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BOTENSTOFF

Schon vor einer ganzen Weile hat mir Nora Gummert-Hauser die erste Ausgabe des von ihr betreuten Magazins Botenstoff mit einem sehr netten Brief (merci!) zukommen lassen, aber ich bin nicht dazu gekommen, es zu bloggen…

Die Botenstoff ist ein studentisches Magazin der Krefelder Hochschule Niederrhein und sieht absolut ganz und gar nicht studentisch aus. Schön ausgewähltes Papier und eine kernsolide FF QuadraatSans als Brotschrift verleihen dem Magazin vom Fleck weg einen soliden Eindruck, den das relativ ruhige Design und die hochwertige Produktion auf den zweiten Blick verstärken.

Die Botenstoff, wie so viele Studenten-Magazine à la Roger oder Zwiebelfisch, will vor allem zweierlei: Nach außen die Arbeiten der Studenten vorstellen, nach innen wie eine Art Schülerzeitung mit Artikeln und Informationen wirken. Beides gelingt souverän, auch wenn die Portfolio-Seiten für mich als Außenstehenden vielleicht etwas zu kurz kommen und etwas zu unerklärt bleiben. Ansonsten liefert Botenstoff ein lesenswertes Potpourri, das angesichts der recht kleinen Projektgruppe und der kurzen Produktionszeit beachtlich ist. Ich bin immer wieder verblüfft, was Studenten – richtig motiviert – auf die Beine kriegen und Nora HAT anscheinend richtig motiviert. Ganz abgesehen davon bin ich etwas mehr als ein kleines bisschen neidisch auf dieses Projekt. Die Botenstoff ist rundherum professionell geworden, mit Liebe produziert und legt hoffentlich redaktionell den Grundstein für weitere Ausgaben. Ist auf jeden Fall Anlass, stolz zu sein.

Ganz ohne etwas Kritik geht hier aber natürlich gar nichts. Die Kritik ist aber – ganz wichtig – eher allgemein, hat eigentlich absolut nichts mit der Botenstoff an sich zu tun, sondern mehr mit Studenten-Mags und Design-Magazinen an sich und der Tatsache, dass ich mit diesem Thema gerade beschäftigt bin. Es gibt in letzter Zeit eine wahre Flut an Magazinen und sie alle sind solide gestaltet. Gerade studentische und Designer-Mags hängen derzeit an einem seltsamen schwerelosen Punkt. Sie sind nahezu ausnahmlos «designed», sprich Typo, Papier, Raster, das ist alles sehr amtlich, sehr smooth, sehr glatt. Und um etwas Dreck reinzubringen haben die Magazine nahezu alle irgendwelche funky-postmodernen Elemente aufgenommen, die – nimmt man die Mags alle einmal gemeinsam unter die Lupe – durchaus auch etwas austauschbar sind und eher ornamentalen Charakter haben. Bei der Botenstoff, aber auch bei anderen Magazinen sind das etwas ungewöhnlich umgebrochene Headlines, eine technoide Displayschrift, Schrägstriche und und und. Und obwohl mich das im Einzelfall nie stört (der Stil einer Ära ergibt sich aus Kopie und Weiterentwicklung) … in der Summe, der Querschau hat es etwas Beängstigendes. Graphik Design, so scheint mir derzeit, ist wieder da, wo wir 1970 waren. Handwerklich geschliffen, ohne große typographische Fehler, sogar oft mit schönen Details, visuell hier und da zu einer Art modernisierter Ornamentsprache neigend, mal mit dem retrospektiven Rückgriff auf romantisch verspielte florale Elemente, mal in einer Art stilistischer Rest-Bodensatz von Carson/Brody et al, ohne deren Bedeutung, Ansätze oder Inhalte zu bedenken. Da wird einfach die Form übernommen, das Gimmick, der Look. Das ist ja auch oft nett anzuschauen, aber mein innerer Adolf Loos zuckt dabei eben auch immer zusammen: Was soll das? Zum einen frage ich mich schon, inwieweit diese Überflutung mit Magazinen unweigerlich zu Inhaltsleere führen muss. Nur was knapp ist, ist konzentriert, unverwässert. Wenn jeder ein Mag macht, was sind Magazine dann jeweils noch wert, wie hoch ihre Qualität? Da entstehen insuläre Lösungen, die online längst viel ehrlicher funktionieren würden. Die RA hat letztens laut überlegt, ein Magazin zu machen und ich hab nur den Kopf geschüttelt. Brauchen wir das? Vielleicht ermüdet mich nur der Overkill, aber meine These, dass wir auf eine Design-Überproduktionsgesellschaft zulaufen, wird in Form all dieser Designer-Mags so erschreckend real greifbar. Das ist einfach zuviel an Slick, Neat, Shiny, Awesome.

Zum anderen wollen die meisten Magazine ja nur spielen. Die beißen eben nicht. Die Ray Gun war eben nicht nur visuelle Spielwiese für Carson, diese ganzen Typo-Experimente, an denen sich alle -inzwischen auch Carson selbst – klammern, waren doch nur Eye Candy. Das wirklich Befreiende und Aufregende an der Ray Gun war, dass sie die Logik eines bewegten Mediums – MTV – auf Papier brachte und damit die künstlerische, wütende Energie der Musik kommunizierte. Und Carson hatte einfach eine ganze Menge ungewöhnlicher, damals neuer und bahnbrechender Ideen, die weniger mit Optik und mehr mit einem komplett ent-regelten Denken über Magazin-Design zu tun hatten. Die wunderbar anders an die Idee von «Lesen» herangingen. Ray Gun war ein Mag, das Gewohnheiten komplett und mit furioser Wut und Schönheit in Frage stellte. Und zeitgleich hatte die post-strukturalistische Denke – zum Beispiel der Cranbrook Academy of Art – eben nichts mit reinen oberflächlichen Visuals und Stilästhetiken zu tun, sondern kam aus einer intensiven Auseinandersetzung mit Architektur, Literatur und Kultur und aus der Übertragung kulturästhetischer Rezeptionsmethoden auf das Graphik Design. Fragmentierung, Layering, Destruktualisierung, Dekonstruktion… es ging nicht (nur) um die Oberfläche, sondern eben um das, was darunter lag. Die Cranbrook-Pionieere wie Keedy oder Fella waren die ersten Siedler in einem unberührten Land, dem Grenzland zwischen Werbegrafik und Kunst.

Um ehrlich zu sein… dieser Spirit, dieser Pioniergeist fehlt mir bei studentischen Arbeiten aber auch bei Arbeiten junger Designer am Markt derzeit oft irgendwie. Durchgehend. Die Sachen sind rein visuell splashy und nett, aber sie TUN MIR NICHT WEH. Sie berühren mich nicht, sie überschreiten keine Grenze, sie sind so funktional und sympathisch, dass man auch eine Broschüre für ein mittelständisches Unternehmen in der Hand haben könnte. Ich verstehe teilweise nicht, warum Studenten- oder die freien Design-Magazine eigentlich so unglaublich normal sein wollen. Warum sie nicht experimenteller, anarchiger, klüger, punkiger, post-irgendwasiger sein wollen. Ein bisschen oberflächliche Smartness hier und da ist ja schön, aber wo ist der Drang, der NÄCHSTE Carson zu sein? (Ohne dabei konkret stilistisch Carson zu meinen, es geht um die Denke, nicht die Optik…)

Vielleicht drückt sich hier eine Sättigung aus. Die Konkurrenz am Markt erzeugt Anpassungsdruck und die Gesellschaft, in der wir leben, erzeugt ein Völlegefühl, eine Unbeweglichkeit, eine Art von Behaglichkeit, die jede Rebellion und Wut abstumpft. Vielleicht haben die Designer auch das Gefühl, das alles wichtige schon gesagt ist. Vielleicht erzeugen die sehr geschliffenen digitalen Mitteln – Fonts, Layoutsoftware, Photographie, Illustrator – auch eine Endzeit-Stimmung, so, als könne nichts mehr kommen, jetzt wo Ligaturen automatisch generiert werden.

Dabei ist es natürlich umgekehrt: Nachdem die 80er und 90er die digitale Revolution waren und Arbeiten von Leuten wie Greiman oder Hard Werken diesen Stil dokumentieren, gilt es jetzt, zu überlegen, was danach kommen kann… und brave Raster mit etwas zeitgeistigen Layout-Tricks sind wahrscheinlich nicht die Antwort.

Es ist die Aufgabe der Universitäten, mehr noch als die Vermittlung von austauschbaren Handwerk, das heute doch in einem oder zwei Semester abgehandelt sein sollte, die Studenten zu dieser Rebellion zu zwingen. Nur Studenten und kleine Independent-Magazine können doch schließlich – frei von Budget- und Zeitzwang – Design produzieren, dass nicht funktional ist, nicht ästhetisch, nicht brauchbar… sondern einfach eine Exploration der eigenen Möglichkeiten. Es kann doch nicht sein, dass die Magazine vor zwanzig Jahren spannender aussahen, vor allem aber in toto spannender WAREN als das, was mir heute als Design-Mags auf den Schreibtisch kommt.

Der Studentensprecher der Ruhrakademie hat mir einmal vorgeschlagen, man müsse ab dem ersten Semester eine Art Kulturkurs haben, in dem nur gelesen wird, Filme gesehen, Musik gehört, Theater besucht. Und das alles so hart wie möglich. Nur Sachen am Rande, experimentell, verwirrend, verstörend. Die Cutting Edge von den Sechzigern bis Heute. Und das so schnell, so hart, so massiv, dass die Studenten es kaum verarbeiten können, sondern einen Einruck kriegen von dem Wirbel, von der Energie ungebundenen kreativen Schaffens, von dem Feuer in all diesen Arbeiten. Und er hat natürlich recht. Ein Film wie Crash sagt mehr über Design als zehn Lehrbücher. Ali vs. Foreman in Zaire, Traneing In, Endspiel und und und… eine schier endlose Liste.

Vielleicht sind wir an den Punkt, wo es weniger um die Beherrschung der Werkzeuge geht, als vielmehr um die Frage, was man damit machen kann. So wie das Theater und der Film nach einer Phase der Perfektion der Mittel und Ausdrucksformen an den Moment kamen, wo man eben diese Mittel wieder in Frage stellen, neu erfinden, gegen sich wenden musste, um nicht zu sterben. Der Sinn eines Designmagazins kann nicht sein, etwas nach Design auszusehen und Designer zu interviewen oder schicke Bilder zu zeigen. Been there, done that. Sondern der Sinn eines freien Magazins muss unwillkürlich sein, auf das nächste Level zu wollen. Und vor allem: Auch mal dabei scheitern zu können. Die Emigre hatte immer den Mut, auch mal shitty auszusehen. Aus heutiger Sicht gibt es da einiges an fragwürdigem Design. Aber den Mut von vanderLans und Licko konnte man nie in Frage stellen. Ohne diese Fallhöhe, ohne die Chance des Scheiterns… ist kein Erfolg denkbar. Sicherheit ist das Gegenteil von Kunst.

So, runter von der Kanzel und zurück zur Botenstoff…. das Mag ist völlig solide gestaltet, ich kenne kommerzielle Arbeiten, die weit unprofessioneller und ideenloser sind. Das Layout bietet sich als Spielwiese verschiedener stilistischer Ideen an und ist so kurzweilig, vielleicht einen Hauch zu verspielt. Die Interviews, vor allem das mit Erik Schmid, sind hochlesenswert, die Rezensionen und die vorgestellten Arbeiten auf jeden Fall sehenswert. Nora und ihrem Team ist eine wunderbare Plattform für die Anliegen der Hochschule gelungen und ich hoffe, dass es weitere Ausgaben geben wird, die das Niveau halten und ausbauen. Als studentisches Projekt ist die Botenstoff eine bewundernswerte und wunderbar reife Leistung, ohne allzu spürbare Durchhänger und Mängel, die die prekäre Balance zwischen Innen- und Außenkommunikation mit glücklichem Händchen meistert. Ich hoffe, alle Beteiligten haben sich bei der Release Party ordentlich betrunken und gefeiert, es wäre mehr als absolut verdient :-D.

Zu bestellen gibt es das Magazin unter www.botenstoff-magazin.de








4. Mai 2007 13:02 Uhr. Kategorie Design. 34 Antworten.

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