
Hip Hop ist eigentlich die Musik der Instrumentlosen. Geboren in den Ghettos, ist es eigentlich eine Musikstil, der ohne Instrumente auskam, die die Jugendlichen in Harlem einfach nicht hatten und nicht beherrschten. HipHop ist insofern die konsequente Ausdehnung des Punk-Gedanken auf schwarze Soulmusik – die ultimative Ausdrucksform für jene, die nichts haben und nichts können und dennoch kreativ sein wollen. Wie so oft wurde dabei aus der Not eine Kunstform geboren und die HipHop-Künstler kamen auf ihren kruden Tools zur Meisterschaft. Rap ist kein klassischer Gesang, aber heute – Jahrzehnte nach den den ersten HipHop-Tracks – längst eine Art der Vokalperformance, die es zu beherrschen gilt, mit klaren Regeln und Fähigkeiten, und gleiches gilt für die Arbeit am Turntable. Die parasitäre Struktur des HipHop, der nur auf der Vorarbeit anderer Musiker existieren konnte, und früher mit Vinyl, heute mit digitalen Samples Versatzstücke der Popkultur zu neuen Kontexten flechtet, war der Nährboden für eine lebendige, an fast jede andere bestehende Musikrichtung anknüpfende offene Genrestruktur, die den HipHop immer wieder erneuern konnte. Ob Reggae oder NuMetal, Jazz oder Sould… HipHop lässt sich mit fast allem kombinieren.

Insofern mutet es seltsam an, wenn die Elder Gentlemen des HipHop, die Beastie Boys, die von trashigen Partypogo-Shoutern längst zu smarten coolen NY-Ikonen geworden sind, zu den wenigen glaubhaften vertreten eines white-collar Hiphop… wenn ausgerechnet diese drei (hier eigentlich fünf) Herren selbst zu Instrumenten greifen. Ohne Tarnnamen, ohne Vocals, ohne Samples kommen die Beastie Boys hier mit einem Soundgemisch zwischen Doperock und Jazz, einer lässig-verpeilt wirkenden Melange relativ ähnlich gelagerter Songs, die improvisiert und sehr laid back klingen. Akustikbass, Schlagzeug, Gitarre, Rhodes/Farfisa-Keyboards und ein bisschen Percussion wabern wie im Proberaum zusammengerührt, in einem sehr trockenen, sehr live klingenden Sound, mit klaren Wurzeln in den Sixties. Das Ganze ist mitunter etwas drucklos und puschelt etwas beliebig im Hintergrund vor sich hin und der Vorwurf der Altherrenmusik mag einen durch den Kopf blitzen, aber alles in allem wird die Platte mit jedem Hören stärker und erweist sich als mutiger Schritt für eine so etablierte Band. Vielleicht ist es richtig, dass die Beasties in ihrem Alter nicht mehr auf Teufel komm raus Hiphopper sein müssen, sondern sich als Musiker, als Künstler in andere Richtungen ausstrecken – und tatsächlich ist ihre Musik seit jeher von dieser Suche nach neuen Ausdrucksformen geprägt.
The Mix-Up ist sicher kein absolutes Must-Have-Album, aber eine Platte die sich im Plattenschrank doch ausnehmend gut macht und die man – ohne einen Track wirklich als Favoriten nennen zu können – als Ganzes exzellent immer und immer wieder hören kann.
30. August 2007 12:30 Uhr. Kategorie Musik. 9 Antworten.
Du weisst schon das die Beastie Boys, bevor sie auf DefJam erschienen sind, schon Musikanten waren – also selbst Instrumente gespielt haben … ist ja extrem lang her.
>Hip Hop ist eigentlich die Musik der Instrumentlosen. Geboren in den Ghettos, ist es eigentlich eine Musikstil, der ohne Instrumente auskam, die die Jugendlichen in Harlem einfach nicht hatten und nicht beherrschten. HipHop ist insofern die konsequente Ausdehnung des Punk-Gedanken auf schwarze Soulmusik – die ultimative Ausdrucksform für jene, die nichts haben und nichts können und dennoch kreativ sein wollen.
Sorry, was soll denn das sein??
Nicht richtig?
Oh, und die BBs haben vorher Punk gemacht, Ende der 70er, IIRC… was dann ja zu meiner These passt, das HipHop ein erbe des Punk-SPirit ist.. .wie Techno übrigens auch.
;) ich sag nur dj hell oder miss kittin album… da haben wir glaub ich vor 3 jahren schon drüber geredet ;)
Thomas, ich lass mich da SEHR gern eines besseren belehren, aber das ist mein Stand der Dinge zum HipHop.
Generell kann man die Geschichte des Pop als eine Geschichte der Entwicklung vom Virtuosen zum Massenphänomen sehen. Klassische Musik erfordert ein hohes Maß an angelerntem Können. Du musst ein hochkomplexes Instrument beherrschen, meist sogar zwei, du musst Noten vom Blatt spielen können, meist Harmonielehre oder Kompositionstheorie beherrschen, durch einen Dschungel von Komponisten und Werken durchblicken, im Orchester sehr präzise mit anderen zusammenarbeiten. Wenig ist hierbei reines Können oder Intuition, vieles ist extrem harte Arbeit und Training, die Instrumente sind sehr hochpreisig, und erfordern oft an sich viel Pflege.
Jazz und früher Rock’n'Roll waren schon deutlich einfacher, die Instrumente (etwas) billiger, aber immer noch von Könnern gespielt. Im Jazz gehörtest du auch früher nur zur Creme, wenn du ein Live- und Studioass warst. Aber es war bereits einen Schrittweiter industrialisiert, die BigBand als Nachfolger des Orchesters spürbar eher ein Massenprodukt, die Reproduktion auf Vinyl entstand oft unter starken Zeit- und Gelddruck. Dennoch ist die Virtuosität der meisten Jazzmusiker auf einem atemberaubenden Niveau, und das vom Start weg. Die Instrumente sind – gemessen an der Zeit – immer noch nicht billig. Rock and Roll, als Verwässerung des Jazz und Blues, ist bereits einfacher zu spielen, simplifizierter. In beiden Bereichen wird die Intuition wichtiger, Coltrane und Davis erheben die freie Improvisation, das spontane Können für sich zur Kunstform – aber basiert auf erlerntem Handwerk, das allerdings nicht wirklich an die Komplexität eines Meisterpianisten heranreicht.
Pop, einsetzend mit den Beatles et al., basiert auf einfachsten Harmonien. Die komplexe Struktur der Orchesterkomposition schrumpft auf Bass, Gitarre, Schlagzeug und Harmoniegesang zusammen, auf simple Refrain-Bridge-Chorus-Konstruktionen. Die Instrumente sind bereits zu Beatles-Zeiten so billig, dass du als Band beginnen kannst, ohne reiche Eltern zu haben. Schnell aber wird Pop hochgebaut, unter Pink Floyd et al (nicht zuletzt den Beatles selbst in ihrer Spätphase) zur eigenen Kunstform aufgeblasen, die zumindest einen bestimmten Grad an Virtuosität braucht. Obwohl bereits die Monkees zeigen, dass man nicht mehr SPIELEN können muss, um berühmt zu werden. Virtuosität und Erfolg sind ab den Beatles entkoppelt. Charisma wird entscheidend, Attitude, das Gesamtkonstrukt, das Packaging… das Design.
Dieser Trend wird durchbrochen von Punk, Garage (bereits auch in den Sixties, in den USW, Vorläufer des Punk). Simple Second-Hand-Instrumente, von McLaren und Westwood zusammengecastete NichtMusiker und jede Menge Hype. Die Pistols, die Kennedys, die Buzzcocks und und und. Mehr als drei Akkorde, mehr als wilde 4/4tel-Beats, mehr als wummernden Single-Note-Bass braucht es hier nicht. Im Gegenteil. Virtuosität ist verpönt.
Seinen elektrischen Gegenpart findet der Punk im New Romantics/New Wave. Danny Millers Mute und das Some Bizarre-Label fördern Bands, die die Simplizität und das Do-It-Yourself-Flair des Gitarrenpunk auf Synthesizer und Drummachines ummünzen. Was vorher die Instrumente von Esoterikern wie Schulze oder Jarre waren (oder die von Technik-Virtuosen wie Kraftwerk), also eben auch von Könnern, gelangt in die Hände von Teens, die mit simplen Oktav-Sequencings und monophonen Melodien über einfachsten TR606-Beats in die Charts stürmen (Depeche Mode zum Beispiel). Mit der Zeit wandert auch mit Fairlight und Synclavier, später mit den Billigen Akai-Samplern, das Samplen in die Hände der jungen Bands, so das man eigentlich GAR kein Instrument mehr beherrschen muss, sondern eine Software. Ab hier ist es preiswert möglich, mit dem reinen Rippen bestimmter Elemente anderer Lieder oder mit dem Aufnahmen von Geräuschen etwas NEUES zu erzeugen. Können und Virtuosität sind hierbei zunächst keine Kriterien (obwohl freilich auch in diesem Segment, mit der Zeit, Virtuosen emergieren, das ist unweigerlich so. Egal wie sinnvoll oder sinnlos, mit genügend Training wird es immer einen Meister in irgendwas geben. Ansonsten bräuchte man das Guinness Buch der Rekorde ja nicht.)
HipHop geht – zeitgleich aber anderenorts – einen Schritt weiter. Zeitgleich mit Punk und Garage aufkommend, allerdings im Ghetto der Bronx (und später in Harlem), beginnt die Sache eigentlich mit Toasting, also dem reinen Sprechgesang über existierende Tracks aus verschiedenen Musikrichtungen. Kool Herc und Grandmaster Flash wären hier zu nennen. Als Technik brauchst du hier nicht einmal mehr ein Instrument, nur noch einen tragbbare Boombox oder einen Plattenspieler bei Auftritten – was man als schwarzes Ghettokind in den Seventies halt mal so gerade hat. Was damit beginnt, das MC/DJs einfach in bestehende Tracks hineinsprechen, entwickelt sich. Flash veröffentlicht mit seiner Gang «The Message» und das Ding wird – neben anderen Tracks, wie etwa Sugar Hill Gangs «Rappers Delight» – zum Megaerfolg. Flash ist KEIN Musiker. Was er – zusammen mit den Furious Five – kann, ist Cutting, also das mixen von bestehender Musik über zwei Turntables zu einer neuen Soundmelange (ideales Beispiel ist «Wheels of Steel», für mich ganz nebenbei die Geburtsstunde des BigBeat ;-)). HipHop ist eine Musik, die OHNE Instrumente auskommt. Virtuosität entwickeln die Macher mit der Zeit – wie immer – an ihren NICHT-Instrumenten. Scratchen wird zur Kunstform, Beatboxing, Rappen an sich.
Tatsächlich richtig produzierte Musik kommt erst in den Achtzigern in den HipHop (nicht zuletzt, weil Rap längst ein gewisser kommerzieller Erfolg ist, also Geld im Topf ist, und weil die elektronischen Musikinstrumente – siehe New Wave – BILLIG geworden sind. Afrika Bambaataa wäre hier ein Stichwort – nicht umsonst von Westbam als Techno-Inspiration genannt. «Planet Rock» öffnet dem HipHop neue Türen und bringt die musik, die bereits zuvor via Vinyl recht flexibel als an Reggae, Dub, Funk und Soul
andockbar erwiesen hat, auf ein ganz neues Niveau. Erst ab hier wird «produziert». Aber bis heute ist HipHop eine Musikrichtung, hör dir jeden beliebigen Timbaland-Track an, die primär alte Musikquellen ausweidet. Jedes bessere Rapalbum arbeitet MASSIV mit Sampling. Die Basis ist bis heute ein Set von MCs und ein DJ-Cutter. Natürlich gibt es in dem hochlebendigen und stets nach viralen Vernetzungen suchenden Feld auch jede Menge Live-Musik (Roots zum Beispiel), aber im Kern stehe ich dazu, das HipHop aus der ABWESENHEIT von Instrumenten und Virtuosität geboren ist, also den Punk-Spirit ins Extrem getrieben hat. Underdog-Musik von Leute, die nichts können für Leute, die nichts haben. Der Soundtrack zum Ghetto.
Diese Entwicklung setzt sich bis heute fort. Die Musik von KLF, aber auch alle sin Bereich BigBeat basiert rein auf Sampling anderer Stücke, auf der De- und anschließenden Rekonstruktion bestehenden Materials. Die Charts bestehen, dementsprechend, heute zu 75% aus Recycling-Versatzstücken. Popstar kannst du heute LEGITIM werden, ohne auch nur eine Note lesen oder ein Instrument spielen zu können, die schlichte gute alte Virtuosität hat sich aufgelöst. Im Pop stehen vorne die Nichtskönner, und die Könner sind hinten als brav bezahlte Tourmucker. Kompositionen machen Auftragsschreiber – und auch hier ist Qualität eher die Ausnahme.
Schaut man sich also die Geschichte der Musik an, so verläuft sie sicherlich – wie ja fast alles – im Sinne der Gaußschen Glockenkurve. Und wir sind – auf den einzelnen Musiker heruntergebrochen, an dem Punkt, wo zwar SEHR VIELE Leute Musik machen und auch konsumieren, wo aber das WISSEN und KÖNNEN entsprechend verwässert, vielleicht sogar aufgelöst ist.
muss ich dirk zustimmen!!
naja bis auf das jazz nicht ganz so simple ist. es klingt zwar “schräg” aber halt schräg nach gesetzen. die harmonielehre ist meiner meinung um einiges umfangreicher als in der klassik auch wenns es in vielen fällen (auch wenn es durch die unzählingen variationen kaum hörbar ist) im gleichen muster verläuft). klassik lernst du einfach oder wenn du selber komponierst ist die harmonielehre (zumindest was klaviermusik betrifft) relativ gut nachvollziebar. jazz mehr oder weniger auch, aber viel improvisation und viel mehr theorie lernen.
ich habs selber versucht, aber auch schnell wieder aufgehört…
vor richtigen jazzpianisten hab ich deshalb auch riesen respekt!!!
eigentlich schade das alles mit den samples so voran geht. irgendwie muss man nichts mehr wirklich beherrschen. alles ist erlaubt. das lustige ist das gerade bei elektro die leute die eigentlich keine ahnung haben und zufällig schräge sounds bauen ohne zu wissen was sie tun die besten tracks machen. wenn man irgendein instrument spielt versucht man irgendwie immer alles richtig zu machen.
Jazz war anfänglich keine Theorie, das ist eine Entwicklung… Jazz ist «Kunstform» geworden (statt gelebter Musik) und insofern in die Universitäten gezogen worden, eigentlich leider.
Klassik ist insofenr komplexer, als das Orchesterwerke theoretisch – abstrakt – entstanden sind. Jazz entstand live. Jazz in seiner heutigen Form ist hochkomplex und die Instrumentenmeisterschaft superb, aber ich rede von den 50s, 60s. Nie vergessen – vor Dave Bruback haben die Jungs alle brav 4/4tel gezimmert, heute machen alle seltsam krumme Takte. Wie jede Kunstform hat sich auch Jazz inden letzten 40 Jahren zusehens fraktal komplexer entwickelt (HipHop übrigens ja auch, die Skills sind heute sehr viel größer als vorher). Aber ein Jazztrio an sich wird technisch nie die musikalische Komplexität eines 40köpfigen Orchesters erreichen.
Im elektronischen Bereich kann man sehr viel ausdruck, sehr viel Gefühl erreichen, ohne groß was zu können. Was im demokratischen Sinne ja auch okay ist. Jeder Honk kann einen Dancebeat bauen, aber ist eben noch lange kein Bartok.
Musik und Komposition sind insofern demokratischer geworden. Das Niveau ist breiter, aber eben nicht mehr so hochliegend. Mehr Leute machen «schlechtere» Musik. Und können dies eben, weil die populäre Musik zunehmend weniger hohe Fähigkeiten erfordert. Und zugleich Musik, die mit relativ begrenzten Fähigkeiten produzierbar ist, auch konsumiert wird.
@ HD Schellnack
Die obige Hip Hop Kurzfassung ist sehr gut.
Nur ein kleiner Fehler: Das “Instrument” war der Plattenspieler.
Im Prinzip die Geburt des “Samplings” …
Was vor dem Hip Hop ohne Instrumente auskam war kein Hip Hop …
Und ja, mit Hip Hop kann man mehr kombinieren als in jeder
anderen Musikrichtung.
YouTube Tip: “Grandmixer DST & Herbie Hancock – Rock it (Grammy Awards 1984)
Da siehst Du was ich meine.
Und ja, die Beastie Scheibe ist genau so wie Du sie beschrieben hast … gut.
mfG
Gebe ich dir absolut recht – Plattenspieler und Beatbox waren die Instrumente der Straße für Leute, die keine Instrumente beherrschen – und man kann mit allem Musik machen, auch mit Löffeln und Gummibändern :-D, also hat sich mit der Zeit aus diesen Tools ein eigener Stil entwickelt.
Ich finde, Jazz kann sich ebenso parasitär an andere Stile andocken wie HipHop.
Und mit RockIt bin ich natürlich großgeworden als 1968 geborerener :-D. Herbie Hancock dadurch zu entdecken – sozusagen rückwärts von Futureshock zu Maiden Voyage zu gehen, war an sich bereits ein Augenöffner.