Kleine Ursache, große Wirkung.
Nach Amores Perros und 21 Gramm liefert Alejandro González Iñárritu mit Babel einen komplex schillernden Film, der in seiner Episodenhaftigkeit an Robert Altmans Short Cuts erinnert, oder an LA Crash, stilistisch etwas an Fernando Meirelles City of God grobkörnigen Pop angelehnt ist.Babel verwebt vier Handlungsstränge miteinander, die durch ihre erzählerische Kausalität zusammengehören, aber durchaus auch für sich alleine stehen könn(t)en. In der Logik von klassischen Kurzgeschichten à la Raymond Carver verfolgen wir unsere Protagonisten – die Marokko-Touristen Richard und Susan, ihr Kindermädchen Amelia, das japanische taubstumme Mädchen Chieko und die beiden marokkanischen Jungen, die Susan anschießen – durch entscheidene Lebensprozesse und -konflikte. Blanchett und Pitt geben – als einzige prominente Darsteller niemals wirklich im Vordergrund, eher im Gegenteil nahtlos in die Besetzung eingebettet – ein kommunikationsunfähiges Ehepaar, das erst völlig verloren in dem winzigen nordafrikanischen Kaff Tazarine in einer Life-or-Death-Situation zusammenfindet. Adriana Barraza brilliert als mexikanisches Kindermädchen, das seit Jahren in den USA illegal arbeitet und durch eine dumme kleine Entscheidung ihre gesamte Existenz verliert, in deren Mikrokosmos sich der Alptraum zahlloser mexikanischer Schwarzeinwanderer spiegelt und die sinnlose Polizeistaatselbstherrlichkeit der USA an ihrer südlichen Grenze. Die Geschichte der marokkanischen Ziegenhirtenkinter, die durch ihre Spielerei mit einem Gewehr einen internationalen Konflikt auslösen und eine brutale und blutig endende Terroristenjagd lostreten, ist in Wirklichkeit die Geschichte eines Bruderzwistes, von Lust und Neid, die Geschichte eines familiären Mikrokosmos, von Tradition, die in der Moderne zerfällt. Das Eindringen eines modernen Gegenstands in diese simple Welt – in Form eines Gewehres – zersprengt den tradierten Zusammenhalt und erzeugt eine Lavine von Lügen und Gewalt, sich sich explosiv entlädt. Und schließlich, aus meiner persönlichen Sicht der stärkste, wunderbarste narrative Strang, die Geschichte von Chieko, einem japanischen Mädchen, das taubstumm ist und deren Mutter sich mit einem Schuss in den Kopf – vielleicht aus genau dem Gewehr mit dem Susan angeschossen wurde – umgebracht hat. Inmitten der pulsierenden Hypermetropole Tokio – grandioser Gegensatz zur Wüste Marokkos und dem Niemandland an der amerikanisch-mexikanischen Grenze – sucht Chieko nach Körperlichkeit, nach Liebe. In dieser Episode, die den Film zugleich abschließt, erlaubt sich González Iñárritu so etwas wie ein Happy End, einen bittersüßen, schweigenden Erfolg. Chiekos Liebe nach Sex endet in einer Umarmung mit ihrem Vater, der zu Beginn des Films hilflos versucht, mit seiner Tochter nach dem Tod der Mutter zu kommunizieren. Die nackte Chieko auf dem Balkon, der Vater in seinem Geschäftsanzug und die langsame Kamerafahrt aus Tokio heraus schaffen ein kraftvolles Visual für das Ende des Films.Überhaupt, die Bilder. Babel liefert Kino in großen starken, ausdrucksvollen Bildern, in enthusiastischen Ideen und Gegenschnitten, mutig, trunken von der eigenen narrativen Kraft, die aus den traurigen Geschichten des genialischen Drehbuchs wunderbare Momente melken. Amelia in ihrem roten Kleid in der Wüste. Chieko und ihr Vater. Der Ausdruck in Mikes Gesicht, als Santiago dem Huhn den Kopf abreißt. Die Umarmung von Richard und Anwar. Die grandiose Gegenüberstellung des mexikanischen Hochzeitsfestes und der Disco in Tokio. Die Discosequenz ist an Schönheit ohnehin schwer zu toppen… wie hier die Musik fragmentarisch bei der XTC-Fahrt durch Tokio eingeführt wird, und dann richtig hereinkommt, wenn Chieko den Dancefloor betritt, das Licht, die Cuts zwischen der normalen Wahrnehmung und ihrer stummen Unterwasserwelt aus Licht und Farbe. Für jede der drei Locations spiegelt der Film cineastisch ein Feeling wieder, niemals platt oder aufdringlich (wie etwa bei Traffic, wo ja verschiedene Farbigkeiten den Unterschied zwischen Stadt und Wüste symbolisieren sollten), sondern immer kraftvoll aus der jeweiligen Realität heraus. Die Shootings in Tokio explodieren fast von einem Überdruck an Popkultur, von ultratechnoider, mangaesker Hypervelocity und zeigen, dass inmitten dieser brodelnden City die Wüste eben trotzdem zuhause ist, in den Köpfen der Menschen, die nicht zueinander finden können. Die Paradoxien, die Einsamkeiten, die Mißverständnisse, die kleinen Irrtümer, die Ängste, die Frustrationen… sind global austauschbar. Amelias Angst um die ihr anvertrauten Kinder Debbie und Mike, die sie in der Wüste zurücklassen muss, Richards Wut über die Unfähigkeit, einen einfachen Transport zum Krankenhaus zu bekommen, Chiekos orientierungsloser sexueller Hunger, den sie nicht in Worte fassen kann, nur mit ihrem nackten Körper zum Ausdruck zu bringen versucht und immer wieder zurückgestoßen wird, unverstanden bleibt.
Es ist ein Film über Isolation, über Schmerz, über die Unfähigkeit, miteinander zu reden, über Extreme, über Hunger und Leidenschaft. Er spielt mit Missverständnissen, auch im Kopf des Betrachters. Er führt in die Irre. Babel liefert in wuchtigen Bildern und sanften Nuancen Leid und Größe, einen Mikrokosmos aus Möglichkeiten, Andeutungen, Chancen, Irrläufern. Vom dysfunktionalen Vater-Tochter-Gespräch in Japan bis zur Terroristenhysterie in Marokko, die die Rettung von Susan noch zusätzlich behindert und sie fast das Leben kostet und die schließlich einen harmlosen Kind das Leben kosten wird. Die Eindringlichkeit der Erzählung, die Kombination von Story, Bild und Musik macht deutlich, dass Kino nur dann wirkliche Größe erlangt, wenn es von Original-Drehbüchern ausgeht und nicht versucht, Bücher zu Bildern zu formen. Das der Kern des ganzen – wir Menschen können nicht miteinander sprechen – ein einfacher ist, stört dabei nie, denn dieses Thema steht fast unsichtbar als Wirbelsäule im Hintergrund, wird anhand grandios erzählter Symptome bespiegelt. Im Grunde ist die narrative Struktur selbst wie ihr eigener Plot: Einfache Ursache, komplexe Auswirkungen. Die Basisidee ist eine ureinfache, die Umsetzung ambitioniert, hochkomplex und klug vielverzweigt. Und dabei wird der Film nie wirklich nur düster oder fatalistisch, sondern zeigt auf, wie die Menschen erst in den ausweglosesten Extremen zueinander finden. Amelia umarmt ihren Sohn, der sie – nach Mexiko ausgewiesen – auf der Straße aufpickt. Chieko und ihr Vater. Richard und Susan, der zerüttete Ehepaar, die wieder sprechen müssen, damit so etwas einfaches wie Urinieren gemeinsam gemeistert werden kann. Die Familie als Kern. Erst wenn die Sprache versagt, zeigt Babel, finden die Menschen ohne Prätentionen zusammen. In Gesten, in Stummheit, in der verzweifelten Hilflosigkeit einer Umarmung. Was uns eint, ist die Sprachlosigkeit. In Wirklichkeit ist Babel vielleicht kein Film über die Unfähigkeit, miteinander zu kommunzieren, sondern im Gegenteil ein Film darüber, wie man wirklich zusammenfinden kann, wenn man die Sprache hinter sich läßt. Erst als Chieko alle Hüllen fallen lässt, auf sich selbst zurückgeworfen im kalten Wind der von Tokios Hochhauscanyons, kann sie mit ihrem Vater zusammenkommen… was vorher, in der Flut von Videobildschirmen, Mobiltelefonen, Voicemails und so zahl- wie nutzlosen Worten nie gelang.
Babel ist, wie man es dreht oder wendet, ein grandioser, manischer Film, von der Idee bis zur Umsetzung, von der Musik bis zum letzten Darsteller, voller großer magischer Bilder und kleiner wunderbarer Andeutungen, drei Filme für den Preis von einen und jede der Episoden in ihrer Kraft so entrückend, dass man fast darum trauert, diesen Protagonisten nicht weiter auf ihrem Weg zusehen zu dürfen. Ein Film, der herzzerreissend ist, aber nie kitschig, nie banal, nie vorhersehbar oder einfach. Der irrlichtert und doch eine klare Vision hat. Der herrlich verlogen ist und zugleich ehrlich. Intim und global. Sexy und smart. Der improvisieren kann und zugleich eine markerschütternde kühle Präzison aufweist. González Iñárritu zeigt hier, was sich lange schon abzeichnet: Die Zukunft des Kinos liegt nicht in Hollywood.
Unbedingt ansehen.
31. Dezember 2006 15:42 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.
[...] Insofern ist The Prestige sicherlich kein großer Film – und so unmittelbar nach Babel unweigerlich eher ein zu normaler, zu kommerzieller Film – aber ein sehenswerter, ein ehrlicher Film, der dem Zuschauer – wenn er nur genau hinschaut – im Gegensatz zu den großen Zauberern tatsächlich seine Tricks verrät. Beitrag vom 5. Januar 2007 aus der Kategorie FILM. // Kommentare durch RSS 2.0 Feed verfolgen. // Kommentar schreiben // Trackback // // zurück zum Blog [...]