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BLACK DAHLIA



Eigentlich, eigentlich.

Eigentlich ist Black Dahlia von James Ellroy ein gutes Buch. Ellroy, noch nicht in der Hochform von White Jazz, American Tabloid oder Cold Six Thousand, noch nicht der reine Literat, aber schon im Anlauf dahin, geschrieben in der Los-Angeles-Trilogie-Phase. Wie ein Schwergewichtsboxer, der sich grimmig warmkämpft, wütend die 90er-Korruption der Polizei von Los Angeles in die Forties und Fifties überträgt. Ellroy, der Autist, der für seine Copgeschichten lebt, der den Fall der Schwarzen Dahlie Elisabeth Short mit seiner verschwundenen Mutter identifiziert und hier eins der wichtigsten und besten Bücher seines Lebens produziert. Ellroy, der Chandlers LA kickend und schreiend in die Neuzeit zerrt. Ellroy, der uns Cops zeigt, die sich mit Tabletten pushen, bestechen und bestechlich sind, Verbrecher auf beiden Seiten des Gesetzes. Ellroy, der seine verwundeten gebrochenen Antihelden durch eine korrupte und korrumpierende Glitzerstadt jagt, in der es kein Happy End geben kann.

Eigentlich ist Brian de Palma ein Könner. Zeit seiner Karriere der große Hitchcock-Kopist, hat er sich trotzdem zu einem eleganten Stilisten entwickelt, der immerhin seit den sechziger Jahren aktiv ist, auf eine sehr wechselhafte Karriere mit extremen künstlerischen Ups and Downs zurückblicken kann und dessen letzter Film Femme Fatal zwar keinerlei nachvollziehbare Handlung hatte, aber für einen inzwischen 65 Jahre alten Mann eine Erotik und ein Flair hatte, das eben nicht mehr nur Hitchcok bloß zitiert, sondern ihn in die Postmoderne zerrt. Eurotrashlesbosleaze meets Grace Kelly. In Mission Impossible I hat er eine oder zwei der berühmtesten Szenen der neueren Filmgeschichte geschaffen und eine fast tote Franchise wiederaufleben lassen. Nimmt man dazu noch seine Erfahrung mit Filmen wie Scarface und The Untouchables doch eigentlich DER Mann, wenn es darum geht, den richtigen Mix aus Retro-Americana und 90er-Trash zu finden?

Aber, aber.

Aber leider ist Ellroy natürlich komplett unverfilmbar. Seine Bücher sind Konvolute, dicke Schwarten, komplex wie russische Altmeister, undurchdringliche Netze aus verwobenen Handlungen, surrealen Charakteren und historischem Lokalkolorit, dabei schnell und dreckig hingerotzt und schon beim reinen Lesen eine Herausforderung. Seine Prosa experimentell und stilistisch so eng mit der Erzählung verwoben, dass die Geschichte ohne Ellroys kalte knappe Worte wohl albern wirken würde. Unnachahmlich, unverfilmbar. Spätestens ab American Tabloid gilt das ohne Abstriche und absolut, aber es das Dogma der Unverfilmbarkeit greift eigentlich auch bereits für die älteren Bücher, wie LA Confidential ja bereits eindrucksvoll und erschreckend belegte. Black Dahlia hätte einen sehr soliden Sechsteiler bei HBO abgegeben, wäre sogar ideal für eine TV-Serie geeignet, aber sicher nicht für einen 120-Minuten-Film. Ganze Handlunsgstränge scheinen unerklärt aus dem Nichts zu kommen und verschwinden dort auch wieder, die Konstruktion des Falles bleibt undurchsichtig, verborgen hinter de Palmas schwülstigem Gefühlskino. Der Fall interessiert den Regisseur sichtbar nicht und wird damit auch für die Zuschauer nie interessant.

Aber leider geht Brian de Palma auf Nummer Sicher. Anstelle des wild taumelnden exzessiven Films (den das Buch verident hätte) gibt er uns einen müden Film-Noir-Aufguss, der sich in sepiafarbenen Weichzeichnerbildern selbst feiert und uns mit schniekem Setdesign blenden will. Wobei das Setdesign dabei so derart aufdringlich ist, dass noch die letzte Uhr, die letzte Zeitung, der letzte Hut ins Bild geschoben wird, kein Detail darf ungezeigt bleiben. Wie in deutschen Filmen über die dreißiger Jahre, wo das Bühnenbild so irre stolz auf sich selbst ist, das die Zurschaustellung gefälschter Authentizität schon zu reichen scheint für den ganzen Film. Als ob es schon genug ist, wenn ein paar alte Autos an der Kamera vorbeigleiten. Das Flair des Films hat oft etwas künstliches, wie ein Theaterstück. Und selbst das könnte noch großartig sein, könnte an Arthur Miller erinnern, wenn de Palma auch nur eine Sekunde Lust auf diesen Film hätte. Wach wird er nur zweimal: beim Boxkampf zwischen Lee Blanchard und Bucky Bleichert und bei KD Langs (lynch-esquen) Auftritt in der Lesbenbar. Scheint, als könne sich de Palma nur noch für die Inszenierung von Fleisch begeistern. Der Rest des Films plätschert. Blanchards im Buch mitreißender dreckiger komplexer Trip in den Irrsinn, getrieben von Korruption, Schuld, Verantwortung. Liebe und Benzedrin, wird im Film fast zur Nebenhandlung, weil de Palma es wichtiger findet, uns Scarlett Johansson im Mohairpulli zu präsentieren. Wo ein bisschen David-Fincher-Flair gut getan hätte, Dreck und Erde und Blut, oder etwas von Roman Polanskis gleissendklarem Neo-Chandlerismus in Chinatown, bleibt de Palma damit beschäftigt, genau GEGEN den Stoff zu arbeiten. Ellroy entlarvt das Nachkriegs-LA, de Palma zelebriert es. Ellroy reißt es in den Dreck, de Palma will es zum Glitzern und Leuchten bringen. Alles in diesem Film will gut aussehen, will sich im Spiegel betrachten. Wo das Buch Anti-Kitsch ist, suppt und de Palma mit seufzenden Geigen, glitzernden Bildern und einem atemberaubend platten Happy End zu. Bombast ohne Inhalt.

In all dem Glamour geht leider der Film komplett unter. Der Plot will zuviel und erreicht zuwenig. Die Dreierliebesgeschichte geht unter. Die Beziehung von Mr. Fire und Mr. Ice geht unter. Die Faszination des bis heute ungelösten Falles der Schwarzen Dahlia versackt. Mia Kirshner (spielt Elisabeth Short die Black Dahlia) und Hillary Swank (die komplett aus The Long Sleep entstiegene sexhungrige Tochter aus gutem Haus, Madeleine Linscott) ähneln sich im Film rein optisch überhaupt nicht, was im Buch, wo sich die Figuren eben wie Zwillinge ähneln, ein absolut unverzichtbarer, elementarer Plotbestandteil ist – allein das macht die Handlung etwas unverständlich. Aufbau und Auflösung des Falls bleiben albern, wirken an den Haaren herbeigezogen, während die Konstruktion im Buch, der langsame Weg von des Immigrantensohns Dwight Bleichert durch den Dschungel von LA, glaubhaft und authentisch wirkt.
Gut sind einzig die Einzelleistungen von Darstellern. Josh Hartnett als Bucky Bleichert generiert sich als moderner Marlon Brando, mit weltmüde zugekniffenen Augen, zu langsam für die Welt um ihn herum (was ihn leider mitunter auch wenig mitreißend macht). Hillary Swank ist zunächst sinnlos im Film, dann aber durchaus überzeugend als sexy böse femme fatale. Aaron Eckhart zeigt hier nach Thank you for smoking erneut, was er kann. Rachel Miner, Madelines Schwester Martha, ist zwar nur kurz zu sehen, aber schön maliziös und gelangweilt. Auf der anderen Seite: Johansson enttäuscht auf ganzer Linie als Neo-Grace-Kelly, platt und müde, Mia Kirshner, die als Auftragskillerin in 24 – Day 4 durchaus mitreißend irre war, wirkt hier wie nachträglich in den Film gedrückt, völlig überflüssig und einfach falsch für die Rolle. John Kavanagh als Immobilienbaron Linscott ist zu nett, zu bärig, zu pathetisch, Fiona Shaw als seine Frau Ramona ist anfangs dämlicher comical relief, am Ende eine der – sicher unfreiwillig – absolut albernsten Momente des Filmes.

Nichts an diesem Film ist auch nur annähernd gut. Zweidimensional, kitschig und nicht einmal unterhaltend dabei wird er dem Buch nicht nur nicht gerecht, sondern arbeitet tatsächlich aktiv gegen das Flair von Ellroys Romanvorlage. Ein blinder Achtjähriger hätte einen besseren Film produzieren können.

9. Oktober 2006 17:24 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

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