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Bret Easton Ellis: Lunar Park

Bret Easton Ellis habe ich auf etwas seltsame Art und Weise kennengelernt, nämlich mit einer Kurzgeschichte in einem trashigen Zombie-Paperback, in dem er einen auszug von Less than Zero unter Pseudonym veröffentlichte. Und tatsächlich ist Ellis’ Geschichte der postmodern gelangweilten Studenten eine der besten, treffendsten Zombie-Stories schlechthin und vor allem erscheint das ziellose übersexuelle Drug-Drifting der Jugendlichen durch den Rahmenwechsel wirklich wie eine Zombiegeschichte, was vice versa Less than zero zu einer Zombiegeschichte über eine ganze Generation definiert. Ellis gehörte bereits mit Less than Zero und The Rules of Attraction zu einer neuen Generation herausragender Amerikanischer Novellisten, der mit einer kalten, neutralen, beschreibenden, fast wortlosen Sprache eben diesen Zustand seiner Altersgenossen zu Papier brachte, die Verlorenheit, die Sinnlosigkeit und das Alleinsein, die Frustration und die ewige Suche nach dem nächsten Kick. Keiner beschrieb seinerzeit besser als er das nebeneinander von Dekadenz und Abgrund.

Und genau diese Thematik setze er in American Psycho fort. Es mag Leute geben, für die American Psycho in erster Linie ein Serienkiller-Buch ist, aber abgesehen davon, daß die stupide Aneinanderreihung von Pornographie, extremer Gewalt, Markennamen, dem stupiden Alltag von Bateman und einigen dazwischengestreuten Band-Reviews nun eigentlich jeden Slasher-Fan zu Tode langweilen sollten, ist doch relativ offensichtlich, daß die wahre Aussage des Buches auf einer Metaebene stattfindet, nicht einmal so sehr zwischen den Zeilen – wie noch bei Hemingway oder Carver – sondern ÜBER den Zeilen, ein ganzes Stockwerk höher sozusagen. Egal ob man Bateman tatsächlich als Killer zuläßt, wir im Grunde also einen modernisierten Werwolf-Roman vor uns haben, oder ob man der Theorie folgt (die Ellis in Lunar Park bestätigt), daß Bateman nur eskapistischen Gewaltphantasien nachhängt…die wahre Aussage des Buches liegt in der Oberflächlichkeit, dem Statusgeprotze und der sozialen Regelenge der 80er Jahre. Ellis nähert sich einem zutiefst hedonistischem Jahrzehnt der Kälte und der Mißgunst, der Drogenexzesse und der AIDS-Angst, der Eitelkeiten und der Angst, ohne jeden direkten Kommentar, ohne jedes eigene Urteil. Wie Amy Hempel und zahlreiche andere Autoren beschreibt er nur, die Exegese bleibt dem Leser überlassen, der in den Text hineininterpretieren mag, was er will. Während solche Ansätze bei anderen Autoren, wie etwa Ellis Mitstudentin Donna Tart oder inzwischen auch bei Ellis kraftloserem französischen Kontrapunkt, Houellebecq, schnell in grobmotorische transgressive Moraldramen à la Dostojewsky abrutschen, bleibt Ellis auf diesem dünnen Eis traumwandlerisch sicher. Die ihm oft vorgeworfenen Schwächen, keine dreidimensionalen Protagonisten zu entwickeln geschweige denn eine fortschreitende Handlung, greifen ins Leere. Die Tatsache, daß keiner seiner Charaktere das ZEUG zum Protagonisten hat und das Geschichte nicht mehr stattfindet, die Bücher also in der Posthistoire gefangen bleiben, sind bereits Teil der Metaaussage. Eben die Tatsache, daß im Grunde nichts mehr passiert, niemand sympathisch oder gar «menschlich» ist, macht American Psycho so wuchtig.

Vor diesem Hintergrund darf es nicht verwundern, daß es auch bei Lunar Park weniger um die Handlung im Erdgeschoß des Buches geht. Um hieran jeden Zweifel auszuräumen, greift Ellis zu einem vexierspielartigen Kunstgriff und baut sich selbst als fiktionales Ich des Buches ein, beginnt mit einem vernichtenden Rückblick auf seine bisherigen Werke und seine Drogenexzesse. Was sich hier liest wie ein fast absurd komisches Benjamin-Stuckrad-Barre-Deja-vu ist in Wirklichkeit größtenteils erfunden, schon beginnend mit den Auflagen seiner Bücher. Der Protagonist Ellis basiert nur vage auf dem Autor Ellis. Die Story an sich ist schnell erzählt: Ellis wohnt mit seiner Frau, einer berühmten Schauspielerin, und zwei Kindern (davon nur eins von ihm) in Suburbia, schlägt sich durch die Alltagsqualen des Vatertums und wird heimgesucht vom Geist seines Vaters und von einem Dämon, während sein Sohn einem Kult verschwindender Jugendlicher beitritt. So platt wie der Plot ist auch der stilistische Kunstgriff, daß Buch nach dem einleitenden pseudo-autobiographischem Kapitel stilistisch als Hommage an Stephen Kings Schreibstil zu verwirklichen. King hat zahllose junge Autoren unserer Generation (mit)geprägt, und nicht umsonst finden sich bei vielen modernen Grenzgängern Anspielungen auf Kings frühe Werke (bei Palahniuk beispielsweise deutlich in Lullaby, bei Carroll in den Kleinstadtszenarios usw.), niemals zuvor aber so deutlich wie hier. Lunar Park ist eine Melange aus mehreren King-Klassikern, Shining und Stark blitzen deutlich auf, Elemente aus Carrie, zahlreiche Motive aus den 70er-Jahre-Kurzgeschichten, am Ende deutlich sogar Cujo. Bis ins Detail imitiert Ellis Kings Stil, die kursiv gesetzte «innere Stimme», die langatmige Herstellung von «Alltag» in den dann das Unbekannte einbrechen kann, die Einbindung von Kindern als Unschuldssymbole und das «Monsterspielzeug» (der Terby). Anders gesagt: Es ist erbärmlich. King per se ist schon wirklich schrecklich, ein blasses Imitat unerträglich. Sich Seite um Seite durch einen anämischen Geisterplot blättern zu müssen wird auf der ersten narrativen Ebene wirklich nur durch den phantastischen Anfang und das atemlose monologische Ende wieder ausgeglichen. Die Verwandlung des Hundes und der Kampf gegen das Terby-Monster sind aber so bodenlos schlecht, daß man Kraft braucht, um an diesen Stellen nicht einfach aufzugeben. Es ist plot-getriebener als American Psycho oder Glamorama, eigentlich Ellis erster Versuch, eine «echte» Story zu erzählen, mit Spannungsbogen, Handlung, normalen Dialogen usw. In diesem Sinne ist es ihm passabel gelungen, etwas dezidiert untypisches abzuliefern. (Daß Ellis sich hierbei selbst perfekt selbst persifliert, etwa wenn der fiktionale Ellis an seinem nächsten Buch arbeitet, macht diesen Wunsch nach einem neuem Stil nur deutlicher.) Bliebe man also rein im ersten Stockwerk, ist es unterm Strich dennoch eins seiner schlechtesten Bücher.

Aber natürlich spielt sich auch hier das wahre Buch ein Stockwerk höher ab, schließlich schreibt Ellis mit all seinen Büchern lediglich eine Ausrede, um im Metatext die Auseinandersetzung mit seinem Leben und dem akuten Zeitgeist zu betreiben. Und hier, auf dieser Ebene, geht es nicht nur um das Vater-Sein (ein Motif, das im Buch mit dem Holzhammer kommuniziert wird), sondern um die Fortsetzung von Less than Zero und American Psycho mit anderen Mitteln, an anderer Lebensstelle. War Less ein Buch über das Studentensein und Psycho eines über das professionelle High Life in New York, so dreht sich Lunar Park um den Vorstadt-Alptraum, um das Haus, den SUV, die Kinder, die Privatschule, die Shopping Mall. Um die amerikanische Idylle. Der Horror ist nicht die Geistergeschichte, sondern der Alltag DAVOR. Und wie er in Psycho den amerikanischen Traum der Wallstreet zerlegt, demontiert Ellis hier die Fassade des Familienlebens. Dahinter kommen überforderte Kinder auf surreal überpsychologisierten Eliteschulen zum Vorschein, Kinder, die mit Psychopharmaka ruhiggestellt und mit Konsumartikeln überfüttert sind, und die sich zugleich nach einer Flucht aus dieser Scheinwelt sehnen, nach einem härteren, echteren Leben. Dahinter entdecken wir hilflose, überforderte Eltern mit Bindungsproblemen, die von ihren eigenen Ängsten und Trieben derart hin- und hergezerrt sind, daß sie handlungsunfähig scheinen, deren Leben das Ziel, das Zentrum abhanden gekommen ist. Für die bestenfalls die Kinder noch ein «Projekt» sind, weil ansonsten bereits alles getan, gedacht, erledigt wurde. Von ihnen selbst, von den Generationen vor ihnen. Ellis beschreibt eine Welt in Bernstein, in der die Langeweile, die bereits seine anderen Bücher prägt, sich nahtlos fortsetzt und vom Vater auf den Sohn überträgt. Wobei Robby, Ellis fiktionaler Sohn, diesem Teufelskreis nur dadurch entkommt, daß er aus der Welt verschwindet, selbst zum «Geist» wird. Dieses eskapistische Grundbild taucht immer wieder auf, von der ersten Mummenschanz-Party bis zum völligen Zusammenbruch der Welt des fiktionalen Ellis (dem der echte Autor nebenbei noch einen in das Buch eingebauten fiktionalen Autor zur Seite stellt, um die Verwirrung endgültig zu machen, so daß wir final drei BEEs haben, den fiktionalen Charakter, den fiktionalen Autoren und den realen Autoren). Irrlichternd, aber sicheren Fußes, bewegt sich Ellis in den Untiefen der Welt der Desperate Housewives, den Barbecues, den Schultreffen, dem sinnlosen Dozentenjob, der Schreibblockade, der Enge und der Frustration. Als die Dämonen und Geister dann das Leben des fiktionalen BEE aufmischen, ist es fast, als würde er selbst ausbrechen, als würden nur noch solche supernaturale Horrorwesen überhaupt eine Chance bieten, aus der suburbanen Falle auszubrechen. Ist bei King der Einbruch des Horrors in den Alltag eine Bedrohung, so wirkt er hier vielmehr befreiend. Der Einbruch des ID in die Normhaftigkeit des Superegos wirkt wie ein Katalysator, der nur den inneren, längst vollzogenen Zusammenbruch, nach außen sichtbar macht.

Auf der Metaebene ist es also am Ende ein Buch über Einsamkeit, die Unfähigkeit des modernen Menschen, wirklich zu kommunizieren, der man auch im Scheinidyll jenseits der Großstadt eben nicht entkommen kann, über die klassische Suche des Midlife-Crisis-Helden nach Liebe (woher auch immer), über die Erkenntnis, nicht besser zu sein als die eigenen Eltern, stehengeblieben, stagniert zu haben. BEE flechtet hier nicht umsonst am Ende ein langes, wehmütiges Band angesichts der cinematographisch wegwehenden Asche seines Vaters, rückwärts in die Zeit. Themore things change, the more they stay the same. Der Protagonist Ellis ist der gealterte Patrick Bateman, der ja seinerseits der gealterte Clay war (nicht ohne Grund tauchen Charaktere aus älteren Büchern auch gerne namentlich in den jeweils neueren auf, in diesem Buch tatsächlich ausdrücklich Bateman und Clay, die Ellis das Leben schwermachen, gerade so, wie würden diese Bücher dem realen Ellis in jedem Interview wieder unter die Nase gerieben werden). Der Nihilismus, der frühere Bücher noch fröhlich durchtränkte, ist hier für die Charaktere selbst schal geworden, der Drogenkonsum nicht mehr berauschend, nur noch be- und vernebelnd, die Orientierungs- und Hilflosigkeit von Ellis nur noch verstärkend. Was real ist und was Fiktion, kann der BEE in Lunar Park schon längst nicht mehr unterscheiden. Während Clay die Leere unter dem Glitz von LA nur ahnt, zu überdecken versucht, während Bateman noch dagegen blutig zu rebellieren versucht, hat sich der Ellis-Charakter in Lunar Park bereits melancholisch in sein Schicksal gefügt, hofft – wie jeder Vater – nur noch, daß sein Sohn es einmal besser haben wird. Lunar Park ist bei weitem nicht so morallos, kraftvoll und wütend wie andere Bücher von Ellis, die Trennung der Stockwerke nahezu hermetisch, man liest die Metageschichte fast der eigentlichen Plot-Story zum Trotz – es zeigt einen gereiften Autoren am Scheideweg der Unzufriedenheit mit seinen eigenen limitierten schriftstellerischen Mitteln, auf der Suche nach einer neuen Botschaft, der dennoch nahtlos an seinen Erstling anknüpft und die Zombies an den Pools von LA hier und heute durch die Zombies in den Gärten jeder nur denkbaren Vorstadt, jeder nur denkbaren Gated Community ersetzt. Am Ende geht es also immer noch um die hirntoten Monster in uns allen.

15. Oktober 2005 12:20 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

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