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Audrey Niffenegger: The Time Traveler’s Wife

Vorweg: The Time Traveler’s Wife ist ein SF-Roman. Der grundsätzliche Twist, dass der Protagonist Henry DeTamble (ein vielleicht etwas grobes Wortspiel… Tamble erinnert an «tumble», und Henry stolpert ja tatsächlich durch die Zeit) durch einen genetischen Defekt in Stressmomenten hilflos durch die Zeit geschleudert wird, ist sicherlich grundsätzlich eine Science-Fiction-Idee, wenn auch Zeitreise längst eine auch im Mainstream verbreitete Vorstellung ist, aber das Buch an sich ist alles andere als SF im engeren Sinne. Niffeneggers Roman-Debut ist vielmehr eine tragische Liebesgeschichte, die durch das Zeitreise-Gimmick eine zusätzliche Tiefe und Resonanz gewinnt. Clare Abshire lernt ihre große Liebe Henry erstmals mit sechs Jahren kennen, als Henry, 36, nackt in einer Lichtung am Anwesen ihrer Eltern erscheint. Bei ihrer Heirat ist Clare 22, Henry ist 30… also sechs Jahre, bevor er Clare erstmals getroffen haben. Als die beiden sich 1991 in Echtzeit erstmals treffen – Clare ist 20, Henry 28 – hat dieser Henry Clare niemals zuvor gesehen, während sie ihn bereits seit 14 Jahren kennt und bereits mit ihm geschlafen hat. Die Timeline des Romans ist komplex gewoben und selbst wäre der Roman per se durchschnittlich, würde dieser narrative Kniff Spaß machen. Aber Niffenegger liefert auch jenseits des Gimmicks eine kraftvolle Geschichte ab. Der Roman nutzt die Idee der Zeitreise auf mehreren Ebenen als cleveres Erzählmittel – beispielsweise wenn Henry Clare schwängert, nachdem er sich hat sterilisieren lassen oder am Ende, wenn Henry sein eigenes Todesdatum weiß, oder in der Art und Weise, wie Henrys Tod bereits relativ zu Beginn des Buches stattfindet -, begeistert darüber hinaus aber auch als «normale» Belletristik. Die Geschichte von Henrys Eltern, die Tragödien, die Henry und Clare durchmachen, der Tod von Clares Mutter sind der Stoff, aus dem tragische moderne Romane gestrickt sind – und Niffenegger gibt all diesen Events einen eigenen, distinktiven Tonfall, der gerade dem, was Clare und Henry gegen Ende des Buches passiert emotionale Wucht verleiht. Die Baby-Träume und die Fuß-Träume der beiden sind ein seltsames Stilmittel, ebenso die Gedichte, die Clare von ihrer Mutter findet, und schwächere Autoren wären auf diesem dünnem Eis eventuell gescheitert, aber Niffenegger bringt uns souverän durch das Tragische ebenso wie durch das Euphorische ihres Romans. Es hilft sicher, dass Clare und vor allem Henry coole, liebenswerte Menschen sind, die ihre Zeit mit Iggy Pop und den Violent Femmes verbringen, und sich mit Aktienbetrug, Kunst, Taschendiebstahl und viel Sex durchs Leben schlagen. Es ist schwer, die beiden nicht zu mögen und so steckt man schnell tief in der Geschichte, die – metaphorisch dünn mit dem SF-Konzept ummantelt – im Kern die Geschichte einer Liebe im Angesicht einer tragischen Krankheit ist, deren Verlauf unweigerlich tödlich enden wird. Schon früh im Roman deutet Niffenegger an, wie Henry sterben wird und die Unweigerlichkeit seines Todes, dessen Datum lange Henry lange vor seinem tatsächlichen Ableben kennt, macht die verbleibende Zeit der beiden, um so wertvoller. Unter der Geschichte des Zeitreisenden steckt die Story einer wartenden Frau, die sich mit der Krankheit ihres Geliebten arrangiert und selbst nach dessen Tode weiter wartet, bis zum wunderbaren Schlussmoment des Buches. Henry ist ein Zeitreisender, aber er könnte ebenso gut Epilepsie oder Schizophrenie haben, es würde für die emotionale Wucht des Buches keinen Unterschied machen. Niffenegger überzeichnet nur ein Element, macht die Idee der Zeitreise als genetischen Defekt sehr real und greifbar, und entwickelt von da aus mit präziser Logik ihre Geschichte.

The Time Traveler’s Wife steckt voller grandioser Szenen, die oft an Fermata erinnern, aber weniger detailvernarrt geschrieben sind. Niffenegger gelingt trotz der Komplexität der Geschichte, die immer wieder in einzelnen Fragmenten ineinandergreift und zu sich selbst zurückführt, eine schnelle, niemals zurückblickende Schreibe, die trotzdem nie vereinfacht. Aus den philosophischen Konsequenzen ihres Plots – gibt es einen freien Willen oder ist die Zukunft vorbestimmt – entwickelt Niffenegger einen mutigen Fatalismus für Henry, der schnell merkt, das er seine Zukunft zwar nicht wirklich verändern, aber durchaus sein Leben bestimmen kann. Was passiert, passiert, weil es passieren muss – und gemeinsam mit Clare wächst Henry an dieser Feststellung.

Dicht gewoben, ohne überladen zu wirken, sprachlich kompetent und so unterhaltsam wie tiefgründig, ist The Time Traveler’s Wife (übrigens ist der Titel, vielleicht zufällig, eine schön Verbeugung vor The Astronaut’s Wife) bei allen tieftraurigen Momente ein liebevolles Buch, bittersweet und ehrlich – bleibt zu hoffen, dass Audrey Niffenegger bald die Zeit findet, ihr zweites Buch fertigzustellen.

14. Juli 2007 10:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag , .
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