HD Schellnack /// Kontakt Twitter iPhoto pointandshoot Typographie Alternative Pop Licht nodesign Aktionen Zitat Natur Photographie Denken Fail ScienceFiction Apple Studium Belletristik Comics Dayshot Vernacular Scratchbook Werbung Fragen Winter Software Medien Fun Retro Gesellschaft Farbe Print Electronic Magazine iOS Zukunft Web Drama Frühling Jazz Sommer Kitsch Kunst Sachbuch Hardware Fantasy Klassik Herbst Thriller Emma

Buchstützer

hd schellnack

(Mit Riesendank an alle in Frankfurt, die uns die letzte Woche unterstützt haben!)

Faxart

hd schellnack

Das kam gestern tatsächlich so aus dem Fax hier und gefiel mir bestens… Instant Carson.

Dayshot

hd schellnack

Alex Leu fragt 27: Letzte Worte

hd schellnack

Welchen abschliessenden Rat würden Sie unseren Nachwuchs auf dem Weg geben?
Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Der erste Rat ist sicher, dass man schauen sollte, ob man das wirklich machen will, was man macht. Du verdienst als Designer nicht wirklich so atemberaubend und der Job ist anstrengend, weil man sozusagen lebenslang Prüfungen meistern muss, gewogen wird, bewertet wird, sich immer wieder beweisen und auch selbst hinterfragen muss bei zugleich verhältnismäßig geringer sozialer Anerkennung. Also erst einmal überlegen: Warum will ich Designer werden? Und sich dazu informieren, wie der Alltag aussieht, der sich ja deutlich von «Gute Zeiten Schlechte Zeiten» oder «Mad Men» unterscheidet (leider in letzterem Fall).

Und wenn man es dann studiert, sollte man es so brennend studieren, wie man kann, weil es eben nicht Sozialpädagogik oder Maschinenbau ist. Es kann nicht darum gehen, irgendwie durchs Studium und in den Beruf zu kommen, sondern das Studium ist nur eine Art Ausrede, sich zu entdecken und entfalten. Man sollte seine Dozenten völlig in Anspruch nehmen, neben der Uni arbeiten und vier fünf Jahre nur Design leben und atmen, möglichst viele Praktika machen, möglichst viel nebenbei tun, an jedem Projekt teilnehmen. Design ist nicht BWL, es ist kein Beruf, sondern eine Lebensart, eine sehr ganzheitliche und grundlegende Sicht auf Welt und vielleicht auch auf dein eigenes Leben, es ist ein Paradigma an sich – und es gilt, im Studium in diese Lebensart einzutauchen. Ich kriege zugegeben zuviel, wenn Studenten im Diplom stehen und Vignelli oder Gugelot nicht kennen. Gesine Grotrian-Steinweg hat bei einer Podiumsdiskussion einmal Studenten gefragt, ob sie KesselsKramer kennen, eins von den drei wirklich wichtigen niederländischen Büros, eine Legende. Und keiner im Publikum hat es gekannt.

Auf der anderen Seite kann ich jederzeit bei Thierry Blancpain anfragen, der in der Schweiz Design studiert, wenn ich zu einem bestimmten Thema etwas wissen will, und der donnert mir nicht nur fünf grandiose Vertreter einer bestimmten Richtung als Link um die Ohren, sondern hat auch gleich eine dezidierte Meinung zu dem Thema. Da brauchst du nicht zu überlegen, ob der Mann mal ein guter Designer sein wird, es ist einfach klar. Der brennt für seine Sache, kennt sich aus, macht wahnsinnig gute Arbeit. Solche Leute hast du übrigens an fast jeder FH, immer so 3% bis 10% der Studentenschaft. Die machen Projekte, organisieren Veranstaltungen, produzieren Bücher und Magazine, sind immer wieder atemberaubende und spannende Leute, deren Namen man dann nicht ohne Grund immer und immer wieder irgendwo liest und auch in den kommenden Jahren lesen wird, weil sie die nächste Generation guten Designs darstellen. Solche Leute sind ein Geschenk, kann man nicht anders sagen… und als Student sollte man eigentlich alles daran setzen, so zu sein, so zu werden.

Es gibt sicher Jobs in Agenturen, die man auch kriegt, wenn man sich nicht für Design und Typographie und Kultur interessiert und nur InDesign halbwegs solide bedienen kann und tut, was gesagt wird. Keine Frage. Die sind im Zweifelsfall sogar besser bezahlt, weil die Jobs, die solche Läden machen, mehr Geld einbringen. Mittelmaß setzt sich durch.

Aber wer mehr will, muss Design atmen. Und natürlich gerade im Studium – diesem großen Freiraum, dieser beneidenswerten Chance (die der Bachelor leider sehr kleinrationalisiert hat) Zeit und Ressourcen für freie Projekte zu haben – einfach mal einen Kongress starten, einen Bücherstand für die Frankfurter Buchmesse stemmen, ein Buch produzieren. Solche Sachen, die dann dein ganzes weiteres Leben formen können. Christian Hampe und Beate Blaschczok haben an der Ruhrakademie mit «Clownfisch» angefangen und das ist inzwischen eine recht große Nummer geworden, längst eine Art kultursoziales Experiment und viel mehr als «nur» ein Magazin. Mutabor ist einst als Studentenprojekt gestartet, die haben noch in der Studienzeit für BMW gearbeitet und die ersten TDC-Awards eingeheimst und herausragende Arbeit gemacht. Du kannst an der Uni – Bachelor hin oder her – angstfrei deine eigenen Stärken finden und musst diese Chance auch immer wieder einfordern, deine Dozenten um Freiheiten und konkrete Hilfestellung angehen, die ein guter Student auch immer kriegen wird. Machen, lernen, entdecken und dann als schon relativ guter Designer von der FH kommen – mit einem sauberen Portfolio und einer umwerfenden Diplomarbeit, mit den ersten guten Kontakten, weil du vielleicht mal bei der «Typo» aktiv gewesen bist oder auf der Buchmesse in Frankfurt oder bei Strichpunkt oder Magma oder KolleRebbe ein Praktikum hattest, ein Projekt von dir bei Slanted, fontblog, in der Form oder Novum präsent war. Der Tip wäre also wahrscheinlich: Mach es nicht oder mach es ganz.

Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Das kann ich einerseits kaum beantworten – ich nage selbst seit ewig an der Frage und bewundere die Art Selbstdarsteller, die das so scheinbar mit Leichtigkeit macht, sich immer in den Mittelpunkt stellt, völlig gnadenlos selbst verkauft und anscheinend frei von Zweifeln ist. Zugleich mag ich solche Leute oft nicht, ich habe um mich eben meist doch eher Leute mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten, nicht diese Self-Hype-Leute. Ich bewundere diese Fähigkeit abstrakt, aber wenn ich damit konfrontiert bin, macht sie mir Angst oder die Leute sind unsympathisch oder so. Gibt einige Ausnahmen, die die Regel bestätigen, natürlich. Aber generell sind mir Leute sehr viel lieber, die an sich selbst zweifeln und gar nicht realisieren, wie toll sie eigentlich sind und die nicht so selbstzufrieden sind und weiter an sich arbeiten.
Ansonsten ist es so, dass bei uns beispielsweise Praktikanten immer wieder auch mal Aufgaben kriegen, die sie eigentlich überfordern. (Oder vielleicht nicht überfordern sollten nach einem Studium, es aber oft de facto tun). Und mit der Zeit kristallisiert sich dann deutlich heraus, wer etwas an den Tisch bringt und wer nicht. Wer Arbeitsethos hat, wer schöne Ideen und visuelles Denken hat, bei wem ich auch kein schlechtes Feeling habe, wenn es mal Routineaufgaben zu tun gibt bzw. wer auch diese erfüllt und über-erfüllt. Ich kann nur für uns selbst sprechen, aber ich glaube nicht, dass man sich bei nodesign nervös «verkaufen» muss, die Qualität zeigt sich von ganz allein im Tun.

Was ist die Voraussetzung um angstfrei zu sein? Zu wissen, was man will? Weil man sich mit seiner Arbeit identifizieren kann?

Völlig angstfrei zu sein, ehrlich gesagt, fände ich nicht gut. Angst ist ja auch ein herausragender Motivation und gesunder Teil unserer Gesamtpsyche. In gesunder Dosis ist Angst sinnvoll. Wobei ich nicht diese paralysierende und pathologische Angst meine, sondern in diesem Fall vielleicht eine grundsätzlichere Angst vor der Leere, dem Vakuum im Leben, der Sinnlosigkeit. Diese Art von Angst hat sicher schon manche Leute zu unfassbaren Leistungen bewegt. Zu wissen, was man will – aber dabei flexibel zu bleiben – hilft immer, auch wenn man das meist eher schubweise im Leben entdeckt und nicht mit 20 weiß. Die Identifikation mit der Arbeit… das ist so ein Ding. Wenn es nicht die Eitelkeit und sozusagen narzisstische Identifikation ist, sondern ein Eintauchen, eine Leidenschaft, dann unbedingt. Wichtig ist nur, es nicht zu ernst zu nehmen. Du bist nicht deine Arbeit, musst kritikfähig, flexibel, offen bleiben. Ich glaube fest, dass jeder seine ganz einzigartigen Fähigkeiten und Funktionen hat – und diese nur entdecken oder entfalten und trainieren muss, was aber meist nur mit einer Mischung aus Ehrlichkeit und Demut erreichbar ist. Und Humor – wenn du nicht mehr über dich selbst lachen kannst, hast du verloren.


Alex Leu fragt 26: Alter

hd schellnack

Spielt das Alter bei Designern eine Rolle?
Das Alter spielt immer eine Rolle, egal, was du machst, oder? Spielt das Alter bei Musikern, Schauspielern oder Autoren, Architekten oder Handwerkern eine Rolle? Sicher.

Es mag etwas platt sein, aber das Klischee stimmt – in jungen Jahren sind die meisten Kreativen eher «Sturm und Drang», wollen alles anders machen, brennen heiß und lodernd. Mit den Jahren wird daraus mit Glück eine Glut, die nicht mehr verbrennt, sondern Wärme spendet. Mit 18 darfst du denken, auf alles die erste Antwort zu haben und besser als alle anderen zu sein, du darfst (oder musst vielleicht sogar) in diesem Nietzsche-Größenwahn-Modus operieren. Mit 40 hast du genug gesehen, um bescheidener sein zu dürfen/müssen, denn es geht nicht um dich, sondern um alles andere. Deine Ideen sind nicht neu und weltverändernd, sondern sie stehen in einer evolutionären Tradition und sie müssen sich in dieser Tradition bewähren und funktionieren.

Du wirst raffinierter, im Wortsinne, sozusagen destillierter. Deine Interessen sind andere. Man verliert etwas von dieser flammenden, welterneuernden (und etwas klugscheißerischen) Kreativität und wird dafür erfahrener, tiefer. Das ist ein fairer Tausch – aber auch bei jedem anders. Natürlich gibt es viele Künstler, Musiker, Autoren und eben auch Designer, die nur in ihren ersten Jahren wirklich großartige Sachen machen und den Rest ihrer Karriere herum eiern, aber es gibt immer auch diese alten Kerle, die einfach umwerfende Meisterwerke produzieren. Insofern spielt Alter sicher eine Rolle, aber nicht generell so, dass man sagen kann, ob du nun «jung» besser oder «alt» besser bist. Jeder ist da anders. Ich glaube, wenn man neugierig und hungrig bleibt, kann man auch nach dreißig Jahren als Designer noch phantastische Arbeit machen, vielleicht wenn man die Balance zwischen Abgeklärtheit und einem immer noch vorhandenem Enthusiasmus, einer immer noch vorhandenen Portion Sturm und Drang, findet.

Alex Leu fragt 25: Haltung

hd schellnack

Wie hilfreich ist hierbei eine eigene Haltung?
Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?
Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Eigene Haltung hat man ja nicht, die entwickelt man. So wie Musikgeschmack oder Kunstinteresse. Es ist Arbeit. Je älter du wirst, umso länger weht der Umhang deiner Interessen, du akkumulierst Musikstile, Bücher, Erfahrungen, Gespräche und aus all diesen Eindrücken und Reflektionen entsteht so etwas ähnliches wie eine eigene Position zur Welt, die an sich aber auch (hoffentlich) immer nur als ein fluider Zustand zu denken ist.

Eine Haltung sollte keine Trutzburg sein, aus der heraus du auf die Welt schaust, sondern mehr wie ein U-Boot, klein und wendig, so ein Ein-Mann-Dinghy, mit dem du durch die Welt flitzt, dir die Dinge ansiehst und weitersaust und nicht altersstarrsinnig an deinen «Meinungen» klebst. Denn Haltungen und Meinungen sind ja Meme, sind ja immer gesellschaftlich, also künstlich geformte Modelle, und mit den Jahren versteht man das klarer: Es gibt keine Wahrheit, es gibt keine absoluten Zustände. Was du als ewige Werte sahst, ist eigentlich mehr als relativ, die Welt und ihre Geschichte hat mehr Schichten als du mit 20 gedacht hast. Insofern ist «Haltung», wenn sie rigide wird, gerinnt, eine absolut tödliche Falle für das Denken, für die Offenheit und Toleranz, für die Neugier.

Die Haltung eines Designers sollte vielleicht eher ein bisschen naiv und offen sein, fließend und antidogmatisch, unpuristisch. Entgegen der landläufigen Meinung sollte Design an sich vor allem unpuristisch und auch unpuritanisch sein. Wir sollten ruhig wie Kinder durch den Spielzeugladen gehen und alles spannend finden. Und andererseits müssen wir knallharte Türsteher des guten Geschmacks sein und für unsere Ideen fighten. Ich habe selbst keine Ahnung, wie das zusammengeht, Offenheit zu bewahren und dann doch an die eine richtige Sache glauben und dafür auf die Barrikaden gehen, aber was auf dem Papier unvereinbar klingt, geht ja im Alltag ganz gut. Designer mit einer rigiden Haltung verstehe ich nicht, kenne ich aber ehrlich gesagt auch kaum. Die Welt ist zu komplex dafür und eine vorgefasste Denkschablone hält dich nur davon ab, zu lernen. Natürlich hat man eigene Positionen und seine persönlichen Orientierungslichter im Nebel, aber es ist immer gut zu verstehen, wie trügerisch und relativ diese Lichter eigentlich sind. Du musst also gerade deine eigenen Positionen (aber auch alle anderen) immer dem Säurebad unterwerfen, in Diskussionen mit Andersdenkenden, mit Fakten, oder indem du empathisch versuchst, dir die Gegenposition zu eigen zu machen, für und wider zu verstehen. Das ist natürlich eine sehr postmodern-wurstige Haltung, aber ich kann’s nicht ändern, mir erscheinen Menschen mit wirklich festen Meinungen irgendwie etwas seltsam – ich bewundere das einerseits, diese Gewissheit ist ja auch berauschend… aber es ist nichts für mich.

Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?

Ich glaube eher, das Problem wäre, die Rolle «im Design» gefunden zu haben. Wenn du das getan hast, bist du Grafik-Beamter, aber kein Designer mehr. Definition eines guten Designers ist doch gerade, seine Rolle zeitlebens nicht zu finden, ein Suchender zu bleiben, staunend zu bleiben. Ich möchte nicht wissen – und ich mache das alles ja nun wirklich seit fast 20 Jahren – wie viele Klienten mich naiv finden, wenn ich wie ein Kind beim Geburtstag durch ihre Firma oder Einrichtung gehe und ALLES spannend finde und bestaune. Bloß nie abgeklärt und cool werden. Mag aber nur für mich individuell zutreffen – aber ich liebe an diesem Job, dass ich immer wieder hinter einen Vorhang schauen darf und zugleich doch die Distanz eines Besuchers wahren kann.

Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Völlig unwichtig, siehe oben. Wichtig ist, die Position und Haltung anderer einnehmen zu können, tanzen zu können. Die Position des Auftraggebers – und wichtiger noch, die Position der Menschen, die er erreichen will. Die Denkmuster der Menschen, die du mit deiner Arbeit begeistern willst oder bewegen willst. So wie ein Autor sich in seine Figuren und in die Leser zugleich hineinführt, ein Regisseur seinen Film aus zig verschiedenen Blickwinkeln sehen kann (und sollte). Die Aufgabe der eigenen Position und dann die Eroberung einer fluiden Position der angemessenen Richtigkeit jenseits deiner persönlichen Vorlieben und Muster, das ist der Kick an der Sache. Lebenslanges Lernen, kurz gesagt.

Alex Leu fragt 24: Trendjäger

hd schellnack

Was sagen Sie dazu, wenn sich Studenten oder Berufsanfänger vor einer konzeptionellen oder gestalterischen Wiederholung in deren Arbeiten fürchten? Einem Trend hinterherzujagen (aktuell Lombardo, Meire, Borsche Style etc.)
Wie kann man seinen eigenen Stil entwickeln, ohne einem Trend hinterherzujagen?

David Carson hat mal gesagt, dass man als Designer ein Drittel seiner Karriere lang andere Stile kopiert. Ich selbst glaube, man tut es unbewusst vielleicht sehr viel länger, nur raffinierter, subkutaner. Es ist aber natürlich schon übel – so wie die Carson-Grunge-Nachbauten vor zehn Jahren unerträglich waren (und ich habe letztens sogar noch welche in einer Bewerbung gesehen) – wenn heute so viel Design so gleich aussieht.

Wenn ein Praktikant 60% der Zeit im Büro Design-Blogs durchsurft, darf man nicht überrascht sein, wenn seine Vorschläge für Projekte dann verdammt nach dem aussehen, was er sich da den ganzen Tag lang angesehen hat. Auf der anderen Seite wäre ich heuchlerisch, wenn ich nicht zugebe, selbst natürlich auch Einflüsse und Inspirationen zu haben, sogar sehr viele und mich bei denen auch gerne zu bedienen, wie ja vorhin schon besprochen.

Ich hoffe bei Designern immer auf das, was ich den Beatles- (zeitgemäßer vielleicht den Radiohead-) Effekt nenne. Beide Bands haben nicht sonderlich innovativ angefangen, sich dann aber im Laufe der Karriere aber massiv freigeschwommen. In der Regel werden viele Künstler, Autoren oder Musiker mit der Zeit kommerzieller, chartsorientierter – und vielen Design-Büros geht das auch so. Die Kunden werden größer, und große Kunden scheuen das Experiment… in der Wahl ihrer Partner, aber auch in der tatsächlichen Arbeit. Wenn ein Studio also 20 oder 40 Mitarbeiter hat, wird es im Schnitt durch den größeren Output durchaus auch wegweisende Projekte geben, aber eben auch sehr viel Mainstream. Radiohead, die Beatles und ein paar andere Bands zeigen, dass es aber auch anders geht, das langfristiger Erfolg auch dadurch erfolgreicher wird, immer kompromissloser seinen eigenen Weg zu gehen. Aber das schaffen eben auch nur sehr wenige.

Dennoch macht man sich als Designer natürlich mit der Zeit freier von erkennbaren Einflüssen, freier von Unsicherheiten. Ich denke, dieses Freischwimmen, das ein langsamer und tastender Prozess mit Fehlern und Irrwegen sein muss, ist die Methode, die dann – wahrscheinlich erkennt man das selbst aber nie, weil man ja nicht auf das eigene Werk zurückblickt – zu einer Eigenständigkeit führt. Der Mut zum Fehlschlag gehört dazu. Man probiert viele Anzüge an, sieht auch mal schlecht angezogen aus, findet aber nur so seinen eigenen Look. Und irgendwann ist man so oder so außerhalb von Trends, weil man sich nicht mehr so damit befasst, was gerade angesagt ist, sondern eigenen Antworten hinterherjagt.

Alex Leu fragt 23: Oberflächendesign

hd schellnack

Ambitionierte Studenten befürchten in der Praxis die Beliebigkeit und „Oberflächendesign“. Was sagen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung dazu?
Beispiele: unrelevante Arbeit, für die Tonne zu arbeiten, zum Dekorateur zu verkommen, kommerziell pragmatische Projekte, geringe Wertschätzung: Gehört das in der Praxis auch einfach dazu?
Gibt es einen Weg wie man damit positiv umgeht?

Zunächst ist kommerziell und oberflächlich absolut gar nicht gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil geben dir gut bezahlte Aufträge eher die Ressourcen, in die Tiefe einer Idee einzutauchen, weil du mehr Zeit investieren darfst oder Geld hast, um mit Partnern, die dich selbst interessieren, zu kooperieren. Und es gibt andererseits eben auch ganz entsetzliche pro-bono-Projekte bei denen dich der Auftraggeber (der irgendwie vergisst, dass er eigentlich in diesem Fall ja gar keiner ist) völlig beschneidet oder frustriert und am Ende hast du ein Ergebnis, das schlecht ist und schlecht bezahlt wurde, schlimmer geht es gar nicht. Been there, done that, it sucks. Kommerziell mit «brav» gleichzusetzen ist, sorry, einfach eine Ausrede für Faulheit. Wir haben beispielsweise bei einem kommerziellen Kunden aus der Bankenwelt deutlich bösartigere Konzepte realisiert bekommen als an einem Theater, viel konfrontativeres Material produziert. Nonkommerziell ist nicht immer «besser». Es gibt keine schlechten Briefings. Ich habe bei pro-bono-Aufträgen unfassbare Kompromisse machen müssen («Mein Mann hat sich da auch mal etwas ausgedacht…») und andererseits bei hochkommerziellen Aufträgen wunderbare Erlebnisse und Ergebnisse gehabt. Also bloß nicht auf diese Klischees reinfallen, sie stimmen nicht.

Insofern gibt es keinen Job, der per se «oberflächlich» ist oder von uns so angegangen wird. Natürlich hast du immer wieder Klienten, die am Ende die scheinbar sicheren Varianten bevorzugen, die du nicht oder eben nur langsam ermutigen kannst, sich zu Strecken, gegen den Strich ihrer Branche zu bürsten. Manchmal braucht es etwas Zeit und gewonnenes Vertrauen, bis du ans Eingemachte darfst – ich kann das auch gut verstehen. Auch wenn es immer wieder schwer ist, bei Null anzufangen, diese Geduld mitzubringen – weil man ja weiß, dass der Klient selbst wichtige Zeit verliert und weil es natürlich auch manchmal anstrengt, bei neuen Auftraggebern immer wieder durch diese Phase durchzumüssen, zu überreden, zu überzeugen, sich zurückzunehmen, Kompromisse auszuhandeln. Aber mit dieser Erfahrung sind wir ja nicht allein. Das geht auch einem Chip Kidd oder Sagmeister so, also warum nicht nodesign :-D?

Wir haben 2009 solche Prozesse gehabt, bei einem spezifischen Auftraggeber und uns teilweise für die Endergebnisse etwas geschämt. Aber dann siehst du mit etwas Abstand die sonstigen Materialien, die andere Büros für diesen Klienten umgesetzt haben… und realisierst, dass du ihn eigentlich schon ganz schön weit gedehnt hast und deine Verbündeten im Inneren der Maschine wahrscheinlich gar nicht mehr herauspokern konnten. Relativ zur Norm war das Ergebnis zwar nicht dass, was du vielleicht für den Auftraggeber wolltest, aber dennoch das noch deutlich vorzeigbarste Ergebnis in seinem Medienportfolio. Insofern haben sich die Kompromisse irgendwie eben doch gelohnt, und unsere Hartleibigkeit in der Arbeit.

Es ist wichtig sich das immer wieder vor Augen zu halten, Geduld zu haben. Zumal es ja spannender ist, nicht ad hoc für «coole» Klienten zu arbeiten, wo das gute Design fast vorprogrammiert ist, sondern für Auftraggeber, die schwieriger sind und vor allem deutlich mehr Hilfe brauchen. Da habe ich einen Missionarsansatz, ich drehe lieber eine Betonfirma komplett um als bei einem Lifestyleanbieter die dann ja wieder übliche androgyn-glatte oder pseudo-provokante Optik zu fahren. Letzteren würden wir wahrscheinlich eher dann eben in eine für ihn auch wieder ungewohnte Richtung schieben wollen.

Oberflächlich sind für mich vor allem Ergebnisse, die einfach nur «gut» aussehen, aber sonst aber nichts wollen, denen du keinen Hintergrund anmerkst. Um Peter Hein zu zitieren: «Es mag sich zwar reimen, aber warum?» Stuff, der sehr zeitgeistig daherkommt, aber der mit den Inhalten wenig zu tun hat, der keinen Subtext hat, den du nicht deuten kannst, der nur kosmetisch ist. Das sind ja gerade oft die Arbeiten, die du als «wild» bezeichnest, die durch viel Styling von ihrem faktischen Mangel an Substanz ablenken, die nur formale Experimente sind, akut toll aussehen und dann langweilen. Das sind die Dekorationsarbeiten, das ist das visuelle Feigenblatt des horror vacui. Und was die Geringschätzung angeht – man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen, wir sind keine Unfallchirurgen, sondern Gestalter. Dennoch machen wir wichtige Arbeit – und wer die gut und souverän macht, wird auch nicht gering geschätzt werden, weil er einen sehr greifbaren Beitrag zum Erfolg einer Sache leistet, einen Mehrwert schafft.

Man muss da vorsichtig sein – manche der so aussehenden Arbeiten haben ein phantastisches Fundament, sind Styling und Substanz, haben eine Aussage und sind absolut umwerfend. Andere eben nicht. Spannend am Design finde ich selbst nicht die Gestaltung. Die ist und bleibt Mittel zum Zweck und ist, ehrlich gesagt, mitunter etwas langweilig. Man darf Design an sich nicht zu ernst nehmen. Das Spannende ist der Zweck. Mich reizt an Design nach wie vor die Wirkung, also die Vorstellung, damit eine Reaktion kurz- oder langfristig hervorzurufen, als «Agent of Change» sehr direkt aktiv sein zu können. Wandel (mit) zu gestalten, so platt das klingen mag. Als Designer bist du oft sehr pragmatisch an Umbruchprozessen, Relaunches oder an Neugründungen beteiligt und damit, wenn der Klient dies zulässt, ganz aktiv an Change-Management-Prozessen. Wie Mitarbeiter und Kunden ein Unternehmen sehen, wie eine Einrichtung sich sozial definiert, liegt dann zumindest teilweise mit in deiner Hand. Nicht oberflächlich ist insofern für mich ein journalistisches, neugieriges, lernendes Design, das versucht, den Auftraggeber und sein Umfeld zu erkunden, wie ein Helikopter zu umkreisen, unter die Lupe zu nehmen, das in die Tiefe geht, sozusagen auf leichte Art organisationspsychologisch ist. Und mittelfristig versucht, den Status Quo zu verändern, zu optimieren, indem es positive Impulse und Vorbilder schafft.

Das positive Umgehen ist insofern, sich den Beruf zu eigen zu machen. Es gibt viele Nischen im Design, vom flashigen Trendzeug bis ursolider Werbung und dazwischen auch Raum für Büros wie unseres, das irgendwie weder noch ist. Design ist wie Musik – es gibt zig Stile und Nuancen, du kannst eher der Jazzer oder eher der Raggamuffin sein… wichtig ist vor allem, dass du dein Ding möglichst ehrlich und gut machst.

Alex Leu fragt 22: Avantgarde und Innovation

hd schellnack

Im Design herrscht dieser avantgardistische Gedanke. Drang nach Innovation. Muss man denn immer innovativ sein?
Warum wollen wir Designer alle etwas besonderes sein oder leisten?

Ha, das habe ich ja fast schon vorweg beantwortet. Nein, man muss nicht immer innovativ sein – und ich glaube auch nicht, dass im Design ein «avantgardistischer Gedanke» herrscht, der wäre auch nicht herbei leitbar, den hat die Kunst wenn überhaupt für sich gepachtet, Avantgarde wäre ehrlich gesagt aus meiner Sicht das pure Gegenteil von dem was Design sein sollte – nämlich anwenderorientiert. Wo kommt diese Behauptung her – ich kenne ehrlich gesagt nicht einen Designer, der sich selbst als «Avantgarde» bezeichnet hätte. Dafür sind die meisten auch zu bescheiden – oder zu sehr von der Realität gebeutelt. Design ist eigentlich kein Beruf, der allzu große Starallüren hergibt.

Innovation ist so ein seltsam technologisches Paradigma – ich glaube nicht, das Geisteswissenschaften wirklich um «Innovationen» kreisen, sondern um Theorien, Entwicklungen, Thesen und Antithesen. Ich glaube, dass Design sich auch eher so dialektisch entwickelt und nicht in Innovationssprüngen. Bei uns kommt nichts aus dem «Nichts», das kreative Genie ist ein reiner Mythos.

Und auch bei den Ingenieuren sind Neuerungen ja keineswegs sprunghaft, sondern ein stetiges, evolutionäres Forschen und Weiterentwickeln, gegenseitiger Austausch. Der Begriff des Reverse Engineering kommt ja aus dieser Ecke – etwas bestehendes auseinandernehmen, sehen, wie das gemacht wurde, neu und anders zusammensetzen, verbessern. Fortschritt ist Optimierung, immer und immer wieder die gleiche Sache in die Hand nehmen und schleifen, bis es perfekt ist. Insofern ist auch Design ein Kaizen-Prozess. Natürlich sieht es manchmal so aus, als sei dann sprunghaft etwas nach vorn gegangen, aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinsieht, war alles im Ansatz auch schon vorher da, es ist nur eine Art Markierungspunkt in einer ansonsten sehr stetigen Kurve. Das gleiche lässt sich übrigens auch in der Kunst festmachen, wo eigentlich auch nahezu nichts aus der leeren Luft kommt, sondern Autoren, Komponisten, Maler und und und sich gegenseitig über die Generationen inspirieren und man etwa in der Klassik fast so etwas wie Gespräche über Jahrhunderte hinweg nachverfolgen kann.

Innovation ist ein Wandlungs-Prozess, schon vom Wortstamm her, kein plötzlicher Deux Ex Machina. Innovation ist übrigens im Design schon gar nicht wildes Anti-Design, ebenso wenig wie die Dekonstruktion in der Architektur der neunziger wirklich «innovativ» war. Wichtig, spannend, fesselnd? Sure. Aber hat es wirklich etwas Neues gebracht? Nein, du kannst ganz ähnliche Entwürfe wie die von Morphosis schon in den zwanziger und sechziger Jahren finden, Thom Mayne kam insofern nicht aus dem Nichts, ebensowenig wie David Carson. Innovativ sind eher neue Technologien und fast unscheinbar wirkende Dinge, die irgendwann geballt einen Tipping Point erreichen und dann geballt zu einem überraschenden Gesamteffekt werden. In der Architektur also Dinge wie Klimatisierung, Lebensräume, Infrastrukturen, Gebäude, die hinterfragen, wofür sie eigentlich gedacht sind und sozusagen mit der Tabula Rasa anfangen und deshalb vielleicht zu am Ende sogar bescheideneren, aber besseren Ergebnissen kommen – Architektur also, die von der Lösung, nicht vom Look her gedacht ist. Im Alltag Elektrogeräte oder Softwares, die auf Feature-Bloat verzichten und genau deshalb umso besser funktioneren. Ganz nach Dieter Rams: Weniger, aber besser. Das ist Innovation – ganz im engsten Definitionssinne eine Entwicklung, die umfassend das Wohlbefinden und die Effizienz der Gesellschaft verbessert. Der Airbag ist – obwohl unsichtbar – in diesem Sinne mehr Design-Innovation als eine schicke Karosserie. Innovation ist nicht der (schon gar nicht der schrille) Look, sondern die bessere Nutzung,die ideale Passform, die bessere Lösung, die nachhaltigere, ökonomischere Systematik. Nicht laut – sondern unsichtbar. Gutes Design siehst du gar nicht, gute Systeme sind unsichtbar bis sie eventuell fehlschlagen und in diesem Prozess ihre Struktur erkennbar wird, weil sie nicht mehr reibungslos funktioniert, der Fehlschlag zu einer neuen Design/Innovations/Optimierungs-Runde führen muss, um das System wieder subkutan zu machen.

In diesem Sinne sollte Design sicher immer innovativ sein wollen, nicht aber im Sinne einer aufgeregten Jagd nach dem oberflächlich vermeintlich Neuem, sondern im Sinne einer evolutionären, generationenübergreifenden, bewussten dialogischen Verbessung des Bestehenden. Innovation ist also nicht das kurzatmig-neue, sondern ganz im Gegenteil eine liebevolle, behutsame und stetige Überarbeitung, ein sozusagen skulpturaler Prozess, der auch nie abgeschlossen ist.

Alex Leu fragt 21: Ideen und Kopien

hd schellnack

Wie stehen Sie dazu, wenn ein anderer die gleiche Idee hatte, wie Sie?
Beeinflusst Sie der Eigentumskonflikt von Ideen in Ihrem Gestaltungsprozess? (zb. durch visuellen Input etwas zu machen, was andere bereits taten)
Wie gehen Sie mit diesen Konflikten um?
Was bedeutet für Sie „Idee“?

Das passiert. Selbst wenn ich denke, ich hätte eine eigene Idee gehabt, entdecke ich Jahre später, dass irgendein Photograph in den USA die gleiche Sache schon vor zehn Jahren gemacht hat. Als ich jünger war, hing ich noch unheimlich an der «Originalität» von Ideen… bis ich verstanden habe, dass in der Musik alles von 12 Noten abhängt, in der Literatur viellicht sieben grundsätzliche Plots möglich sind, beim Kochen unendliche Vielfalt aus der gleichen Handvoll Zutaten erwachsen kann. Es geht in der Musik also nicht darum, mit einem Song das Rad des Jazz oder Blues oder Pop komplett neu zu erfinden, sondern zu unterhalten oder etwas zum Ausdruck zu bringen. Es geht um die Frage, «wie gut», nicht um «wie neu».

Auch hier ist Menge wieder ein Stichwort – es gibt inzwischen so viel Designer, das unique längst zu ubiquitous geworden ist. Wo in den sechziger Jahren vielleicht 500 Firmen ein Branding hatten, hat heute jedes Kleinstunternehmen eine Art Erscheinungsbild. Wenn jeder Bäcker und Florist aber ein «Corporate Design» will, gibt es irgendwann einfach keine wirklich «eigenen» Ideen mehr für Logos, nur noch Remix. Ich meine, wie viele Zahnärzte haben einen Zahn als Logo? Und ebenso: wieviel Trend-Magazine arbeiten mit fast gleichen Schriften oder Bildern, sehen nahezu austauschbar aus? Es ist wie im Supermarkt: Es gibt zu viel und zu viel gleiches. Design wird langsam aber sicher ein Substitutionsgut – was ja auch den Preiskampf in der Branche erklärt.

Diese Tatsache ist durchaus nicht nur bad news, sondern auch inspirierend, weil man zum einen versuchen kann, dennoch etwas anders zu machen, zum anderen immer klarer wird, wie wichtig in dieser Flut der Verzicht im Design wird, wie essentiell auch die kleinen Details sind. Es geht nicht nur um die Idee an sich, sondern um die darumliegenden Schichten von Handwerk, Medien, Semantik, Story, dann irgendwann an der Oberfläche sicher auch, aber eben final, versiegelnd sozusagen, Styling. Das ist schwer zu erklären, aber im Büro lehne ich oft Entwürfe von Mitarbeitern mit den Worten ab, es sehe zu sehr nach «Design» aus. Weißt du, dieses mittelständische Design, das zu viel will, so gewollt wirkt, nicht selbstverständlich sitzt. Es ist viel schwieriger etwas zu finden, was unaufdringlich passt – und eben nicht die eigene «Idee» in den Vordergrund spielt, sondern einfach da ist, funktioniert und sich richtig anfühlt. Ich will ja auch keine Möbel oder Anzüge, die sich in den Vordergrund spielen.

Heißt: Muss man als Schneider wirklich immer den NEUEN – sprich den komplett anderen, völlig unredundanten – Anzug machen, als Möbeldesigner Stühle, die nie da gewesen sind? Doch eher nicht, es geht nur darum, gute Anzüge und gute Stühle zu machen, die dem Nutzer angemessen sind («gut sitzen» im doppelten Sinne) und die zu machen dir selbst als Schneider oder Entwickler Freude machen, weil sie gute Arbeit sind (und weil die Details schön sind).

Ideen sind so ein Ding – natürlich gehört zu Design eine Idee, ein Gedankenansatz, ein Konzept, eine mentale Landkarte… und ich habe Tage, da beneide ich Bäcker, die jeden Tag das gleiche Produkt machen können und trotzdem meckert keiner. Wie Künstler ja mitunter auch, die unter dem Deckmantel von «Phasen» hundertfach die gleiche Idee variieren dürfen. Mach das mal als Designer, das gibt sofort Ärger, wenn Website B aussieht wie A, nur mit leicht anderen Farben. Es gibt diese Erwartung, Designer müssten immer das «Neue» entwickeln – und das kann auch gefährlich sein, denn «Neu» ist nicht immer besser. Manchmal gibt es Standards und erarbeitete Strukturen, die man auch wiederholen kann und sollte. Innovation ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus dem, was konkret zu lösen ist. Die Innovation folgt der Notwendigkeit, dem Auftrag. Es geht also nicht darum, «neu» zu ein, oder «pfiffig», sondern darum, die im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (und des Briefings) beste Lösung zu finden. Die beste Lösung ist dann manchmal eben auch etwas, was noch niemand vorher gemacht hat – aber es kann nicht von Anfang an darum gehen, für sich selbst etwas Neues zu machen, die Innovation folgt einfach aus dem Projekt und seinen Bedürfnissen.

Insofern sind mit Ideenkonflikte denkbar egal. Von uns ist schon so unfassbar dreist gestohlen worden – da regt man sich schon manchmal etwas auf, aber vielleicht ist es auch Zufall «thinking along the same lines», wer weiß. Und zugleich kann ich mich doch auch nicht freisprechen, von Trends und visuellen Einflüssen angeregt zu sein und mitunter entwickele ich etwas und stelle fest, unbewusst ein Design, das ich vor Jahren gesehen und anscheinend mental abgelegt habe, zitiert habe. Passiert und oft genug kann man es noch auffangen, manchmal passiert dir aber eine Arbeit, die verdammt nach jemand anderem aussieht.

Ideen entstehen im Design also nicht im Vakuum – sie ergeben sich aus einem Mix aus dem, was dich selbst gerade umtreibt (also eben auch externen Inspirationen) und dem, was konkret zu tun ist, was strukturell die richtige Lösung ist. Am Ende entstehen dann wie bei Lego aus gleichen Elementen extrem unterschiedliche Lösungen, weil du unendlich kombinieren kannst, im Design gibt es sicherlich tausende von Faktoren, die ein Gesamtbild ergeben und wenn du virtuos an allen Reglern drehst, ist am Ende etwas eigenes da. Ich finde es längst gut, synästhetisch zu arbeiten – also etwa die Inspiration für ein Logo aus der Musik herzuleiten oder ein Editorial Design mit Rauschenberg zu begründen oder von einem bestimmten Schreibstil eines Buches zu einer Designlösung zu kommen – wie etwa der grandiose Stil bei Miranda Julys wunderbaren No One Belongs Here More Than You oder die unfassbare Verkürzung und Knappheit der Kurzgeschichten von Amy Hempel. Das ist völlig okayer kreativer Diebstahl, finde ich. Wenn man etwas visuelles direkt zitiert oder remontiert oder weiterentwickelt, dann nenne ich gerne auch die Quelle, wie einen Sample oder wie ein Remake. Auch das finde ich total okay. Wenn ich morgen auf die Idee komme, einen bestimmten Photographen in meinen Photos zu zitieren, ist das okay, wenn die Verbeugung erkennbar ist und wenn man vielleicht noch einen Dank an… in den Credits unterbringt. Insgesamt kommst du um den Ideenklau ja gar nicht herum, du stehst in einem Museum, siehst da einen Feuerlöscher an der riesigen weißen Wand und hast eine Idee für eine typographische Lösung, du siehst ein Kinderbuch aus den Fünfzigern und hast eine Lösung für eine Broschüre im Kopf. Beim Schauspielhaus Bochum hat mir Matthias Hartman mal erklärt, wie er sich sein Saisonheft vorstellt – anhand der Art und Weise, wie auf dem Homogenic-Album von Björk Elektronik und Klassik nahtlos verschmelzen und eben doch nie wirklich zusammenkommen – diese Nicht-Symbiose, nur eben mit Theater und Realität, wäre sein Ding. Über solche «synästhetischen» (nicht wirklich, ich nenne es nur so) Abspreizungen kommst du zu einer Form Kulturcrossover, die ich mehr als okay finde.

Alex Leu fragt 20: SInd Designer feige?

hd schellnack

Ich sehe viele Designer die wie kleine Mäuse denken und gestalten obwohl sie mehr aus sich herauskommen wollen.

Ich finde gar nicht, dass Designer wie «kleine Mäuse» denken. Es gibt viele, die sehr reflektiert und ernsthaft ihren Job tun, in der ganzen Bandbreite vom Dienstleister bis zum «Auteur», und ich kenne auch einige, die sich eher zu wichtig nehmen (mich selbst möglicherweise eingeschlossen ;-D) – und auch ganz viele, die tatsächlich wichtig sind, aber sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen, sondern überraschend sehr entspannte Menschen sind.

Aber ich weiß, was du meinst – auch wenn ich es etwas anders formulieren würde. Ich sehe derzeit sehr viele Designer, die «Zeitgeist» gestalten. Ich habe nach der Buchmesse vier Bücher auf dem Schreibtisch, davon haben drei ein Coverdesign, das fast identisch ist – und eins dieser drei ist sogar aus einem ganz anderen Verlag. In einem der Bücher merkt man, wenn man nicht aufpasst, kaum, wann der jeweils vorgestellte Gestalter beim Umblättern wechselt, weil die Arbeiten oft extrem homogen, also vielleicht auch sehr austauschbar sind. Nicht im Sinne von «gut» oder «schlecht» (die meisten Sachen sind schon sehr gut) – und die Arbeiten sind durchaus gar nicht anbiedernd – aber sie sind sich untereinander alle sehr ähnlich, das ist ein wenig erschreckend, das so wenig sui generis ist. Es gibt mehr Designer denn je und dann hast du ein Buch mit aktuellen Arbeiten aus ganz Europa in den Händen-… and they all look the same.

Und an diesem Punkt – und das sag ich nicht von der Kanzel herunter, sondern vielleicht, weil man ja auch selbst von diesen Trends mit erfasst ist und dem Ansatz erliegt, auch in diesem jeweils gerade angesagten Look zu arbeiten– müsste jeder Designer sich überlegen, wie er individuell aus der Bildermaschine herauskommt und seine eigenen Ideen umsetzt anstatt die im Web, auf Portfolio-Sites, in Lookbooks usw. kursierenden Ansätze nur weiter zu re-iterieren. Design ist natürlich gar keine Branche der originär «neuen» Idee – dieses Privileg bleibt der Kunst vorbehalten und der Wissenschaft. Im Gegenteil: Wir Designer sind immer schon Zitatemeister und Zweitverwerter gewesen, aber derzeit finde ich es, durch die Masse und durch die Wahrnehmbarkeit und Multiplikation im Web, etwas auffällig, wie einförmig mit etwas Distanz betrachtet viele Ergebnisse aussehen – und wie egal dabei der Inhalt ist bzw. vielmehr, wie gleich auch der Inhalt ist, all diese Sachen scheinen nur noch für Kulturmagazine und Museen und und und zu entstehen. Es ist in anderen Bereichen – Architektur, Mode, Musik, Film, Theater – nicht viel anders (wie viele Häuser sehen heute nach Foster oder HdM aus…?), dieses Schwarmhafte, wenn plötzlich alle das gleiche machen und zigfach enorm ähnliche Phänomene hervorbringen. Durch die Multiplikationsmaschine Internet werden heute aber subkulturelle Trends viel schneller zum Mainstream gemacht, in der Mode, der Architektur und im Design, weil die Akteure sich leichter und fast in Echtzeit über emergierende Richtungen informieren können. Dieses Coolhunting sorgt unterm Strich aber dafür, dass vom Studenten bis zum etablierten Büro plötzlich alle den neuen heißen Scheiß machen wollen – und so wird aus dem, was vor drei Stunden noch «Anti-Design» war, ruckzuck der neue Standard. Es ist heute fast unmöglich, noch «anti» zu arbeiten, weil die Bildermaschine es binnen kürzester Zeit zu «cool» umstrickt und multipliziert und somit zum affinen, bejahenden, verkaufenden Design wird. Die Designbranche ist so zu einer gewaltigen Echobox geworden.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass es um «wilde» (du hast das ja nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt) Gestaltung geht, sondern um eine ansatzweise «eigene», was heutzutage tatsächlich unendlich viel schwieriger geworden ist. Wobei dies ein Reifeprozess ist… man findet sich ja im Lauf des Lebens, verortet sich. Aber ein wichtiger Schlüssel zu individuellerem – und damit insgesamt auch wieder vielseitigerem – Design, das nicht mehr in einer Perpetuum Mobile der Selbstkopie steckt, ist intellektuelle Neugier und Suche. Solange Studenten und Designer nur an der Oberfläche arbeiten – Styling betreiben, Farben, Formen, Flächen, Schriften, Bilder etc. – und es um «Wow, sieht das geil aus» geht, entstehen immer unweigerlich relativ gleiche Arbeiten, weil viel kopiert wird. Ich komme auch zu solchen Lösungen, wenn der Auftraggeber Zeitdruck macht und man binnen von ein zwei Tagen etwas entwickeln muss – daraus entsteht bei mir unweigerlich ein Rückgriff auf vertraute Ansätze oder ein (ja auch mal ganz schönes) Spielen mit den Ansätzen anderer. Ich muss auch zugeben, dass ich den Originalitätsbegriff im Design für völlig überbewertet halte – Design ist eine soziokulturelle Leistung, bei der es nicht um das total neue geht, sondern um die evolutionäre Entwicklung, die Neusynthese, die Abduktion, das Science-Fiction-Element, das «Was-wäre-wenn-ich…»-Angehen einer Frage.

Wenn Design aber tiefer geht, unter die Oberfläche geht, wenn es klug reflektiert, nachdenkt, provoziert oder streichelt und dabei die eigenen Stilmilltel souverän anwendet und zugleich immer wieder in Frage stellt, dann können die Ergebnisse sehr sehr spannend werden, weil es um mehr als reine Formfragen geht, und plötzlich die alte Angemessenheit von Problem und Lösung im neuem Gewande im Raum steht. Und diese Spannung ist intrinsisch Motivation und Freiheit genug.

Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit man die Scheu vor unbefangenen und „wilden“ Ideen/Gestaltungsansätzen ablegt und auch die Motivation mitbringt, diese umzusetzen?

Voraussetzung dafür, denke ich, ist Wissen. Wie gesagt, es geht nicht um «wild» – das ist ohnehin ein Begriff, der heutzutage nahezu wertlos ist. Was ist heute wild, was ist Punk, was ist Rebellion – heute ist in irgendeiner Form nahezu alles Mainstream, die Umarmung der Postmoderne ist unentrinnbar. Wissen… Neugier, Hunger. Viel Lesen, viel hören, viel schauen. Hinschauen lernen, nachdenken lernen. Designer sollten sich viel mit Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pop und und und befassen, mit den Inhalten, mit Politik und mit Theater, Film und Kunst – mit allem. Neugierig bleiben und die Welt entdecken wollen. Und dabei das naive Spielen nie verlernen, Sandburgen bauen und diese schmerzfrei auch wieder einstampfen können. Und am Ende all dies sinnvoll – wie eine Waffe – in einen Kontext stellen können und anwendbar machen, nachvollziehbar machen, bündeln. Tatsächlich begründet gerade dieser breite Background, den man in eine Arbeit fokussiert, oft auch die Sprachlosigkeit von Gestaltern gegenüber dem Auftraggeber, der sich an einer Oberflächlichkeit stört… es ist nahezu unmöglich, die hunderte und tausende von intuitiven und rationalen Entscheidungen, die in sehr kurzer Zeit von Idee zu einem konkreten Ansatz führen, erläutern zu können, weil die Elemente wie an Fäden zusammenhängen und ein kohärentes Ganzes ergeben – eben eine «Gestalt». Und es ist zugegeben auch nach Jahren immer noch atemberaubend schwierig, mitunter unmöglich, dieses Mobile aus Erfahrung, Ideen und einem hochspezialisiertem Wissen um Kommunikationschancen, das kein Auftraggeber jemals haben kann, erklären und herunterbrechen zu können, ohne es völlig zu verstümmeln. Design soll und muss begründbar sein – und ich mag es sehr, wenn ich die Chance habe, Klienten den Weg zu Entscheidungen aufzuzeigen -, aber eine der Grundvoraussetzungen für effektive und erfolgreiche Kommunikationsdesign-Ansätze ist im Grunde das Vertrauen der anderen Seite, dass der Gestalter ja ein fast überzüchtetes Gespür für seinen Beruf hat und ergo auch das richtige tut, gerade weil er hartleibig gegen Änderungswünsche bleibt und an die Richtigkeit seiner Idee glaubt. Wann immer mir solche Menschen passieren – und es gibt in allen Branchen mehr Jasager als ich gut fände – vertraue ich deren Instinkt sofort, erkläre, was ich grundsätzlich will und weiß, dass der andere aus seiner intrinsischen Motivation und reichen Erfahrung heraus einen guten Job machen wird, der besser ist als das, was ich diktieren könnte.

Alex Leu fragt 19: Mut II

hd schellnack

In wiefern ist Mut im Rahmen einer Markenführung relevant?

Das hängt von der Marke ab. Ich glaube, dass es jenseits von Qualität, Preis und Service heute emotionale Qualitäten gibt, die eine Marke definieren. Für manche ist das eine progressive, mutige Note, andere zeichnen sich aber vielleicht auch durch sanfte, eher konservative Werte aus. Es ist ja immer gerade die Aufgabe, das herauszufinden. Mutig sollte eine Markenführung immer in dem Sinne sein, niemals stillzustehen, sich nie auszuruhen, und vor allem immer gegen den eigenen Strich zu arbeiten. Wer in seiner Markenführung keine Widersprüche und Brüche zulässt, ist hermetisch geschlossen und stagniert.

Vielleicht ist also gar nicht «Mut» das richtige Wort, sondern Neugier, Entdeckerdrang. Die Lust, etwas zu auf die Beine zu stellen, etwas zu bewegen, flexibel und spielfreudig zu sein. Ist das Mut? Oder ist das eigentlich eine Eigenschaft, die für Unternehmer ganz selbstverständlich sein sollte und nur vielleicht etwas in Vergessenheit geraten ist?

Alex Leu fragt 18: Mut

hd schellnack

Was bedeutet für Sie Mut im Design oder als Designer?
Worin drückt sich das aus?

Mutig ist eigentlich ohnehin jeder, der sich als Selbständiger in diesem Metier ausprobiert und auf den sicheren Job verzichten…. Auf der anderen Seite sind Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenschwestern sicherlich mutiger, denn eigentlich riskiert man am Schreibtisch ja nicht viel und die meisten Medien, die wir so machen, sind kurzlebig, da darfst du auch mal Mist bauen. Den «Mut» einer Arbeit kann man auch nicht immer auf den ersten Blick einschätzen, denn der steckt im Prozess, nicht im Ergebnis. Wenn du eine besonders wild gestaltete Arbeit siehst, ist die ja nicht unbedingt automatisch «mutig», vielleicht im Selbstauftrag entstanden oder für einen Kunden, der es genau so wollte – auf der anderen Seite können relativ brav wirkende Kampagnen für die Agentur oder ihren Auftraggeber durchaus mutig sein, weil die Klienten relativ zur eigenen Position viel wagen. Mutig, finde ich, sollte immer der Auftraggeber sein – der Designer sollte ihn ermutigen. Design an sich ist aber nun echt keine Mutprobe.

Alex Leu fragt 17: Gut und schlecht

hd schellnack

Wie schafft man es, sich selbst gut einzuschätzen?
Wann bin ich gut/schlecht?
Was unterscheidet einen guten von einem sehr guten Designer?
Was unterscheidet gute von sehr guten Arbeiten?
Was tut man gegen hohen Erwartungsdruck vom Vorgesetzten?

Wie man das immer schafft – indem man auf andere hört und sich selbst beobachtet. Es gibt aber auch Projekte, bei denen du am Ende wirklich nicht mehr weißt, ob das, was du hier gerade gemacht hast, nun gut oder schlecht geworden ist. Weil es durch zu viele Entscheidungen, Änderungen durchgegangen ist, immer hin und her und zu viele Nachtschichten. Da kann man erst mit etwas Abstand wieder drauf sehen und es neutraler beurteilen. Meist mag ich eigene Arbeiten gar nicht, muss ich sagen. Mit einigen Jahren Abstand findest du oft Details, die dich an etwas erinnern oder die dir gefallen, die gut waren oder die die Jahre gut überstanden haben… aber meist mag ich meine eigenen Sachen nicht sonderlich. Insofern kann ich wenig darüber sagen. Es geht vielleicht auch nicht um das subjektive «gefallen», sondern darum, ob die Ergebnisse in dem Moment funktionieren und Wirkung entfalten.

Alex Leu fragt 16: Mappen und Studium

hd schellnack

Was für Projekte in der Mappe, erwarten Sie von einem frisch gebackenem Absolventen, der sich bei Ihnen bewirbt?

Wie gesagt, ich erwarte erst einmal gar nichts, sondern schaue und lasse mich überraschen. Manche Mappen sind sehr schlecht, andere so gut, dass man sich fragt, wieso er oder sie überhaupt noch einen Job suchen muss und sich ärgert, nicht 10 oder 20 solch exzellenter Leute hier beschäftigen zu können. Es gibt so unfassbar viel Talent da draußen. Toll ist natürlich in einer Mappe, wenn sie an sich schön gemacht ist, inzwischen also ja eigentlich die PDF gut aussieht, die Arbeiten erklärt sind, nicht nur gezeigt, wenn es also auch mal etwas Texte gibt – so schwer es fällt über die eigenen Sachen zu schreiben. Aber über die Texte kannst du sehen, ob er oder sie zu eitel und zu selbstgewiss ist, oder souverän und sicher die eigenen Arbeiten herleiten und begründen kann, selbstkritisch ist.

Ich freue mich über eine Vielfalt an Arbeiten, vor allem, wenn sie dann alle gut sind ;-). Wenn jemand Plakate, Editorial, Corporate und vielleicht sogar noch andere Sachen zeigt und die sind auch noch toll – wow. Ich freue mich, wenn er oder sie ein Faible für Typographie hat, gute Schriftauswahl, ein Händchen für Satz, vielleicht liebevolle Detailtypographie. Ich freue mich über ein Auge für den Umgang mit Bildern, über Arbeiten, die eine Art «Handschrift» haben, die aber nicht dogmatisch sind, sondern offen und neugierig. Ich freue mich über Arbeiten, die nicht verkopft sind, sondern ein bisschen realistisch bleiben, weil wir halt angewandtes Design machen und kein «Design for Designers». Ich freue mich also über die gleichen Sachen, die mich auch in Designbüchern und in Portfolios von Kollegen oder Künstlern freuen. Handwerk, Ideen, Virtuosität, Demut vor der Thematik, Selbstvertrauen in der Umsetzung, eine Prise Rock’n'Roll. Blood Sweat and Tears.

Die Eigenheit eines Studiums sollte doch sein, die Freiheit zu nehmen auch mal zu scheitern. Wie sollte man damit umgehen wenn ständig der Gedanke dahintersteht, dass die Arbeit auch bei Agenturen ankommt, die sich eher für erfolgreiche und praxisorientiere Projekte interessieren.

Nicht nur des Studiums – auch des Berufsalltags. Fallibilität ist das A und O guten Designs – Erfolg geht nur durch wiederholtes Scheitern.

Das Studium steckt ja in einer komischen Zwittersituation zwischen Selbstfindung und Berufsvorbereitung, wobei der Bachelor – siehe oben – das leider sehr in Richtung einer glorifizierten Mediengestalterausbildung verschiebt. Das kann man sicher nicht verallgemeinern – ein guter Designer wird auch seinen Bachelor so biegen, dass er seinen Freiraum für gute Arbeiten kriegt. Jeder Student muss dadurch heute sehr früh – am besten schon mit der Wahl der Hochschule, also vielleicht auch zu früh für den Einzelnen – entscheiden, ob er einen Job will oder Künstler werden will, bzw. wozu er tendiert. Ich glaube, es gibt im Design Bereiche, wo du mit einer quasi-künstlerischen Handschrift sehr gut durchkommen kannst, andere, wo es mehr um Handwerk und Ideen usw. geht. Jeder kann sich in diese Berufsfeld also quasi eine Art persönlicher Matrix der Lebenswünsche skizzieren, und in der Bandbreite der möglichen Ausformungen dieses Jobs seinen persönlichen Weg finden.

Und die FHs sollten – durch Spezialisierung, durch Dozenten, durch die Fächerangebote – diese Bandbreite dann auch insgesamt abbilden. Am Ende, ganz banal, brauchen wir Leute, die tolle Ideen haben und die diese auch phantastisch umsetzen können. Aber ob das nun für das CD eines Museums oder für Zahnpasta-Werbung ist, bleibt eine andere Frage. Ob Werber oder Künstler, du musst du einen guten Kopf haben und die passenden guten Hände dazu. Beides kann man im Studium lernen – und mal ehrlich, gemessen an anderen Fächern ist Design doch traumhaft einfach. Ich finde, man könnte in Sachen kultureller Bandbreite aber auch handwerklichem Können ruhig die Schrauben anziehen und weniger «lieb» sein. Ich habe BWL studiert und da ging es so rasiermesserscharf bösartig zur Sache, Durchfallquoten bei 90%, ein Bekannter hat Bauingenieur studiert, da sind im Hauptstudium auch nur noch verdammt wenige übrig – aber eben hoffentlich gute Leute – und die kriegen dann auch einen Job. Studium ist in diesen klassischen Berufen immer auch eine Art Selektionsprozess und schafft zugleich einen zum Berufsbild gehörenden Habitus.

Im Design wie in vielen anderen kreativen und sozialen Studiengängen ist das oft etwas sanfter. Ich habe als Dozent Kollegen gehabt, bei denen eine 3- wirklich die härteste aller Noten war, Studenten konnten Abschlussarbeiten zigmal nachreichen, bis es halt zum Bestehen reichte, an einer Schule ist in meiner ganzen Zeit dort nicht ein einziges Diplom durchgefallen, egal wie schlecht es war. Das gibt es nicht einmal in der Fahrschule. Übertrage diese nicht stattfindende Selektion einmal fiktional auf das Medizinstudium – wo würdest du dich wohler fühlen, bei einem Arzt, der sein Diplom fast geschenkt bekommt, oder bei einem, der durch einen rigorosen Auswahlprozess musste? Die Schulen dürften also ruhig auch mal ehrlich sagen: Du kannst das nicht, sorry, schau dich nach etwas anderem um, das hier ist einfach nicht dein Ding. Denn so viel Geld verdient man als Designer ja nun nicht, dass man es unbedingt machen muss, man kann auch in anderen Berufen glücklich werden. Ich glaube, es ist eine Funkion von Bildungseinrichtungen, den Menschen dabei zu helfen, herauszufinden, was sie wirklich gut können, wass ein Leben lang ein erfüllender Beruf sein kann. Es hilft ja niemandem, wenn die Studenten erst nach dem Studium selbst herausfinden, ob sie schwimmen können oder untergehen. Die Schulen schieben hier eine Verantwortung zum Markt, der dann den Schwarzen Peter kriegt – aber wie in anderen Bereichen ist es etwas unsinnig, Leute auszubilden in Bereichen, die die Masse an Bewerbern kaum unterbringen. Die Herausforderung eines guten Studiums ist also einerseits die Freiheit zu bieten, sich kreativ zu entwickeln und zu finden, andererseits auch so real die Wirklichkeit des Berufs abzubilden, dass jeder für sich selbst früh genug kann, ob er hier glücklich wird oder vielleicht doch noch rechtzeitig wechselt. Denn nach dem Studium zu entdecken, dass man vielleicht doch etwas ganz anderes hätte studieren sollen, ist einfach sehr spät – je eher man eventuell wechseln kann, umso besser. Ich denke, wenn man mit Herzblut Designer werden will, wird man immer einen Job kriegen – und kann dann auch rechtzeitig entscheiden, ob man eher in die künstlerische oder die angewandte Ecke tendiert.

Alex Leu fragt 15: Zweifel

hd schellnack

Gab es interessante, radikale oder ungewöhnliche Lösungsansätze bei denen Sie Zweifel gehabt haben, ob das ankommt?

Zweifel habe ich immer. Als derjenige, der etwas entwickelt, hast du ja immer dieses «What if…» im Kopf, die Alternativen, die Varianten, den nicht gewählten Weg, den Remix deiner Ideen. Du hast ja meist nicht nur einen Ansatz, sondern mehrere und oft magst du auch mehrere gleich. Insofern gehört der Zweifel an der eigenen Arbeit für mich dazu, ist auch ein Antrieb. Wenn ich total zufrieden mit meinem eigenen Zeug wäre, müsste ich aufhören, die Unzufriedenheit ist ja auch eine Triebfeder.

Welche Bedenken hatten Sie? Beispiel: Regeln zu brechen, die man nicht kennt.
Die Bedenken sind ein zentraler Bestandteil des Nachdenkens über ein Projekt. Zur Forschung gehört für uns, die Regeln im Segment des Auftraggebers kennenzulernen (sie nicht zu kennen wäre ein Fehler) und zu überlegen, welche man davon sinnvoll brechen darf und sollte. Natürlich beleuchtest du also im Vorfeld ein Projekt von verschiedenen Seiten. Wenn du einen gewagten Entwurf machst – Schrift unleserlich, respektloser Umgang mit Photos, Plakat mit winziger Schrift, was weiß ich – hast du natürlich immer im Kopf, dass du die Rezipienten und damit die Kunden deines Auftraggebers aus ihrer Komfortzone herauszwingst. Das sorgt auf der einen Seite für einen Aufmerksamkeits-Stimulus, diesen «What the fuck…»-Moment beim Rezipienten, andererseits auch für Ablehnungseffekte, von bösen Briefen bis zum einfachen Text-nicht-lesen-weil-zu-anstrengend. Am Ende geht es um die Frage: Was ist angemessen? Du willst ja einen Kommunikationsprozess, und der ist ein Spiel, eine Verführung, ein Tanz. Da gehört durchaus dazu, zu überraschen, zu verblüffen, herauszustechen. Ist in der Mode ja auch so. Wir versuchen, einen Punkt zu finden, an dem der Klient seine eigenen Angsthürden überspringen kann. Der Punkt sitzt bei jedem ja an einer anderen Stelle… dieser Moment, wo sie etwas Angst haben, aber genügend Mut, es fliegen zu lassen und zu schauen, ob es funktioniert. Dazu gehört Vertrauen und es wird leichter, wenn man das Glück hat, wenn es zu Anfang bei einem mutigen Projekt auch schnell einen Erfolg gibt, ein positives Feedback. Da wir unsere Ansätze meist recht gut begründen können und selten rein visuell arbeiten, gelingt es uns aber schon recht oft, die Kunden ein Stück mitzunehmen, Ergebnisse zu produzieren, die zumindest gemessen an bisherigen Publikationen etwas weiter gehen, etwas mehr wollen.

Wie sind Sie in diesem Fall, damit umgegangen?
Dabei hilft vielleicht, dass wir nicht versuchen, rein oberflächlich «krass» zu sein – mich interessieren Trends im Design immer weniger. Die Andersartigkeit suchen wir oft eher im Ansatz, in der Idee, in einer Bildsprache o.ä., weniger in wilder Typographie oder Faux-Bauhaus-Looks. In dem Kontext ist interessant, dass wir mehr und mehr über Inhalte und Texte diskutieren, über Kommunikation eben, und weniger über den Look. Bei einer Homepage fragen wir uns nicht, wie die Buttons aussehen sollen, sondern welche Ressourcen der Klient hat, selbst aktiv eine spannende, lebendige Site zu gestalten, die verändert, spannend ist, sozial ist. Ich kenne zig Website-Redesigns, die Inhalte 1:1 übernehmen, und nur den «Look» ändern. Und nichts könnte verkehrter sein. Es geht doch vielmehr darum, Inhalte webgerecht zu machen, Besucher gekonnt zu führen und verführen und vor allem zu atmen, die Site nicht als Zusatzarbeit zu betrachten, sondern als Nabe der eigenen Prozesse und Aktionen, nicht als reine Informations- oder schlimmer Werbeplattform, sondern als nahtlosen Teil des eigenen Tuns, als einzigartige Kommunikationschance. Und hier, an dieser Stelle sitzt die Radikalität für mich, nicht im Look, sondern darin, die Auftraggeber zu einem anderen Denken über sich selbst zu verführen. Und dabei bricht man seltsamerweise genau so viel Regeln wie im Design an sich. Ein Zweifels-Punkt ist insofern also auch immer: Überfordern wir unseren Partner, ist das schaffbar?

Hatten Sie das dem Kunden präsentiert?
Bei dir geht es natürlich um die Frage, ob man einen Entwurf hat, den man selbst so radikal findet, dass man ihm den Auftraggeber nicht zeigt. Sowas kommt natürlich mal vor, ist aber eher die Ausnahme – Ziel von Design ist ein möglichst angemessenes Lösungssystem zu entwickeln, nicht möglichst krasses Portfolio-Zeug. Wenn wir also zu visuell radikalen Lösungen kommen, dann deshalb, weil wir denken, dass diese am besten eine bestimmte Attitude des Auftraggebers kommunizieren und ein Ziel erreichen. Wenn wir etwa beim ikf° in der Finanzkrise mit Bildern abgestürzter Vögel oder reichlich blutigen Bildern einer Hand-OP arbeiten, dann, um über solche visuellen Schocks bei einer mit Publikationen völlig zugeschütteten Zielgruppe eine Neugierde und Reaktion zu wecken.«Radikalität» – auch wenn ich das selbst nicht so nennen würde – ist also strategisches Werkzeug, wir überlassen das nicht dem Zufall.

Bei allen Zweifeln über die richtige Strategie beim Erreichen solcher Ziele gilt, dass wir sie offen und ehrlich kommunizieren und gemeinsam mit dem Klienten abklopfen, bis beide Seiten glauben, das richtige zu tun. Ganz sicher weiß man das nie, weil die beste Strategie natürlich immer erst in der Realität und nach einiger Zeit zeigt, ob sie richtig greift. Aber wichtig ist, dass wir unsere Zweifel nicht hinter verschlossenen Türen haben, sondern mit unseren Auftraggebern besprechen, um ihnen eine Chance zu geben, darauf zu reagieren. Wir «verkaufen» also nicht eine Blendadent-Fassade und haben insgeheim Zweifel, sondern kommunizieren unsere Ideen ehrlich mit Pro und Contra und beziehen den Klienten so wenn möglich in unseren Gestaltungsprozess mit ein.

Alex Leu fragt 14: Auftraggeber

hd schellnack

Wie bewältigen Sie die Waagschale zwischen Ihrem Ideal, Anspruch oder Selbstverwirklichung in Verbindung mit einer möglichen Rationalisierung Ihrer Lösung vom Kunden?

Jeden Tag anders, ehrlich gesagt. Es gibt Tage, da verzweifele ich natürlich etwas daran, dass manche Ideen unverstanden bleiben oder Kunden uns im Prozess nicht genug vertrauen, dass wir nicht genug zu Ihnen durchdringen, uns vielleicht nicht gut genug erklären. Es gibt aber auch Tage, da kann ich pragmatisch und entspannt damit umgehen, wenn ein Entwurf nicht so realisiert wird wie von uns geplant. Von gutem oder schlechten Design geht ja nun auch nicht die Welt unter. Und es gibt Tage irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Man darf auch nicht vergessen, manche Entwürfe gehen mit relativ geringen Veränderungen durch und manchmal sind die Änderungswünsche vom Auftraggeber auch Dinge, die uns herausfordern und das Endprodukt besser machen.

Es hängt bei mir persönlich auch immer vom Absender ab – bei einem Theater will ich mehr, bin anspruchsvoller in der Art wie man deren eigenen Zielgruppe gegen den Strich bürstet als bei einem Kunden, der vielleicht nicht aus dem Kulturbereich kommt und ein ganz handfestes Produkt verkauft, der Anspruch und die Ziele sind einfach anders. Beim Beispiel Theater sollten die Medien zum Ansatz dessen passen, was der Auftraggeber selbst auf der Bühne macht, sollten so neugierig und spannend, kritisch und begeisternd sein wie das Haus und seine Dramaturgie selbst. Insofern bin ich immer verblüfft, wie viele sehr brav gemachte Saisonprogramme es von durchaus mutigen Stadttheatern gibt, die vielleicht einfach nicht die Chance sehen, Print und online auch als eine Art öffentliche Bühne, als Raum für Experimente und Statements, Inszenierungen und Themen, zu sehen. In gleicher Art bin ich etwas hartleibiger, wenn das gesamte CD von uns kommt und vielleicht auch seit langem gepflegt wird, da weiß man natürlich sehr präzise, was geht und man eher versucht, zu verhindern… bei der Arbeit in bereits bestehenden Corporate Designs, die nicht von uns stammen, geht es eher darum, dem System mit einer Mischung aus Respekt vor dem Entwurf und Lösungskreativität zu begegnen, da sind Änderungswünsche nicht so schmerzhaft, sondern oft eine Chance, ein theoretisches Konstrukt im Alltag zu optimieren.

Die Spannung zwischen dem, was du selbst für richtig hältst und den Bedürfnissen von Auftraggebern ist tatsächlich Projekt für Projekt, Tag für Tag neu auszuhandeln, schwankt sogar beim gleichen Auftraggeber und innerhalb eines Projektes oft, je nach Tagesform, auf beiden Seiten. Klar ist, dass wir inzwischen bei unterhonorierten Good-Will-Arbeiten etwas weniger bereit sind, wenn wir uns verbiegen sollen und die Arbeit dabei faktisch schlecht wird. Dabei geht es weniger um «Selbstverwirklichung» als vielmehr um «Qualität» und wenn du schon wenig Geld bekommst, möchtest du natürlich saubere Arbeit machen – und etwas Spaß dabei haben. Unsere Pro-Bono-Jobs sind keineswegs auf Awards getrimmt und oft genau so marktorientiert wie unsere gut bezahlten Jobs – denn oft geht es ja gerade für die Jobs im Sozialen Bereich darum, dass du Wirkung erzielst und dein Partner mit relativ geringen Mitteln trotzdem professionell rüberkommt. Am anderen Ende der Skala weiß man, wenn man für eine große Firma oder Einrichtung arbeitet, dass im Räderwerk der Kompromisse keine große Chance existiert, etwas wirklich Mutiges oder «Anderes» durchzukriegen und geht dementsprechend an die Sache heran – versucht selbstverständlich, die Sache als Ganzes voran zu bewegen, ist aber auch nicht zerknirscht, wenn die Zeit eben noch nicht reif dafür ist, und versucht es weiter, mit dem langfristigen Ziel im Auge, den Klienten zu Mehr zu ermutigen.

Auf beiden Seiten ist dabei natürlich Geduld wichtig. Ich bin immer sehr froh, sehr dankbar, wenn der Klient Geduld mit unseren Einwänden und Versuchen, die Sache zu verbessern hat und die Vorteile dieses Vorgehens sieht. Uns ist sehr klar, dass der Auftraggeber manchmal einfach nur fertig werden will und wir freuen uns, wenn er unsere Angebote (die oft gar nicht direkt das Design betreffen, sondern auch Strategien, Budgets, Medienwahl oder Textentscheidungen) annimmt. Ich habe mit manchen Kunden, für die wir seit Jahren arbeiten, einen Art Knackpunkt gehabt, wo man sich vielleicht eben auch einmal ernsthaft streitet, an dem sich zeigt, ob die uns «nur» als austauschbaren Dienstleister sehen, den man bei Gegenwind abschießen kann – oder als eine Art Partner, der sich bei engen Deadlines die Nächte um die Ohren schlägt und deshalb auch ansonsten ernst genommen wird, weil er engagierter Teil des Erfolges ist. Es ist so, dass Klienten die in dieser Form positiv über die Zusammenarbeit mit uns denken, sehr oft auch die richtigen Ansichten im Hinblick auf die eigenen Mitarbeiter, Ziele und Kunden haben – und mit solchen Menschen kann man dann auch sehr gut zusammenarbeiten und schöne Erfolge produzieren. Wer seine Designer hingegen schlecht behandelt, wird wahrscheinlich auch ansonsten im Geschäftsgebahren keine guten Manieren haben und ich glaube, dass von einem «guten Karma» im Umgang mit Menschen auch der wirtschaftliche Erfolg abhängt (auch wenn ich das wahrscheinlich gegen zig reale Beispiele anglaube, in denen furchtbare Unsympathen wirtschaftlichen extrem erfolgreich sind).

Kann man Kunden Geduld beibringen?Ich glaube nicht daran, dass man Auftraggeber «erziehen» muss. Hinter dieser Vorstellung steckt eine gewisse Arroganz von Designern – als wären Klienten «unerzogen». Und das ist ja nun wirklich nicht der Fall. Was passiert – auf beiden Seiten – ist, dass man zueinander findet, neugierig aufeinander ist, voneinander etwas lernt. Ich glaube, meist lerne ich mehr von den Auftraggebern. Und ich respektiere auch ihren Mangel an «Geduld» – wir leben in einer Instant-Gesellschaft wo du alles direkt downloaden, streamen oder in 24 Stunden geliefert bekommen kannst. Es ist schwer, zu kommunizieren, dass Ideen dennoch nicht immer auf Knopfdruck produzierbar sind und reifen müssen – und dass auch sauberes Handwerk etwas Zeit braucht, trotz aller digitalen Werkzeuge. Dazu kommt dass «der Kunde» ja auch nie eine Person ist, sondern ein Kollektiv. Mir ist immer sehr bewusst, dass ein Entscheider, dem ich ein Design mache, dieses vor vielen anderen Vorgesetzten und Partnern vertreten muss, eventuell vor Mitarbeitern und Presse usw. Das lädt nicht immer dazu ein, so leichtfertig wie wir Gestalter zu entscheiden, da ist mehr Abwägung im Spiel, auch mehr Politik und entsprechend auch eine Prise mehr Angst als wir sie haben. Während es uns also «nur» um gutes Design geht, haben viele Entscheider weitere und andere Parameter im Kopf, die ebenso wichtig oder wichtiger sind. Man sollte also nicht dem Auftraggeber Geduld beibringen, sondern in erster Linie selbst Geduld entwickeln. Was nicht immer leicht fällt, wenn man das, was man so tut, mit Herzblut macht und persönlich als essentiell für den Erfolg des Partners sieht. Insofern ist es auch völlig okay, wenn beiden Seiten in einem Prozess mal der Geduldsfaden reisst – Hauptsache, man findet wieder zueinander. -Aber die Vorstellung, dass man sich Klienten erst «erziehen» müsste, finde ich seltsam. Dahinter steckt diese Idee vom «bösen Kunden», der die tollen Designs zerschießt und die armen Designer quält. Sicher gibt es solche «clients from hell» teilweise wirklich (die kann man aber garantiert nicht umerziehen). Aber generell gilt es, immer bei sich selbst anzufangen. Ich muss geduldiger werden, nicht der Auftraggeber. Wir Designer müssen uns besser erklären – und professioneller agieren. Wir Designer hängen schließlich auch oft in unserem ganz eigenen Elfenbeinturm aus Ästhetik und Spezialwissen fest, und können uns dem Laien kaum richtig erklären. Wer also «geduldige» Kunden will, muss wahrscheinlich auch vorher supergeduldig seine Ansätze und Inhalte und Prozesse erklären und als Mehrwert nachvollziehbar machen.

Alex Leu fragt 13: Kritik

hd schellnack

In Designblogs herrscht eine Dominanz an Kritikern die Arbeiten stark kritisieren. Das verunsichert viele Studenten die sich dann fragen ob das was man tut den richtig sei oder nicht. Man fängt an in Regeln zu denken und das bremst die Kreativität. Was sagen Sie dazu und welchen Rat würden Sie den Studenten dazu geben?

«Richtig» oder «Falsch» sind seltsame Denkebenen im Design. Ich glaube, man kann sehr sehr gut auf der rein mechanischen Ebene kritisieren –schlecht gemachte Typographie, schlechte Photos, hastige Layouts, keine sauberen Grids und so weiter -, aber inhaltlich ist es schon schwieriger. Ich finde durchaus, dass man ein gutes Design, welches eine schöne Idee handwerklich sauber umsetzt, unterscheiden kann von durchschnittlichem oder sogar schlechtem Design. Das ist einfach so – und versierte Designer können das intuitiv, blitzschnell und vernichtend… wir müssen das können, denn das ist alltäglich unser Job, auf eine Arbeit sehen und sie «röntgen» und Schwachstellen entdecken und einen Mitarbeiter anweisen, was verbessert werden muss.

Wer diese Kritik nicht aushalten kann, sollte kein (zumindest kein bezahlter) Designer werden, denn in dem Job stehst du im angewandten Kommunikationsbereich immer vor einer Art Jury. Pitches, Korrekturen durch den Klienten, Designwettbewerbe, Peer Reviews im Büro – irgendeiner weiß es immer besser als du, irgendeiner stellt dich immer auf die Waage und irgendeiner schießt immer Löcher in deine Arbeit. Dieses permanente Säurebad ist nicht unbedingt schlecht, es hält dich wach und verhindert Bequemlichkeit. Am meisten hilft dabei, selbst der eigene schärfste Kritiker zu sein. Ich bin immer eher überrascht, wenn unsere Arbeit gelobt wird, weil ich eher auf das, was noch verbessert werden könnte, fokussiere als auf das, was bereits gut geworden ist.

Was die Kritik angeht – Ich sehe es so, wie ich selbst ja auch eine Band oder einen Autor kritisiere, wenn das dritte Album oder fünfte Buch irgendwie nicht so gut geworden ist wie die Vorgänger – man kann das als Attacke deuten (und wenn es zu oberflächlich bleibt, ist es das ja vielleicht auch), oder aber als eine Form von Auseinandersetzung einer Person, die sich für das, was du tust interessiert und an dessen Qualität interessiert ist, mit deiner Arbeit. Diese letztere Art von Kritik ist durchweg ohne Abstriche eine gute Sache. Vor allem, wenn ich handwerkliche Kritik oder eine Anregung kriege, wie etwas besser funktionieren kann. In diesem Sinne kann selbst destruktive Kritik hilfreich sein, solange sie ehrlich ist und im Detail begründbar.

Es ist eher schade, dass es für Design-Kritik kein sauberes Werkzeug, keine objektiven Kriterien gibt, selbst erfahrene Designer (und ich packe mich da an die eigene Nase) fallen immer wieder auf geschmäcklerische Argumente oder auf die «Hätte ich anders gemacht»-Schiene zurück, wenn sie andere Arbeiten beurteilen. Aber beides ist natürlich falsch. Man muss ein Werk aus sich selbst heraus auseinandernehmen, betrachten und sehen, ob es qualitativ gut ist. Und da fehlen uns Werkzeuge, die anderen Bereiche der Hermeneutik und Kritik längst entwickelt haben. Andererseits darf ich gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn die Parameter einer Designkritik aus den Elfenbeintürmen der Universitäten kämen, wenn wir Designer also den gleichen Was-will-der-Autor-sagen-Bullshit ertragen müssten wie die Künstler oder Schriftsteller es teilweise müssen. Jeder, der einmal in einem Museum bei einer Führung gehört hat, was da in die Photos oder Gemälde hineinmystifiziert wird, weiß, was ich meine. Ich weiß nicht – phantastisch wäre, wenn es eine Review-Kultur im Design gäbe, wie sie für Musik, Bücher, Filme und selbst Architektur längst selbstverständlich ist, die fest in den Alltag eingegangen ist, von der Rezeption der jeweiligen Erzeugnisse ja fast nicht mehr wegzudenken ist, egal ob die Künstler das nun immer mögen oder nicht. Vielleicht kommt das auch irgendwann, Design ist zunehmend Teil der Popkultur und wenn wir schon Modeblogs und Stylereviews haben, warum sollte dann nicht eben doch irgendwann ein neues Corporate Design auch in der «Zeit» verissen werden oder im Medienteil des Spiegel gelobt? Ich denke, da wird sich noch einiges entwickeln.

Beeinflusst Sie der Gedanke, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?
Ja sicher. :-D