
Keine Frage, Luc Besson ist einer der, wenn nicht der singulär erfolgreichste Regisseur und Produzent Frankreichs. Wenn so einer nach gut sechs Jahren wieder selbst einen neuen Film macht, nicht nur produziert, tut er es nicht einfach so, zumal Besson nahezu jedes Genre, jeden Stil mit Bravour realisiert hat. Was bringt so einen noch in den Regiestuhl? Da erwartet man großes Kino und insofern kommt der mit Angel-A leider etwas sehr grobmotorisch benannte Film schon etwas vorbelastet ins Kino, was mich betrifft. Im Vorfeld als Bessons Paris-Hommage gewürdigt, als sein persönliches monochromes Gegenstück zu Jeunets farbenexplodierendem Amélie, ist der Film über weite Strecken ein stilistisches Meisterwerk. Thierry Arbogasts Kameraarbeit ist definitiv – wie stets – makellos, und tatsächlich eine beständige Verbeugung vor der Lichterstadt, die hier sehr viel realistischer als bei Jeunet, aber doch ebenso stilisiert eingefangen ist, in winzigen Leica-Momenten, die aus der Reduktion auf Schwarzweiß ein Maximum herausholen. Das Kunststück, wie Jeunet eine tiefe Liebeserklärung abzugeben und sich doch von dem Vorgänger abzuheben, gelingt. Anja Garbareks sanft jazzpopiger Soundtrack ist so ganz anders als Yann Tiersen, so wie auch die Bilder anders sind, aber ebenso einprägsam, ebenso kongenial. So gelingt es beiden Filmemachern, die Stadt anders einzufangen und doch fast wie ein Werbefilm zu funktionieren. Es ist fast erschreckend, wie Besson die Highlights der Stadt in drastischem Black and White durchhetzt.
Die Story vom armen Kleinganoven André, dem ein leibhaftiger Engel erscheint, um ihn die Liebe zu sich selbst beizubringen, ist so banal wie nebensächlich, eine oft an der Peinlichkeit entlangschrammende Selbstfindungs-Trip-Geschichte, die spätestens an der Stelle, wo Angel-A Flügel entfaltet und gen Himmel fliegt, eher für unfreiwilliges, leicht unangenehm berührtes Gelächter sorgt. Ist es etwa Absicht, daß diese Szene, die einen Höhepunkt darstellen soll, so erbärmlich und arm wirkt? Wäre nicht hier auch weniger eben mehr gewesen. Hätte man die Idee nicht petischer, weniger alber, weniger konkret erzählen können? Mit Ausnahme dieser einen Szene schaffen es die beiden grandiosen Hauptdarsteller, die zahlreichen Peinlichkeiten des Scripts größtenteils vergessen zu lassen. Jamel Debbouze, tatsächlich ein Amélie-Veteran (der Obsthändler), spielt hier auf Oskar-Niveau, nahtlos zwischen gnadenlosen Ham Acting und völliger Reduktion, immer glaubhaft in einer höchst unglaubhaften Figur, immer überzeugend, mit einer umwerfenden Körpersprache, die jeden Trick unnötig macht. Eine absolute Meisterleistung und zudem ein perfektes Casting. Denn Rie Rasmussen – Luc Bessons Neigung zu Hypermodels folgend – ist das perfekte Gegenstück zu dem kleinen Knuddelgesicht Debbouze: Eine riesenhafte kühle Newton-Sphinx jenseits von Uma Thurman, die jede Geste, jeden Fingerzeig, jedes verschmierte Make-Up zur Inszenierung macht, ein Wesen wie aus dem Computer. Der Gegensatz, die reine Körperlichkeit der beiden, ist perfekt, ideal in der Szene, in der André seinen Engel das erste Mal aus dem Wasser fischt. Ist Jamel Luc Bessons Every-Man, sein James Stewart, sein Cary Grant, so ist die Rasmussen Grace Kelly, die Monroe, Ava Gardner, die Ekberg in einer Person. Wobei ihr Sex-Appeal weniger aus dem überzüchteten Designerkörper resultier, als vielmehr aus der ungeheuren Selbstsicherheit, der fast arroganten Lässigkeit von Angel-A. Die Besetzung ist grandios, die Kamerarbeit umwerfend, der Sound perfekt.
Es ist nur das Pathos, das Besson übertrieben in seinen Plot gewoben hat, die aufdringliche flunderflache Dale-Carnegie-Botschaft, das peinliche Ende, die platteplatteplatte Story, die einen Film, der wirklich grandios hätte sein können, großes französisches Kino in der Tradition des 60er, leider komplett beschädigt. Besson begnügt sich mit einer zu einfachen Botschaft (Liebe dich selbst und alles wird gut), mit einer zu simplen und doch zu komplizierten Darstellung von Engeln, die am Ende nur noch albern wirkt, mit einem vielleicht doch etwas zu kitschigem Paris, und mit Dialogen – es mag an der Übersetzung liegen – bei denen man hier und da eher das Gesicht verziehen mag. Mehr Lässigkeit, mehr nouvelle vague, die er doch so gern zitieren will, und eben weniger amerikanische Holzhammer-Erzählstrukturen… und bang, es WÄRE ein grandioser Film gewesen. Wäre. Unglaublich, welche Wucht Besson hätte entfalten können. Man darf gar nicht dran denken, wie dicht dieser Film an richtige Größe hätte kommen können, wo so viel Gutes doch vorhanden ist. An die Vielschichtigkeit und Lebensfreude von Amélie kommt er jedoch nie heran. Was Angel-A an Wucht fehlt, hätte Besson durch Eleganz, Leichtigkeit und die klassische französische Undurchschaubarkeit wettmachen können, aber das hat er leider versäumt.
So aber ist Angel-A nach wie vor sehenswerter Film, der alle richtigen Zutaten hat, die nur leider falsch und allzu kommerziell zusammengepappt wurden. Wenn man als Zuschauer bereit ist, den Film nachträglich etwas umzuschreiben, einiges ganz ganz schnell wieder zu vergessen und anderes vielleicht hinzuzuerfinden… dann wird es zumindest im Kopf doch noch ein wunderbarer Film.
28. Mai 2006 23:28 Uhr. Kategorie Film. 4 Antworten.
angela und engel, dazu noch das bild …
irgendwie lustig. “… zumindest im Kopf” ;)
Wegen Angela Merkel? Oder wie kommt’s?
jepp. ich sah das poster und habe angela gelesen.
dann noch das bild… »deine steuern bekommen wir auch noch«
lustig. egal.
Oh mann, wenn die Kanzlerin SO aussöähe, würde ich gern Steuern zahlen. Da würden wir alle gern Steuern zahlen. Und wir wären die beliebteste Nation der Welt. Aber aber…