
Nach dem hoch enttäuschenden Hulk kehrt Ang Lee, Director von Eissturm und Tiger And Dragon, wieder mit einem kleineren Film in die Kinos zurück und beweist, daß er mit großen grünen Monstern zwar Probleme haben mag, die Darstellung kleiner realer Dramen aber phantastisch im Griff hat. Brokeback Mountain beweist von der ersten Sekunde an jene erzählerische Zurückhaltung und innere Ruhe, die man von Eissturm her kennt. Wann immer wie uns in der «Realität» der Vereinigten Staaten der zwei Dekaden nach 1963 befinden, ist die Kamera ruhig, die Dialoge sparsam, die Farben staubig und das Leben häufig eher abstoßend, ohne jede Aura. Autos und Häuser, Geschäfte und Kleidung, Dialoge und Beziehungen sprechen von einer materiellen aber auch spirituellen Verarmung der Vereinigten Staaten und selbst die mittelständische Prosperität, die uns später im Haushalt von Jacks Ehefrau Lureen entgegenkommt, wirkt eher zu grell, zu störend-aufgesetzt, insgesamt eher abstoßend, unfreiwillig albern, unecht. Schönheit und Innerlichkeit präsentiert der Film schon rein bildästhetisch ausschließlich in der Welt der Prärie und der Berge, wenn die beiden Männer auf dem namengebendem Brokeback Mountain und später mit ihren «Angel-Trips» der Realität entfliehen. In diesen Momenten kann man Lee vielleicht vorwerfen, ein wenig zu sehr in Richtung des visuellen Marlboro-Klischees zu kippen, aber warum sollte ein Neowestern das in der Werbung eingekapselte Gefühl von maskuliner Freiheit nicht feiern dürfen (zumal aus asiatischer, insofern unbefangenerer, Sicht)? Die Bilder gehören ja nicht der Marlboro-Werbung, sondern sind nur entliehen. Lee erkämpft sie dem ursprünglichen Filmgenre zurück. Und meist gelingt das auch – von City Slickers ist hier nicht viel zu spüren. Eher von Arthur Millers Misfits.
Jack Twist und Ennis Del Mar, großspuriger Rodeoreiter in spe und wortkarger Rancher, verbringen auf dem Brokeback-Mountain, wo sie einen Trek Schafe hüten, mehrere Tage allein zu Zweit. Eines Nachts passiert das zwischen zwei taffen Roughnecks ebenso undenkbare wie vielleicht unvermeidbare und die beiden schlafen zusammen. Nach dem ersten Schock und der Versicherung, daß man absolut nicht schwul sei, verlieben sich die beiden ineinander. Was nicht die beste Idee in den Südstaaten ist, zumal nicht in den frühen Sechzigern. Die nächsten zwei Dekaden sind insofern eine Geschichte der Verneinung und des Versteckens, nachdem die beiden sich nach ihrem Abenteuer auf dem Brokeback Mountain trennen. Jack Twist heiratet eine reiche texanische Rodeo-Queen, Ennis Delmar die Kleinstadt-Verliererin Alma. Beide bekommen Kinder, beide leben in einer für sie bedeutungslosen Ehe, Jack wird reich, Ennis bleibt arm, beide sind unerfüllt. Bis Ennis eines Tages eine Postkarte von Jack Twist erhält und die beiden regelmäßige Treffen haben, in denen sie sich geheime Auszeiten von ihrer jeweiligen Realität nehmen. Lees Film verfolgt das Königskinder-Paar über zwei Jahrzehnte, durch Träume, durch stumme Verzweiflung, durch Tod und Abschied. Ennis Del Mar wird in dieser Zeit – unglaublich beeindruckend gegeben von Heath Ledger, den ich sonst eher als Schönling in Erinnerung hätte – zu einem ledrigen einsamen alten Mann, bitter und traumlos, Opfer einer Liebe ohne Chance und seiner eigenen Ängste.
Obwohl Ang Lee viele sentimental-grandiose Bilder bietet (Wim-Wenders-artige amerikanische Landschaften), sind die stilleren Momente, die detaillierten Betrachtungen, das wirkliche Fleisch des Films. Ledger am Ende in seinem Wohnwagen, wie er fast stolz seinen Briefkasten begutachtet, wie er im Staub zuschaut, als seine 19jjährige Tochter davonfährt. Wie er sein eigenes Hemd, das Jack ihn auf dem Brokeback gestohlen hatte umarmt. Sein letztes «Jack, ich schwöre». Alma bei der Arbeit im Supermarkt. Lureens Modeticks. Das Haus von Jacks Eltern und Jacks Mutter. Der junge Ennis, der ein Holzpferd schnitzt. In winzigen Details fängt Lee so die Essenz seiner Figuren ein und verleiht selbst Nebenrollen wie Alma eine Tiefe und dichte Glaubwürdigkeit. Der ruhige Score bringt die Melancholie der Bilder auf den Punkt, der nahezu hypnotisch ruhige Filmschnitt verleiht dem Film genau den ruhigen Blues-Takt, den er braucht, indem die Kamera immer einen Hauch zu lang auf ihren Bildern zu verweilen scheint und dadurch intim, penetrant wird. Lee bringt das Gefühl der modernen amerikanischen Kurzprosa auf den Punkt, baut zum Beispiel die seit Hemingway beliebte Verknüpfung interner psychologischer Vorgänge mit exogenen Geschehnissen in der Natur ein. So zeigt er uns die Schuldgefühle und Unsicherheit von Ennis Del Mar nach seiner ersten Liebesnacht, indem er den Cowboy eines der Schafe, das er behüten sollte, am nächsten morgen gerissen und ausgeweidet auf der Weide findet – Natur wird immer und immer wieder zur Metapher seelischer Zustände, ob direkt oder ironisch (wie etwa auch beim Feuerwerk). Sparsam und skizzierend, ohne prefabrizierte Klischees, erzählt Lee so eine vielschichtige unsichere und doppelbödige Liebesgeschichte, eine dieser Storys, die nur alle paar Jahre mal den Weg ins Kino finden. Einen Film wie Lost in Translation, der reif und dicht und multitimbral ist und den man noch in Jahren wird sehen können, ohne sich zu langweilen.
Brokeback Mountain ist insofern zwar als Schwulen-Western gehyped worden, aus meiner Sicht aber eher eine einfache klassische tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der alltäglichen Melancholie des amerikanischen Südens, ein Film, der ein ganz anderes Amerika präsentiert als wir es von dem immergleichen New York oder Los Angeles anderer Movies kennen, ein staubiges, sinnloses, sehr russisch anmutendes Land ohne große Hoffnungen. Das wirklich beeindruckende an dieser Liebesgeschichte ist, das sie auf Sentimentalitäten verzichtet. Es gibt kein Happy-End. Es gibt keinen Kitsch. Es gibt nur Lügen und gebrochene Seelen und Trauer und Sehnsucht und das blinde, stumpfe Weitermachen.
11. März 2006 10:53 Uhr. Kategorie Film. 2 Antworten.
[...] Während Brokeback Mountain als die gay love story schlechthin gepriesen wird, erzählt Capote eine viel filigranere und komplexere Liebesgeschichte, die zwar nicht so metaphorisch aufgeladen ist und den amerikanischen Alltag so pointiert portraitiert wie Ang Lees modernes Cowboydrama, dafür aber eine Hauptfigur zeigt, die schauspielerisch ähnlich dicht angelegt wie Heath Ledger, aber extrovertierter, lauter, innerlich noch zerrissener wirkt. [...]
http://guillemets.de/weblog/brokeback-mountain
Ein toller Film!