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Alex Leu fragt 11: Gewollt und nicht gekonnt

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Sollte radikale/ungewöhnliche/mutige Gestaltung nur denen vorbehalten sein, die sowas auch können?
Wie stehen Sie zu dem Konfliktfeld «Sieht aus wie Gewollt und nicht gekonnt»?
Gibt es für Sie ein Richtig und Falsch, wie man mit Gestaltung umgeht?
Was macht den Unterschied aus, dass die einen es können und andere nicht?

Ich bin ja selbst sozusagen «Laie», also ein Quereinsteiger, der von der Kommunikationstheorie in die Praxis rüber gemacht hat. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt sehr klar, dass oft sogar gerade extravagante Gestaltungsansätze von Autodidakten stammen, mit David Carson als dem klassischen Vorzeige-Savant. In fast jedem kreativen Bereich hast du Talente, die nicht klassisch ausgebildet wurden. Man kann Design zwar sicher lernen, aber Kreativität, Ideenfindung und Talent lassen sich nicht in einem Lehrplan heranziehen, und das reine Handwerk kann man dann durchaus auch autodidaktisch im Handeln erlernen, meist durch fröhliches Scheitern. Auf der anderen Seite kann ein Talent natürlich unbedingt von einer Ausbildung, sofern es nicht verbogen (oder schlimmer: begradigt) wird, profitieren, von Input, Beratung, Inspiration, Zeit zum Experiment, einem Fundament, das die Intuition festigt und an dem man sich im weiteren Lebenslauf orientieren kann. Vor allem wenn man Design als Beruf ergreift ist Talent allein meist nicht genug. Wie beim Gesang oder bei der Schauspielerei ist eine gute Ausbildung für das lange Durchhalten-Können und für Professionalität wichtig, aber für «Kreativität» oder – wie du es nennst – radikale Gestaltung ist die FH oder Uni nun wirklich kein Garant.

Am Ende ist entscheidend, was auf dem Spielfeld passiert. Egal ob Quereinsteiger oder ausgebildeter Gestalter, wichtig ist die Idee/Strategie und eine in sich überzeugende Umsetzung. Um beim oben schon angeführten Carson zu bleiben – er hat sich in seinen frühen Arbeiten eine Rohheit und Dreistigkeit erarbeitet, in der Idee und Form kongruent gehen. Der frühe Carson, das ist ein umwerfend dreister, malerischer Umgang mit Typographie, ein phantastisches Gespür für Rhythmus, für Luftigkeit und Dichte. Und jede Menge Punk. Vieles davon wirkt heute ungelenk oder überzogen, aber für die damalige Zeit hat er – ebenso wie eben auch viele studierte Designer, die dekonstruktiv vorgingen – den Nerv getroffen. Hätte er ein klassisches Design versucht, wäre er handwerklich wahrscheinlich gescheitert, aber so passte es eben ideal zusammen, er hat sich sozusagen unangreifbar gemacht, indem er konsequent nach seinen eigenen Regeln spielte und am Ende dabei wundersamerweise eben nicht beschissen, sondern innovativ und energiegeladen aussah. Sein Stil ist seitdem von tausenden von Studenten kopiert – und meist kriegen sie es nicht wirklich hin. Anders gesagt: Wer weiß, ob Jimi Hendrix ein wirklich guter Gitarrist war? Hätte er auf Zuruf Jazz oder klassische Gitarre beherrscht, perfekt Flamenco gespielt – wäre er eine professionelle Studio-Kraft gewesen? Wahrscheinlich nicht. Aber Jimi Hendrix war nun mal der beste Jimi Hendrix, mit aller Konsequenz. Er war sein eigenes Original, sein eigenes Genre, völlig unangreifbar. Auf der anderen Seite gibt es natürlich studierte Studiogitarristen, die auf Knopfdruck nach Gilmore oder eben Hendrix klingen können und auch die klassische Zwölfsaitige problemlos vom Blatt meistern – die aber vielleicht nie ihre eigene Legende und Liga etablieren können. Im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Genie ist ja durchaus Raum für diese beiden Pole (und die vielen Mischformen dazwischen).

«Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt» bedeutet dann daraus folgend oft, dass jemand etwas will, was er nicht kann, sich nicht auskennt, falsche Entscheidungen trifft, sich im Ton vergreift. Man muss immer das machen, was man machen kann, wo man selbst gerade ist. Ich mag zum Beispiel die Arbeiten anderer Designer, aber wenn ich versuchen würde, ihren Look 1:1 zu übernehmen, wäre das ein Desaster, es sähe schrecklich aus, weil ich diesen Stil ja gar nicht drauf habe, nicht von innen her kenne. Es würde ein peinlicher Cargo-Kult-Nachbau. Ganz generell ist es so, dass die Idee zur Umsetzung passen muss – und zu dem, was man selbst umsetzen kann. Hier gibt es eine Brücke zu der von dir beschriebenen inneren Haltung oder dem eigenen Stil… es ist immer gut, herauszufinden, was man gut kann und was man lieber sein lassen sollte. Was freilich immer nur durch Fehlschläge und Irrtümer machbar ist. Aber das, was man gut kann und gerne macht und dann auch schön macht… das ist wahrscheinlich die Schnittstelle von Wollen und Können, Handschrift und Haltung, Denken und Tun.

Für Studenten, aber auch für Quereinsteiger und langjährige Profis bedeutet das auch, die Lust am Spiel nicht zu verlieren und den Mut zum Fehlschlag zu bewahren. Der Job treibt dir diesen Mut ja aus – Deadlines, klare Briefings, rationale Arbeitsstrukturen, ergebnisorientiertes Arbeiten. Aber nur durch die Bauchlandung lernst du, wie du richtig fliegst. Ich habe das Studium immer als Chance für die Designstudenten gesehen, genau solche Fehlschläge zu produzieren, ohne sich zu blamieren und habe als Dozent viel Wert darauf gelegt, diese Fehlschläge auch mal ganz gezielt herbeizuführen. Wer nicht scheitert, hat seine Grenzen noch nicht erreicht und erkannt – wer scheitert und wieder aufsteht und was gelernt hat, ist aber doch auf dem richtigen Weg, oder? In der Fahrschule wäre so eine Taktik ein Desaster, klar, aber Design ist eben nicht so einfach wie Kuppeln-Schalten-Gasgeben. Das ist meine große Kritik am Bachelorstudium: Nicht genug Zeit und Raum für Fehlschläge, Irrflüge, Bauchlandungen auf einsamen Inseln. Unseren Praktikanten versuche ich immer zu sagen, dass sie bei uns sind, um zu scheitern, dass das Praktikum als Schleuse zwischen Studium und Beruf dazu da ist, im kontrollierten Umfeld zwar durchaus erfolgreich zu arbeiten, aber eben auch der Freiraum da sein muss, Mist zu bauen, tagelang ein einfaches Plakat nicht in den Griff zu kriegen und so seine Fähigkeiten zu schulen. Ich glaube, eine erfolgreiche lange Karriere ist die, wo man immer wieder und wieder und wieder das eigene Scheitern überwinden darf. Insofern sollte man keine Angst vor dem Fehlschlag haben, sondern ihn als Freund umarmen und mit ihm um die Häuser ziehen – am Ende der Angst kommen dabei meist überraschend hervorragende Ergebnisse heraus.

7. Juli 2011 09:56 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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