
Schon Anna Ternheims Erstling Somebody Outside konnte mit einer seltsamen Mischung aus Pop, Folk und Jazz überzeugen, getragen von der Stimme der Singer/Songwriterin, die nasal-souverän bis hell-mädchenhaft durch ihre Songs führt. Der Nachfolger Separation Road lässt bereits mit dem Intro keinen Zweifel daran, dass hier etwas neues auf uns zukommt: Dramatische Streicher dringen wie ein melancholischer Soundtrack aus den Boxen und greifen die Stimmung des etwas an die Arrangements von Storm Thorgerson erinnernden Covermotivs auf. Die Streicher gehen nahtlos in ein verstimmtes Honky-Tonk-Piano über und Track 2, Girl Laying Down, steigert sich schnell zu einem hymnischen Refrain, der klar macht, dass Separation Road wuchtiger, poppiger, größer sein soll als Somebody Outside, weniger introvertiert. Mit diesem Album zielt Ternheim nicht mehr auf die kleinen Bars, sondern auf die Konzerthallen. Auch das fast naive Today is a Good Day zementiert den Airplay-Anspruch des Albums. Die Stimme wirkt heller als auf dem Erstling, weniger jazzig. Die Tatsache, dass Ternheim im Verlauf des Albums natürlich auch wieder ruhiger und mitunter fast bluesig wird, oder eine countryinspirierte Gitarre sich in die in die Produktion einschummelt, dass mit den ersten Zeilen von Calling Love fast Ton für Ton an To Be Gone anknüpft, all das schafft Brücken zwischen den beiden Album und zeigt doch zugleich Wachstum der Künstlerin, die immerhin das Album selbst komponiert, getextet, ko-produziert und auch noch die Art-Direction übernommen hat.

Aus meiner Sicht ist ein zweites Album entweder großartig und zeigt einen Künstler mit besserer Produktion als das Debut, aber noch nicht ausgepowert in den Mühlen von Studio-Tour-Promotion-Studio-Tor-Promition… oder es ist ein Fiasko, weil der Charme und die Energie des Erstling verdunstet ist. Ternheim gelingt ein zweiter Longplayer, der vielseitiger ist als die erste CD, mutiger allemal, aber ebenso intensiv und dunkel. Ternheim ist melancholisch geblieben und hat sich zugleich einer Live-Atmosphäre geöffnet, einem Sound, der eher bandtauglich ist. Das Ergebnis ist ein großartiges herbstliches Pop-Album, das von Instrumentierung und Produktion her aktuell klingt, aber nicht zeitgeistig, das wahrscheinlich auch vor zehn Jahren so hätte entstehen können oder in zehn Jahren. Es zeigt Ternheim als gewachsene Schreiberin, die in den Fußstapfen von Acts wie Heather Nova spazieren gehen kann, aber ein deutlich weiteres Spektrum aufweisen kann, die die elegante Syntax des Pop beherrscht aber an diesem Tellerrand nicht aufhört, niemals kitschig oder auch nur süßlich wird, immer smart bleibt. Da darf man aufs dritte Album gespannt sein.

P.S.: Unter den Bonustracks der CD findet sich eine Coverversion von David Bowies und Iggy Pops China Girl, die allein den Preis der CD wert ist. Während ich Iggys rotzige Version immer mochte, leidet die Bowie-Fassung unter den üblichen 80s-Mängeln, ein vor allem durch die Produktion irgendwie schwächelnder Song (anders als Modern Love und Let’s Dance, die trotz allem großartige kraftvolle Dancefloor-Tracks wurden) mit zu offensichtlichen Gimmicks. Ternheim reduziert das Stück zurück auf die Basics und koppelt es mit einer Akustik-Gitarre, deren Stakkato-Picking an die Strophe von Every Breath You Take erinnert. Der Gesang bei diesem Bonustrack kiekst und kratzt, ist ungemein verletzlich und verloren und obwohl er niemals den nackten machismo des Originals erreicht, verleiht Ternheim dem Song eine komplett neue melancholische Dimension, eine zuvor nicht dagewesene Trauer.
18. März 2007 12:36 Uhr. Kategorie Musik. 2 Antworten.
schöne rezension! ich war gestern leider nicht bereit 19,99 beim geiz-markt für die einfache ausgabe des albums auszugeben. wäre noch die bonus-cd mit den »naked versions« dabei gewesen…
das debut-album war aber wirklich ein highlight letztes jahr. mir fallen bei ihrer stimme immer die adjektive »spröde« und »scheu« ein – im absolut positiven und sinne. wirklich erfrischend.
freue mich schon auf das kommene feist-album »the reminder«, welches im april passend zu ihrem konzert im kölner gloria kommt. :)
[...] ihres alten Sounds. Mit der großen Stadt kommt auch ein größerer Sound auf, der bereits ihr letztes Album prägte. Seltsamerweise erinnere ich mich an Interviews, in denen Ternheim an diesem [...]