HD Schellnack /// Kontakt iPhoto Twitter s90 Typographie Pop Alternative Aktionen nodesign Apple Licht Photographie Fail Denken Natur Dayshot Fragen Belletristik Software Winter Studium Medien Vernacular Fun Comics Werbung iOS Farbe Gesellschaft Print Web ScienceFiction Electronic Zukunft Magazine Frühling Jazz Hardware Kitsch Drama Retro Klassik Sommer Zitat Herbst Fantasy Sachbuch Kunst Emma Organisation Kultur

Anika: Anika

hd schellnack

Es gibt in letzter Zeit einiges an spannenden «Neo-Goth»-Einspielungen, die nicht wie so viele andere Produktionen den Sound der 80er einfach stupide fortführen, sondern für heute neu erfinden, umdenken – und die zugleich ein spannendes Gegenkonzept zur Allgegenwart eines poliert-perfekten Sounds skizzieren. Vom unscharfen Albumphoto (auf dem die namensgebende Sängerin kaum zu erkennen ist) zum Lo-Fi-Sound bis zur Simplicity des Namens – alles an diesem Album wirkt fast trügerisch nicht-vorhanden, verweigert sich. Der Sound von Beak (d.h. von Geoff Barrow von Portishead) geht hier einen Schritt weiter in die Richtung, die Barrow schon beim letzten Portishead-Album angedeutet hat – eine Art musikalisches Antidesign, mit verhallten Sounds, kaum wiedererkennbaren Coverversionen, alten Drummachineklängen und einer Sängerin, die so verdrogt-angeödet wirkt, als sei sie zu ihrem eigenen Debut gezwungen worden. Anika wird viel mit Nico und Velvet Underground verglichen, aber ich persönlich muss viel an Malaria! und Konsorten denken, an diese nervöse Schläfrigkeit. Das in kürzester Zeit live eingespielte (und dennoch entschieden unlive wirkende) Album ist ein seltsames Hybrid aus 60s und 80s, rebellisch und widerborstig. «End of the World» zeigt sehr schön diesen Früh80s-Spirit, der an frühe Some-Bizarre-Einspielungen erinnert, dieses wunderbar -hilflose Homerecording-Feeling, als die komplette Produktionspower eines großen Studios noch nicht in ein Laptop passte. Hilflos eiernde Drums, zu leiernde Gitarren, keinerlei ernsthafte Songstruktur und ein Gesang, der klingt, als käme er aus dem Badezimmer der Wohnung nebenan. Schöner und schlechter kann man doch kaum Musik machen. Selbst wenn man Annika Hendersons grandios deutschbritisch irrlichternden Nichtgesang wegnimmt, dieses kleinmädchenhaft-erwachsene, unschuldig-laszive, androgyn-attraktive Stimmlein, das wie verhext durch die Songs irrt und tastet, in den Tonlagen wunderbar schiefgreift und dennoch sofort dein Herz erobert, selbst ohne all das, liefert Beak eine grandiose Produktion, die die Coverversionen abstruserweise nach alten Roxy Music klingen lässt oder nach anderen alten britischen Acts in ihrer besten Phase. Es ist so abstrus, so wunderbar, wenn «Yang Yang» von Yoko Ono auf Klangwelten à la Brian Eno trifft, wenn Bob Dylan nach ganz ganz ganz alten (prä-Midge-Ure) Ultravox in Dub-Stimmung klingt und die gesamte Produktion so wirkt, als wäre sie mit einem Vierspur-Tascam eingespielt. Ich habe selten so grandios wunderbar miese Drumsounds gehört, es muss fast schwer sein, so unsagbare Produktion heute ja bewußt überhaupt hinzukriegen, wo es so leicht geworden ist, «gut» zu klingen. Alles an diesem Album ist wunderbar, obwohl es in keiner Sekunde neu oder wegweisend ist – das tolle hieran ist, das du die ganze Zeit das Gefühl nicht los wirst, eine verlorene Perle des Jahres 1981 in deiner Plattensammlung wiederentdeckt zu haben, eine Platte, die diese Rohheit, Authentizität und Underground-Schlamperei hat, die hier eben ganz und gar nicht authentisch ist, sondern reines Zitat, das sich fröhlich bei dem Sound der fiesesten Peel Sessions der späten 70s, frühen 80s bedient, mal nach John Foxx, mal nach Joy Division klingt – so wunderbar unterproduziert, dass einem vor Freude das Herz zerbersten mag, eine Platte, die dich wieder berühren kann, weil sie unschuldiger und schlechter und damit (zumindest scheinbar) glaubhafter wirkt als so vieles, was heute sonst verfügbar ist. Das grundlegende Gefühl dieses Albums ist eine Dünnwandigkeit, eine Verunsicherung, eine Wackeligkeit, als sei die Musik so dünn, so seltsam psychedelisch, dass sie jederzeit in Fetzen gehen könnte – eine Zerbrechlichkeit, die einfach selten geworden ist und die deshalb so wertvoll scheint.

28. Januar 2011 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Antworten

Schreibe eine Antwort, oder hinterlasse einen Trackback von deiner Site. Antworten abonnieren.


Creative Commons Licence