
Das «Leaving» im Titel ist wörtlich zu verstehen – die schwedische Sängerin Anna Ternheim hat dieses Album in New York aufgenommen und läßt nicht nur ihre skandinavische Heimat hinter sich, sondern auch ein Stück ihres alten Sounds. Mit der großen Stadt kommt auch ein größerer Sound auf, der bereits ihr letztes Album prägte. Seltsamerweise erinnere ich mich an Interviews, in denen Ternheim an diesem melodramatischen kommerziellen Strings-and-Drums-Teppich für ihre Lieder Kritik äußerte und zudem einige Tracks bewusst abgespeckt mit Gitarre und Klavier anbot… wieso dann auf dem nächsten Album noch einen Schritt weitergehen und eben streckenweise völlig auf die Gitarre verzichten? Von den Jazz-/Folkanklängen ihrer alten Alben ist nicht mehr viel übrig, die Musikkulisse erinnert – zum Guten wie zum schlechten – an Marc Almond, da wird gegeigt und getrommelt, was das Zeug hält und das nicht immer zum Vorteil der Komposition. Erst im vierten Stück gewinnt das Piano langsam die Oberhand wieder, obwohl auch hier eine fast hektische Grundstimmung herrscht.
Erst ab No I don’t remember scheint es eine Art B-Seite des Albums zu geben, einen deutlichen Bruch, in dem die Gitarre zurückkehren darf, immer noch von Streichern, Keyboards und (etwas dezenteren) Drums begleitet. Summer Rain bringt einen Ruhepunkt in das Album, ohne den Zuckerguß der Überproduktion und das erste Mal hat man das Gefühl, die Stimme der Sängerin wieder hören zu können, das erste Stück, das authentisch klingt. Auch Losing you, Off the Road (mit etwas so grundsympathischen wie Spielfehlern auf der Gitarrenspur!) und das finale und massiv nach dem ersten Album klingenden Black Sunday Afternoon klingen einen Hauch Band-orientierter, nicht so sehr für Orchester gemacht. Es ist , als wolle die Sängerin bewusst auch ihr altes Publikum mitnehmen, niemanden vergraulen. Hey schaut, ich bin immer noch das Mädchen, das zur Zupfgitarre singt.
Anna Ternheim bleibt der bipolaren Stimmung ihrer Musik treu, die sich schon auf dem zweiten Album andeutete – ihre düsteren Songs packt sie mal in eine kleine Besetzung, mal in das große Exoskelett eines deutlich bombastischeren Sounds. Das hat ein bisschen etwas von «für jeden etwas dabei», was meist bedeutet, dass für niemanden wirklich etwas dabei ist – die Musik wirkt nicht (wie etwa bei Björks ja auch nur auf Strings und synthetische Drums reduzierten Homogenic-Album oder wie bei den frühen Portishead, die auch größtenteils aus Beats’n'Strings bestanden) entschieden und eindeutig, obwohl sie es bei dieser ungewohnten Besetzung ja durchaus sein könnte, sondern eher abgeschliffen und brav. Keines der Lieder – und hier unterscheidet sich Leaving on a Mayday dramatisch von den beiden Vorgängeralbem – bleibt bei aller Qualität im Kopf hängen, trotz aller Mühen und der opulenten Kraft von Schlagzeug und Streicherkaskaden bleibt die Angelegenheit etwas farblos. Was tanzbar sein soll, geht in zu eindimensionalen Arrangements unter, was Gefühle wecken soll, erstickt im Zuckerguss. Kaum einer der Songs auf diesem Album hat die Blümchentapete-Behandlung verdient, die ihm Björn Yttling hier zuungute kommen lässt. Es gibt auf Youtube eine Vocals-only-Version von Summer Rain, die drastisch deutlich macht, das dieser eh zu den besseren Songs des Albums sein auch in einem innovativeren Arrangement großartig hätte sein können, indem man einfach die Produktion drum herum wegnimmt, was sicher nicht im Sinne des Erfinders ist…
Die Stimme, am Ende, reisst es natürlich heraus. Ternheims mal kindlich-naive, mal rauchig-laszive Stimme, die die strukturell stets etwas gleichen Songs zusammenhält, veredelt, rettet, verzaubert, erzählt, nöhlt, wispert und kann sich auch in den lauten Stücken halbwegs durchsetzen. Es ist verständlich, dass Ternheim ihre stets etwas selbstidentischen Kompositionen durch Änderungen der Produktion, der Einbettung, zu erweitern und variieren versucht – und der Versuch ist ehrenwert und richtig. Generell ist es natürlich gut, dass Anna Ternheim sich bisher mit jedem Album einen Hauch anders präsentiert. Die sehr deutliche Zweiteilung auf Leaving on a Mayday, das offensichtliche Gefangensein zwischen zwei Klangwelten, ist jedoch eher erschreckend. Man mag das als Abwechslungsreichtum empfinden – und es ist sicher besser als bei nur einer der beiden Welten zu verharren -, aber insgesamt wäre man nicht überrascht, wenn das vierte Album auf einmal elektronischer klingen würde. Ternheim sucht «ihren» Sound und allein diese Suche ist es natürlich wert, Sympathie für die Sängerin und ihren dritten Longplayer zu empfinden, zumal die Platte in ihrer oft seltsamen Produktion sicher auch nicht völlig an den Mainstream angepasst ist. Schade ist es einzig und allein um das größere Potential, das unter der unentschiedenen Produktion verborgen bleibt. Auch bei Irrwegen ist Ternheims Wunsch, nicht einfach nur ein weiteres Gitarren-Mädchenmusik-Ding zu sein, greifbar und richtig. Insofern bleibt zu hoffen, dass sie beim vierten Album nicht auf dem Melodrama-Sound der letzten beiden Alben hängen bleibt, sondern weiter ihren Weg sucht.
13. Mai 2009 07:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag Jazz, Pop. Keine Antwort.