
Ich liebe das Cover von diesem Buch. Die drei Mädels, die im Rotlicht stehen, vielleicht tatsächlich bei einer Lesung von Benjamin von Stuckrad-Barre (für diesen Namen sollte es Zeilengeld geben), und die vorderste hat die Zunge dick in der Backe. Tongue in Cheek. Alles nur Verarsche. Und so fühlt sich dieses Buch auch an: Tongue in Cheek, alles nicht zu ernst, schaumig, die Sorte Buch, die du beiläufig in ein zwei Tagen durch hast. Fettarm, ballaststoff-frei. Das seltsame dabei ist: Ich mag Benjamin v. Stuckrad-Barre. Irgendwie. Ich halte Soloalbum für ein wirklich schreckliches Buch, das zu beenden mir schwer fiel, weil es so entsetzlich dreist bei Nick Hornby und Irvine Welsh klaut und so wenig eigenes zu bieten hatte. Aber die meisten anderen Sachen von ihm mag ich. Die beißenden, delirierenden Artikel und Glossen, den teilweisen Ausrutscher in den Wahn in Blackbox, Remix 1 und 2 (genial, genial, genial) und eben auch Livealbum. Es ist schön, wenn ein Autor so dreist «Pop» aus der Literatur macht, und damits auch jeder merkt, alles wie ein Musiker aufzieht – das es Stucki auch als Hörbuch gibt, macht den Kreis dann rund. Und es ist natürlich schön, wenn einer so schreibt, dass man denkt: Okay, nach dem Buch wird der doch nirgendwo mehr eingeladen, weil alle Angst haben, dass er über sie so denkt, wie über die Leute in Livealbum. Denn der Autor geht mit seinen Gastgebern ganz schön garstig ins Gericht, ganz in der klassischen Haßliebe zwischen Lesereisendem und einladendem Buchhändler. Livealbum präsentiert Stuckrad-Barre nach Soloalbum, auf seiner ersten Lesereise als frischgebackener Jung-Geheimtipp-noch nicht-ganz-Star. Und während es weit hinter Bukowskis Ochsentour zurückbleibt, gewährleistet Livealbum trotzdem einen schönen – wenn auch sicherlich nicht ganz echten – Einblick in Stuckrad-Barres Kopf, in das miese kleine Tourleben von Autoren, in Buchhandlungen und Schulaulen. Ich war immer der Meinung, das als Autor quer durchs Land zu reisen und in kleinen Hallen und Buchhandlungen zu lesen, um danach noch schnell «zum Italiener» gehen zu müssen, jeden Abend Small Talk über das eigene Schreiben halten… dass das ein Alptraum sein muss, zumal man nicht mal – man ist ja Hochkultur, kein Punk – irgendwelche Hotelzimmer demolieren darf. Man hat auch keine Band, keine echten Groupies, sondern nur diesen Tisch, ne Lampe, diese zu große oder zu kleine Bühne, ein ja meist schon altersbedingt eher sitzendes Publikum, niemandén, der mal tanzt, aber immerhin lachen die Leute ein paarmal an mehr oder minder richtigen Stellen – wenn man Literatur zum Lachen schreibt. Durch Göttingen, Krefeld, Haltern tingeln zu müssen und den immer gleichen Lesereisen-Besucher-Gesichtern entgegen zu blicken… stelle ich mir tough vor. Dieser – zugegeben – Klischeevorstellung gibt Livealbum dann auch reichlich Futter, beschreibt relativ berechenbar die Ebene deutscher Kleinstädte, die Bahnreisen, die Zweifel, den Bluff, die kurzen Drogentrips, die Mediennutterei – im Grunde eine Form milden Exhibitionismus’, der dann später in Herlinde Koebls Rausch und Ruhm seine Fortsetzung fand. Interessant wäre gewesen, wenn Stuckrad-Barre dieses Tourtagebuch weitergeführt hätte, in die Zeit seines kometen Aufstiegs zum TV-Promi, der bei MTV gefeiert wurde, große Hallen füllte, eigene TV-Shows hatte, Stars vögelte und all die kleinen Träume, die er in Livealbum noch träumt, lebte. Aber auch schon so ist die Betrachtung der Lesereise von unten kurzweilig, unterhaltsam und hochspaßig, wenn auch sicher wenig überraschend oder gar tiefschürfend. Muss es aber auch gar nicht immer sein. Unter der fast dahergenuschelten Beiläufigkeit der Texte, unter der oft zu sehr in narzistischer Selbstbespiegelung zerfließenden Prosa spürt man aber einen scharfen Beobachter, der mit wenigen Worten das ganze Lebenselend der Leute, die seinen Weg kreuzen, skizzieren kann. In diesen Beschreibungen, die fast wie Randnotizen vorbeirauschen, fährt BvSB zur wirklichen Größe auf, zu einer wütenden Kälte, die weit über Barres Rolle als «Pop-Literat» oder «Autoren-Promi» hinausgeht. Das Livealbum Stuckrad-Barres Rolle als Vorläufer von Pete Doherty – der ja auch seine Suche nach Ruhm und seinen Drogenabstieg öffentlich auslebt – aufzeigt, die Funktion von Barre als Autor, der sein Leben zum Buch macht, als Dandy, als Bluffer, als Mediennutte, zuletzt als Junkiezombie und Wiederauferstandenem, determiniert, als klassischem Promi also, der dafür berühmt ist, dass er berühmt ist – all das gibt dem Buch eine seltsame Wucht. Die sanften Anfänge einer Bulimie, die Stuckrad-Barre hier fast humorig beschreibt, wirken im Licht von heute nicht mehr so lustig. Es ist ein seltsames, schepperndes Zeitdokument geworden, Teil des Gesamtkunstwerkes BvSB, der in seiner öffentlichen Inszenierung den BritPoppern stets wenig nachstand. Und genau aus dem Grund ist Livealbum auch ein Buch über den Preis medialer Inszenierung, der Selbstverkaufe, des Ausverkaufs, den alle im Showbusiness mehr oder minder bewusst betreiben, von der Dorfcombo bin hin zum Hitmillionär, um weiter im Rampenlicht zu stehen. Und wenn man es so liest, klingt es nach einem Spiel, bei man nicht gewinnen kann. Stuckrad-Barres Verdienst ist, dass er stellvertretend für uns dabeigewesen ist und Frontberichterstattung betreibt.
16. Oktober 2007 07:54 Uhr. Kategorie Buch. 4 Antworten.
[...] Livealbum von Stuckrad-Barre ist für mich ein sehr sehr wichtiges Buch. Der literarische Erlebnisbericht [...]
hallo hd!
gerade am wochenende hab ich einer freundin erzählt, dass ich mich auf einem buchcover befinde und festgestellt, dass ich das noch nie gegooglet hab! so bin ich auf deine ersten zeilen gestoßen und musste schmunzeln. also schreib ich dir auf deine frage von damals, wir waren wirklich auf einem konzert (1995, fury in the slaughterhouse in hannover). 2000 erreichte mich dann die nachricht, dass ich auf irgendeinem cover sei. ich schrieb bvsb aus neugier eine mail und er lud mich auf eine lesung nach hh ein. gerade vier wochen von zu hause ausgezogen, war das damals mein erstes abenteuer im studium! :)
viele grüße,
andrea
Tolles Photo – und ich glaub, 1995 durfte man Fury noch hören, oder?
[...] sich stehen lässt, und sogar auch, wenn er mit heiliger Wut in die Tasten schlägt. Ich mochte das Live-Album, ich mochte (weitestgehend) die Remixe, aber das hier mag ich nicht. Ich mag nicht den unten [...]