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Alex Leu fragt 09: Angst und Mut

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Wann empfinden Sie etwas als Angst und wann als Herausforderung?
Wann und wo stellt sich für Sie der Punkt ein, an dem der Mut überwiegt?
Wie verhält es sich, wenn Ihnen ein Projekt besonders wichtig ist?
Angst vorm scheitern: Wie gehen Sie damit um?
Wie sollte man mit hohen Ansprüchen positiv umgehen?

Das ist immer beides gleichzeitig da, Angst und Mut gehören zusammen. Da wir immer wieder gerne Sachen machen, die wir vorher nicht gemacht haben, oder Dinge produzieren, die etwas experimentell sein, hat man natürlich immer wieder die Sorge, ob es auch gut geht. Wenn der Drucker Angstschweiß hat, wird man irgendwann auch selbst natürlich etwas nervös. Diese Angst würde man sicher los, wenn man nur noch die gleichen Dinge tut, insofern ist diese Angst eben auch eine gute Sache. Manchmal werden Projekte eben erst gut, wenn die Gefahr besteht, dass man auch daran scheitern könnte. Wobei ich finde, dass im Design diese Gefahr recht gering ist – ein misslungenes Experiment bedeutet ja keine einstürzenden Neubauten mit einigen Toten, sondern nur eine schlappe Broschüre oder ein verdrucktes Plakat. Davon geht die Welt nicht unter, weswegen man gerade in der etwas schnelllebigeren Designwelt auch den Mut zum Fehlschlag ruhig haben kann.

Geschäftlich hat man, befürchte ich, immer Angst. Ich denke immer, die ist nur da akut, wo ich jeweils gerade bin, aber das ist natürlich Quatsch. Derzeit sind wir zu groß, um studentische Preisstrukturen zu haben, die Kosten sind höher als bei Kollegen, die allein im Homeoffice arbeiten – auf der anderen Seite schätzen uns kapitalstarke Klienten immer noch als zu «klein» ein und gehen lieber zu Großagenturen, selbst wenn diese offensichtlich zu groß und teuer für diese Auftraggeber sind. Und dieser Spagat macht einem natürlich schon mal Sorgen. Man glaubt dann, wenn man erst einmal 8 oder 10 Leute im Team hat und mehrere sechsstellige oder sogar siebenstellige Etats fährt, verschwindet die Angst vielleicht. Aber das ist natürlich nicht wahr – das Rad wird nur größer, der Druck nimmt zu, mit den Möglichkeiten wächst auch die Fallhöhe. Wenn du 100 Mitarbeiter hast, kämpfst du genauso um Etats und hast genauso die Sorge, Mitarbeiter gehen lassen zu müssen, wenn Aufträge ausbleiben. Same same, aber auf einem anderem Niveau. Tatsache ist, dass sich an dieser Art von existentiellem Stress seit den Anfangstagen nichts geändert hat, ausser in der Höhe der Beträge, um die es geht. Wenn man nicht angestellt ist, gehört das irgendwie wohl dazu – und als Angestellter hat man ja im Grunde die gleiche Sorge, im Gewand der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ruhig schlafen können in dieser Hinsicht nur noch Beamte.

Als Designer hat man – je nachdem wie man tickt – neben dieser existenziellen Angst sicher noch die Ebene einer Scheiternsangst im gestalterischen Sinne. Wie jeder Kreative fragt man sich, wie relevant das eigene Tun ist. Ich bin da mit den Jahren entspannter geworden. Wir produzieren keine Kunst, sondern bedrucktes Papier, da sollte man bescheiden sein. Die Relevanz liegt in der eigenen Zufriedenheit und im Erfolg für den Kunden, in dem Gefühl, mit guten Leuten an guten Dingen zu arbeiten und im Kleinen ein paar Parameter in die richtige Richtung zu schieben, ohne gleich die Welt dabei retten zu wollen oder das Design des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren. Wer das von sich selbst erwartet, hat ohnehin ganz andere Probleme :-).

Kann man mit hohen Ansprüchen auch negativ umgehen? Ich habe kein Problem mit meinen Ansprüchen. Ich habe mit den Jahren gelernt, mich nicht völlig zu zerfressen, man kann nicht alles kontrollieren, muss auch mal loslassen können – zumal bei den meisten Projekten immer viele Menschen mitentscheiden und man deren Meinung auch respektieren sollte. 100% Perfektion geht nicht in Kollaborationen. Ich merke immer noch, wenn sehr viel von mir persönlich in einem Projekt steckt, dass ich dann ganz schön gereizt reagieren kann, wenn man mir am Ende des Wegs die letzten 10% oder 20% versalzt und ich meinen «Willen» nicht durchsetzen kann. Das Ding ist nur, dass das gar nicht gesund und gut ist – richtig ist, sich einzubringen und zu engagieren, aber auch loslassen zu können und die Meinung anderer zu respektieren. Ich glaube inzwischen an eine Politik des doppelten Vetos – eine Arbeitsbeziehung ist dann gut, wenn wir dem Klienten nichts aufzwingen und er jederzeit «Nein» sagen und steuern kann, und wenn wir aber bitte eben auch jederzeit «Nein» sagen dürfen und man uns nichts aufprügelt. Aus dieser Kombination entsteht zwar mehr Arbeit, bis man eine für beide Partner sinnvolle Lösung gefunden hat – aber wenn beide Seiten sich die Mühe machen, sind am Ende auch wirklich alle meist zufrieden und es ist eben dennoch kein Kompromiss-Design, sondern eins, das man gemeinsam im Dialog entwickelt hat. Leider gibt es immer noch Auftraggeber, die es fast als Sport sehen, den Designer etwas vorschreiben zu müssen, ihn «brechen» zu können. Ich finde das immer schade, wenn wir unser Veto-Recht nicht wirklich kriegen, da es ja sozusagen per Definition nicht um unser subjektives ästhetisches Empfinden geht, sondern um saubere, erfolgreiche Arbeit im Sinne des Auftraggebers… und um die Tatsache, dass wir ja dafür bezahlt werden, uns intensiver mit visuellen Auftritten und Details zu beschäftigen und mehr Know-How zu haben. Wer da Beratung ablehnt, aus welchen guten Gründen auch immer, tut sich eigentlich selbst keinen Gefallen, ebenso wie wir immer gut damit fahren, auf die Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, zu hören.

5. Juli 2011 11:19 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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