
Nach Medulla dachte ich, Frau Guðmundsdóttir hätte meinen musikalischen Kosmos etwas verlassen. Obwohl als Experiment beachtenswert, wenn auch bei Camille deutlich besser gelungen, zeigte Medulla noch deutlicher als bereits Vespertine eine gewisse kreative Abnutzungserscheinung, die sich paradoxerweise in immer hochgestocheneres Experimenten ausdrückte. Stimmlich, von der vokalistischen Ausdrucksmöglichkeit, längst und früh an ihre Grenzen gekommen, war Bjork greifbar verzweifelt auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Bandbreite zu erweitern und Medulla war für mich möglicherweise Ausdruck eines Scheiterns dieses Versuchs. Kopflastig, überproduziert, auf einer einzelnen, zudem seit Herbert Matthew auch nicht sonderlich neuen a-capella-Idee – die menschliche Stimme als Allroundinstrument – basierend, zeigte Medulla einerseits eine Björk, die sich seit Debut nur mäßig weiterentwickelt hat, zum anderen aber mehr und mehr dem eigenen Marketingansatz als «Künstlerin» (nicht Musikerin) anheim gefallen war.

Das mittlerweile sechste Studioalbum, macht einen Bogen zurück. Wie viele Musiker, die bis an die äußeren Grenzen der Experimentierfreude gegangen sind, macht Björk sich wieder auf den Weg zu ihren Wurzeln. Volta klingt seltsam abgeklärt, geht zurück an die Popwurzeln von Debut und Post, ohne dabei wirklich Björks Freude am Verspielten zu opfern. Aber es ist eindeutig wieder kommerzieller als Medulla. Und dennoch schafft Björk es, sogar einen Produzenten wie Timbaland, der nahezu immer übersmoothen Highgloss-Pop produziert, nach eben… Björk klingen zu lassen. Dem Opener Earth Intruders merkt man nicht sonderlich an, dass Herr Mosley ansonsten für Beyoncé, Nelly Furtado, Aaliyah und andere Soul/Rab-RnB-Diven produziert.
War auf Medulla die Stimme das Instrument, das gebeatboxt, gesampelt und verfremdet wurde, so stehen diesmal scheinbar mehr klassische Instrumente auf der Speisekarte. Exotische Zupfinstrumente, stark verfremdete Bläser, Strings lagern sich schichtweise über die kraftvollen und komplexen Beats des Albums. Wanderlust gerät in dieser Mischung zu einem der stärksten, dichtesten Björk-Songs seit einiger Zeit und wirkt ebenso wie The Dull Flame of Desire, Pneumonia und Vertebrae to Vertebrae fast wie eine Fingerübung für eine Kooperation mit einem Symphonieorchester. Björk und ihre zahlreichen Produzenten (unter anderem auch wieder Mark Bell) schicken vor allem die Bläsersektion durch immer neue Effekte und Loops und bauen stark auf die obertonreiche schwebende Magie von Flügelhornsektionen und Trompeten klängen, die so nahtlos zum Sirenengesang von Björk passen und sie wie ein surrealer Chorgesang umschwimmen. Die Mischung von Elektronik und Klassik, die stark an Homogenic erinnert (nur, dass es bei Homogenic eher die Streichersekion war, auf die Björk zurückgriff), wird gekontert von dem einem Track wie Innocence, der – wie auch Declare Independance - spürbar die Brücke zwischen dem ja fast naiven Dancefeeling von Debut und dem Vokalpurismus von Medulla baut. Überhaupt wirkt Volta seltsam abgeklärt, fast ein Resümee der bisherigen Karriere von Björk, ein retrospektives Album, in dem sich die isländische Sängerin zugleich seltsam roh und verletzlich, aber auch entspannt und fast kommerziell präsentiert. Der exaltierte Gesang, der Eklektizismus in der Wahl der Instrumentierung steht diesmal im Dienste eines ganzen, ist kein reiner Oberflächeneffekt mehr. Björk scheint nicht mehr als craziest motherfucker on earth beeindrucken zu wollen, sondern lehnt sich mehr in den Sound zurück, und dieses Unangestrengte, Leichtere tut dem Album und den Songs gut.
Volta ist immer noch kopflastig – bei Björk nicht anders denkbar -, aber auf eine spannende, abwechslungsreiche Art, ein spürbar durchgeplantes Album mit konzeptionellem roten Faden, aber verspielter, witziger. Nicht ohne Grund ist Björk auf dem Cover als schrilles Huhn inszeniert, nachdem sie auf Medulla nahezu ganz in schwarzweiß mit einem schuß bleicher Haut präsentiert war. Die Brücke zwischen Art Direction und Musik ist bei Björk immer wichtig… das feuerrote Cover, die brennend tanzende Björk im Booklet, der verspielt-dysfunktionale Aufkleber… wie die Klangwelt auf dem Album ist auch das Artwork von Volta wieder lebendiger, lustiger, greller, organischer als der Vorgänger, weniger puristisch, weniger kopflastig. Das Ergebnis, insgesamt, ist ein Album, das organischer, wilder ist – das stampft und wütet und im nächsten Moment introspektiv und poetisch wird.
Wer Björk nervig findet, wird auch dieses Album nervig finden. Und ganz zurück zur Struktur und Dancehallorientierung der Zeit zwischen Debut und Post oder gar zur Größe von Tracks wie Jóga oder Hyperballad kommt Björk sicherlich nicht ganz, aber Volta ist mit Abstand die spannendste Platte von Björk seit einigen Jahren, wieder am Puls der Zeit und doch zeitlos, ganz Björk-typischer Wahnwitz und doch hochgradig hörbar, fast kommerziell, optimistisch, nach vorn gehend. Ganz spürbar auch eine Platte, die für die Bühne gemacht wurde, die live gespielt werden will.
Björk ist damit wieder etwas mehr im Mainstream angekommen. Aber anstatt – wie andere alte Pop-Helden – zu langweilen und berechenbar zu werden, befruchtet sich der Crossover von Popattitude und Björks experimentierfreudiger Materialschlacht. Und obwohl vieles auf diesem Album wie eine Reminiszenz an alte Alben wirkt, schafft es die Sängerin, ihr extrem begrenztes stimmliches Ausdrucksvermögen etwas zu erweitern, indem sie sich ab und an zurücknimmt und einfach nur ganz ruhig ihr Lied singt, ohne sich beweisen zu müssen. Volta ist – kurzum – die erste Alterswerkplatte von Björk.
24. Juli 2007 09:25 Uhr. Kategorie Musik. 4 Antworten.
dann hat sie ja nun wieder zeit die journaille zu verkloppen. :-D
Aus musikalischer Sicht empfehle ich mal folgende Links, zum einen auf ein Livemitschnitt von Hyperballad auf dem Glastonbury, (http://www.youtube.com/watch?v=iJvNMMGSkQM) wo man schon kurz den Einsatz des »Reactable« sieht: ein Synthesizer mit einem sowas von interessantem Interface: http://mtg.upf.edu/reactable/?media
Ich finds total beeindruckend zu sehen, wie die Synthese nicht nur hörbar, sondern auf so eine direkte Art und Weise sichtbar gemacht wird… Geht zwar sehr in die Richtung des Microsoft-Surface-Tisches, aber hier an einer konkreten Anwendung sehr schön und konsequent umgesetzt…
Mehr davon, bitte.
Marc, thanks! Man denkt immer viel zu selten dran, YouTube wie Google zu behandeln und einfach mal zu durchsuchen.
Die Live-Sachen klingen grandios.
der reactable ist mit abstand das interessantes ding der letzten zeit. endlich mal wieder sinnvolle mensch-maschinen interaktion möglich. good old basteltimes!