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AMERICAN PSYCHOPATH

Nein, die Rede ist nicht von Patrick Bateman, sondern von Jack Bauer. Obwohl ich kein TV mehr habe, gibt es einige «Altlasten» wie Alias, Lost oder eben 24, die ich per DVD oder – im Falle von Lost direkt – im Original online weitersehe.

Im Falle von 24 sind Staffeln 4, 5 und 6 absolute Enttäuschungen. Was sich in der vierten Staffel bereits abzeichnete wird zunehmend offenbar: Den Machern fällt einfach nichts mehr ein. Bereits die Tag 4 war ja eine wenig begeisternde Mixtur aus unmotivierter Handlung und exzessivem Sicherheitsstaatsgebahren. Das zwei der Autoren im DVD-Kommentar eine spezifische Folge von Staffel 4 als «Ach hey, das ist ja die Folge OHNE Folter» identifizierten, spricht Bände. Unglaubwürdig war bei Tag Vier auch, dass die Terroristen, kaum ist einer ihrer Weltuntergangspläne vereitelt, nahtlos zur nächsten Stufe übergehen, so als hätten sie à priori nie wirklich selbst mit einem Erfolg gerechnet. Unnötige Kitschmomente (Jack/Audrey), der nahezu fahrlässige Umgang mit Nebenfiguren und ein weitgehend lieblos vor sich hinagierender Kiefer Sutherland taten ein übriges, um bereits die vierte Staffel relativ ungenießbar zu machen.

Tag Fünf verzichtet – wohl als Reaktion auf die Kritik an der exzessiven Folter in der vorangegangenen Staffel und nach Abu Ghuraib auch wohl aus Gründen der Political Correctness – auf allzu deutliche Folterszenen und -methoden. Zwar wird immer noch an der Schmerzgrenze verhört, aber nur noch, indem ominöse Flüssigkeiten injiziert werden. Ähnlich zurückgefahren wirkt die Handlung. Nach Atombombenexplosionen und Seuchen in LA wirkt Nervengas ein bisschen dejà vu, ebenso wie die endlosen Verschwörungen im Weißen Haus oder das Mobbing in der fiktiven Anti-Terror-Einheit CTU, die permanente Rotation von Vorgesetzten. Das Mitarbeiter hier sterben, passiert fast beiläufig. Ein wenig wirkt das Ganze, als sei 24 nach massiven Einsparmaßnahmen bei FOX entstanden. Eine handvoll Darsteller, zwei feste Drehorte (CTU und LA-Residenz des Präsidenten), dazu ein paar Außensets… die Serie wirkt kaum noch aufwendiger als eine Sitcom. Nicht ohne Grund besteht die Show zu 70% aus Leuten, die im stets gleichen blauen Licht der CTU verschwörerisch in der Ecke stehen und tuscheln. Das kostet wahrscheinlich am wenigsten.

Und tatsächlich fühlt sich Tag Fünf vielleicht deshalb an wie eine Büro-Soap. Da wird gemobbt und getuschelt, da werden die Chefs ausgetauscht und Leute gefeuert. Die Mortalitätsrate bei der CTU ist sicherlich etwas höher als bei einer Versicherung… aber davon abgesehen ist 24 offenbar ist die Serie für den Angestellten, der hier in Cinemascope-Breitwandformat seinen Alltagsprobleme neu begegnen darf. Das die Serie dabei völlig ironiefrei und humorlos bleibt, macht den Erfolg umso verwunderlicher. Bierernst lebt 24 inzwischen zu einem überragenden Teil inzwischen von Spannungsmomenten, die ganz nüchtern betrachtet doch eher an die Siemens-Betriebskantine als an eine Anti-Terror-Einheit erinnern.

Auch die High-Tech-Versessenheit der Serie ermüdet auf Dauer, wenn sie zum Klischee mutiert. Denn im Grunde kann man ein Trinkspiel aus 24 machen. Jedesmal, wenn die Worte Server, PDA, Satellit oder ähnliches High-Tech-Cyphern fallen, sollte man ein gutes Glas GinTonic trinken. Ehrenwort: Man ist nach 20 Minuten komatös. Das zudem auf Handy-Displays notorisch Fox-News geschaut wird, läuft ebenso sicher unter Product Placement wie die von Ford und Toyota gesponserten Autos oder die Computer von Dell und HP (und an Tag 6 wieder verstärkt Apple). Das die Technik den Wünschen der Drehbuchautoren gehorcht und nur dann High-End ist, wenn es dem Plot dient und seltsamerweise schrecklich versagt, wenn es ansonsten sinvoll wäre, das ist in Serien und Filmen einerseits normal (wie oft hatten die X-Files-Agenten eigentlich plötzlich keinen handy-Empfang?), andererseits aber gerade hier in dieser deutlichen Diskrepanz auffallend unglaubwürdig und insofern ärgerlich.

Es ist sicher schwierig, eine Serie, die im Grunde wie ein durchgehender Film funktioniert, so zu schreiben, dass sie pro Folge spannend bleibt, aber auch in toto noch einen halbwegs Wasser haltenden Handlungsfaden ergibt. Da muss man sicher Zugeständnisse einräumen. Aber dass Bauer direkt in der ersten Folge der fünften Staffel einen für ihn wichtigen Entlastungszeugen grundlos erschießt und ergo zum Hauptverdächtigen des Mordes an David Palmer wird, ist einfach in jeder Hinsicht unlogisch. Auch dass eine digitale Tonband-Aufnahme, der Bauer im letzten Drittel hinterherjagt – typischer McGuffin- , zu keinem Zeitpunkt dupliziert oder jemandem via Handy vorgespielt oder sonst digital übertragen wird, um eine Sicherheitskopie zu haben, wirkt auffallend idiotisch – um so prägnanter in einer Serie, in der permanent Daten (Buspläne, Satellitenbilder, Photos usw.) zwischen Bauers sprichwörtlichem Trinkspiel-PDA und der CTU übertragen werden. Aber eine Audioaufzeichnung, das geht nicht? Man hätte zur Not einfach das Diktiergerät ganz altmodisch an den Hörer halten können. Es ist narrativer Unsinn, den der Zuschauer hier ertragen muss, damit die Handlung entsprechend Drehbuch fortschreiten und das Band naaaaatürlich gelöscht und so jeder Beweis vernichtet werden kann – weil eben offenbar jeder Superagent in der CTU schlicht zu blöde war, ein einfaches Backup zu machen. Das ist in einer Serie, die so todernst daherkommt, einfach nicht machbar. Serien mit mehr Selbstironie – wie etwa das ja als Mix aus Over-the-top-Adventure und Agenten-Persiflage funktionierende Alias - können sich solche Logical Gaps schon eher leisten, aber nicht 24 als Show, die sich ohne jedes Augenzwinkern und völlig humorresistent, ultrapolitisch und «real» präsentiert. Da irritiert es gravierend, wenn die Charaktere urplötzlich einen anscheinend massiven IQ-Verlust haben, nur, damit die Geschichte unbeirrt weiterlaufen kann. Die suspension of disbelief wird so abrupt ausgehebelt.

Dazu kommt der Stillstand der Figur des Jack Bauer. Als härtere, realere Version von James Bond, gibt Sutherland nicht der britischen Gentleman-Agenten, sondern einen verhärmten, entseelten Soldaten, der stets nur die Wahl zwischen mehreren Übeln hat, nie eine Ideallösung, nie Licht am Ende des Tunnels. Einen Mann, der für den Dienst an seinem Land Freund wie Feind über die Klinge springen lässt, der kein Privatleben, keine eigene Existenz kennt, der wie ein Junkie an dem Adrenalinkick der Ausnahmesituation klebt. Der Jack Bauer, der in der 3. Staffel ein Junkie und längst zum kaltblütigen Killer avanciert ist, also auf dem Weg zum Abgrund, ist in Tag 4 bis 6 allerdings fast verschwunden. Bei Tag 5 und 6 ist Jack reiner Funktionsträger der Handlung, nahezu schmerzfreier Besserwisser mit der Lizenz zum Töten. Und was machst du auch als Drehbuchautor mit einer Märtyrer-Figur, der du alles nur Erdenkliche angetan hast, außer ihr den Gnadentod zu gönnen, den Bauer in der sechsten Staffel ja nahezu erbittet («Es wäre eine Erlösung».) Der aktuelle Status sechsten US-Staffel ist, dass Bauer 18 Monate angeblich tot war und in einem anderen Leben untergetaucht, dann einen Tag im Einsatz, und dann zwei Jahre in chinesischer Foltergefangenschaft. Und ohne nur einen Herzschlag Ruhe zu brauchen, ist er aber innerhab der ersten Folge von Tag 6 wieder ganz der alte Jack SuperBauer, der nur zu gern sein Leben für das Vaterland opfert, das ihn anscheinend 24 Monate in einem Folterknast darben ließ, bis man entschied, ihn auszutauschen … und zwar nicht, um Jack zu befreien, sondern um ihn gegen etwas Information an einen Terroristen auszuliefern, ergo über die KLinge springen zu lassen. Und dennoch stellt Bauer keine Fragen, sondern hastet alsbald wieder für die United States durch die Straße, immer sein Handy am Ohr, immer besser informiert als alle andere. Tag 6 präsentiert Bauer als Actionhelden ohne Tiefgang in einer Handlung, die von jeder Realität längst Abschied genommen hat. Detailfragen – warum hat eine Suizidbombe eine Zeitverzögerung, wie sieht man eine Explosion in der U-Bahn als Rauchwolke an der Skyline von LA, wieso kann man einen Mann durch die Sicheritstüren einer U-Bahn treten -, sollte man schon am Anfang der Serie nicht mehr stellen. 24 ist ein Comic geworden und Jack Bauer ist Batman.
Die Bauer-Figur als gebrochene, reale Figur ist gescheitert, verkümmert zum Holzsoldat eines Ego-Shooter-Prinzips. Egal, was die Autoren sich einfallen lassen, ob sie seine neue Flamme Audrey foltern oder gar töten oder Jack nach Timbuktu verschleppen, wir wissen: In der nächsten Staffel wird er ruckzuck wieder am Start sein, um wiedee einmal Amerika zu retten. Ändern werden sich nur noch Details, die Gesichter in der CTU, der Name des Präsidenten, die immer gleichen amorphen Schurkengesichter, die Jack aus dem Weg räumen muss.
Das traurige daran ist, dass das High-Noon-Realtime-Format der Serie viel mehr kreatives Potential hätte. Ich finde nach wie vor, Tag 2 hätte sich schon gar nicht mehr um Bauer und die CTU drehen dürfen, sondern um eine komplett neue Figur in einer neuen Situation. Als einzige Klammer hätte man das ästhetische und narrative Gerüst – Echtzeit, Ausnahmesituation, simultane multivalente Handlungsstränge – beibehalten sollen. Ein Soldat, ein Feuerwehrmann, ein Notarzt, ein Kosmonaut, ein ganz normaler Bürger… allesamt in den 24 extremen Stunden ihres Lebens festgehalten. Komplett losgelöst von dem Korsett des Terrorthemas, komplett unabhängig von von Stars und Gagen, eine absolut neue abgeschlossene (oder eben offene) Geschichte in jeder Staffel. Nicht auszudenken, wie spannend das hätte sein können, welche Geschichten hier denkbar wären. Nach einer Weile hätte man vielleicht auf die ein oder andere Figur zurückkommen können oder sie in die Handlung einer neuen Figur kurz als Cameo einbauen können… Aber dazu fehlte anscheinend der Mut, weil ein solches Konzept natürlich schlecht in Sachen Franchise und Sicherheit abschneidet.

Aber selbst mit der Zentralfigur Bauer wären fesselndere Stories denkbar als die immer und immer und immer gleiche Nameless-Evil-vs-the-United-States-Situation. Jack allein in einer Krisensituation weniger apokalyptischen Ausmaßes (ich meine, wir hatten Seuche, Nervengas, Atombombe, Nuklearreaktoren… was soll noch kommen? Jack-versus-Satan?) wäre eine schöne Sache – kleiner, authentischer, vor allem auch wieder nachvollziehbarer, auf ein menschliches Maß heruntergebracht. Das Ende der fünften Staffel macht kurz Hoffnung, das wir nun Jack allein in China erleben würden, aber nein: Tag 6, die ich schon gesehen habe, zeigen Bauer wieder im Einsatz der CTU, ganz nach Schema F. Schade drum. Inzwischen sind die Momente zwischen den Staffeln potentiell spannender geworden als die Serie selbst. Wie Jacks alternatives Leben als Toter aussah oder was ihm in China wiederfuhr, wird von Fox nur in kurzen Teasern angerissen, aber selbst diese zehn Minuten wirken spannender als die gesamte eigentliche Staffel. Spannend ist so im Grunde nur noch die PAUSE zwischen zwei Tagen. Die Frage, was Bauer zwischen den apokalyptischen Tagen macht, ist längst fesselnder geworden als die Serie selbst. Spannend sind ergo nur noch die jeweils letzten und ersten Minuten jeder Staffel. Fesselnd ist der Offday-Jack, der Trauernde, der Junkie, der Beamte, der Tote, der Verschleppte… all diese Versionen von Jack Bauer (flexibel wie eine Barbie-Puppe) scheinen interessanter als der zynische und nur noch nervös herumschreiende Stressmensch Jack Bauer, den wir Staffel um Staffel erleben. Der On-Duty-Bauer, der ein Workaholic ist und zugleich ein Burnout-Opfer. So wie die CTU die ultimative Büro-Serie ist, entpuppt sich Bauer als der ultimative Mann aus dem mittleren Management. Die finale Erkenntnis beim Betrachten von 24 ist, dass es dem Superagenten auch nicht besser geht als dem Versicherungsangestellten.

Schade um ein schönes Erzählformat, das von den Machern komplett vor die Wand gesetzt wurde…

So wie sie ist, passt die Serie allzu entsetzlich in das Bush-freundliche politische Format des Senders Fox und ist ein Testament der aufgeheizten Stimmung der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren. Angesichts der deutlich nachlassenden Begeisterung für den Krieg im Nahen Osten und der Desillusionierung vieler Amerikaner, daß man Demokratie mit Gewalt verordnen kann, wirkt eine Serie, deren Kernaussage ist, dass man gewalttäige Terroristen nur durch terrorähnliche Foltermaßnahmen «brechen» kann, dass Nachsicht, Deeskalation und Verhandlung ausnahmslos suizidal falsch sind und dass am Ende nur der Härteste, Stärkste (eben Jack Bauer) durchkommt, irgendwie altbacken und deplaciert… wie eine Flaschenpost aus Otto Schilys Alpträumen. 24 ist zum paranoiden Propagandastreifen geworden einer permanenten Us-vs-Them-Situation, die nur eine Nietzschesquer Übermensch bewältigen kann, ein Amerikanischer Psychopath, ein Kreuzzügler, ein Adrenalinjunkie, ein Überzeugungstäter… der – wie alle Supermänner – eben irgendwann schrecklich langweilt.

6. Mai 2007 19:13 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

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