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CAMILLE: MUSIC HOLE

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Camille Dalmais ist keine Frau für Stillstand. Schon der Übergang von dem eher gewöhnlichen Album Le sac des filles zum grandiosen Le fil at bewiesen, dass sie für überraschende Sprünge zu haben ist. Nach dem Live-au-Trianon-Album hat sie sich für ihr drittes Studioalbum entsprechend entschieden, hauptsächlich auf Englisch zu singen, einerseits auf dem leicht inzestösen französischen Pop-Markt eine Art Selbstmordversuch, andererseits natürlich die Chance, international eine größere Bühne zu betreten. Im Grunde bleibt Camille hier dem Rezept von Le fil treu – nahezu alle Geräusche des Albums sind à la Herbert Matthew selbstgemacht und modifiziert. Music Hole breitet dieses Ansatz aber aus, bringt mehr perkussive Töne ein und es dürfen auch echte Instrumente mitmischen. Ein wildes Patchwork von Piano, Beatbox, Körperpercussion, gutturalen Bassstimmen, und über all dem schwebt Camille Dalmais Stimme in immer neuen Iterationen und Facetten – was zuvor noch bescheiden produziert klang, wird hier mit viel Budget und Unterstützung in Cinemascope produziert. Eine eventuelle musikalische Stagnation, die man bei dem sehr engen konzeptionellen Korsett des Vorgängeralbums hätte befürchten dürfen, bleibt aber nicht nur durch das bloße «mehr» an Produktion ausgeschlossen, ebenso durch die Tatsache, dass Camille mit zwar ähnlichen Mitteln eine gänzlich andere Musik inszeniert. Sie streift weiter als zuvor durch musikalische Felder, Gospel, Jazz, Pop, Soul und macht sich die Harmonien und Riffs dieser Bereiche humorvoll zu eigen, ohne ihren eigenen Sound zu opfern. Music Hole ist nicht nur sprachlich ein Wechsel, sondern auch eine Abwendung vom Chanson-Stil, hin zu internationaleren Sounds, durch die Camille mit der großen Geste einer Operndiva lustwandelt. Manchmal kippt das Ganze etwas ins zu Witzige, wenn Camille knurrt und miaut oder mit Wasser allzu aufdringlich Percussion gemacht wird. Der Spaß, den die Beteiligten an der Produktion hatten, wird so sicher greifbar, lenkt aber manchmal von den eigentlich Songs ab.

Seltsamerweise bleibt Le fil trotz der aufwendigeren Zutaten bei Music Hole das gelungenere Album, einfach, weil es melodisch und von der Produktion her simpler, aber unvergleichbar magischer ist, die Songs an sich besser im Kopf bleiben, minimalistischer sind. An diese Avant-Pop-Magie reicht der Nachfolger nicht heran, vielleicht kriegt man so etwas auch nur ein einziges Mal hin und es wiederholen zu wollen wäre auch eher falsch. Dennoch und eben darum ist Music Hole die Sorte Album, die man sich von Musikern wünscht – es bleibt einer bestimmten Richtung, einem Sound treu, aber es dokumentiert glaubhaft eine Weiterentwicklung, eine Neugier, einen Spieltrieb, einen Sinn für Humor und Exotik. Ironisch, experimentell, verspielt, großartig produziert und trotzdem eingängig hörbar.

24. Juli 2008 08:59 Uhr. Kategorie Musik. Eine Antwort.

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