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BOTENSTOFF II MITTELMÄSSIGKEIT

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Das vom FB Design der Hochschule Niederrhein in Krefeld stammende Botenstoff-Magazin hat sich von der ersten, aus Nora Gummert-Hausers versierter Hand kommender Ausgabe, zur zweiten, von Erik Schmid betreuten Ausgabe, spürbar gewandelt und es ist eine Freude zu sehen, wie dieses Format den Vorlieben und Neigungen der betreuenden Professoren zu folgen vermag. War Noras Heft eine klare, moderne, inhaltlich auf an der Hochschule entstehende Arbeiten und Ideen zugeschnittene, klare Editorial-Lösung, so präsentiert sich Eriks zweite Ausgabe als smartes Anti-Design, als dramaturgisches Design, dass in nahezu jeder Hinsicht, mit Ausnahme des Namens, völlig anders ist. Ich mag sowas – sich jedes Jahr neu erfinden ist gut für ein Magazin, das so kleinen Umlauf hat und insofern nicht am Tankstellen-Magazinrack wiedererkannt werden muss  – und es gibt den Studenten und Dozenten mehr Freiraum, sich zu erfinden, wenn auch vielleicht auf Kosten einer klaren Linie. Es hat etwas herrlich postmodernes, wenn ein bestehendes Konzept immer und immer wieder, kaum etabliert, schon wieder abgebaut wird, es hat was von unserer Zeit – tribalistischer Zeltenbau statt Beton. Was die Botenstoff II schon aus der Box heraus etwas gegen das deutsche Schuhkarton-Grau angehen lässt, das auf dem Pappcover zelebriert wird.

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Die Botenstoff II ist Gegendesign, so Anti-Style, dass es natürlich längst auch schon wieder ein Style geworden ist und so hört man gestalterisch hier und da Echos von Meiré, Lombardo und auch Hickmann durch, nicht die schlechtesten Vorlagen. Giuseppe Vitucci, der  durchaus elegante und visuell beeindruckende Lösungen entwickeln kann, hat sich hier gezielt auf ein (durchaus noch lautstarkes) Minimum zurückgefahren, in diese so schwere Balance von Design, das nicht mehr nach Design aussehen mag, sondern roh und gestaltet wirken will, vernacular. Dazu gehört die Wahl auf Tims un Helvetica als Typographie, hinreißende Sperrmüllphotos, leicht trübe Farben, die nach altem Küchenanstrich aussehen. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus und will dann doch zuviel, aber in der Balance zwischen wieviel-ist-zuviel und wieviel-ist-zuwenig, die bei so Spex-angehauchten Designs die prekäre Frage ist, kann man sich unendlich leicht auch mal verhauen und zum einen ist für einen Studenten die Trefferquote schlichtweg beeindruckend, zum anderen sollte man sich bei so einem Magazin im Zweifelsfall auch mal in Richtung Exzess verlaufen dürfen, hauptsache, man hat auch beim Bauen der Seiten selbst Spaß – und der ist greifbar.

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Das Ergebnis erinnert mich angenehm an ein Theatersaisonheft, so wie ich es mir gern vorstellen würde, allein schon dadurch, dass es keinerlei Stückankündigung enthält. Auch die Hochschule an sich findet seltsam wenig statt, fast ein Gegenmodell zum FH-zentrischen ersten Ausgabe, sondern die zweite Botenstoff folgt – als wäre es die BrandEins auf harten Drogen – dem thematischen roten Faden, geht auf Bildseiten wie auf Texten wunderbar mäandernd auf eine Reise durch das Thema Mitte.  Und so entstehen schöne Seiten wie die Kompromiss-Doppelseite, wo das Wort (leider gekippt) mit einem wunderbaren Zufallsfund-Photo gekoppelt ist, auf dem ein Mann mit eingezogenem Kopf am Strand entlanggeht.

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Die Botenstoff ist geprägt davon, dass Erik weniger ein Pixelbieger und mehr ein Denker ist – sie ist lesenswert und textlastig, eher Der Freund als Bravo,  sie will weniger zeigen, mehr erklären, sie will Diskurs, keine Bilderflut. Ein wenig geht dabei unter, dass man durchaus auch mehr auf der Bildebene hätte Diskurs leisten können – anstelle der gefundenen Bilder eben Photoessays oder Arbeiten rund um die Themenspektren Mitte, Mittelmaß, Grau, Durchschnitt, Vielleicht. Da ist vielleicht, nur vielleicht, ein Hauch zu viel in die eine Richtung gegangen,die Chance vertan, zu zeigen, dass auch grafisches Design argumentativ, aggressiv, meinungstark sein kann, wie viele Designer, nennen wir nur Jonathan Barnbrook, seit Jahrzehnten vorleben. Die wunderbar abstruse Paternoster-Strecke von Anja Itter zeigt, wie das hätte aussehen können – wenn so eine Mischung sicher auch ein doppelt so dickes Heft gefordert hätte, denn die Texte und die Trennseiten von Guiseppe sind nichts, worauf man verzichten könnte. Trotzdem stehen Design und Text etwas nebeneinander, das Design reagiert auf die Texte so gut es kann und es kann gut, aber eine noch stärkere, Bruce Mau’sch Fusion, wäre toll gewesen, was aber schon unglaublich ünne Luft der Kritik ist bei einem Heft, das sich immer wieder geschickt jeder Kritik entzieht und trotzdem niemals kantenlos bleibt. Die mitunter miese Typographie ist sicher so gewollt, der beängstigende Blocksatz, das fehlen jeglicher Finesse passt ins Thema und bietet einen seltsamen Gegensatz zur ersten Botenstoff, die typographisch feinstgeschliffen daherkam. Seltsam, einerseits souverän, andererseits schade, ist der Verzicht auf alle Werbung – ich fand nicht so schlecht, dass man es geschafft hatte, große Partner für die Finanzierung zu kriegen – auf der anderen Seite würden sie in diesem, weniger «magazinig» angelegten Magazin vielleicht auch stören.

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Die Botenstoff II ist ein Essay, ein Themenheft, ein wunderschön hässliches Entlein, eine Inszenierung, die viel zu kurz aber wunderschön am Punkt vorbeiwandernd auf den Punkt kommt. es ist kein perfektes Heft, es hat eine Menge Pickel im Gesicht und die Schneidezähne haben ne unschöne Lücke, aber das macht es so charmant – und so perfekt als Heft einer Designer-Hochschule. In den besten Momenten gelingt dem Team von Botenstoff eine lakonische Hände-in-die-Hosentaschen-Rotzigkeit, die nach durchgemachten Nächten und zu viel Kaffee schmeckt. Es ist nicht Sorte Heft, mit dem eine FH angibt und nicht die Sorte Heft, die man als Anguck-Buch ins Regal schickt. Aber die Sorte Heft, die nach einer Woche zerlesen und mit Eselsohren neben dem Bett liegen kann – und das ist das höchste Lob für ein Design-Mag. Nicht gucken, lesen.

Am 12.11. ab 19.00 ist in Krefeld die Releaseparty. Mehr Infos hier. 

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11. November 2008 13:57 Uhr. Kategorie Design. 4 Antworten.

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