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Alex Leu fragt 07: Autorenschaft

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Inwiefern ist Autorenschaft im Design relevant?
Welche Rolle nimmt die Kommunikation, „eigener“ Arbeiten (Autorenschaft im Design), in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils ein?
Für wie wichtig halten Sie, dass Designer, eigene Botschaften und Inhalte kommunizieren und neben der Arbeit für Kunden, als Designautor in Erscheinung treten?

Das muss wirklich jeder für sich entscheiden. Die Branche hat genug Spielraum vom dumpfsten Dienstleisterdenken bis hin zur Selbstwahrnehmung als unantastbarer Künstler, dem keiner reinzureden hat.

Lustigerweise unterstellen mir manche Auftraggeber gern diesen Künstlerhabitus, wenn ich bei Änderungswünschen mal etwas bockig reagiere. Nichts könnte weiter weg von der Wahrheit sein. Ich habe mich nie als Künstler verstanden und der Kick als Designer ist für mich nicht, mich «selbst zu verwirklichen», sondern ganz konkrete Probleme zu lösen – und das heißt manchmal auch, dem Partner gegenüber in seinem eigenen Interesse eine Meinung zu vertreten.

Ich denke eher wie ein Ingenieur oder Architekt oder Wissenschaftler. Ich komme von der Studienzeit her aus der Kommunikationswissenschaft, der BWL und der Unternehmensberatung und sehe Design insofern nicht als graphische Spielerei, sondern als soziales, psychologisches und wirtschaftliches Kommunikationswerkzeug. Innerhalb dieses Rahmens lege ich aber durchaus viel Wert auf eine Art Co-Autorenschaft, auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, auf Argumente und Austausch. Wir finden schon sehr wichtig, beraten zu können und zu dürfen und das bedingt eine Co-Autoren-artige Zusammenarbeit. Hat man nicht immer, aber es bringt ohne Zweifel die besten Ergebnisse.

Ich bin immer getroffen, wenn Klienten uns als reine Grafik-Hansel betrachten, denen man Inhalte und sogar gestalterische Details vorgeben kann, vor allem, wenn dies ohne strategisches Nachdenken geschieht, also ohne Herleitung in Abstimmung mit den Zielen. Insofern suchen wir immer den Dialog und kümmern und intensiv um an sich grafik-ferne Themen… andere Marketingbereiche, Produktqualität, Service, Innenarchitektur, Corporate Language, Struktur, Inhalte und Tonalität von Texten. Da kann es passieren, dass ich einem Vorstandsvorsitzenden sagen muss, dass es eigentlich egal ist, wie liebevoll wir die Verkaufsmedien gestalten, solange der Innendienst sich unfreundlich am Telefon meldet oder selbst bei großen Anfragen nicht serviceorientiert reagiert. Das Ergebnis ist dann vielleicht eine Schulung – und das Geld ist besser investiert als eine Printmaßnahme, die nur dazu führt, dass mehr Leute unwirsch am Telefon begrüßt werden :-D. Und es ist natürlich für uns immer wieder eine schöne Erfahrung, wenn solche Ratschläge wirklich angenommen werden – und dann auch oft greifen und ein besseres Ergebnis bringen. Design ist für uns eben nicht nur «Grafik», sondern Optimierung von Prozessen zu einem gewollten Erfolg hin.

Es ist ein Ansatz von Design als Organisationspsychologie an der Schnittstelle zwischen unserem Auftraggeber und seinen Kunden, also wirklich keine Kunst. Es geht für uns immer sehr intensiv um die Sache an sich, um eine gewisse Ehrlichkeit im Auftritt einer Marke, und damit um Erfolg für unsere Klienten… nicht so sehr um die visuelle Selbstbefriedigung, auch wenn natürlich bei manchen Projekten ein grandioser Look ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, weil es Aufmerksamkeit bringt und damit die Response-Chancen.erhöht. Klar soll es also am Ende gut aussehen, aber das ist dann ein Ergebnis von richtigen Entscheidungen und guten Prozessen, das Optische ist sozusagen für uns der Ankunfts- nicht der Ausgangspunkt der Reise.

«Autorenschaft» sehe ich also nicht als das rein visuelle. Kunstbücher sehen automatisch besser aus als Flyer für eine Partei – aber was ist wirklich wichtiger? Sollte man nur Plattencover machen und hippe Magazine, weil es dann automatisch sexy-modern wird… oder ist es nicht doch eben spannender, da zu arbeiten, wo gutes Design viel schwieriger und weniger selbstverständlich zu erreichen ist?

Es gibt viele Kollegen, die neben den Auftragsarbeiten auch «eigene» Arbeiten machen – Magazine, Bücher, Plakate – und ich finde das großartig und die Ergebnisse sind toll, aber mit ganz wenigen Ausnahmen kommen wir nicht dazu. Ich würde dann auch eher schreiben als «Layouten». Ich muss auch zugeben, ich finde das ein wenig wie die Sache mit «Arbeit» und «Urlaub». Ich mache wenig Urlaub, weil ich meine Arbeit nicht wirklich als belastende «Arbeit» empfinde. Was ich mache, macht mir Spaß und meist sind selbst Urlaube ein Anlass, sich Inspirationen zu holen. Ich brauche keine «Flucht» vom Beruf. Insofern brauche ich auch eigentlich kein Projekt, um mich selbst zu verwirklichen, weil ich das in meiner Arbeit tue und eigentlich auch immer im ausreichenden Maße darf und kann oder sogar soll. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich gut wäre in einer Arbeit, in der mich kein Spielpartner zu Kompromissen oder Umdenken oder Problemlösungen anregt, sondern wo ich nur mit selbst gerecht werden müsste, ich fände das vielleicht sogar langweilig. Das, was mir persönlich an der Arbeit Spaß macht, kann ich eben am besten im Dialog mit einem Auftraggeber machen, wo auch ein Ziel des Spiels in Sicht ist. Kompromisse und «botched jobs» tun dann natürlich weh, aber den «Urlaub» von der Realität im Design brauche ich eigentlich nicht, ich mag die realen Jobs so wie sie sind und habe kein Zwei-Klassen-Denken. Denn dazu führt das doch vielleicht irgendwann, oder? Zweitklassig gemachte Auftragsarbeit for the money und dann volle Energie für erstklassige «Eigen»-Aufträge – keine Ahnung, wie man das kommunizieren will, auch im Team intern. Mein Ansatz ist eher: Jeder Auftrag eines Kunden IST ein eigener Auftrag und ist A-Liga, egal wie groß oder klein. Ich habe da diese Karate-Kid-Mentalität: Es gibt keine sinnlosen Tätigkeiten, man kann selbst Aufträge, die sich auf den ersten Blick unspannend anhören, spannend machen. Und genau das ist doch die Definition von Design – Dinge besser machen als sie akut sind.

Es braucht auch diese Spannung, finde ich. Ich fand David Carson absolut großartig, als er «Ray Gun» gemacht hat. Da gab es Inhalte, eine Redaktion (wenn auch keine sehr mächtige), da gab es spürbar eine Reibung und eine Aggressivität, man hatte das Gefühl, der Mann testet die Grenzen dessen aus, was er machen darf, wie weit er gehen kann, der spielt mit den Möglichkeiten des «Briefings». Ohne diese Grenzen, in totaler Freiheit, wirkt Carson auf mich heute vergleichsweise weniger spannend – als würde ihm etwas fehlen, woran er sich abarbeiten kann – die Oberfläche ist gleich geblieben, aber es fehlt eben etwas, wogegen er rebellieren kann – die Normen eines «normalen» Musikmagazins. Du solltest als Designer also nie denken, dass Grenzen dich einengen – sie zünden die Kreativität, weil sie sich zwingen, um diese Grenzen herumzudenken. Das mag paradox klingen – aber ich glaube, dass die Auftraggeber von diesem Ansatz, sich auch mal gegen das Briefing zu stellen und darüber hinaus gehen zu wollen, enorm profitieren. Ich mag das bei Ingenhoven immer sehr: Der kriegt in einem Wettbewerb ein sehr konkretes Briefing für ein Bauwerk, recherchiert und entdeckt vielleicht eine bessere Lösung – und geht dann damit in den Wettbewerb. Da werden aus einem Hochhaus zwei … oder aus vier Blockgebäuden eine lebendige Gesamtstruktur, oder sie finden eine bessere städtebauliche Lösung als ursprünglich vorgesehen. Das deckt sich enorm mit meinem Denken, im Sinne des Auftraggebers anders zu denken und andere Lösungen anzubieten, auch auf die Gefahr hin, dass man diese etwas mehr erklären muss und es ein komplexerer «Pitch» wird als wenn man nur brav die Vorgaben abarbeitet.

Anders gesagt – ich habe in den letzten Jahren viele Theatersaisonhefte gesehen, die exakt gleich aufgebaut sind und sich nur oberflächlich-ästhetisch unterscheiden. Photos der Darsteller, Stücktexte, Serviceinfos und drumrum halt etwas Grafik Design. Wenig eigene Botschaft und das Design etwa so wie man es auch bei einer normalen Broschüre in der Industrie hätte. Das ist der Standard und das ist eine einfache Sache. Ich mag das aber nicht. Ich finde zum einen Theater ist ein Ort von und für kreative Haltungen und Botschaften, die darf und soll ein Jahresheft zeigen, und zum anderen sehe ich die Rolle eines Designers am Theater nicht passiv, sondern aktiver, mutiger – da hat mich das Schauspielhaus Bochum ziemlich verzogen, zugegeben. Insofern mag ich beispielsweise enorm, was Anselm Weber in Essen gemacht hat, von A bis Z, da hat alles gestimmt, Ansatz, Design, Denken, Projekte, einfach großartig. Ob in Bochum oder jetzt in Bielefeld – wir genießen da ein wenig Vertrauen und können deshalb in den Medien eigene Ideen, Ansätze, Themen, sogar Texte einbauen. Man «shanghait» sozusagen die Medien und macht sie sich – völlig im Interesse des Auftraggebers – zu eigen. Da muss ich dann natürlich immer damit leben, dass das Marketing, die Dramaturgie oder Intendanz als Redaktion und Absender auch mal «Nein» sagen oder andere Richtungen gehen wollen, aber das ist doch auch sehr okay dafür, an dieser Stelle als Mit-Autor tätig werden zu dürfen, in dem Kontext und ein ansonsten etwas blutarmes Medium spannender zu machen. Das ist ein spannender gemeinsamer Prozess, ein Herantasten, und natürlich gibt es auch in Bielefeld noch Darstellerbilder und Stückinfos, aber etwa im letzten Saisonheft eben auch deutlich mehr. Und dieser Prozess macht mir mehr Spaß als zwanzig eigene Magazine zu machen – ich finde es spannender, Wandel zu gestalten, Partner zu überzeugen, Fort- und Rückschritte zu erleben als die totale Freiheit zu haben… ganz ehrlich, ich befürchte, die würde mich etwas langweilen.

2. Juli 2011 17:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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