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AMY HEMPEL: REASONS TO LIVE

Man merkt schnell, daß und auch warum Amy Hempel die meistgenannte Lieblingsautorin von Chuck Palahniuk ist (mal ganz abgesehen davon, daß TC Boyle auch keine Chance verstreichen läßt, ihr zu huldigen) – sein Stil wirkt wie eine auf Crystal Meth gepushte Version ihres Ansatzes. Hempel erinnert ihrerseits im besten Sinne an Hemingway, oder – greifbarer noch – an Raymond Carver. Ihre mikroskopischen Szenen beginnen in situ, verbinden auf kleinstem Raum unterschiedliche Zeit- und Perspektivebenen und sind so vielschichtig, fragmentarisch und nonlinear strukturiert, daß man schnell ahnt, daß die in Reasons to Live versammelte Kurzprosa aus einem von ihr gehaltenen Autorenworkshop entsprang. Jede Story ist ein Lehrstück über das Schreiben. Analog zu und doch anders als Carver interessiert sich Hempel für Abgründiges unter der Oberfläche des Alltäglichen, des Leben, Lieben und eben Sterbens. Krankheit, Tod und menschliche Unverwüstlichkeit sind zentrale Themen und es ist faszinierend, zu sehen, wie sie es schafft, inmitten zutiefst stiller und deprimierender Skizzen schlagartig wirklich witzig zu werden, wie etwa in Three Popes in a Bar. Die Stories sind Blitzlichter, so schnell vorbei, daß man sie hier und da erneut liest, um den tatsächlichen Inhalt zu dechiffieren,weil man hereingefallen ist auf ihre Erzählkunst auf der ersten Ebene, der reinen Plot-Ebene. Das abrupte Ende erst zwingt dich, doch in die Symbolik einzusteigen und unter Wasser nach den wahren 2/3 des Eisbergs zu forschen. Am Ende dauert es dann Monate, ein Set von Kurzgeschichten zu lesen, daß keinen Zentimeter dick ist. Es geht nur langsam. Das diese ja nicht ganz taufrischen schriftstellerischen Tricks nicht altbacken oder als reiner epigonaler Aufguß daherkommen, verdankt Hempel ihrer Fähigkeit, so lange an Sätzen zu meißeln, bis sie bare bones sind. Fleischlos, asketisch, mit einem straffen Bebop-Gefühl, Piano und Tenorsax. Minimale Riffs werden variiert, wiederholt, neu zusammengestellt. Harmlose Phrasen kriegen nach der zweiten, dritten Wiederholung einen neuen Kontext, Worte werden verzerrt, Juxtapositionen erzwungen – manche Dinge erinnern an Coltrane, andere an Steve Reich. Manchmal ist es im Kern fast verstörend, wieviele streng polierte und geschliffene Juwelen Hempel in so wenig Platz stemmen kann. Palahniuk sagt, ihre Stories seien wie ein Schokoladenkeks, nur eben ohne den störenden Keks… reine Schokolade. Jedes Detail, jedes Motif, jede Melodie arbeitet auf das gleiche Ziel hinaus, in so reduzierter, spartanischer Form, daß Carver dagegen wie ein Quasselonkel wirkt. In ihren Manierismen und Ticks nimmt sie die Mittel von Palahniuk vorweg, der aber im Gegensatz zu Hempel nicht den Abgrund im Alltag sucht, sondenr das Abgründige als alltäglich kommuniziert, Hempels leisen Stil aufpusht, mit Blut, Sex und Rock’n’Roll bereichert. Hempels Spaß an der Wort-Doppelbödigkeit, dem Nichtgesagten, der Pause, erinnert zudem stark an Samuel Beckett, die mitunter auftretende Identitätslosigkeit der Protagonisten etwas, das seltsame Gefühl von Geschichten jenseits von Raum und Zeit, die Ahnung, daß die Handlung stets auf einen größeren Metakontext verweist, dabei aber so vielschichtig und vage ist, daß die Lektüre in ihrer Exegese dazu zwingt, sich selbst in ihr Wiederzufinden… selbst dann, wenn die Geschichten klar verortet sind und fest hier und da im hier und heute stehen und dadurch quälender, herzzerreißender sind als Becketts intellektuell-abstrakten Experimenten. Fosse fällt einem noch ein als jemand, der eine gewissen Verwandtschaft zu Hempel hat. Als kleiner Vorgeschmack: The Harvest, eine ihrer bekanntesten Kurzgeschichten, ist online zu lesen.

25. August 2005 09:37 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.

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