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Alex Leu fragt 12: Vorauseilender Gehorsam

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Wie gehen Sie mit dem Problem des vorauseilenden Gehorsams um? (Gedanken wie: Treffe ich den Geschmack anderer? Des Kunden? Der Öffentlichkeit? Markterfolg? Und der vll. damit verbundenen Rationalisierung während des Designprozesses.)

«Vorauseilender Gehorsam» klingt vorab so furchtbar negativ. Ich glaube, eine strategische Empathie -– also ein Einfühlen in die Ziele und Wahrnehmungen des Klienten und in die Wünsche seiner Kommunikationspartner/Kunden/usw., ist eine ganz ganz ganz entscheidende Säule unserer Arbeit. Es geht ja nicht um MICH. Als Designer bist du wie ein Psychologe zu allererst doch ein Problemknacker – und an dieses Problem kommst du nur heran durch eine Art Spiegelung. Du lernst den Klienten kennen, versetzt sich in seine Lage, seine Innenperspektive und gehst dann wieder zurück in die Außenperspektive und suchst Lösungen, Strategien, die funktionieren könnten. Stell dir vor ein Freund kommt zu dir, der sich in ein Mädchen verliebt hat und von dir Rat will, was er tun kann. Ist es dann vorauseilender Gehorsam, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen – und natürlich in die des Mädchens, um das es geht – und gemeinsam mit ihm zu überlegen, was er ganz konkret tun kann, um seine große Liebe von sich zu überzeugen? Als Designer tun wir nicht viel anderes. Insofern, jajaja, ich bin im Voraus unbedingt gehorsam. Ich versuche Briefings zu verstehen und gern auch besser zu verstehen als der, der sie verfasst hat, ich spreche bei Corporate Designs – sofern irgendwie möglich – mit so vielen Beteiligten wie ich nur kann, ich rede mit Entscheidern und Mitarbeitern, Mitgliedern und Kunden. Ich frage den Leuten Löcher in den Bauch. Ich will, dass die Dinge, die wir dann machen, funktionieren. Ansonsten produziert man bestenfalls leeren Zeitgeist, schlimmstenfalls Müll. Wenn du eine Website machst, willst du, dass sie auch bedienbar ist, der Besucher sich im Interface zurecht findet, sich nicht langweilt, dass aber auch die Texter und Redakteure der Site sie möglichst leicht pflegen können und gerne mit dem Interface arbeiten. Das ist nicht vorauseilender Gehorsam, das ist einfach der Job. In deinen Fragen schimmert immer der Designer durch, der eigentlich Artist ist und sich sozusagen knechten muss, um gutes Design zu machen. Ich sehe das gar nicht so – der Job des Designers ist, das die Dinge wirken, verständlich sind, einfach und angemessen funktionieren. So wie es der Job eines Architekten ist, ein Gebäude eben auch zu klimatisieren und den Aufzug funktionstauglich zu machen oder für ausreichend Licht zu sorgen – die Aufgabe ist nicht ein ikonographisches Dach, das ist die Kirsche auf der Sahne. Dass die Site nicht langweilig ist, das Gebäude gut aussieht, ist die Kür – und idealerweise sind Pflicht und Kür so eng verzahnt, so eins, dass am Ende eben eine «Gestalt» entsteht, die Einheit von Ästhetik und Funktion. Kriegt man nicht immer hin, aber das ist doch die Blaue Blume, der man als Designer ja immer nachjagt.

Dieser Gehorsam ist übrigens das größte Konfliktpotential mit dem Auftraggeber. Es gibt unweigerlich den Punkt, wo du zumindest meinst (man irrt hier ja auch mal), es besser zu wissen als er selbst, oder wo du über strukturelle Hindernisse frustrierst bist, weil du weißt, A und B und C müssen passieren, damit alles rund läuft… aber der Klient sieht es einfach anders und hat durchaus auch seine guten Gründe dafür. Du willst in seinem Sinne handeln, aber schlägst dabei andere Wege und interne Veränderungen vor, auch ganz jenseits der eigentlichen Gestaltung, die er vielleicht scheut. Anders gesagt: Du gibst dem Kunden nicht, was er will (oder zu wollen meint), sondern was er braucht (oder wovon du meinst, er brauche es). Das ist ein echter Knackpunkt. Kunden, die verstehen, dass Diskurse hier wichtig und produktiv sind, die deine guten Absichten schätzen, können nur gewinnen, weil genau an dieser Stelle durch produktiven Austausch ein unfassbarer Mehrwert aus einer einfachen Designaufgabe wachsen kann. Weil das abduktive Denken von Designern unglaublich gut darin ist, komplexe Probleme systematisch zu lösen und so Erfolgschancen zu generieren. Wir finden einfach ganz andere Lösungen und Antworten als etwa Betriebswirtschaftler oder Ingenieure, weil wir sprunghafter, intuitiver denken – im «Was-wäre-wenn»-Modus eben.

Uns ist mit den Jahren sehr klar geworden, dass es eine wertvolle Leistung ist, dem Klienten ein produktives «Nein» anbieten zu können, bestimmte Werte des Klienten zu bewahren, selbst wenn er das akut selbst kurzfristig vielleicht nicht gut findet ein «Nein, aber…» zu hören, sozusagen sein «Torhüter des Guten Geschmacks» zu sein. Wir haben mit diesem Ansatz sehr gute und natürlich auch ein zwei eher schlechte Erfahrungen gemacht – und wenn es so etwas wie Haltung oder Anspruch bei uns gibt, dann ist das immer die Hoffnung, als Partner auf Augenhöhe am Tisch zu sitzen, mit unserer Kritik verdient ernst genommen zu werden – einfach, weil wir uns viel Gedanken über unsere Klienten machen und beste Absichten haben – also nicht vorauseilend «gehorchen», aber absolut vorauseilend mitdenken.

Wann holen Sie, diese Gedanken ein?
So früh wie es eben möglich ist. Am Anfang von Design steht Strategie und Forschung – und da ist jeder Input von Klientenseite Gold wert.

Tun Sie die Dinge, weil Sie das so wollten, weil Sie glauben, dass es andere so «sehen» wollen, oder greifen Sie lediglich auf Ihr Repertoire zurück?
Weder noch. In dieser Frage gibt es keine positive Antwort – ich kann nur tun, was andere wollen oder auf ein irgendwie geartetes Standardrepertoire zurückgreifen? Wir tun die Dinge möglichst so, dass ein Dialog entsteht und aus einer Mischung aus Erfahrung in unserem Metier und Neugier auf neue Prozesse etwas entsteht, was dem Auftraggeber weiterhilft, ihm neue Wege und Lösungen aufzeigt und zu einem ganz greifbaren Erfolg führt. Nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch im sozialen Kontext.

Haben Sie schonmal Ergebnisse präsentierst, hinter denen Sie nicht stehen?
Am Anfang eines Projektes nie. Ich bin schon aus Pitches ausgestiegen, weil einfach nichts Gutes vorhanden war und ich nicht mit schlechten Lösungen in einen Pitch gehen möchte. Am Ende eines Prozesses kommt es durchaus vor, dass der Auftraggeber so viele Kompromisse durchgeboxt hat, dass aus einer schönen Idee ein doch eher schlechtes Ergebnis geworden ist – wer kennt das nicht? Da kann man dann um Ablösung bitten und den Auftrag aufgeben oder es so gut es geht beenden. Manchmal gibt es auch Projekte, die wir «verloren» glauben und der Klient denkt um, kommt uns wieder entgegen. Manchmal finden wir mit etwas Abstand ein «schlimmes» Endergebnis eigentlich auch ganz okay. Und so weiter. Wie gesagt, so richtig zufrieden bin ich mit Endergebnissen ohnehin nie – es geht immer eher um den Prozess an sich. Ich lebe nicht, um sonderlich schicke Plakate oder Flyer oder Bücher zu machen, sondern ich mache den Beruf, um mit Leuten gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen, die für beide Seiten ein Erfolg sind. Das ist ein Unterschied.

Wie kann man mit dem vorauseilendem Gehorsam, positiver umgehen?
Ich kann an vorauseilendem Gehorsam erst einmal nichts negatives finden, wenn man ihn richtig versteht. Siehe oben. Zwischen einem egoistischen Diva-Gehabe und völlig meinungslosem Dienstleistertum ist ein großer Bereich, in dem jeder den subjektiv passenden Arbeitsstil und Erfolgsweg finden muss. Wir gelten mitunter als «schwierig», obwohl wir in Designdingen gar nicht Diva sind – du wirst bei uns nie hören, dass wir etwas machen nur weil es «besser aussieht». Wir können alles und jedes jederzeit begründen – bis auf vielleicht die letzten 10% Intuition, die man nicht erklären kann und die einfach Vertrauen brauchen. Wenn man ALLES erklären kann, ist die Magie weg. Aber wir machen fast nichts nur als Selbstzweck.

Wann und in welcher Dosis, macht der vorauseilende Gehorsam Sinn?
Immer – Vorausdenken, Kritik antizipieren (und dann auch mal trotzdem mutig sein), eigene Entwürfe konsequent durch ein Säurebad zu ziehen, bis sie funktionieren, ist ganz entscheidend. Selbstverliebtheit und Design passen nicht gut zusammen. Gut ist es dann, wenn es durch eine permanente beidseitige Revision gegangen ist – und wenn keine Seite meint, sich unbedingt durchsetzen zu müssen. Die berühmten Klienten aus der Hölle sind ja nur deshalb schlimm, weil sie unbedingt ihren Willen durchboxen wollen, ansonsten ist es immer okay, wenn andere Meinungen und Ziele, Absichten und Wege vom Auftraggeber kommen. Da kann man nur durch bereichert werden. Schlimm wird es nur, wenn aus dem Dialog ein Monolog wird und du zum bloßen «Umsetzer» degradiert wirst. Ich denke zB, wenn Kunden dir einen «eigenen» Entwurf schicken, wollen sie dich vielleicht gar nicht dirigieren, sondern nur – mit deinen Mitteln, wenn auch einfacher – eine Lösung kommunzieren, ohne lange Worte. Ich weiß aber, dass jeder – jeder! – Designer beim Anblick einer eMail mit Entwürfen, die der Auftraggeber «mal selbstgemacht» hat nicht weiß, ob er weinen oder wüten soll. Ausnahmslos ist das so. Ich glaube, der Klient will hier helfen und merkt gar nicht, wie schlecht das auf der anderen Seite ankommt. Hilfreich ist dann, wenn er sich nicht an den eigenen Entwurf klammert und für Dialog offen bleibt und andererseits der Designer aber offen und smart genug ist, das Problem (und die Lösung) zu sehen, um dass es hier im Kern geht. Das ist ein Prozess, der natürlich immer auch etwas Grundvertrauen braucht – deshalb läuft so viel Design nach Pitches nicht ideal, weil der Pitch ja sozusagen vom Start weg das ausgesprochene Mißtrauensvotum gegen die Designer ist, die quasi erst durch eine Casting-Hölle geschickt werden, bevor man überhaupt wirklich ins Gespräch kommt. Wenn man sich aber vertraut, ist dieses Ping-Pong von Ideen, Vorschlägen und Einwänden, Für und Wider, ein unfassbar befriedigender Weg zu gutem Design. Als Designer muss man sich von der 100%-Mein-Look-Kontrollfreak-Schiene doch sowieso lösen. Ansonsten kommst du spätestens bei Websites, die Klienten via CMS selbst pflegen, aus dem Weinen nicht mehr heraus. Aber eben hier wird deutlich, wie wichtig der Designer jenseits allem blöden «Branding-Hypes» als ganzheitlicher Berater geworden ist. Ein CMS macht aus einem Auftraggeber keinen «Webdesigner» oder Redakteur und PhotoshopExpress und eine Digikamera noch keinen Designer – aber eigentlich ist es doch cool, den Auftraggebern diese Werkzeuge nahezubringen und sie darin souveräner zu machen.

8. Juli 2011 09:28 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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