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Bloc Party: Intimacy

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Es ist und bleibt schwer für die Londoner, wie für so viele Bands, aus dem Schatten ihres Debutalbums Silent Alarm zu treten. Alarm ist die Sorte Album, die bei allen Schwächen, mit einer so präzisen Frischheit und lässigem Abwechslungsreichtum überzeugte, dass man es monatelang durchhören konnte – ähnlich wie zuletzt vielleicht Antidote von The Foals. Das zweite Album, A Weekend in the City, war mit wunderbaren Momenten durchsetzt, aber leider auch mit echten Fehlzündern in der zweiten Hälfte, konnte an den Erstling ebenso wenig anknüpfen wie die neue CD, Intimacy.

Das Album öffnet kraftvoll mit einem bei den Chemical Brothers entliehenen Drumbeat und Bloc-Party-typischen kreischenden Gitarren und dem deutlichen Ansatz, anderen Gesang als den stets etwas gleichen Keke-Sound bieten zu wollen – statt dessen ist es ein seltsamer Multitrack-Rap in einem Song der auf jeden echten Refrain verzichtet und erst im Breakdown abrupt überhaupt erst nach Bloc Party klingt. Ares ist ein vielversprechender Auftakt, hyperproduziert und trotzdem kratzig, hypnotisch und genau die richtige Dosis von anstrengend. Die Auskopplung Mercury, die direkt daran anknüpft, geht in die gleiche Richtung, die Vocals durch Sampling und Pitching gejagt, der Song mehr von Synths und Samples getrieben als von Bandinstrumenten – wie der Opener eine seltsame Tanznummer, die völlig anders klingt als Bloc Party und doch alle besten Eigenschaften des DarkDisco-Sounds der Band in eine Richtung treibt. Wer beim Bass des Refrains von Mercury nicht mitgehen kann, ist wahrscheinlich tot.Der dritte Track macht dann klar, dass Bloc Party etwas unter dem leiden, was ich das U2-Dilemma nennen würde. Man spürt, ein Teil der Band möchte sich experimentell weiterentwickeln, mit den Möglichkeiten des Studios frickeln und spielen und tanzbare Sounds machen, ein anderer Teil der Band möchte dem ursprünglichen Sound treu bleiben und einfach Rockmusik machen, ehrlich bleiben… das Ergebnis ist Halo, eine Nummer die 1:1 so klingt, als wäre sie von einer alten EP der Band, ein wirklich großartiger Track, der nur absolut nichts mit den beiden Songs davor zu tun hat. Das Mix-and-Match-Feeling wird komplettiert durch Biko, den nächsten Song, der eben so klingt, wie Bloc-Party-Balladen so klingen.  Und so geht es durch das gesamte Album weiter: zackige NeoNew-Wave-Songs, sphärisch-frickelige Balladen, tanzbare Electroclash-inspirierte Nummern.

Bloc Party scheinen sich das Konzept von einzelnen MP3-Downloads zu Herzen genommen zu haben und einfach keinen Longplayer mehr produziert zu haben, sondern eine Art Sammelbecken für drei oder vier Aspekte der Bands, die verschiedene Zielgruppen ansprechen oder interne musikalische Bedürfnisse der Musiker befriedigen. Nehmt, was euch gefällt und vergesst den Rest, ist die Message, mehr noch als auf Weekend in the City hat man so großartige Nummern neben absolut vergessenswerten Songs angesammelt. Mit diesem Jukebox-Konzept kann man förmlich greifen, wie die Band sich intern in verschiedene Richtungen entwickelt, bis zu dem Punkt, dass man gerade bei den elektronisch angehauchten Tracks die Vorbilder und Zitate fast greifen kann, als wäre es ein Trip durch die Plattensammlung eines DJ. Anstatt also, wie auf Silent Alarm, die verschiedenen Geschmäcker zusammenzubringen und zu fusionieren, was nun einmal der Sinn einer Band ist, stehen die Neigungen ohne Berühungspunkte nebeneinander und so gibt es eben auch wirklich schwache Füller wie Signs oder Zepherus, die schon von der Instrumentierung her nicht mehr nach einer vierköpfigen Indieband klingen, sondern nach einem Soloprojekt. Songs wie One Month Off oder Trojan Horse stehen etwas in der Mitte, versuchen an den Bloc-Party-Sound anzuknüpfen, wirken aber seltsam überproduziert. Eine seltsame Brücke bildet Better Than Heaven, in der die Richtungen zusammenschmelzen und es einen seltsamen Bruch zwischen Powerballade und einem furiosen Ende gibt, das noch am ehesten nach Bloc Party klingt. Ansonsten haben sich viele der grandiosesten Eigenschaften der Band – die fast strukturlos wirkenden, sich zu Monstern auftürmenden Songs, die wunderbare Tightness der Arrangements, die eigenartigen Drums und die Radiohead-inspirierten Gitarren – nahezu aufgelöst.

Es ist faszinierend, bei wie vielen Bands das Debut zugleich die Essenz der Band einfängt – allen vorweg The Smiths. Auch bei Bloc Party muss man sagen, dass die Band sich mit jedem Album weiter entfernt von ihrem Herzen. Es gibt Bands, wie etwa Radiohead, bei denen solche Sprunghaftigkeit zu großartiger musikalischer Evolution führt, wo eine Band sich binnen einer Handvoll Album  öffentliche neu erfindet, eine Suche auslebt, an der das Publikum teilhaben darf. Es wäre schön, wenn man von Bloc das gleiche sagen dürfte – aber das Gefühl ist eher, einer Band zuzuschauen, die zwischen dem Wunsch nach Radiokompatibilität einerseits, Krachern für das LiveSet andererseits und internen musikalischen Vorlieben aufgerieben wird und zusehend die Konsistenz verliert, drei Bands in einer wird. Dazu kommt eine oberflächliche, zu glatte Produktion, der man anhört, dass die Band wie Kinder erstmals den Computer und Sampler entdeckt und etwas zu wenig abgebrüht und zu wenig vorsichtig an diese Tools herangeht, so dass die Produktion in ihrer teuren, überproduzierten Perfektion eben oft den LoFi-Charme der zitierten Vorbilder verliert – und das Ergebnis ist ein Album, das sicher vier fünf echte Perlen hat, ansonsten aber eher orientierungslos wirkt.

Die Crux ist, das ausgerechnet ein Album mit dem Titel Intimacy alles andere als intim wirkt, sondern nur oberflächlich gemacht scheint, keinerlei ehrliche Haltung mehr hat, sondern eben alles andere bietet als Nähe und Direktheit, sondern verblüffend oft kalte synthetische Pop-Synthezoid-Musik anbietet. Zumindest zu einem Drittel ist das Album auf dem Weg zur Fahrstuhlmusik, zu Musik, die am Rechner für eine bestimmte Zielgruppe gebaut ist. Keineswegs sollte Bloc Party für immer im Käfig der Sounds von Silent Alarm gefangen bleiben, sondern sich ausdehnen und entwickeln und reifen – aber Intimacy ist hierfür kein echter Beleg, es ist mehr eine Art kalorienarmer und kohlensäurefreie Apfel-Zitronen-Birnen-Schorle als ordentlich gemachter Wodka. Während TV on the Radio begnadet zeigen, wohin musikalischer Eklektizismus führen kann, machen Bloc Party die Gegenrechnung auf – die einzelnen Elemente kommen nie zusammen, sondern stehen verwirrt und einsam nebeneinander wie falsche Gäste auf einer miesen Party.

24. Januar 2009 09:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag .
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