, so ist die übertechnologisierte Geekspeak seiner Helden heute einfach Alltag geworden. Wifi,Bluetooth, GPS, PANDA, Geohacking, Wardriving und so weiter – Gibson schöpft aus den vollen eines seltsam gewordenen Zeitgeistes, und muss nichts mehr erfinden, SF und Realität sind eins geworden. Wir leben in der Zukunft, die Gibson vor 25 Jahren erfunden hat.

THE FACE OF OTHER PEOPLE

He pressed his face against the towel, imaging other people, strangers, whose faces had also touched it.

William Gibson, Spook Country

WARREN ELLIS: CROOKED LITTLE VEIN

The plane banked easy, stepped over the cloud deck, and leveled for Columbus, an hour’s run. An older guy in a short-sleeved shirt with bloodstains on the front sat in the aisle seat next to mine. He gave me a secret little smile. «You know», he said. «You know. If you drink whiskey. And I don’t mean a lot of whiskey, just enough to keep the little engines in your head alive. If you drink a bunch of whiskey, you can piss in a cup before you go to sleep. And in the morning all the alcohol will have risen to the surface of the piss. And you can drink it off the top the piss with a straw.» — «I’ll, uhm, I’ll certainly bear that one in mind.» — He made a happy noise and stuck out a big hand with caked blood all over the fingernails. «Excellent. I’m the pilot.»

Wie diese Szene am Ende des achten Kapitels fühlt sich der Erstling von Warren Ellis, längst ein Starautor in der Comic-Szene, insgesamt an: Irgendwie hat man den Witz schon gehört, ganz neu ist das nicht, aber der Ekelgrad ist so wunderbar hochgeschraubt, dass man trotzdem lachen muss. Das Buch beginnt damit, dass eine Ratte in die Kaffeetasse unseres Protagonisten, Michael McGill, pinkelt und die Dinge entwickeln sich von da ab rapide abwärts. McGill, heruntergekommener Detektiv, eine Art postmoderner Marlowe, der im Auftrag des Weissen Hauses ein Buch mit der geheimnisvollen zweiten Constitution der amerikanischen Gründerväter sucht, von dem aus wohl eine Art magische Wirkung ausgeht. Ellis schickt McGill, der Probleme und Perversion anzieht wie ein Magnet, auf eine (recht kurze) Odyssee durch die USA, begleitet von der sehr Warren-Ellis-typischen Assistentin Trix, zwischen der und McGill sich eine dysfunktionale Romanze entspinnt.

Wer Ellis in Comic-Book-Form kennt oder sein Blog verfolgt, wird in diesem Buch seine Standards wiederfinden, die nahezu in Checklisten-Manier abgehakt werden. Da ist der Chief of Staff des Weißen Hauses, der sich als Heroin-Junkie entlarvt, der zugedröhnt im eigenen Kot im Hotelbett liegend Models auf dem Catwalk anschaut, da gibt es Godzilla-Bukkake, Hightech-Gadgets, Taxifahrer mit Charlie-Manson-Tick, homosexuelle Bodybuilder, die ihre Hoden mit Saline aufpumpen, Piratenradiosender, Hotelzimmer, Bars, Restaurants, Sex, Porno, Computernerds, Cybertechiestuff, den unvermeidlichen Crazy Old Rich Motherfucker, inklusive seinem debilen Sohn – immer durchtränkt von Ellis’ blitzschnellem schwarzen Humor, der auch vor derbsten Männerwitz-Niveau nie zurückschreckt.

So gerät Crooked Little Vein zu einem furios schnellen Buch, das sich schnell und witzig liest und den Leser zu fast keinem Zeitpunkt mit Plot belästigt. Der MacGuffin ist im ersten Kapitel etabliert, das romantic interest kurz darauf und ab da geht es nur noch darum, tiefer und tiefer in die Abgründe des Perfiden abzusteigen. Dementsprechend fällt die Auflösung der Story am Ende relativ kurzatmig und flach aus, wie das ganze Buch mit nur 277 großbedruckten Seiten eher wie ein Snack heruntergeht, die Sache hätte getrost länger sein können und mehr Verwicklungen, mehr Handlung haben können als ein reines David-Lynch-meets-the Dark-Brothers-Roadmovie. Aber auch so ist Crooked Little Vein ein absolutes Spassbuch, bei dem Ellis ungeniert alle Klischees des Private-Dick-Genres durchzieht, immer wieder betont, dass die (scheinbare) Perversion nicht mehr Underground, sondern längst der Mainstream ist (wenn es im Internet ist, ist es Mainstream) und sich ansonsten nicht weit von dem bewegt, was er auch in Comicform meist verlässlich abliefert. Das verwundert, weil viele Autoren beim Sprung ins «echte» Literaturgenre ihren Modus Operandi deutlich wechseln, Ellis aber bleibt einfach der Ditrty Old Bastard, den wir kennen und lieben, egal ob auf Foren, in Comicformat oder eben jetzt zwischen Buchdeckeln.

Kein Buch, das man unbedingt als Hardcover haben sollte, aber für alle Ellis-Fans ein Essential. Vein ist nicht einmal wirklich ein Krimi, es gibt keine tatsächliche Handlung im Sinne eines zu lösenden Falls, sondern eher eine metafiktionale Auseinandersetzung, die den Philipp-Marlowe-Mythos fröhlich vergewaltigt, um sich in die Eingeweide der amerikanischen Trash-Kultur zu fressen und sich breit grinsend in den Exkrementen zu suhlen. Macht Spaß, dabei zuzusehen, keine Frage.

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS

Harry Potter and the Deathly Hallows

Achtung: Lang und voller Spoiler :-D.

Das Problem an Harry Potter ist sein eigener Erfolg. Nicht nur, weil JK Rowling seit dem Verkauf der Potter-Franchise (und nichts anderes ist es ja) an Warner mehr und mehr unter Druck zu arbeiten scheint, sogar in ihren Büchern zunehmend an die Verfilmung zu denken scheint, nicht mehr frei drauflosarbeitet – sondern vor allem wahrscheinlich, weil sich bei mir selbst als Rezipient die Erwartungen verschoben haben. Als ich den ersten Potter-Band las (weil Sandra mir sofort nach Lesen der ersten deutschen Carlsen-Ausgabe das britische Paperback in die Hand gab), habe ich es als Kinder-/Jugend-Buch gelesen. Plotungereimtheiten, die Mangelnde sprachliche Individualität vieler Figuren, die aus Erwachsenensicht eher banale Handlung… wen schert das bei einem Kinderbuch, das überraschend lustig verschiedene Genre mixt, ein bisschen Fantasy liefert, ein bisschen britischen Internatsroman, das hübsche kleine Spannungsbogen hat und einen sympathischen, leicht gebrochenen Helden bietet? Ich habe die ersten drei Potter gelesen, wie man Schloss Schreckenstein, Monitor oder Fünf Freude lesen würde. Der Megaerfolg und der selbsterklärte Anspruch der Autorin, mit jedem weiteren Buch erwachsener zu werden (so dass sich Band Sieben faktisch an 17/18-jährige wendet) sorgen aber natürlich für eine veränderte Perspektive – zumal Rowling selbst in Band 4 einen qualitativen Sprung vollzieht den sie in 5, 6 und 7 weitgehend wieder zurücknimmt. Goblet of Fire war – relativ zu den vorangegangenen drei Bänden – der Sprung von episodenhaft wirkenden Geschichten zum Versprechen einer durchgehenden Narration, zur «Saga». Entsprechend war ich bereits von Order und Halfblood etwas enttäuscht, die dieses Versprechen nicht wirklich einlösen und den «Bürgerkrieg» zwischen weißer und schwarzer Magie fast an den Rand der Handlung zwängen. Band 5 und 6 wirken einfach vorsichtig, ausgebrems, als habe sich Rowling selbst über Band 4 erschrocken.

Es gibt insofern in meiner Phantasie eine Art Potter-Paralleluniversum, in dem die letzten drei Bände stringenter dem vierten Buch folgen. Im fünften hätte Voldemort die Macht übernommen, der gesamte sechste Band hätte in einer von den siegreichen Death Eaters dominierten kryptofaschistoiden Welt gespielt, die dem Lesealter der Potterfans entsprechend bereits ordentlich düster hätte ausfallen dürfen (man denke an den ersten Tripods-Band von John Christopher – und der ist von 1967) und im siebten Band dann das Wagneresk bombastische Finale, Gut gegen Böse, große Opfer, furchtbare Verluste und in letzter Sekunde dann doch der bittersüße Sieg über die tyrannischen Magier.

Statt dessen dümpelten Band 5 und 6 vor sich hin, der Tod von Sirius und vor allem der von Dumbledore wirkten so unüberzeugend, dass ich nach Band 6 sicher war, dass Albus wiederkommen könnte, weil es ein eindeutiges Hintertürchen gab. Und im siebten Band gibt es dann ein seltsames Gemisch aus abrupter Hektik und seltsamen Stillstand. So, als würde die Handlung von drei Büchern in eins gestopft, dies aber so kurzatmig, dass das verbleibende Vakuum in dem – ja nicht allzudicken Band – mit Zeltplatzabenteuern und sinnlosen Wiederholungen von «Ron/Hermione/Harry streiten sich» aufgefüllt werden muss.

Deathly Hallows ist insofern ein seltsames Buch, finde ich. Die wenigen Figuren, die Rowling über die Klinge springen lässt – und man verzeihe mir, zu einem epischen literarischen Konflikt gehören aus meiner Sicht echte, schmerzhafte Opfer – sind mir reichlich egal gewesen, zumal die meisten Tode Offscreen stattfinden. Den Tod von Auror MadEye Moody kriegen wir nie zu sehen, die emotionale Wirkung ist gleich Null. Hedwig stirbt, nachdem sie in Band Sieben zuvor absolut untätig war… weil Harry selbst sie fallen lässt??? Noch unbewegender als dieses «Hoppla» geht es wohl kaum.

Der letzte Band ist freilich dabei durchaus insgesamt weniger langweilig als die beiden vorangegangenen Bücher, allein schon, weil es endlich ein paar Antworten und finale Entwicklungen gibt, was natürlich befreiend wirkt. Rowling bringt die Fänden der vorangegangenen sechs Bände – soweit ich das beurteilen kann – recht solide zusammen, schiebt alle wichtigen Kulissen und Protagonisten der Potter-Saga noch einmal ins Bild, liefert tränenreichen Kitsch und durchaus spannende Action. Gerade am Ende gibt die zweitreichste Britin der Welt so ordentlich Gas, das der Tod von Voldemort – auf den wir immerhin sieben Bücher lang hingefiebert haben – in einem Absatz abgefrühstückt ist. Das Dénouement gerät ihr dabei zu einer komplizierten und kopflastigen Antiklimax, bei der man schon beim Lesen ahnt, dass die Verfilmung des siebten Bandes die langatmigen Erklärungen mit reichlich Trickeffekten übertünchen wird. Das am Ende Rowlings Voldemort zum arroganten Dummbeutel machen muss, der von Magie im Grunde keine Ahnung hat, ist etwas unglücklich… immer schlecht wenn der große Bösewicht schlagartig zur Dumpfbacke mutiert, damit ein Kind ihn besiegen kann.

Rowling schreibt den finalen Band – vielleicht unbewusst – bereits mit Füllstoff, den man im Film getrost weglassen kann, verlustfrei, und mit großen spektakulären Effektsequenzen, die absolut für die Leinwand gemacht sind. Am Ende ist Harry auf eine so eindimensionale Art und Weise der Held, dass es etwas traurig macht. Der Harry Potter der ersten Bände war keine einfache Figur, der Potter der letzten Bände hatte nur noch zwei Facetten: Angenervter Emoboy-Warrior und großer Gutmensch. Damit hat Rowling die simplifizierte, weltweit vermarktbare, einfach konsumierbare Ikone McPotter, die Warner Brothers in den Filmen zeigt, in ihre Bücher übernommen.

Auch er Epilog des Buches – 19 Jahre später – ist eine kommerzielle Plattform. Im Grunde liest sich das Ende wie ein Pitch für eine Buch/Comic/TV-Serie mit dem Titel Hogwarts. Die Abenteuer der Kinder von Potter, Malfoy, Ron und Hermione können dann – befreit vom Ballast der Voldemort-Saga – eine einfachere, für junge Konsumenten gestrickte episodenhafte Abenteuer erleben, die sich (analog zu Band Eins der Potterbände) um Magie, Hogwarts, Beziehungen und einfache Bösewichte drehen. Das Ende eröffnet ganz neue Franchise-Möglichkeiten, die den Potter-Kosmos nicht – wie von Rowling angekündigt – beschließen, sondern im Gegenteil ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten bieten, in denen ohne die Autorin selbst mit den etablierten Figuren weiter gearbeitet werden kann. Wofür JKR natürlich stattliche Royalities erhielte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Das Problem an Potter ist also der Erfolg. Vielleicht, weil man – ich zumindest – das Buch nicht mehr lesen kann, ohne die Marketingmaschine vor Augen zu haben, die echte Welt so in Harry Potters magisches Universum hinein gedrungen ist, dass die Unschuld verloren ist. Am Ende bleibt die Dissonanz zwischen dem unglaublichen globalen Erfolg der Marke Potter und dem daran gemessen eigentlich enttäuschenden tatsächlichen Content. Insofern ist Potter wie alle großen Fetisch-Marken: Mehr Schein als Sein.

Was rückblickend bleibt ist der grandiose Spaß an dem Grassroots-Hype, den es um Harry Potter so um den zweiten, dritten und vierten Band herum gegeben hat, als aus einem unbekannten Kinderbuch plötzlich ein aus der Leserschaft heranwachsendes Phänomen wurde. Als Verlage noch von unerhörten Auflagen überrascht wurden, als Buchhandlungen spontan Parties mit den kleinen Fans veranstalteten, als es noch keinen global gleichgeschalteten durchdesignten Look&Feel der Marke gab, vom Logo bis zur Brille. Für dieses Feeling von Euphorie und Spaß am Buch – ein letztes Aufbäumen der Gutenberg-Kultur vielleicht – muss man Rowling und ihrem Harry Potter dankbar sein. Denn hier zeigt sich nicht nur, was ein bescheidenes Medium wie das Buch in der Leserschaft auszulösen vermag, welche Kraft in Papier und Buchstaben steckt und wie aktiv und phantasievoll die jungen Leser sind… es offenbart sich vor allem, wiviel vielschichtiger, facettierter und kraftvoller das Buch als Medium ist und wie sehr die Figur durch die vereinfachende Verfilmung (und noch stärker zur Eindimensionalität zwingende Kommerzialisierung) gelitten hat. Es ist eine seltsam beruhigende Bestätigung, wenn auch am konkreten Beispiel der verfallenden Qualität der Potter-Bücher vielleicht etwas traurig, dass das Buch als Erzählform unerreichte Subtilität und Authentizität hat.

STEPHEN WRIGHT: GOING NATIVE

So verwirrend, lasziv-sexy und zugleich abstoßend wie das Cover ist Stephen Wrights Roman Going Native, in dem der Durchschnitts-Ehemann Wylie Jones aus seiner typisch amerikanischen BBQ-Ehe verschwindet, einen Galaxie 500 stiehlt und wie ein Geist durch rauschhafte Episoden des American Nightmares driftet. Vom Start weg ist jeder Satz wie ein Skalpellschnitt, sauber kalkuliert, meisterhaft durchgeführt, jedes Detail, jedes Wort Gramm für Gramm abgewogen. Wright führt uns elegant und federleicht durch die große Mythologie Amerikas wie durch ein Freakkabinett. Vom Alptraum der Vororte zu Crackjunkies, zum Mythos Hitchhiker-Killer, einen Blick in White-Trash-Motels, in die bizarre Welt der Pornofilm-Produzenten, kurz zu einem Lesbenpaar in einer Wedding Chapel in Las Vegas, im längsten Kapitel – Night of the Long Pigs – bis nach Borneo und zurück in die chromblitzende Einöde einer Neureichenvilla in Los Angeles und schließlich endet Wylie – full circle – bei einer neuen Flucht, die diesmal endgültiger Natur ist. Wrights Figuren sind Loser mit großen Hollywood-Träumen, den American Dream im Kopf, Psychopathen, Freaks, urbane Karrieristen – und der Protagonist des Buches bleibt für uns wie ein Schatten, fast unsichtbar, unter immer neuen Namen, gesichtslos, ein Phantom, das in manchen Kapiteln kaum wahrnehmbar ist, in anderen beinahe beiläufig das Leben der Hauptfiguren dieses Kapitels schlagartig ändert oder beendet. So wird Going Native zu einem halluzinatorischen Episodenroman, zu einer Art postmoderner Anthologie von beiläufigen Kurzgeschichten, die bis hinab zur Stilistik jewells hoch unterschiedlich ausfallen, aber doch durch eine gemeinsame Melodie, ein Thema verbunden sind. Wie eine Art Raymond Carver auf LSD seziert Wright das subkutane soziopathische Gewebe der amerikanischen Seele, jeder Dialog, jede Beschreibung ein subtiler, zugleich grotesk tiefer Schnitt in die dünne Haut der Zivilisation, in die Risse und Dichotomien des westlichen Lifestyles. Dabei niemals offensichtlich, niemals smart-ass, niemals zu clever, immer dicht, sparsam und authentisch in der Wahl seiner Mittel – bis du beim Lesen fast darum bettelst, dass Wright aufhört, weil man so viel Wucht, so viel Brillanz nicht verträgt in so hoher Dichte. Going Native ist das Buch, das Bret Easton Ellis in seinen Träumen gern geschrieben hätte und mit American Psycho fast erreicht hat – nur, das Wright die Wucht von American Psycho hier in einem Kapitel verlustfrei abgearbeitet hätte. Verwirrend, verstörend, echt, erotisch, böse, geschmacklos, dabei wunderbar komisch und auch nach 13 Jahren akut. Der Selbsterfahrungstrip des Hollywood-Paares in Night of the Long Pigs klingt so aktuell, so Brad-and-Angelina, so JETZT…. surreal. Dieses vorletzte Kapitel dieser bizarren Odyssee , das vielleicht seltsamste im Buch, eine lange, kafkaeske, beklemmende Kurvenfahrt, die zu einem furiosen und wunderbar sardonischen Schlusspunkt führt, endet ebenso subtil, leise und grausam wie viele andere Szenen in diesem Buch – niemals wurde ein Serientäter so unsichtbar, so schattenhaft indirekt beschrieben.

Wrights Bücher widmen sich den unterschiedlichsten Themen – Vietnam, der Bürgerkrieg in den USA, UFO-Kult, und die zahlreichen Einflüsse für diese morbide Road Novel und seine literarischen Inspirationen sind deutlich greifbar, aber niemals eindimensional, niemals billig, der Mann steht auf den Schultern von Giganten und greift höher. Mit hyperrealistischer Schärfe und surrealer Grellheit zugleich kombiniert Wright Themen und literarische Qualität scheinbar unvereinbarer Autoren und Genres und bringt all diese Zutaten zu etwas zusammen, was nur selten gelingt: Ein atemberauben brillant geschriebenes (und zugleich leider kommerziell absolut erfolgloses), wuchtiges Meisterwerk, das sich an Drogen, Sex und Gewalt und der Leere des modernen Daseins mit unerbittlicher Eleganz und dekonstruktiver Urgewalt abarbeitet und dich wie jede gute Achterbahnfahrt müde aber absolut glücklich zurücklässt.

FREAKONOMICS

Steven Levitt ist ein Ökonom der etwas anderen Art. Nicht nur, weil er zugibt, mit Zahlen etwas Probleme zu haben, sondern vor allem er sich recht wenig für volkswirtschaftliche Kennziffern oder den Aktienmarkt interessiert. Levitt scheint sich mehr für die seltsamsten, eklektischsten Fragen zu interessieren, denen er sich dann mit dem Werkzeugen seiner Zunft nähert. Und arbeitet so wie eine Art Detektiv in den absurdesten Fällen und entdeckt, das die Höhe von Wahlkampfbudgets eben nicht die Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges bestimmt, sondern umgekehrt, dass die Gesamthöhe eines aller Wahlkampfausgaben etwa der Summe entspricht, die Amerikaner im Jahr für Kaugummi ausgeben. Levitt entdeckt, das Qualitätsmaßnahmen in den Schulen die Lehrer zum Schummeln veranlasst haben und wie man ihnen auf die Schliche kommt, warum Sumo-Ringer betrügen, warum Immobilienmakler beim Verkauf ihrer eigenen mehr Geld herausschlagen als für «normale» Häuser, er legt den geheimen Code von Immobilienmaklern offen, er stellt fest dass der moderne Rassismus in amerikanischen TV-Shows sich gegen Latinos und Alte wendet, worüber Leute bei Online-Date-Diensten am meisten Lügen. Er fragt sich, warum Crack-Dealer noch so oft bei ihrer Mama leben, wenn der Job angeblich so viel Geld einbringt, und inwieweit das Drogenbusiness genauso funktioniert wie jede andere Unternehmung auch – insbesondere wie die Einführung von Nylonstrumpfhosen durch DuPont im Zweiten Weltkrieg. Er schaut sich den prophezeiten Kriminalitätsboom in den Neunzigern an – und dessen komplettes Ausbleiben und fragt sich, ob das Herabsinken der Kriminalitätsrate in den Vereinigten Staaten wirklich an schärferen Gesetzen und mehr Gefängnissen lag – oder vielleicht doch daran, dass Jahrzehnte zuvor eine liberalere Abtreibungsgesetzgebung dafür gesorgt hat, dass weniger unerwünschte Unterschicht-Kinder zur Welt kommen. Beim Thema Erziehung angekommen, stellt Levitt fest, dass ein Swimming Pool für ein Kind im Garten gefährlicher ist als eine Pistole im Haus, warum Kindersitze Quatsch sind, was Eltern ihren Kindern wirklich für Erfolg im Leben mitgeben kann und widmet ein – etwas langes – Kapitel auf die Relation von Schulerfolg, Elternbildung und Namenstrends in den USA.

Das alles ist vom Reporter Stephen Dubner für Freakonomics in eine federleichte, unterhaltsame Form gegossen, die aus der nüchternen Zahlenmaterie eine erhellende, vor allem aber absolut lustige, kurzweilige und schnell wegzulesende Form von Infotainment macht, die nach dem Lesen des Buches zwar wenig hinterlässt, aber währenddessen Suchteffekt hat. Ergänzt durch Dubners Artikel über Levitt in der NY Times, Kolumnen der beiden Autoren in der gleichen Zeitung und Blog-Artikel, wird nicht nur eine andere Möglichkeit offenbar, sozioökonomisch zu denken, nämlich sprunghaft, an der Realität orientiert und durchaus mit Hang zum Kruden, sondern auch das Phänomen Freakonomics, das ja nicht umsonst eine ganze Flut ähnlich gelagerter Bücher nach sich zog. Das zum einen sicher, weil die schnelle, etwas oberflächliche Erklärung von Welt anhand ökonomischer Kennwerte sich einfach schnurrig mit hohem Unterhaltungsfaktor wegliest und man trotzdem das Gefühl hat, was gelernt zu haben, zum anderen vielleicht, weil die Gesellschaft hier einen greifbaren Zugang zu einer ansonsten verschlossenen akademischen Spezialwelt gewinnt, die in der Uni realitätsfern wirkt und deren Anwendung in der Berufs- und Finanzwelt zunehmend eher mit Arbeitsplatzverlust und Börsencrash assoziiert wird. Levitts Trick ist, der Wirtschaftswissenschaft ein humanes, freundliches Antlitz zurückzugeben und alltägliche – banale, ehrlich gesagt, mitunter abstruse – Probleme in den Fokus zu rücken. Der Schritt raus aus dem Elfenbeinturm – plus ein paar Marketing-Gags, zugegeben – reicht anscheinend, um beim Publikum, das ja nach konsumierbaren Antworten, nach Navigation sucht, zum Erfolg zu werden, wie auch das ziemlich gut frequentierte Blog und der bevorstehende zweite Band dokumentieren. Das ist insofern recht interessant, als dass in Deutschland auch die eigentlich aus der Mitte der Gesellschaft kommenden Wissenschaften sich alle Mühe geben, akademischer zu werden, abstrakter, unverständlicher, verkopfter. Computersimulationen, Statistiken, Formeln, Fachsprache… immer auf Distanz zur Wirklichkeit. Vielleicht sollten sich andere Wissenschaften eine Scheibe von Levitt abschneiden…

JONATHAN CARROLL: SLEEPING IN FLAME

Sleeping in Flame ist von Ende der Achtziger, und gehört in den Zyklus von Carrolls Büchern, die sich fast nahtlos zusammenfügen. Hier werden zum Teil erstmals Figuren eingeführt, die in späteren Büchern immer und immer wieder auftauchen, der Tod von Venasque findet zum Beispiel hier und in Outside the Dog Museum statt, oder Phil Strayhorn aus Child across the Sky und Ingram York aus Black Cocktail werden eingeführt, es gibt eine deutliche Verbindung zu Bones of the Moon und so weiter. Wie so oft wendet Carroll hier einen Trick des Pulp-Schriftstelers Stephen King ins Literarische und schafft sich in seinen Romanen ein gemeinsames Universum für seinen Magic Realism. Nachdem ich Sleeping in Flame bereits dreimal gelesen habe, sind Ende und Auflösung keine große Überraschung mehr, und einige schriftstellerische Fahrlässigkeiten werden deutlicher, spannend ist aber, wie sehr nahezu jedes Buch von Carroll von immer wiederkehrenden Themen, Motiven, Fetischen durchdrungen ist. Auch hier pendeln die Protagonisten zwischen LA und Wien, auch hier steht eine seltsame Liebesgeschichte im Zentrum einer phantastischen Erzählung, auch hier wird nach und nach der Alltag ausgehebelt, während der Schauspieler und Drehbuchautor Walker Easterling und seine neugewonnene Freundin, die Künstlerin Maris York entdecken, was es mit Walkers seltsamer Vergangenheit auf sich hat, und was das eventuell für das Kind der beiden bedeuten kann. Carroll präsentiert seinen gewohnt seltsamen Mix aus Horror, Romanze, Märchen, in dem grandiose Alltagsbeschreibungen neben dem Einbruch des Hyperrealen in unser Leben stehen. Sleeping in Flame ist wie ein – allerdings weniger psychedlischer – David-Lynch-Trip in eine Welt, in der Märchenwesen und Engel, Schamane und Dämonen auf magische Weise in das Leben der Menschen einwirken. Dabei wird das Buch nur selten bleiern oder schwer, sondern kommt leichtfüssig, schnell und witzig vorwärts, mit souveräner Suspension of Disbelief, um – ganz in Horrorthrillermanier – auf den letzten Seiten nach dem scheinbaren Happy End noch mit einem bösen Kinnhaken zu enden. Dabei ist Carroll ebensowenig Horrorautor wie Dashiell Hammett Krimiautor war… obwohl Sleeping in Flame sicherlich ein Genrebuch ist, entpuppt es sich doch als tief in der osteuropäischen Märchentradition stehende Erzählung, als modernes Mädchen, das nahtlos von Reinkarnation und moderner Kunst zu Rotkäppchen und Rumpelstilzchen springt, so das der literarische Spagat zwischen dem hypermodernen LA und dem alten Europa-Flair von Wien beileibe kein Zufall ist. Die morbide Stimmung Wiens permeiert den Text ebenso wie das moderne Kinoflair von Los Angeles. Carrolls höchste Kunst ist es, dass wir uns in seine Protagonisten verlieben, verlieben wollen, und ihnen bald bedingungslos in die Abgründe der Geschichte zu folgen bereit sind. Carroll ist heute ein Autor, dem die Balance zwischen Mystik und Realität nicht mehr immer so leicht gelingt, der in seinen eigenen Pattern gefangen scheint und der vielleicht ausbrechen sollte aus dem phantastischen Genre – zumal seine Skizzen und Beobachtung nach wie vor großartig und lesenswert sind -, aber seine Bücher aus Ende der 80er/Anfang der 90er zeigen ihn in der Blüte seines Schaffens, als einen grenre-transzendierenden Autor, der über weite Strecken auch nach fast 20 Jahren noch zu verzaubern vermag.

MEDIA MICROWAVES

Every minute or two he reached out to change the radio station. Every pop tune was a monotonous fraud; every voice bellowing through the megaphone of a morning talk show issued from the mouth of an idiot. He wanted to hear something he hadn’t heard before. Sometimes he imagined he could even feel the media microwaves bombarding his skin, as if he were literally baked in encoded clichés. … This life was a merry-go-round in which you passed through the same thoughts, the same feelings, over and over again until you died.

Stephen Wright: Going Native

MODULAR SELVES

Today’s Kenyahs lived in separate buildings, neat secluded rows of boxlike suburban homes, one house one family, in accordance with the current governments’s coercive modernization campaign, full entrée into the high-tech, mass-consumption order of the future requiring the dismemberment of the social body into smaller and smaller pieces more and more dependent upon the structures of control. Community was systematically broken down into isolated individuals, and then the individuals themselves into contending fragments of confusion and desire, modular selves, interchangeable units for the new, interchangeable people of the masses’ millenium. And even the most rudimentary sense of wholeness was fading into extinction, the vitality of an entire culture was being processed for cash and entertainment.

Stephen Wright, Going Native

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