
Ich weiß beim besten Willen nicht, ob Anna Maria Jopek noch ein Geheimtip ist oder nicht. Gerade im Jazzbereich ist das immer schwer zu beurteilen. Ich habe sie so etwa 2002 durch eine WDR-Radiosendung kennengelernt, etwa zu der Zeit, als sie ihr Pat-Matheny-Album eingespielt hat. Zu dem Zeitpunkt war die Jopek in ihrer polnischen Heimat bereits ein Superstar, sicher vergleichbar mit Diana Krall, hat die Welt getourt. Seitdem hat sie mit ihrem aktuellen Album Secret sehr – vielleicht zu – gezielt versucht, den internationalen Durchbruch hinzulegen, mit englischen Texten, Coverversionen, und einem Schritt in Richtung Schmusejazz, der ihr eigentlich nicht gutgetan hat. Viel von dem seltsamen Mix aus osteuropäischer Weltmusik-Sentimentalität, ethnischen Folkloregesang und modernen lebendigen Jazz ist dabei verloren gegangen, zugunsten von weichgespültem Studienrat-Jazz. Mit Tracks wie «I burn for you» oder «Don’t Speak» etwa, versucht sie so hart ein Hit zu haben, daß es eher deprimierend wirkt, obwohl man ihr den Durchbruch durchaus gönnen würde. Andererseits ist ihr aktuelles 2005er Album Niebo (Himmel) bei Amazon in Deutschand eben immer noch nicht zu haben, wie es ja überhaupt 70% ihrer Platten in Deutschland nicht ohne weiteres gibt. Was einfach verwundert, da die Sängerin nicht nur nahtlos alle Genregrenzen überschreitet – Jazz, Pop, Folk –, also durchaus mehrere Zielgruppen ansprechen kann, nicht nur fast ein dutzend Alben eingespielt hat, sondern für ihr Album Upojenie mit Pat Matheny stolze 15 Grammys gewonnen hat. Und auch dieses Album gibt es nicht einmal via Amazon.de – das ist schon irgendwie unwirklich, wenn man bedenkt, daß ihr Plattenlabel Universal Music heißt, oder? Gott, wenn sich eine der profiliertesten polnischen Musikerinnen schlechthin ausgerechnet in Deutschland nur verkaufen läßt, wenn sie englisch singt, ist es mit der Globalisierung ja doch noch nicht sehr weit, oder?
Die Frage nach dem Geheimtip kommt deshalb auf, weil es mich überrascht, daß es bei ihrem Konzert in Essen überraschenderweise noch ausreichend Abendkarten gibt, von Ausverkauft keine Spur, obwohl ich fast sicher war, keine Karten mehr zu bekommen. Das Publikum besteht darüber hinaus zu gut zwei Dritteln aus (wunderbar gemischten) polnischen Fans von Jopek, so daß man sich schon fragt, wie bekannt sie in Deutschland tatsächlich ist. Vielleicht war der Gig auch nicht gut promoted, zumal auch der Spielort – eingebunden in das umfassende Festival Europa verstehen: Polen (was sicher auch mit den Anteil polnischen Publikums begründet) – optimaler hätte sein können, obwohl die Zeche Zollverein als Location selbst natürlich wunderbar ist. Backline, Licht und Sound sind lokal gestellt, der Sound ist freundlich gesagt bis zur Mitte des Konzertes eher beschissen, zumal für Jazz-Verhältnisse, man merkt den Musikern an, daß sie auch recht häufig mit dem Sound auf der Bühne eher unzufrieden sind. Die Lichtanlage stört anscheinend die Audio-Anlage, so daß ein permanentes Brummgeräusch hörbar ist, gerade bei leisen Passagen keine echte Freude. Da der Saal nicht ganz verdunkelbar ist und von allen Seiten durch die Fenster Licht einströmt, hätte man sich das Licht größtenteils eh sparen können, erst so kurz vor Schluß wirkt die Lichtstimmung und selbst die ist recht langweilig gemacht, ein eigenes Bühnenlichtkonzept gibt es nicht, einfach ein paar Spots. Dabei sieht das ganze mit vier großen Traversen und einer großen Audioanlage eigentlich vielversprechend aus, aber weder Klang noch Licht werden der Band gerecht.
Denn die Band von Jopek ist Oberliga. Es ist eher selten, daß man wegen einer Sängerin zum Konzert geht und sich so gegen Ende wünscht, sie möge einfach mal 30 Minuten Pause machen und ihre Musiker zocken lassen. Jopek singt absolut Weltklasse, keine Frage, moderiert etwas unsicher und flüchtet sich somit manchmal in Routinen und Posen, arbeitet sich durch die Coverversionen und strahlt in ihren eigenen Songs, aber die Band… die Band überstrahlt sie einfach. Ich meine, es ist ja kein Geheimnis, daß Jazz- und Klassikinterpreten aus Osteuropa (und Asien) grandios sind, und die Band hier bringt es auf den Punkt. Marek Napiórkowski an der Gitarre bekommt regelmäßig Szenenapplaus, egal ob Akustik oder E–Guitar, wechselt nahtlos von David Gilmore zu Pat Matheny und zu fast absurden Fingerübungen ganz eigenen Stils, Baßmann Robert Kubiszyn hat leider nur ein (exzellentes) Solo, zeigt aber in nahezu jedem Song, was er draufhat, füllt jede Sekunde mit kleinen Miniaturen. Paweł Zarecki zeigt leider nur wenig von dem, was er an Piano und Rhodes leisten kann, ein winziges Solo, hat aber eine brilliant pseudo-prolo-witzige Einlage als MC (grandios deplaciert beim Jazzgig), und Paweł Dobrowolski an den Drums bläst mir fast den Kopf weg. Nominell hat der Mann zwei Soli, de facto macht er sich aber ohnehin jeden Song zu eigen, da er den Mainbeat locker mit dem linken Fuß auf der Hihat abliefert, hat er jede Menge Zeit und Energie, meisterhafte Strukturen einzuschieben. Ob mit Besen, Floppysticks oder normalen Sticks, ob Ballade oder NuJazz, ob im Midi-Clock-Gespann der Keyboards oder frei, Dobrowolski ist sauber wie ein Uhrwerk und dabei so quicklebendig spontan, so blitzschnell, daß man fast kreischen möchte. Wenn die Band zusammen zeigen kann, was sie draufhat – etwa bei den ausgedehnteren Gitarrensolos – ist man fast etwas frustriert, wenn es wieder zum gedeckteren Sound der Gesangssequenzen zurückgeht. Ich hätte mir echt gewünscht, nach dem Konzert die Combo ohne die Sängerin zu hören, zumal man ohnehin den Eindruck hatte, daß die Jungs gerade erst gegen Schluß richtig warm wurden und Spaß hatten.
Zu dem Spaß trug sicherlich auch die begeisterte Stimmung des Publikums bei, die nicht nur auf AMJs polnische Ansagen unglaublich einstiegen, sondern auch jeden einzelnen Musiker frenetisch feierten, mitklatschten, swingten und die Band zu zwei Zugaben herausforderten.
AMJ ist noch so bis 14. Mai in Deutschland unterwegs, in Hannover, Mannheim, Freiburg und Stuttgart. Es lohnt sich, hinzugehen.
6. Mai 2006 07:54 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.