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Alex Leu fragt 08: Motivation

hd schellnack

Wann treibt Sie ein Projekt besonders an?
Würden Sie sagen, dass viele Ängste eliminiert werden, wenn man sich mit etwas beschäftigt oder auf eine Weise löst, was man ziemlich gut kann, mit dem man sich voll identifizieren kann und Spass macht?
Sollte man sich vorwiegend mit Projekten beschäftigen, mit denen man sich identifizieren kann? (übereinstimmung mit Selbstkonzept, Haltung, Interesse etc.)

Wir sind immer erst mal hochmotiviert. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ich in A- oder B-Projekte unterscheide. Schneller kannst du Sachen angehen, bei denen vieles bereits vorliegt oder geklärt ist, wo die Vorarbeit erledigt ist, aber das hat nichts mit der reinen Motivation zu tun. Du verlierst diese intrinsische Motivation nur dann, wenn du merkst, dass der Auftraggeber, in dessen Sinne du ja arbeitest, aus eigenen Gründen nicht mitzieht. Das passiert, wenn etwa interne Politik entscheidender wird als das faktische, langfristige Ergebnis. Oder wenn du merkst, dass jemand seinen frühen Feierabend wichtiger findet als ein überzeugendes Resultat, wenn Leute in eine Angestelltenmentalität wegducken und keine Leidenschaft entwickeln. Das passiert und manchmal ist das sogar gerade ein Grund, noch motivierter zu sein – aber zugegeben, manchmal drückt das auch auf die eigene Motivation, klar.

Umgekehrt freuen wir uns immer umso mehr, wenn wir unsere Partner wachküssen, mitreißen und man am Ende etwas geschaffen hat, was für diese Firma oder Organisation wirklich anders, brennender, intensiver ist – wenn da auf einmal Aufbruchsstimmung kommt und sich dann idealerweise auch noch Erfolg einstellt. Du merkst, es kommen bei mir immer wieder unternehmensberaterische und psychologische Faktoren hinein – Motivierung, Hierarchiefreiheit, die richtigen Dinge auf die richtige Art tun, Spaß und harte Arbeit kongruent kriegen und so weiter. Das macht unfassbar Spaß, wenn du über die Jahre zum Berater wirst, zum echten Partner, zum Vertrauten, zum «Freund» und deutlich mehr leistest als nur den gestalterischen Verpackungsprozess ganz am Ende einer Leistungskette.

Persönlich bin ich außerdem jemand, der es mag, gerade im kulturellen Sektor, wenn etwas gegen den Strich gebürstet wird. Ich mag es selbst als Konsument, wenn mich etwas herausfordert und freue mich also, wenn Theater, Museen usw. mit uns Projekte anschieben, die nicht allzu affirmativ und glatt sind, sondern die Ecken haben, widerborstig sind, die nicht so einfach wegkonsumierbar sind, die mehr wollen als nur Tickets verkaufen, die irgendwie verwirren oder verärgern oder mehr Zeit fordern als ihnen zusteht, die also das leisten, was Theater und Kunst und Kultur auch generell machen – zur Auseinandersetzung einladen.

Insofern interessieren uns auch nicht nur Projekte, mit denen wir uns ohnehin identifizieren. Zwar gibt es gewisse moralische Faktoren, die passen müssen – als Büro versuchst du natürlich für Kunden zu arbeiten, die Dinge tun, die sozial und moralisch integer sind, die die Gesellschaft insgesamt voranbringen -, aber wir haben keine Angst davor (im Gegenteil), Projekte zu starten, die uns völlig fremd sind, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen. Es ist also nicht so bei uns, dass wir weniger «Ängste» haben, wenn wir in vertrauten Gewässern schwimmen – sondern wir fühlen uns auch im tiefen Wasser ganz wohl, solange der Kunde uns das Vertrauen und die Zeit leiht, hier schwimmen zu können.

Wichtiger Teil ist da eben auch die Neugier auf das Neue. Und die befriedigst du nicht, wenn du immer in den gleichen Gewässern schwimmst. Es ist schwer, Auftraggeber zu überzeugen, wenn du in ihrem Segment eigentlich keinerlei Erfahrung hast, aber gerade dieses fremdelnde, ganz frische, suchende Element des Designs macht dann besonders Spaß – neue Zielgruppen, neue Regeln, die man beachten und brechen kann, neue Abenteuer. Und daraus erwachsen Ergebnisse, die dann für die Branche meist relativ wegweisend sind. Die Erfahrung ist nicht selten, dass das, was wir dann sozusagen «neu» erfinden, weil wir uns frisch mit einem Marktsegment und seinen Problemen befassen, binnen kurzer Zeit von anderen Firmen in diesem Bereich übernommen wird.

Mit der «Identifikation» ist das so eine Sache. Wir haben bestimmte, fast unausgesprochene, aber klare, ethische Regeln. Wir wollen für Projekte und Produkte arbeiten, die ein positives Vorzeichen haben. Die der Gesellschaft etwas geben. Aber das ist nicht so platt, wie es klingt – und darf es auch nicht sein. Identifikation darf nicht heißen, den eigenen Vorurteilen oder Paradigmen zu folgen, sonst lernt man nichts mehr dazu und stagniert. Man muss offen bleiben, die Meinungen ändern dürfen. Wir haben etwa für die von uns im Vorfeld ja nicht unkritisch gesehene Chemiebranche gearbeitet, weil die Jugendstiftung eines großen Branchenunternehmens rundum und ohne jeden Zweifel eine phantastische Sache war – und der Partner auf der anderen Seite in jeder Hinsicht genau die Sorte Person, mit der du einfach gern arbeiten willst, war. Identifikation ist wichtig, darf aber nicht zur Beengung des Sichtfeldes oder der Neugier auf neues führen. Sonst verkümmert man. Je verschiedener die Aufträge sind, umso spannender ist das Arbeiten – eine der ganz großen Sachen an diesem Job ist doch, hinter die Kulissen verschiedenster Branchen und Bereiche schauen zu dürfen und sich etwas einarbeiten zu müssen. Wir wissen natürlich nie so viel von Schauspiel wie ein Intendant oder vom Banking wie ein Professor, aber sich mit diesen Bereichen befassen zu dürfen, berufsbedingt in diesen Feldern forschen zu dürfen, ist ein großes Geschenk, das man als Designer nun mal hat. Man lernt einfach lebenslang sehr viel.

4. Juli 2011 12:12 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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