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AMY HEMPEL: TUMBLE HOME

Stell dir vor, jemand gibt dir ein winziges Stück Schokolade. Du nimmst es in den Mund und es schmeckt nicht nur nach der besten Vollmilchschokolade, sondern auch nach Bitter, Nuß, Nougat, Joghurt, Milch, nach Zimt und Weihnachten und Gewürzen, nach Schokoladenkuchen und vage nach dem Geruch der Wiese, auf der die Kuh stand, von der die Milch dieses einen kleinen Stücks Schoko stammt.

Amy Hempel zu lesen ist nicht annähernd mit dieser Erfahrung zu vergleichen.

Hempel liefert in Tumble Home sieben Kurzgeschichten – teilweise nur wenige Zeilen lang – und die dem Buch den Namen gebende Erzählung, die etwa 80 Seiten umfasst. Anknüpfend an den sparsamen Stil von Raymond Carver, poliert Hempel ihre Miniaturen so lange, bis jedes Wort, jeder Satz, eine Bedeutung gewinnt, eine symbolische Tangente ergibt. Tumble Home, die Erzählung einer Frau, die aus einer Anstalt heraus einem Künstler schreibt, wird so zu einem Sammelsurium von Fragmenten, Eindrücken und mataphorischen Sprüngen, die einen Reichtum an Deutungstiefe ergeben, den man beim normalen Lesen fast nicht ausschöpfen kann. Das ist die Sorte Zeug, in die man sich im Rahmen eines Proseminars Anglistik vertiefen kann, um den Witz, die Emotionalität, die mühelose Kraft dieser kurzen Geschichten zu ergründen. Hempels Geschichten sind wie superdichte weiße Zwergsterne. Ein ganz einfaches Beispiel:

One day I asked the gardener what had gone wrong with my tulips. The last time I planted tulips (I am going back several years here), they had bloomed right out of the ground – they had bloomed without stems, and had looked like ground cover. The gardener said the problem was low self-esteem. Then he laughed at my expression and said the bulbs had been confused, they must not have been plated deep enough and so had gotten warm, then cold, then warm again, until finally, confused, they had given up and bloomed.
I didn’t tell the gardener that I had planted them half as deep as recommended to save them the work of pushing up through all that dirt. I seems that there is a lesson here, staring me in the face. I told you about the tulips to tell you something ordinary. The way, watching a movie, you find you wantto scream: «Doesn’t anyone eat or sleep in this film?»

Selbst dieses ja fast aufdringlich klare Beispiel besitzt schon Untiefen, die Wortwiederholungen, die Kadenzen, die Wahl von Tulpen, der Sprung von Blumen zu Film. Tumble Home ist eine Perlenkette solcher metaphorischer Versatzstücke, die die tatsächliche Geschichte wie ein surreales Puzzle im Kopf des Lesers zusammenfügen, langsam und vieldeutig, ohne je langweilig zu sein.

Das einzig Schlimme an Hempel ist, das nach der Lektüre ihrer schmalen Büchlein jedes normale Buch wie literarisches Fast Food wirkt. So viele Worte, so wenig Inhalt. Es braucht eine Weile, bis man aus der extremen Druckkammer des Hempelschen Schreibstils herauskommt…

25. Februar 2006 14:59 Uhr. Kategorie Buch.
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