
Was für ein Comeback! Und das obwohl sie natürlich nie weg war: Christiane Hebold hat sich sich nach der Auflösung der regulären Besetzung von «Bobo in White Wooden Houses» ausprobiert wie kaum eine andere deutsche Sängerin. Elektronisch, mit Orchester, reduzierte Singer-Songwriter-Nummern, Volkslied, zudem als Gastvokalistin für fast jede vorstellbare Richtung von Rammstein bis Ulrike Haage… man kann Bobolina nicht nachsagen, dass sie das Experiment fürchtet. Und im Grunde ist auch «Transparent» keine Reunion – nur Lexa Schäfer ist wieder fest dabei, Andrew McGuiness spielt nur bei einem Track -, aber durchaus eine Rückkehr zu den bandorientierten, im weitesten Sinne rockigen Klängen der Alben von 1992/93. «Transparent» kann dabei nicht die phantastische Naivität und Energie des Deburalbums einfangen (das konnte bereits die zweite Platte nicht mehr), und ist hier und da etwas für ein angeblich live in einem alten Kino eingespieltes Album etwas überproduziert, hat aber ein phantastisches Ass im Ärmel: Jan Stolterfoht alias Jan Pelao alias Mars Williams, der nicht nur als Studiogitarrist für diverseste Projekte von Miss Platnum, Milla Jovovich und Boundzound bis Yvonne Catterfield gearbeitet hat, sondern auch als Produzent tätig ist und der seine Vorliebe für psychedelische Vintage-Sounds auf «Transparent» sehr weiträumig ausleben darf. In vieler Hinsicht, je öfter man das Album hört, ist «Transparent» Stolterfohts Album, als Composer, Produzent und als fast allgegenwärtige musikalische Präsenz – so sehr, dass man nach einer Weile die Sequenzen fast mehr mag, in denen der eigentliche Star der Show Bobo nicht singt und Jan seine ausgedehnten, wunderbar unzeitgemäßen Soli raushaut, ebenso wie die filigrane Arbeit, mit denen er den Gesang untermalt, ummantelt, einschmiegt. Das Ergebnis ist ein psychedelischer Retropop, der stark an die 90er erinnert, an frühe Selig, an Nationalgalerie, an Grunge natürlich, aber auch weiter zurückreicht in die sechziger Jahre, mit kristallklaren Sounds, wunderbaren Raumklängen, schwirrenden, pfeifenden, klirrenden und dröhnenden Gitarren, die ein grandioses und wichtiges Gegengewicht zu Hebolds feenhaften, oft körperlosen Gesang schaffen. Wo Elektronik, Orchester und ruhige Zupfgitarre immer einen Tick zu clean war (so schön Glow und Cosmic Ceiling auch waren), immer die gläserne Qualität von Bobos Stimme einen Hauch zu sehr unterstrich, ist der Dreck, den Stolterfoht mitbringt, genau das Gegengewicht, dass nötig, ist, damit es «klick» macht und sich die Balance zweier grundsätzlich verschiedener Richtungen perfekt einpendelt. War Mental Radio ein vielleicht zu introvertiertes Album, zu eindeutig an Hebolds Gesang ausgerichtet, weiche Sounds um weiche Stimme, so klingt mit der neuen Besetzung der Mix einfach stimmiger, die Musik kann zwar auch mal runterfahren und zerbrechliche Stimmungen produzieren («So called pride»), drückt aber ansonsten meist aufs Gaspedal. Schon der erste Track «Run» gibt die Grundstimmung vor – schnell, flirrend, der Gesang durch diverse Effekte verfremdet, blubbernd, unterwasserig, durch den Stereoraum flirrend, gekoppelt mit druckvollen Drums und einem singenden Bass, der all dem eine Art Rückgrat verleiht. «Run» und auch «Courage» sind wie gemacht für Auskopplungen, nach vorn gehend, tanzbar, selbst wenn Courage etwas unter dem monotonen Drumbeat leidet, der den schönen Harmoniefolgen und phantastischen Gitarrensounds nicht gerecht wird, aber schon der Sechsminüter «Keep Movin’ on» definiert dann den Sound, der sich im weiteren Verlauf als der tatsächliche neue Klang von Bobo herauskristallisiert: Durchaus ruhiger, aber kraftvoll, viel Delay, viel Aufbau, Gitarre und Gesang als fast gleichberechtigte Partner, die mitunter die Drumsounds etwas zu weit in den Hintergrund spielen. Nachdem die Pflichtsingle abgefrühstückt ist, so scheint es, entfaltet das Album eine eigene Kraft, hat Raum für Experimente wie das 42-Sekunden-Exzerpt «Trance Song». Zwar bleiben Bobo in White Wooden Houses fast immer im Rahmen von radiokompatiblen drei bis vier Minuten, liefern hier aber vom perfekten glasklaren Pop über härtere Nummern bis zu experimentellen Ansätzen («Exhale») eine musikalische Bandbreite, der man anhört, dass die Zusammenarbeit an dem Album wahrscheinlich ordentlich Spaß gemacht hat.Tatsächlich ist Transparent so rund, dass man sich und Hebold wünschen würde, eine Weile bei dieser Besetzung zu bleiben, um zu sehen, was sich daraus entwickelt, ob man über Radiopop hinauskommt und den vorhandenen Mut zum Experiment, zu Unterwasser-Sounds, zu weniger Präsenz der Vocals, mehr ausbauen kann, mehr nach Band klingt als nach Projekt. Bei Hebolds Hang zum Experiment und Stolterfohts Arbeit in diversesten Projekten mag das nicht ganz wahrscheinlich sein, aber die musikalische Chemie zwischen den beiden stimmt und Hebold tut der weniger ernste, weniger verkopfte Ansatz scheinbar gut – der Gesang klingt leichtfüßig, die Texte wirken müheloser und es entsteht eine seltsame Überlagerung zwischen der jüngeren, naiveren Bobo von vor 20 Jahren, die die weißen Holzhäuser brennen sah, und einer gereiften Komponistin und Sängerin, die ihr Leben und ihre Erfahrungen in diese Unschuld einbringen kann, ihr den nötigen Bruch, den leichten Blues gibt. Da ist in der Musik noch eine Ahnung davon, was es für einen Musiker bedeutet, nach all den Zickzackreisen zurückzukehren an den Anfang, der Hauch der Angst vor kreativem Versagen, einer Rundreise zurück zum Ausgangspunkt, und da ist eben auch zu spüren, wie diese Angst sich in der Produktion aufzulösen scheint und zu Energie umwandelt. So gelingt «Transparent» die Balance zwischen kommerziellem, durchaus hochgradig radiotauglichem Pop und eben doch einem persönlichen Statement auf Hebolds eigener musikalischer Reise – die neue Besetzung streckt sich in alle Richtungen und hat dennoch einen hochgradig erkennbaren, kohärenten Sound, der zwar nie das Rad neu erfindet, aber sehr sehr soliden und gut hörbaren Mix aus Rock, Pop und Folk auf einem reich verzierten Psychedeliateppich abgibt, der mit unter einer Stunde Spielzeit perfekt so abgepasst ist, dass das Album niemals langweilt.
4. Oktober 2010 12:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Keine Antwort.