
Die Multiinstrumentalistin Ani Difranco zählt seit Jahren zu den produktivsten und kreativsten weiblichen Singer-/Songwritern, die durch ihren kompletten Verzicht auf falsche Kompromisse und mit ihrem eigenen Label Righteous Babe seit Jahren (mit mindestens einem Album jährlich und mit fast ununterbrochener Tour-Arbeit) konsequent und grandios an der großen Karriere vorbei zu absolutem Kultstatus gewachsen ist. Ihr größter Hit bis heute ist die gut zehn Jahre alte Hymne Joyful Girl, und seitdem arbeitet Difranco für einen wahrscheinlich recht überschaubaren Kreis von Anhängern und erinnert mich in dieser Hinsicht – auch musikalisch – nicht ohne Grund an das, was Lou Rhodes aktuell zu erreichen versucht. Ani Difranco ist der Inbegriff des Do-it-yourself, komponiert, spielt die meisten Instrumente (auf Reprieve begleitet von ihrem Bassisten und Multiinstrumentalisten Todd Sickafoose), produziert, werkelt am stets wunderbar liebevollen Design ihrer Alben mit. Entsprechend ist jede CD von Difranco eine Verfeinerung des zuvor dagewesenen, ein tieferes Eintauchen in die Welt von Ani. Minimalistische Songstrukturen, meist getragen von Anis typisch stakkatolastiger Akustikgitarre und sparsamer Instrumentierung und ihr sehnsüchtig-lastender immer an der Grenze zum spoken word stehender Gesang prägen ihre Musik, stets mit einem Fuß in der Folksinger-Tradition, auf Reprieve etwas erweitert um sanft blues-jazzig anmutende Klänge. Difranco produziert – wie Tori Amos in ihrer besten Zeit – Songs voller Breaks und Überraschungen, die nie wirklich weichgespült oder anbiedernd wirken und deren Sanftheit trügerisch sein kann. Die Texte rangieren wie seit jeher zwischen Selbstreflektion und politischem Engagement, Konsumnorm, Krieg, Umwelt. Songs wie Millenium Theatre oder Shroud stehen ganz in der Tradition der großen politischen Folksänger, andere Tracks wirken deutlich privater, persönlicher – und diese Mischung macht jedes Album von Ani zu einer Art Brief an den Hörer, zu einer der seltenen Fälle, wo es sich wirklich lohnt, die Texte im Booklet zu lesen. Mit jedem Album, obwohl immer ihrem Sound tief verwurzelt, probiert Ani etwas neues und diese Platte klingt südstaatlicher, «twangiger» als manch andere Platte von ihr, hypnotisch die Grenze zwischen Folk und Alternative in einer Art und Weise abtastend, die an Feist erinnert oder an die frühe Suzanne Vega, voller kluger Twists and Turns und doch eben mit einem glasklaren Difranco-Flair. Insgesamt ist Reprieve ein überraschend kraftvolles optimistisches Album, Bestandaufnahme einer starken, stolzen, smarten Frau, in die du dich – wie bei jedem Album immer und immer wieder – spätestens ab dem zweiten Song sowieso immer wieder verliebst.
10. März 2007 10:56 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.