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Alex Leu fragt 20: SInd Designer feige?

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Ich sehe viele Designer die wie kleine Mäuse denken und gestalten obwohl sie mehr aus sich herauskommen wollen.

Ich finde gar nicht, dass Designer wie «kleine Mäuse» denken. Es gibt viele, die sehr reflektiert und ernsthaft ihren Job tun, in der ganzen Bandbreite vom Dienstleister bis zum «Auteur», und ich kenne auch einige, die sich eher zu wichtig nehmen (mich selbst möglicherweise eingeschlossen ;-D) – und auch ganz viele, die tatsächlich wichtig sind, aber sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen, sondern überraschend sehr entspannte Menschen sind.

Aber ich weiß, was du meinst – auch wenn ich es etwas anders formulieren würde. Ich sehe derzeit sehr viele Designer, die «Zeitgeist» gestalten. Ich habe nach der Buchmesse vier Bücher auf dem Schreibtisch, davon haben drei ein Coverdesign, das fast identisch ist – und eins dieser drei ist sogar aus einem ganz anderen Verlag. In einem der Bücher merkt man, wenn man nicht aufpasst, kaum, wann der jeweils vorgestellte Gestalter beim Umblättern wechselt, weil die Arbeiten oft extrem homogen, also vielleicht auch sehr austauschbar sind. Nicht im Sinne von «gut» oder «schlecht» (die meisten Sachen sind schon sehr gut) – und die Arbeiten sind durchaus gar nicht anbiedernd – aber sie sind sich untereinander alle sehr ähnlich, das ist ein wenig erschreckend, das so wenig sui generis ist. Es gibt mehr Designer denn je und dann hast du ein Buch mit aktuellen Arbeiten aus ganz Europa in den Händen-… and they all look the same.

Und an diesem Punkt – und das sag ich nicht von der Kanzel herunter, sondern vielleicht, weil man ja auch selbst von diesen Trends mit erfasst ist und dem Ansatz erliegt, auch in diesem jeweils gerade angesagten Look zu arbeiten– müsste jeder Designer sich überlegen, wie er individuell aus der Bildermaschine herauskommt und seine eigenen Ideen umsetzt anstatt die im Web, auf Portfolio-Sites, in Lookbooks usw. kursierenden Ansätze nur weiter zu re-iterieren. Design ist natürlich gar keine Branche der originär «neuen» Idee – dieses Privileg bleibt der Kunst vorbehalten und der Wissenschaft. Im Gegenteil: Wir Designer sind immer schon Zitatemeister und Zweitverwerter gewesen, aber derzeit finde ich es, durch die Masse und durch die Wahrnehmbarkeit und Multiplikation im Web, etwas auffällig, wie einförmig mit etwas Distanz betrachtet viele Ergebnisse aussehen – und wie egal dabei der Inhalt ist bzw. vielmehr, wie gleich auch der Inhalt ist, all diese Sachen scheinen nur noch für Kulturmagazine und Museen und und und zu entstehen. Es ist in anderen Bereichen – Architektur, Mode, Musik, Film, Theater – nicht viel anders (wie viele Häuser sehen heute nach Foster oder HdM aus…?), dieses Schwarmhafte, wenn plötzlich alle das gleiche machen und zigfach enorm ähnliche Phänomene hervorbringen. Durch die Multiplikationsmaschine Internet werden heute aber subkulturelle Trends viel schneller zum Mainstream gemacht, in der Mode, der Architektur und im Design, weil die Akteure sich leichter und fast in Echtzeit über emergierende Richtungen informieren können. Dieses Coolhunting sorgt unterm Strich aber dafür, dass vom Studenten bis zum etablierten Büro plötzlich alle den neuen heißen Scheiß machen wollen – und so wird aus dem, was vor drei Stunden noch «Anti-Design» war, ruckzuck der neue Standard. Es ist heute fast unmöglich, noch «anti» zu arbeiten, weil die Bildermaschine es binnen kürzester Zeit zu «cool» umstrickt und multipliziert und somit zum affinen, bejahenden, verkaufenden Design wird. Die Designbranche ist so zu einer gewaltigen Echobox geworden.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass es um «wilde» (du hast das ja nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt) Gestaltung geht, sondern um eine ansatzweise «eigene», was heutzutage tatsächlich unendlich viel schwieriger geworden ist. Wobei dies ein Reifeprozess ist… man findet sich ja im Lauf des Lebens, verortet sich. Aber ein wichtiger Schlüssel zu individuellerem – und damit insgesamt auch wieder vielseitigerem – Design, das nicht mehr in einer Perpetuum Mobile der Selbstkopie steckt, ist intellektuelle Neugier und Suche. Solange Studenten und Designer nur an der Oberfläche arbeiten – Styling betreiben, Farben, Formen, Flächen, Schriften, Bilder etc. – und es um «Wow, sieht das geil aus» geht, entstehen immer unweigerlich relativ gleiche Arbeiten, weil viel kopiert wird. Ich komme auch zu solchen Lösungen, wenn der Auftraggeber Zeitdruck macht und man binnen von ein zwei Tagen etwas entwickeln muss – daraus entsteht bei mir unweigerlich ein Rückgriff auf vertraute Ansätze oder ein (ja auch mal ganz schönes) Spielen mit den Ansätzen anderer. Ich muss auch zugeben, dass ich den Originalitätsbegriff im Design für völlig überbewertet halte – Design ist eine soziokulturelle Leistung, bei der es nicht um das total neue geht, sondern um die evolutionäre Entwicklung, die Neusynthese, die Abduktion, das Science-Fiction-Element, das «Was-wäre-wenn-ich…»-Angehen einer Frage.

Wenn Design aber tiefer geht, unter die Oberfläche geht, wenn es klug reflektiert, nachdenkt, provoziert oder streichelt und dabei die eigenen Stilmilltel souverän anwendet und zugleich immer wieder in Frage stellt, dann können die Ergebnisse sehr sehr spannend werden, weil es um mehr als reine Formfragen geht, und plötzlich die alte Angemessenheit von Problem und Lösung im neuem Gewande im Raum steht. Und diese Spannung ist intrinsisch Motivation und Freiheit genug.

Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit man die Scheu vor unbefangenen und „wilden“ Ideen/Gestaltungsansätzen ablegt und auch die Motivation mitbringt, diese umzusetzen?

Voraussetzung dafür, denke ich, ist Wissen. Wie gesagt, es geht nicht um «wild» – das ist ohnehin ein Begriff, der heutzutage nahezu wertlos ist. Was ist heute wild, was ist Punk, was ist Rebellion – heute ist in irgendeiner Form nahezu alles Mainstream, die Umarmung der Postmoderne ist unentrinnbar. Wissen… Neugier, Hunger. Viel Lesen, viel hören, viel schauen. Hinschauen lernen, nachdenken lernen. Designer sollten sich viel mit Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pop und und und befassen, mit den Inhalten, mit Politik und mit Theater, Film und Kunst – mit allem. Neugierig bleiben und die Welt entdecken wollen. Und dabei das naive Spielen nie verlernen, Sandburgen bauen und diese schmerzfrei auch wieder einstampfen können. Und am Ende all dies sinnvoll – wie eine Waffe – in einen Kontext stellen können und anwendbar machen, nachvollziehbar machen, bündeln. Tatsächlich begründet gerade dieser breite Background, den man in eine Arbeit fokussiert, oft auch die Sprachlosigkeit von Gestaltern gegenüber dem Auftraggeber, der sich an einer Oberflächlichkeit stört… es ist nahezu unmöglich, die hunderte und tausende von intuitiven und rationalen Entscheidungen, die in sehr kurzer Zeit von Idee zu einem konkreten Ansatz führen, erläutern zu können, weil die Elemente wie an Fäden zusammenhängen und ein kohärentes Ganzes ergeben – eben eine «Gestalt». Und es ist zugegeben auch nach Jahren immer noch atemberaubend schwierig, mitunter unmöglich, dieses Mobile aus Erfahrung, Ideen und einem hochspezialisiertem Wissen um Kommunikationschancen, das kein Auftraggeber jemals haben kann, erklären und herunterbrechen zu können, ohne es völlig zu verstümmeln. Design soll und muss begründbar sein – und ich mag es sehr, wenn ich die Chance habe, Klienten den Weg zu Entscheidungen aufzuzeigen -, aber eine der Grundvoraussetzungen für effektive und erfolgreiche Kommunikationsdesign-Ansätze ist im Grunde das Vertrauen der anderen Seite, dass der Gestalter ja ein fast überzüchtetes Gespür für seinen Beruf hat und ergo auch das richtige tut, gerade weil er hartleibig gegen Änderungswünsche bleibt und an die Richtigkeit seiner Idee glaubt. Wann immer mir solche Menschen passieren – und es gibt in allen Branchen mehr Jasager als ich gut fände – vertraue ich deren Instinkt sofort, erkläre, was ich grundsätzlich will und weiß, dass der andere aus seiner intrinsischen Motivation und reichen Erfahrung heraus einen guten Job machen wird, der besser ist als das, was ich diktieren könnte.

11. August 2011 18:28 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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