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BARRY GUY: FOLIO

Barry Guy, ursprünglich Jazz-Bassist, legt hier in der ECM New Series einen Spaziergang in Richtung Klassik hin. Seine Komposition Folio für zwei Violinen, Orchester und einen improvisierten Kontrabass (gespielt von Guy selbst). Basierend auf Theatre of the Soul, einen von 1912 stammenden Stück des russischen Drmatikers Nicolas Evreinov, das in der menschlichen Seele innerhalb von 30 Sekunden stattfindet, schafft Barry Guy einen unwirklichen, schleppenden Dialog zwischen Rationalität und Irationalem, der mal bedrohlich mäandernd mal wie schnelle silbrige Fische unter der Wasseroberfläche wirkt. Furiose Soli durchdringen die sphärischen Flächen, Cacophonie und Harmonie tanzen engumschlungen und die gesamte Komposition wirkt dreidimensional, wie ein aus Licht und Schatten von Frank O. Gehry erbauter kathedraler Bau, durch den du als Hörer reist. Unter den fast barocken Deckengewölbe (in denen dich öfters die Tauben verirren.. Guy hat wirklich als Architekt earbeitet und dabei u.a. gotische Kirchen restauriert) von Maya Homberger und Muriel Cantoreggi, deren Soloviolinen das Unterbewusste repräsentieren, wummert Barry Fuys frei improvisierter Bass (das Rationale, das «Jetzt»), der wie ein ein scheuer Hausgeist durch das Kirchenschiff irrt. Folio ist keine leichte Komposition, keine Erdbeerkuchen-Klassik, sondern ein anstrengendes, herausforderndes Stück, dass wunderbar scharfkantig und zugleich transluzent, ebenso farbenfroh und mutig wie auch streng und monotonal sein kann. Die moderne E-Musik hat sich, wie die Kunst nach dem ersten Weltkrieg an sich, zunehmend von der Idee der «Schönheit» gelöst und ist zu einem suchenden, explorativen Medium geworden – und Barry Guys sensible, extravagante, ekstatische Komposition Folio erfüllt diesen Anspruch aufs überzeugendste. Folio ist ein Samuraikampf im wirbelnden Schnee, ein Western-Showdown, ein telepathisches Duell in der Dunkelheit. Ein scheinbar aberwitziger Spagat zwischen Barock und Improvisation, der aber zu jedem Moment absolut überzeugend gelingt.

11. März 2007 11:15 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

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