
Die aus Göteborg kommende Combo Audrey gehört in die Kategorie der skandinavischen Schwerblüter, Mollharmonien und entrückter Frauengesang, Streicher und Klavier, selbst das Coverartwork erinnert etwas an Múm oder Sigur Rós, auch wenn der Sound ein ganz anderer ist. Wo Múm auf elektronische, Ministeck-komplexe Gebilde setzen, vertraut Audrey auf eine eher ruhige, klassische Mischung aus Piano, Gitarre, Bass, Drums und eben Strings, bleibt zugleich aber deutlich weniger brachial, weniger sakral als Sigur. Im Grunde klassischer ruhiger Indie-Pop mit einer guten Prise glitzernder Dunkelheit. Wer die Cocteau Twins mochte, wird hier schnell zu Hause sein, wenn Audrey auch deutlich akustischer zu Gange sind. Musik, die zu Herbst und Winter wie ein Soundtrack passt, melancholisch, dicht und trotzdem karg. Obwohl die Band seit 2002 existiert, ist Visible Forms das Debut (nach einer Debut-EP) und man hört den Tracks die Arbeit an. Obwohl durch eine gemeinsame Grundstimmung eng verbunden, sind die Tracks fein ausdifferenziert komponiert und musikalische überzeugend kontrolliert gespielt, von dem wunderbar geschachtelten Gesang ganz zu schweigen. Zurückhaltung bis zum Moment der Explosion. Rebecka Kristiansson, Victoria Skoglund, Emelie Molin und Anna Tomlin – die vier Frauen bilden den Kern der Band, plus einiger Gastmusiker – wechseln sich an den Vocals ab und überzeugen als Multiinstrumentalisten – und diese Vielseitigkeit prägt das Maß an Perfektionismus des Albums, wo jeder Ton sinnvoll zu wirken scheint. Ähnlich wie Sigur Rós (aber doch ganz anders) schafft Audrey es, aus einem fast depressiv anmutenden melodischen Grundgerüst im Laufe eines Songs bis hin zur Climax einen elegischen, kathartischen Effekt zu erzielen, der durch hypnotische Wiederholungen, Crecendi und fein ineinandergreifende Instrumentierung funktioniert. Da ist Mut zur Ruhe, da ist Mut zum Herbststurm, da sind gute Texte, da ist eine Einfachheit und Komplexität, die geschliffen ist wie ein Stein, der lange in der Flut gelegen hat. Musikalisch kriegst du hier im Grunde nicht viel neues geliefert, aber das so charmant und für schwedische Verhältnisse so direkt und aufrichtig, so unverspielt, gebracht, das am Ende ein atmosphärisches dichtes, emotional ehrliches Werk entsteht, das einen ganz eigenen Wert hat und für sich stehen kann und einen seltsamen Brückenschlag zwischen skandinavischen und amerikanischen Indiesounds darstellt.
Audrey sind übrigens im Februar auf Tour:
09.02.07 Münster / Amp
10.02.07 Hannover / Feinkostlampe
11.02.07 Berlin / Privatclub
12.02.07 Frankfurt / Cookys
13.02.07 Würzburg / Cairo
14.02.07 Zürich / Rote Fabrik
15.02.07 Wels / Alter Schlachthof
17.02.07 München / Orangehouse
9. Februar 2007 10:45 Uhr. Kategorie Musik. 5 Antworten.
Schöner Font (Audrey) … jemand spontan ne ahnung?
Ah, danke! Hatte ich mir letztens schon mal notiert, daß ich die anhören wollte…hab ich dann jetzt nach Deinem Eintrag gemacht, ich glaub, ich bestell gleich mal die CD. :-)
Eine recht treffende Rezension und ein wunderschönes Album, das ich auch nach einem halben Jahr noch nicht übergehört habe. Sehr gern würde ich die Mädels mal live sehen, doch leider kommt hier unten kaum jemand vorbei.
Wer tatsächlich auf das tolle Artwork verzichten kann, wird bei FineTunes statt iTunes fündig: http://shopbase.finetunes.net/shopserver/ActionServlet?cmd=labeldetails&labelid=1102777598454 — aber nach einer Empfehlung hier war meine letztmonatige iTunes-Scheibe »Gustav«, was ich schnell bereute, da der Titeltrack »Rettet die Wale« einfach fehlte. Also vielleicht doch wieder reale CDs kaufen‽
@Schröer: Bei den lieben Sinnbus-Leuten mal nachfragen: http://label.sinnbus.de/content/sr018.php
Klingt wirklich toll, was ich da im Flashplayer auf deren Seite gehört habe. Werd ich mir definitiv in den nächsten Tagen mal auf einem physischen Datenträger kaufen. :-)
Als ich die Songs gehört habe, musste ich irgendwie an »Pillow« aus Italien denken, die ich euch hiermit auch dringend ans Herz lege, auch wenn das Album schon ein gutes Jahr alt ist.
Anhören! :-)
http://www.pillow.it/
[...] Ebenso Lo-Fi ist die Musik selbst. Fast berechenbar der schwedische Mix aus emotionaler Musik, die sich von totaler Stille zum Sturm hochpushen kann und binnen eines Stückes den Weg von Lethargie zu Orgasmus durchschreiten kann, und einem nasal warmen Gesang, der körperlos auf dem Rücken der Komposition reitet. Nicht ohne Grund erinnert hier einiges an Low, Boy Omega oder Audrey: die rotzig wirkende Produktion, die akustischen Instrumente, Streicher, Klavier, Gitarre, dieses herbstliche Flair, das wie Mehltau auf allen Stücken liegt. Es gibt – zumal aus Skandinavien – eine Menge Bands dieses Silent-Indie, zu viele, um sie aufzuzählen. Musika 77 sind eine würdige Erweiterung dieser Phalanx. Krantz verlorene Stimme erinnert in ihren besten Momenten an Mark Hollis, klingt so körperlos entrückt und zugleich hip, wie der ausgemergelte Sänger tatsächlich aussieht. Musika 77 liefern – wie so viele ihrer stilistischen Vorbilder – den Soundtrack für die zersplitterte Jugend, Balsam für die Seelen der introvertierten stillen Kids, die im Dunkeln mit Kopfhörern auf ihren Betten liegen und verlorener Liebe nachtrauern. [...]