Es ist etwas seltsam (und durchaus anstrengend), zweimal hintereinander nach Bielefeld zu fahren, und nach dem Erlebnis gestern ist man auch etwas unmotiviert, sich nochmal in den Stauverkehr in NRW zu werfen, um rund vier Stunden lang Auto zu fahren für 90 MInuten Konzert. Immerhin weiß man ja, daß man vor 2:00 nicht zu Hause sein wird, das ist schon anstrengend.
Aber es lohnt sich.
Mit «Überirdisch» haben die Bielefelder Philharmoniker ihr letztes Konzert dieser Saison betitelt, eine Beschreibung, die ideal zu Anton Bruckners mystisch angehauchter, wuchtiger und weitgehend kompromißloser achter Symphonie paßt. Schon als ich vor über einem Jahr das Saisonheft 5/6 für die Philharmoniker machte, wußte ich, daß ich dieses Konzert würde hören müssen. Bruckner ist wie kaum ein anderer Komponist monoman, jede seiner Symphonien steht holographisch für alle anderen, als habe er immer wieder unermüdlich das gleiche Thema angegriffen, geschliffen, perfektioniert bis zur trotzig zeitlosen Makellosigkeit. Schroff und widersprüchlich und doch wunderschön und magnetisch, bietet die achte hypnotisch wiederholte Themenstrukturen, episch langsame Klangflächen und eine fast mathematische Präzision in der kompositorischen Syntax.
Zum Ende der Saison bin ich – wie fast immer beim letzten Konzert der BiPhi – aus der Reihe der Programmgestaltunbg getreten und habe nicht Bilder von Julia Kappus genommen (obwohl es von ihr zu diesem Stück wirklich schöne Aufnahmen gab), sondern reale Photos des NASA-Apolloprogramms verwendet. Eine rein instinktive Entscheidung, geboren aus der eigenen Sicht auf Bruckners Komposition, aber natürlich auch aus meiner eigenen Kindheitsleidenschaft für das Fliegen und die Raumfahrt. Verblüffend war, wie unglaublich treffsicher diese Entscheidung war. Hört man das Stück, kann man vor seinem inneren Auge förmlich die Phasen des Apollo-11-Fluges miterleben, Vorbereitung und wuchtiger Start, der Ausbruch aus der Erdatmosphäre in die Freiheit des Weltraums stecken im Allegro, im Scherzo dann die internationale Aufregung um die Landung von Armstrong und Aldrin, dann Schwerelosigkeit und Stille des Mondes im Adagio und schließlich im aufbegehrenden, schreienden, schmerzhaften Finale, das alle musikalischen Themen des gesamten Stückes noch einmal zusammenbringt, die Rückkehr zur Erde, die glühende Kapsel beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, die Fallschirme und schließlich mit dem letzten wuchtigen Takt der rettende Aufprall im Wasser. Ich habe das Konzert sicher zu 70% mit geschlossenen Augen erlebt und dabei selten so bilderintensiv und so konkret einen inneren Film bei klassischer Musik erlebt.
Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Dirigenten, der sagte, an Bruckners Siebte habe er sich erst nach seiner Pensionierung herangetraut, all die Jahre davor habe er sich innerlich nicht reif gefühlt, Bruckners perfektionistisch-religiösen Wahn auf die Bühne zu bringen. Verständlich. Die Übergänge in den Orchesterfarben, die präzisen Instrumental-Loops, die fast in Zeitlupe gespielten nur rund 200 Takte des endlos scheinenden Adagios – Bruckner ist nicht so heavy wie vielleicht Schönberg oder Reich, aber er fordert ein Orchester, fordert den Dirigenten. Und das Bielefelder Publikum weiß die schweißtreibende Leistung zu würdigen – mit tosendem, langanhaltendem Applaus und sogar Standing Ovations. Die Tatsache macht Mut, daß die Leute ein so kompaktes Werk wie Bruckners Achte feiern, nicht die leichte bei so vielen Orchestern übliche 3-Stücke-Potpourri-Nummer, sondern einen sperrigen, herausfordernden Komponisten. Klassik muß also eben nicht «Light» sein, ganz im Gegenteil – das Publikum, das hier durchaus auch mal jünger war, weiß zu die intellektuelle Komplexität und Schönheit der Musik als Gegengewicht zum Dreiminutenpopsong zu schätzen. Der Sinn von Kunst ist immer, daß sie sich eben nicht anbiedert, sondern gemeinsam erklommen werden will. Die Leistung guter klassischer Musik wie guten Theaters ist, daß es dich als Zuschauer nach oben zieht, niemals nach unten, sich nicht anbiedert, sich nicht gemein macht, sondern dazu einlädt, sich anzustrengen und wachsen zu dürfen.
Den Abschluß dann bei Sekt mit einem hervorragend gelaunten und – wie immer wenn ich ihn sehe – absolut augenzwinkernd charmanten und liebenswerten Peter Kuhn, dem man den Streß der Arbeit dieses Abends keine Sekunde anmerkt. Schön war auch, Uwe Sommer zu treffen, mit dem ich Donnerstag peinlicherweise Dieter Powitz verwechselte (sorry Herr Powitz :-D) und der sich freute, daß wir zumindest bei den Philharmonikern weiterarbeiten können. Und Tilmann Böttchers Nachfolger als Geschäftsführer, Frank Lefers, der völlig anders ist als Tilmann, was glaube ich die einzige Möglichkeit ist, Tilmann überhaupt ersetzen zu können und eine eigene Note zu setzen, der die richtigen Dinge denkt und sagt und auf eine stille Art sehr klar und stark zu sein scheint und auf den ich mich absolut in der nächsten Saison freue.
Schön für uns war auch, daß das Publikum die Saisonprogramme der Philharmoniker mitnimmt, als wären es Weihnachtsgeschenke. Ich habe Leute mit sechs Heften rausgehen sehen. Das ist vor allem insofern toll, als daß dieses Heft für die «klassische» Klassik-Zielgruppe eigentlich fast zu mutig ist, keine Klischees bedient und ich wirklich verstehen könnte, wenn dem ein oder anderen älteren Zuhörer das Heft mißfiele. Die BiPhis haben mit diesem Heft, wie mit denen davor eigentlich auch, einen unglaublichen Mut und ein unglaubliches Vertrauen in ihre Zuhörer bewiesen. Denn meine Sorgen waren unbegründet: Zumindest an diesem Abend gab es viel Begeisterung und es ist schön, wenn man ein Produkt gemacht, wo man bei Lob nicht sofort selbst anfängt, zu relativieren und sich zu entschuldigen (weil man weiß was auch hätte anders und besser sein können), sondern einfach einmal stolz «Danke» sagen kann, weil es mit Ausnahme einer einzigen Doppelseite wirklich nichts in diesem Heft gibt, was wir selbst nicht mögen. Das ein Büchlein, das sicher aufwendiger hätte produziert sein können, dem man aber eben nicht ansieht, wie zügig es entstand und das das zigfach wertiger aussieht als das Budget eigentlich erlauben würde. Ein Spielzeitheft, das nicht ein blödes Werbesupplement mit dem Charme eines Bahn-Fahrplans ist, sondern das einen eigenen Wert hat. Da ist man doppelt nervös bei Kritik und natürlich auch doppelt glücklich, wenn Orchestermusiker wie Thomas Bogdan oder Klaus Dudler die Bildsprache des Heftes loben (uff und danke!).
Perfekter Abend also… trotz der brutal langen Heimfahrt :-D
24. Juni 2006 16:35 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.