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CAPOTE

Warum verlieben sich Frauen in Gefängnisinsassen? Warum schreiben Sie Liebesbriefe an Jungs, die in der Death Row sitzen und auf ihre Hinrichtung warten?

Wie trennt sich ein Autor von seinem Thema, von seinem Subjekt? Wie weit bist du bereit zu gehen, um an deinen Stoff zu gehen? Wo ist die Grenze?

Während Brokeback Mountain als die gay love story schlechthin gepriesen wird, erzählt Capote eine viel filigranere und komplexere Liebesgeschichte, die zwar nicht so metaphorisch aufgeladen ist und den amerikanischen Alltag so pointiert portraitiert wie Ang Lees modernes Cowboydrama, dafür aber eine Hauptfigur zeigt, die schauspielerisch ähnlich dicht angelegt wie Heath Ledger, aber extrovertierter, lauter, innerlich noch zerrissener wirkt.

Philip Seymor Hoffmans Darstellung von Truman Capote wirkt fast noch exaltierter als der reale Schriftsteller, maniriert, schnell, sobistisch, arrogant, manisch, egozentrisch, tuckig. Und, so empfand ich es zumindest, er wird während des Films nicht wirklich sympathisch. Hoffman gelingt das Kunststück, eine Figur zu erschaffen, die uns nahe geht und die wir in ihrer ganzen Vielschichtigkeit umarmen, wo aber am Ende des Films eine grandiose Ambivalenz bleibt, weil Capote im Grunde zwei Männer zum Sterben verurteilt, um den richtigen Schlußpunkt für das wichtigste Buch seiner Karriere zu haben. Es ist phantastisch zuzusehen, wie Capote von dem New Yorker Intelligentsia-Snob zum weinenden, verliebten Kindmann zum berechnenden, die reale Welt komplett ausblendenden, ruhmversessenen Künstler wird. Diese seltsame fragile Balance schafft eine durchweg realistische Figur, die in ihrer Gebrochenheit entgegen gängigen Filmklischees nicht «geheilt» wird. Capote ist so kaltblütig und so heißblütig wie die beiden Killer Perry Smith und Dick Hickock und in dieser Seelenverwandtschaft ist es nur logisch, daß er sich in Perry vom ersten Moment an verliebt. Von hier beginnt ein seltsamer Tanz der beiden ums Schafott, in dem die Rollen von Mißbrauchendem und Mißbrauchtem stetig wechseln, in dem mal Perry um Truman balzt, um sein Leben zu retten, mal Capote um den Mörder, um an dessen Story zu kommen. Es ist ein seltsamer sexueller Akt hinter Gittern, ein langer, gegenseitiger Flirt und kaum ist der «Coitus» vollzogen – indem Perry die Geschichte seiner Tat erzählt – verliert Capote das Interesse an dem Killer, verschwindet, flieht, ignoriert die Hilfegesuche von Smith und Hickock, um bei deren gruseliger Hinrichtung in der Gefängnisscheune zu beteuern, daß er getan habe, was er konnte. Und wir wissen – wie Capotes Freundin Harper Lee –, daß er nichts getan hat, nichts tun wollte, seine Liebe für sein Buch, seine Arbeit, seine Kunst, geopfert hat. Die finale Szene im Gefängnis («Es gibt nur eine Sache, die du mir geben kannst…») zeigt eine Härte an Capote, eine Entschiedenheit, die auch seine Tränen im Vorfeld der Hinrichtung nicht auslöscht.

Capote ist ein Film mit etwas enttäuschendem Setbau aber extrem überzeugenden Darstellern bis in die Nebenrollen, mit wunderbar glaubwürdigen 60er-Jahre-Gesichtern, auch bei Lesungen und auf Parties, mit einer wunderbaren weichen, offenblendigen Kameraarbeit, die beim Party-Capote wunderbar mittlere Distanz wahrt und ganz intim im Zwiegespräch zwischen Autor und Killer wird, fast voyeuristisch, mit grandioser Softness. Clifton Collins Jr, der den Perry Smith gibt, übertrifft den grandios exaltierten Hofmann an Intensität in manchen Szenen, wenn er den kargen, (pseudo)intellektuellen, hintertriebenen, verletzlichen, komplexen, zarten und absolut brutalen Mann gibt, der feine Bleistiftzeichnungen macht und eben schnell vier Menschen für ein paar Dollar umbringt.

Capote ist ein sensibles Kammerspiel, so vielschichtig und fragmentarisch und schwierig wie die Titelfigur, ein Film ohne Antworten.

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Danach haben wir übrigens im Bochumer Lounge ein Pärchen beim Balzen erleben dürfen, das perfekte Kontrastprogramm. Der Junge mit Pulli überm karierten Hemd, das Mädchen gelangweilt. Was bei Sprüchen wie «Warum haben Männer keine Cellulite – Weil’s Scheiße aussieht» und «Was macht eine Frau im Raumschiff – Putzen» absolut verständlich ist. Die ganze wunderbare groteske peinliche Palette vorsichtiger/weniger vorsichtiger, aber immer daneben liegender Anmachversuchen – das echte Leben ist komischer und tragischer als jeder Film.

16. März 2006 13:39 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

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