
In Designblogs herrscht eine Dominanz an Kritikern die Arbeiten stark kritisieren. Das verunsichert viele Studenten die sich dann fragen ob das was man tut den richtig sei oder nicht. Man fängt an in Regeln zu denken und das bremst die Kreativität. Was sagen Sie dazu und welchen Rat würden Sie den Studenten dazu geben?
«Richtig» oder «Falsch» sind seltsame Denkebenen im Design. Ich glaube, man kann sehr sehr gut auf der rein mechanischen Ebene kritisieren –schlecht gemachte Typographie, schlechte Photos, hastige Layouts, keine sauberen Grids und so weiter -, aber inhaltlich ist es schon schwieriger. Ich finde durchaus, dass man ein gutes Design, welches eine schöne Idee handwerklich sauber umsetzt, unterscheiden kann von durchschnittlichem oder sogar schlechtem Design. Das ist einfach so – und versierte Designer können das intuitiv, blitzschnell und vernichtend… wir müssen das können, denn das ist alltäglich unser Job, auf eine Arbeit sehen und sie «röntgen» und Schwachstellen entdecken und einen Mitarbeiter anweisen, was verbessert werden muss.
Wer diese Kritik nicht aushalten kann, sollte kein (zumindest kein bezahlter) Designer werden, denn in dem Job stehst du im angewandten Kommunikationsbereich immer vor einer Art Jury. Pitches, Korrekturen durch den Klienten, Designwettbewerbe, Peer Reviews im Büro – irgendeiner weiß es immer besser als du, irgendeiner stellt dich immer auf die Waage und irgendeiner schießt immer Löcher in deine Arbeit. Dieses permanente Säurebad ist nicht unbedingt schlecht, es hält dich wach und verhindert Bequemlichkeit. Am meisten hilft dabei, selbst der eigene schärfste Kritiker zu sein. Ich bin immer eher überrascht, wenn unsere Arbeit gelobt wird, weil ich eher auf das, was noch verbessert werden könnte, fokussiere als auf das, was bereits gut geworden ist.
Was die Kritik angeht – Ich sehe es so, wie ich selbst ja auch eine Band oder einen Autor kritisiere, wenn das dritte Album oder fünfte Buch irgendwie nicht so gut geworden ist wie die Vorgänger – man kann das als Attacke deuten (und wenn es zu oberflächlich bleibt, ist es das ja vielleicht auch), oder aber als eine Form von Auseinandersetzung einer Person, die sich für das, was du tust interessiert und an dessen Qualität interessiert ist, mit deiner Arbeit. Diese letztere Art von Kritik ist durchweg ohne Abstriche eine gute Sache. Vor allem, wenn ich handwerkliche Kritik oder eine Anregung kriege, wie etwas besser funktionieren kann. In diesem Sinne kann selbst destruktive Kritik hilfreich sein, solange sie ehrlich ist und im Detail begründbar.
Es ist eher schade, dass es für Design-Kritik kein sauberes Werkzeug, keine objektiven Kriterien gibt, selbst erfahrene Designer (und ich packe mich da an die eigene Nase) fallen immer wieder auf geschmäcklerische Argumente oder auf die «Hätte ich anders gemacht»-Schiene zurück, wenn sie andere Arbeiten beurteilen. Aber beides ist natürlich falsch. Man muss ein Werk aus sich selbst heraus auseinandernehmen, betrachten und sehen, ob es qualitativ gut ist. Und da fehlen uns Werkzeuge, die anderen Bereiche der Hermeneutik und Kritik längst entwickelt haben. Andererseits darf ich gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn die Parameter einer Designkritik aus den Elfenbeintürmen der Universitäten kämen, wenn wir Designer also den gleichen Was-will-der-Autor-sagen-Bullshit ertragen müssten wie die Künstler oder Schriftsteller es teilweise müssen. Jeder, der einmal in einem Museum bei einer Führung gehört hat, was da in die Photos oder Gemälde hineinmystifiziert wird, weiß, was ich meine. Ich weiß nicht – phantastisch wäre, wenn es eine Review-Kultur im Design gäbe, wie sie für Musik, Bücher, Filme und selbst Architektur längst selbstverständlich ist, die fest in den Alltag eingegangen ist, von der Rezeption der jeweiligen Erzeugnisse ja fast nicht mehr wegzudenken ist, egal ob die Künstler das nun immer mögen oder nicht. Vielleicht kommt das auch irgendwann, Design ist zunehmend Teil der Popkultur und wenn wir schon Modeblogs und Stylereviews haben, warum sollte dann nicht eben doch irgendwann ein neues Corporate Design auch in der «Zeit» verissen werden oder im Medienteil des Spiegel gelobt? Ich denke, da wird sich noch einiges entwickeln.
Beeinflusst Sie der Gedanke, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?
Ja sicher. :-D
9. Juli 2011 11:46 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag Denken, Fragen, nodesign. Eine Antwort.
Hallo allerseits; zunächst mal ein Lob für den kritischen Inhalt dieser Seiten.
Der Begriff “Kritik” geht ja auf das griechische “krinein”(oder so) für “unterscheiden, teilen, beurteilen” zurück. Folglich ist Kritik etwas, das nicht in erster Linie nur in “gut” und “böse” unterscheidet, sondern sich auch mit Qualitäten befasst. Und im Beschreiben unterschiedlicher Qualitäten tun wir Designer uns etwas schwer, so mein Eindruck. Schnell geraten wir in die Defensive, sehen nur die eigenen Konzepte, die verteidigt werden wollen. Aber die Welt ist kompliziert – allzuoft muss man erst einmal genau ausdifferenzieren, worum es überhaupt geht. Und das ist im Design noch ein großer Mischmasch zwischen all den Fachrichtungen des Design, aber auch gesellschaftskritischen Ansprüchen und rein formalen bis hin zu geschmäcklerischen Diskussionen.
Wir von http://www.designkritik.dk legen daher großen Wert darauf, dass die Formate von kritischen Diskursen auch eingeübt werden können; dass wir Themengebiete vorstellen, die die Arbeit der Designer und ihre gesellschaftliche Rolle betreffen. Das fängt auf dem Schreibtisch an und endet evt. auf der Müllkippe (im Wortsinne und im übertragenen Sinne).
Wir laden besonders junge Designer ein, bei unserer privaten Initiative mitzumachen, dazu gehört unsere Webplattform, unsere Facebook-Gruppe, aber auch unsere Aktivtäten in Kooperation mit Hochschulen, zuletzt das Symposium “Design theoretisch” an der Kunsthochschule Kassel im Juli.
Vielleicht ist das ja eine wertvolle Information für all die, die diesen Artikel lesen und sich auch ein bisschen mehr mit theoretischem Hintergrundwissen und Diskursen zu beschäftigen.
Ich freue mich zumindest schon einmal über diesen Blog hier! Besonders die dialogische Form finde ich sehr gut, denn sie zeigt, dass Wissen und Erkenntnis eben nichts ist, was man mal kurz googeln kann, sondern etwas, das im Diskurs verhandelt wird und sich auch verändert.
In diesem Sinne: weiter so!
Und schaut doch mal vorbei!
http://www.designkritik.dk
Liebe Grüße
Birgit
PS.: Ja, technisch sitzen wir manchmal in der Klemme. Deshalb suchen wir dringend Mitstreiter, die unsere ehrenamtliche Initiative mit Tatkraft unterstützen können (am liebsten mit einer Runderneuerung unseres Themes) Kontakt: info@designkritik.dk